Anterhallungsblatl des Horwärts Nr. 173. Freitag, den 5. September. 1913 33] Gin JVIann» Von Cam ille Lemonnier. Endlich allein, ivark sie sich in einen Stuhl. Also ivar alles bekanntgeworden! sie würde ihre Schande nach sich schleppen! Zu jeder Stunde würde ihr das zürnende Antlitz dieses zweiten' Vaters, der gütiger als der erste war, vor Augen stehen. Er hatte ja recht: sie war's, die in das ehrbare Haus der Hulottes die Schmach ihres Fehltrittes gebracht hatte. Wäre noch der Mann einer von denen gewesen, die eine derartige Verirrung wieder gutmachen können! Aber der, solch ein Vagabund! Die Scham, die so lange in Selbst- Vergessenheit geschlummert hatte, erwachte wieder in ihr. Nun sie seiner Liebkosungen satt war, schwand auch der Stolz da- hin, den sie ob der Liebe einer solch vollkommenen Kraft- natur empfunden hatte. Das Bild des rüstigen Greises, den sie in wildem Schmerze vor sich zusammenknicken gesehen, sein von den Jahren noch unberührter Geist, seine Verachtung, seine zürnende Haltung zog wieder an ihrem Auge vorbei. Wie sie so reglos in ihrem Lehnstuhl lag, glich sie einem leblosen Körper, aus dem die Seele entflohen! weitab irrte diese, in den fernen Regionen düsterer Grübeleien. Bisweilen stieg es wie Staunen in ihr auf, daß sie zu solcher Schmach herabsinken konnte, sie, die eine ehrbare Mutter gehabt hatte! Musterhafte Beispiele hatten ihre Kindheit umgeben, nie hatte sie andere als rechtschaffene Handlungen gesehen. Und all diese Ehrenhaftigkeit sollte von einem wollüstigen Frühlingslllftcheu wie Staub verweht worden sein. Infolge des fortwährenden Sinnens schwand ihr schließ- lich das Bewußtsein ihrer gegenwärtigen Situation, nur ein duinpfer, betäubender Schmerz hielt sie noch lähmend um- fangen. Im Hofe gackerte eine Henne, die eben ein Ei gelegt; hell, stoßweise stiegen die Töne empor. Bald hörte sie überhaupt nichts anderes mehr als das Gegackcr und verlor sich gänzlich in diesen? Triumphgeschrei. Da rüttelte sie etwas aus ihrer Erstarrung auf: Hayots Brief, der den Händen des Pächters entglitten war. Das Papier lag noch immer auf dem Fußboden, ohne daß sie es früher beachtet hätte. Nun lwb sie es auf und flog es mit den Blicken durch. Hayot begann mit zweideutigen Anspielungen, seinen? Bedauern über den Bruch ihrer guten Beziehungen Ausdruck gebend, ohne sich anfänglich über den Grund zu ä?lßern. All- mählich gii?g er aber in Beleidigungen über und schloß mit den Worten: „Hulotte, ich bedaure den Vorfall: wir waren doch gute Kameraden und haben uns immer miteinander vertragen. Aber von heilte ab seid Ihr, Du und Deine Jungen, mir nicht einmal mehr gut genug, den Mist meiner Pferde wegzu- schaffen, das laß Dir gesagt sein. Und Euer Mädel soll sich auf den Kirmessen niit seinesgleichen herumtreibei?: man weiß sie jetzt einzuschätzen, ebenso wie ihren Heiwn Galan. Und ich kann Euch nur raten, in Zukunft nicht meine Wege zu kreuzen. Künftighin wird man Euch so behandeln, wie es sich für Euch, Vater und Brüder eines solchen gemeinen Frauen- zimmers, geziemt. Ich brauch' wohl nicht erst meinen Namen zu unterschreiben." Und wirklich trug der mit plumper Hand geschriebene Brief keinerlei Unterschrift, dock? verriet jeder Buchstabe die Urheberschaft Hayots. Die Nachschrift ließ vollends keinen Zweifel mehr walten: „U. 8. Sage Deinem Fräulein Germaine, sie möge so liebenswürdig sein, und ei» andermal, wenn sie wieder bei Freunden zu Gaste ist, ihnen vorher sagen, daß sie die Ge- liebte eines Spitzbuben, Eachaprds mit Namen, ist. damit man sich nicht mit einer so unverschämten Person öffentlich kompromittiert." Diese letzten, unverblümten Worte sprachen deutlich für Huberts Anteil au dem Schmähbriefe. Wie sehr verachtete sie seine Feigheit! Rächt sich ei» Mann auf diese Art? Aber das war ja gar kein Mann! und sie erinnerte sich wieder feiner süßlichen Manieren, seines schleichenden Psaffen- fchrittes. Auf dem Vorplatz wurde das Geräusch von Schritten laut. Mit einem Ruck sprang sie auf und lief zum Kamin: der Brief verschwand im Feuer. Jedoch nicht rasch genug, als daß nicht der eintretend« Warnant, ihr ältester Bruder, das Papier in den rötlichen Flammen ncch verschwinden sab. „Mach', was Du willst," sagte barsch,„das Feuer wird's nicht mehr auslöschen. Es gibt gewisse Dinge, die sich nicht aus der Welt schaffen lassen. Man wird diese Schurken lehre??, unseren nri?:en Vater so gr?i??dlos z?? beschimpfen... Aber was Dich anbelangt..." Er inachte eine kleine Pause. „Wenn Du i?icht unsere Schwester wärst, so wären wir bald fertig mit Dir." Sie zuckte die Achseln?ii?d entgegnete trotzig: „Ich bin kein kleines Kind mehr, ich laß' inir das nicht bieten!" In ihr empörte sich wieder das väterliche Blut: sie hatte einem Manne angehört— tvas roeiter? Sie war Herrin über ihre Handlungen, zun? Kuckuck! Ein wilder Drang nach U??- abhängigkeit revoltierte in ihr. Mit fui?kelnden Auge?? trat er auf sie sie: „Du, ich rate Dir, laß' Dich nicht n?it dein anderen z?i- sammen sehen! Mein Geivehr ist geladen!" Nun trat der Vater init finsterer Miene ein, die Brauen noch i???merdar schmerzlich zusammengezogen. Ein wenig später folgte Mathieu, der zweite Sohn. Alle drei setzten sich??in den Tisch hemm. Hulotte wies Gcrmaine mit dem Fii?ger die Tiire. Sie ging hinaus, blieb aber in? Flur lauschend stehen. Zllerst ver- nah?» sie die Stimme ihres ältesten Bruders, der erregt, mit leidensdhastliche?? Ausfällen gegen die Hayots sprach: ver- worren drangen einzelne, abgerissei?« Worte zu ihr. Hieraiif erhob sich die Stiimne des Vaters voll Eri?st und Würde. „Jungen," sprach er,„laßt i??ich jetzt rede». Ich bii? d?lrch Ger?naine noch schivcrer als ihr gestraft. Ich Hab' ihr so sehr vertraut. Aber ich will Euch etwas sagen. Vielleicht bin a?ich ich nicht ganz frei von Schuld. Ihre Mutter hat sie?nir wie mein eigenes Kind ans Herz gelegt. � Vielleicht?vär's nicht so weit gekommen, wen?? meine selige Frau noch lebte. Ich Hab'?nich zu sehr an die Idee geklammert, sie i?i?ii?er bei mir z?? behalten.— Manches Mal handelt?>?a?? schlecht, ohne es zu wollen. Ich hätte eher darai? denken sollen, daß ein Mäd- che» in ihren Jahren dazu da ist, zu heiraten und?ins Alten zu Großeltern z?i?nachen. Später werdet ihr niich schon begreife??, Kinder. Aber— wenn meine arme Selige i?och lebte, hätt' sie ihr sicher einen braven Man?? ausgesucht, der sie zu seiner Frau geniacht und auf seinen Hof genommen hätte. Eben erst sind inir die Augen ailfgegangen, wie ich draußen, unter den Apfelbäumen, war. Jawohl, ich Hab' gut nachge- dacht. Ich bin alt, ich leh' jetzt inanche Dinge in ganz andere??, Lichte als in jungen Jahren, ich bin auch>veniger rasch im Urteil gelvorden. Na. also, hört: man darf sie nicht zu hart anfassen. Ich Hab' ihr schon genügend gesagt." Hulotte schtvieg. ES trat eine Pause ein, dann erhob sich Waruants Sti,n?i?e aufs neue: „Vater," sagte er,„sie ist die Ursache, daß diese Schufte/ i?ns Schliini>?es angetan habe??, als wei?n sie uns angespien hätten." „Schön, das ist Eure Sache. Ich weiß, was ich getan hätte, als ich mich noch rühren konnte: ich hätt' ihnen ihre verfluchten Zunge?? ausgerissen, diesem verdammte?? Gesindel! Der Schuft, der Hayot, soll nur koinnie», er tvird inich kennen lernen! Wenn ihr a>?s meinem Holze seid, so lveiß ich,>vaS jetzt konimen wird. Die Landstraße ist breit genug für eine Schlägerei!" Dies alles wurde in eindringliche?? Töi?ei? vorgebracht, die i»? Herze?? der Burschen ihren Wide?-Hall fände??. Drohend klangen ihre Stiiui????? durcheinander, u?id Geri??aine konnte die Worte vernehmen: „Gut gesprochen, Vater! Wir tverden sie prügeln." Ein Wage?? rollte d?irchs Hostor herein und verschlang ?i?it seinem Gerassel de?? Rest der Unterredung. Sie zog sich auf ihr Zirnmer z?ir>ick. 29. Nun begannen trübe Tage für sie. Man ließ sie aus- mid eingehe», ohne von ihrer An- Wesenheit Notiz zu nehmen. Sie hatte ihre gewohnte Be° schäftigung wieder aufgenommen. Bald in der Küche, bald im Stalle war sie wieder die rüsttgste Haushälterin von ehe- dem geworden, und das Verlangen, sich mit Arbeit zu be- täuben, spornte sie zu außerordentlicher Betätigung an. Nur bei den Tieren fühlte sie sich ein wenig leichter ums Herz; bei den Rindern auf der Weide waltete ein wohltuender Friede, der sich auch ihr mitteilte. Kaum heimgekehrt, brach aber die Erinnerung ihrer Schmach überwältigend über sie herein. Der Pächter schien mit seinen Söhnen eine geheime Ab- rede getroffen zu haben, sie ruhig sich selbst zu überlassen. Man mied sie. An Stelle des guten Einvernehmens von ehedem war kühle Zurückhaltung getreten, die sie inmitten des Getriebes des Pachthofes vollständig isolierte. Bisweilen wurden einige Worte gewechselt, jedoch nur hastig und scheu. So zogen sich die Nachmittage stumm und träge dahin, und zu ihrem Kummer gesellten sich noch die lähmenden Gluten der Junisonne. Erst die Abende waren ihr wie eine Erlösung. Namentlich die Mittagstunden lasteten auf ihr. Da flu- teten brennende Hitzewellen in den Hof; das glühende Schieferdach schleuderte einen vernichtenden Atem in das Treppenhaus: der Düngerhaufen kochte. Eine große Mattig- keit, die zeitweise auch auf ihren Geist übergriff, befiel ihre Glieder. Wozu war sie sürder noch gut. An Heirat durfte sie nicht mehr denken: jeder Freier, der ihre Geschichte erfuhr, würde sich anderwärts ein besseres, sittsameres Mädchen suchen. Unbeachtet würde sie in einem Winkel verkommen, mit jeder Jahreswende ein wenig mehr verbitternd. Und düster, dräu- end, in schier endloser Reihe zogen an ihr die trostlosen Jahre des reiferen Alters vorbei. tLorstetzuiig solgt.l Zur pfychologie des fümdramas. Einige unserer Schriftsteller, die da einen„Namen" haben, haben es für nötig gehalten, die künstlerisch empfindende, literarisch geschulte Welt baß in Erstaunen zu setzen, indem sie die Verfilmung ihrer Werke gestatteten oder selbst Filmdramen schrieben. Welche dieser beiden Taten das größere Verbrechen ist, das zu untersuchen ist ziemlich zwecklos. Zweierlei an den Begleiterscheinungen war interessant: einmal die Laxheit in den Ausführungen, mit denen einige der Schriftsteller diesen Schritt zu rechtfertigen� suchten (während andere verlegen ganz schwiegen) und die die Sache als ganz harmlos hinstellten. Andererseits wird es noch der psychologi- schen Erklärung bedürfen, weshalb der Schrei der Entrüstung in Presse und sonstiger Oeffentlichkeit so schwach, o so sehr schivach er- tönte. Um so besser verstand die interessierte Fachpresse das Er- eignis auszubeuten, Reklame damit zu machen und mit reizender Eifrigkeit festzustellen, daß es nun eine Kinokunst gäbe, da ja drei deutsche Dichter sie anerkannt hätten. Nun, Hauptmann hat jetzt durch die Vergewaltigung der Freiheit der Kunst durch Hofschranzen in Breslau gewaltig viel Sympathien erworben. Es ist daher ein wenig unklug, gerade in diesem Moment ihn in der Kinofrage an- zugreifen. Aber es läßt sich doch nicht umgehen; zumal alle Zeitungen von der beginnenden Verfilmung der„Atlantis" reden. Es muß also gesagt werden: Wie deutsche Dichter es vor ihrem künstlerischen Gewissen verantworten, daß sie ihre jtzunjt in den Dienst der Kinematographentheater stellen, das wird der deutschen Kunstgemeinde stets ein Rätsel bleiben, auch wenn gewissenlose Schreier, wie Hanns Heinz Ewers zwei Stunden lang im Kino reden. Es ist natürlich der leidige Mammon, dem die Kunst dabei zum Opfer fällt. Munkelt man doch von einigen Millionen, die der brave Sienkicwicz mit seinem„Quo vadis" gemacht hat. Man glaubte aber doch der ganzen Aktion ein Mäntelchen umhängen zu müssen und sprach deshalb von der Hebung des Kinos. Doch einer aus dem eigenen Lager der Filindichter ivar mutig genug, auch diese trügerische Illusion zu zerstören. Wolzogen bekannte: �.Jm allgemeinen fürchte ich, daß wir uns um die Hebung des Kinos ziemlich vergeblich bemühen werden." Wir können heut schon sagen, daß Kitsch wie„Villa Stillfried" usw. beweisen, daß man sich absolut vergeblich bemüht hat, trotz Tolstoi u. a., und daß man sich völlig vergeblich mühen wird, trotz Hauptmann u. Gen. Nie- mand wird im Ernst Wolzogens Satz zitieren wollen:„Braachbare Filmdramatiker werden sicherlich nur solche Dichter werden, die spannende Handlungen, packende Situationen zu erfinden und mit ihrer Tendenz das Massenempfinden zu treffen wissen." Es tut mir leid, solche Schundliteraten vermag ick vor meinem künstleri- schen Gewissen nicht Dichter zu nennen. Nein, nie und nimmer wird sich das Filmdrama mit dem Begriff der Kunst vereinen lassen. Doch eben d'avon soll jetzt die Rede sein; das ist zu beweisen. Du schäumst vor Autoritätsgefühl; Du liebst, was'„Großen" einst genehm, Weil Du nicht viel zu denken brauchst. Das ist hoch so bequem. Schreib drüber„dem Deutschen"— und glaubs. Wer nur keine Furcht, mein Freund, ich will Dich ja nicht„schlecht machen". Ich will mich ja nur rechtfertigen, wenn ich mit Zitaten komme. Da Hab ich hier ein nettes Buch: Technik des Dramas von Gustav Freytag. Nicht wahr, den Mann solltest Du kennen? Und sei's nur von den„Ahnen" her. Hoffentlich glaubst Du ihm einiges — denn mir allein glaubst Du's ja doch nicht. Was ist dramatisch? so wollen wir ihn einmal fragen. Und er sagt:„Nicht dramatisch ist die Aktion an sich...; nicht die Darstellung einer Begebenheit an sich, sondern ihrer Reflexe auf die Menschenseele ist Aufgabe der dramatischen Kunst. Schilderung fesselnder Begebenheiten ist Aufgabe des Epos." Und nun höre meine ketzerischen Worte: Ein Filmdrama gibt es gar nicht. Was man da spielt, das sind„aufgeführte" Romane, ja Romane. Muß ich denn erst den Geist(Pardon: Eid) des Stephau Huller aus dem„B. T." zitieren? Siehst Du, das nannten sie Filmdrama, und das war ein Roman. Und bald werden sie „Atlantis" das große Sensations-Filmdrama nennen und ist doch ein Roman. Es ist eigentlich recht verwunderlich, daß man dieser Verwischung der Grenzen von Roman und Drama, ja mehr, dieser vollkommenen Verkennung des Charakters beider Dichtungsarten durch die Kinematographie noch niemals besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat. Es mutzte doch Bedenken erregen, daß eine neue Kunstgattung(und das will doch die Kinokunst sein) so rücksichtslos gegen alle bisherigen Kunstgesctze verstieß. Man trat in theoretische Erwägungen über diese Erscheinungen deshalb nicht ein, weil man in den meisten Künstlerkreisen die ganze Asfäre für viel zu belang- los hielt und weil die anderen Kreise doch nicht kritisch und Urteils- fähig genug waren. Freytags oben zitierte Definitionen für dramatische Kunst gelten unangefochten noch heute und werden gelten, solange es überhaupt Kunst gibt, denn sie nennen nicht die Umgrenzungen einer Kunstgruppe, sondern das Wesen derselben, und am Wesen des Dramas ändert man nichts, ohne dieses selbst zu vernichten. Es fragt sich also jetzt: kann die Kinematographie die Aufgabe erfüllen, die Reflexe einer Begebenheit auf die Menschenseele wiederzugeben? Die Antwort lautet: NeinI— Der Film vermag kein Drama zu geben. Da nämlich die dramatische Kunst„Men- schen darstellt, wie ihr Inneres nach außen wirkt oder durch Ein- Wirkungen von außen ergriffen wird, so mutz sie konsequent die Mittel benutzen, durch welche sie dem Publikum diese Prozesse der Menschennatur verständlich machen kann. Diese Mittel sind Rede, Ton, Gebärde. Sie muß sie vorführen als sprechend, singend, in mimischer Tätigkeit." Schreib drüber:„Todesurteil des Film- dramas" und drunter„Gustav Freytag". Rede, Ton, Gebärde— und die Rede ist die größte unter ihnen. Das weiß man ja längst in der Kinematographie. Da stellt man den„schwungvollen" Er- klärer hin, der von dem„treulosen" Weibe erzählt, das sich mit der Schwiegermutter nicht vertragen will. Da gibt man den ein- zclnen Teilen grausige Überschriften, die alles im voraus verraten: Er ißt— Sie ißt. Man hat diesen Ueberschriftenrummel letzthin nicht schlecht im„Mann mit der grünen Maske" glossiert. Man braucht eben diese Ueberschrifien und Erklärer; es verstände ja kein Mensch die Handlung. Auf zwei Sinne wirken zu dürfen, das ist der Vorzug, den die dramatische Kunst jeder anderen voraus hat; wer ihr die eine Seite raubt, indem er nur hopsende Menschen bewundert, der bläst ihr das Lebenslicht aus. Hat man denn nicht das dumpfe Empfinden gehabt, daß man auch den Gehörsinn be- schäftigen müsse, als man Klavier und Harmonium, ja Orchester in das Kino brachte? Und all das: Erklärer, Ueberschrifien, Schauermusik würde ja nichts helfen. Trotz allem Verraten der Ueberschriften, trotz des übertreibenden Ertlärers, trotz der bald jubelnden, bald schau rig-klagende» Musik würde die Handlung doch zum Teufel gehen und von niemand verstanden werden, wenn nicht die Schauspieler unmäßig in Mienen und Gebärden übertrieben. Muß ich erst aus Lessings„Laokoon" Kunstgesetze zitieren? Ich denke, das Wort:„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister" ist Urteil genug. Kunst mutz immer Beschränkung bleiben, sonst wird sie— Karikatur. Ein Schritt nur vom Erhabenen zum Lächerlichen. In der Kunst heißt er immer Uebcrtreibung. Der Kinokitsch tut diesen Schritt immer. Hat denn schon ein einziger Mensch mit gesundem Knnstcmpfinden ein Filmdrama gesehen, ohne über die Schauspielerkaritaturen selbst einer Asta Nielsen zu lachen? Das grobe Unterstreichen, das Verzerren der Gesichtszüge, das zur Klarheit der Handlung unbedingt nötig ist, wirkt auf jeden wahrhaft empfindenden Menschen verekelnd oder lächerlich. Die fein andeutende, zarte Bewegung, die beherrschte Erregung, die der Phantasie des Zuschauers noch Spielraum lassen, sie sind Kunst. Die grelle Pose und der lächerliche Schwung des Kinodebütanten hat mit Kunst nichts zu tun. Ich habe früher einmal an anderer Stelle geschrieben:„Man spiele doch im Film einmal den„Wallcnstein" oder Hauptmanns „Versunkene Glocke". Ist der Gedanke allein nicht lächerlich?" Ich habe damals die Schamlosigkeit und Kunstvcrachtung des Kino- dämons unterschätzt. Man hat den„Faust" verfilmt. Ich verbürge mich mit meinem Kopf, daß ich diesen tvahnsinnigen Frevel an der deutschen Literatur und Kunst mit eigenen Augen gesehen habe. Man hat den„Parsifal" verfilmt. Nun, beide Wahnsinnstaten haben ein so glänzendes Fiasko gezeitigt, daß selbst die Branche- presse ihren Unmut über derartigen Unsinn nicht unterdrücken konnte. Nichtsdestotrotz— man verfilmt auch Schillers„Verbrecher aus verlorener Ehre". Es ist bezeichuend für die künstlerische Natur der Kinematographie, daß man auf dieses Abenteuerdrama eines jugendlichen Eifrers verfiel, das der reife Mann später niemals als Kunstwerk hat gelten lassen wollen. Nun sind die„Räuber" an der Reihe. Wir werden wohl nicht lange zu warten brauchen. Vor dem Kino ist nichts sicher, so steht es in allen Tageszeitungen. Und der ruhige Bürger lacht. Ja, es wäre zum Lachen, wenn es nicht so bluternst wäre, wenn das alles nicht die schamloseste Ver- gcwaltigung unserer Kunst bedeutete. Wir haben also erkannt, datz es ein„Filmdrama" nicht gibt, da die Kinovorführungen'die Postulate, die man an ein Drama auf Grund der allgemeingültigen Kunstgesetze stellen mutz, nicht erfüllen können. Man hat mir von literarisch nicht ungeschulter Seite tatsächlich eingewendet: ich stritte um Worte; wenn es keine Dramen seien, so werde man es eben Filmromane nennen, das ändere an der Sache nichts. Ich erwidere darauf: datz es zum Wesen des Romans gehört, datz er nicht vorgemacht wird(denn auf blödsinnige Einwendungen gehören ebenso blödsinnige Er- widerungen). Es gibt kein„Filmdrama" und mehr noch, die Kinematographie hat mit Kunst nichts, gar nichts zu tun. Das Filmdrama ist seinem Wesen nach doch nichts anderes als eine mit lebenden Bildern illustrierte Romanhandlung(wohlgemerkt: Roman ha n d l u n gl). Mit demselben Recht, mit dem man die Kinematographie eine Kunst nennt, kann die Photographie eines Gemäldes ein Kunstwerk sein. Di« Kinematographie könnte höchstens ein mechanisches Kunst. reProduktionssystem, eine Kunstvervielfältigung sein, wenn die dar- gestellten Stoff« Kunstwerke wären. Leider sind auch diese nicht einmal Kunst. Zum Begriff der Kunst gehört es doch zu aller- nächit, datz der Künstler Eignes, Individuelles in sein Kunstwerk gietzt, datz er die ihm eigenen Ideen durch eine nur ihm eigene Form zum Ausdruck bringt. Auch vor dieser allgemeinen Kunst- forderung vermag die Kinematographie nicht zu bestehen. Das so- genannte Filmdrama vermag lediglich eine Handlung wiederzu- geben, von einer Idee, die dabei zum Ausdruck gebracht wird, kann nicht die Rede sein, da die Ausdrucksmittel völlig unzureichend sind. Die Form aber ist niemals individuell, sondern schematisch. Die Kinematographie hat mit Kunst nichts zu tun. Der Kino gehört der Wiffenschaft und allen möglichen anderen Gebieten, nimmer aber der Kunst. Walter Oehme. In Sommerarbeit auf ctem es Rittergut. Von Heinrich Hole f. Nachdem wir eine halbe Stunde gegangen waren, bogen wir zehn Mann, die nach dem Weizenfelde sollten, über eine Wiese nach links ab. Die anderen setzten den Weg in der alten Richtung fort. Im Gänsemarsch, einer hinter dem andern in Abständen von drei bis fünf Metern, bildeten sie einen langen Zug. Nach etwa zwanzig Minuten waren auch>vir an der angewiesenen, Arbeitsstätte und verteilten uns. Ein fast endloses Weizenfeld dehnte sich vor uns aus. Goldgelb und schwer wiegten sich die Aehren im Morgenwinde. Mein Schnitter legte Jacke und Brotbllndel ab, wetzte die Sense und nachdem er sich in die Hände gespuckt halte, fing er mit einem „psia krew" an zu mähen. Schrupp, schrupp, schrupp, rauschte die Sense und die Halme, die sich eben noch im Winde wiegten, legten sich zur Erde. Nun begann auch meine Arbeit. Das gemähte Ge- treibe mutz glatt zusammengelegt werden. Wenn man so viel bei- sammen hat, das eS eine Garbe gibt, dann wirdS gebunden und die Garbe auf den Feldrand geworfen, damit die Bahn frei ist für die Mähmaschine. Viel Zeit zum Umsehen bleibt nicht übrig, wenn man mit- kommen und nicht zurückbleiben will.„Schwupp, schwupp" rauscht die Sense und jeder Sensenhieb bedeutet einen kleinen Schritt vor- wärts. Von Zeit zu Zeit hält der Schnitter inne und wetzt die Sense. Und weiter gehts dann: schrupp, schrupp, schrupp. Und hinter ihm her raffe ich die schweren, goldenen Aehren, lege sie zusammen und binde Garbe um Garbe. Die Sonne steigt höher und höher. ES ist erst um sieben, aber schon mächtig warm. Blau und wolkenlos wölbt sich der Himmel über uns. Der Rücken schinerzt schon von dem vielen ungewohnten Bücken und der Schweitz dringt aus allen Poren. Aber die Sense rauscht vor mir in gleichmätzigen Schlägen und ich mutz weiter. Garbe um Garbe werfe ich auf den Feldrain. Um halb acht Uhr kommt der Herr Administrator, hoch zu Rotz. Er nickt mir befriedigt zu:„Na.'S geht ja!" und reitet weiter. Nach einer Biertelstunde taucht er wieder auf. Er war ringsum geritten, zu sehen, wie weit die Arbeit gediehen ist.„Na, bis um zehn sind wir wohl soweit, datz die Maschine ran kann?" Und nachdem er uns eine Weil« zugeschaut hat, reitet er von bannen. Endlich ist's um acht I Frühstückt Wir gehen nach unseren Bündeln und werfen un§ auf die Garben. Ich habe tüchtigen Hunger und noch grötzeren Durst. Aber leider nichts zu trinken. Und nur schwer rutscht das Brot durch die trockene Kehle. Wanja, mein Mäher, sieht mir zu, wie ich meiu Brot hinunter würge und fragt: Hast wohl nichts zu trinken? Ich schüttle mit dem Kopfe. Hier trink I Er bietet mir seine Flasche an. CS ist eine Liter« flasche und enthält Magermilch. Ich nehme einen Schluck. Immer trinke noch mehr I nötigt er mich. Es langt für uns beide. Mutzt halt sehn, wo Du eine Flasche herkriegst. So ist das nichts. Durst ist schlimmer als Hunger, fagt er einfach. Seltsam I Wieder mutz ich an den Herrn Oberinspektor im Nachbargute denken, der nicht einmal Wasser für mich übrig hatte. Und während wir an unserem Brote kauen, fragt er mich aus, woher ich komnre, warum ich fort bin, und ich gebe ihm Auskunst. Was ich in der Fabrik für Arbeit zu verrichten hatte und was ich dort verdiente. Ich habe Möbel verpackt, gebe ich ihm Bescheid. Verpackt? Warum? Nun, die Fabrik macht Möbel und verkauft sie audj nach auswärts. Und da müssen sie verpackt werden, damit sie auf der Bahu beim Transport nicht beschädigt werden. Ach so. Und wieviel verdienst Du da? 28 M. wöchentlich. Er pfeift leise vor sich hin und meint: Viel Geld. Ich suche ihm auseinanderzusetzen, datz eS gar nicht zu viel Geld sei. Eher noch zu wenig, und erzähle ihm von der WohnungS- miete, die 300 M. jährlich beträgt, von den Steuern, die fast 60 M. betragen, und den hohen Nahrungsmittelpreisen. Nun ja. Dafür kannst Du aber auch ordentlich leben und brauchst nicht so ein Hundeleben zu führen wie wir. Und nun erzählt er mir, wie er lebt. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahre geht er alljährlich nach Deutschland als Erntearbeiter. Heuer ist er das zwölftemal in Deutschland. Voriges Jahr war er in der Gegend von Wanzleben auf einem Gut und lernte dort feine Franziska kennen. Im Februar dieses Jahres hat er geheiratet und von seinem Vater das Anwesen erhalten. Ein Häuschen mit vier Morgen Land und einer Kuh. Sein Vater und Franziska bewirt« schaften es, während er in der Fremde ist. Eigentlich sollte seine junge Frau mit ihm gehen. Aber sie war schon schwanger, ehe die Zeit kam, da sie nach Deutschland gehen wollten. Und so ging er allein. Denn die„Herren" wollen keine schwangeren Frauen und Mädchen in Arbeit nehmen, und wenn sie mit den Frauen Kontrakte abschlietzen, müssen sie ausdrücklich versichern, datz sie nicht guter Hoffnung sind. Kommt es trotzdem vor, datz sie schwanger wird, dann ist das ein Grund, der den„Herrn" zur sofortigen Entlassung berechtigt. Deshalb hat er sie zu Hause gelassen, als er am 20. März in die Fremde ging. Anfang August sieht sie ihrer Nieder- kunft entgegen. Schweigend blickt er vor sich hin. Seine Gedanken weilen Wohl zu Hause. Wieviel Lohn hast Du hier? frage ich ihn. 2 Marl 20 Pfennig Tagelohn; wenn ich Akkord habe, dann ver- diene ich mehr, 22 bis 2g Mark. Aber da mutz man viel arbeiten. Wieviel brauchst Du für Dich jede Woche? Nu, ich habe mit Kost; Kartoffeln kocht mir Frau Materna. Brauche ich noch Brot und Schmalz, ein bitzchen Wurst und alle Tage anderthalb Liter Magermilch. Brauche ich 6 oder 0 Mark die Woche. Das andere Geld spare ich mir. Da mutzt Du hier schon viel Geld gespart haben? Ja, wenn wir immer so viel kriegten wie jetzt in der Ernte. So? Ist das denn viel? Nu, nachher gibts nur 1 Mark 70 Pfennig. Da bleibt dann nicht so viel übrig. 2 Mark 20 Pfennig gibts bloß sechs. Wochen lang. - Wie lange mutzt Du hier bleiben? Der Kontrakt ist bis zum IS. Dezember. Wenn der Herr aber keine Arbeit hat. dann schickt er uns schon früher fort. Sinnend schaue ich. über das wogende Feld. Wanja brütet stumm vor sich hin. Dann stötzt er zwischen den Zähnen hervor: Hundeleben das, wenn der Mensch arm ist. Psia krcv I Von der anderen Seite dringt das kalte, harte Geräusch vom Wetzen der Sense herüber. Ich sehe nach der Uhr: reichlich halb Neun. Und nach wenigen Augenblicken rauscht wieder die Sense durch die Halme und ich binde mit schmerzenden Rücken und Händen Garbe um Garbe. « Hoch oben, kaum sichtbar über uns, jubeln die Lerchen I «« * Der Herr Administrator hatte richtig taxiert. Um zehn Uhr waren wir durch. Kaum hatte ich die letzte Garbe gebunden, so kam auch schon der Selbstbinder angerasselt, von drei kräftigen Pferden ge- zogen. Die Messer schnurren und rasen hin und her, Zahnräder und Hebel greifen in einander und arbeiten gleichmätzig. Sie legen das gemähte Getreide glatt, schlingen den Bindfaden drum herum, wenn es zur Garbe reicht, binden den Knoten und die kleine Gabel an der Seite hinten pendelt hin und her und wirft eine Garbe nach der anderen zu Boden. Und vorn stampfen die Pferle schwitzend vorwärts. Oben auf dem Sitz thront der Knecht und achtet darauf, datz die Pfdrde und die Maschine weder zu weit nach rechts oder links gehen, sondern dicht anr Rande hin. Nach drei Stunden kommen frische Pferde und nach weiteren drei Stunden wiiider andere. Und ehe die Sonn« sinkt, ist das weite Feld abgemäht. So verdrängt die alles tönnende Maschine auch den Schnitter allmählich, um dessen Tätigkeit im Laufe der Zeiten die Dichtkunst und Malerei einen bunten Kr-wz gewoben haben. Freilich, ganz wird sie ihn nie verdrängen ktenen. Denn er muß ihr erst die Bahn frei machen, ehe sie anfangen'lann zu arbeiten. lFortsetzuug folgt.) kleines Feuilleton. Der Laubsall der Bäume. Kastanien und Linden haben längst braune Blätter oder sind schon kahl, und nun tritt das allgemeine Sterben, ocr„gelbe Tod" der Blätter ein, wie man den Laubfall anschaulich, aber falsch bezeichnet: der Laubfall ist eine Slnpassungscrscheiiiung ans Klima, er hat mit Sterben nichts zu tun, und die Bäume verlieren auch gar nicht ihr Laub, sondern sie werfen es ab, um die großen Flächen abzustoßen, durch die sie sonst zuviel Wasser verdunsten wurden. Das; die Bäume die Blätter selbst abstoßen, kann man an jedeni welken Blatt ablesen, das man vom Boden aushebt: es ist wie mit dem Messer abgeschnitten und der Stiel endet in einer ganz glatten Fläche. Wie bringen die Bäume dieses Kunststück zuwege? Längst ehe der erste Nachtfrost eintritt, bereiten sie das Abstoßen der Blätter schon vor; sie beginnen damit, alle wert- vollen Stoffe, die in den Blättern vorhanden sind, einzuziehen, Eiweiß und Stärke wandern durch den Stengel auswärts, dann werden diese wertvollen Stoffe in den Knospen für das nächste Jahr aufgespeichert, und vom Blattgrün bleibt nichts zurück, als eine gelbliche, halb zerflossene Masse, die den Grundton des Herbstlaubcs bestimmt. Es bleibt ein totes Gerüst des Blattes übrig, das für den Baum keinen Wert mehr hat. Während die kostbaren Stoffe stielaufwärts wandern, bildet sich am Grunde des Blattes die sogenannte„Trennungsschicht" aus, in der das Blatt abbricht. Quer durch den Stiel hindurch bildet sich, �vie Worgitzky schildert, eine neue Gewebeschicht zartwandigcr, in Tei- lung begriffener Zellen aus. Durch den Druck, den die sich rasch vergrößernde Trennungsschicht ausübt, werden auch die Gefäße, jene feinen Wasserleitungsröhrcn der Gefäßbündel, die als tote, protoplasmalose Zellen der Teilung selbst nicht folgen können, in Mitleidenschaft gezogen, ihre Wände gequetscht und gestreckt. Schließlich lockert sich in den mittelsten Lagen der Trennung»- schicht der Verband der Zellen, und ein Windstoß geniigt dann, um den Zusammenhang zu lösen und die Gefäße der Bündel mit durchzureißen. Die gleiche Wirkung hat der Frost, der den Zell- saft der zartwandigen Trcnnungsschicht zum Gefrieren bringt, weil die gefrierende Flüssigkeit die Zellwände zersprengt und dabei die Gefäße zerreißt. An Stelle jedes Blattstieles bleibt so eine Wunde, die natürlich verschlossen werden muß, und diesen Wundverschluß stellt der Baum in Gestalt einer wasscrundurch- lässigen Korkschicht her, indem er eine neue Obcrflächenschicht an- legt, deren äußere Zellen lückenlos aneinander schließen. So fällt das einzelne Blatt, und so wird die Wunde verschlossen. Nicht alle Bäume einer Art verlieren ihr Lamb zu gleicher Zeit, und die Bäume verschiedener Arten werfen ihr Laub auch zu verschiedenen Zeiten ab. Der Standort, ob auf einer Berg- spitze oder im windgeschützten Tal spielt dabei eine große Nolle, und ebenso ist die Lage des einzelnen Blattes an der Baumkrone " auch von Bedeutung. Es gibt z. B. Sonnen- und Schattenblätter, und in der Regel vergilben die Sonncnblätter zuerst. Je schöner� und trockener der Herbst ist, um so früher beginnt das Laub zu fallen, denn nicht der Wärmcmangel, sondern die Austrocknung bedingt den Laubfall. Bei Eschen, Buchen und Haselnußsträuchcrn verlieren die obersten Zweige ihr Laub zuerst; umgekehrt, von unten beginnend, geht die Entlaubung dagegen bei Linden, Pappeln und Weiden vor sich. Bei Platanen, die unter allen unseren Bäumen im Frühjahr zuletzt ihr grünes Blätterklcid an- legen, kann man beobachten, daß sie einzelne Blätter besonders lange behalten, und zuweilen findet man noch spät im November Laub in den Platanenkronen Die Blätter, die bis zuletzt aus- halten, sind die Spitzenblätter der jüngsten Triebe, als die zuletzt entstandenen. Aehnliche Erscheinungen kann man an falschen Akazien beobachten. Noch anders verhalten sich ein paar BaunO arten. Während Eschen und Erlen ihre Blätter im griiacn Zu- stände abwerfen, behalten Eichen und Hainbuchen die Blätter oder wenigstens große Mengen davon den ganzen Herbst und Winter hindurch. H. Winklcr und V. Engter haben z. B. an Eichen. Buchen und Hainbuche:! beobachtet,'daß die Blätter von den jüngsten an der Peripherie der Krone stehenden Zweigen zuerst abgeworfen werden. Das Fortschreiten des Laubfalles findet allmählich nach dem Inneren der Krone zu statt, in senk- rechter Richtung aber schneller als in»vagerechter, so daß in cinein gewissen Stadium eine mehr oder»veniger kugelige Laubinasse übrig bleibt, die auf der unteren Fläche der Krone ruht. AnthrüpvlvgischeS. Der Eckzahn der alte st en Frau der Welt. Erst auf dem letzten Internationalen Medizinischen Kongreß in London gab eS unter den Gelehrten einen heißen Meinungsstreit über die Folgerungen, die sich an den vor einiger Zeit von Charles Dawson in den Kalkgruben von Piltdown in Sussex gefundenen Schädel des prähistorischen Urmenschen knüpfen ließen. Es handelt sich dabei um den ältesten bisher der Forschung zugänglich ge- wordenen menschlichen Schädel, sein Alter wird auf gegen'200 lXJO Jahre geschätzt und in seiner Form bildet er ein Mittelglied zwischen Mensch und Affe, das von besondercin Interesse ist, weil die Gestaltung des Schäoels dem Affen noch näher steht als dem Menschen. Dawson hatte den Fund als den Schädel einer Frau bestimmt und ihn der Pliozänperiode zugelviesen. Die von Dr. Smith Woodward vom Naturhistorischen Museum in South- kensington vorgenommene Rekonstruktion, die von einigen Seiten in ihren Einzelheiten angefochten lvurde, hat jetzt eine interessante Stütze, die eine Bestätigung der Woodivardscheu Theorie zu er- bringen scheint, durch einen neuen Fund erfahren. Daivson hat in der Zwischenzeit mit zwei Freunden die Nachforschungen und Ausgrabungen in jener Kalkschicht, in der er seinerzeit den Schädel des nach ihm benannten Eoanthropos Dawsoni entdeckte, fortgesetzt, und am Sonnabend wurde die Mühe belohnt:»nan fand einen zu den» Schädel gehörigen Eckzahn der„ältesten Frau der Welt". Der Zahn ähnelt in seiner Form durchaus der Woodivardscheu Rekonstruktion, ist aber etwas kleiner und spitzer. Wie alle Eckzähne ist die Rückseite sehr schräg. Form und Zustand weisen darauf hin, daß er zum Kauen von Wurzeln und faserigen Substanzen diente, er bestätigt dainit die aus den Schneidezähnen des gefundenen Kiefers abgeleiteten Annahmen. Der Fund, so bemerkt dazu das englische Blatt, das über die Entdeckung berichtet, bringt uns wieder einen kleinen Schritt weiter auf dem Wege zur Kenntnis der Lebensweise dieser älte- stcn„Urahnen". Die Phantasie des Blattes malt sich die Art des „Urweibes" folgendermaßen aus: Schön ist sie nicht geivescn. Die Schädeltvölbung nähert sich bereits der menschlichen Forin, das Gesichtsprofil aber ist noch affenglcich. Eine Sprache»var noch nicht ausgebildet, die Stimine wird sich auf die Nachahmung einiger Naturlautc beschränkt haben, lieber ihren menschlichen Charakter können wir mir wenig ahnen; ihr Temperament war wahrscheinlich kalt, verwöhnt»vurdc sie nie, zu ihrer Zeit gab es kein geheiligtes Familienleben, und von klein auf mußte sie für ihre Nahrung selbst sorgen. Wahrscheinlich fertigte sie sich eine kleine Steinaxt an, mit der sie die kleinen Tiere niederschlug, um Kleidung zu erlangen, und mit der sie besonders harte und zähe Wurzeln— ihre Nahrung— bearbeitete. Unausgesetzt war sie in Gefahr, den riesigen Maftodons zum Opfer zu fallen. Diese herbe Erziehung wird auf ihr Temperament und ihren Charakter nicht gerade mildernd eingetvirkt haben, liebenswürdig und freundlich ist diese Urnrutter, diese Venus von Sussex, ganz gclviß nicht gewesen. Aus der Chemie. Explodierender Wasser st off. Ein Unglücksfall, der vor einiger Zeit in einem Magazin des französischen Heeres- flugwesens erfolgte und zwei Menschenleben forderte, hat jetzt durch gründliche Untersuchung eine Aufklärung gefunden. Es handelte sich um die Explosion von Röhren, die mit komprimiertem Wasserstoff gefüllt Ivaren und in oer üblichen Weise zur Füllung von Ballons Verwendung finden sollten. Die Explosion fand statt, »nährend die Arbeiter damit beschäftigt waren, den Druck des Gases in den Röhren zu messen, und sie»var so gewaltig, daß 35 von den in der Uingcbung liegenoen»llöhren nach allen Rich- tungen umhergeschleudert wurden. Einige von ihnen»vurden in mehr als 150 Meter Entfernung aufgefunden, Ivo sie auch erst durch Bäume aufgehalten worden waren. Die Untersuchung sollte nun vor allem feststellen, wie die Explosion erfolgt»var, und»oelche Vorsichtsmaßregeln zu ihrer Vermeidung bei der Handhabung der Röhren zu beobachten sein dürften. Die Ergebnisse der Nachforschungen sind von allgeineine- rem Interesse, weil der Wasserstoff immer noch sehr viel zur Füllung von Luftschiffen venvandt wird und auch noch so lange benutzt werden»vird, bis nicht der eigentliche Flug jede Unter- stützung durch Ballons völlig ausgeschaltet haben wird. Zunächst wurde festgestellt, daß der Wasserstoff nicht rein tvar, sondern erhebliche Mengen Luft enthielt. Diese Mischung entziindete sich in einer der Röhren in dem Augenblick, als ein Manoineter an der Röhre angebracht worden»var, Ter Entzündungsvorgang ist bei Röhren mit koinprimiertem Tauerstoff zur Geniige bekannt geivorden. Er besteht darin, daß sich die in der Manometcrröhre enthaltene Luft bei allzu Plötz- licher Ocffnung des Ventils infolge der Drucksteigerung auf 150 Atmosphären stark erhitzt und daourch das Gemisch in der Röhre rückwärts entzündet. Hätte es dieser Aufklärung nicht mehr be- dürft, die schon seit langem zur vorsichtigen Handhabung solck>er Röhren gemahnt hat, so sind die Versuche bedeutsam, die zur Er- Mittelung des zur Explosion nötigen Drucks und Luftgehalts ge- führt haben. Danach sollte der Wasserstoff keinesfalls»nehr als v. H. Luft enthalten, auch reiner Sauerstoff kann in die Röhre gelangen und bedeutet eine ähnliche Gefahr, falls er nicht unter 4 v. H. bleibt. «cranOn Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: VorlvärtsBuäwrnckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer L-Co., Berlin SW.