� l ÜI C X ij ullil U y vvl Nr. 181. Mittwvch, den in Em JNIann, Von Cam ille Lemonnier. Heber die Ebene wölbte sich in unendlicher Ausdehnung das silberschimmernde Firmament, mit glitzernden Sternchen über und über besät. Unter dem milden Mondenscheine glichen die weiten Felder dem ruhigen Spiegel eines schlummernden Sees. In der Ferne, weit hinter dem lang- gestreckten Gehölz, sah er den Giebel eines Schieferdaches blinken. Da suhlte er sich von einer solch heftigen Erregung gepackt, daß ihm fast die Sinne vergingen: er setzte sich nieder, den starren Blick unverwandt auf die Dächer des Gehöftes gerichtet. Wilde Hammerschläge arbeiteten in seiner Brust. Es überkam ihn wie eine Offenbarung, daß sein ganzes Lebensglück nur dort, unter jenem Dache ruhe. Germaine sehen, die Nacht bei ihr sein, sie in den Armen halten wie in der guten, früheren Zeit— was scherte ihn dann noch alles andere auf der Welt, Gendarmen, Flinten, der Tod? Uebrigens war die Kugel, die ihn treffen sollte, noch nicht gegossen: er hatte noch manchen Pfeil in seinem Köcher. Und als ihm einfiel, wie er seit vierzehn Tagen die Meute seiner Verfolger irreführte, mußte er laut in die Nacht hinauslachen. Er erhob sich. Ihn trieb jetzt die Ungeduld zu ihr. Um diese Stunde schlief alles im Pachthofe. Das war der günstigste Moment. Er erinnerte sich, eine Leiter im Obst- garten gesehen zu haben: die würde er behutsam an die Mauer lehnen, zu ihrem Fenster hinaufsteigen und an die Scheibe trommeln. Sie würde ahnen, wer es sei: er würde ihr ein Zeichen machen, sich still zu verhalten: dann ein Sprung— ein Kuß auf ihre roten Lippen— die heiße Umschlingung ihrer Arme— und das Beisammensein bis zum dämmernden Morgen I Plötzlich tauchte in der Ebene eine dunkle Masie auf. Von dem Flußpfad her, der ein Kornfeld umsäumte, kamen einige Männer auf das Gehölz zu. Cachapräs konnte von seinem Standpunkte aus die emporragenden Köpfe gewahren, ohne jedoch ihre Gestalten zu unterscheiden, die durch die hohen Aehren verdeckt wurden. Da weiteten sich seine Pupillen, und er bemühte sich, sie zu zählen. Je näher sie heranrückten, desto schärfer umrissen wur- den ihre Gestalten. Es waren vier Mann. Einer von ihnen trug eine Kappe mit funkelnden Tressen, alle vier waren mit leinenen Blusen bekleidet.. Als sie endlich vom Felde ab- bogen und in ganzer Gestalt sichtbar wurden, erkannte er vier junge, stämmige, wohlgebaute Forstwächter. Hinter ihren Schultern blitzten Gewehrläufe auf. Sollte er entdeckt sein? Oder war man auf den Einfall gekommen, ihn in der Nähe des Pachthofes abzufangen? Unmöglich! Die einzige, die seine Absichten kannte, war die Cougnole, und auf diese konnte er sich verlassen: die Alte würde ihn nicht verraten. Bah! Es würde sich ja zeigen! Vier Forstwächter schreckten ihn nicht: auch nicht fünf oder sechs: er hatte sich sein wunder- bares Selbswertrauen bewahrt. Während sich die Truppe dem Walde zuwandte, stahl er sich durchs Getreide, den Ober- körper bis zur Erde geduckt, nur den Kopf bisweilen er- hebend, um Ausschau zu halten. Die Patrouille hatte sich entfernt. dem bläulichen Dunst konnte er noch die hinter den Bäumen verschwindenden Gestalten sehen, bis sie sich allmählich im Dunkel des tiefen Waldes verloren. Anscheinend sollte das Gehölz wie bei einer Treibjagd umzingelt werden, wobei der Pachthof und seine benachbarte Umgebung besonders scharf beobachtet wurden. Er zerteilte die Wogen des Getreides, indem er mit seinen weit ausgebreiteten Armen mächtig ausgreifende Schwimm- bewegungen machte. Die Entfernung vor ihm verringerte sich, aus der schwarzen Nacht wuchs der massive Block des Gchöftes empor. Da ließ ihn ein neuerliches Geräusch innehalten. Er hob seinen Kopf über die Aehren empor. Am� Ende der Ebene lief rechter Hand, an einem Teiche vorbei, eine pappek- umsäumte Chaussee. Von dort her kam das Geräusch, der rhythmische, taktmäßige Schritt einer marschierenden Truppe. Der dichte Schatten der Pappelallee entzog sie noch seinen itt des Vorwärts 17. September. 1313 Blicken. An den Stellen, wo ein fahler Mondenstreif das düstere Dunkel der Straße unterbrach, konnte er dann und wann eine dunkle, kompakte, vorwärtsstrebende Masse ge- wahren, doch Gestalten zu unterscheiden, war unmöglich. Tann verklang das Geräusch ihrer Schritte und schien in dem Rauschen der windbewegten Bäume unterzugehen. Ah! Das war also ein taktischer Vorgang! Es wurde ihm immer klarer, daß eine regelrechte Treibjagd organisiert worden sei. Das wäre doch zu dumm, wenn er sich in einer Mausefalle fangen ließe! Unter den buschigen Nehren wie ein Hase zusammengeduckt, überlegte er unschlüssig. Aber das Fleisch blieb Sieger in ihm. Das Feld wurde durch den Flußpfad, den die Waldhüter gekommen waren, in zwei Teile geschnitten. Darüber lag das volle Mondenlicht. Ein gefährlicher Weg! Er rollte sich wie ein Igel zusammen und sprang mit einem Satz über den Weg in die Aehren, die den Pfad auf der anderen Seite be- grenzten. Aber das Getreidefeld hörte plötzlich auf, und er befand sich vor einem Kartoffelacker, der unter dem klaren Mond wie eine weite, nackte Fläche dalag. Es hieß also eine neue List ersinnen! Er warf sich der Länge nach in eine der Furchen. Die struppigen, bräunlichen Kartoffelstauden schlössen ihre dichten Kuppeln über ihm. Er kroch auf dem Bauche vorwärts, das Gewirre der Stengel vorsichtig zer« teilend. Der Wald lag wieder im tiefsten Schweigen: in- mitten der starren Reglosigkeit der Fluren war der geheim- nisvolle Marsch in der Richtung des Teiches erstorben. Dann verrammelte ihm der Gemüsegarten den Wj#. Außerhalb der Hecke herumzukriechen, wäre unklug. Es brauchte bloß einer der Gendarmen, sei's aus Ermüdung, sei's aus Vorsicht, am Rande des Gehölzes zurückgeblieben zu sein. Er bohrte ein Loch in die Hecke, schlüpfte in den Gemüse- garten und lief mit großen Schritten, den Kopf tief zur Erde gebückt, längs der Hofmauer hin. Ein wenig seitlich drängten sich die Bäume des Obstgartens, der vom Gehöfte durch einen Wirtschaftsweg getrennt wurde. Da lagen Schiebkarren, ge- spaltenes Holz und ganze Baumstiimme in wirrem Kunter- bunt, und ain Ende des Gemüsegartens ruhte das braune' Schindeldach einer Scheune auf vier Mauerpfeilcrn. Cachapräs schlich sich an der Scheune vorbei, ängstlich das Geräusch seiner Schritte unterdrückend. Aus den Stallungen kam ihm das tiefe Schnauben der Rinder ent- gegen, dann und wann scharrte ein Pferd mit dem Hufe oder riß klirrend an seinem Halfter. Ueber all diesen Dingen wob ein Hauch von Germainens eigener Persönlichkeit. Voll Ent- zücken lauschte er, ohne selbst zu wissen, was das Heimliche war, das ihn hier so wohltuend berührte. So nah von ihr, begann er wieder zu beben: ihm war's, als wankte der Boden unter seinen Füßen. Seine Kehle brannte wie Feuer. Vom Teiche her erscholl das mißtönige Quaken der Frösche. Einen Moment gab er sich wie betäubt dem Zauber des geheimnisvollen, nächtlichen Webens hin: plötzlich ließ ihn ein Geräusch zusammenfahren, und angestrengt lauschend wandte er den Kopf zurück. Hinter der Scheune hatte sich etwas bewegt. Er hatte keine Zeit, sich zu sammeln: eine dunkle Er- scheinung löste sich von der Wand: zwei Gendarmen stürzten ihm mit gesenktem Bajonett entgegen. Er sprang hurtig zurück, legte an und spannte den Hahn. Eine doppelte Detonation zerriß die Nacht mit furcht- barem Getöse: das rollende Echo pflanzte sich weiter fort und schien im Walde eine ganze Gewehrsalve wachzudonnern. Die Gendarmen hatten nicht einmal Zeit gehabf, Deckung zu suchen. Eine rötliche Flamme war neben dem dunklen Gemäuer aufgeblitzt, und der eine war mit einem Aufschrei zusammengebrochen, eine Laduüg Rehposten in der Brust. Der andere hatte auf eine davonhüpfende Gestalt, die wie ein Zicklein durch den Gemüsegarten sprang, angelegt, doch die Kugel traf einen Apfelbaum, während Cachapräs mit übergroßen Sprüngen auf dem Fußpfad enteilt«. Nun machte sich der Gendarm ebenfalls auf die Jagd, so rasch es seine durch dicke Stiefel beschwerten Füße gestatteten. Der Flüchtling dagegen, geschmeidig und unbehindert, jagte ick rasendem Laufe dahin und gewann einen immer größeren Vorsprung. Dfoä eine lefcf« Anstrenguna versuchte der Gen- dann: dann vlted et stehen, da er einsah, dah die wachsende Distanz eine Verfolgung unmöglich machte, legte an und schoß. Cachaprös wankte. Ein fürchterlicher Schlag hatte ihm Kovf und Schultern erschütterr. Betäubt ließ er sich auf die Lände fallen. Feuer- Wirbel kreisten vor seinen Augen, der Garten schien in Flammen zu stehen: ein wüster Lärm erfüllte sein Hirn, in seinen Schläfen dröhnten wütende Glockentöne. Aber Plötz- lich erhob er sich wieder und begann mit verdoppelter Ge- schwindigkeit, wie ein angeschossener Wolf, �u entlaufen. Ein Wächter tauchte vor ihm auf und versperrte ihm den Weg. Knirschend schleuderte er ihm eine Verwünschung ent- Segen. „Du AasI" schrie er. und seine Flinte wie. ein Beil über dem Kopfe schwingend, schlug er ihn nieder. �_ Ein paar Schritte hinter ihm brüllte eine Stimme: „Mörder! Mörder!" Das war der Gendarm, der ihn eingeholt hatte. Der Wächter hob mit der unversehrten Hand seine Flinte empor und schoß blindlings, ohne zu zielen. Mit einem Satz hatte sich Cachaprds gerettet, und die Kugel schlug in eine Eiche. In atemloser Hast lief er gerade- aus, mit dem Wind seines Laufes die Blätter peitschend. Er hatte seine ganze Kaltblütigkeit wiedererlangt. Deutlich konnte er in der Entfernung die Schritte eines ganzen Trupps ver- nehmen, ja, es schien sogar, daß die-Zahl seiner Verfolger noch gewachsen sei. Die Fäuste in die Hüften gestützt, klomm er die Hänge hinan, oder wand sich durch Schluchten, elastisch, geschmeidig und flink, den Boden kauni mit den Sohlen be- rührend. Er wandte sich nach rechts, ein bestimmtes Ziel vor Augen, die Hütte der Tucs. Unfern von dieser verstrickte sich ein dichtes Dornengestrüpp. Er würde die Ducs im Vor- überlaufen verständigen und sich im Dickicht verbergen. Das müßte schon nicht mit rechten Dingen zugehen, wollte man ihn dort aufspüren. - Ein heftiger Schmerz nagte anfallsweise an seiner linken Schulter: die ganze Seite, vom Oberarm bis in die Hüfte, schien aus den Fugen gegangen: Nadelstiche Kribbelten in seiner Haut, als würde diese mit glüheuden Svitzeisen ge- foltert. Er griff mit der Hand nach der verletzten Schulter und zog sie, mit einer warmen Fliissigkeit benetzt, zurück. Doch Lungen und Brustkorb waren unversehrt. Er hatte sich seinen kräftigen Atem bewahrt, sein leicht federndes Knie ge- horchte ihm noch. Und von Kraft und Stolz geschlvellt, kam ihm wieder sein teuflisches Lachen ans früheren Tagen zurück. Allmählich hatte das Getümmel nachgelassen: er hatte zwei Schüsse knallen gehört, die wahrscheinlich irgendeiner verschwommenen Erscheinung im Dickicht gegolten hatten. Dann war das Stimmengewirr allmählich in den Tiefen des Waldes crstorlien. Er verminderte ein wenig die Schnellig- keit seiner Flucht, fest überzeugt, seine Verfolger auf eine falsche Fährie gelockt zu haben. Sie hatten sich nach links gewandt, irregeleitet von falschen Spuren. Noch vor Morgengrauen erreichte Eachaprds die Hütte der Tucs. Er pochte. Die Kleine ivar allein im Hause. Der Greis und die Greisin hatten eine Meile weit entfernt einen Baumschlag auszuholzen: sie übernachteten au Ort und Stelle im Freien, um den Tag besser zu nutzen. Unter deni Gewirr des struppigen Haares, das ihr über die Augen fiel, betrachtete sie ihn mit einem Gemisch von Haß und Freude in ihren tückischen Blicken. Er verlangte Schnaps: doch war keiner vorhanden. Seine Kehle war trocken wie das Innere eines Ofens. Er leerte einen großen Napf voll Wasser auf einen Zug- Tie Kleine schlich beunruhlgt, erstaunt, mit hochgezogencn Brauen um ihn herum: da gewahrte sie das sickernde Blut:> sie schrie auf, und seinen Arm ergreifend, stieß sie hastig die Frage hervor: „Die Gendarmen?" Er nickte blotz: ein unbeschreiblicher Schmerz hinderte ihn am Sprechen. Tie Zähne aufeinander pressend, hielt er gewaltsam den Atem zurück, von jedem eindringenden Luft- ströme wie von Messerstichen durchbohrt. Doch raffte er sich gewaltsam aus und erzählte in abgerissenen Worten von dem Kainpfe, der Verfolgung und dem Gestrüpp, worin er sich zu verbergen gedachte. „Du wirst mir zu trinken bringen!" fügte er hinzu.„In meiner Gurgel brennt alles Feuer der Hölle!" Sein Gesicht bedeckte eine noch stärkere Blässe als früher; er wankte. Da sprang die Kleine in einer schönen Regung auf ihn zu: „Stütz' Dich auf meine Schulter! Ich führe Dich hin." Roch einmal versuchte er zu prahlen: „Aber was Dir nicht einfällt! Ich bin doch ein Mann!" Und gegen die Schwäche, die ihn zu übermannen drohte, gewaltsam ankämpfend, trat er hinaus, den Laus der Flinte wie einen Stab umklammernd. Sie folgte ihm, halbnackt; die mageren Schultern guckten aus dem Hemdchen hervor, um die Hüften hatte sie ein kurzes Röckchen gebunden. Und so oft er schwankte, sprang sie hinzu, ihn mit ihrem Körper zu stützen, indem sie sich resolut wie ein Junge auf ihre dünnen Beinchen stemmte. Endlich gelangte sie zu dem Gestrüpp. Das Eindringen in das verworrene Dickicht der Dornenranken verursachte Cachaprds unsägliche Qualen. Er mußte sich den Weg mit dem Mesier bahnen, nachdem er vergebens hindurchzukriechen versucht hatte. Die Kleine trat mit ihren nackten Beinchen tapfer in die Dornen, der Wunden nicht achtend. An den furchtbaren Krallen des Gestrüpps blieben Fetzen ihres Röck- chens zurück. lSchlutz folgt.) Jenen ler 8treifgang. Von der Universität zum Phyletischcn Museum. Wolken ziehen über den Herbsthimmel und in beweglichem Spiel kämpfen Licht und Schatten um den Besitz der bewaldeten Täler und Höhen. Mein Weg zur Universität führt mich durch den Fürslengraben, eine der schönsten Straßen von Jena. Hier stehen aus alter Zeit vornehme Patrizierhäuser in gut gepflegten Gärten; Nelken, Geranien und Rosenstöcke blühen vor den Fenstern. Ueppig rankt sich der wilde Wein an den Wänden empor; in flammendes Rot hat der beginnende Herbst seine Blätter getaucht. Dort, in jenem ehrwürdigen Hause, vor dem sich jetzt der botanische Garten ausbreitet, hat Goethe oft geweilt, hier hat er seine Untersuchungen über den Bau der Pflanzen gemacht. Vor den Fenstern des Zimmers, das er zu bewohnen pflegte, erhebt sich noch heute der- selbe, damals als größte Seltenheit aus Japan importierte Baum, der Gingko biloba, den Goethe in Versen besang. Dieser Baum erregte damals das Staunen der gelehrten Welt dadurch, daß er sich weder zu den Laubhölzern noch zu den Nadelbäumen zählen lieh. Die Universität Jena ist stets eine Stätte regster natur- wissenschaftlicher Forschung gewesen und bis heute geblieben. Goethe selbst, als Leiter des Erziehungswesens in seinem Duodez- staate, hat eifrig dafür gesorgt, daß die Naturwissenschaften an der Universität durch tüchtige Gelehrte vertreten waren. Es genügt, den Namen des großen Oken zu nennen, der sich auch als frei- heitlich gesinnter Politiker in der Burschenschaftsbewegung in den Zeiten der Reaktion und Demagogenvcrfolgung betätigte. Später wirkte hier Schleiden, einer der Begründer der Zellenlehre. Und heute ist es der greise H a e ck e l, der die große Tradition fort- setzt, als tapferer Künder der Entwickclungslehre, die in dem Kopfe Goethes und der anderen Forscher zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu keimen begann. Wie sich hier in Jena Vergangenheit und Gegenwart, Altes und Neues durchdringt, das zeigt vor allem der wundervolle Bau der neuen Universität, die von dem bedeutenden Münchencr Architekten Tbcodor Fischer errichtet wurde. Nicht alte, tote Formen werden hier nachgesprochen; und gleichwohl fügen sich die neuen Formen dem Stadtbilde in voller Harmonie ein. Besonders glück- lich hat der Arckitckt das Problem der Verteilung der Massen zu lösen gewußt. Luftige, herrlich weite Höfe wevden geschaffen, und in mannigfaltigen Formen gliedert sich der Raum und das ein- fallende Licht. Einfach und schlicht, nur von sparsamstem Schmuck geziert, präsentieren sich die Jnnenräume, die Aula, das Sitzung?« zimmer des Senats. Sicherlich lohnt es sich für die Genossen, die jetzt in Jena versammelt sind, in einer freien Stunde sich an diesem Kunstwerk zu erfreuen und zu erfrischen. Einen besonderen Ruf genießt das in einem der Korridore der Universität aufgestellte Tempcragemälde des großen Schweizer Malers H o d l e r, das den Auszug der Jenaer Studenten im Jahre 1813 darstellt. Ein Bild von starker, eigener Originalität, in das man sich lange und eindringlich versenken muß, um es sich zugänglich zu machen. Hodlcr selbst hat mir vor vielen Jahren, als er mir seine Gemälde in Bern zeigte, erklärt, daß es sein Bc- streben, die Grundrichtung seines künstlerischen Schafsens sei, die zu bemalende Lcinwandfiäche, auf Kosten der knechtischen Nach- ahmung der Wirklichkeit, in rhythmische Formen zu gliedern und die Hauptlinicn durch gleichmäßige Wiederholung in parallelen Gebilden zu unterstreichen. Dieses Prinzip erfährt auch auf seinem hiesigen Jenabild seine Entfaltung. Auf dem oberen Teil des Ge- müldcs ziehen in Reihen die akademischen Infanteristen hinaus ins FeN>, in gleichem Schritt nnb Trittz man glaubt den regelmäßigen Takt dieses Marsches zu vernehmen. Auf dem unteren Teil rüsten sich die freiwilligen Kavalleristen voll Ungeduld zum Aufbruch. Im Gegensatz zu dem oberen Teil des Bilde» eine lebhafte, erregte, vielgestaltige Bewegung. Und doch hat eS der Meister verstanden, auch sie in parallele Gruppen anzuordnen. Im Gegensatz zu all den widerlichen, dynastisch aufgedonnerten Verhimmelungen der großen Zeit der Befreiungskriege in diesem Jahre haben wir es hier mit einer schlichten, ungekünstelten Verklärung einer wackeren Tat zu tun. Weiter! Mein Weg führt durch die enge, winklige, mittel- alterliche Altstadt. Mir fallen da jene treffeuiden Verse Goethes ein, mit denen er im zweiten Teil des„Faust" die Enge dieser Architektur und die in ihr ausgedrückte Beschränktheit des klein- bürgerilchen Lebens schildert: Ich suchte mir so eine Hauptstadt aus, Beschränkten Bürgernahrungsgraus, Krumm-enge Gäßchen, spitze Giebeln, Beschränkten Markt, Kohl, Rüben, Zwiebeln, Fleischbänke, wo die Schmeißen hausen, Die fetten Braten anzuschmausen. Da findest Du zu jeder Zeit Gewiß Gestank und Tätigkeit. Nun durch das schmale Schillergäßchen, wo Schiller bis kurz vor seinem Tode wohnte und auch am„Wallenstein" dichtete, zum phyletischen Museum, das Ernst Haeckel ins Leben gerufen hat. Hier weht uns der Geist der freien Wissenschaft entgegen, die mit ihren blitzenden Waffen die Dogmen des Mittelalters siegreich bekämpft und eine gewaltige Bresche in ihre geistfesselnden Tra- ditioncn gerissen hat. Seit der Mitte des vergangenen Jahr- Hunderts hat sich Haeckel mit dem hinreißenden Temperament seiner von wissenschaftlichen Idealen ganz ergriffenen Persönlich- keit der Verkündigung des Darwinismus, der Lehre von der Ent- stehung der Arten der tierischen und pflanzlichen Lebewesen durch die natürliche Zuchtwahl gewidmet. Sein unvergängliches Ver- dienst- ist und bleibt es, diese grundlegende Erkenntnis aus den engen Studierstubcn und den Laboratorien hinaus, allen heftigen und häßlichen Angriffen entgegen, in das Frcilicht des öffentlichen Lebens getragen zu haben. So ist der Darwinismus zum Gemein- gut der Bildung geworden. Diesem Zweck dienstbar zu sein, das ist nun auch die Bestimniung des Phyletischen Museums, d. h. des Museums für die Stammesgeschichte, für die Entwickelungsgeschichte der Tiere. In hellen, freundlichen Sälen sind die Glaskästen aufgestellt, die i» übersichtlicher Ordnung das Material enthalten, das zum Beweise des Entwickelungsgesetzes dient und es in seinen Wirkun- gen lebendig veranschaulicht. Wie entsteht die Verschiedenheit der Arten, wie ist ihre Veränderung und ihre Aehnlichkeit zu erklären? Auf die entscheidende Lösung dieser Frage, eben auf die Entwicke- lung der Arten durch die natürliche Zuchtwahl, wurde Darwin durch die Beobachtung der künstlichen Zuchtwahl, der Rassenmischung durch die Tierzüchter, gefübrt. So sehen wir so- gleich am Eingang in einer Vitrine eine größere Zahl von Hühner- und Taubenrasscn, die durch beabsichtigte Variation aus einer Ur- form abgeleitet wurden. In einem anderen Saal wird uns die Wirkung der Anpassung an die Lebensbedingungen als formver- änderndes Prinzip vorgeführt. Da sehen wir, wie bei gewissen Krebsen, Fischen, Salamandern, Eidechsen usw., die sich infolge ijrer Lebensweise in lichtlosen Grotten, in unterirdischen Höhlen aufhalten, die Sehorgane, die Augen reduziert worden und bis auf einen kaum' mehr erkennbaren Rest verkümmert sind.— Die Blindschleiche ist bekanntlich keine Schlange, sondern vielmehr eine futzlose. Eidechse; enthäutet man das Tier und legt sein Skelett bloß, so gewahrt man kümmerliche Knochenrestc der rückentwickclten Gliedmaßen. In dieser Beziehung bildet die Blindschleiche das letzte Glied einer Kette, deren einzelne Glieder uns den stetig fort- schreitenden Gang dieser Rückbildung vor Augen führen. Im Phy- letischen Museum sind die Glieder dieser Kette übersichtlich neben- einandcrgestellt. Das erste Glied bildet die Wühleidechse, die noch alle vier Beine besitzt, jedoch in so schwächlicher Ausbildung, daß nicht mehr durch sie, sondern durch den walzenförmigen Körper die Bewegung vollzogen wird. Bei dem zweiten Glied, dem Flosscnfuß, sind bereits die Vorderbeine nicht mehr vorhanden, beim dritten, der Doppelschleiche, sind auch die Hinterbeine rückgebildet, bei der Blindschleiche endlich ist, wie gesagt, jede äußere Spur der Glied- maßen verschwunden. Sehr interessant für die Rückbildung charakte- ristischer Merkmale infolge von Nichtgebrauch ist z. B. die Zibet- hyäize, von der die Forscher sich im unklaren sind, ob sie sie in die Familie der Katzen oder der Hyänen rechnen sollen. Dieses„Raub- tier" nährt sich von Aas und Insekten und bat infolgedessen wesent- lichc Merkmale seines Raubtiergebisses eingebüßt. Das Skelett eines Delphins zeigt uns, wie sich dieses in südlichen Meeren lebende Säugetier so vollkommen seiner Lebensweise angepaßt hat, daß das Becken mit den hinteren Gliedmaßen, die infolge der Schwimmbewegung des Tieres außer Gebrauch gesetzt wurden, zu kleinen, gan� überflüssigen Resten rückgebildet sind. Andere Kästen zeigen die eigentümliche Wirkung künstlich erhöbter oder erniedrig- tcr Temperaturen auf die Färbung der Flügel der Schmetterlinge. Sodann werden die Gefetze der Vererbung in ihrer Wirkung auf die Veränderung der Arten illustriert. Es ist unmöglich, deck ganzen Reichtum des ausgestellten Materials in wenigen Worteir zusammenzufassen. Dadurch, daß sämtliche Objekte, die uns hier vorgeführt werden, lediglich nach ihrer Bedeutung für die Entwicke- lungslehre gruppiert und geordnet sind, wirken sie so belehrend, so leicht verständlich. Und dieses Verständnis wird wesentlich ge- fördert dadurch, daß überall populär-wissenschaftliche Beschreibun- gen und Erläuterungen beigefügt sind. In einem anderen Saale sind überaus getreu ausgestopfte Menschenaffen, Gorillas, Orangs, Schimpansen und Gibbons auf- gestellt. Vor allem sind es die Skelette dieser Tiere, die ihre Ver- Wandtschaft mit dem Menschen gut erkennen lassen. Sowohl die gemeinsamen wie die abweichenden Merkmale lassen sich hier leicht und bequem studieren. In einem dritten Saale wird die Ent- Wickelung von Embryonen verschiedener Tierarten an schönen, wiederum sehr übersichtlich aufgestellten Modellen veranschaulicht. Haeckel ist es ja gewesen, der das wichtige Gesetz erkannt hat, daß die EntWickelung des Säugeticrcmbryos in abgekürzter Form die ganze Entwickelungsgeschichte des tierischen Organismus wiederholt. Auch dieses Gesetz findet hier an überzeugenden Beispielen seine Darstellung. So erhalten wir hier in diesen Räumen, die der greise Haeckel immer noch zu vervollständigen bemüht ist, die An- regung, die Weisheit der Natur zu bewundern, die es den kleinsten, unscheinbarsten wie den gewaltigsten Lebewesen durch die in ihr wirksamen Kräfte möglich macht, den schweren Kampf ums Da- sein zu bestehen, sich den veränderten Lebensbedingungen anzu- passen, sich mit diesen selbst zu verändern und sich so im Laufe der Jahrmillioncn zu immer höheren Formen zu entwickeln. Diese/ Dialektik der Naturgeschichte ist es getvesen, die die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus in ihrer materialistischen Auffassung der Enttvickelungsgeschichte der Gesellschaft bestärkte. Wie ich wieder aus dem Phyletischen Museum ins Freie hinaus- trete, sehe ich die dichten Scharen unserer Genossen und Genossinnen durch die Straßen dem Voltshause entgegenströmen. Einzugs- Pforten, von Girlande, i umschlungen, grüßen die Gäste Jenas. Eine festliche Spannung und Erwartung beherrscht uns alle. Die Stunde der Eröffnung naht. Bald nach fünf Uhr ist der gewaltige Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein voller Chorgesang und die feierlichen Klänge der Orgel empfangen die Versammlung und stimmt sie zu der ernsten, großen Art dieser Tage. E. L c w i n- D o r s ch. Der Sonnen streifen. Mir ist zumute, als wenn es gestern gewesen wäre! So lebendig ist mir das Geschehene in Erinnerung geblieben, und doch ist es lange— Jahre her. Wir wohnten im Hinterhaus. Ich weiß beute noch, wie viel Stufen zu unserer Wohnung hinauf. führten, denn wir haben sie als Kinder oft gezählt. Weniger aus Gewohnheit als der Hebung wegen. Unter uns Geschwister wurden wir zwar über die Stufcnzahl nie einig. Toni, die Aelteste, zählte zweiunddreihig. Ich war damals ein Bub von sechs Jahren, brachte aber nur cinunddreißig Stufen zusammen. Jakerl, mein jüngster Bruder, der noch nicht zur Schule ging, zählte nur zehn. Soviel, als er Finger an beiden Händen hatte; weiter konnte er nicht. Wenn es aber auf Rcserl, unserer kleinsten Schwester ankam, hätten wir sogar nur fünf Stufen zu unserer Behausung hinauf gehabt. So leicht war die Aufgabe nicht. Die Treppen waren eng, dazu der schncckenartigc Aufgang stockfinster. Auch oben unsere Stube war düster. Das einzige Fenster, vorn in der Ecke, spendete wenig Licht. Seit Vaters Tod sah es oben noch trauriger aus. Manchmal kam es mir vor, als wen» man uns vergessen hätte, dahinten im Hof. In letzter Zeit wollte von uns beiden weder die Toni noch ich gleich nach der Schule die finsteren Treppen hinauf. Mit einem ängstlichen Gefühl öffneten wir die Stubentüre, regelmäßig standen Jakcrl und Rcserl dicht davor und sahen uns mit großen hungrigen Augen fragend an. Auch die Mutter, die schon Wochen- lang krank lag, erhob sich im Bette, auf ihren blassen Appen schien dieselbe Frage zu schweben. Wir kamen aber immer mit leeren Händen. In den letzten Tagen wollte uns niemand mehr borgen. Nur Toni, die nach der Schule in der Nachbarschaft im Haushalt half, brachte abends zuweilen einen Korb, bepackt mit warmem Essen. Die gute Toni war die einzige, die uns in dieser schweren Zeit davor bewahrte, daß wir nicht hungrig schlafen gehen mußten. Wieder von der Schule kommend, zählte ich die Stufen der aus- getretenen Treppe, eine nack der andern. Und die Zahl laut rufend, trat ich in die Stube. Doch was war das? Ich wollte jubcln.— Die Sonne I Zum erste» Male die Sonne wieder! Nach langer Zeit— bange Wintermonate lagen dazwischen— stahl sich die Sonne in unsere Stube. Drüben über den Hof, durch den mannsbreiten Schacht, den die schwarzgraucn Mauern der großen Mietskaserne freiließen, zwang sie sich durch; gewaltsam, als müßte äe zu uns dringen. Und doch war es nur ein schmaler Streifen Sonnenlicht, handbreit. Jedesmal kroch er zuerst über den faden- scheinigcn Bezug des alten wackligen Sofas. Nach einer Weile er sich behutsam an der kalten blaugestrichcnen Wand ent- lang. Und zuletzt blieb er wie ermüdet am alten Bilde mit der vergilbten Stahlstichzeichming haften. Immer um dieselbe Stunde. Einige Zeit hing er da, um dann langsam zu erblassen. Genau wie früher— jedesmal wenn der Frühling ins Land zog, bis zum Spätherbst. Doch diesmal seltsam! Mit stiller Feierlichkeit hält er zum'ersten Male seinen Einzug, traumverloren flutet das Sonnengold in der Stube. Reserl saß dicht neben dem Tische auf dem Sofa und machte sich mit ihrer Puppe, der die vordere Hälfte des Kopfes fehlte, zu schaffen. Jakerl rangierte mit dem Fußschemel, der seine Lokomo- tive vorstellte, aufs„Ganze Halt". Heutee achtet man kaum meiner. Die Mutter lag im Bette, den Kopf zur Seite, dem Sonnenstreifcn zugewendet, der jetzt mitten über der Tischfläche stand und Reserls rotblonde Haare in Goldfäden verwandelte. Da geschah etwas Sonderbares! Ich werde es nie vergessen. Vom Ofen her fliegt ein kleiner Brummer, reibt sich den Winterschlaf aus den Augen, badet im Sonnenschein, nascht von den winzig kleinen Brotsamcn, die spärlich zerstreut auf der ausgefegten Tischplatte liegen. Als Reserl den unerwarteten Besuch bemerkt, patscht sie in die kleinen Hände und ruft außer sich vor Freude: „Mama, happ, happl" Die Mutter wendet den Kopf. Auch Jakerl läßt seine Lokomotive im Stich. Wir sehen alle unverwandt zur liege hin, die seelenvcrgnügt auf und ab spaziert, mit einem reirnut, als wenn ihr Dasein Gott befohlen wäre. Da schwindet plötzlich der Sonnenschein. Reserl fängt laut zu weinen an, kauderwelscht happ, happ dazwischen, was bei ihr Brot. Brot bedeutete. Auch Jakerl wird unruhig, drückt den Kopf betrübt an Mutters Bett, schielt dabei zur Komode hinüber, auf dem der blecherne Brotkesiel stand. Am Deckel war vie In- schrift:„Unser täglich Brot gib uns heute!— Doch der Kessel war leer. Ich fand nicht den Mut, beide zu trösten. Versprechungen zogen nickt mehr. Hilfesuchend sehe ich zur Mutter, die noch immer starr ihren Blick auf die Stelle, wo vor kurzem die Fliege sich sonnte, hin- gewendet hat. Als mir ihre tieftraurigen Augen begegnen, rinnen ihr die Tränen über die blassen abgezehrten Wangen. Mit einem tiefen Seufzer läßt sie den Kopf in die Kisten sinken. Da glimmte noch einmal der Sonnenstreifen an der�Wand empor. Als wenn sie helfen wollte, die lebenspendende Sonne! Im Nu verwandeln sich die Gesichter von Reserl und Jakcrl in wonnige Freude. Reserl wischt sich beschämt mit dem Rockärmcl die Tränen ab. Jakerl nimmt seinen Schemel, trollt sich damit in die Ecke und sitzt mäusestill. Die Mutter, den Kopf in das Kissen vergraben, liegt regungslos da. Es dauert eine ganze Weile, nichts rührt stch. Wie auf leisen Sohlen stiehlt sich ein Sonnenfaden nach dem andern hinaus, be- gleitet von dem Sum-Sum der Fliege, zarten Akkorden gleich, von tiefer Schwermut getragen. Reserl ist unterdessen, ihre Puppe im Arm, eingeschlafen. Jakerl kommt etwas gedrückt auf mich zu, ich bette ihn neben Reserl aufs Sofa. In den Ecken der Stube ziehen bereits dünne Schleier der anbrechenden Dämmerung gespensterhaft ihr Gewebe. Am Fenster erstirbt der letzte Glanz des sinkenden Tages. Es wird immer stiller. Schwarz und dumpf steigt die Nacht herauf. Jetzt steht sie mitten in der Stube, majestätisch, hoch auf- gerichtet, einer ehernen Gestalt gleich, um ewiges Schweigen zu gebieten. Mir wird es ängstlich zumute. Gewaltsam drängt sich das Bild von vorher vor meinen Augen. An mein Ohr gellt der Schrei meiner Geschwister nach Brot. Ich sehe Jakerls Augen nach dem Brotkessel schielen und Reserls happ, happ schneidet mir ins Herz. Wenn sie eruachen? Und die Mutter? Mich hält es nicht länger in der Stube, ich will hinaus, doch lähmend wirkt die unheimliche Ruhe und hält mich zurück.� Mit- unter klirren die Fensterscheiben von dem Getöse des hastenden Tages, draußen Nebenan an der Wand mißt das Tick-tack einer Uhr erbarmunglos— Sekunde um Sekunde. Unten werden Schritte hörbar. Es zündet jemand die Hoflatcrne an, die jetzt mitten durchs Fenster ihren fahlen Schein im Viereck oben auf die Stubendecke wirft. Im Halbdunkel liegt die Stube. Tie alten Möbel stehen grau umrissen da. Nur drüben an der Wand die Linnen von Mutters Bett sind blendend weiß, als zögen sie gierig den dumpfen Lichtfleck au der Stubendecke an sich. Da geht die Türe auf. Toni zwängt sich sachte herein, stellt den großen Korb nicht ohne Mühe auf den Tisch.„Pst... Pst... sie schlafen!" Doch kaum hat sich der Duft vom Innern des Korbes in der Stube verbreitet, als Reserl und Jakerl erwachen. Als sie den Korb im Halbdunkel vor sich stehen sehen, steigen beide auf den Tisch und fallen, ohne einen Laut zu geben, mechanisch über den Inhalt her. Mit einer Gier grapschen sie alles zusammen, als wenn jemand dahinter stände, der es ihnen streitig machen wollte. Kurz darauf bleibt Toni vor Mutters Bett stehen und frägt: »Schläft die Mutter?" „Mutter. Mutter!... Mutter II" Bange Erwartung.... kjcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: - Unsere Mutier hörte nicht mehr. Der Schein oben an der Stubendecke warf fahle Lichtstreifen auf ihr bleiches Antlitz und küßte zum letzten Male die blutleeren Lippen; gleichsam als Sendboten de? ermüdeten Sonnenstreifens» den die Mutter nie wieder sah. kleines femUeton. Erdkunde. Im Krater des Vesuvs, lieber den kühnen Abstieg in den Krater des Vesuvs, den Prof. M a l l a d r a vom Vesuv-Observatorium gemeinsam mit zwei deutschen Forschern am 9. September unter- nommen hat, berichtet der neapolitanische Korrespondent des„Corriere della Sera" Einzelheiten. Die jüngsten Beobachtungen des Kraters im Vesuv hatten gezeigt, daß die Tiefe des Kraters 300 Meter vom oberen Rande entfernt eine Art riefige Plattform darstellte, die mit gewaltigen Felsblöcken besät und von zahlreichen Fumarolen durch- brochen war. Am 19. Mai d. I. vollzogen sich hier sehr weit- greifende Veränderungen; durch Einsturz und Senkungen bildete sich ein neuer Hohlraum von 169 Meter Durchmesser und gegen 79 Meter Tiefe. Aus der Tiefe dieser Oeffnung stiegen starke gashaltige Dämpfe auf, und am 5. Juli brach ein Feuerschlund auf, dessen Wiederschein vom Meere aus wochenlang beobachtet werden konnte. Am 5. August trat eine weitere Senkung im Innern des Kraters ein, durch die anscheinend in einer gewissen Tiefe die Vulkanöffnung teilweise versperrt wurde: jedenfalls vcr- schwand der Feuerschein und es blieben nur die rastlos aufsteigenden dichten Rauchwolken. Die im Zusammenhang mit diesen Wahr- nehmungen im Innern des Vesuvs eingetretenen weitgreifenden Ver» schiebungen und Veränderungen mußten begreiflicherweife auf die Vulkanologen eine starke Anziehungskraft ausüben, �und so entschloß sich Professor Malladra. dem Drängen des Professors Max Stortz von der Münchener Universität und des Münchener Mineralogen Jacobi nachgebend, gemeinsam mit den beiden deutschen Forschern den Einstieg zu wagen. Er begann an der Südwestwand des Kraters und führte von hier in einer halsbrecherischen Kletterpartie über gewaltige Lavablöcke in die Tiefe hinab. Man benutzte an Eisenringen befestigte Seile als Hilfsmittel und außerdem lose Seile, wie sie bei Hochtouren ver- wendet Verden. Nach Ih'sstündiger Arbeit war der Rand der großen Plattform im Krater erreicht. Hier ließen die Forscher ihre Ruck- sacke und alle nicht unbedingt erforderlichen Gegenstände zurück, um sich nun unter Beobachtung aller gebotenen Vorsichtsmaßregeln bis zum Rande der neugcbildeten Krateröffnung herabzulassen. Sie kamen bis 379 Meter hinab, und erreichten damit die größte Tiefe, die bisher im Krater eines aktiven Vulkans betreten wurde. Die Oeffnung ist völlig von den Ueberresten und Stalaktiten neuer Lava bedeckt. Ueberall fand man neuen Lavagrus, und auf Grund dieser Funde kann es als gewiß gelten, daß im Juli dieses Jahres die flüssige Lava über 79 Meter hoch emporgetrieben worden ist. Am Rande der neuen Krateröffnung war die Temperatur un- erträglich hoch, wie an der Tür eines Schmelzofens; die drei �Forscher hatten dadurch an Händen und Gesicht große Schmerzen zu ertragen. Der Versuch, die Temperatur genau zu messen, mißlang: als man das Eisengeflecht, das man mit dem Thermometer hinab- gelassen hatte, wieder emporzog, war das Eisen verkohlt und das Thermometer verschwunden und bei einem zweiten Versuche glühte das Eisengeflecht ab, so daß nur ein kurzes Stück davon wieder emporgezogen werden konnte. Es scheint, daß sich unter der Oeff« nung eine gewaltige gluterfülltc Höhlung in südwestlicher Richtung hinzieht. Die Atmung am Rande des inneren Kraters war infolge der aussteigenden Gase außerordentlich erschwert, besonders wenn Windstöße die aufsteigenden Rauchwolken auseinandertrieben. In der großen„gelben Fiimarole" im südwestlichen Teile der Krater- öffnnng konnten 339 Grad Celsius gemessen werden. Nachdem zahlreiche photographiiche Aufnahmen gemacht worden waren, begannen die drei wagemutigen Gelehrten, die Last auf- gelesener Steinproben mit sich schleppend, wiederum den Aufstieg, wobei sie unter den nachdringenden Dämpfen besonders schwer zu leiden hatten, während sich über ihren Häuptern immer wieder Lava- stücke lösten und über sie hin polternd in die.Tiefe stürzten. Trotz der Schwierigkeit gelang es schließlich, ohne größere Unfälle den Kratcrrand wieder zu erreichen; es war 4 Uhr nachmittags, die gesähr- liche Expedition hatte insgesamt acht Stunden gedauert. Die wissenschaftliche Bedeutung der angestellten Beobachtungen liegt in der Feststellung, daß der Vesuv in diesen Monaten eine „Hawai-Phase" durchmacht: eine Periode, in der die Lava flüssig und die Temperatur ungewöhnlich hoch ist, Erscheinungen, wie man sie vor allem auf dem Kilauea-Vulkan auf Hawai beobachtet. Die Senkungen im Kraterschlunde und alle gesammelten Feststellungen weisen darauf bin, daß der Vesuv einer neuen Ausbruchsperiode entgegengeht. Dieses Uebergangsstadium wird lange dauern, viel- leicht Jahre, während derer sich der Berg zu neuer gewaltsamer Tätigkeit rüstet. Es wird die Ausgabe des Vesuv-Observatoriums sein, während dieser Zeit die Beobachtungen mit erneutem Eifer fortzusetzen und sozusagen den„Pulsschlag des Vesuvs" beständig unter Augen zu behalten, um künftige Katastrophen, soweit dies möglich ist, beizeiten vorauszusehen.__