Mnterhaltungsblatt des Horwiirts Nr. 163. Freitag, den 29. August. 1913 28z Sin 1>Iann. Von Camille Lemonnier. Er näherte sich ihr, seine Finger irrten an ihrem Ann hinab, um ihre Hand zu finden. Versonnen lächelnd lieh sie ihn gewähren. „Wie Seide sind Ihre Händchen," flüsterte er nach einer kleinen Weile, als er über ihre Handflächen strich. „Das hat man mir schon einmal gesagt," lachte sie. Dabei glitt ein leiser Schauer über ihre Gestalt. Langsam suchten sich dann ihre Hände, und Seite an Seite geschmiegt, mit schlenkernden Armen und kindlichen- beholfenen Bewegungen schritten sie längs der wogenden Nehren dahin. Als ihr in den Sinn kam, daß sie ebenso an- einandergeschmicgt mit Cachaprös auf schmalen Waldpfaden gewandert war, empfand sie einen seltsamen Genuß, alle beide zu hintergehen. Der junge Hayot kam ihr wie gerufen, um ihre regelmäßigen Beziehungen mit jenem zu unier- brechen. In der Monotonie ihrer alten Liebe erweckten ihr seine liebkosenden Finger ganz neuartige Sensationen. „Da sind sie ja," riefen plötzlich ein paar Stimmen. Es war der Pächter mit seinen Söhnen, die sie beim Eingange des Wäldchens erwartet hatten. In den Augen des Alten funkelte eine schalkhafte Bosheit. Es war sein Lieblings- gedanke, seine Söhne reich zu verheiraten: eine Ehe mit dem Fräulein Hulotte wäre ihm hochwillkommen gewesen. Man betrat gemeinsam das Wäldchen, das Eigentum eines reichen Bankiers, dessen türmchengeschmücktes Schloß im Hintergrunde zwischen den Bäumen aufragte. Die regel- mäßig zugestutzten Gebüsche bildeten einen massiven Wall, der an mehreren Stellen von Durchblicken unterbrochen wurde. Dazwischen schlängelten sich die mit einer rötlichen Schicht zerstampfter Ziegel bedeckten Fußwege. Eine der Alleen führte zu einer steinernen Brücke aus rohen Quadern. mit düsteren, schweren Gewinden von üppigen Efeuranken drapiert. Kurzgeschorene Rasen breiteten unter den Bäumen ihre dunkelgrünen Teppiche aus, die in den Lichtwellen des Nachmittags in sniaragdenem Glänze funkelten. Diese peinlich-korrekte Symmetrie der Natur flößte ihnen ehrfürchtige Bewunderung ein: als Hayot die Geschichte seiner Beziehungen zu dem Bankier zum besten gab. dämpfte er unwillkürlich seine Stimme wie beinr Betreten einer Kirche. Ein sehr leutseliger Herr, trotz aller seiner Millionen, der mit den Leuten wie mit seinesgleichen plauderte. Uebrigens sei das Wäldchen nicht allgemein zugänglich, aber er, Hayot, habe die besondere Erlaubnis, es jederzeit zu betreten. Lange blieben sie vor der Brücke stehen, die weit und breit als Sehenswürdigkeit berühmt war, und Hubert benützte diese willkommene Gelegenheit, um Germainen in wohlgcsetzten Worten alle Schönheiten im einzelnen zu erklären. Stach einigen hundert Schritten gelangten sie zu einem antiken Tempel, zu Jiem eine Sandsteintreppe führte. An den Nischen zu beiden Seiten des Portals standen bis zum Gürtel ent- blößte Marmorfiguren. Daraufhin bemerkte Hubert, über- legen lächelnd, daß es in alten Zeiten nicht Brauch war, Kleider zu tragen. „Davon habe ich auch schon gehört," versetzte Germaine. die große Augen machte. Nun erlaubte sich einer der Jungen einen Scherz, wo- rüber alle in schallendes Gelächter ausbrachen. „Pst! der gnädige Herr könnte in der Nähe sein!" mahnte vorsichtig Vater Hayot, die anderen zum Fortgehen nötigend. Die Jungen, noch versunken in den Anblick der heraus- fordernden Rundungen des Marmors, schlugen nur zögernd den Rückweg ein. Auf dem Hofe angelangt, zog Mathieu den Schimmel aus dem Stalle und spannte ihn vor den Wagen. Doch der Pächter wollte sie durchaus nicht wegfahren lassen, ehe sie nicht noch eine letzte Flasche mit ihm getrunken: seine überschweng- liche Liebenswürdigkeit wuchs, je näher der Abschied heran- rückte. Die Flasche wurde auf Germainens Wohl, des schönsten Mädchens, das Hayot jemals gesehen, geleert. Ein wenig feierlich, mit den Gläsern in der Hand, standen alle im Kreise herum. Da Hubert nicht zugegen war. stockte das Gespräch ein wenig. Germaine empfahl Frau Hayot ihre Schneiderin, eine sehr geschickte Person: und sie hob ein wenig ihren Rock, um ihr dessen kunstvollen Aufputz zu zeigen. Da vernahm man Pferdehufe auf dem Pflaster des Hofes. Als Germaine durchs Fenster blickte, gewahrte sie Hubert, mit der Reit- peitsche unterm Arme, im Begriffe, seinem Pferde einen Sattel festzuschnallen. Von seinem grauen, am Rücken schlotternden Reitanzuge hob sich eine hochrote Krawatte grell ab. Dann kam Mathieu nochmals herein, um sich zu verab- schieden. „Herr Hayot, wahrhaftig, Sic haben uns zu viel Ehre erwiesen. Ich werd' es daheim erzählen." „Freut mich, niein lieber Junge," erwiderte der Pächter, ihm die Hand schüttelnd.„Viele Empfehlungen an de» Herrn Vater." Germaine hatte im Wagen Platz genommen. Während' sie die Falten ihres Kleides zurechtstrich. warf sie einen lauernden Blick zu Hubert hinüber, der, mit einem Fuß im Steigbügel, mit der Hand dem Pferde in die Mähne griff. Plötzlich schwang er sich mit dem Ausruf in den Sattel: „Ich begleite Sie." Nochmals wurden Händedrücke gewechselt. Hayot sprudelte unermüdlich einen Schwall freundlicher Worte her- vor. bei denen er sich innerlich gar nichts dachte: alle Stimmen schwirrten auf einmal durcheinander. Fritzens Augen hingen wie festgebannt an einem Stückchen von Germainens weißem Strumpfe, der unter ihrem Kleide hervorschimmerte. Dann aber ergriff Mathieu die Zügel, schnalzte mit der Zunge, Und das Wägelchen rollte davon, von Huberts Reitpferd gefolgt. So gelangten sie auf die Chaussee. lieber den Feldern lohte der rotglühende Sonnenball, die weiten Flächen in purpurnen Tinten badend. Ein warmer Dunst stieg am Horizonte auf. Langsam sank die Sonnen- scheibe in die Dämmerung hinab, in ihrem oberen Teile be- reits umdüstert, während der untere Rand noch immerdar glühte. Die ganze Ebene schien in einem grauen Meere unterzusinken, dessen Wellen schließlich auch alle Anhöhen, Bäume und Häuser verschlang. Der Wagen wirbelte am Boden leichte Staubwölkchen auf, die hinter ihm in dieHöhc stiegen, einenAugcnblickin denLllften schwebend und einen herbtrockenen Geruch verbreitend, der den würzigen Duft der Sträucher ertötete. � Zur Rechten ihres Gefährtes ritt Hubert mit gespreizten Beinen, die Hand in die Hüfte gestützt und ab und zu seinem Tier mit der Reit- peitsche einen Streich über die Flanken ziehend. Wenn der Weg sich verengerte, ließ er den Wagen voranfahren, und Germainc konnte dann bei jedem Sattclstoße den flatternden Zipfel seiner Krawatte sich heben und senken sehen. Unter seinen halbgeschlossenen Lidern warf er ihr schmachtende Blicke zu. bisweilen tief aufseufzend. Seine ver- schleierte Stimme, vom Klaptiern der Hufe übertönt, erreichte nicht immer ihr Ohr: sie konnte bloß Bruchstücke seiner Rede, ein wirres Gestammel unzusammenhängender Galanterien vernehmen. Er nannte sie bei ihrem Vornamen, sie sagte kurzweg Hubert zu ihm. Als die Wege sich gabelten und der Wagen auf die Land- srraße einbog, wollte sie, daß er umkehre. Aber er bestand darauf, sie bis zur Hütte der Cougnole zu begleiten. Da erst würde er kehrt machen. Als sie ihn diesen Namen aussprechen hörte, zuckte sie leicht zusammen. „Sie kennen die Alte?" „Ja und nein. Vor Zeiten einmal kam sie zu uns auf den Hof, um einer Kuh beizustehen." „Ach so!" Unter den Bäumen wuchs die Nacht. Das graue Dunkel lagerte sich über die Steine der Chaussee wie steigende Flutwellen, die in weiteren Fernen bereits das Gehölz über- strömten. Zwischen den hohen Laubkronen schimmerte der helle Himmel durch, von zitterndem Sternengcfnnkcl bewegt. Wie bleiche Nebelstreifen zerflattcrten ihre Gestalten in den von Sekunde zu Sekunde wachsenden Schatten. Die Finster- »is ließ nun den Pächtersoh» kühner werden: mit eindring- sicher Stimme fragte er sie. ob er sich Hoffnungen machen dürfe. Halb hingegossen in ihrem Wagen, den Oberkörper nach ihm zurückgLwandt, ließ sie chm wortlos ihre Hand, ein- gesponnen in ihre Träuinereiern Wie seltsam, wenn dieser sie eines Tages heimführen würde! Und eine unklare Idee, die Gattin dieses Mannes zu werden, begann in ihr Wurzel zu fassen. Es war übrigens höchste Zeit, endlich einmal einen entscheidenden Schritt machen: das Verhältnis mit Cacha- Präs konnte doch nicht ewig währen! Schließlich würde man noch Wind von ihrem Geheimnis bekommen. Sie überflog seine Gestalt init einem blitzschnellen Blick, wie um sich über die Zukunft, die sie an seiner Seite er- wartete, Klarheit zu verschaffen. Es war weder hübsch noch l)äßlich, doch in seinen Augen lag ein Zauberglanz, ein eigener, feuchter Schmelz, den sie bei gottesfürchtigen Men- scheu schon oftmals wahrgenommen hatte. Er hatte ihr von seiner Abscheu gegen Wirtshäuser erzählt: er � war kein Freund der Kirmestänze: und in der Wurmstichigkeit ihrer eigenen Tugend die Sittsamkeit anderer desto höher wertend, ergötzte sie sich schon im voraus an dem Gedanken, einen ge- fetzten Ehemann ihr eigen zu nennen, an dessen Seite sie die Freuden eines ruhigen, geordneten Lebens kennen lernen würde. Und überdies redete der Mann wie ein Buch, und sie bewunderte ihn, obgleich sie eine dumpfe, unerklärliche Be- fangenheit ihm gegenüber nicht zu bannen vermochte. Er wurde drängender und behielt, über den Sattel gebeugt, ihre Hand in der seinen. Einige hundert Schritte lang blieben ihre Finger ineinander verschlungen, während Heide nachdenk- lich schwiegen. Mathieu. wohl wissend, wie unerläßlich ein wenig Mithilfe zur Erfüllung des Geschickes ist, tat als ge- fälliger Bruder, als sähe er nichts von alledem. Plötzlich löste sich hinter Dnen eine dunkle Gestalt aus den Gebüschen, und auf der Straße stand ein Mann, der in die Nacht hinausstarrte: Cachapräsl i Fortsetzung folgt.) In Sommerarbeit auf clem Rittergut. Aus der Fabrik aufs— Rittergut. Ferien sind eine herrliche Sache für den, der sie hat und auch bezahlt bekommt. Wer das ganze Jahr tagein, tagaus im rasselnden und staubigen Fabriksaal umS harte Brot arbeiten mutz, der emp- findet in der Ferienzeit, die ja mit den Hundslagen zusammen sällt, besonders lebhaft das Bedürfnis, auch einmal auf eine oder mehrere Wochen auszuspannen und sich zu erholen. Leider, ohne diesem Be- dürfnis nachkommen zu können. Denn die wenigsten Betriebe geben ihren Arbeitern Ferien. Dieses Jahr aber sollte mein Wunsch in Erfüllung gehen, ehe ich'S gedacht! Die sinkende Konjunktur blieb auch für unsere Fabrik nicht ohne Folgen; die Arbeit wurde immer knapper, und scblietzlich hietz es anfangs Juli, es müsse ausgesetzt werden, und zwar auf drei bis vier Wowen. Nun hatten wir auf einmal Ferien. Aller- dings auf unsere Kosten. Ich überlegte, was ich während dieser Zeit wohl anfangen könnte. Von einer Reise irgendwohin konnte natürlich keine Rede sein. Die paar Mark, die ich hatte, langten eben hin, um über die Zeit der Arbeitslosigkeit hinwegzukommen. Und zu Hause herumzulungern, halte ich wenig Reiz. Und so kam mir der Gedanke: wie wär's, wenn du als Ernte- arbeiter nach den gesegneten Gefilden Preutzens gingest. Die Agrarier jammern fortgesetzt über die Landflucht und Leutenot. Da findest du sicher während dieser Zeit Arbeit und Unterkunft und verdienst auch einige Mark, die du deiner Familie schicken kannst. Wenn eS auch nicht viel sein wird, etwas hilft es doch. Mit der landwirtschaftlichen Arbeit bin ich vertraut, da ich als junger Kerl von 18 bis 22 Jahren auf Gütern als Arbeiter, Pferde- und Ochsen- knecht gedient hatte. Und schließlich: vielleicht gab's dort noch etwas zu sehen, das sich niederschreiben und verwerten Uetze, nicht blotz zu meinen: Nutzen. Gedacht, getan! Am nächsten Morgen dampfte ich von Dresden nach Berlin. Ich suchte den Arbeitsnachweis für Landarbeiter in der Koppenstratze am Schlesischen Bahnhofe auf. Zum erstenmal war ich in Berlin. Wie das Leben hier wogt und"brandet I Das rasselt und dröhnt, gellt, schwirrt und hastet durcheinander und bleibt sich doch immer gleich.-- Nach einigem Fragen fand ich mich bis zum Schlesischen Bahn- Hof und von da war es leicht, das Arbeitsamt in der Koppenstratze zu finden. Ich brauchte nur den Scharen der polnischen Arbeiter zu folgen, die aus dem Portal des Bahnhofes kamen. Die Männer in hohen Schaftstiefeln, in ärmlichen und nicht allzu sauberen Arbeitsanzügen, die Mädchen und Frauen mit der spitzenbesetzten Tunika und der.Kazajka", die Köpfe mit Tüchern umwunden, das gab einen seltsamen, malerischen Anblick. Sie olle, Männer und Frauen, schleppten ihre Bündel nuf dem Rücken oder trugen zu zweien hölzerne Kasten und Koffer, die ihre Habseligkeiten bargen. Vor dem Hause Nr. 01 staute sich der Trupp. In der Durch- fahrt des Hauses standen schon früher Angekommene oder satzen auf ihren Bündeln und Kasten und unterhielten sich. Ihr Gespräch drehte sich hauptfächlich um die in Aussicht stehenden Arbeitssiellen. Ein jeder hoffte, eine möglichst gute Stelle zu bekommen. Viele von ihnen sind schon in allen Gegenden Ostelbiens gewesen und er- zählten einander, wie es ihnen dort ergangen. Im Hausflur kündet eine Tafel: Das Herunistehen auf den Treppen und dem Gange ist verboten, und ich gehe weiter die Treppe hinauf nach der ersten Etage, wo sich das Bureau befindet. Ein Trupp von zehn, zwölf polnischen Arbeitern mit ihren Bündeln stolpert die Treppe abwärts, ungelenk und schwerfällig und hinter ihnen her kommt ein Herr mit grünem Hute und ebensolcher Joppe und schnarrt:„Na also vor- wärtS, vorwärts! Dalli, dalli 1" Wie eine Herde treibt er sie vor sich her, und die Polen geben sich alle Mühe, schneller die Treppen herunter zu kommen. Ich klopfe an und trete ein. Ein Zimmer von etwa 3 Meter Breite und 5 Meter Länge, durch eine Barriere in zwei Teile ge- trennt— das ist der Empfangsraum. Hinter der Barriere sitzt ein Beamter ain Schreibtisch und kramt in seinen Papieren. Nach einer Weile fragt er:„Was wollen Sie „Ich möchte mich als Erntearbeiter irgendwohin verdingen. Aber nur auf höchstens vier Wochen." „Warum nicht länger?" „Weil ich dann wieder an meine alte Arbeit gehen kann. Ich arbeitete in einer Fabrik." „So, da müssen Sie nach der Schlegelstratze am Stettiner Bahnhof geben. Dort hat die landwirtschaftliche Vereinigung ihren Nachweis. Die nehmen solche Arbeiter. Wir vermitteln nur auf Kontrakt. Warten Sie, ich gebe Ihnen die Adresse." Aus einem Nebenraum kommt ein Herr, dem man den Junker auf den ersten Blick ansieht.„Also los, loS. vorwärts I' ruft er über die Achsel nach hinten. Dann zu dem Beamten in höflichem Tone:„Ist alles in Ordnung?" Der Beamte bejaht die Frage. Jndeffen drängen sich zehn Burschen und Männer nach dem Ausgange, unsicher und täppisch. „Sind noch Sachen auszulösen?" erkundigt' sich der Junker weiter. „Nein. Es ist alles schon von Ihnen ausgelöst, was den Leuten gehört." „So. Na dann adieu I" „Adieu, Herr I" dankt der Beamte und sucht nach der Adresie des Arbeitsnachweises. „Ich kann's jetzt gerade nicht finden. Sie können es auch so finden. Also Schlegelstratze, nach der Borsigstratze zu." Ich bedanke mich und gehe. Von unten kommt ein neuer Schub nach oben. Die arnien Teufel, denke ich im Vorbeigehen, werden hier behandelt, wie das Vieh auf dem Martte. Doch jetzt rasch nach dem Nachweis in der Schlegelstratze! Grotze braungelbe Schilder mit schwarzer großer Schrift künden an, daß hier der Nachweis ist für Knechte, Mägde, Schweizer, Kuh- fütterer sowie alle anderen landwirtschaftlichen Arbeiter. Parterre links ist das Bureau. Der Warteraum liegt nach dem Hose zu und ist dunkel, so daß ich beim Eintreten die Wartenden hören, aber nicht sehen konnte. Erst allmählich gewöhnten sich die Augen an die Dämmerung sdrautzen schien die Sonne) und ich konnte die Leute unterscheiden. Das waren keine polnischen Arbeiter. Vier Männer, zwei Frauen und ein junger Bursche von etwa 18 Jahren. Der junge Bursche schlief, die Arme auf den Tisch gestützt. Die anderen unterhielten sich leise, indeffen der Beamte eine Magd nach Dahme vermiete. Die Tür zu seiner Kanzlei stand offen, so daß wir alles sehen und hören konnten. Doch für die Wartenden war das nicht von Jnteresie. Ihre Unterhaltung drehte sich hauptsächlich darum, was man anfangen solle, wenn eS auch hier keine Arbeit gebe. Einige hatten auch „Glück". Sie bekamen Arbeit. Einer als Kuhfütterer, ein anderer mit seiner Frau als Freischweizer und ein dritter als Ochsenknecht. Für die andern war nichts, und niedergeschlagen gingen sie fort. Endlich kam ich an die Reihe. „Was wollen Sie?" „Ich möchte irgendwohin als Erntearbeitcr." „Wo haben Sie bis jetzt gearbeitet?" „In Dresden, bei dem und dem—" „So, haben Sie schon auf dem Lande gearbeitet?" .Ja." „Heute habe tch leider nichts für Sie. Kommen Sie aber morgen wieder. Ich erwarte mit jeder Post Stellenangebote." Ich ging. Nun hatte ich wenigstens«inen Anhaltspunkt. Froh schlenderte ich die Friedrichstratze entlang, bog rechts nach den Linden ein, wo ich mich auf einer Bank niederließ und meine „Bemmchen", die mir meine Frau mit auf den Weg gegeben hatte, aufatz. Neben mir saß ein junger Mann und schlief. Sein Ober« körper bewegte sich hin und her wie ein Halm im Winde. Mit einem Ruck richtete er sich dann wieder auf, um in wenigen Augen- blicken wieder nach vorn oder seitwärts zu sinken. Vielleicht ist es einer von denen, über die morgen die Zeitungen mit wenigen Worten berichten werden, daß sie Selbstmord verübt haben oder irgendein Verbrechen begingen. Am anderen Ende der Bank hockt ein alter Mann im allen, verschossenen Gehrock uud zerrissenen Hosen und bat seine zertretenen Schuhe ausgezogen und nestelt an den schmutzigen Füßen. Dann reibt er die schmutzstarrenden Fußlappen aus, zieht das Schuhwerk umständlich und keuchend an und humpelt mühselig weüer. Ein Schutzmann taucht auf, und ich verfolge ge- spannt, was nun kommen wird. Doch das Auge des Gesetzes steht an dem Alten vorbei, als sei er nicht vorhanden. Und links und rechts jagen vornehme Equipagen und Autos mit Kronen und Wappen an den Türen auf und ab. Der Luxus prahlt und brüstet sich und ist blind für das Elend ringsum. Ich stand auf und setzte meinen Weg fort. Das Reichstags- gebäude wollte ich sehen. � So schlenderte ich durchs Brandenburger Tor und stand bald darauf vor dem stolzen Bau am Reichstags- user. Das ist also der Ort, an dem über unser Wohl und Wehe beraten wird. Alte längst vergessen geglaubte Reden, die hier ge- halten wurden, kamen mir wieder tns Gedächtnis. In Gedanken versunken ging ich links herum nach dem Königsplatz und spähte nach der Siegessäule aus. Dabei wäre ich beinahe über einen alten Handwerksburschen gestolpert, der dicht am Reichstagsgebäude fein Bündel ausgepackt hatte und seine Lumpen auf dem Pflaster zum Trocknen ausbreitete. Am anderen Morgen ging ich wieder nach der Schlegelstraste. Allein der Beamte bedauerte, noch kein« Antwort zu haben. Ich sollte am Nachmittag wiederkommen. .Das kann ich nicht. Ich must Arbeit haben. Länger hier bleiben kann ich nicht, weil ich kein Geld mehr habe." .Ja, da kann ich Ihnen auch nicht helfen." .Dann raten Sie mir bitte, wie ich am ehesten von hier in eine Gegend komme, wo es Rittergüter gibt. Ich will mir selbst Arbeit suchen." .Da fahren Sie am besten vom Lehrter Bahnhof aus nach N. und von da können Sie sich dann auf die Wanderschaft begeben. Dort finden Sie sicher was." Mit dem nächsten Zuge fuhr ich ab. Heinrich Hole!. < Fortsetzung folgt.) Die Kataftropbc der deutfeben Spitzbergen-expedltion. Georges Parmentier, Vizepräsident der Geographischen Gesell- schaft von Saint- Ouentm. hat in Green- Harbour auf Spitz- bergen ein paar zum Teil noch unbekannte Einzelheiten über die Katastrophe der deutschen Spitzbergen-Expedition und die Schicksale der den unglücklichen Forschern nachgesandten Hilfs- expeditionen erfahren. Seinem im.Temps' veröffentlichten Bericht. der sich im wesentlichen auf Mitteilungen der überlebenden Mit- glieder der Expedition stützt, entnehmen wir folgendes. Die Ex- pedition versuchte zuerst die Ostküste von Westspitzbergen zu um- segeln und durch Helen Sound die Nordkllste von Nordostland zu erreichen. Dieser Plan wurde durch die Eismaffen vereitelt. Die Forscher sahen sich gewungen, wieder zu der West- kllste von Westspitzbergen zurückzukehren, und sie erreichten die Scoresby- Insel. Bon hier zog eine Gruppe von vier Mann unter der Führung des Leutnants Schröder mit Schlitten und zwölf Hunden aus, uni das Meereis biS Riips- Bay zu überwinden und dann unter Ueberwinduug des Inlandeises bis Dove-Bay und zur Kllste von Nordostland vorzudringen. Von dieser Gruppe hat man nichts mehr gehört. Nach dem Auszug jener vier Mann wandte sich das Expeditionsschiff„Herzog Ernst' nach Lomme-Bay, dann nach Tenfenberg-Vay sWestspitzbergen), wo Ende August<1912) Lebensmittel niedergelegt wurden. In diesem Augen- blick begann das Eis gefährlich zu werden, und es wollte trotz aller Anstrengungen, die man bis zum 20. September machte, nicht ge- lingen, das Schiff wieder in offenes Meer zu bringen; da sie sich in der Bay gefangen sahen, gäbe,- die Forscher ihr Schiff auf und machten sich alle auf den Weg nach Advent« Bay. Sie konnten jedoch Advent« Bay nicht erreichen und kehrten daher an Bord zurück, wo sie eine Expedition von nur sieben Mann nach Advent-Bay ausrüsteten; die übrigen sollten auf die Rückkehr dieser Expedition warten. � Die sieben Mann zogen aus und liehen zwei Deutsche, den norwegischen Steward und den Eislotsen zurück. Zwei deutsche Forscher verlieben die Gruppe, um die Ostküste der Wiide-Bay zu überschreiten; auch von ihnen hat man nichts mehr erfahren. Die fünf Mann, die übrig blieben, überschritten die Wiide-Bay, indem sie sich nach der Westküste wandten, und erreichten eine Hütte, in der einer von ihnen mit einem erfrorenen Fuste ankam. Dieser Mann blieb mit einen, Gefährten sechs Wochen lang in der Hütte, und allen beiden gelang es dann, zum Schiff zurückzukehren. Die anderen wandten sich mit drei Hunden nach Advent-Bay. Aber die Polarnacht war gekommen und bereitete ihnen zahllose Schwierigkeiten. Sie erreichten eine Hütte im Weslsjord, wo sie bis Mitte Dezember blieben. Dann verlieben sie die Hütte und erreichten das äusterste Ende des Westfjords. Der eine der beiden Deutschen war so geschwächt, dah er den Wunsch ausdrückte, zum Schiff zurückzukehren. Der andere, Kapitän Ritscher, bat die beiden Norweger(es sollen ja aber im ganzen nur noch drei Mann gewesen sein??), jenen zu begleiten, indem er erklärte, dast er allein bleiben wolle. Die drei Mann gelangten nach Mosiel-Bay, wo der Deutsche verschwand. Die beiden Norweger feuerten Schüsse ab und warteten einige Zeit, aber vergebens: der Unglückliche kam niemals wieder. Die beiden Ueberlebenden erreichten das Schiff bei Nul und fanden dort die beiden Deutschen und den norwegischen Steward; der letztere starb am 20. Februar an Tuberkulose. Während diese Ereignisse sich abspielten, wandte sich Kapitän Ritscher mit einen, Hunde und geringen Lebensmittelvorräten allein nach Advent-Bay. Er überschritt Dickson-Bay, stieß auf tiefe Wafferlachen, überschritt nach schrecklichen Leiden die Eismassen von Advent-Bay und gelaugte am 27. Dezember erschöpft nach dem amerikanischen Bergwerk von Advent-Bay. Er besaß nur noch ein paar Gramm Hafermehl. Sein Hund war noch bei ihm. Sein« beiden Füste waren bis zu den Knien erfroren, und eine seiner Händ« war ernstlich verletzt. Der Arzt des Bergwerks nahm ihn in Be- Handlung. Man mußte ihm einen Teil der Füste amputieren. Er wurde wiederhergestellt und begab sich in das Hospital von Tromsoe, von wo er am 10. August nach Green-Harbour, wo sich gegen- wärtig sein Sckiff befindet, zurückgekehrt ist. Kapitän Ritscher be- wegt sich gegenwärtig auf Krücken vorwärts; die Passagiere der Jacht„Andeimes", an deren Bord ich mich befinde, sprachen ihm auf dem„Herzog Ernst" für seinen Mut und den Eifer, den er entfaltet hat, um seine Gefährten wiederzufinden, ihre höchste Bewunderung aus. Man kann auch die Zähigkeit und die Selbstverleugnung dieses Mannes, der, obwohl er noch krank und leidend ist, das Kommando auf seinem Schiffe wieder selbst übernehmen wollte, nicht genug be» wundern. Bald nach seiner Ankunft in Advent-Bay schickte Kapitän Ritscher von der Station für drahtlose Telegraphie aus ein Telegramm nach Berlin. Es wurden sofort Hilfsexpeditionen ausgerüstet, die den in Eis« masscn eingeschlossenen„Herzog Ernst" befreien und, wenn möglich, die. verschwundenen Forscher wiederfinden sollten. Die erste Hilfs- expedition wurde in Adveni-Bay ausgerüstet. Sie bestand au« vier Mann. Green-Harbour schickte sechs Hunde und einen Jäger; auch in Advent-Bay nahm man einige Hunde auf. Die vier Mann fuhren am 24. Januar 1913 ab und blieben 20 Tage weg. Sie konnten aber nur den Sir Thomas-Berg bei West-Fjord erreichen. Die Hunde von Advent-Bay gingen sämtlich ein. während die von Green- Harbour leben bliebe». Einem der Männer war ein Fuß ab« gefroren; man mußte den Unglücklichen auf einen Schlitten legen und ihn einstweilen mit einem Gefährten und einigen Lebensmitteln zurücklassen. Die beiden anderen kehrten nach Advent- Bay zurück; von hier zog nun wieder eine Hilfsmannschaft au«, um die Zurückgebliebenen zu suchen und zurückzubringen, was auch gelang. Eine zweite Expedition zog zu Anfang diese« Jahres von King'S Bast aus: Sie bestand aus vier Norwegern, einem Engländer und einem Deutschen und hatte nur drei Hunde. Die Männer überschritten das Inlandeis bis Grey-Hook und gelangten wohl nach der Hütte an der Westküste von Wiide-Bay, fanden dort aber keine Spur von den Verschwundenen. Am 7. April kehrten sie nach King's Bay zurück. Es wurde dann in Norwegen unter dem Kom- mando des Kapitäns Staxrüd eine größere Hilfsexpedition aus- gerüstet. Der Dreimaster„Hertha" führte die Expedition nach Ire« Tron, wo sie am 3. April ankam. Drei Lappen mit zwanzig Renn- lieren begleiteten die Expedition; man nahm zwölf Hunde mit und in Grcen-Harbonr noch fünf dazu. Die Expedition zog an, 7. April aus und gelangte ain 20. April zum Schiff, wo sie die beiden Deutschen, die, nicht weit von dort, in ihrer Hütte geblieben waren, lebend wiederfand. Man liest in der Hülte eine große Anzahl Lebens- mittel für die beiden Deutschen und die vier Norweger, die die Station an, 26. März Verlasien halten. Dann kehrte man zum Schiff zurück, das man mit Hilfe von Dynamit von den Eismaffen befreite, und man wandte sich nach der Meerenge von Hinlopen. Hier wurde der„Herzog Ernst" aber wieder von den EiSmassen sestgehalten. Eine deutsche Privatcxpedition uulcr der Führung deS Polar- forscher? und Jouriralisten Lerner fuhr auf dem mit acht Norwegern bemannten norwegischen Schiffe„Loevenskjoeld" aus und folgte der Expedition des Kapitäns Slaxrüd. Drei deutsche Gelehrt«, unter ihnen der durch seine Erfahrung auf alpinistischem Gebiete bekannte Dr. Biehler aus Freiburg, begleiteten die Expedition. Sie erreicht« Moffel-Bay, an der Nordostküste von Wiide-Bay, zehn Tage später als der Kapitän Staxrüd. Die Herren verließen Moffel-Bay auf Schneeschuhen und erreichten Tenrenberg-Bay, wo sie den Kapitän Staxrüd mit seinen Begleitern und den beiden Deutschen trafen. Sie kehrten zu ihrem Schiff nach Moffel-Bay zurück und erreichten das Nordkap auf Nvrdostland. Von hier machten sie eine Expedition Weiler nach Osten z». in der Hoffnung, dast sie ihre unglücklichen Landsleute würden finden können; dt« letzteren hatten, wie man weiß, den„Herzog Ernst" im vorigen Jahre in der Nähe der ScoreSby« Jnwl verlassen. Sie legten 600 Kilometer zurück und gclangien bis zum Wrede-Kap; weiter konnten sie, da sie kein Fleisch für die Hunde hatten, nicht gehen, und sie fanden keine Spur von den Verschwundenen. Am 6. Mai wurde LernerS Schiff von. Eise gepackt, und am 28. Juni war es zerschmettert. Alle Männer mußten sich in die drei Boot« des Schiffe? flüchten. Sie waren gezwungen, sie vier Meile» über Eis zu schleppen, um das offene Wasser zu erreichen. Am 22. Juli ruderten sie nach Tenrenberg-Bay und erreichten den„Herzog Ernst" einen Tag nachdem Kapitän Staxrüd ihn durch Dynamit befreit hatte. Die Nordlüste WeslspitzbergenS war in Sicht, schien aber von Eis umgeben zu sein. Die Forscher zogen e« daher vor, da« Schiff in die offene Meerenge von Hinlopen zu bringen. Sie wurden jedo.h vom Eise in, Osten der Williaminsel festgehalten. Hier verlieb Kapitän Staxrlld daZ Schiff mit dem Dr. Biehler und drei Norwegern. Sie überschritten das Inlandeis und gelangten nach drei Tagen nach Templebay im Jcefjord. In Templebah lieb man zwei Norweger mit Hunden und Schlitten zurück, und die anderen bestiegen ein Boot, errei-bten rudernd Adventbah und kamen dann nach Green-Harbour, wo wir den Kapitän Staxrüd und den Dr. Biehler gesehen haben. Bon Biehler erfuhr ich die Einzel- hriten der Expedition: er teilt sie der Oeffemlichleit zum ersten Male mit.. Kleines f eullleton. Literarisches. M. Andersen Nexö: Der Morgen graut. Er- Zählungen au§ den« Proletarierlcben(Verlag Buchhandlung Vorwärts, Berlin 1913).—.Es ist notwendig, dab einer der Gesellschaft auch die unbarmherzigen Wahrheiten sagt, und wer ist geeigneter dazu als der, der das Elend bis auf den Grund kennen gelernt hat?" Mit diesem Satz schliebt Andersen Nexö seine Lebensskizze.Wie ich wurde", die er seinen hier zu einem Kranze vereinigten Arbeiter- Erzählungen vorangestellt hat und die man schwerlich ohne Ergriffen- heit lesen wird. Alle« Dichten ist ein Mysterium. Macht die Gabe de« Sich-mitteilen-könnens schon den Dichter? Oder die Summe und Intensität äuherlicher Wahrnehmungen und innerlichen Erlebens? Andersen Nexö kann es nicht sagen. Und das weist er: In I t a l i e n und Spanien, also unter der wärmenden Sonne bei Südens, erwachte sein Drang zu schreiben. Und da ward ihm klar, wessen sich seine Seele vollgesogen und sich zu entledigen hatte. Wenn aber vom Dichter gilt, dast sich in ihm die Umwelt wieder- spiegele, so gilt von Andersen Nexö im besonderen, dab sich in allem, was er niederschreibt, das durch Elendnäcbte und Klassen- kämpfe allmählich zum Licht sich emporringende Arbeiterprolctariat wiederspiegeln must, dessen Schicht der Dichter selbst entsprossen ist. �sede seiner sieben Erzählungen beweist das. Die meisten spielen rm dänischen Heimatlande, hauptsächlich auf Bornholm, eine.Frauen- revolution" in Andalusien. Welche von ihnen die bedeutenderen find? Man wird sich schwerlich entscheiden können, da jede Geschichte ihre Eigenart hat und.ßweil alle von Proletaricrschickialen handeln, da» heistt, nach den Worten de« Dichters, von armen Leuten, also von jenen Menschenkindern, denen es.noch niemals vergönnt war, sich selber zu zerstören" � denn.das haben die Verhältnisse für sie getan"—.schlechte Eigenschaften' darum doch noch niemand kenne... Armut bleibt Armut, ob sie nun im rauhen Norden oder im sonnige» Süden ihre Blösten zur Schau tragen muß. Allenfalls werden die Nord- oder Südländer sich verschieden zu ihr stellen. Nur die äußeren Mächte sind dort wie hier die gleichen: sie begegnen sich immer in dem einen Punkt: den Armen um jeden Preis unschädlich zu machen. Daß es nicht allemal menschliche Gewalten sind, die solches tun, sehen wir an einer der Bornholmer Erzählungen:.Daö Paradies" genannt. Da ist die Natur, der felsige Erdboden des armen Mannes Widersacher und Vernichtcr. Sei es drum! Ging der Vater auch zu Grunde— der Sohn wird Sieger bleiben. .Gerade unter den Bedingungen, unter denen seine Eltern ge- scheitert waren, führte er die Sache durch. Darin liegt ein Gesetz, sonst wäre e" ja auch kein richtiger Sieg." Für den Dichter selbst sprechen doch seine Hcimatgeschichten. In ihnen offenbart sich seine Wurzelkraft, seine herbe, strenge Persönlichkeit, sein Leidgefühl, seine tiefgründige Kenntnis vom Elend der Armen, wie von ihren Seelen, in denen Licht und Schatten wohnen, finstere Dämonen gegen edle Regungen und Vorsätze kämpfen. Man merkt sehr Ivohl: der diese Geschichten schrieb, mußte sie so und nicht anders schreiben, ob er gleich„bei deren. Niederschrift unsäglich zu leiden hatte". Und zum andern wird man dessen inne: daß kein anderer der Proletarierklasse gerecht werden könne, er sei denn selber von ihrem Fleisch und Blut und sei ein starker Poet und Gestalter dazu. Als solcher schuf sich Andersen Nexö seine eigenen Kunstgeräte. Seine Pflugschar wühlt tiefe, schwere Schollen auf. Und an der Sonne seines Geiste? wandelt sich schwarze Ackererde in pures Gold. Wer es noch nicht zu fassen vermag, der lese die wunderliebliche„Mär vom Glück, den zerlumpten Kleinen erzählt", oder die in Glanz- Verklärung getauchte Arbcitcr-Bohöme-Erzählung.Die Zugvögel". Und nun weist maicks: Andersen Nexö mußte sich das eigene Weh und die eigene Freude vom Herzen hcrunterschreiben! g. Ic. Geschichtliches. Alt-Berlin bei Nacht. Die Durchreisenden erklären Berlin nicht nur für die reinlichste, sondern auch für die amüsanteste von allen Städten. Und diesen Ruf aufrecht zu erhalten, geschieht ja alles: die einzelnen Umwälzungen, die speziell im Innern der Reichshauptstadt in kurzen Zwischenräumen sich vollziehen, ändern vielfach von Grund auf das Aussehen: diese revolutionäre Tätigkeit eines grasten menschlichen Gemeinwesens in ihrer Gesamtwirkung bleibt erstaunlich. In unserer schnellcbigcn Zeit achtet man aus vieles kaum. Wer dachte vor 15 Jahren an den Autoomnibus und das allmähliche Aussterben der ehrwürdigen Pserdedroschle? Wer an die Untergrundbabn? Die über 80 Jahre erst alle Stadtbahn Vcrantw. Redakteur: Alfred Wiclcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: hat sich fast überlebt und verlangt nach Steuerungen. An den einzig hastenden Wirbel und Wechsel im Stadtbilde und Strastengetriebe hat sich der seßhafte Berliner längst gewöhnt und geht achtlos daran vorüber. Und dieses Groststadtleben am Tage dehnt sich auch auf die Nacht aus. Berlin hat ein ausgeprägtes Nachtleben, das eine be- sondere Anziehungskraft für die vielen Fremden bietet. Da in dieser Beziehung viel geboten wird, so dürft« auch jeder bei seinen Amüsements auf seine Rechnung kommen. Vergleiche und Erinnerungen an Alt-Berlin sind sehr beliebt und bilden einen ständigen inter- essanten Unterhaltungsstoff. Wenn sich das Nachtleben im modernen Berlin in sehr lustiger Weise abspielt, so war es in dem allen und ältesten Berlin doch noch etwas anders. Die Menschen von Anno dazumal liebten zwar auch die Abwechselung, aber sie widmeten sich ihr nicht ausschließlich, wie es heute leider manchmal der Fall ist. Dazu kamen die Polizei- Verordnungen, die seinerzeit eine viel stärkere Bedeutung hatten. So bestimmte die hohe Obrigkeit im Jahre 1331, dast die Gast- und Bierhäuser nach der.letzten Glocke", d. h. im Sommer um 10 Uhr geschlossen werden mußten. Wie eS auch heute modern bleibt, mög- lichst die Polizeiverordnungen zu umgehen, so taten es auch die Alt- berliner: denn schon drei Jahre später sah sich die hohe Obrigkeit genötigt, an ihre Verordnung nicht nur zu erinnern, sondern sie auch noch zu verschärfen. Als SpezialVergnügen galt es im ältesten Berlin, auf den paar Straßen von Altkölln einen nächtlichen Spaziergang zu machen. Elgent- liches Pflaster befand sich in der Zeit der ersten Kurfürsten nur im Hohen Steinweg, den die Beherrscher der Mark von ihrem„Hohen Hause", dem alten Absteigequartier. Klosterstraste 35/36 bis zum Spandauer Tor passieren mußten. Die Wege waren also bei Regen- welter grundlos. Schweineställe und Düngerhaufen, der Große Kurfürst ordnete deren Beseitigung an, erschwerten da» Vorwärts- kommen. Beleuchtung war teils gar nicht vorhanden, teils sehr mangelhaft. Alle Augenblicke wurde der Fußgänger aufgehalten und gezwungen, über die Gossen weg auf den sogenannten Damm zu schreiten. Oft ließen die Bürger Schutt, Lehmhaufen und sogar Mist vor ihren Häusern liegen, so daß das Promenieren zu nächtlicher Zeit stellenweise geradezu lebensgefährlich war. Vor den stets aus Stein massiv errichteten Eckgebäuden— alle anderen Häuser waren Fachlverkbau— waren mächtige Feuerbecken her- gerichtet, und an einigen Stellen loderten riesige Pechflammen empor, zu deren Bedienung einige Ratsknechte beordert waren. Wer also ungefährdet nachts von seinen Spaziergängen heim- kehren wollte, mußte eine Laterne mitnehmen. Diese Zustände erhielten sich bis in? 19. Jahrhundert hinein, wenn auch hier und da sich Ansätze zu einer besseren Beleuchtung zeigten. 1677 führte der Große Kurfürst die Nachtwächter ein. Zwei Jahre später kam die Verordnung heraus, daß an jedem dritten Hause eine Laterne mit brennendem Lichte vorbanden sein müsse: eS folgten dann die hölzernen Pfahllaterncn mit Oellampen. Erst im Jahre 1826, wo die Gasbeleuchtung eingeführt wurde, besserten sich die Verhältnisse. Auch mit der persönlichen Sicherheit haperte es sehr des Nachts in Altberlin. Nicht selten wurde durch den Nlarmruf„Mordio" der Bürger aus seiner Nachtruhe gestört oder da? schaurig klingende„Tuten" des mit einem Spieß bewaffneten Hüters der Nacht mahnte daran, die wassergefüllten„Fcuertinen" im RathauSschuppcn zur Löschung eineS Brandes heranzuholen. Eine Wandlung zum Besseren schaffte eine Verordnung Friedrich Wilhelms l., nach der Militärpatrouillen nachts die Straßen durchzogen und da? Rowdytum in Angst und Schrecken versetzten. awjk. Luftfahrt. Merkwürdige Flugmas chinen. Die Flugmaschine be- ginnt langsam aus dem Gefährt lühner Sportsleute ein praktisches Fortbewegungsmiltel zu werden, das den Bedürfnissen des Lebens angepaßt wird. Darauf lassen allerlei neue Formen des Flugzeuges schließen, die in neuester Zeit aufgetaucht sind. Kurz vor dem tragi- scheu Unfall, der seinen Tod herbeiführte, erprobte der englische Flieger Colonel Cody die. f l i e g e n d e A m b u l a n z", die den Flugapparat in den Dienst der Medizin stellen soll. Diese.Kranken- flugmaschine". wie sie auch genannt worden ist, soll dazu verwendet werden, Aerzte und Krankenpfleger möglichst rasch zu befördern: be- sonders verspricht man sich im Kriege gute Erfolge, wenn so die Chirurgen von den Feldlazaretten nach einem entlegenen Teil deS Schlachtfeldes fliegen können. Sie enthält einen Feldoperationstisch und«ine ganze Ausrüstung von ärztlichen Instrumenten und allerlei Vorrichtungen zur Hilfe für die Kranken, die aus dem leichtesten Material hergestellt sind und einen möglichst geringen Raum be- anspruchen. Die fliegende Ambulanz ist nach den genauen Angaben des Obersten Donegan vom SanitätSkorps der englischen Armee er- baut. Die englische Wochenschrift, die uns mit diesen Tatsachen bekannt macht, erinnert auch an die zahlreichen Experimente,. u n- sichtbare Flugmaschinen" zu konstruieren, die eS den Feinden schwierig oder unmöglich machen, die gegnerischen �Flug« zeuge zu erkennen. So wurden in Frankreich in diesem Frühjahr drei Apparate in die.Fliegerabteilung eingestellt, deren Körper und unteren Seiten der Flügel himmelblau gefärbt waren, damit sie in einer gewissen Höhe mit der Farbe des Himmels in eins ver- schwimmen könnten. Daß durch diese himmelblauen Flugzeuge die gewünschte Wirkung erreicht worden wäre, ist aber mcht gemeldet worden. �___ Vorwärts Buchdruckeret».Verlag SanstaltPaul Singer«tEo.,BerlinSV.