NnterhaltungsSlatt des Horwärls Nr. 176. Mittivoch, den 10. September. 1913 Gin JVIann. Von C a m i l le L e m o n n i e r. In der Schenke war die Schlägerei zu einer allgemeinen geworden. Bis auf einige ältere, besonnenere Männer, die sich gleich»ach dem ersten Geplänkel borsichtig zurückgezogen. hatten alle Anwesenden für oder wider die Rausenden Partei genommen. Mathieu, von Donat angegriffen, versetzte diesem einen so heftigen Faustschlag in die Magengrube, daß er in einem fürchterlich>en Zustande zwischen den Tischen zusammen- stürzte, wobei er sich übergab. Aber schon ging iilvr Mathieu ein Hagel von Hieben nieder. Hayots Freunde mengten sich ein und umringten den jungen Kämpen, der minder routiniert als sein älterer Bruder war, und kneteten, walkten, zerbläutcn ihn, zerschlugen ibm Weichen und Brust. Mathieu leistete, so gut er konnte, Widerstand. Als ein fettiger Dickwanst ihn zn unischlingen versuchte, schlug er ihm die Zähne ein. Einen anderen traf er ins Genick. Ein dritter erhielt einen fürchterlichen Hieb auf den Brustkorb', kaum war jener zurückgewichen, als andere, sich in die Bresche stürzend, über Mathieu herfielen. Mit zerfetztem Wanis und blutüberströmtem Ohr hielt er noch immer stand, bestrebt, die Mauer zu erreichen, um sich den Rücken zn decken. Plötzlich wurde ihm ein Bein gestellt. Er strauchelte, versuchte noch, sich an einem Tische auzuklammer», wurde jedoch von zahl- reichen Händen zu Boden gestosten. Nun artete das Handgenienge in ein richtiges Blutbad aus. In geschlossenen Reihen fiel die Hayot-Partei über ihn her. Immer neue Püffe klatschten auf ihn nieder. Ein Hagel von Tritten zermalmte ihm das Kreuz. Durch das wilde Getümmel kamen die Tische zu Fall, das Haus krachte in allen Fugen. Bisweilen brüllte einer vor Schmerz und Wut wie ein Tier" wütende Flüche drangen zwischen den knirschenden Zähnen hervor' doch alle diese Laute gingen in dem wüsten Getöse des Kampfes unter. Der bestürzte Wirt lief zu seinen Gläsern und suchte diese in der Eile in Sicher- heit zu bringen: dock? lagen die meisten zertrümmert am Boden, eine feine, glitzernde Stanbschicht aus den geröteten Fliesen bildend. Er lamentierte laut: er war ein fried- liebender Mann, zu alt, um sich in den Kampf einzumengen. Von Zeit zu Zeit flehte er um Gnade für sich und die anderen. Wohl lxstte er nach dein Gendarme» geschickt, doch dieser liest auf sich Nxirten. Möglich, dast ihn der Bote im Quartier nicht angetroffen hatte. Tatsächlich kam dieser mit der Nach- richt zurück, dast der Wächter, den Sonntag benützend, auf einem Jnspcktionsgang nach einem Holzschlag, eine Meile vom Dorfe, begriffen fei. „Warnant, zu Hilfe!" ächzte Mathieu. Die wilde Meute lynchte ihn: eine Wolke lag vor seinen Augen, seine Arme vermochte» nicht mehr die Schläge zu parieren, und mühsam rang er nach Atem. Sein Ruf schlug wie ein Alarmsignal an Warnants Ohr. der den Bruder ver- gcssen hatte, während er auf Hubert einhieb. Er wandte sich nach der Richtung um, aus der der Hilie- schrei gekommen war, sab Mathieu von der wilden Horde zer- stampft werden und sprang mit dem Rufe auf: „Nur Mut! Halte Dich gut!" Ein Stuhl war leicht zu erreichen. Den packte er mit beiden Hände» wie ein Holzknecht das Beil und liest ihn aus Rücken, Lenden, Schädel uiedersausen, wohin er gerade zu- fällig traf. Sechsmal holte er aus. den anderen keine Zeit zum Besinnen lassend. Beim sechsten Male zerbrach der Sessel: blost ein Bein blieb ihm in der Hand, mit dem er wie ein Rasender um sich schlug. Das Blut spritzte in Strömen von den Gesichtern: dem einen hatte er ein Schlüsselbein zer- schmettert, dem anderen die Kinnladen ausgerenkt. Alle schoben, stiesten, drängten sich, suchten sich mit geduckten Schultern und vorgestreckten Ellenbogen zu schützen. Und un- aufhörlich hieb er, aus Leibeskräften die Waffe schwingend, auf die dampfenden verquollenen Fleifchmassen vor sich ein. Das war das Ende des Kampfes. Die beiden Hayots hatten jedoch nicht mehr so lange ge- wartet und sich schon früher in Sicherheit gebrockt. Mit zerfetzten Röcken und blutigen Gesichtern hatten sie sich ans die Straste geflüchtet. Drausten hielten sie die Passanten mit c Ausrufen des Mitleides an: ach. du lieber Himmel! wie sie zugerichtet waren! Ihre Haut war rot wie ein frisch ab- gezogener Hase! Nicht einmal ihre feine Wäsche, nicht die uenen Anzüge hatte man verschont! Namentlich die Frauen zeigten sich entsetzt und schlugen die Hände überm Köpfe zu« sammeu. Tann begannen sie zu erzählen: jene Kanaillen, die Hulottes, seien wie ein Gewittersturm ins Wirtshaus eingedrungen, um sie, die friedlich beim Bierc fasten, zu pro- vozieren. Sogar Messer hätten jene gezogen, während sie sich ohne Waffen, mit blanken Händen, zu verteidigen hatten. Daher auch der»»gleiche Kampf. Aber man würde es ihnen schon heimzahlen! Es sei eine Schmach fiirs ganze Dorf, dast man sie nicht aus dem Wirtshause hinausgeworfen habe. Als sich die Leute darüber aufzuhalten begannen, versuchten sie die Stimmung für sich auszunützen. Allein die Männer hörten nur kopfschüttelnd, ohne sich zu rühren, ihren Schimpf" reden zu. Als sie einsahen, dast sie blost das Mitleid der Weiber und das täppische Schweigen der gaffenden Gassen- jungen für sich hatten, zogen sie ab. Nun der Raufhandel beendigt war, strömten die Neu- gierigen in helle» Hansen ins Wirtshaus und bestürmten die Hulottes mit Fragen. Doch die waren, nachdem die Erregung des Kampfes gewichen, total erschöpft und zitterten am ganzen Körper. Mit grasten Schritten gingen sie in den Wald und liesteu sich am Rande eines Bächleins nieder, das unter einem Gebüsche hervorsprudelte. Als sie sich überzeugt hatten, dast ihnen keinerlei Ueberraschnng mehr drohe, wuschen sie sich Kopf und Arme in dem klaren, murmelnden Wässerchen. 31. Bittere Tage fiir Cachapräs. diese letzten vierzehn Taget Der Bursche kam gar nicht mehr aus dem Toben heraus, haderte mit Gott und den Menschen. Wie viele Tage und Nächte verstricken waren, seit sie sich im Häuschen der Eougnole jo toll geschnäbelt hatten, und kein einziges Mal war sie seither erschienen! Vermaledeite Dirne! Mit Wollust hätte er sie von Dämonen in die Hölle geschleppt, im Fege- fener braten sehen und selbst dabei sein mögen, um sich an ihren Qualen zu weiden. Seine wicdererwachenden wilden Instinkte liesten ihn die ungeheuerlichsten Torturen für sie ersinnen: Gcrmaine sollte bluten und auf der Folterbank liegen! Sie hatte sich über ihn lustig gemacht: W gewist wie da oben die«onnc stand, war er der geprellte Narr in einer Komödie, die sie und der Hayot ausgedacht hatten. Sie hatten ihm weismachen können, lvas ihnen beliebte. Und jetzt erinnerte er sich auch an Germainens zweideutige Worte, ihre wachsende Kälte, ihr gezwungenes Beuchmcu, das sie zur Schau getragen. Wohlan! Wie sie wollte! Er, Eachapräs, würde ein Kreuz über die Vergangenheit machen, aber ein Kreuz von der?lrt, dast niau es über der vcrhastten Gcrmaine auf dem Kirchhofe aufstellen könnte. Er hatte es wahrhaftig satt, mit dieser schmerzhaften Wunde sich weiter zu schleppen. Ein angeschossenes Tier verkriecht sich im Gehölz: doch seine Wunde war nicht von denen, die heilen Er hatte genug des vergeblichen Harrens, während sein Fleisch nach ihr schrie, genug des ewigen Narrenspicls. Dies war kein Leben mehr. Und nichts in der Welt erschien ihm mehr begehrenswert genug, uni ihn für das Glück, das ihn so schnöde geflohen hatte, noch schadlos zu halten. Sie hatte ihn dahin gebracht, das; ihn vor seiner Tätigkeit ekelte. Das Wild lmtte keinen Reiz mehr für ihn: gleichgültig liest er die flinken Rudel vorüberziehen, denen er einst so gierig nachgestellt hatte. Aber auch uock? andere, düstere, nie zuvor gedachte Ge- danken tauchten in ihm auf. Seiner einsamen, zigeuner- haften Kinderjahre gedachte er, seiner Angehörigen, die, finster, mißtrauisch, gedrückt, ein bistchen minder gut noch als Eber und Wölfe im Walde lebten, in Hütten wie Erdlöcher hausend, weder Wohlbehagen noch Frohlnst noch die Liebe schöner Mädchen, den Ueberflust der Speicher, die Freuden der Tafel kennend: die ohne Wunsch, ohne Begier, allen Ge- missen deS Lebens fremd, sich immerdar nur plagten und mühten, ohne zn wissen warum: die ihre Kinder in einem Gebiisch zur Welt brachten wie wilde Tiere und schließlich ohne Trleite in die Grube verschorrt wurden, einsam und verlassen am letzten wie am ersten Tage ihrer Existenz. Während andere Menschen, wie zum Beispiel die Hayots und die Hulottes, aus nichcn üppigen Höfen geboren, von zartester Kindheit an gehegt und gepflegt, inmitten von Lust und Freude aufwuchsen, späterhin die noblen Herren spielten, schöne Mädchen heirateten, mit denen sie wiederum Kinder erzeugte», die ebenso in Saus und Braus lebten, wie sie. Es gab aus der Welt Menschen, die nichts, und andere, die alles besaßen, die Hungerleider, die aus der Landstraße vor Frost mit den Zähnen klappern, und die Besitzenden, die, mit Gold und Silber ausgestopft, sich beim warmen Kamin ihren Tickwanst mästen. Taß diese Ungerechtigkeit nicht erst seit gestern existierte, wußte er sehr wohl: aber sie war spur- los, ohne den geringsten Eindruck zu hinterlassen, an ihin vorübergeglitten, während sie nun die Sturmglocken in seinem Innern läutete. Er war einer der von Mutterleib an Ent- erbten. Welch himmelschreiendes Unrecht! War er nicht auch ein menschliches Geschöpf? Gibt's etwa unter den Tieren des Waldes solche, die mehr, und solche die weniger besitzen. Dürfen denn in der menschlichen Gesellschaft andere Regel» gelten als in der Wildnis der Wälder, wo jeder ein Anrecht a»f Nahrung und ruhigen Schlaf besitzt? Reichtum und Glück sollten höchstens ein Vorrecht der Starken fein, all derer, denen Klauen und Schnabel eignen. Ihm kam wieder eine Episode in den Sinn, wie er einstmals in einem Torfe einen Mann, der ihn Tieb und Räuber geschimpft, bei der Gurgel gepackt, angesichts des ganzen Wirtshauses zu Boden geworfen und ihm auf der Stirn den blutigen Abdruck seiner cisenbeschlagcuen Sohlen hinterlassen hatte. Wie! Tieb und Räuber wagte er einen Menschen zu nennen, welcher dem Wilde ini Walde nachstellte, als ob der Wald eher dem Hans als den Peter gehören dürfte. Hatte vielleicht der liebe Gott ein Gebot darüber erlassen? Wie albern und blind doch die Bauern waren! Nichts anderes brauchten sie, als sich mit Heugabeln und Sicheln zu waffnen, um selbst Herren zu sein, Reichtümer zu besitzen, ihre Kinder in Saus und Braus aufzuziehen. Mordbrenner! Man war vielleicht dumm, daß man's nicht tatsächlich wurde und sein Jammerleben gegen ein reiches, mmbhängiges eintauschte! Drei Nächte lang strich er um den Pachthos herum, von Rachegelüsten verzehrt. In den Scheunen lag hochanfgetürmt das Stroh: er brauchte bloß ein brennendes Zündholz hinein- zuwerfen, und das ganze Gehöft loderte hock: auf wie dürrer Tabak: dann hätte er sich unter dem Schutze der Feuers- brunst zu Germaine herangeschlichen und mitten im wilden Flammentanz ihr zugeschrien: „Vater. Brüder, Gesinde, Hof und Vicb, alles brennt nur Teinetwegen. Heule, winsele, geißle Dich, ruf' nur um Hilfe: ich halte Tich dennoch fest; ich will sehen, wie Trine Knocken zu Asche zerfallen." Aber sein instinktiver Abscheu vor feigen Taten hielt ihn von diesem Vorhaben zurück. Was hatten ihm denn die übrigen Leute getan? Nichts! Bloß Gerinaine haßte er. Während er. hinter einer Hecke zusammengekauert, seinen düsteren Gedanken nackhing, spiegelte sich ein milder Mond- strahl in der Scheibe ihres.Kämmerleins. Hier war es, wo sie schlief, wo sie halbnackt ruhte. Und im Geiste sah er den herrlichen Leib mit der wuchtigen Last seiner üppigen Brüste in den molligen Kissen ruhe». Eine brünstige Wollust packte ihn, brachte sein Blut zum Sieden. Er lechzte danach, hinauf- zusteigen, ihr seine Zähne in die Lippen zu graben und dann ein Messer ins Herz zu stoßen. lLortsetzung folgt.s l�ene Romane. Drei Bücher der Befreiung. OttoRung: Die lange Nacht. lRüitcnu. Locniug, Frankfurt a. M.) Hermann Stchr: Geschichten aus dem Mandel- hause. lS.Fjscher.Bc.rlin.) Johann Bojer: Leben.(S. Fischer. Berlin.) Drei Büehcr de* Befreiung, in denen aus der langen Nacht das Licht bricht. Wenn wir Toten erwachen, könnte man als Sammelnamen darüber schreiben. In Rnngs Roman ist es ein Blinder, dessen Leben zur langen Nacht wird, aber nicht dieses Dunkel der Augen, das er ängstlich zu verbergen sucht, ist die Tragik deS Börsenmagnatcn, es ist die Finsternis seiner Seele, die Schätz« raffte und doch nichts flcttw»», was ihm Glück gegeben, die ihn einsam machte, mitten im Reichtum zum armen Mann. Skrupellos setzte sich seine Erobcrernatur durch, doch wurde er kein Lebenssieger, so wenig, wie sein Geschöpf, ein zynischer Glücks- jäger, dessen Zwergennatur au die Renaissaucenatur des blinden Riesen geschmiedet ist. In der Oede dieses toten Hauses, in dem man ein Leben»eben dein Leben lebt, geht das Mitleid in Gestalt eines jungen Mädchens um, die bald den blinden Herrscher bc- herrscht und dennoch schaudernd sich befreit, um mit einem jungen Lebenssucher den rechten Weg zu eigenem Leben zu finden. Durch das Buch geht die Sehnsucht nach Licht, aus dem Schatten heraus in die freien Gefilde menfchlich-schöner Aufgaben, hinweg von leb- losen Dingen, an denen die Weit hängt, und die doch leer lasten. So streifen die beiden Befreiten den toten Ballast des Lebens ab und gehen unbeschwert dein Tag entgegen, in dessen Helle die höbercii Ziele der Menschheit stehen. Rnng ist ein Dichter deS Positiven von prägnantem Stil, den er mit geistigen und poetischen Arabesken zu schmücken weiß. Grüblerisch, mit tausend Gedanken- und Gefühlsschnörkeln geziert, ein wcuig schwerfällig und doch wieder beschwingt von seelischen Erregungen, zeichnet Hermann St ehr die Befreiung seines Schneiders. Alle Gestalten des schlesifche» Dichters sind ja Minialiirphilosophen, die i»it dem Kopfe in den Wolken stecken, dicwcil ihre Füße recht mühselig den Staub der Erde treten müsse». Auch Eusebius Mandel spiritisiert in Raabescher Art und baut um sich eine phantastische Well auf. Im krausen Tanz der Gedanken sitzt er anf seinem Schneidcrtisch, und die Empfindungen wirbeln in ihm, bis eine Empfindung, die Leidenschaft für eine Stumme, eine derb-pustelige Magd, sein Leben aus dem Gleise bringt. Seine Frau ist gestorben und bat ihm den Amadeus hinterlasse». Dieser Knabe ist niit der Hellsichtigkeit und mit der Fciuhörigkeit des dichterischen Menschen begabt. Sein« junge Seele hat Fühler, die auf jede Regung des Außenlebens reagieren, und sein Herz, singr, Ivcnn dieses Außeulcbeu gut und schön ist. Doch bei der wachsenden Gier des Vaters zum stummen Weibe mit seinen roh- sinnlichen Reizen wird das Herz des Kindes stumm. Es singt nicht mehr, es sehnt sich nach dem Tode. Schon hat der Tod einen Zipscl des Kindes erfaßt, da erwacht der Balcr: di« Befreiung voin gtschlcchllichcn Rausch toinmt ihm von seinem loten Weibe, das als Lichigeslalt jetzt die Schnciderstube erfüllt. Den Verborgenheiten der Mcnschenseele, die nicht«in der verworren sind im primitiven Menschen wie in der komplizierten Natur, geht Stchr mit Psycho- logischem Senkblei»ach, und er gelangt zu Tiefcu und Riffen, zu mystisch Gedeiinnisvollcni, drin er mit einer fast pantheistische» Glut nachspürt. Steigt auch zuletzt immer aus dem Wolken- gcdüust der Grübelei eine Befreiung in Gestalt fomincr Resignation — so werden die Menschen doch nickt vom Druck der Schwcrlcbig- keit und Schwcrblütigkeit erlöst, Nwhl ein Vermächtnis der schlcsi- scheu Natur. Ganz anders sieht die Befreiung der Bojer scheu Marschen aus. Hier fetzt die neue Naturrcligion ein, die die Kirchen leer stehen läßt, weil ihre Götter ins Gebirge übergesiedelt sind. Ein Einsiedler, ein Schwcrlebigcr, sieht sich Plötzlich dieser neuen Glücks» lehre, die ihre Bezauberungen aus Freilicht und Frcilust holt, gegenüber und der Lebensrausch kommt auch über ihn. Bojer ist ein fanatischer Prophet scues Soiincnlebcns. das nicht bloße Muskelkultur mit n»chr Waden als Verstand ist, sondern das ge- sunde Geschöpfe mit lachenden Augen erzieht, wenn die Körper über den Sctnicc fliegen und die Lungen die reine Bergluft atmen. So ist sein Buch ein einziger Hymnus auf das Bcrglcbeu geworden, freilich ist dabei als selbstverständlich die materielle Basis für solch ein Freiluftleben vorausgesetzt. Aber der arme Lehrer Holth— er bat geringe Einnahmen, Weib und Kinder— wie er auch von diesem Lcbensrausch erfaßt wird: er kann den Traum nicht zu Ende träumen, denn aus den Bergen und der Lust der Jugend muß er Heini in die muffigen Stuben mit der täglichen Not, wird er aus dem Rausch des unbeschwerten Naturlebens zu sich selbst und seinem kctrentragendcn Pslicktlcben zurückgeschoben. Eine Liebes- gcfchichtc zwischen dem„Erivachten" und einem Mädchen von jenem anderen Ilscr des Leben?, dahin er seinen Nachen nicht zu steuern verstand, schlingt sich in die ekstatische Naturanbetung des Bcr- fassers, was das Buch aber am wertvollsten macht, ist das plastisch durchgeführte Leitmotiv der Jbsciischen Wcisbcit:..Die Freude ist es. die den Menschen adelt." So zeigt er die Lebensfreude als die Bronnen, ans denen der Mensch seine besten Taten schöpft. Drei Bücher von Willcnswcibern. Em. Este: Der Tram pcl.(Abert Langen, Münchc n.) A u g n st c H a u s ch n c r: Die große Pantomime» (Egon Fleische!, Berlin.) Angela Langer: Stromaufwärts.(T. Fischer» B c r l i n.) In vorliegenden drei Romanen haben wir eine Trilogic von Willeiisweibern. Frauen, die mit zäher Energie sich dem Schien- drian des Alltags entwanden und zielbewußt für ihre Persönlich- keit tärnpsen. Ader verschieden ist daS Ziel der drei Heldinnen, die die Selbstbesiimnning auf ihr Panier gesetzt haben. Persönlichkeit haben nur Auguste HauscknerS von der Muse geküßte Brigitte, deren Künstlergeist und Kü, istlerseele so mutig und wem, es sein muß, bartherzig sich gegen Familien- und Gesellschaftskonvenlion wehren. Ganz Individualität tst auch die von Angela Langer geschilderte Kampftrin um«ine Erkenntnis, um tiu von höhere» Werten erfülltes Leben; der Trampel von Ein. Este dagegen ist— eine Person. Aber diese Käthe Patruccini, daS Kind ärmster Leute, die eS mit berechnender Schlauheit kraft ihrer körperlichen Vorzüge vom Kücheittrampel über die Hausdame hiniveg zur Baronin bringt, wächst in der Esteschen Erzählung zum Typ heraus, zum Typ jener anschwellenden Kaste der verkappten Dirne», die kühlen Blutes, wachsamen Sinnes, doch ohne natürliche Sinnlichkeit, also antierotislb, auf die Erotik der Männer spekulieren, mit hypnotischem Blick auf deren Kasse. Als solch ein Banrpyr des Geldbeutels ist der.Trampel" ein rassereines Eyemplar, das über Herzen und Liebe mit plumpem Tritt und rohem Griff emporsteigt zur Besitzenden. Die Entwickelung dieses WillenSmädchens ist himmelweit verschiede» von Auguste Hanschners Familientochter, die den Funken des GenieS in sich brennen fühlt und von einer Schönheit träumt, die sich über das bürgerliche Ideal hinauSschwingen will. Die Vcr- fafferin hat ihr Buch Grete Wiesenthal gewidmet. Von deren Tanzkunst entflammt, ersann sie wohl ein Schicksal vom Ringen um diese schönheitsschöpferische Kunst des Körpers, die mit dem Rhythmus des Leibes erobert und Glück gibt und Glück gewinnt. Dieses ziel- bewufjte Wollen ist in dem mit dichterischem Feuer ge- schriebenen Lebensweg einer nach den Begriffen der Normal- niasse.Entarteten" mit dein Leiden einer Frau verflochten, der das Glück wie Wasser verrinnt, weil daS Leben ihr mitleidslos nach dem geliebten Mann nun auch die geliebte Tochter entreitzt. Und gerade in diesen Kapiteln von der trauernden alternden Mutter, die den Mann an eine Fiingere und die Tochter an eine höhere Macht abgeben nnitz, um einsam zn bleiben, in diesen mit psycho- logischem Einblick gestalteten Szenen des Entsagens sehe ich die besten und reifsten Bilder aus der großen Pantomime, die man Leben nennt. Poesie und Kunstchimäre treiben Brigitte fort von der Mutter hinein in besagte große Pantomime— die Stellen des Zigeunertums, wo Brigitte für ihre Kunst heranreift, sind leider crfindnngslos durch- schnittlich geraten—„ein Mann wird sich nach ihr sehnen, ein Kind ohne sie iveinen: aber sie wird dafür andere Kinder lächeln machen und Freude und Momente der Erhebung schenken". Leise wird hier das Probien, angerührt vom ewigen Dilemma zwischen Familie und Allgemeinheit.... Ging der Ausstieg des Geldweibes ins Platt- Satt-Matcriclle, der des Kunstweibes inS Dionysische, so führt Angela Langers Ichronmn— ein Bekenntnisbuch voll tiefer Menschlichkeit— in einem langen Dornenweg zur Tüchtigkeit, zur Arbeit, zur Menschenliebe. Hier fühlt«in Mädchen der Armut das ganze Leiden der Menschheit am eigenen Leib«, aber ein starker Wille treibt es stromaufwärts, immer höher hinaus in die Schönheiten der Literatur, der Kunst, so daß alles Edle aufblüht im Innern der Dienenden. über deren Arbeitsieden mit mildem Schein das Märchen der Liebe leuchtet. Aber das Märchen wird nicht Wahrheit, doch die Augen des Mädchens werden sehend und die Seele weit: der Egoismus der Begehrenden erstirbt in, Herzen einer, die sich der All- gemeinhcit in anderer Art, wie HauschncrS Brigitte vermählt fühlt. Die Religion des Lebens steigt herauf, die mitleidiger ist als jene des Gekreuzigten, jenes umfangende Gefühl. da? größere Wunder wirkt. als jener Galiläer. Die vom Leben Gestoßene fühlt die Wunden nicht mehr, denn in ihr strahlt und pocht der Wille der Männer und Frauen, die erwacht sind zu jenem großen wirkenden Glauben, dem die Arbeitenden, daS Volk, Alle, die dienen, auS deren Kräften die Zukunft und die wahre Liebe heranfblühen wird. In der Trilogie der Lücher von den Willensweibern ist das Buch der Erlösung von Angela Langer daS beseelteste, hinter dem die größte Kraft, das Erleben, steht. J. V. In Sommcrarbeit auf dem 9] Rittergut. Von Heinrich H olck. Und wieder kommt ein leeres Gespann. Ein schöner Anblick fürwahr! Hier ein voller Wagen, dort einer, der bald voll ist, dort i» der Mitte des Feldes andere, die erst znr Hälfte geladen find. Vom Vorwerke her komincn im Trabe die leeren Gespanne angejagt. Und oben am Hiuimcl steht die Sonne und lacht. Lacht über das Treiben der kleinen Mcnschlein da unten auf der Erde, die so vernünftig sein wollen und sich docki so unvernünftig gebärden; die pflügen, säe», ernten für andere und selber hungern und darben an Geist und Körper. Die Ankunft des leeren Wagens riß mich ans meinen Gc- danken. Wieder geht es bis ans andere Ende des Feldes und aufs neue werfe ich Garbe um Garbe und Mandel um Mandel auf den Wagen hinauf. Der Inspektor stiefelt, auf den Stock genützt, über das leer werdende Stoppelfeld und kommt in unsere Nähe. Das sei ein guier Kerl, der kciucm Mensche» etwas sage, so- lange er nicht müsse, meint Bruno, der Knecht, dem ich die Starben aus den Wagen hinaufreiche. Aber der Alte, das sei kein Guter. Pst, er kommt! verständigt er mich nach einer Weile. Wenige Augenblicke später ist cr auch wirklich lci uns; hoch zu Pferde sieht er eine Weile unserer Arbeit zu und reitet dann im Trabe wieder weiter. Endlich ist auch dieser Wagen wieder geladen und geschnürt. Der Jnspeiwr ist wieder da. Hsie können mit rein gehen, meint cr. Und zu Bruno gewendet fahrt er fort: die leeren Gespanne sollen die Polacken mit nach dem Gute nehmen, damit fie eher hineinkommen, sollst wird's um drei, ehe wir nachmittags an die Arbeit kommen. Jetzt ist's halb zwölf. Bis mittag seid ihr drinnen. Tann storcht cr wieder weg. Ich gehe neben dem Bruno und bin froh, daß es nun endlich Mittag ist.„Das ist eine lange Tour von b Uhr srüh bis Mittag," meine ich zu ihm. „Ja. bist's halt nach nicht gewöhnt. Wir Pferdeknechte müssen schon um 3 Uhr früh in den Stall gehen." „So zeitig schon! Weshalb denn?" �Ru, die Pferde müssen vor dem Ausrücken geputzt sein und der Stall in Ordnung." „Da ist's in der Fabrik doch besser. So'nc lange Arbeitszeit gibls da nicht," lvcrf« ich ein. „Das mag sein, aber ich möchte doch nicht in der Stadt sein und in der Fabrik arbeiten." „Warum denn nicht?" „Nu, erstens der Trubel in der Stadt. Der ist mir zuwider. Ich war voriges Jahr einmal in Berlin im Zirkus Schumann. Da ivar ich froh, wie ich loiedcr fort konnte. Tic vielen, vielen Menscfien. Ich mag nicht in die Stadt." Ohne Zweifel, dieser Mann hängt mit dem ganzen Herzen an seinem Berufe und an der ländlichen Natur! Wir fuhren in das Vorwerk ein. In der Scheune wurden eben die letzten Garben vom Wagen geworfen. In zwei langen Ketten standen die Bursche», Mädchen und Frauen und warfen einander die Garben zu, bis in die letzten Winkel der«cheunr. Tann setzten wir uns auf. Fast hatten wir nicht Platz auf den ztvci Wagen, die uns nach Hause bringen sollte». Dicht gedrängt stand einer am anderen. Einer hinderte den anderen am Fallen, das war schließlich auch ein Vorteil. Im scharfen Trabe gings heimwärts. Sonderbar! Die Junker tonnen auch human fein und lassen ihre Leute von und nach der Arbeitsstätte fahren! Freilich tun sie es nicht ans Mitgefühl für ihre geplagten Sklaven. Aber die Arbeit drängt, und mit dem Gehen wird viel Zeit vergeudet. Des- halb weiden wir gefahren! Unterwegs begegnet uns der Ochsensiiitercr. Er treibt die Ochsen, die vormittags im Stalle geblieben ivarcn, hinaus nach dein Vorwerk und holt die andcrcn, die gearbeitet haben, herein. Mit stoischer Gclasscnbeit schreite» die feisten Tiere dabin, mit gleichniäßigcii schritten. Ihr Fell ist sauber gestriegelt und glänzt in der Sonne. Ohne Zweifel, diese Vichchcr haben all« Ursache, mit Vcr- achtung auf uns hcrabznschaucn. Sie haben es besser als wir! Tie arbeiten von früh bis mittag oder von mittag bis abend, während wir den ganzen Tag über rackern»lüffcn. Zudem haben sie jeden Tag ihre Streu, während uns auf unseren stinkendrn Strohsäckcn das Ungeziefer fast auffrißt. Im Ernst: das Dasein jedes dieser Ochsen ist erträglicher als das der armen polnischen Arbeiter! Und während wir im Wagen durcheinandcrgcrüttelt werden, fallen mir die Worte des Administrators ein, aus seinem Vortrag, den cr uns gehalten hat:„Jeder Ochse kostet 803 M., die Kühe vvo M." Und die polnischen Arbeiter, was kosten ihm die, 24 M. Reisekosten pro Kopf, die jedoch durch den ciubchaltencii Lohn gesichert sind. Mag die der Tcucl hole»! Uiiglanblich schnell ist die einstündige Mittagspause vergangen. Bald sind wir wieder draußen und füllen die Scheuern des Herrn, den keiner von uns je gesehen hat. Wagen um Wagen schwankt hochbeladcn und knarrend davon und der Nachmittag dehnt sich endlos wie das Feld, auf dem wir fronen. Neue Leute. Es ist eine merkwürdige Beobachtung, die»lau überall und jederzeit machen kann: ein jeder Mensch fast blickt mir Twlz und Genugtuung hinab auf den andern, der seiner Meinung>mch unter ihm steht. Und selbst bei den Polen in der Schniiierkasenie konnte ich diese Beobachtung machen. Man kann sich nicht gut noch recht- losere Geschöpfe vorstellen, die noch dazu im Dunkel der Uiiwisscn- hcir dahinleben, wie diese L-'utc. Und dcnnoch halten sie sich für besser als andere. Es war am dritten Tage, den ich dort war. Tic Mittagspause war vorüber, und wir rückten wieder aus. Auf dem Hofe begegnet« uns ein Agent, der vier junge»oln.sche Arbeiter mit sich führte, und fragte nach dem Borschnitter. Dieser kam auch bald, und der Agent übergab ihm die vier Burschen. Sie sahen recht herunter» getoinmen aus, mit Ausiiahme des einen, der cincn� noch guten hellen Sommeranzug trug. Die anderen wäre» in Stiefeln und Joppe. Aber unbeschreiblich' schmutzig waren sie alle. Die Hälse und Gesichter konnten schließlich auch von der Sonne so geschwärzt sein, das lieft sich nicht so ohne weiteres sagen. Aber die Hände ivarcn über nnd über mit Schmutz bedeckt. Der Verinittler hatte für die Barschen das Fahrgeld verlegt und ihre Papiere dafür zu sich genommen. Jetzt üdergob er die Äegitinwtionspapisrc dem Vorschnitter und diese, bezahlte ihm die Auslagen und die Vermittlungsgebühr. Dann schickte er sie in die Kaserne mit den Worten:..Laftt Euch drin Strosäcke und Decken geben und macht sie Euch zurecht." Wir gingen unserer Arbeit zu. Aber am Abend, kaum daft wir zu Hause waren, ging der Krach schon mit den Neuen los. Diese hatten, um Platz für ihr- Pritschen zu gewinnen, einen Teil derselben näher aneinander. gerückt. Das paftte aber denen, die davon betroffen wurden, nicht. Sie murrten. Die vier Neuen horchten auf.„Die Lage war ge- spannt", wie unsere Diplomaten zu sagen pflegen. Von den alten Leuten knurrte einer halblaut:„Wegem der hergelaufenen Galizier niöchte man sich sein Zeug umstellen lassen." Nun gingö los! Die vier tvaren durch das Wort„Galizier" l-eleidigt und wollten den Schimpf nicht auf sich sitzen lassen. Sie seien keine Galizier, und wer es noch einmal zu behaupten wage, der solle sich dann die Folgen selber zuschreiben.-- Lange uitd heftig war die Auseinandersetzung, che sich die er- hitzten Gemüter beruhigten. Dann versuchte ich ihnen klarzumachen, wie unklug doch ihr ganzes Verhalten sei, und erzählte ihnen einiges aus der Geschickte ihres einstmaligen gemeinsamen Vaterlandes. Die Galizier seien demnach ebensogut Polen wie die übrigen in der Ostmark des Deutschen Reiches und in Russisch-Polen. Dafür könnten sie doch nicht, daft sie bei der Teilung Polens an Oesterreich kamen, ebenso wie sie nicht daran schuld seien, zu Deutschland oder Ruftland zu gehöre». Sie hörten mir ivohl aufmerksam zu. blieben aber trotzdem dabei, der Ausdruck Galizier sei eine Beschimpfung, weil eben die Galizier als Ganzes minderwertig seien. Ich gab niich zufrieden. Die armen Teufel müssen eben auch semand haben, auf den sie herabschauen können mit dem Gefühle, etwas Besseres zu sein. Darum lieft ich ihnen den„Galizier". Im Verlauf unseres Gespräches warf einer die Frage auf, was ich für ein Landsmann sei? „Ein Tscheche," gab ich zur Antwort. „Czecli, czcch?* ringsum fragende Gesichter. Nur ein ein- zigcr, Fedor, der aus der Nähe von Moskau stammt, tveift etwas von den Tschechen. Aber wo das Land liegt, das die Tschechen be- »vohnen, weift keiner von ihnen. Ich gebe mir Mühe, es ihnen lvizubringen. Doch an ihren Gesichtern sehe ich, daft sie wohl die Worte verstehen, aber sonst nichts. Von Geographie haben sie keine Ahnung; ihnen fehlen die nötigen Begriffe. Ich könnte ihnen ebensogut mit demselben Erfolge von der Philosophie Hegels oder Kants erzählen. Dafür kennt aber der älteste von den Neuen, ein stämmiger Mensch von etiva 23 Jahren, ineine Landsleute aus eigener Er- fahrung. Er hat mit ihnen früher auf. Eiscnbahnstrecken, beim Bahnbau und in Zuckerfabriken gearbeitet. Was er von ihnen zu berichten iveift, ist wenig erbaulich. Trinkgelage, Raufereien und wieder Trinkgelage.„Oh, Tschechen sind feine Kerle," scklieftt er seine Erzählung. Aber er meint es durchaus nicht ironisch. Allmählich nimmt die Unterhaltung ander« Bahnen. Die Neuen werden gefragt, woher sie kommen und wie es ihnen dort ergangen sei. In Schwicbus seien sie gewesen, erzählen sie. Alle vier waren auf demselben Gute beschäftigt. Sie bekamen 1,20 M. Tagelohn, 24 Pfund Kartoffeln. 1 Pfund Mebl pro Woche und täglich � Liter Vollmilch. Die Behandlung sei aber so schlecht gewesen, daft sie lieber die 30 M., die von jedem für die Reisekosten zurückbehalten worden ivaren, im Stiche lieften nnd weggingen. „Verfluchtes Leben", meinten sie, nachdem ihnen die anderen die Verhältnisse auf„unserem" Gute geschildert haben, und iie dahinter kamen, daft sie sich gar nicht verbessert haben. Dann be- ratschlage» sie. Sic haben Hunger. Seit heute morgen hätten sie noch nichts gegessen, und sie haben auch keinen Pfennig Geld. Dann gehen sie zum Vorschnittet: sie wollen..Borschuft" haben. Nack einer Weile kommen sie wieder herauf. Jeder hat ein Stück Brot und Wurst, eine Flasche Bier und Zigaretten. Vorschuft hätten sie keinen bekommen. Dafür hätte ihnen der Vorschnitter Kredit gewährt. Sie sind wieder guter Dinge und verzehren er- zählend ihre Sachen. Bon den übrigen kommt und geht bald einer. Einige putzen ihre Stiefel, andere wieder rasieren sich; morgen ist Sonntag! Der Kot von den Stiefeln bleibt liegen, wo er hinfällt. Und jene, die sich rasieren, streichen den abgekratzten Seifenschau», vom Messer ab und schleudern ihn von den Fingern. Wo er hinfällt, dort liegt er. Dort wieder hustet einer und speit den Auswurf mitten hin auf den Boden— mich schüttelt der Ekel. Allmählich wird es dunkel in dem groften, kahlen Räume. Meine Pritsche, die bisher neben dem Fenster gestanden, steht jetzt durch das Zusammenrücken direkt am Fenster. Eine der untersten Scheiben fehlt und der Wind streicht durch das Loch über mein Lager. Vom Vorschnitter, zu dem ich gehe, verlange ich Abhilfe und bekomme ein Brett von ihm, mit der Weisung, es vor das Lock, Skrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: zu stellen. Dann könne der Wind nicht mehr herein. Ich begnüge mich damit und befolge seine Weisung. Dann werfe ich mich aufs Lager hin. Meine Gefährten erzählen sich noch immer. Von den Gütern, auf denen sie schon gearbeitet haben, und der Behandlung, die ihnen dort zuteil wurde, lind wenn von den Beamten dann die Rede ist, knirschen sie:„tcn z kuroy syn!"(Der Hurensohn!) Bald ist auck dieses Thema erschöpft. Dafür kommen Witze, Anekdoten und Zoten an die Reihe. Meist handeln sie davon, wie die Geistlichkeit sich mit dem Zölibat abfindet. Ein jeder weift irgendeinen Witz oder eine Zote, und wieherndes Gelächter lohnt dem Erzähler, wenn er fertig ist. Drüben in der Ecke liegt Burek, der heute krank ist, noch gerade so wie er am Morgen lag, als wir auszogen: vollständig ange- kleidet mitsamt den Stiefeln aus seinem Lager. Eine leer ge- trunkene Schnapsflasche liegt neben ihm am Boden. Wahrschein- lich das einzige Medikament, von dem er sich Hilfe verspricht. Allmählich wird es stiller. Nur hier und dort wechselt einer wenige Worte mit einem anderen. Drauften auf dem Kirchturme schlägt es halb elf! Ringsum beginnt ein Flüstern; ich lausche und entsinne mich. schon gestern abend das Flüstern vernommen zu haben. Bis es auch dickt neben mir flüstert und ich die Worte verstehen kann. Sie beten! Sie beten zu dem Gotte, der ihnen solch elende? Dasein beschieden! Sie falten betend die Hände, hadern unter- einander, statt sich die Hände gegenseitig zu reichen und sie zu Fäusten zu ballen. Sie beten noch! sFortsetzung folgt.) kleines feuiUeton. Auf de» Spuren des historischen s�anst. Ueber den historischen Doktor Faust hat Robert Petsch For- schungen angestellt, über deren Ergebnisse er in der„Germanisch-Ro- manischen Monatsschrift" berichtet Hat. Danack war Faust zwar eine historische Persönlichkeit, der Name aber kein Familienname, son- dern der Kollektiv na m es üreineReihevon Magiern des Mittelalters und gewissermaften die angenommene Firma desjenigen Faust, der bei seinem ältesten Biographen TbrU tcmius„Magister Georgins SabcllicuS Faustus junior" heiftt und das Vorbild fiir die Gestalt des Volksbuches und damit Goethes wurde. Aus den Berichten des Thritemius und auch der anderen geht deutlich der Groll der Fachleute gegen den wildwachsenden „pbilosophus pbilosovborum", den„Halbgott von Heidelberg", her- vor. Diese Titel, die Faustus junior offenbar sich selbst beigelegt hatte, Iveisen auf gelehrte Strebungcn und zeugen niindestens für humanistische Bildung. Dafür spricht auch die Prahlerei Faust'?. er könne antike Schriften ivieder herstellen. Ob er seine Bildung freilich in Heidelberg genossen hat, ist so zweifelhaft, wie die Nach- richt des Melanchton. daft er in Krakau die Zauberei studiert habe. Wohl möglich, daft Faust selbst an einem Orte sich auf Krakau be- rief, das gleich Toledo der Magie verdächtig war, und anderswo auf das humanistische Heidelberg, um sich das Ansehen sowohl des Teufelöbanncrs, wie des„Philosovhcn" zu geben. Petsch ist der Ansicht, daft Faustus junior wirklich jene ekstatische Anlage besaft, die wir bei den Fakiren, Schamanen und anderen Magiern in primitiven Kulturverbältnissen noch beute antreffen. Später lvar Faust vorzugsweise Alchimist und vor allen Dingen Wahrsager. Seine alchimistische Tätigkeit für Franz V. Sickingen scheint ibm nach THritemiuS die Schulmcistcrstellc zu Kreuznach eingetragen zu haben. Faust's Wvhrsagerei konnte bisweilen recht unangenehm wirken, und es ist Ivohl möglich, was Melanchton Manlius berichtet, daft er sick rühmte, dem Kaiser seine italienischen Siege verschafft zu haben ses würde sich der Zeil nach um die achlacht bei Pavia 1525 und um den sacco di Roma 1527 Handel» t. Vielleicht hängt mit solchen unverschämten Prahlereien sowohl die Flucht aus Wittenberg und ans Nürnberg zusammen, als die AuS- Weisung des Wahrsagers Dr. Jörg Faustus von Heidelberg durch den Rat zu Ingolstadt>1528?. Geistliche und weltliche Fürsten aber wuftten seine Dienste zu schätzen. Urkundlich nachgewiesen ist. daft„Doctor Faustus philosophus" 1520 dein hochgebildeten Fürstbischof Georg s Schenk von Limburg! aus den Sternen über sein Lebensschicksal prophezeien durste. Gut beglaubigt ist auch seine Verbindung mit der Huttcnschcn Familie. Als der junge Philipp von Hutten, der Vetter lllricks, 1534 seine erste Expedition nach Venezuela antrat, prophozeite ihm der grofte Philologe Joachim Gamerarius eine glücklicke, Faust eine böse Fahrt, und der letztere behielt recht. Um die Wende deS vierten Jahrzehnts muß Faust gestorben sein. Aus allem, was über de» historischen Faust in Umlauf gesetzt worden ist, läftt sich immerhin mit einiger Deutlichkeit ablesen, daft das Bild des seltsamen Mannes von der Dunkelmännerei des aus- gehenden Mittelalters tüchtig verzerrt worden ist. Faust war ein Mensch der Zeit, in der nach Huttens lebensfrohem Wort die Künste erblühten und die Wissenschaften sich regten, und nun hat ihn der Haft derer, die an diesem Blühen und Regen nicht teilnahmen, dem Teufel verschrieben. vorwärts Buchdruckeret u.VerlagSanstalt Paul Singer LcEo..Berlin SW.