Nnterhaltmrgsblatl des Dorwärts Nr. 171. Mittwoch, den 3. September. 1918 311 6in IVlann. Von Ca m i l le Lemonnier. Nun das Schweigen gebrochen war. l.ieb sie ihn gar nicht mehr zn Worte kommen. Bittere Vorwürfe machte sib ihm wegen seiner Gleichgültigkeit: ihm sei das recht einerlei, ob sie daheim Szenen habe oder nicht: täglich gäb's jetzt Ver- druß, zum Schlüsse würde sie noch auf und davon gejagt werden. Das alles sprach sie sehr hastig, voll Mitleid für sich selbst, und schließlich dahin gelangend, zu glauben was sie sagte. Ja, so vollständig wußte sie sich in ihre Rolle einzu- leben, daß ihr plötzlich die Tränen aus den Augen stürzten. Sie hoffte bei ihm auf eine gute Regung, vielleicht einen Verzicht, und während sie sich ihre geröteten Lider mit dem Taschentuche trocknete, schielten ihre tränenumflorten Augen heimlich zu ihm hinüber. Er wiegte nur den Kopf auf den Schultern und schwieg immerzu. Nun ereiferte sie sich. Nichts anderes als Egoisten seien die Männer, die nur an ihr Vergnügen dächten. Die Frauen seien für sie lediglich zum Zeitvertreib vorhanden, und sie wollten sie beständig bei der Hand haben wie ein Spielzeug. Sie hatte sich arg in Hitze geredet. Das Blut rötete ihre Wangen. Entschlossen blickte siv ihn jetzt an. um seine Ant- wort herauszufordern, den Oberkörper weit vornübergebeugt und mit ihren Händen heftig gestikulierend, als ob sie ihm jedes einzelne Wort an den Kopf schleudern wollte. Doch es geschah das gerade Gegenteil von dem, was sie erwartet hatte. Statt ihn zu erweichen, verhärtete sie ihn: sein angeborenes Mißtrauen ließ ihn hinter dieser Fülle von Vorwürfen eine Falle wittern. Langsam löste sich seine Gestalt von der Mauer, und mit den Händen in den Hosentaschen stellte er sich breitspurig vor ihr auf: „Na also, wo soll das hinaus? Willst Du etwas von mir? So rede!" Sie überlegte einen Moment, erhob sich) dann und warf sich, in Schluchzen ausbrechend, mit einer großartigen, hin- gebungsvollcn Gebärde an seine Brust: „Ich kann Dir nicht alles sagen. Ich bin niit Dir nicht mehr so glücklich wie früher. Wir sollten uns seltener sehen. Wer weiß, was später einmal sein wird, vielleicht wird dann noch alles gut." Er war gerührt: an ihren warmen Tränen schmolz seine Härte. „Ich bin noch viel unglücklicher als Du," sprach er. „Und doch denk' ich nie daran. Dich zu verlassen!" Sie wollte ihm begreiflich machen, daß sich bei ihm die Dinge ganz anders verhielten: und während sie nach triftigen Argumenten suchte, bekamen ihre Augen jenen seltsam los- gelösten Blick nach Ausflüchten ringender Menschen. Aber er schüttelte, keineswegs überzeugt, den Kopf. „Du kannst bis morgen so wciterredcn, ich werde Dir doch nicht glauben," sagte er.„Vielleicht bin ich anders als andere Menschen." Er nahm sie in seine Arme und bettete ihr Haupt an seine Brust. „Vor allem hätte ich Dich nicht tagelang warten lassen, ohne zu kommen. Du hättest bloß ein bißchen in den Wald zu laufen gebraucht und gleich wieder zurück können. Das wäre für mich eine Wohltat gewesen. Aber Du bist nickü ge- kommen!" Sie erwiderte ihm mit allen erdenklichen Ausreden: erstens wäre sie gar sehr beschäftigt gewesen, sogar gestern, Sonntags, habe sie nichts anderes getan, als gearbeitet. Diese offenkundige Lüge ließ ihn erschreckt zusammen- fahren: doch scheinbar gleichgültig fragte er sie in kühlem Tone: „Gestern hast Du also auch gearbeitet?" Nichts ahnend, machte sie ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. Da überkam ihn eine schreckliche Angst, Schweiß- tropfen standen ihm aus der Stirne. „Bis zum Abend?" Seine Beharrlichkeit warnte sitz, auf ihrer Hut zu seint eine Ahnung durchzuckte sie. Sie zauderte und streifte»ha mit einem raschen Blick: dann aber behauptete sie keck: „Ja, bis zum Abend." Da packte ihn wieder seine alte Raserei, und gellend schrie er, sie von sich stoßend: „Du lügst!" Das Haupt stolz in den Nacken werfend, richtete sie sich kampfbereit empor und maß ihn mit einem herausfordere den Blick: „Was, ich sollte lügen?" „Ja! und wie!" Letzt errate er.illes, alles! Sie betrüge ihn mit ihren Galanen. Und in einer Wiederkehr seines gestrigen Wutanfalles schleuderte er ihr die fürchter- lichsten Wahrheiten entgegen: ihretwegen habe er beinahe einen Menschen erschlagen, doch sie sei es nicht wert. Schon seit langem betrüge sie ihn. Und er war so dumm gewesen, ihr aufs Wort zu glauben. Ah! das gnädige Fräulein ließ sich von Pächtersöhnen heimbegleiten, denen sie ihr Händchen gab und am Ende gar weis machte, daß sie noch ein Jüng- fcrlein seil Mit verschränkten Arinen, den Oberkörper weit vorge- beugt, streckte er ihr sein wutverzerrtes Antlitz entgegen. Er- stickt zischten die Worte zwischen seinen zusammengepreßten Zähnen hervor, von bitterem Lachen unterbrochen, das wie Peitschenhiebe dazwischen sauste. Ihr waren die Arme herab- gesunken. Die Augen starr auf den Boden geheftet, lauschte sie ihm wie betäubt. Was sie am ärgsten traf, war nicht so sehr die Nachricht, daß er sie gesehen, als daß er den jungen Hayot unterwegs überfallen hatte. Wie, beinahe umgebracht hätte er ihn. Aber da würde dock) die ganze Geschichte auf- kommen! Sie hatte eine Anwandlung von Trotz. Einen Schritt nähertretend, sprach sie kühn: „Also ja, es ist wahr, ich Hab' ein Verhältnis." Sie hatte kaum die Worte ausgesprochen, als sie schon Angst bekam und die Hände vors Gesicht schlug. Tns Geständnis hatte Cackiaprds wie ein Keulenschlag getroffen. Mit einem Wehruf taumelte er zurück wie ein zu Tode Getroffener, der, nichts ahnend, den tödlichen Streich empfangen. Aber schon im nächsten Augenblick, nachdem die Worte wie spitze Nägel in sein Hirn eingedrungen waren, deutete er mit dem Ausdruck eines Wahnsinnigen nach der Tür und schrie: „Hinaus. Du Dirne!" Da gewann die weibliche Feigheit wieder Oberhand in ihr. Sie hoffte, daß dies das Ende sei und er sie endlich vcr- lassen werde. Befreit ausatmend, lief sie nach der Türe. Da fühlte sie sich von einer Hand an den Röcken festgehalten. „Hierher!" Er zog sie zu sich heran, schob den Niegel vor und schleu- derte sie dann mit einem heftigen Stoße zurück, daß sie in einen Stuhl niederfiel. Sie sah sich in seiner Gewalt, und niit schlotternden Arinen, wachsbleich im Gesicht, äußerlich ober scheinbar ruhig, wartete sie. Das war ihre Freiheit, die es jetzt galt: sie war fest entschlossen, diese um jeden Preis zu erobern. Anfangs durchmaß er das Zimmer mit heftigen Schritten, an allen Tischen und Stühlen anstoßend: sein keu- chender, harter Atem verriet das Ungeheuere seiner innerlichen Qual. So oft er an ihr vorüberkam, schloß er die Augen. um sie nicht zu sehen. Allmählich nahm eine kalte Entschlossenheit von ihm Be- sitz. In seiner Wanderung innehaltend, begann er mühsam und stockend: „Was geschehen ist, ist geschehe», Germaine. Da läßt sich nichts mehr ändern. Der Mann saß auf seinem Pferd. Ich Hab' ihn'runtcrgeworfen. Ich hätt' ihm am liebsten sein Blut gezapft. Bis morgen, vielleicht schon jetzt, in diesem Augenblick, werden alle Leut' eS wissen, daß Du einen Ge- liebten Haft, und daß ich dieser Geliebte bin. Und er wird vcr Dir ausspucken. Das ist gar kein richtiger Mann!— Also, hör' mich jetzt an. Ich Hab' mein vcrdanimtes Leben satt! Ich mag's nicht mehr, mächt' ein Ende machen! Du, Du bist auch fertig. Man wird n�ählen, daß Du die Ge- liebte von einem schlechten Kerl bist. Dir bleibt nichts an- deres übrig, als eine Stratzendirne zu werden. Ich Hab' mein Messer bei mir. ich mach' uns beiden den Garaus!" Mit einem Schrei fuhr sie empor. Er hatte ihre Taille umschlungen und zog sie mit seiner unbezwingbaren Stärke zu sich. Mit jeder Sekunde fühlte sie ihn näher an sich heran- kommen, trotz all ihres Sträubens. Den Oberkörper weit zurückbeugend, hielt sie ihm ihre krampfhaft ausgebreiteten Arme entgegen, um-micht das Messer zu sehen, das er eben aus der Tasche zog. Sie kannte es wohl, dieses Messer mit der langen, schmalen, furchtbar geschärften Klinge: er be- diente sich dessen auf der Jagd, und noch hafteten die Blut- flecken der Eingeweide daran, in die es versenkt gewesen. Er öffnete es; in seiner rechten, halb hinterm Rücken verborgenen Hand blitzte der Stahl! Und während diese Hand noch unsicher flackerte, als suchte sie erst ihr Ziel, sah sie es in seinen Augen aufleuchten wie von einer fast über- irdischen Zärtlichkeit. Aus seiner Kehle rangen sich abge- rissene Worte, ein heiseres, unartikuliertes Gestammel. Und sie versuchte sich zu wehren, zerriß ihm mit ihren messer- scharfen Nägeln die Haut seiner Hände, den starren Blick wie wahsinnig auf die Messerklinge gerichtet. Einen Moment ge- lang es ihr, sich ihm zu entwinden. Im Nu war sie bei der Tür: doch er erhaschte sie, noch ehe sie die Hand auf die Klinke gelegt. Diesmal packte er sie beim Halse; seine Finger krallten sich in ihr Genick und rissen ihr den Kopf nach rück- wärts. Dabei starrte er sie unverwandt an, wie von Reue erfaßt, so viel Schönheit zu zerstören, die sein höchstes Ent- zücken gewesen. lFortsetzung folgt.) Der Laubcnkolonift* September. Die Sommerarbeiten auf der Parzelle neigen sich jetzt ihrem Ende zu; denn es gilt in der Hauptsache nur noch zu ernten, aber doch auch noch einiges zu pflanzen und zu säen, um im nächsten Frühjahr wieder zeitige Ernten zu haben. Das Steinobst, das jetzt in späten Sorten noch reift und einen für dieses schlechte Jahr un- gewöhnlich reichen Fruchtansatz aufwies, hat die gehegten Erwar- tungen nicht befriedigt. Die lang andauernde Dürre der letzten Zeit hat in Verbindung mit der nachfolgenden Regenperiode die reifenden Mirabellen, Pflaumen und Reineclauden zum Platzen gebracht. Die häufig doppelt und dreifach geplatzten Früchte der- lieren erheblich an Gebrauchswert, da sie nur noch zur Bereitung von Mus geeignet sind, also sich nicht mehr zum Einkochen in Zucker eignen. Die einzige der in letzter Zeit reif gewordenen guten Pflaumensorten, die nicht geplatzt ist, ist Kirkes-Pflaume, die ich überhaupt für die feinste und beste der späteren großfrüchtigen Pflaumen halte. Noch später ist die großfrüchtige Sorte Anna Späth, die wahrscheinlich auch nicht platzen wird, gber den Fehler hat, daß sie in kalten Spätsommern bei uns nicht reift. Die Ernte der Spätbirnen wird in der Mark stellenweise be- friedigen, auch von späteren Aepfeln bringen noch einige guten Er- trag, so: Gravensteiner, Goldparmäne und Ananasrenette. Alles in allem ist aber die Ernte so gering, daß die von der Landwirt- schaftskammer im Ausstellungspark ani Lehrter Bahnhof für AuS- gang Oktober geplante große Obstausstellung auf ein besseres Jahr verschoben werden mußte. Im ganzen Deutschen Reiche, auch in der gesegneten Rheinprovinz und in allen Nachbarländern, Böhmen ausgenommen, wird die diesjährige Ernte gering sein. Im Gemüsegarten fällt die Ernte der Wintergemüse reichlich aus, natürlich mit einigen Ausnahmen. Die Erbsen hatten dieses Jahr furchtbar unter Mehltau zu leiden, der ihnen verderblich wird. Augertblicklich leiden die Winterkohlarten unter Raupenfraß. Der trockene Sommer war der EntWickelung der Raupen außerordentlich günstig. Das beste Bckämpfungsmittel bildet jetzt das fortgesetzte, freilich zeitraubende Absuchen der Raupen. In einer halb mit heißem Wasser gefüllten Kanne werden die abgesuchten Raupen getötet. Rascher kommt man durch Bespritzung der Kohlpflanzungen mit einprozentiger Karbolineumbrühe zum Ziel. Da diese Brühe aber das Gemüse unappetitlich und ungesund macht, möchte ich von Anwendung dieses Verfahrens abraten. Um im Frühjahr zeitige Ernten zu haben, macht man jetzt eine größere Aussaat von Spinat, der dann vom zeitigen Frühling ab gepflückt werden kann. Es sei aber bemerkt, daß Spinat frisch gedüngten und gut bearbeiteten Boden verlangt. Anspruchsloser ist der holländische Feldsalat, den man ohne Düngung auf abgeerntete Beete sät, die nicht frisch gegraben, Indern nur durchhackt und ge- säubert werden. Die Saat, die mit der Hacke eingehackt wird, keimt bald; die sich entwickelnden Blattrosetten werden während des ganzen Winters nach Bedarf gestochen und zur Herstellung eines sehr wohlschmeckenden Salates verwendet. Die jetzt reisenden Zwiebeln nimmt man bei trockenem Wetter aus, läßt sie ein bis zwei Tage auf den Beeten zum Nachtrockenen liegen und lagert sie dann in lustiger Kammer, wo nach einiger Zeit die eingetrockneten Blätter entfernt werden, worauf dann das weitere kühle, aber frostq freie Aufbewähren in einem aufzuhängenden Beutel erfolgen kann. Die kleinsten Zwiebeln der Ernte bewahrt man separat als söge- nannte Steckzwiebeln auf, die im März gepflanzt werden und bei großzwiebeligen Sorten im Herbst eine sehr stattliche Ernte liefern. Die feinste aller Zwiebeln ist unbedingt die kleine, weiße Perl- zwiebel, die zu vielen Konserven, wie z. B. Mixed Pickles, zu Essig. und Senfgurken, auch für sich in Esfig eingelegt, als anregende Zu- speise im Haushalt verwendet wird. Diese Zwiebelchen kauft man jetzt als kleine Brut in den Samenhandlungen, um sie gleich in geringen Abständen, etwa 5 Zentimeter von Zwiebel zu Zwiebel, 2 bis 3 Zentimeter tief in den Boden zu legen. Hier überwintern sie; sie treiben im Frühling und werden später nach dem Absterben des Laubes aufgenommen. Der September ist nicht nur für die Laubenkolonisten, sondern auch für die Blumenfreunde, die im Winter etwas Blühendes in ihrem Heim haben wollen, ein ausgesprochener Zwiebelmonat. In den Samenhandlungen kauft man jetzt die verschiedenartigen holländischen Blumenzwiebeln, die nun, auf der Laubenparzelle gepflanzt und später mit einer Laubdecke gegen Winterfrost geschützt, im nächsten Frühling den zeitigsten Flor liefern. Wertvoller sind sie aber als Zimmerblumen für den Winter. Die allcrfrühestcn dieser Blüher, Schneeglöckchen, Safran, Schneestolz, Scilla, MuSk oder Muskathhazinthen, Jonquillen, Tazetten und Narzissen blühen im Zimmer am spätesten und verlangen ein sonniges Fenster, denn ohne Sonne findet bei ihnen keine Blütenentwickelung statt. Ganz anders verhalten sich Hyazinthe und Tulpe. Bei ihnen haben wir es ganz in der Hand, wenn wir Frühsorten pflanzen, sie schon von Weihnachten ab an den Fenstern unserer Wohnräume, mögen diese sonnig liegen oder nicht, zur Blüte zu bringen. Es kommt bei ihnen lediglich auf die richtige Feuchtigkeit, die Treibbarkeit der gepflanzten Sorten und auf die Höhe der Zimmerwärme an. Für späteren Flor, von Januar und Februar ab, genügt die übliche Zimmertemperatur. Hübsche Tulpensorten erhält man schon für S— 10 Pf. pro Stück, während gute Hyazinthen nicht unter 2S Pf. zu haben find. Man verlange gute, frühe Treibsorten, die man möglichst bald in Töpfe pflanzt. Die richtige Topfweite beträgt für Tulpen 8, für Hyazinthen 10 Zentimeter. In Töpfe von dieser Größe pflanze man je 3 Tulpen, die Hyazinthen aber einzeln. Man braucht den Töpfen keine Scherbenunterlage zu geben, füllt sie leicht mit Erde und drückt dann die Zwiebeln mit Daumen, Mittel- und Zeigefinger' der rechten Hand so in das Erdreich ein, daß die Hyazinthen mit dem Topfrand in einer Linie stehen, die langen Hälse der Tulpenzwiebeln ihn nur wenig überragen. Danach wird die Erde fest angedrückt, nach Bedarf noch Erde nachgefüllt, dann gießt man die Töpfe wiederholt gründlich an, stellt sie in den Keller und bedeckt sie hier mit einer handhohen Erd- oder Sandschicht. Nach zwei Monaten haben sich die Zwiebeln gut bewurzelt, auch kräftige Triebspitzen haben sie gebildet; die Töpfe werden dann von der Erdschicht befreit und teils zur langsamen Entwickelung in kühle, teils zum sofortigen Treiben in warme Wohnräume gebracht. Hyazinthen- und Tulpenzwiebeln kommen heute fast aus- schließlich aus Holland, aber auch im Sande der Mark wäre ihre gewinnbringende Kultur möglich. Bor einigen Jahrzehnten gab eS bei Baumschulenweg, Boxhagcn und Rummelsburg noch ausge- dehnte Hyazinthenfelder, die zur Blütezeit im Frühling Tausende von Schaulustigen anlockten. Diese Hyazinthenkultur hat leider der Baustellenkultur, besser gesagt: der Baufpckulation weichen müssen, die die Preise der in Frage kommenden Ländereien derart in die Höhe trickb, daß die Besitzer den Verkauf der Ländereien der Zwicbelkultur vorzogen, Spaten und Harke beiseite legten und mit gefüllten Geldbeuteln im Großstadtleben untertauchten. Die Anspruchslosigkeit der Blumenzwiebeln an den Boden hat seinen Grund darin, daß alle Reservestoffe, die zur EntWickelung der Blätter und Blüten in der nächsten WachstumSperiodc gebraucht werden, schon aufgespeichert vorhanden sind. Natürlich verbraucht die Zwiebel in der Treibperiode alle Reservestoffe, und da sie bei diesem an und für sich unnatürlichen Verfahren keine Möglichkeit findet, sie nachträglich wieder zu ersetzen, schrumpft sie hier erheb- lich zusammen. Mancher Pfleger wird verdutzt darüber sein, daß er eine große, feste Zwiebel pflanzte, aber beim Herausnehmen der- selben in der nächsten Ruheperiode eine weit lockere und kleinere in die Hände bekommt. Das Schrumpfen ist noch erheblicher, wenn man die Zwiebeln auf Wasser treibt. Hierzu sind in erster Linie Hyazinthen geeignet, am besten mittelfrühe und späte Sorten; auch ziehe man bei diesem Verfahren die einfach blühenden den gefüllt blühenden vor. Nur Zwiebeln erster Qualität versprechen Erfolg; Hauptsache ist, daß sie fest sind und«inen gesunden Wurzelboden haben. Die Größe allein ist nicht maßgebend; denn es gibt Sorten mit Prachtblumen und Riesentrauben, die von Natur aus ganz kleine Zwiebeln besitzen. Es ist dies namentlich der Fall bei den gelbblühenden. Die beste Zeit, Hyazinthen auf Wasser zu setzen, ist Mitte September. Die einfachen Hyazinthengläser des Handels kosten 10 Pf. pro Stück und genügen; sie hoben verschiedene Halsweiten, und man muß für jede Zwiebel ein Glas auswählen, dessen Hals- weite dem Durchmesser des Wurzelbodens der Zwiebel einiger- maßen entspricht: denn ist sie zu eng. so kann einTeil�der Wurzeln nicht in das Glas hinabwachscn. Man füllt die Gläser bis zum Hals mit Leitungswasser und fügt diesem zu dessen dauernder Frischerhaltung eine kleine Messerspitze Kochsalz bei. Die aufgesetzte Zwiebel darf mit dem Wurzelboden nicht in das Wasser hinein- reichen, sonst fault sie. Ein anderes, neueres Verfahren ist daS Treiben der Blumen- zwiebeln auf grobem, rein gewaschenem Sand oder Kies Iwkn auf kleinen Kieselsteinen. Sand, Kies oder Steine werden solange ge- waschen, bis das Wasser über ihnen klar bleibt, dann gibt man fie in ziemlich flache Gefäße; ein Suppenteller genügt schon, aber kleine Tonschalen sehen netter aus. Nun setzt man Hyazinthen, Krokus oder Frühlingssafran, Narzissen und Tazetten, aber jede Art allein, dicht zusammen in die Schalen auf die beregte Unter- läge und füllt ab und zu soviel Wasser ein, daß die Unterlage feucht bleibt. Die so behandelten Zwiebeln werden auch zunächst dunkel gestellt; erst wenn sie reichbewurzelt find und gut getrieben haben, kommen fie an das Zimmerfenster, wo fie fich unter Einwirkung ganz mäßiger Wärme entwickeln sollen. Es ist ganz selbstverständ- iich, aber ich möchte trotzdem noch besonders hervorheben, daß alle Treibzwiebeln wie überhaupt alle Zimmerpflanzen im Winter nicht mit eiskaltem bezw. frisch der Leitung enommenem Wasser be- gössen werden dürfen, sondern nur mit solchem, das zum mindesten die Temperatur des Raumes hat, in dem die betreffenden Pflanzen gepflegt werden. Für das vorgeschildcrte Treibverfahren wird vielfach in schwindelhaften Inseraten eine sogenannte japanische Feenlilie an- geboten. Auf diese Angebote gehe man nicht ein. denn die angeb- liche Feenlilie ist keine Lilie, sondern nichts anderes als unsere gemeine Tazette, Narcissus Tazetta. Auch sogenannte Trockenblüher fieht man vielfach in den Schaufenstern der SamenhaitWungen. Es find dies Zwiebeln und Knollen, welche die Fähigkeit besitzen, ohne eingepflanzt zu sein und ohne bewässert zu werden, im Zimmer, auf irgendeiner Tablette stehend, ihre Blüten, wenn auch nur in bescheidenster Eni- Wickelung durch Verbrauch ihrer Reservestoffe zur Entfaltung zu bringen. Die am meisten angebotene dieser Pflanzen ist nichts anderes als unsere gewöhnliche, giftige Herbstzeitlose, deren Zwie- beln aber nicht unseren sumpfigen Wiesen entnommen, sondern durch Gartenkultur gekräftigt worden sind. Jetzt ist die Zeit ge- kommen, wo diese Zwiebeln zu blühen beginnen. Wenn man� fie nicht einpflanzt, entfalten fich die Blumen auch so; die erschöpften Zwiebeln sterben danach ab. Der zweite Trockenblüher des Handels ist eine Knolle, der sogenannte Eidechsenschwanz, zu den gleichfalls giftigen Arongewächsen gehörend, dessen langes Blütenkolben-Hüll- blatt nach dem Erblühen schwanzartig zurückgeschlagen ist. Die immerhin interessante Blüte dieses Gewächses ist durchaus nicht schön und fie verbreitet zudem noch einen so unangenehmen, aas- artigen Geruch, daß ich es nicht verantworten könnte, fie zur Zimmerkultur zu empfehlen. Hd. In Sommerarbeit auf dem 4] Rittergut» Bon Heinrich H o l e k. Hinten links in der Ecke, wo die Treppe nach dem Schlafraume hinauf führt, steht sogar ein alter Küchenschrank, und an den Wänden ringsum find in Manneshöhe Bretter wagerecht angebracht, auf denen ebenfalls allerlei Lebensmittel liegen. Die Frauen und Mädchen haben diesen Brettern einen eigenartigen Schmuck ver- liehen. Zungenförnnge Spitzen, aus weißem Papier geschnitten. etwa 16 Zentimeter breit, ziehen fich an den Bretlkanten hin. Das Weiß der Papierspitzen kontrastiert seltsam mit dem Schmutze ringsum. Ich ging zurück nach der Küche. Dort hatte sich inzwischen eine Anzahl Hühner eingefunden. Sie suchten alle Ecken aus. Die Frauen sprachen lebhaft in polnischer Sprache über das Elend und die Arbeitslosigkeit in den Städten. Wahrscheinlich hatte fie mein Kommen auf dieses Thema gebracht. »Es mag sein, wie es will," sagte die Alte zur anderen,»auf dem Lande ist doch aus dem Lande. Da haben die Leute wenigstens Arbeit und können fich satt essen. In der Stadt müssen fie hungern und werden Spitzbuben." Und nun fing fie an zu erzählen, wa» ihr der Fritz, ihr Sohn, gestern alles aus der Zeitung vorgelesen hatte. Als fie damit fertig war, memte fie auf deutsch zu mir:.Nee, KinderS, ich muß machen, daß ich mit meiner Arbeit fertig werde. 'S geht ja schon auf sieben. Wenn Sie noch was machen wollen, helfen Sie der Frau hier." Die war damit beschäftigt, aus der Schleuse, die sich neben dem gemauerten Wasserbehälter in der Küche befand, die Jauche aus- zuschöpfen und in Eimer zu füllen. Die Alte brachte mir eine Zigarre:.Hier, rauchen Sie sich eine an, damit Sie'S nicht so stinkt." Da« war auch nötig. Denn der Gestank war infernalisch. Doch die Alte unterrichtet« mich über die Herkunst deS Dreckes mit den Worten: ,DaS ist weiter nicht« Schlechte«, das ist der Dreck, den die Frauen beim Scheuern und Aufwaschen reinschütten, und der hat fich gesetzt. Und da muß er von Zeit zu Zeit herausgebracht werden." Als ich etwa 30 Eimer hinaus auf den Hof in die AschegruL« getragen hatte, war die Schleuse leer, unf ich atmete erleichtert«f. Dann setzte mir die Alte eine große Schüssel ungeschälter Kartoffel» vor und einen Hering. Das sei mein Abendessen, meinte fie. Ich sollie- mir'»«ht schmecken lassen. Mißtrauisch sah ich sie an; woute sie mich verhöhnen oder meinte fie es im Ernst. Aber fie sah»tcht aus, als wollte fie mich foppen. Hunger hatte ich wohl. Aber es wollte mir durchaus nicht schmecken. Nicht etwa, daß ich Kartoffel« und Hering verschmähte, aber ich war schon zu sehr in die iutüue» Geheimnisse dieser Küche eingedrungen. Ich hatte kaum angefangen zu essen, als auch schon die Leute vom Felde heimkamen. Sie sind pünktlich,, das muß man ihnen lassen, dachte ich im stillen, denn eben schlug die Uhr des«ahe» Lttrchleins sieben. Schwatzend und schreiend füllten sie allmählich den ganzen.Speisesaal" und musterten mich. Die einen heimlich von der Seite, andere wieder offen, beinah« frech. Ich ließ«ich nicht stören, verzehrte ruhig meinen.Schwimmling" und beobachtete das Treiben um mich her. Das zwitscherte und zischte, daß ich Mühe hatte, aus dem Durcheinander etwas zu verstehen. Allmählich ge» wöhnte fich das Ohr an dieses Chaos von Lauten und Worten. Bald sollte ich aber ein eigenartiges Schauspiel erleben. Ganz harmlos fing es an. Ein Bürschchcn von etwa 16 Jahren kam weinend von draußen herein. Hinter ihn her eine Frau, aus deren Munde sich eine wahre Springflut von Schimpfworten ergoß. Eine andere Frau, die Tante des Jungen, fragte ihn, warum er heule. Jammernd erzählte er. Und nun fings an. Erst die beiden Weiber miteinander; dann ergriffen einige diese, andere jene Partei, und in wenigen Augenblicken war die ganze Kaserne in Aufruhr und in zwei feindliche Heerlager getrennt. Ein Lärm, als sei die Hölle los, durchtobte das Gebäude. Ich befürchtete jeden Augenblick, daß der eine oder die andere nach einer von den herumstehenden Mistgabeln oder Schaufeln greifen könnte. Dann war die Keilerei perfekt, und wer konnte wissen, wie sie ablief. Ich suchte den Ausgang zu gewinnen. Aber noch ehe es mir ge- lang, ebbte der Lärm zurück. Noch einige vereinzelte Ausbrüche der Streitenden, die jedoch nicht mehr so heftig waren, und wenige Minuten später saßen sie an den Tischen friedlich nebeneinander und löffelten ihren Kartoffelbrei, wobei sie sich von den Mühen deS Tages unterhielten. Ich habe mir am Schalter eine Schachtel Zigaretten geholt«nd hocke auf einem Schemel in der Ecke, rauche und beobachte. So, nun bist du also dort, wohin du wolltest, denke ich»tr, und überlege, wie ich mich in den nächsten Tagen am besten der- halte, um mit meinen neuen Kollegen auszukommen. Soll ich weiterhin den Kann-nit-verstahn spielen? Das hat den Vorteil, daß sie sich in meiner Gegenwart ungeniert aussprechen. Aber dann fehlt mir auch die Möglichkeit, das Gespräch der Leute auf Dinge hinzulenken, die ich gerne wissen möchte. Und ich entfchietze mich, bei der nächsten günstigen Gelegenheit mich der polnischen Sprache zu bedienen. Inzwischen haben die meisten ihre Mahlzeit beendet,«nd Frauen und Männer holen aus den Säcken Kartoffeln und schälen sie, auf den Bänken, Säcken oder dem Fußboden hockend. DaS find die Vorbereitungen für die morgige Mahlzeit. Diese Leute müssen wirklich fanatische Kartoffelesser sein. Kartoffeln am Morgen, Mittag und Abend, tagaus, tagein; kein Stückchen Fleisch oder Mehlspeise. Höchstens ein wenig Schmalz und Salz als Zutaten oder etwas saure Milch, das ist alles. Ich erinnere mich des Spruches, den ich vor Jahren einst im Thüringer Lande gehört habe: Des Morgens Kartoffeln in aller Früh, Des Mittags Kartoffeln mit saurer Brüh, Und abends Kartoffeln mitsamt dem Kleid, Von nun an in alle Ewigkeit. Amenl So betete immer der Großknecht auf dem Rittergute, auf dem ich damals gearbeitet habe, wenn es mittags, wie gewöhnlich, Kar- toffeln gab. Aber wir hatten morgens Kaffee oder Milch und abends Wurst und Brot und mittags wöchentlich viermal Fleisch und zwischen hinein mal Thüringer Klöße. Und so war der LerS doch immerhin etwas übertrieben. Aber hier traf er voll und ganz zu. Doch die Leute schienen es gar nicht anders zu kennen«ad schienen leidenschaftliche Kartoffelcsser zu sein. Zweckmäßiger konnte der liebe Gott die Sache gar nicht einrichten. Ein Mensch der nicht sehr gerne Kartoffeln ißt, müßte hier verhungern.--? Durch die vergitterten Fenster fallen die Strahlen der schei» denden Sonne und übergießen den öden, unfreundlichen Raum und die Menschen darin mit ihrem Purpur. Ja, die Sonne ist ein alter Demokrat.„Sie scheinet in des BettlelS Dach und in d«S Königs Prunkgemach." Doch die Menschen hier scheinen keinen Sinn für solche ein- fache Schönheit zu haben. Schwatzend schälen fie ihre Kartoffeln. Allmählich dunkelt es. Und die Mädchen fangen an zu singen. Primitive, einförmige Weisen, uralte Volkslieder, die daS alte«nd ewig neue Thema behandeln, Lieben und Scheiden. Naiv und kindlich find die Redewendungen des Textes,»bal die Melodien haben so etwas unbeschreiblich Lähmend-Zwingende», und man kann fich der einstürmenden melancholischen Gedanke» nicht erwehren.• Nach und nach wird es wieder still. Die ledigen Männer«nd Burschen gehen nach und nach hinauf in den Schlafraum. Die stoß 684— Verheirateten, die mit ihren Frauen zusammenwohnen, haben rieben dem„Speisesaal" unter unserem Schlafraum ihre Woh- nungen. Der Raum ist genau so gros; wie der unsere oben; nur ist er durch Bretterwände in sechs Zellen eingeteilt. Jeder der fünf Verheirateten bewohnt mit seiner Frau eine Zelle. Die sechste Zelle ist unbewohnt, wird aber von den fünf Paaren als Vorrats- tammer verwendet. Die Mädchen und Frauen, die allein sind, haben einen ahn- Uchen Raum wie der unsere. Er grenzt an den unseren, hat seinen Eingang aber von der Treppe aus. die neben der Küche nach oben führt. Bei der Alten hole ich mir die Wolldecke, denn ich bin müde und will schlafen gehen. Ich bekomme auch eine. Aber was für etnel Geflickt wie eine alte Regimcntsfahne und immer noch zcr- rissen; dazu ist sie noch klebrig und schmutzig, daß ich sie nur mit Widerwillen anfasse. lind einem plötzlichen Einfall folgend, laste ich mir noch zwei Schachteln Zigaretten geben. Die sollen den Kon- takt zwischen mir und den Leuten herstellen. Oben sitzen sie in Gruppen auf den Pritschen und plaudern. Dort putzt einer seine Stiefel von Lehm rein und fettet sie ein, ein anderer schnitzt an einem Gabelstiel herum, den er„an- machen" will. Ich trete zur nächsten Gruppe hin und nehme umständlich eine Zigarette aus der Schachtel, um die Leute aufmerksam zu machen. Denn ich weist von früher her, dast sie leidenschaftliche Zigaretten- raucher und auf Zigaretten versessen sind wie der Teufel auf eine Seele. Meine Absicht gelingt mir auch. Mit verlangenden Blicken lugen sie nach den Zigaretten. Ich benutze die günstige Gelegenheit und frage auf Polnisch: „CKeete papyrosi?"(Wollt Ihr Zigaretten?) Verdutzte Gesichter einen Augenblick lang. Dann ein freudiges: „?z>a krevl On umi po polskil"(Hundeblut l Er kann polnisch!) Natürlich wollte ein jeder Zigaretten haben, und bald hatte ich sie auch alle verteilt. Und nun begann ein Ausfragen: woher, wohin, ob ich schon mit Polen zusammengearbeitet habe und wo. WaS ich in der Stadt verdient hätte? 28 M. jede Woche. Sie machten grohc Augen und meinten, das sei sehr viel. Na. was verdient Ihr denn? 13,20 M. in einer Woche. Doch da dürfe es nicht regnen, voll müsse sie sein. Also denselben Lohn wie ich. Aber nach drei Wochen gibt es blost noch 1,7l> M. Ja, warum denn? Weil dann die Ernte vorbei ist. So. Wie lange arbeitet Ihr jetzt? Von früh um 5 Uhr bis abends um sieben. DaS Bürschchen, um den der Krach vorhin war, meint: Und ich habe eine Mark auf den Tag. Wie alt bist Du? 18 Fahre. Dort, das ist mein Bruder, der ist 14 gewesen. Der kriegt 88 Pf. Mit Kost, natürlich? Nein, ohne Kost. Die kostet 88 Pf. Bist Du allein mit Deinem Bruder hier oder sind Deine Eltern noch mit? Nein. Mein Vater ist krank. Er must zu Hause bleiben. Und Mutter hat Arbeit zu Hause. Wir haben ein kleines Haus und zwei Morgen Feld. Eine Kuh auch? Nein, blost zwei Ziegen und ein Schwein. Gefällt es Euch so allein? Wir haben unsere Tante und den Onkel mit. Von unten aus dem Speisesaal erschallt die Stimme des Vorschnittcrs: „Ludie, ludiel"(Leute, Leute!) Eilig gehen alle nach unten. Ich gehe mit. Rasch füllt sich der Raum wieder mit den Menschen, und der Vorschnitter verteilt die Arbeit für den kommenden Tag. Die Mehrzahl der Leute, etwa 88, müssen morgen Gerste auf den Feldern wenden, damit die Körner nicht anfangen zu keimen. Zehn Mann, fünf Schnitter und fünf Abraffer, sollen den Weizen im Schlag VI rings am Rande ab- mähen, damit der Selbstbinder dann anfangen kann mit Mähen. Denn ehe die Mähmaschine in Tätigkeit treten kann, must so viel mit der Sense abgemäht werden, dast die Maschine und die Pferde, die sie ziehen, neben dem noch stehenden Getreide vor- über können. In der Regel must dieser Rand zwei Meter breit sein. Die Schneidemesser laufen im Getreide. Bei dieser Kolonne von zehn Mann war auch ich. Ich sollte abraffen. Nach und nach wurde es wieder leer unten. Ich ging mit den anderen hinauf. Ihr Gespräch drehte sich um die Arbeit, die für morgen aufgetragen war. Drüben pochten die Mädchen an die Wand, die unseren Schlaf- räum von dem ihren trennte. Zjarum, konnte ich nicht erfahren. Und nun flog eine Menge zwei- und eindeutiger Redensarten hin- über und herüber, denn die Mauer war nur dünn, so dast man jede» laut gesprochene Wort auf der anderen Seite hören konnte. Einige meiner Gefährten fingen an, Zoten zu singen, und der Moni warf sein mildes Licht durch die Fenster herein. Vom nahen Kirchlein schlug die Uhr zehn. Einer nach dem anderen warf sich angekleidet wie er war auf seinen Strohsack. Nur die wenigsten zogen ihr Schuhwerk von den Füsten. Nun lagen sie schon alle. Ich aber fast noch immer aufrecht auf meinem Strohsack und zögerte. Mir ekelte vor diesem Lager, das vor Schmutz starrte. Um diesen Augenblick möglichst weit hinauszuschieben, brannte ich mir eine Zigarette an der anderen an, bis ich bei der letzten angelangt war. So must es den armen Seelen zumute sein, dachte ich, wenn die Geschichte von der Seelenwanderung keine leere Fabel ist. Noch ein letzter Zug aus der Zigarette, dann warf ich den Stummel durchs Fenster hinaus, zog die Schuhe aus und lvarf mich angekleidet, so wie die anderen, aufs Lager. Dabei hielt ich den?ltem an wie einer, der sich ins Wasser stürzt. Die 5tirchturmuhr kündete bereits die elfte Stunde. (Fortsetzung folgt.) kleines Feuilleton- Naturkunde. Können die Nervenzellen autzerhalb des Or- ganismus leben? Der Nachtveis, dast die Zellen und Gewebe höherer Organismen, von diesen künstlich getrennt, noch auf lange Zeit hinaus lebens- und vermehrungsfähig sind, ist eine der glänzendsten Leistungen unseres an hervorragenden Errungen- schaften wahrlich nicht armen Zeitalters. Ja, es hat nach den Ver- suchen von Harrison, Loeb, Burrows, Lewis, Lambert und be- sonders Carrel sogar den Anschein, als ob das Muskel- und Binde- gewebe des tierischen Körpers gewissermasten unsterblich ist. Wenn man ihnen Sauerstoff und andere unbedingt notwendige Nähr- stoffe zuführt, die Zerfallsprodukte dagegen entfernt, so gedeihen sie unter der Normaltemperatur außerhalb des Organismus auf das beste, üben ihre Funktionen aus und vermehren sich. Gewiß sterben die einzelnen allmählich ab. Aber sie erzeugen fortwährend neue und kommen durch diese immer wieder zum neuen Leben. Die Versuche der genannten Forscher erstreckten sich indes auf Zellen von verhältnismäßig niederem Bau. Nun gilt es zu er- forschen, ob auch die höchst organisierten Zellen, die Nervenzellen, denen die Funktionen des geistigen Lebens obliegen, außerhalb des Organismus kultiviert werden können. Eine ganze Reihe von ungeahnten Perspektiven knüpft sich an diese Frage. Kann die Menschheit hoffen, dast es ihr jemals gelingen wird, das Organ ihrer höchsten Funktionen am Leben zu erhalten und künstlich zu erzeugen? Der berühmte spanische Physiologe, der Nobelpreis- träger Don Santiago Ramon y Cajal, gibt auf diese Frage ein entschiedenes Nein. In seinem auf der 4. Jahresversammlung der spanischen Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaften kürzlich gehaltenen Vortrage schilderte er die Ergebnisse der Ver- suche, die Ncrvensubstanz außerhalb des Organismus leben zu lasse». Die Versuche schlugen fehl: nach zwei bis höchstens neun Tagen waren die Nervenzellen tot. Und es besteht keine Aussicht, diese enge Zeitgrenze wesentlich hinauszuschieben. Warum? Weil die Nervenzellen überhaupt unfähig sind, die Nachkommenschaft zu erzeugen. Innerhalb wie austerhalb des Organismus bleiben sie auf Lebenszeit rein und ansschlietzlich an ihre Funktionen ge- bunden. „Sie werden mit uns geboren," sagt der berühmte Gelehrte, und sterben auch mit uns ab. Nicht ohne Grund sagt man, daß der Mensch nichts anderes ist als das Gehirn, bedient durch die Organe des Körpers. Daraus folgt, daß wir der Hoffnung, die Nervenzellen zu vermehren, entsagen müssen, wie auch dem ehr- geizigen Streben, das menschliche Gehirn ganz oder teilweise leben zu lassen, indem wir es in unseren Retorten einschließen und es unversehrt und lebensfähig auch nach dem Tode des einzelnen auf- bewahren. Und wenn auch die Wissenschaft, die doch schließlich vieles von dem erreichte, was zunächst für eine augenfällige Un- Möglichkeit galt, es je so tveit bringen würde, auch dieses ver- bluffende Wunder zu vollbringen— was für einen Zweck könnte wohl die Erhaltung des Gehirns eines Newton oder eines Pasteur in einer Glaswanne haben? Würde es auch das mindeste denken können? Getrennt von den Muskeln, den ausführenden Organen des Gehirns, abgeschnitten von den Sinnwerkzeugcn, den Pforten für die Eindrücke der Außenwelt, entblößt von allen Anregungen seitens der Organe, worin doch die Wurzeln des Gefühls und der bewußten Aktivität liegen, würde die Existenz dieser armen, ein- samen Nervenzellen auf das Niveau des Fortvegetierens herab- sinken und geistig ebenso arm sein wie die einer ganz groben Haut- oder Bindegewebezelle. Und sollten einmal— durch irgendeine un- glaubliche Heldentat der experimentellen Technik— diesen ver- waisten Zellen die wunderbar chemisch oder mechanisch imitierten Reize des Gedankens oder des Gefühls auch wirklich übermittelt werden— welch eine ungeheure Quall Der Schmerz— und keine Möglichkeit zu schreien und zu weinen! Der Wunsch und keine Hoffnung auf seine Erfüllung! Der Gedanke ohne Wort! Dante selbst könnte nicht eine solche Höllentortur erfinden!" «erantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstallPaul Singer L-Co..BerlinL�.