Anterhaltungsblatt des Nr. 167. Donnerstag, den 28. August. 1918 Geh! gehorche meinen Winken» Nutze deine jungen Tage, Lerne zeitig klüger sein: Auf des Glückes großer Wage Steht die Zunge selten ein; Du muht steigen oder sinken, Du muht herrschen und gewinnen Oder dienen und verlieren, Leiden oder triumphieren, Ambos oder Hammer sein. i o e t h e. 27] Sin JVIann. Von C a m i l le L e m o n n i e r. Er vollzog die Vorstellung, mit einer großartigen stolzen lsiebeird-- auf jeden einzelnen deutend. Germaine beschränkte sich darauf, mit einem verlegenen Lächeln, das ihre Zähne entblößte, zu nicken. Hubert riß hurtig die Mütze vom Kopfe und hielt sie mit Anstand zwischen den Fingern. Fritz, arg vcrNirrt, bis in die flachsblonden Haare errötend, nahm seine Zigarre aus dem Munde und schob sie dann mit dem brennen- den Ende wieder hinein, was ihn erschreckt zusammen- zucken ließ. Germainens Lächeln ging in ein boshaftes Blinzeln iiber. Sie betraten alle wieder das Haus. Drinnen erwartete sie bereits Frau Hayot, die den Kaffeetisch hatte decken lassen. Sie war eine kleine, magere Frau mit gelblichem Gesicht und einem leidenden Ausdruck in den Augen. Mit klagender Stimme begrüßte sie ihre Gäste: „Kümmern Sie sich nicht um mich Ich bin zu Hause der Niemand. Der Pächter macht alles uach seinem Kopfe." Es wäre seine Schuld und nicht die ihre, wenn sie so übel empfangen worden seien. Hayot habe ihren Besuch nicht an- gekündigt. Er wollte ihr ins Wort fallen. Doch sie unter- brach ihn wieder. Da legten sich die beiden Größeren ins Mittel. Sie würden doch nicht schon wieder streiten wollen? Und mit schlecht verhehltem Verdruß nötigten sie die Mutter, sich niederzusetzen. Germaine erriet die klägliche Rolle, die diese Frau im Hause zu spielen schien, und>oie sehr sie unter der geheimen Tyrannei des Mannes leiden mußte. Hubert hatte sich neben sie gesetzt und sprach eifrig auf sie ein. sein stereotypes Lächeln auf den Lippen. Sie war von der Weichheit seiner Stimme und seinen artigen Manieren angenehm überrascht. Er befliß sich eines ausgesucht höflichen Benehmens und drückte sich in gewählten Worten ans, die deutlich verrieten, daß er eine gute Er- zichung genossen hatte. Er war groß gewachsen und kräftig gebaut, das konnte man an seinen strammen Knien und den ausgespreizten Fingern leicht erkennen. Ein rätselhaftes Etwas in Haltung und Blick machte bisweilen Germaine ganz befangen. Hayot lobte ihn mit plumver Offenheit: „Ein prächtiger Lungcl Und gebildet! Auf alles weiß er eine Antwort. Selbst mit dem König würde er reden können." In gewollter Bescheidenheit kräuselte Hubert die Lippen und schüttelte den Kopf. „Glauben Sie ihm nicht, Fräulein," Sein Vater übertreibe: er sei durchaus nicht so gelehrt: und. da der Pächter protestierte, erschien ihr Verhalten fast wie ein Wettstreit zweier geriebener Kumpane, die eine wohl einstudierte Komödie spielten. Es wurde verabredet, gemeinsam zur Messe zu gehen. Hayot gab das Signal zum Aufbruch, indem er mit seinem Rosenkranz klimperte. Germaine und Hubert schritte!? voran. hinterdrein folgten die anderen Burschen in eir?er Reihe mit den Eltern. Fritz hatte seine Kappe tief in die Stirnc ge- drückt, um die wiegenden Hüften des fremden Gastes unge- stört betrachten zu können. Auf seinem tückischen Gesicht lag die boshafte Lasterhaftigkeit eines jungen Affen. „Unsere Mutter ist manches Mal etwas wunderlich." sagte Hubert.„Man darf's ihr nicht übelnehmen. Sie leidet un- gemein durch ihren Rheumatismus." Daran knüpfte er einige allgemeine Betrachtungen übet! den Einfluß der Krankheiten auf das menschliche Gemüt. Mit Entzücken lauschte Germaine seinen Redewendungen. Plötzlich fragte sie sehr naiv: „Wo haben Sie denn das alles gelernt, Herr Hubert?� Er begann zu lachen. „Ach, was weiß ich! im Institut, in den Büchern: ich les« sehr viel." „Ach, ich möchte das auch so gerne! aber ich habe mö Zeit!" Sie sprach sehr geziert, ein wenig die Lippen verziehend und Dialektlvorte vermeidend. Da machte er ihr eine Eröffnung: „Beinahe wäre ich in ein Seminar gekommen. Ich hätte Pfarrer werden sollen!" Sie konnte nicht umhin, ihrem Staunen Ausdruck zu geben: „Nein, ist das möglich!" Als sie ihn anblickte, sah sie ihn mit niedergeschlagenen Augen bejahend nicken. Vielleicht ivar das das Rätselhaste, Geheimnisvolle in seinem Wesen! Sie mußte unwillkürlich lächeln, als sie sich ihn mit der Soutane. auszumalen veijuchte, die gleich einem Weibcrrocke seine Beine umflatterte. Ihre Gedanken erratend, antwortete er ein wenig verschämt: „Oh! dazu hätte ich nicht getaugt! Ich lache gern!" Eben traten sie in die.Kirche ein. Er öffnete das schwere Portal, sich so schinal wie möglich machend, um ihr den Vor- tritt zu lassen. Zum Danke bewegte sie ein wenig die Lippen. Da alle zugleich nach ihren Plätzen drängten, entstand ein lang nachhallender Lärn? von Stühlerücken auf den steinernen Fließen. Vom Altar her ertönte das Knistern eines Meß- gewandes und dazwischen leises Gemurmel: der Gottesdienst nahm sirnen Anfang,(ilermaine zog ihr Gebetbuch hervor. Doch las sie nur zerstreut, zwischendurch forschende Seiten- blicke auf Hubert werfend. Dieser Mann, der beinahe Priester geworden wäre, erschien ihr wie eine Kuriosität. Er hatte sich noch ron seiner ersten Bestirnmung her etwas Salbungs- volles in seinem Wesen, eine eindringliche, verschleierte Stimme b," nährt. Und unwillkürlich vollzog sich in ihrem Geiste ein Vergleich zwischen diesem Hubert und dem anderen. Ter Hinge Hayot war doch uin vieles sanfter. Gegen Mittag kehrten sie nach dem Hofe zurück. Den Gästen zu Ehren gab's eine Hamtnelkeule. mit Lorbeer und Thymian zubereitet. Ter Keule ging eine fette Kräutersuppe voran. Tann kam noch eine Ueberraschung, bei der alle die Augen weit aufsperrten. Tie Pächterin hatte eine große Schüssel voll Milchreis, init Eigelb vergoldet, vorbereitet. Von Zeit zu Zeit begab sich Hubert in den Keller und' brachte eine bestaubte Flasche nach der anderen zum Vorschein. Ueberdies wurde einem bitterlichen Bier wacker zugesprochen, das ain Rande der Gläser in kleinen Bläschen zerplatzte. Donat, der allmählich aufgetaut war, erzählte allerlei ulkige Geschichten, und Fritz verschlang Germaine init den Augen, während sein Messer auf dem Teller mächtige Bissen zcr- schnitt. Tiefe Röte bedeckte alle Gesichter, die sich von den weißen Hemdkragen grell abhoben. &l. Hubert, der neben Germaine saß, erwies dieser allerle? Aufmerksamkeiten. Seine umflorte, ein wenig schleppende Stimme sprach eindringlich auf sie ein. Und unterm Reden füllte er immer, wieder ihr Glas, sobald es sich leerte. Um es ihm gleichzutun, benahm sie sich ungemein geziert, indem sie beim Trinken den kleinen Finger ii? die Höhe hob urrd ihm?nit einem leisen Untertone von schelmischer Koketterie antwortete. Als der Pächter die beiden so vertraut mitein- ander sah, wlirde er immer vergnügterer Laune und flüsterte Mathieu zu: „Das war wirklich eine famose Idee, daß ihr gekommen seid." Das Kaffeetrinken dehnte sich bis tief in den Nachmittag hin aus: dicke Zigarrendäinpfe verdunkelten die Stube. Da schlug einer der Anwesenden einen Spaziergang nach dem zwanzig Minuten entfernten Wäldchen vor. Die ganze Te- sellschast brach auf. Diesmal gingen Herr Hayot und die beiden Jüngeren mit Mathieu voran: ein wenig weiter rückwärts kamen Ger- maine und Hubert nach. Und je mehr sie sich dem Wäldchen näherten, desto größer wurde der Abstand. Sie mußten um ein Getreidefeld herumgehen. Mohn-, Kornblunien und Margeriten durchwirkten den goldigen Teppich, der in der schimmernden Luft weit ausgebreitet vor ihren Augen lag. Sie blieben stehen, traten�ins Getreide, und er pflückte ihr Blunren, die sie zu einem Strauße band, in den sie ihr Gesicht die Augen schließend, versenkte. Und unaufhörlich überhäufte er\h mit einer Fülle doppelsinniger, zarter Worte, ohne sich jedoch allzu weit vorzuwagen. Da Hayot absichtlich ein rascheres Tempo eingeschlagen hätte, um sie nicht in ihren„Angelegenheiten" zu stören, ver- loren sie schließlich die kleine Gruppe mit dem lebhaft gestiku- lierenden Männlein gänzlich aus den Blicken. Germaine zeigte sich beunruhigt: sie würden die Familie gar nicht niehr einholen können. Doch er beruhigte sie: „Ach. seien Sie unbesorgt, ich kenne den Weg: wir werden sie bald wieder erreichen." In seinen Zügen, auf seinen zitternden Lippen bebte ein zögernder Entschluß. Und plötzlich sich aufrasfend. berührte er ihren Arm mit den Fingerspitzen: „Fräulein Germaine, ich bin so glücklich!" Sie sah ihn erwartungsvoll an, ebenfalls ein wenig aus- geregt. Er lächelte und neigte sein Haupt. „Jawohl, so glücklich, weil ich mit Ihnen allein bin. Sie brauchen mir's ja nicht zu glauben. Aber es ist. bei Gott. so. wie mi sage. Hand aufs Herz!" Seine gemessene, melodische Stimme bezauberte sie wie Musik. Sie fühlte eine heiße Welle in ilxe Wangen schießen und schlug die Augen nieder: ihre Finger begannen nut un- sicheren Bewegungen, die Blumen des Straußes zu zerpflücken. „Ist das wahr, Herr Hubert?" iFortsetzung folgt.) EUbarcl JVIitrcherltcb und sein polanfationsapparat. Z u m S 0. T o d e s t a g. Der Siegeszug der deutschen chemischen Industrie, die— man kann es dreist sagen— erst anfängt, ihre Kräfte zu entfalten, ist eine Erscheinung letzter Dezennien. Etwa 50 Jahre stiller Labora- toriumsarbeit gingen ihm voraus. Unter den Männern, die in dieser Arbeit die Waffen für die spätere ökonomische Entwickclung geschmiedet haben, steht Eilhard M i t s ch e r l i ch(7. 1. 1794 bis 28. 8. 1863) mit in der vordersten Reihe. Sein äußerer Lebcnsgang ist der eines deutschen Professors. Geistig frühreif, dezieht er bereits mit 28 Jahren den Lehrstuhl der Chemie an der Berliner Universität und hält ihn inne fast bis zum letzten Atemzuge. Charakteristisch für die preußischen Zustände ist die Behandlung, die die hohe Obrigkeit dem Manne systematisch angedeihen ließ. Man speiste ihn mit kärglichem Ge- halt ab, man verweigerte ihm die Mittel für seine Laboratoriums- arbeiten und zwang ihn, diese aus seiner eigenen Tasche zu be- zahlen, man lieh ihn seine unendlich kostbare Zeit in immer steigen- dem Matze mit„Handwerksarbeiten" vertrödeln: mit Abhaltung Von Prüfungen, Abfassung von Gutachten, Revisionen der Apotheker- ordnung und dergleichen inehr. Ein Bild, zil dem die üblichen Lobeshymnen auf die hohe Wisscnschaftsfrcundlichkcit der Hohen- zollcrn so lieblich passe»! Mitscherlichs wissenschaftliche Tätigkeit, die sich über 40 Jahre erstreckte(1822 bis 1863), ist ebenso vielseitig wie reich an hervor- ragcndsten Ergebnissen. Er beherrschte in ausgedehntem Matze die wichtigsten Gebiete der chemischen Wissenschaft, und seine Leistun- gen bilden vielfach Marksteine auf deren Eniwickelungspfaden. Hierher gehören.z. B. seine Entdeckungen der Jsomorphie (1819) und der Dimorphie(1821). Mit der ersteren zeigte er, dah die Körper, deren chemischer Aufbau trotz Verschiedenheit der Grundstoffe durch Anzahl und Perbindungsart der Atome iden- tisch ist, auch gleiche Kristallformen besitzen. Und als Dimorphie bezeichnete er die Tatsache, datz ein und derselbe Körper unter ver- schiedenen Umständen verschiedene Kristallgcstalt annehmen kann. So erscheint uns der Kohlenstoff als schwarze Kohlen und als funkelnder Diamant. Indes so wichtig diese Entdeckungen auch sind— und die Geschichte der Chemie weiß ihnen noch eine lange Reihe anderer beizufügen—, die wissenschaftliche Großtat des Mannes ist und bleibt die Konstruktion des Polarisationsapparates. In ihm wurde „das wertvollste und unersetzlichste Geschenk" erschaffen,.das die Zuckerindustrie von feiten-der reinen Wissenschaft jemals entgegengenommen hat". Das bezeugt wohl der beste heut lebende Kenner des einschlägigen Gebietes, Prof. Dr. E. O. von Lippmann. Die physikalischen Tatsachen, auf die sich die Erfindung von E. Mitscherlich gründet, sind zwar von alltäglicher Häufigkeit, ihre Theorie gehört indes zu den schwierigsten Kapiteln der Optik und läßt sich hier nur in groben Zügen wiedergeben. Wenn wir eine gewöhnliche Lichtquelle, z. B. eine Kerze, vor uns haben, so sind wir sicher, daß das Licht dieser Kerze, von jeder Seite aus gesehen, von gleicher Beschaffenheit ist. Nach vorne und nach hinten, rechts und links, oben und unten strahlt unsere Kerze das Licht von derselben Helligkeit und Farbe aus. Aber es gibt Lichtstrahlen, die je nach der Seite, von der man ihnen nahetritt, verschiedenes Verhalten zeigen. Nach einer Richtung hin ist das Licht hell, nach der anderen— dunkel. Solche Strahlen— man nennt sie polarisierte— gibt es massenweise rings umher. Man mutz sie nur zu isolieren wissen, um sie bequem studieren zu können. Das gelang auch, nachdem man die Q u e l l e n der Lichtpolarisation kenne» gelernt hat. Diese sind die allbekannten Erscheinungen der Lichtspiegelung und der Lichtbrechung. Gewisse Strahlen, die auf die Oberfläche der Gegenstände fallen, werden als polarisierte zurückgeworfen; das gleiche beobachtet man, wenn das Licht durch einen durchsichtigen Körper wandert und von seiner ursprünglichen Richtung abgelenkt, gebrochen wird. Die Wellen, aus denen nach der allgemein herrschenden Ansicht das Licht besteht, werden bei der Polarisation verstümmelt. Während die Schwingungen des normalen Lichts rechtioinkelig zum Strahl in allen Ouecrichtungen erfolgen, schivingt das polarisierte Licht ebenso rechtwinkelig, aber nur in einer bestimmten Richtung. Wie eine heftig schwingende Saite ein anderes Aussehen bietet, je nachdem man sie von oben oder von der Seite betrachtet, so zeigt auch der polarisierte Lichtstrahl ein verändertes Verhalten, je nach der Richtung, in der man ihm näher tritt. Von allen Mitteln, das Licht zu polarisieren, ist die Erscheinung der sogenannten Doppelbrechung theoretisch und praktisch das wichtigste. Diese kann man an den meisten durchsichtigen Kristallen beobachten, so z. B. an dem häufig vorkommenden Kalk- spat und dem Quarz, dessen durchsichtigste Abart auch Rheinkiesel oder Bergkristall genannt wird. Legt man so einen Kristall auf das bedruckte Papier, so erscheint die Schrift doppelt: aus einein Strahlenbüschel, der den Kristall passiert, bevor er in unser Auge gc- langen kann, werden zwei, und zwar sind beide vollkommen polari- siert. Die Ebenen, in denen die Schwingungen beider Strahlen erfolgen, stehen senkrecht aufeinander. Durch geeignete Vorrichtungen, deren nähere Beschreibung man etwa bei G e i g e l, Licht und Farbe(Reclams Bibliothek) finden kann, werden beide Strahlen von einander getrennt. Es ist ein unsterbliches Verdienst von Mitscherlich, daß er in dem isolierten Strahl des polarisierten Lichtes das praktisch verwertbare Mittel zur untrüglichen Analyse vieler Stoffe, vor allein aber der Z u ck e r- I ö s u n g e n, gefunden hat. 1847 konstruierte er seinen Polari- sationsapparat, der der Znckcrindustrie fortan erlaubt hat, die frühe- rcn zeitraubenden und unsicheren Methoden der Zuckeranalhse durch eine neue, bequeme und unbedingt zuverlässige zu ersetzen und ihre ganze Arbeitsweise rationell und sicher zu gestalten. Aus den Beobachtungen seiner Vorgänger und Zeitgenossen, und zu nicht geringem Teile aus seinen eigenen Versuchen, lernte Mitscherlich eine merkwürdige Eigenschaft mancher fester Stoffe und besonders Lösungen kennen. Die Polarisationscbenc, d. i. die Schwingungsrichtnng des polarisierten Lichtstrahles, wird ge- dreht sobald der Strahl eine Lösung etwa von Gummi oder von Rohrzucker passiert. Füllt man also eine an beiden Enden durch Glasplatten geschlossene Glasröhre mit Zuckcrlösung und schaltet sie dann derart in den Gang des polarisierten Lichtes ein, sah es durch die beiden ebenen Endflächen hindurch geht, so wird die Polarisationsebene um einen bestimmten Winkel gedreht. Bei einer gegebenen Röhrenlänge und bestimmter Zuckersorte hängt dieser Winkel offenbar nur von der Stärke der Lösung ab. Man braucht dann also nur de» Winkel zu messen, um hieraus die Stärke einer zu prüfenden Zuckerlosung bestimmen zu können. Das ist im wesentlichen die Idee und Anordnung des Polari- sationsapparates. Die technische Vollkommenheit des Mitschcrlichschen Apparates erlaubt, die wichtige Aufgabe der Winkelmessung mit spielender Leichtigkeit zu lösen. Und deshalb ist diese Erfindung, so einfach sie uns jetzt erscheinen mag, zur wahren Geburtsstätte der modernen Zuckerindustrie geworden. Mitscherlichs Verdienste um die industrielle Entwickelung er- schöpfen sich durch diese seine Erfindung-, weitem nicht. So hat er sich auch um die Industrie der AniÜükarbstoffe in hohem Matze verdient gemacht. Er ist der Entdecker des Benzols(1834); er gewann auch eine Reihe von Stoffen, die diesem verwandt sind, und legte damit das Fundament für die großartige Entwickelung ber deutschen Farbstoffindustrie. Unsere Zeit lernt, aber vergißt auch schnell. Aber sie ent- schädigt sich dadurch, datz sie die Gedanken in materialisierter Ge- stalt festhält, sie in die tägliche Lebenspraxis umsetzend. � Auch die Gedanken, die der stille Gelehrte Mitscherlich seinerzeit gedacht, treten uns jetzt auf Schritt und Tritt entgegen. Es ist nicht nur die Pflicht der Pietät allein, es ist auch die Notwendigkeit, die Gegen- wart besser kennen zu lernen, wenn wir an dem SO. Todestage des Mannes die Leitideen seiner Tätigkeit uns ins Gedächtnis rufen. B. Th. 6m Opfer. Von Wilhelm Scharrelmann. Ich hatte es gekauft, als es noch nicht sechs Wochen alt war. Sein Fell war schwarz und glänzend und seine Ohren waren weicher als Seide. Es blickte mit klugen, braunen Augen in die Welt, wurde .Hast" gerufen und war nicht grösser als zwei Fäuste, so dass man es bequem hätte in die Tasche stecken können. Wochenlang hatte ich mir schon eins gewünscht, aber die fünfzig Pfennig, die dafür erlegt werden mutzte», wäre» immer noch nicht dazu übrig gewesen. Nun mein Geburtstag war, durfte ich mir eins kaufen, und trug es, heimlich vor Freude bebend, nach Hause. Als Stall diente ihm eine alte Kiste, die mit Heu weich ge- polstert war. Eine kleine Tür war hineingeschnitten und die Ober- fläche zum Schutz gegen den Regen mit Dachpappe benagelt. In der Tür satz ein enges Fenster aus Draht, durch das man Hafls kleines Näschen zuloeileu sehen konnte, wenn das Tierchen schnuppernd vor der Tür satz und an den Kohlblättern naschte, die ich ihm ge- bracht hatte. Das war übrigens die grötzte Schwierigkeit, die sich alsbald herausstellte: Ein Kaninchen war gar nicht so leicht zu ernähren, als ich es mir früher hatte träumen lassen. Kohlblätter wuchsen in der Grotzstadt nirgends, und um ein paar Hände voll Gras zu rupfen, mutzte man eine halbe Stunde weit laufen I Aber alles ging gut, bis in den Spätherbst hinein. Da fingen freilich die Rationen an, kleiner und immer kleiner zu werden, trotzdem Hasis Appetit mit jedem Tage mehr wuchs. Es war nun schon ein prächtiges Kerlchen geworden, lang und schwer, und zuweilen war sein Hunger schier nicht zu stillen. Da aber nach dem ersten Frost und Schneefall bald nichts mehr drautzen zu finden war. was ich ihm hätte heim- bringen könne», mutzte sich Hast zu meinem grötzten Schmerz mehr und mehr an minderwertige Kost gewöhnen. Besonders Kartoffel- schalen waren sein Futter, das nichts kostete und immer zur Ver- fügung stand. Immer hatte ich im Stillen darauf gehofft, datz Hasi eines Tages Junge bringen werde, aber meine Hoffnung war immer wieder zu- schänden geworden. Jetzt im Winter freute ich mich darüber. Wie hätte ich so viele hungrige Mäuler stillen sollen, nun mir Hasi schon Sorge genug machte? Ich hatte seine Stalltür mit alter Sackleinwand gegen die Kälte verwahrt, aber das Tier tat mir jedesmal leid, wenn ich seine Tür zum Füttern öffnete und eS mir gierig schmunzelnd die Nase ent- gegcnstreckte, ich ihm aber nichts weiter zu bringen hatte als magere Kartoffelschalen, die in dem harten Winter dünn genug ausfielen. Eines Tages half ich einem meiner Spielkameraden bei seinen Schularbeiten. Er war der Sohn eines armen Klempners und in der Wohnstube, in der er seine Schularbeiten anfertigte, sah es arm- selig genug aus. Der Ueberzug des alten Kanapees, das hinter dein Tisch stand, war so schlecht, datz hier und da unter den Löchern die graue Hede, mit der es gepolstert war, verräterisch genug hindurch- schimmerte. Trotzdem ich bereits häufiger in der Wohnung gewesen war, war mir die Armut meines Freundes eigentlich nie recht zum Bcwutztsein gekommen. Ich harte mit ihm gespielt, wie mit anderen Kindern und war immer gern mit ihm zusammen gewesen. In der Werkstätte seines Vaters, die unten im Keller lag, lictzen sich aller- Hand Blechabfchnilte sammeln, die wir uns abends, wenn unten nicht mehr gearbeitet wurde, mit der scharfen Blechscheere zu allerhand Gegenständen zurecht schnitten, besonders zu Spielmarken, für die wir immer Verwendung hatten. Wir waren an dem Tage, von dem ich erzählen will, mit unseren Arbeiten noch nicht ganz fertig geworden, als Hermanns Mutter uns plötzlich vom Tisch an die Fensterbank verwies, um den Tisch für das Mittagessen zurecht zu machen. Ich woNte mich entfernen, ttmrde aber durch Hermanns Frage» über fein Ejtxinpcl doch noch aufgehalten. AI» itit ein paar Miaute» später das Ziminer verlieb, sab die ganze Familie bereits am Tische und ich sah, datz es zu Mittag nichts weiter als trockenes Schwarz- brot gab, dessen Brocken in eine Untertasse getunkt wurden, die mit Salz gefüllt für alle erreichbar mitten auf dem Tische stand. Wie Schuppen fiel es von meinen Augen, und ich kam Unglück- licher und verwirrter nach Hause, als je. Als ich in die Stube trat, sah mich meine Mutter prüfend an, strich mir dann mit der Hand über die Backe und fragte leise: Was ist Dir denn? Nun konnte ich mich nicht mehr halten! Die Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich verbarg meiaen Kopf in ihrem Schatze und weinte mich aus. Es dauerte Minuten, bis stockend aus mir herauskam, was ich beobachtet hatte. Sie strich mir wieder und wieder über das Haar und sagte endlich mit leisem Seufzen: Ja, siehst Du, das ist das Leben I Das Wort durchzuckle mich wie ein Blitz, und zum erstenmal kam mir eine Ahnung davon, wie grausam das Leben sein kann. Ich sah meinen Freund seit dem Tage mit einer Art von scheuer Ehrfurcht an. Was für ein Held war er, ein Held im Dulden und' Entbehren, und wenn eS bei unS auch wohl mitunter schmalen Tisch gab—, so jammervoll wie bei ihm zu Hause war eS doch bisher noch nicht bei uns gewesen. Ich weife heute nicht mehr, warum ich eS eigentlich getan habe. Ich glaube, mein Mitleid ist zu stark gewesen, und meine Scham, nicht helfen zu können, zu grotz— ich mied meinen Freund von dem Tage an. Erst nach Wochen, als der Frühling bereits vor der Tür stand, die ersten Stare wieder von den Dächern pfiffen und die Nahrungssorgen um meinen Hanst sich ihrem Ende näherten, ging ich eines Tages mit Hermann wieder gemeinsam von der Schule nach Hause. Unterwegs fragte ich ihn nach seinem Kaninchen, das ein Zwillingsbruder von dem meinen war, und das er nur wenige Tage später als ich geschenkt bekommen hatte. Ich habe es nicht mehr l stietz er auf meine Frage heraus und wandle den Kopf zur Seite. Du hast es nicht mehr? wiederholte ich verwundert. Nein. Schon lange nicht mehr! Wo bist Du denn mit ihm geblieben? Ich habe eS verschenkt. Wirklich I Wem denn? fragte ich, immer verwunderter. Du hast das Tier doch so gern gehabt? Zu Weihnachten habe ich's meiner Mutter geschenkt! Deiner Mutter? Ja, was soll denn die damit? Frag' doch nicht so dumm I herrschte er mich darauf an. Vater hat's geschlachtet und wir haben es zu Weihnachten gegessen. Was sonst? Ich war starr. Kein Wort konnte ich hervorbringen. Und von dem Pelz hal mein Bruder'ne Wintermütze gekriegt. So, nun weifet Du's I Ja, nun wutzte ich eS I Bedrückt ging ich nach Hanse und schlich in den Hof, zu meinem Hasi, um ihm Futter zu reichen. Liebkosend fuhr ich ihm über das seidenweiche, schwarze Fell. Gut, datz Du nicht in die Küche zu wandern brauchst I flüsterte ich ihm leise zu, als könne das Tier mich verstehen, und dachte an den armen Hermann, der das seine der Mutler geschenkt hatte, weil sonst vielleicht zu Weihnachten wieder nichts Weiler als Schwarzbrot und Salz auf dem Tische gestanden hätte. Was für ein lleiner Held er doch war I Wie der verzichten konnte I Und wenn er auch seine Schulaufgaben mitunter nicht so glatt löste, wie der Lehrer es verlangte— ein Held war er doch I Ob ich es auch fertig bringen würde, meinen Hasi schlachten zu lasse», wenn es nötig sein würde? Ich weife nicht, ob ich mir damals eine Antwort darauf gegeben habe,— aber das Weihnachtsopfer meines Freundes habe ich heute noch nicht vergessen! Und wenn mich cinnral Mitzmut und Niedergeschlagenheit beschleichen wollen, darüber, datz die Dinge sich so wenig unseren Wünschen fügen, die Göllin des Glücks immer wieder lächelnd an unserer Schwelle vorübergeht, und vor so manche Freude ein bitteres Verzichten gestellt ist, so fällt mir zuweilen der arme, blasse Junge aus nieiner Kinderzeit wieder ein, der so strotz im Verzichten war, datz er die grötzte Freude seiner Knabenjahre ohne Murren opferte, als es nötig war. Dafür ist sein Opfer aber auch nicht vergeblich gewesen I Mich segnet es heute noch. kleines feuilleton. Krittler. Ein unverschämter Naseweis, Der, was er durch StahlarbeiterSflcitz Aus dem Laden künstlich liegen sah, Dacht, es war für ihn alleine da: So tatscht' er den, geduldige» Mann Di« blanken Waren sämtlich an Und schätzte sie nach Dünkelsrecht Das Schlechte hoch, das Gute schlecht, Getrost, zufriedne» Angesichts; Dann ging er weg und kaufte nichts. Den Krämer das zuletzt verdrotz, Und macht ein stählern künstlich Schlotz Zur rechten Stunde glühend heitz. Da ruft gleich unser Naseweis: »Wer wird so schlechte Ware kaufen! Der Stahl ist schändlich angelaufen." Und tappt auch gleich recht läppisch drein, Und fängt erbärmlich an zu schrei». Der Kramer fragt: was ist dann das? Der Ouidam schreit:„Ein frostiger Spatz!" Goethe. Medizinisches. Die, Ernährung beim Fieber. Bei jeder fieberhaften Erkrankung taucht die Frage auf, wie der Patient ernährt werden soll. Dabei werden natürlich Unterschiede zu inachen sein, aber ein hohes Fieber bringt gewisse Einflüsse auf den Stoffwechsel mit sich, die allen Fällen gemeinsam sind. Diese laufen hauptsächlich auf eine Beschleunigung des Stoffwechsels hinaus, und der Volksmund sagt daher: Das Fieber zehrt. Die Wissenschaft ist seit langem darauf bedacht, die verstärkte Eiweißzerstörung' durch das Fieber zu erforschen. Vor allem muff ergründet werden, ob der erhöhte Eiweiffverbrauch allein durch die gesteigerte Temperatur erfolgt oder auch durch die Wirkung be- sonderer Gifte bedingt wird. Daff eine gcwiffe Vermehrung des Stoffwechsels auch durch bloffe Ueberhitzung des Körpers entstehen kann, ohne daff gleichzeitig Gifte wie die von ansteckenden Bakterien mitwirken, ist zweifellos. Dieser Folge kann in erheblichem Maffe begegnet werden durch die Aufnahme von Kohlehydraten und Fett. Das gilt aber nur für die eigentliche Fieberabzehrung, nicht für die Wirkung von bakieriellen Krankheitsgiften. Beides ist aber meist schwer zu unterscheiden, zumal bei den gewöhnlichen Fiebern an- steckender Natur mehr als ein Einfluff mitspricht. Es sind Versuche gemacht worden, Fiebcrzustände künstlich_ zu erzeugen, bei denen sicher keine Ansteckung beteiligt ist. Zu diesem Zweck sind Tiere einer besonders heihen und feuchten Atmosphäre ausgesetzt worden. In der Tat versallen sie dann in einen Zustand, der durch Steigerung der Temperatur und andere Erscheinungen dem Fieber ähnlich ist, aber doch mit den natürlichen Umständen nicht verglichen werden kann, weil die Art der Erzeugung als ganz im- physiologisch zu bezeichnen ist. Man hat daher nach anderen Mitteln zur Fiebererzeugung geforscht, und Dr. Verrar macht in der Biochemischen Zeitschrift auf die Wirkung des Aloins aufmerksam, das bei der Einspritzung unter die Haut nicht nur eine typische Fiebertemperatur, sondern auch eine ausfällige Steigerung des Stoffwechsels herbeiführt. Dabei ist die wichtige Beobachtung gemacht worden, daff die Art der Abzehrung von dem Ernährungszustand abhängig ist. Es werden immer diejenigen Bestandteile des Körpers angegriffen, von denen der meiste Vorrat vorhanden ist. Infolgedessen ivird es nötig sein, feine Unterschiede in der Ernährung der Fieberkranken in den einzelnen Fällen zu machen. Literarisches. Die Deutsche Bibliothek nennt sich ein sehr schönes Verlagsunternehmen des Warenhauses Wertheim in der Leipziger Straffe. Von auffen und innen repräsentieren sich die Bücher dieser Sammlung, bei dem horrend billigen Preise von einer Mark für den Band, recht erfreulich. Papier und Druck(als Drucker ist Otto Spamer in Leipzig angegeben) sind gut und klar, und der dunkel- rote, sachlich schlichte Leinenband mit den kräftigen Buchstaben des Rückentitels ist haltbar und ansehnlich. In den zirlajiinfzig Bänden. die bisher erschienen sind, ist nur gute, im besten Sinne.klassische* Literatur vereinigt, und was das rühmenswerteste ist: der Verlag begnügt sich nicht mit einfachen Text- Neudrucken, sondern hat jedem Werke seinen berusenen Herausgeber gegeben, der für sorgfältige Textgestaltung bürgt und in der Einleitung dem Nicht- Fachkundigen die zweckdienlichen Wegweiserdienste leistet. Da hat zum Beispiel Will Vesper die Briefe MörikeS, diese köstlich schwärnierischen und humorvollen Episteln an Freunde und geliebte Menschen, zusammengestellt; ferner Briefe und Gedichte Hölderlins zu einem Lebensbild dieser tragischen, jüngling- hasten Erscheinung verwoben. Gustav Manz, der tüchtige Feuilleton- redakteur der„Täglichen Rundschau", schreibt eindringende Be- trachtungen zu den novellistischen Dichtungen und dem Roman Mörikes. Kurt Martens leitet den unheimlichen Doppclgänger- roman:„Die Elixiere des Teufels" von E. Th. A. Hoffmann ein. Friedr. v. d. Leye», Gleichen-Ruffwurm, Floerke, Artur Liebert, Otto Harnack, Witkop, Eloesscr, Hermann Hesse, Schüddekops usw. zeichnen als Herausgeber. Das Programm der Sammlung ist sehr reich- haltig und verspricht, wenn es nach seiner bisherigen An- läge ausgebaut wird, noch viel Gutes. Da ist Homer, und da ist Heine, und dazwischen kommen Scneca, Walther von der Vogelweide, Machiavelli, Goethe, Jung-Stilling, Mathias Claudius, der Hexenprozcffroman„Die Bernsleinhexe" von Meinhold, Auer- bach u. s. f. Der unvergängliche Liebesroman, der Licbesroman schlechthin: die Manon Lescaut von Abbs Prevost erscheint. Schleiermachers Reden über die Religion, FichteS Anweisung zum seligen Leben und Hermann Lotzes Werk„Der Zusammenhang der Dinge" führen in die Tiefen der Weltproblcme. Gobineaus„Renaissance" und Earlyles„lieber Helden und Heldenverehrung" reden von menschlicher Gröffe. Kurz, eine Sammlung, die, mag sie auch dem Warenhausprinzip entstammen, nichts vom Ramsch an sich hat, son- dern in der Tat einen grohcn Wert darstellt.?. H. Naturkunde. Di-Welt des Unendlich-Kleinen im K i n e m a t o- g ra p he n. Von neuen Wundern der Kinematographie erzählt der englische Naturforscher Sir Ray Lankestcr im„Daily Telegraph". Der Vorwärts hat vor einiger Zeit bereits auf die Arbeiten hin- gewiesen, die die Welt des Uncndlich-Kleinen auf eine Weise er- schloffen haben, die das bisher geleistete weit übertrifft. Jetzt führte Dr. Commandon seine Ergebnisse Aerzten bor, die auf dem Internationalen Kongreß zu London versammelt waren. Er be- dient sich des wohlbekannten kincmatographischen Tricks der Tempofälschung, mit dem beispielsweise das Aufblühen von Blumen, das Stunden oder Tage in Anspruch nimmt. auf wenige Minuten zusammengedrängt schon öffentlich gezeigt worden ist. Diese Methode ist nun auf mikroskopische Gegenstände der Naturforschung angewandt worden, und zwar auf die inter- essantesten, die man sich denken kann, nämlich Befruchtung und EntWickelung von Lebewesen. Ein Film Dr. Commairdons zeigte die Befruchtung und Eni- Wickelung von Seeigeleiern; das Tempo war auf das Zwei- bis Dreihundertfache beschleunigt und die Masse auf das Vieltausend- fache vergrößert. Die Befruchtung des Seeigeleies, die im freien Seewaffer vor sich geht, war so auf der Projektionsfläche in wundervoller Deutlichkeit zu erkennen; man sah, wie sich nach dem Eindringe:: der Spermatozoe ein schützendes Häutchen um die Eizelle bildet. Dann spielte sich die eigentümliche Wirbelbewegung des Protoplasmas ab, die vor der Zellteilung erfolgt; hierauf teilte sich die befruchtete Eizelle in zwei, in vier und immer mehr Zellen; in wenigen Sekunden wuchs der Seeigelembryo sich zum Morula- stadium aus und wurde dann zur Gastrula, worauf sich der Wimpernkranz entwickelte, der dem werdenden Wesen als Schwimm- Werkzeug dient. Nach diesem Wunder zeigte Dr. Commandon ein womöglich noch größeres: es ist ihm nämlich gelungen, einige der ans Un- wahrscheinliche grenzenden Versuche Carrels mit dem Kinemato- graphen festzuhalten, und so tonnten wachsende Muskel- fasern aus dem Herzen eines dem Ei bor dem Ausschlüpfen ent- nommenen Kükens vorgeführt werden. Auf der Projektions- fläche war deutlich zu sehen, wie der winzige Ausschnitt aus dem Hühnerherzen genau so pulsierte, wie es das Herz im ganzen tut. Bei der starken Vergrößerung konnte man erkennen, wie das Muskelstück sich ausdehnte, sich teilte und wuchs, und die Beschleuni- guug des Tempos ließ den an sich langsamen Vorgang dramatisch und aufregend wirken. Die einzelne längliche Zelle schwillt näm- lich in der Mitte an, bewegt sich in der Gegend der Schwellung heftig, es bilden sich fingerartige Fortsätze, die zu greifen und zu gestikulieren scheinen, und darauf sinkt das Ganze in sich zusammen, und es sind nun zwei Zellen vorhanden, die rasch die spindel- förmige Gestalt einer einzelnen Muskelfaser annehmen. Ebenso aufregend für den Beschauer verläuft die Zell- teilung von Zellen aus der Milz eines Hühnchens, die Dr. Commandon auf die gleiche Weise beschleunigt und ver- größert zeigen konnte. Bei gewöhnlicher Betrachtung unter dem Mikroskop sieht der Forscher beim Wachstum der Zellen Bewegungen, die etwa dem langsamen Kriechen von Amöben ähneln. Die kinematographische Wiedergabe zeigt groteske Bewegungen, bei der die Formveränderungen rasch vor sich gehen und sich im Hand- umdrehen die seltsamsten Lappen und Auswüchse bilden, die hervor- schießen und sich wieder zusammenziehen. Hauswirtschaft. Kann man Pilze durch Kochen entgiften? Unser medizinischer Mitarbeiter schreibt uns: Bekanntlich will die Volks- crfahrung giftige Pilze an allerhand Merkzeichen erkennen, als da sind: grelle Farbe, beißender Geschmack. Verfärbung der Bruchstellen, Schwarzwerdcn von Zwiebelwasser, in dem sie gekocht sind. Ja, das Abkochen soll sogar die Giftigkeit der Pilze beseitigen. Dies ist, wie neuere Untersuchungen gezeigt haben, theoretisch richtig. So geht sowohl bei der Lorchel wie beim Fliegcnschwamm Gift in die Brühe. Eine andere Pilzart,.Amanita mappa, verliert ihre Giftigkeit sogar schon beim Trocknen. Praktisch aber kann man aus dieser Tatsache keinen Nutzen ziehen, da man nie weiß, ob das Gift, das schon in minimalen Dosen tätlich wirkt, gänzlich ausgezogen ist. Der berüchtigte Knollenblätterschwamm, Amanita phalloides, läßt sich übrigens durch keine Koch- oder Trockenprozedur entgiften. Aus all diesen Gründen vermeide man es peinlichst, Pilze zu essen, die man nicht kennt. Weiter hüte man sich, angeschnittene Pilze ein- zukaufen. Frische ist ein unbedingtes Erfordernis, denn selbst un- giftige Pilze bilden bei längcrem Liegen Zersetzungsprodukte, die giftig wirken. Die chemische Konstitution der Giftstoffe ist bisher, wie Dr. C. Reuter in der Wochenschrift„Die Naturwissenschaften' schreibt, nur in groben Umrissen bekannt. Wahrscheinlich sind es ganz verschiedenartige chemische Körper. Klatsch. „Wir haben dir Klatsch auf Geklatsche gemacht, Wie schief I Und haben dich schnell in die Patsche gebracht, Wie tief l Wir lachen dich aus, Nun hilf dir heraus! Ade." Und red ich dagegen, so wird nur der Klatsch Verschlimmert. Mein liebliches Leben im nichtigen Patsch Verkümmert. Schon bin ich heraus; Ich mach mir nichts draus. _ Ade.__ Goe t h e. Verantw. Redakteur: Alfred Wielcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Vorwärrs Buchdruckerer u.Verlagsanjtalr Paul Ringer LrEo.,Berlin £&&&- ÄaMdi trih-'-tf i ti-.'iifi:■"