Unlerhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 173. Freitag, den 12. September. 1913 sq Ein l�ann. Von Camille Lemonnier. Einer von ihnen erhielt die Mission, ihn in einen Hinterhalt zu locken. Er zechte mit ihm, ließ ihn im 5darten° spiel gewinnen und eröffnete ihm schließlich geheimnisvoll, er wisse eine prächtige, wildreiche Stelle, und bot sich an mit ihm zu teilen. Cachapres nahm das Anerbieten sonder Argwohn an, trotz all seiner sonstigen Schlauheit. Gemeinsam gingen sie ans Auslegen der Schlingen. Es war eine toimdervollc klare Nacht. Der Mond wob zwischen die Bäume einen bläulichen Dunst wie zarte Spinnengewebe. Hell leuchteten die taubeperlten Gräser und Moose. Zwischen den Bäumen hing noch ein Rest der Tageswärme, die einen scharfen Gegensatz zu der Abkühlung in den Feldern bildete. Behutsam schlichen sich die beiden Männer durch die Büsche. Sie waren vom Wirtshause spät aufgebrochen: da lohnte es gar nicht der Mühe, sich noch schlafen zu legen. Plaudernd und ab und zu aus Cochaprds' Flasche trinkend, erwarteten sie den Morgen. Nun begannen silberne Strahlen über den Himmel zu züngeln, der Forst erschauerte leicht, in den Blättern lispelte der Wind, sie hörten das Erwachen der Nester; und mit langsamen Schritten näherten sie sich der Stelle, wo die Schlingen lagen. „Eine Häsin!" rief Cachaprds. Mit einem Satze war er bei dein gefangenen Tier, bückte sich und zuckte heftig zusammen. Jemand hatte an seine Schlinge gerührt: das n>ar nicht sein eigener Knote»! „Ich bin verraten worden!" schrie er gellend. Im selben Augenblicke raschelte es im Gebüsch, und drei Männer stürzten hervor, die ihn mit den Armen umschlangen. Es waren die Gendarmen. Der Verräter war verschwunden. Mit einem Ruck warf Cachapräs den Aeltesten, Bastogne, zu Boden, drang auf Bayonnet ein und hieb dessen Schädel mit aller Gewalt gegen einen Stamm. Ein Blutstrom quoll ihm entgegen und rötete seine Hände. Er versuchte mit einem Seitensprung ins Dickicht zu fliehen, aber schon fühlte er sich von zwei eisernen Händen unlklammert, die wie ein Schraubstock seinen Hals umschnürten. Es war Malplaguet, der sich ihm angehängt hatte. Der Förster war kräftig und schlau, hatte auch in jungen Iahren ein wenig gewildert. Aus jenen Zeiten hatte er sich seine Gewandtheit, seine List und die treffsicheren Schüsse bewahrt. Unter den eisernen Fingern, deren Druck sich von Minute zu Minute steigerte, wurde Cachaprds blau im Ge° ficht. Malplaguet hielt sich Ivacker. Nun kamen ihm Bastogne und Bayonnet zu Hilfe und sie bemühten sich zu dritt, ihn festzuhalten. Bayonnet schlang einen Strick um seine Beine. Den zerriß er und stieß dem armen Tropfe seinen Absatz in den Unterleib, daß er schluch- zend und betäubt zusanimenstürzte. Fast gleichzeitig zerschmetterte er mit einem sürchterlichen Fausthieb Bastogne das Nasenbein. Malplaguet fühlte seine Kräfte schwinden. „Wacker! Wacker!" schrie er den andern zu, da er spürte, daß seine Finger in einem Krampte erschlafften. Bayonnet, halb von Sinnen, schleppte sich mit Aufgebot seiner letzten Kraft zu Cachaprds und hieb diesem mit der Faust übers Auge. Einen Moment blieb der Bursche wie gelähmt. Malplaguet, mit seinen Kräften zu Ende, brüllte uni Hilse. Seine Hände waren erschlafft wie verdehnte Federn, und er spürte an gewissen Bewegungen des bis dahin gebändigten Körpers, daß dessen Ausbrechen nal)e bevorstand. Plötzlich tvarf sich Eachapräs zur Erde, Malplaguet mit seinem Gewichte nachziehend. Nun ggb's ein wüstes Kunterbunt auf dem Boden. Unter wilden Zuckungen wälzte sich der schreckliche Bursche herum,. mit dem Schädel wie ein Widder stosjend und einen nach dem anderen iibern Haufen werfend. Bisweilen auch kani er mit dem Gesichte zur Erde unter ihnen zu liegen, von ihrer Last halb erstickt. Gellende Hilferufe erfüllten nebst dem Getöse der aufeinanderprallenden Körper die Luft. Mit tvilden Arm- und Beinverrenkungen verkrampfte und ver- zerrte sich dieses dreirückige Ungetüm auf dem Boden, einem formlosen Klumpen von zappelndem Fleische gleichend. Und er befand sich mitten drin und brachte alle erdenklichen Kriegs- listen in Anwendung. Bastogne mußte für seinen Angriff mit einem Schädelhieb büßen, der ihn kampfunfähig machte. Bayonnet fuhr er mit zwei Fingern in die Augen und zer-- kratzte ihm die Bindehaut, daß er, aufbrüllend vor Schmerz, hilflos in die Luft schlug. Und abermals war Cachaprds Malplaguet allein gegenübergestellt. Der Zorn hatte ihn um die Besinnung gebracht: in seinen Adern wirbelten Feuerströme: da fuhr er mit der Hand in die Tasche, zog das Messer hervor, öffnete es und stieß es dem Förster zwischen die Rippen. Dann richtete er sich empor und sprang zerfetzt, zerfleischt, mit blutüber- strömteni Gesicht über Bayonnet und Bastogne hinweg in den Wald. Da knallten zwei Schüsse Hinte ihm. Malplaguet hatte sich aus den Knien aufgerichtet und mit einer letzten An- strengung angelegt. Das Blei pfiff an ihm vorbei, schlug ins Laub, und er war im tiefen Meer der grünen Blätter verschwunden. Gerettet, doch von Stund' ab im offenen Kampfe mit dem Gesetze, was soviel bedeutete wie gejagt, verfolgt, von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel gehetzt, genötigt, beim ge- ringsten Geräusch zusammenzuzucken. Noch ein anderer er- schwerender Umstand trat hinzu: Malplaguet starb nach zweitägigem Leiden. Er erfuhr es durch einen Bauer, der ihm heimlich bei Nacht Brot in den Wald brachte. So unerschöpflich er auch im Ersinnen neuer Kriegslisten war, so mußte der Rebell doch einsehen, daß diesmal seine Position unhaltbar geworden sei. Mochte er sich auch ducken, verkriechen, oder auf die höchsten Wipfel der Bäume klettern: einmal ivürde er dennoch gefangen werden. Der Landmann hatte ihn auch benachrichtigt, daß der Forst von einer Schar von Waldhütern abgestreift werde: überdies sei ein starkes Gendarmerieaufgebot herangezogen worden, und diese ganze Truppe umziehe das Revier mit einem weitausgebreitetem Netz. Eine einzige Hoffnung blieb ihm noch: die dunklen, heimatlichen Wälder in nächtlicher Wanderung zu erreichen. In jenem Walde war er daheim: jede Bodenwelle war ihm dort liebvertraut, dort wurzelte er mit allen Fasern seines Seins. Ten wollte er sehen, der ihn dort aufsparen könnte! Für ihn bedeuteten zehn Meilen einen einzigen Nacht- marsch, vorausgesetzt, daß er nicht behelligt wurde. So ver- sah er sich denn mit Pulver und Blei, nahm seine Flinte und machte sich aus den Weg, den Lichtungen ausweichend, hinter den Bäumen Deckung suchend, manchesmal neben den Büschen kriechend. Er schritt gewaltig ans, nur ab und zu in seiner Wanderung innehaltend, wenn ihm irgendein Geräusch ver- dächtig erschien: dann lief er wieder weiter, flink und gc- schmeidig wie ein Reh. Einen Moment lang schien seine Lage�kritisch. Aus der Ferne drangen vom Winde getragene Stimmen zu ihm. Lauschend stand er still. Seiner Schätzung nach rührten die Stimmen von acht bis zehn Mann her, die zu seiner Rechten durch den Wald marschierten. Bisweilen konnte er deutlich das Geräusch ihrer Schritte unterscheide� Er rannte davon, blieb nach einer Weile tief Atem schöpfend stehen und horchte wieder. Es war nichts mehr zu hören außer dein Rascheln der Blätter. Als er vor der Hütte der Cougnole vorüberkam, begann ein fahler Schimmer das Firmament zu bleichen. Er war hungrig, durstig, von Schlaf halb betäubt. Die Alte lag im tiefsten Schlummer: sie erwachte erst, als die Fensterscheiben unter seinen trommelnden Fingern dröhnten. „Wer Ihr auch seid, geht Eures Weges." rief sie:»hier wohnt eine arme, alte Frau, der nur der liebe Herrgott helfen kann." Er nannte flüsternd seinen Namen durchs Schlüsselloch. Alsbald schlürften nackte Sohlen über die Fliesen und die Türe wurde aufgetan. „Du bist's, Bursche?" „Trinken inöcht' ich!" Er riegelte hinter sich die Türe ab und ließ sich erschöpft aufs Bett der Alten fallen. Uff! er war gänzlich zerschlagen. Er erkundigte sich nach Germaine. Sie zuckte die Achseln: sie wisse nichts von ihr. Und er, der gekommen war, um zu schlafen, konnte nun keine Ruhe finden. Die schmerzlichsten Erinnerungen Uberwältigten ihn jetzt in diesem Gemache, wo er dereinst so köstliche Stunden verlebt. Er mufite sie wieder- sehen I Ein wütendes Verlangen, ihre warme, glatte Hau- ein letztes Mal zu streicheln, ließ ihn den Schlaf vergessen. Er steckte der Cougnole einige Münzen zu. „Wenn Du ein einziges Wort schwatzest, so bin ich der- loren! Die Gendarmen sind mir auf den Wersen! Aber trotz- dem muß ich Germaine sehen I Ich muß! Hörst Du? Also, nimm Deinen Stab und huniple zum Pachthof. Und wenn ich auch nachher krepieren müßt',>i>as liegt daran I" Er aß, trank, schlief; dann schlüpfte er davon:�er hatte der Alten einen bestimmten Punkt im Walde zum Stelldich- ein bezeichnet. färben luifbme des ftcrbftes. In allen belebten Straßen und Plätzen der Reichshauptstadt Stellen jetzt die fliegenden Blumenhändler die Rose des Herbstes, >ie Aster, zum Verkauf. Ist im Juni die Zeit der Rosen, so bringt der Scptember»uns den Beginn einer regelrechten Astern- saison, die erst mit Ende November schließt. Bringen die Vcr- käufer auf der Straße nur die einfachen Sorten zum Angebot und ermöglichen es dadurch jedem einzelnen, mit wenig Unkosten Sein Stübchcn mit einem freundlichen Blumenschmuck z» versehen, essen es während der Uebergangszcit doppelt bedarf, so erfreuen die Schaufenster der großen Blumenläden durch mannigfaltige Kulturen der Aster. Vom reinsten Weiß bis zum dunkelsten Karnat und vom lieblichsten, duftigsten Lila bis zum gesättigten Veilchenblau, im einfachen Strauß oder kunstvollen Arrangements. Ueberall findet die beliebte Saisonblume Verwendung. Die Aster gehört zu den Korbblütlern oder Kompositen und ist eigentlich eine echte Herbstblume; zur rechten Entfaltung kommt sie erst, wenn der Sommer zur Rüste geht. Aus China einge- führt, fand sie im Jahre 1732 in Frankreich Aufnahme, wo sie zum ersten Male in Paris im Jardin des Plantes zur Blüte gc- langte. Da der Versuch der Anpflanzung sich lohnte, griff die Kultivierung dieser stillen, bescheidenen Blume weiter, wobei auch hauptsächlich auf reichere Formen und Farben gesehen wurde. Aefhnlich wie bei der Marguerite legt sich der Strahl feiner Blüten- blättchen um die goldgelbe Mittelscheibe; oft ist. die Aster mit dem Maßliebchen oder Tausendschönchen verwechselt worden. Der Gartenbesitzer schätzt die Aster als Daucrblumc ungemein und hat es nach vielen Versuchen dahin gebracht, die anfangs so unansehn- lich„gelben Sterne" in ein holdes Blumcnkind zu verwandeln, das mit der abwcchselungsreich geformten Strahlenkrone der reichen Skala seiner Farbennuancen und mit seiner meistens sckflank auf- strebenden Haltung bald heimisch bei uns geworden ist. Wenn auch über Unterarten gepflegt werden, die Pracht, die die Aster unserer Heimat hat, wird anderwärts wohl kaum erreicht werden können, aber trotzdem haben unsere deutschen Blumenresidenzen in der Kulturcntwickclung der Aster das Menschenmöglichste ge- leistet. Die Aster ist in mittelalterlicher Zeit mit Tripolium identisch, und die Sage hatte sie mit dem Reize des Wunderglaubens aus- gestaltet, der dahin ging, daß demjenigen, der sie pflückte und auf dem Herzen trug, jedes Unternehmen glückte. Wenn auch diese mystische Kraft, die von der Aster ausgehen sollte, längst eingebüßt ist, so gilt die Aster immer als Symbol der Bescheidenheit, Zu- friedcnheit und des selbstlosen treuen Dienens; mit ihrem unent- wegten Aufwärtsstreben und fröhlichem Aufwärtsblicken zum licht- vollen und wärmenden Sonnenball mag sie manchem bekümmerten Mcnschenkinde den We; zur Rettung zeigen. Ist die Aster die Rose des Herbstes, so haben sich die C h r y- fanthemen in ihrem Siegeslauf durch die Gärten des Erd- balls zur unbestrittenen Blumenkönigin des Herbstes empor- geschwungen. Die Chrysanthemum-Liebhaberei hat in Deutschland in den letzten Jahrzehnten an Boden gewonnen. Mit Elfenbein und Alabaster, Milch und Schnee wetteifern die weißen Abtönun- gen der Blüten, die roten durchschreiten eine reiche Stufenleiter vom zartesten bräutlichen Rosa bis zum tiefgesättigtcn Karmin, Purpur und Braunviolcit. Und nun erst das Gelb! Hier leicht über das Weiß gehaucht, dort in blasser Schwefel- und Goldtönung bis zu glühender, braun abschattierter Feuerfarbe. Bei einigen Sorten gleitet das zarte Gelb in ein leichtes Grün über, gleich den phosphorartig leuchtenden Wellen des nächtlich erglühenden Meeres. In Frankreich tauchte die wegen der entzückenden Mannig- faltigkeit schöner Sorten bewunderte„Goldblume" im Jahre 1739 auf, eingeführt durch den Kaufmann Pierre Blanchard aus China oder Japan; sechs Jahre später brachte sie der Pariser Handels- gärtner Cels in England. Im Norden von London fand 1846 die erste Chrysanthemum-Ausstcllung statt. Auch Belgien, das von jeher in der Pflanzenzucht Hervorragendes geleistet, ist in der Chrhsanthemnin-Knltnr nicht zurückgeblieben: Dörfer wetteifern mit den Städten in der Erzeugung wertvoller Spielarten. Die meisten Sorten haben die ursprünglich scheibenförmige Gestalt der Blumen völlig verloren; letztere sind zu einem Bündel langer, schmaler, teilweise ausgebreiteter, teilweise nach innen gekrümmter Strahlenblüten geworden, deren Oberseite gegen die Unterseite der Blätter die schönsten Gegensätze in den Farbentönen erzeugt. Sie gehören zu den anmutigsten und eigenartigsten Blumengebildcn des Pflanzenreichs. Die dichtbelaubten Büsche überdauern unseren Winter. Laub und Gezweig stirbt dann zwar bis zum Erdboden ab, doch treiben im Frühling wieder neue Sprössen üppig aus dem Wurzelstock. Licht und lockende Lebensfreude leuchten aus den Blumenaugen, wenn sie sich in heiterer Umgebung über dem krausen Laube wiegen. Entzückend wirkt dann der Zauber der zarten Farbe, der unerschöpfliche Wechsel der Formen. Vom Samtteppich des schön gepflegten und noch immer fast- grünen Rasenparterres hebt sich wirkungsvoll das gesättigte Dunkelrot der Buchen, im Hintergrunde leuchtet das Gelb der Birken, das Rostbraun der Eichen, dazwischen das Hellgrün der Lärchcnbäume, und als Grundton klingt das ernste Dunkelgrün der märkischen Föhre durch die ganze Farbensinfonie hindurch. Während die Blätter der Moosbeere einen violetten Farbcnton an- nehmen, kleiden sich die Heidelbeeren in tiefes Rot und die Alpen- bärentraube in weithin sichtbaren Scharlach. Prächtig wirken in seltsamen rotbraunen und feuerroten Tönungen bis zum hellen Gelb die wilden Wcinarten. Schon der gewöhnliche wilde Wein ist schön und schmückt mit freudigen Far- den jede Mauer, Laube, Laubengänge, umkleidet Baumstämme usw. Andere Weinarten leuchten in wundervollen gelben, roten und purpurnen Farbentönen. Einen Gegensatz hierzu bilden die Waldreben mit ihren weißen Fruchtstauden. Verschiedene Bäume, Sträucher und Schlinggewächse heben sich in ihrer schönen Verfärbung in allen möglichen Abtönungen von ihrer Umgebung vor- teilhaft ab. Der Wald kommt in herbstlichen Farben zur Geltung, die niederen Sträucher und Stauden verschwinden gegen die Pracht der hoben Bäume, und die Wiesen bieten nur ein mattes Bild. Jedes Blatt erglüht in wcchsclvollen Tinten. Das ist eine gewaltige Sprache, die die Natur redet, wenn sie ihren schimmernden Königs- mantel über Wipfel und Gräser ausbreitet. arvilc. In Sommerarbeit auf dem Rittergut. Bon Heinrich Holek. So vergeht der Sonntag hier in der Kaserne. Unten schimpft ein betrunkenes Ehepaar mit einander. Das fei jeden Sonntag so, berichtet die Mutter des VorschnitterS auf meine Frage, was hier loS fei. Doch der Sonntag ist noch nicht zu Ende. � Seinen Höhepunkt und Abschluß erreicht er erst am Abend. An einem Nagel an der Wand hängt eine verbeulte Trompete und im Koffer des Jakob liegt eine Flöte. Nach dem Abendessen holt Jakob sein Instrument aus dem Kasten und präludiert. Der Klang der Flöte lockt die Frauen, be- sonders aber die Mädchen herauf. In wenigen Minuten sind sie oben. Die Pritschen werden beiseite geschoben, so gut es geht und der Tanz beginnt. Alte einfache Melodien finds, die Jakob der Flöte entlockt. Aber die Mädels und Burschen verstehen danach zu tanzen. Kein Two-- steep. Schiebe- oder Bärentanz I Bis hierher sind die doch noch nicht gedrungen. Mit bloßen Füßen auf den rauhen Holzdielen tanzen sie; aber wie I So exakt und dem Rhythmus der Melodie folgend, sieht man l feiten tanzen I Sie tanzen wirklich so, wie der Flötenmann t. Zuweilen begleitet ihn der Trompeter mit seinem Instrument. Das klingt dann weniger schön und gibt eine Hvllenmusik. Denn er hielt schlechter als Jakob auf seiner Flöte und hinkt um einige Takte hinterher; aber das schadet nichts! Getanzt wird doch, daß die ohne- hin schon kurzen Röcke der Weiber fliegen. Ich liege aui der Pritsche und schaue dem Treiben zu. Allerlei Gedanken beschästigen mich. Trotz diesem jammervollen Dasein hat das Völkchen noch immer den Mut, froh zu sein und tanzt, daß die ganz« Bude dröhnt und zittert. „Nun, willst Du nicht tanzen 1' Es ist Marie, die mich fragt. Ich schüttele verneinend den Kopf. Sie faßt mich bei der Hand: .Na komm', morgen geht die Woche los; die ist lang." Und da ich kopflos stehen bleibe, legt sie die Arme um mich, und schon geht es rmrdum um den Pfeiler in der Mitte. Ihre Fröhlichkeit steckt mich an und der Appetit kommt mit dem Essen. Zur nächsten Tour hole ich mir die Marie und schließlich eine nach der anderen. Manchmal wundere ich mich über mich selber. Aber: Freut euch des Lebens I denke ich. Und schließlich: wer dem Elend noch lachend ins Auge sehe» kann, ist gar nicht so elend. Und im wirbelnden Tanz vergesse ich Zeit und Ort. Wie Zangen halten die Arme der Mädchen mich fest. Weich und klagend tönt die Flöte. Krakowieak l Das ist ein ganz besonderer Tanz l Er läszt sich nicht gut beschreiben. Eine Art Schritt- und Reigentauz. Hier sind die Polen in ihrem Element und zeigen ihre Meisterschaft. Nicht satt sehen konnte ich mich daran. Die chevalereske Art, mit der sich die Burschen beim Tanze den Mädchen gegenüber benehmen, könnte so manchem in der Stadt als Vorbild dienen. In der Ecke auf einer Pritsche sitzt ein Paar. Sie halten sich eng umschlungen und erzählen sich im Flüstertone, wie sie sich zu Hause einrichten wollen. Sie wollen im kommenden Winter zu Hause heiraten. Sie find so vertieft in ihr Gespräch, dafi sie die gutmütigen Sticheleien der übrigen gar nicht hören. Ihr Glück macht ste taub und blind für die Umgebung. Und wenn sie wirklich heiraten werden, dann ziehen sie nächstes Jahr als Mann und Weib nach Deutschland ins alte Joch. Und ich mutz an das betrunkene Ehepaar denken, das heute unten ge- lärmt hat. Ist das dann das Ende? Im nächsten Augenblick drehe ich wich wieder mit im Kreise. Die stauberfüllte Luft wird heitz und schwer. Ich gehe hinunter und hinaus. Der Nachtwind spielt leise mit den Blättern der Linden vor der Kaserne und über das Dach lugt der Mond still und freundlich. Was wohl die Meinen zu Hause machen? Ein Regentag. Ucbcr Nacht war Regenwetter gekommen. Grau und schwer hingen die Wolken am Himmel, als wir am anderen Morgen aus- rückten. Und grau und trostlos breiten sich die weiten, fast endlosen Felder vor uns aus. Ein feiner Regen rieselt herab, unaufhaltsam. Nach etwa halbstündigem Gehen kamen wir an einen grohen Komposthaufen. Diesen umzugraben, das ist die Arbeit für heute. Und mit Spaten und mit Schaufeln machen wir uns ans Werk. Wortlos und verdrossen. Selten spricht jemand ein Wort. Nur der Regen rieselt langsam und gleichförmig herab, und wie kalte glatte Schlangen kriecht uns die Nässe den Körper entlang. In einen dichten Mantel gehüllt, steht der Vorschnitter auf seinen Stock gestützt hinter uns und beobachtet. Doch scheint ihm die Zeit lang zu werden. Bald spricht er mit dem, bald mit dem anderen. Mein Nebenmann rechts erkundigt sich bei mir nach den Fahrpreisen nach Leipzig und Dresden. Er will nächsten Sonnabend aufhören. Was er hier verdiene, das reiche gerade für ihn zu. Daheim in Rußland aber habe er seine Frau, die er erst im Januar geheiratet habe, in einer kleinen Wirtschaft zurückgelassen, die er ohne Geld gekauft habe. Er müsse sehen, viel Geld zu verdienen. Sonst nimmt man ihm das Häuschen und das Stückchen Feld wieder ab. Er fragt nach den Arbeitsgelegenheiten. Ich gebe ihm, soweit ich kann, Auskunst und rate ihm, als Kutscher irgendwo in der Stadt anzufangen; da bekomme er 28 Mark Wochenlohn. Seine Augen glänzen, als ich den Wochenlohn von 28 Mark erwähne. Tann aber nach einigem Nachdenken sagt er resigniert: „Ja, was nützt das; ich kann nicht lesen und schreiben." Etwas weiter weg von mir erzählen sich andere, wie es auf den Gütern in der Gegend von Magdeburg ist. Sie waren im vergangenen Jahre dort. Dann vom Wetter, von Blitzschlägen, die bei ihnen sehr gefürchtet sind. Denn es kommt häusig genug vor, daß bei plötzlichen Gewittern die Leute auf freiem Felde das Gewitter abwarten müssen. Ehe sie den weiten Weg nach Hause zurückgehen, ist das Wetter schließlich schon vorbei. Und fast jeder weiß eine Geschichte vom Blitz zu erzählen. Entweder schlug er einen oder mehrere tot oder traf sie so, daß sie im ersten Augenblick wie tot dalagen, oder er ging so nahe bei ihnen nieder, daß sie der Wind umriß. Von Feuersbrünsten wissen auch viele zu erzählen und von Scheunen, die niedcrhrannten, als Handwcrksburschcn darin über- «achteten, deren verkohlte Leichen man nachher fand. Ter Vorschnitter kommt nun in unsere Nähe und fragt Pytel, den einen von den Unzufriedenen bei der gestrigen Lohnzahlung, mit schadenfrohem Lachen: „Nu, Pytel, wie gchts denn dem Rücken. Tut er noch weh?" Der Angeredete blickt kaum auf und schweigt. Tic anderen aber werden stutzig und sehen den Vorschnittcr mit fragenden Blicken an. „Der Pytel und Buschak haben gestern vom Alten mit der Nilpferdpeitsche Hiebe gekriegt," erzählt er weiter. „Nanu! Weshalb denn das?" frage ich erstaunt. „Na, die zweie waren gestern vormittag drüben beim Alten und wollten sich beschweren über mich. Sie hätten zu wenig Lohn von mir gekriegt. Ter Alte sagte aber: mich geht die«sache nichts an; machts drüben mit dem Porschnitter aus. Der hat Euch an- genommen und zahlt Euch auch aus. Ich mache die Ilrbeiten hier auf mein Risiko, wissen Sie?" Ich nickte, denn ich kenne das System. „Na und da sind sie dann wieder zu mir gckoinmcn und haben Krach gemacht. Ich habe ihnen avcr nichts mehr gegeben. Die haben schon so genug verdient. Tan» sind sie in die Kirche ge- gangen, und wie sie nachmittag wieder kamen, waren sie nicht mehr nüchtern, lind da liefen sie in ihrem Suff wieder»über zum Alten. Ter saß gerade auf der Veranda und spielte mit dem Inspektor und dem Buchhalter Karten und sah die beiden übern Hof kommen. Und da nahm er so die Peitsche hintern Rücken, und stellte sich an die Türe. Und wie nun die zweie kamen, fragt er: „Was ist denn los?" Und wie die so„po pohty" anfangen zu brammein, da fängt der Alte an loszuhauen. Der andere war schlau und riß gleich aus. Der hatte bloß fünf Hiebe abgekriegt. Der Pytel aber dachte vielleicht, es sei bloß Spaß, und blieb stehen. Dafür hat er zwölfe gekriegt." Stellenweise schüttelte ihn das Lachen so, daß er nicht weiter- sprechen kann. Es freut ihn, daß der Administrator ihm so die Brücke vertreten hat. Ich schüttele den Kopf und kann es nicht fassen, daß sich zwei Männer einfach verhauen lassen; dazu noch mit der Peitsche! „Ja, die Leute sind feige. Ganz feige. Man muß nur couragiert auftreten; je grober, je besser. Dann hat man sie im Sack," erklärt mir der Vorschnitter. „Die Leute haben gar keine Kultur im Leibe. Nun kommen sie hierher und man läßt sie was verdienen und dann gehn sie sich noch beschweren. Was sie verdienen, das versaufen sie. Gar keine Kultur haben sie im Leibe. Sie sind direkt dummfrech. Nu haben sie ganz hübsch verdient, 24 Mark ist doch ein schöner Lohn, und werden nun frech. Na, meinetwegen, den Schaden haben doch bloß die." Dann erzählte er mir noch allerlei aus seiner Tätigkeit auf anderen Gütern in früheren Jahren. Und daß er noch zwei bis drei Jahre sich die Geschichte ansehen werde. Dann habe ers satt. Eigentlich habe er es jetzt schon satt, aber er wolle sich noch bis dahin so viel sparen, daß er ein anderes Leben führen könne. Ringsherum stichelten und foppten die anderen, Männer, Burschen und Mädchen, die beiden Gezüchtigten. Sie empfanden keine Empörung, nicht einmal einen Unmut. Die Sache machte ihnen Spaß. Weiter nichts als Spahl Und sie schienen gar nicht zu empfinden, daß es ihnen heute oder morgen genau so ergehen könne wie den Zweien. Der Regen wurde jetzt heftiger. Der Wind fegte kalt über das Land und trieb den Regen direkt ins Gesicht. Der Schaufel- stiel ist klatschnaß. Ich spüre, wie mir das Wasser von der Mütze über den Nacken am Körper hinabläuft. Wir kauern nieder. Der Regen rauscht weiter, und es sieht nicht so aus, als wollte er aufhören. Nun ist kein Faden trocken an uns. Naß und schwer kleben die Kleider uns am Leibe. Huh, wie kalt die Kleider sind! Bei jeder Bewegung fühlt man das. Selbst in den Schuhen ist bereits das Wasser. Und immer noch regncts. Arbeiten können wir doch nicht mehr, denke ich. Naß bist du einmal, einerlei! Ich geh rein! Und hinter mir kommen sie alle nach. Den Frauen kleden die Blusen und Röcke an den Gliedern, daß die Körpcrformcn deutlich hervortreten. Um. 8 Uhr, zur Frühstückszeit, sind wir wie aus dem Wasser gezogen, in der Kaserne angekommen. So gut es gehen will, werden die nassen Kleidungsstücke ausgewunden und während der Frühstückspause auf die Drähte, die über den Herd gespannt sind, zum Trocknen aufgehängt. Die wenigste» haben Kleider zum Wechseln. Ich habe ebenfalls n»r �as, was ich auf dem Leibe habe; außer einer Hose, die ich an Stelle der nassen anziehe. Was wir wohl nachher bei diesem Regen machen werden? Der Vorschnitter läßt uns nicht lange im Ungewissen. In der Land- Wirtschaft gibts bei jedem Wetter Arbeit zu erledigen. Ein Teil der Frauen soll nach dem Frühstück Säcke flicken. Die anderen und ich werden nach der Scheune kommandiert, Stroh zu„banzen". Unheimlich schnell ist die Frühstückspause vergangen. Dann gchts wieder hinaus. In der Küche ziehen wir unsere»och nassen Kleidungsstücke wieder an. Das nasse Zeug läßt den Körper er- schauern. In den Schuhen schlickert das Wasser bei jedem Tritte. So gchts hinaus! Die Scheune ist etiva 500 Meter vom Gute entfernt. Grau und schwer hängen die Wolken am Himmel und unaufhaltsam rieselt der Regen. Mich fröstelt. Schneller schreite ich aus, um eher unter das schützende Dach der Scheune zu kommen. Auch die anderen beeilen sich. In der Scheune sind noch einige Fuhren Stroh, das heraus soll, um Platz für das einzuführende Getreide zu haben. Zwei Knechte fahren es mit den Pferden nach dem Gute. Die Frauen stellen sich in einer Reihe ans und werfen mir die Strohbunde zu, die ich dann auf den Wagen hinaufreiche. Bei jeder Bewegung legen sich die nassen Kleider an den Leib, kalt wie Eis. Durch die offenen Tore fegt der Wind herein und jagt den Regen bis auf die Tenne. Endlich habe ich mich warm gearbeitet. Die Strohbünde wiegen 25 bis 40 Pfund und kommen einem auf der Gabel noch schwerer vor. Bald weiß ich nicht mehr, ists noch der Regen oder der Schtveiß, von dem meine Hand naß ist. Aber ich friere nicht mehr und bin froh deshalb. Ein Wagen nach dem anderen rollt hinaus, voll Stroh geladen, ohne daß man sähe, daß das Stroh in der Scheune weniger wird. So fest hat es sich gelagert. Zuweilen sind wir mit dem Aufladen fertig, che noch der andere Wagen vom Gut zurückkommt. Dann legen wir uns ins Stroh. Den Weiber» ist die Zeit zu lang und in kurzen Zwischenräumen fragen sie mich, wie spät es sei. Wir strecken die müden Arme und freuen uns der Ruhepause. Doch nicht lange. Bald hören wir den Wagen klappern und die Tritte der Pfcrdehufc, und wenige Augenblicke später ist der leere Wagen wieder da. Dann gehts"weiter. So, nun kanns loSgehn, sagt der Klitscher, wenn wir einen Augenblick zögern. Der Vogt kommt ab und zu mal nachsehen. Mit einem Schwung ist er nbcr die Barriere hinweg und hat im nächsten Augenblick eins von den Mädchen gepackt, und für irgend ein an- gebliches Vergehen wirst er es ins Stroh, zwickt und kitzelt es, daß eS laut schreit. Dann geht er wieder, woher er gekommen ist, ist aber bald wieder da und wiederholt dasselbe Manöver. Er sucht sich immer tzie drallsten und schönsten unter den Mädchen heraus. Und die Knechte, die das sehen, machen es ebenso, wenn der Vogt oder der Inspektor nicht in der Nähe ist. Und die Mädels müssen gute Miene zum bösen Spiel« machen. Denn nicht alle haben Gefallen daran, sich von den„cblopi"(Kerlen), wie sie sie nennen, betasten zu lassen. Eine von ihnen fing an zu weinen, als sie einer von den einheimischen Knechten ins Stroh warf und unzüchtig anfaßte. lSchlutz folgt.: kleines-Feuilleton. Das Jubiläum des Stillen Ozeans. Im September dieses Jahres kehrt zum 400. Mal das Datum des Tages wieder, an dem, soviel die Geschichte weiß, zum ersten- mal der Blick eines Europäers auf die ungeheure Fläche des Stillen Ozeans fiel. Diese Angabe trifft allerdings nur mit einer be- deutenden Einschränkung zu. Da auch die Küsten Ostasiens von Teilen des Großen Ozeans begrenzt werden, so müßte diese Ent- deckunL durch die Europäer in die Zeit verlegt werden, als der erste Seefahrer von Europa her die Straße von Singapur nach Osten hin durchmaß oder der erste Landreisende aus dem Westen nach mühevoller Durchqucrung Jnncrasicns bis zu den Gestaden des Chinesischen Meeres gelangte. Wann das geschehen ist, läßt sich überhaupt nicht genau ermitteln, doch weiß man, daß schon im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung von Arabien her eine lebhafte Schisfahrt bis nach Südchina betrieben wurde, die toohl auch manchen Europäer dorthin geführt haben mag. Lange Zeit hat dann hn 13. Jahrhundert der Venezianer Marco Polo in China geweilt und selbstverständlich auch seine Küsten kennen ge- lernt. Er müßte also wenigstens bis zu einem gewissen Grade als Entdecker des Stillen Ozeans geschätzt werden. Von dem Vorhandensein des Meeres jenseits von China hatte aber sogar schon der alte Ptolemäus eine Kenntnis vom Hören- sagen. Der große Geograph des Altertums betrachtet aber das Chinesische Meer noch als einen Meerbusen, der nach Osten hin durch eine unbekannte Landmasse abgeschlossen wäre. Im Mittel- alter erfolgte dann gar der Rückschritt zur scheibenförmigen Erd- karte, auf der die Landmasie ringsum von einem ozeanischen Band umflossen sein sollte. Durch die großen Entdeckungsreisen, mit denen die Rechnung der Neuzeit einsetzt, wurden zwei Wege gegen den Stillen Ozean hin eröffnet, durch Kolumbus der Weg über den Atlantischen Ozean nach Amerika, durch Vasco da Gama der- jenige um die Südspitze Afrikas herum durch den Indischen Ozean nach Indien. Auf beiden Straßen wurde der Stille Ozean fast in demselben Jahr erreicht. Am 25. September stand der spanische Admiral Vasco Nunncz de B a l b o a als erster an der Westküste Amerikas und ließ seinen Blick über die unbegrenzte Fläche dieses neuen Meere? schweifen. Mithin gilt er als Entdecker des Stillen Ozeans und erhielt auch vom spanischen König später den Ehren- titel eines„Admirals der Südsce". In der Richtung nach Osten blieben die Portugiesen die Pioniere der Entdeckungsfahrten, und �sicher ist es, daß sie im Jahre 1S14 bereits an die Küste von Südchina gelangten. Man kann daraus mit ziemlicher Bestimmtheit schließen, daß sie schon einige Jahre zuvor die Straße von Singapur überschritten und wenigstens an die östlichen Gestade Hinterindiens vordrangen. Danach muß es als wahrscheinlich betrachtet werden, daß die..Entdeckung" des Stillen Ozeans aus dieser Seite von den Portugiesen früher gemacht wurde als an der Gcgcnküste Amerikas durch den spanischen Conquistador. Dieser hat aber den großen Vorzug, daß er den Tag seiner Entdeckung genau aufgezeichnet und hinterlassen hat, während sich die Fortschritte der Portugiesen nach Ost ästen hinein weniger genau verfolgen lassen. Auch der Name Südsec (spanisch: Mar dcl Zur), der heute für den Großen Ozean in keiner Hinsicht mehr passend erscheint, ist von Balboa gegeben worden, da er das Meer von der Stelle aus, wo er die Küste Mittelamerikas erreichte, nämlich an der Landenge von Darien, zuerst im Süden erblickte und von der ungeheuren Ausdehnung de» Ozeans von der arktischen bis zur antarktischen Zone keine Vorstellung haben konnte. Als eine Merkwürdigkeit ist die Tat- fache zu verzeichnen, daß gerade das Gebiet der Mittelamerika-, nischen Landenge, wo Balboa seine Durchqnenmg ausführte, von der modernen Forschung ziemlich vernachlässigt geblieben ist. Der nächste große Entdecker gegen den Stillen Ozean hin war dann der Portugiese Magelhacns. der nicht nur das Südonde Aincrikas erreichte und auf der nach ihm benannten Straße umschiffte, sondern ohne Zweifel auch bereits den ganzen Ozean bis nach den Philippinen hin durchquerte, ohne übrigens Australien z» berühren. Der erste Reisende, der den Großen Ozean in umgekehrter Richtung durchmaß, hat weniger Ruhm Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. dafür geerntet. Es war der Spanier Andres de Urdaneta, der im Jahre 1566 mit günstigen Winden auf einer nördlichen Linie von Ostasien nach Amerika hinüberfuhr. Luftfahrt. Pegouds Eindrücke beim Vertikalflug. In Anwesenheit einer kleinen Zahl von Flugsachoerständigen hat der Flieger Pegoud, der erst kürzlich durch seinen„Flug auf dem Kopfe" Aussehen erregtes mit seinem neuen Bleriot-Eindecker nicht nur das kühne Experiment wiederholt, sondern auch noch durch einen Bertikalflug ergänzt, bei dem er über 100 Meter senkrecht zur Erde herabschoß, um dann mit einer einsachen Bewegung des Steuerhebels anscheinend mühelos den Apparat wieder in die gewöhnliche Fluglage zu bringen. Streckenweise hing dabei der Oberkörper des Fliegers aus dem mit den Lausrädern nach oben stehenden Flugzeug senkrecht zur Erde hinab. Als der verwegene Flieger nach der Landung nach seinen Eindrücken befragt wurde, erklärte er lächelnd:„Ich hatte die ganze Zeit über das freudige Gefühl, daß der Versuch gelingen müsse. Wenn ich den„Flug auf dem.Kopfe" verlängerte, so geschah das, weil ich mich voll- kommen sicher fühlte und mir darüber klar werden wollte, bis zu welchem Maße ich in dieser ungewöhnlichen Körperlage imstande wäre,.Beobachtungen zu machen. Denn das Gesichtsfeld ist dabei noch größer wie bei einem gelvöhnlichcn Fluge. Wenn ich ani Sitze, mit dem Kopf nach unten, hänge, befinde ich mich ja auch unterhalb der Flügel des Flugzeuges, so daß die Flügel mein Gesichtsfeld nicht einengen: ich sehe ohne Einschränkung das ganze unter mir liegende Gelände. Sie sagen, der folgende„Vertikal- slug" habe fast tvie ein Sturz ausgesehen. Ich unternahm diesen Versuch, um meinem Flugzeug größere Geschwindigkeit zu geben, weil dann die Wirkung des"Ruders bei der Ilmstellung stärker sein mußte: also um mir die Landung und die dazu notwendige Umdrehung des ganzen Apparates zu erleichtern. Das war, wie Sie ja übrigens gesehen haben werden, das einfachste Manöver von der Welt." Den?lbstieg aus einer Höhe von über 1000 Meter legte Pcgoud bei dieser Gelegenheit in zwei steilen Schleifcnflügcn zurück, der Apparat beschrieb in der Luft sozusagen zwei große lateinische L, die durch eine senkrechte Linie, die Strecke d"s Vertikalsluges, miteinander verbunden waren. Der Anblick war nacb der Schilderung eines Augenzeugen in den ersten Sekunden fast herzbeklemmend, aber keinen Augenblick verlor Pegoud die absolute Herrschaft über sein Flugzeug. Alts dem Leben. Eine Demagogen-Freundin. An eine Märtvrerin der Demagogenversolgungen in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts mag erinnert werden, an A n n e t t S t o l tz e, die Schwester des bekannten Frankfurter Volksdichtcrs Friedrich Stoltze, die am 11. September 1813 in Frankfurt a. M. geboren ward. Annett Stoltze hatte bei ihrem Vater, dessen Gasthaus der Mittel- Punkt der freiheitlich gesinnten Kreise Frankfurts gewesen, tiefes Mitleid für einige Studenten gefaßt, die 1833 als Opfer der Demagogenriecherei gefänglich eingezogen waren, und hatte mit einem der Gefangenen, dem Heidelberger Burschenschafter Heinrich Eimer ans Lahr, der später als Arzt in Freiburg im Brc>sgau lebte, eine Korrespondenz angeknüpft, um den bedauernswerten Jüngling?>> befreien. In ausgehöhlten Bierstöpseln und in dem doppelten Boden einer blechernen Kaffeekanne wurden Zcttelchen in das und aus dem Gefängnis befördert, während der über ein Jahr sich hinziehenden Gefangenschaft: auch eine Uhrfeder-Sägc, die in einen Kirschkuchen cingebackcn war, hatte da? Mädchen dem Gefangenen ins Gefängnis geschmuggelt. Die Säge aber ward entdeckt, und ein anderer Befreiungsversuch mißlang ebenso. Annelt ward wegen Beihilse zu den Fluchtversuchen Eimers zu vier Wochen Arrest verurteilt. Dabei war wohl noch als mildern- der Umstand betrachtet, daß aus der Korrespondenz nur zu deutlich hervorging, daß Annett nicht an? freiheitlicher Gesinnung allein. sondern aus Liebe für den jungen Gefangenen gehandelt halte. Sie büßte im August 1Z3S die Strafe in derselbe» Zelle ab, die vorher Eimer bewohnt hatte, und die zwei, die damals Liebesbriefe unter so erschwerenden Umständen getauscht hatten, haben sich nie wieder gesehen. Friedrich Stoltze hat damals seine gefangene Schwester in folgenden Strophen besungen: Im Turme hinterm gotsschen Erker, So stark vergittert ganz und gar, Saß eine Taube in dem Kerker. Weil sie gedacht hat wie ein Rar. Gesangen hinter Eisenstäben Stand eine Rose manchen Tag, Weil in dem lieben Blumcnleden Das Rauschen einer Eicke lag. Da? Schicksal der Schwester, die ans diesen Erregungen ein lange'S Siechtum davontrug und jung law 17. November 1840) starb, hatte ans den jüngeren Bruder einen starken Einfluß: cS hat die freiheitlichen(tzesiiinniigeii, die er im Elternhause ein- gesogen, befestigt und ihn erst recht eigentlich zum Volksdichter gemacht. — Druck u. Verlag: VorwärlsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin ZW.