Wnterhaltimgsblatt des �Vorwärts Nr. 182. Donnerstag, den 18. September. 1913 42] Sin Mann. Von Mamille Lemonnier. �Schluß.) Er ließ sich auf einen von hohen Gräsern überwucherten Maulwurfshügel fallen. Er tvar mit feinen Kräften zu Ende; keinen Schritt konnte er weiter. Seine Wunde, durch den raschen Lauf gereizt, brannte wie eine Verätzung. Die Kugel mußte das Schlüsselbein zerschmettert und sich in der Nähe des Halsmuskels ins Gewebe gebohrt haben. Da das Blut noch immer floß, befahl er der Kleinen sein Wams mit dem Messer aufzuschlitzen. Sie gehorchte. Hiev auf zerfetzte er den Stoff mit den Zähnen und gebot der Kleinen, die Lappen in einer unweit aus dem Boden sprudeln den Quelle anzufeuchten. So stillte die Kleine, zwischen dem Verwundeten und der Quelle hin und wieder eilend, langsam die Blutung, bis er entschlummerte. Der Morgen sank auf den Wald herab. Sie hatte sich zwei Schritte von ihm ins Gras geworfen. Ihre braunen Augen sogen sich gierig an den Rundungen seiner Schultern fest. Die herrliche Gestalt des Mannes be- gann sie nach und nach in Unruhe zu versetzen. Heiße Wellen jagten durch ihre Adern, über ihre Lippen lief ein Beben. Da richtete er sich jählings empor und begehrte zu trinken. Seine Gesten waren ein wenig irre, er öffnete und schloß ein paarmal in rascher Aufeinanderfolge die Lider, wie bemüht, mit aller Gewalt einen Gedanken zu fassen. Und seinen Lippen entrangen sich verzweifelte Schmerzenslaute, Aechzen, einzelne Worte, das schauerliche Gebrüll eines gefolterten Menschen. In ihren fest zusammengepreßten Händchen brachte ihm die Kleine Wasser. Einen Moment tat ihm die Kühlung wohl, aber fast augenblicklich begann er sie wieder zu rufen, und immer wieder um Wasser zu flehen, bis seine heisere Stimme in Aechzen überging. Unermüdlich lief sie zur Quelle und preßte ihm ihre feuchten Finger an die Lippen. In den Pausen stellte sie sich mit verschränkten Armen vor ihm auf oder kauerte sich auf den Boden, die Finger in ihrem krausen Gelock vergraben. Die Schulter schwoll an. Das Fleisch rings um das klaffende Loch war zu einem violetten Wulst aufgequollen. Die Strahlen der Mittagsonne fielen wie ein Feuerregen auf diese schmerzhafte Stelle hernieder. Da ließ er sich an ein schattiges Plätzchen schleppen, bei jeder Erschütterung auf- brüllend vor Schmerz, obwohl die Kleine ihn sehr behutsam zog. Als er endlich die Kühlung der Blätter auf seiner ent- zündeten Wunde fühlte, ergriff er ihre Hand und sah sie warm und innig an: „Wer hätte geglaubt, Keine, daß Du in meiner letzten Stunde bei mir sein wirst? Ach! O weh! Ich sterb', ich fühl' es, es geht zu Ende mit mir. Du mußt der alten Häsin erzählen, was die Gendarmen mir angetan haben, und sie soll es den anderen erzählen. Ach! O weh! Und auch im Pachthof erzähle es, bring' meinem Schatz meinen letzten Gruß. Heiliger Himmel! Ach! sage ihr.. Die unbarmherzige Sonne wanderte unentwegt ihre Bahn über den Himmelsbogen, das Erdreich zerwühlend und das Laub schwarz wie die Verzweiflung färbend. Die Dornen in den Büschen knisterten, die schwankenden Sträucher neigten ihr Haupt, und Folterqualen stiegen vom Boden zu dem liegenden Manne empor. Cachaprds stöhnte unter der Wucht der Feuerbrände, die seine Wunde wie ein gefräßiges Tier zerwühlten. Er fühlte sein Fleisch bei lebendigem Leibe in die allgemeine Zersetzung übergehen. Ein fürchterlicher Durst dörrte seinen Schlund. Die Kleine war ohne Unterlaß genötigt, zur Quelle zu laufen und Wasser zu holen' doch sickerte mehr als die Hälfte des kostbaren Nasses zwischen ihren Fingern durch-, da deutete er auf sein Pulverhorn. Das leerte sie aus und benützte es' als Becher, den sie ihm selbst an die Lippen führte. Wie linder Balsam rieselte das Wasser in seilte Kehle, ihm für /»mo r?»rTot/4Äfoviirt/"» Auf die Stunden vernichtender Glut folgten dann lindere Stunden. Langsam schienen die Schatten von den Wurzeln der Bäume emporzusteigen. Die goldenen Sonnenstäubchen sprühten in gedämpfterem Glanz, und feierlich schickte die Sonne sich an, sich mit der Pracht ihres Unterganges zu schmücken. Von diesem Momente an wurden die Worte zwischen ihm und der Kleinen immer spärlicher. Sein Stöhnen, das ihm die Brust zerriß, mehrte sich, je weiter der Abend vorrückte. Und sie hielt unentwegt ihre starre Wacht, Essen und Trinken vergessend, sie, die sonst heiß- hungrig wie eine Wölfin war. Aber ob ihre Eingeweide sich auch bäumten und um Nahrung schrien, sie harrte mit der Treue eines Hundes bei ihm aus, ohne ihres Hungers zil achten. Der Ernst des Abends senkte sich über diese? düstere Paar. Zuweilen fuhr er auf und flehte um den Tod. „Die Schurken! Sie hätten mir den Rest geben sollen! Bin ich ein Heide, daß ich so unmenschlich leiden muß?" Dann sank sein Haupt wieder bleischwer auf den Rasen zurück. In dem Wahne, von feindlichen Gestalten umringt zu sein, machte er kämpfende Bewegungen, und seine Gesten hatten noch immer etwas Schreckenerregendes. Oder er sprach Germainens Namen aus, langsam, innig, ihn wollüstig wie eine saftige Frucht einschlürfend, mit der ganzen Zärtlichkeit seines Herzens ihn wohl hundcrmal wiederholend, bis er in der sanften Melancholie eines Gestammels erstarb. Dann fühlte sich die Kleine von Zorn gepackt und schmiedete in ihrem kleinen Hirn die abenteuerlichsten Rachepläne gegen jenes reiche Mädchen, das ihn hier so elend zugrunde gehen ließ. In den unendlichen Weiten flutete jetzt eine milde Heiter- keit', der Friede, die Güte der Schöpfung selbst schienen über den majestätischen Stämmen in den Lüften zu schweben. Ein kosender Wind strich über den untersten Saum des Himmels- gewölbes und zitterte geheimnisvoll in dem Gesträuch, das ihm seine Arme sehnsüchtig entgegenstreckte. Ein Schauer funkelnder Pünktchen rieselte über das Buschwerk hernieder; die murmelnde Quelle schluchzte laut auf vor Liebe; es kribbelte und wogte hinter den finstern Gebüschen, die sich mit schimmernden Tieren belebten; brün- stiges Stöhnen keuchte ringsum; und über die hochzeitlichen Paare, die sich heimlich in ihren Falten bargen, breitete die gütige Nacht ihren funkelnden Sternenmantel aus. Der Todeskampf währte bis zum nächsten Morgen. In seiner Raserei hatte er sich die Kleider vom Leibe gerissen; seine zottige Brust lag nackt vor ihr; und in dem dämmernden Tageslicht sah die Kleine seine fahlrote Ma.nnheit leuchten. Dann stiegen ihre Blicke höher bis zu dem Gesichte des Vaga- bnnden empor. Ein grimmiges Lächeln lag auf seinen Lippen und verlieh ihm den Ausdruck eines lauernden Fein- des; sein verzerrter Mund gab die Zähne frei, die beißen zu wollen schienen, und plötzlich riß er die Augen weit auf. Wohin sah er? Gewahrte er über den Gipfeln der Bäume den aufsteigenden Tag, den er so oft anbrechen gesehen? Oder winkte ihm ein ewiges Morgenrot hinter jenem an- deren eines Sommcrtages? Seine Pupillen füllten sich mit den grünen Refleren des Laubes. Er richtete sich empor, breitete die Arme weit aus, immerdar nach dem geheimnis- vollen Etwas starrend, das er allein nur sah. Uild als der erste Sonnenstrahl sich hinter dem Saume der rosigen Wölk- chen hervorstahl und wie ein Pfeil durch die Zweige glitt, sank sein Körper leblos zurück. Die Aeste der Bäume wiegten sich in langsam vhythmi- schen Schwingungen; die Vögel sangen im tiefen Hain.� Und unendliches Raunen lief durch Busch und Strauch wie ein Klagegesang. Die Kleine sah und begriff nicht. Sie sah seine Züge erstarren und den Blick seiner weit geöffneten Augen sich in unendlichen Weiten verlieren; dann bekam sein eben noch so verzerrte? Mund wieder sein früheres, natürliches Aussehen; und eine stumme, innere Heiterkeit verklärte langsam seine Stirn. Sie wähnte, daß er eingeschlafen sei, und rief ihn an; er regte sich nicht. Da strich sie mit der Hand leicht über intim Ärtitf* frfin rr Vnnr hrnin tu frfwviinrTtrfinr �VriTfp Prffrtwt. Da begann sie ihn wie wütend zu rütteln. Toch lein Körper war bereits hart wie Ztcin und bewegte sich nur mehr wie ein steifer Klumpen. Was war ihm zugestoßen? Sie beugte sich über ihn, schlang ihre Arme um seinen Hals, und, von Liebe überwältigt, küßte sie ihn Plötzlich mit ihrem fiebernden Mund. Sic hatte schon öfter Kadaver verendeter Tiere im Walde gefunden, und alle waren von derfelben Erstarrung befallen gewesen.... Nicht eine einzige Träne kam ihr. Sic klammerte sich an seine ausgestreckte Gestalt, die mageren Acrmchen unter seinem Haupte vergraben, und so lag sie Mund an Mund mit ihm während eines ganzen Tages, ihre stechenden Blicke in seine schon getrübten Pupillen gebohrt imd ihn wie verzückt betrachtend. Und dann begauneu ihre Hände ihn zu herzen und zu liebkosen. Ihr heiniliches, jungfräuliches Vcr- langen, das sie so oft gewaltsam zurückdrängen gemußt, wenn er sie ahnungslos auf seinen Knien schaukelte, kam nun in seinem ganzen zügellosen Ungestüm zum Ausbruch. Und erkühnt durch die Duldsamkeit des Toten, der sie ruhig ge- währen ließ, ninarmte sie ihi: voll wilder Leidenschaftlichkeit, ohne Grauen oder Abscheu zu fühlen. Bei Einbruch der Stacht kam eine Wildkatze herbei, �durch den Leichengernch angelockt. Tie verjagte sie mit Stein- würfen. Dann ließen sich ans einem nahen Baum ein paar krächzende Raben nieder und blickten gravitätisch wie die Richter eines Tribunals auf sie herab. Sie schrie, um sie zu verscheuchen. � Sic kehrte nach der Hütte zurück, und verriet den Diics mit keinem Worte ihr so eifersüchtig gehiitetes Geheimnis. Am nächsten Morgen ging sie wieder zu ihm.-- 36. Ter Sommer schloß mit milden, regenreichen Tagen ab. Eines Abends suchte Germaine die Steinbank auf, die außerhalb der Hofmauer gegenüber den Feldern stand. Tie Ranken des Geißblattes reichten nun bis zum Boden hinab, die Bank in ihrer Umarmung begrabend. Germainc schmiegte sich in das dichte Blättergewirr, dessen Berührung ihre Haut mit wonnigen Schauern überrieselte. Am Himmel ballte sich schweres Gewölkc, das zeitweise den Mond verhüllte. Dann verschlang die Fluren lindurch- dringliche Finsternis wie eine steigende Flut. Und einzelne, heftige Windstöße brausten durch den Waid. Eine tödliche Angst hatte ihre Ruhe auf immerdar zcr- stört. Sie sah hinaus in die dunkle Nacht, die schwarz wie ihre Verzweiflung war, empor zu dem Firmament, das um- slort wie ihre Seele war. Die Erinnerungen stürzten über sie herein. Das war dieselbe Bank, auf der sie das Sehnen der Liebe kennen gelernt, als eines Abends der Tust des blühenden Geißblattstrauchcs ihre Adern mit Wollust durch- tränkte und der Nachtwind wie eine lüsterne Hand ihr schon schivach gewordenes Fleisch liebkoste. Tie Blüten waren seit- her unter der glühenden Sonne verbrannt, die Bank war allmählich unter der steigenden Flut der Blätter unter- gegangen-, und ihr Fleisch hatte das Zeichen des gestillten Begehrens empfangen. Und aus dem Iveitgeöfsneten Hoftorc strömten die herben Gerüche des Düngerhaufens, wie au jenem anderen Tage, da mitten unter dem Brande der glühenden Mittagsonne ihre Schainhastigkcit vernichtet worden war. Was war alles seit jenem Tage geschehen! Ungestüme Leidenschaft, zur Gleich- giiltigkcit führende Ernüchterung, die immer seltener wer- dendc» Schäferstundcn und schließlich jene Schreckensnacht, die Schüsse, Cachaprös unter ihrem Fenster verwundet und zehn Tage später in einem Gestrüpp tot aufgefunden! Nun lasteten all diese Erinnerungen mit dein bleiernen Druck quälender Reue auf ihr. Bittere Tränen stürzten ihr aus den Augen, und sehnend breitete sie ihre Arme aus, als wollte auch sie in die Uu- cndlichkeit des Todes und der Vergessenheit uutcrtmicheu. In diesem Augenblicke begann das Geschöpf, das d e r Mann in ihren Schoß gepflanzt, sich zu regen; und in düsterer Verzlveislung gedachte sie jenes anderen Abends, da die Wehelaute der kreißevdeu Kuh die Stille des Hofes zer- rissen und weithin durch die wogenden Schatte» der Nacht sich über die friedlichen Gelände verbreitet hatten. Vadium gegen Krebe. Weitere Erfahrungen. Da die Bestrebungen, die strahlenden Elemente zur Bekämpfung von Krebs auszunutzen, jetzt weite Kreise ergriffen haben und zur Bewilligung großer Geldmittel durch staatliche und städtische Be- Hörden führen, ist es wünschenswert, möglichst viele Erfahrungen über die Erfolge dieser Behandlung zu sammeln. In Ergänzung der Berichte, die aus den größten europäischen Haupt- und Univcr» sitätsstädten erstattet worden sind, hat nunmehr Dr. Robert Abbe als Leiter des größten Krankenhauses in New Aork die Ergebnisse der dort mit Radium ausgeführten Versuche im Lancet vcrösscnt- licht. Es ist erfreulich, daß auch aus dieser zweitgrößten Stadt der Erde, wo ein besonderes reichliches Material an Beobachtungen vorliegt, die Auskunst im ganzen reckt hoffnungsvoll lautet. Pro- scssor Abbe faßt die Erfolge am Schluß seiner ausführlichen Abhandlung zusammen. Als sicher festgestellt bezeichnet er zuerst die Rückbildung bös- artiger Zellen unter dem Einfluß der Gammastrahlen bei richtiger Dosierung. Zweitens wird die überaus wichtige Tatsache betont, daß eine nützliche Wirkung des Radiums nur bei Anwendung einer genügend großen Menge zu erwarten ist, während kleinere Dosen umgekehrt auf die Wucherungen anreizend wirken. Die Gamma- strahlen, die wegen ihres tiefen Eindringens vorzugsweise in Bc- lracht kommen, werden dadurch eingesetzt, daß die Alpha- und Beta- strahlen zuvor durch Blcifiltcr beseitigt werden. Diese eigenartige Filtrierung der Strahlen nimmt eine ziemlich lange Zeit in An- spruch, jedoch sind Mittel zur Milderung dieses Uebelstandcs gc- fundcn worden. Besondere Hervorhebung verdient noch die Er- fahrung, daß die beste Wirkung erzielt wird, indem man entweder mehrere Radiumkörpcr ein Kreuzfeuer auf die erkrankte Stelle ricktcn läßt oder ein einziges größeres Stück mit einem gewissen Spielraum hin und her bewegt. Glücklicherweise besitzt das gesunde Gewebe eine viel größere Widerstandsfähigkeit gegen die Gamma- strahlen als das kranke, so daß beispielsweise am Kehlkopf die bös- artigen Geschwülste zum Stillstand und zum Zerfall gebracht werden können, ohne daß die gesunden Teile angegriffen werden. Dr. Abbe befand sich für seine Versuche in einer besonders günstigen Lage, weil er eine verhältnismäßig sehr große Menge Radiuni zur Verfügung hatte. Schon vor 10 Jahren hatte er 150 Milligramm von stärkstem Radiumbariumchlorid von Frau Curie selbst gekauft, später noch 250 Riilligranun von reinem Radiumbromid fraiizösischcr und deutscher Herkunft. Nicht weniger als 750 Kranke hat Abbe mit Radium behandelt, darunter 250 Fälle von Hautkrcbs, 180 Karzinome der Zunge, des Schlundes, der Speiseröhre, des Mastdarms und der Gebärmutter, der Brust usw., 50 Sarkome der Haut, der Ohrspeicheldrüse, der Knochen u. a., dazu Kropfgeschwülste, Tumoren der Leber, des Brustfells, un- gerechnet die kleineren Hebel der Warzen, Papillome und der- gleichen. Mißerfolge waren begreiflicherweise zahlreich, aber der Arzt glaubt versichern zu können, daß sie nur durch Anwendung unrichtiger Rädiummcngen, durch ungenügende Zeit der Anweu- dung oder durch Irrtümer in der Auswahl der geeigneten Strahlen- art bedingt gewesen sind. Nur beiläufig erwähnt Abbe, daß das Radium gegen gewöhnliche Warzen an jeder beliebigen Stelle des Körpers ein geradezu unfehlbares Mittel darstellt, auch wenn sie noch so alt und scheinbar schwer zu erreichen waren, wie etwa unter den Fingernägeln oder die Papillome auf den Stimm- bändern. Von acht Fällen der letzteren Art, bei denen die Wuchc- rungcn im Kehlkopf eine große Ausdehnung gewonnen haitcu,>var einer nicht weniger als 47 Jahre alt und jährlich zweimal operiert worden, um dem Krauken auch nur das Atmen zu ermöglichen. Eine einzige Radiumsitzung beseitigte von dieser Geschwulst so viel, daß die Atmung völlig frei und eine Operation erst drei Jahre später nötig wurde. Als glänzendsten Beweis für den Wert der Radiumbehandlung schildert Abbe den Fall eines jungen Mädchens, die mit 17 Jahren ihre schöne Singstimme eingebüßt und bald darauf auch die Fähig- kcit der Sprache überhaupt verloren hatte. Ein Spezialist halte eine kleine Geschwulst aus dem linken Stimmband gesunden und entfernt. Sic kehrte aber schnell wieder, und sieben Wochen später mußte, bereits eine viel größere Masse beseitigt werden. Auch diese Operation half nur ganz vorübergcbcnd, und bald darauf hatte sich ein Papillom über beide Stimmbänder ausgebreitet, so daß die Atmung bereits erschwert wurde. Ihr Arzt verzweifelte nun selbst an seiner Kunst, und schickte sie zur Rndipmbchandlung. Diese geschah in der Weise, daß eine kleine Glaskapscl in»einem dünnen Zclluloidröhrchcn mit einem Inhalt von 100 Milligramm stärksten Radiums eine halbe Stunde lang zwischen die beiden Stimmbänder gelegt wurde. Nach zwei Monaten war die Geschwulst ganz vcr- schwuudcn, die Sprache wieder völlig klar. Nach weiteren zwei Monaten war auch die Singstimme derart wieder hergestellt, daß sie einer großen Zuhörerzahl zu genügen vermochte. Nunmehr sind mehr als zwei Jahre vergangen, ohne daß sich die geringste Verschlechterung der Stimmbänder oder der Stimme selbst gezeigt bättc. Sind diese Geschwülste auch nur in seltenen Fällen zic den bösartigen zu rechnen, so können sie doch von den schwersten Folgen für das Allgemeinbefinden und das Berufsleben sein, und deshalb kann ihre scheinbar sichere Heilung durch das Radium kaum über- schätzt werden. Abbe gibt IreUcrljin Beweise dafür, daß auch die echten Haut- krebse(Epitheliome) der Radiumbcbandlung fast stets zugänglich sind, wenn genügend große Mengen des strahlenden Stoffs vcr- wandt werden. Diese Hautkrebse können lebensgefährlich werden, wenn sie z. B. am Augenlid auftreten, dann auf die Augenhöhle und weiter auf das Gehirn übergreifen. Ter Chirurg kann dieser Gefahr nur durch Herausnahme des ganzen Auges vorbeugen �und hat auch damit nur selten einen dauernden Erfolg. Eine rechtzeitige und richtige Behandlung mit Radium dagegen scheint immer zur Heilung zu sichren. Als Beispiel dafür, daß solche Hoffnungen durchaus nicht auf den Hautkrcbs beschränkt sind, wird ein Fall angeführt, der verzweifelt genug aussah. Es handelte sich um eine Geschwulst vdn der Größe eines halben Hühnereies, die an der Nackcnwurzcl faß und so fest an die Halsschlagader ai>gcmachscn war, daß ihre völlige Entfernung mit dem Messer unmöglich wurde. Der Chirurg mutzte infolgedessen einen Rest der Geschwulst übrig lassen. Unmittelbar nach der Operation wurde nun 8 Stunden lang eine starke Bestrahlung ausgeführt, und seitdem ist der Kranke schon 4 Jahre lang gesund geblieben. Dies Ergebnis ist um so merkwürdiger, als einmal die krebsige Natur des Leidens durch das Mikroskop unzweifelhaft festgestellt worden war, und da zweitens der Rest der Geschwulst mit dem Finger immer noch gefühlt werden konnte, aber keine Beschwerden mehr verursachte. Es hat also den Anschein, als ob die Gammastrahlen die Fähig- kcit haben, die gefährlichen Eigenschaften der Krebszellen gleichsam auszulöschen. Die Nadiumbchandlung als Unterstützung und Voll- endung der Operation erhält eine um so größere Bedeutung, als das Leben vieler Kranken durch eine tiefgreifende Operation an sich bereits bedroht wird. Ist also auf das Messer nicht Verzicht zu leisten, so kaun es doch in viel milderem Umfang gebraucht werden, ohne daß eine Heilung dadurch vereitelt wird. Namentlich werden die Chirurgie und die Radiumbehandlung immer dann zu- sammcn arbeiten, wenn die Masse der Geschwülste zu groß ist, um eine genügend kräftige Wirkung der Strahlen bis in die nötige Tiefe hinein zu gestatten. Immerhin wird es viele Fälle nament- lich von Brustkrebs geben, die den Strahlen ohne jede Operation zugänglich sind. Bei anderen dagegen wird wenigstens ein Ein- schnitt nötig sein, um die Radiumröhre nahe genug an die Wuchc- rung heranzubringen. Auf eine dauernde Heilung wird freilich nicht immer zu rechnen sein, aber auf eine Verlängerung des Lebens für eine ganze Reihe von Jahren. Außerdem hofft Dr. Abbe mit vollem Recht, daß die noch junge Radiumbehandlung durch technische Verbesserungen von Jahr zu Jahr größeren Erfolg bringen werde. Das ist insbesondere auch für die gefürchteten Krebse der Zunge, der Speiseröhre, des Magens, des Mastdarms und der Gebärmutter zu erhoffen. Eine starke Radiumbehandlung führt schon jetzt beim Krebs der Zunge und der Speiseröhre meist auch in vorgeschrittenem Zustand des Leidens eine schnelle und deutliche Besserung herbei, aber eine jahrelange Heilung ist nur ganz ausnahmsweise gelungen. Beim Darmkrebs winkt bereits eine günstige Aussicht, und jedenfalls ist schon die Erleichterung der Beschwerden hoch zu veranschlagen, ebenso beim Gcbärmuttcrkrcbs. So ist auch dieser Bericht voll von Tatsachen, die den Gammastrahlen des Radiums die Eigen- schaft von Hoffnungsstrahlen geben, die ein besonders düsteres Gebiet menschlicher Leiden zu erhellen berufen sind. Sin MnscKenfcKicKlal. Von I. P, B r o ch m a n n. - Uebcr die dichten Häuserreihen der Kleinen Brunnenstraße senkte sich langsam der Abend hernieder. Hier, wo die Sonne täglich nur einen kurzen Besuch machte, gerade als ob sie sich scheute, in all das Elend der Großstadt hineinzusehen, wurde es früher dunkel, als in den breiten, lichten Boulevards, die zudem noch durch Hunderte von glühenden Bogenlampen lünstlich erleuchtet wurden, während die schmalen, schmutzigen Seitengassen in all ihrer Trostlosigkeit im Dunkel dahinlagen. Nur hier und da schimmerte ein kleiner grauer Stern am dunklen Himmel, gerade so wie das weißliche Auge in einem Ncgcrantlitz. Unten am Ende der Gasse wechselten Licht und Schatten schnell miteinander. Aus der Kellerkneipe herauf Ivälzte sich eine dicke licht- graue Nebelwelle über die Pflastersteine, die dadurch aufleuchteten, und eine Wasserpfütze in der Stratzenrinne erglänzte wie Silber. Aber hinter dem Rinnstein war alles dunkel. Hier gähnte eine grauschwarze Tieröffnung. ein häßliches viereckiges Loch, in einer geborstenen, grundlosen Mauer. Ein muffiger Geruch, eine erstickende Luft strömte heraus. In diesem Loche stand eine weißgekleidete Gestalt, die sich mit irgend etwas beschäftigte. Es war ein Weib mit großem, fettem Gesicht, das aussah, wie ein lleiner, schlecht gefüllter Mehlsack. Das Gesicht war graubleich, unförmlich, mit herunterhängenden Fleisch- klumpen. Und dieses mehlsackartige Gesicht saß auf einem größeren Mehlsack, einem gewaltigen, runden Körper in einem hellen Kleide. „Geh' in großem Bogen um sie herum!" war mein erster Gedanke.„Sie kann sich über dich wälzen, dir dein Geld stehlen— dich treten, schlagen mit ihren dicken, klebrigen Fäusten l" Und schon watschelte sie langsam und schwer vorwärts, herunter auf die Gasse. Doch das Schreckbild von einem Weibe sah in Wirklichkeit ganz anders aus! Ganz ruhig begrüßte sie mich, frug, warum ich draußen stehen bliebe und ob ich nicht zu ihr kommen wolle. Die Stimme war ganz unvereinbar mit den freundlichen Worten. Sie erinnerte mich an die Stimme eines Seemanns, der in kalter Winternacht sein Schiff gegen die hereinbrechenden Wogen verteidigen mußte. Und nun versuchte sich diese Stimme einzuschmeicheln und klang dabei so demütig, wie eines armen Bettlers Bitte. „O, laß uns plaudern zusammen", bettelte sie. Dabei ging sie zlvci Schritte vorwärts und trat aus dem Schatten in die auS dem Kellerhals strömenden Lichtwclle. Da stand sie nun, mehlgrau und eifrig gestikulierend. Gesicht und Hände ließen alle die Oualen der Geldsorgen erkennen. Die Riesenschatten ihrer Hände fuhren hin und her über das beleuchtete Gassenende hinter ihr. Sie sperrte die großen weißen Augen weit auf und ich sah durch diese Gucklöcher in eine Grabkammer. Auf einmal wurde der Mehlsack kokett und knixte. Aver es waren einige wunderliche und spaßige Zappeleien, welche das Weib machte. Des ganzen schweren Körpers gewaltige Masse hob und senkte sich wie die Wogen am Meeresstrand. Und als ich gehen wollte, lachte sie hell auf— ein entsetzliches Lachen! Grobe und zarte Töne schlugen mir nach, kalte, wilde Laute waren es, ausgestoßen von einer leeren, eiskalten Brust. Und dieses schreckliche Lachen lockte mich! Ich blieb bei ihr. Wir krochen beide hinein in den dunklen Gang und redeten ver- nünftig. Ueber was wir sprachen?!-- Natürlich begannen wir mit der Brotspekulation I Sie hatte nun für 14,50 M, Kleider in dein Leihhaus. Mit der großen breiten Hand unter dem Kinn, gerade als ob sie den schweren Kopf stützen müßte, begann sie alle ihre Habseligkeiten, die sie einmal besessen hatte, aufznzählen: ein grauwollenes Kleid, ganz neu, ein Paar gelbe Stiefel, Wäsche, einen Hut, und alles das war versetzt. Sie schwelgte ordentlich in dem Gedanken an diese Schätze, die Er« inncrungen weckten an bessere Zeiten, an frohe Tage mit Geld in der Tasche. Plötzlich hielt sie inne und horchte. Auf der Gasse hörte man das Klappern schwerer Holzschuhc. Sie kannte den Tritt. Augen- blicklich ging sie hinaus, kam jedoch bald darauf ganz atemlos zurück. Sie hatte sich geirrt. „.. Und die alte Vettel hat heute auch noch kein Geld bekommen!" sprach sie nach einer Pause weiter..Vier Mark soll sie haben für dieses kleine, schmutzige Loch! Vier Mark pro Tag— ist das nicht ungeheuerlich? I" Und dabei kratzte sie sich bedenklich in ihrem grauen Haar. „Jn's Armenhaus will man trotzdem nicht gerne, nachdem man hier durchgekommen ist so'n 25 Jahre lang."... Das Armenhaus stand drohend vor ihr, und sie ließ die dicke, graurote Unterlippe schlaff herunterhängen. Dahinter sah man den schwazen Mund mit den abgefaulten Zahnftummcln. Aller Mut war von ihr gewichen, sie stand da gänzlich in sich zusammen« gesunken. Plötzlich richtete sie sich auf, erfaßt von einem Drang, ihr Lebensschicksal völlig vor mir zu entblößen. Unvermittelt begann sie:„So ein Schlag in den Nacken tut niederträchtig weh", jammerte sie.„Hier sehen Sie!-- Nein, zünd' erst ein Streichholz an— Sie soll'n mal eine Beule sehen I Gerade in den Nacken hat mich mein Verlobter heute morgen gc- schlagen."— Wir gingen weiter hinein in den stinkenden, stocksiiisteren Gang. Sie zündete ein Streichholz an, und unsere Schatten flatterten an einer schwarzen Mauer und über eine alte Holztrcppe. „Sieh'— fühl'!" sagte sie, und dabei beugte sie den mächtigen Kopf und seufzte hohl wie ein abgerackertes Pferd.—„Sieh' hier!" begann sie wieder, indem sie sich das Haar zur Seite kratzte mit ihren breiten, schwarzgeränderten Fingernägeln. Ilnd es stimmte! Eine große, blutunterlaufene Beule, unigeben von dünnem grauen Haar, hob sich hervor von der dunklen un- gewaschenen Kopfhaut.— Das Streichholz verlöschte, und die schwarze Finsternis schlug wieder über uns zusammen. „Er schlägt sonst nicht oft, aber hin und wieder doch einmal 1" — Und sie zog, während sie das sagte, ihre breiten Schultern in die Höhe, und der ganze Oberkörper bebte unter dem dünnen Kleide. Nach einigen Minuten begann sie wieder zu erzählen. Zunächst gab er ihr ein paar Ohrfeigen— es geschah drinnen in der neben dem Gange liegenden Stube. Doch diese Ohrfeigen klatschten nur— sie taten weiter nicht weh. Sie lachte darüber, und da wurde er wütend. Er packte sie an der Kehle, drehte ihren Kopf nach der Seite und sie lachte nicht mehr. O nein, die Schläge fielen so schwer und hart, und es schmerzte sie so, als ob er ihr ein glühendes Eisen mit einem Hammer in den Nacken schlage. „Ja, ja!"-- Ilnd sie zog ivieder die Schultern und zitterte. Aber was konnte es nützen, darüber viel zu reden I Prügel hatte sie ja immer bekommen, ihr ganzes Leben lang! Es regnete Prügel für sie, ihr Leben ivar ein lvahres Spießrutenlaufen! Als Mädchen von sieben Jahren stahl sie eines Abends vier Groschen, die ihr Vater in der Schublade versteckt hatte, und wofür er Branntwein kaufen wollte. Aber Marie hatte Hunger und wollte Essen dafür kaufen. Also nahm sie das Geld.— Das alte Mädchen schwieg plötzlich. Sie sah sich im Geiste, wie sie als kleines, allezeit hungriges Kind in voller Angst die morsche Treppe des Hinterhauses in der Adelgasse hinunterschlich, die vier Groschen zwischen den dünnen, verfrorenen Fingern einge- klemmt. Verstohlen trippelte sie in die naheliegende Hökerbude und verlangte„Gehacktes" für dies- vier Groschen. „Jawohl!"— Der Höker und seine Frau wechselten einen viel- sagenden Blick und begingen stillschweigend einen Schurkenstreich. Marie erhielt den allerletzten Rest, welcher in einer Steinschüssel unter dem Ladentische stand. „Der ganze Mist wurde mir in ZeitungSpapier eingepackt— so, nun guten Appetit!— Prrr! Das ganze Fleisch war verdorben und boller Maden I Und die beiden Schurken wußten es l War das nicht hundsgemein!" Ihr großes, bleichfettes Gesicht verzerrte sich und die Lippen machten eine Bewegung, als ob sie nach den beiden Betrügern beißen wollte. Aber Prügel bekam Marie obendrein noch von ihrem Vater. Sie schüttelte sich, gerade als ob sie diese jetzt noch spürte. Große blaue und rote Striemen blieben zurück auf dem mageren Körper. Und zuletzt fiel noch ein Platzregen von Ohrfeigen auf sie nieder, die in dem kleinen Mädchenkopf Blitz und Donner er- zeugten. „Es war zum wahnsinnig werden! Aber trotzdem gab es mehr Prügel— immer mehr Prügel!"— An einem Winterabend, nachts um 12 Uhr, stblug sie ihr Lvjähriger Bruder ganz erbärmlich, weil sie ihm ein Thcaterbillett weggenommen hatte. Schon zweimal hatte er das Stück„Der Kalif auf Abenteuer" gesehen, während sie nicht ein einzig Mal im Theater war. Und mit diesem Billett des Bruders verschaffte sie sich die einzigen vergnügten Stunden ihrer Jugend. Nach den: Theater schlich sie sich still nach Hause, und die alte, halbverfaulte Treppe hinauf, es war um 12 Uhr nachts. Aber ach, als sie in das Zimmer trat, saß der Bruder im Halbschlaf am Tisch, sie erwartend. Mit einem breiten Riemen, dessen eines Ende er um die rechte Hand ge- wickelt hatte, bearbeitete er sie: Kopf, Rücken, Anne, Hände, überall schlug er hin, ohne Wahl!„Spürst Du den Riemen?" höhnte er dabei. Und als er sich müde und sie halb tot geschlagen hatte, kroch sie auf die am Boden liegenden Lumpen, die ihr als Nachtlager dienten. Sie wimmerte die ganze Nacht vor Schmerzen und am nächsten Morgen war sie krank>— sehr krant!—— Später bekam sie wieder Prügel als Dienstmädchen auf dem Lande. Zuerst von der Herrschaft und den Knechten, dann von ihrem Schatz. Und als sie aus dem Dienst lief, wurde sie von der Polizei ins Gefängnis geschleppt und auch dort mißhandelt. Dann kam sie ins Spital und von da nach einer bewußten Straße. Und so ging es denn 25 Jahre lang. Das alte Mädchen rieb sich die Beule im Nacken, sie brannte und juckte so sehr. Und ihres Lebens Zukunft stand vor ihr in trüber, sorgenvoller Perspektive. Alles war bisher Schmutz und Niedertracht— und es war keine Aussicht auf Besserung. Verpfuscht war ihre ganze Jugend, verfehlt ihr ganzes Dasein!-- „Und ehe man sich versieht, wird man alt dabei," klagte sie still und hoffnungslos. ---- Man ist alt geworben! Ja, diese Worte klangen wie der schnarrende Ton der Zuchthauspforte, die sich schließt hinter einem lebenslänglich Ver- urteilten. Ich ging. Aber Marie blieb. Sie trat wieder hervor in die bleiche Lichtwelle, die durch den Kcllerhals heraufschimmerte. Ihr großes, wachsbleiches Gesicht, umkränzt von grauem Haar, nickte jedem Manne zu. der vorüberging. Die Falten ihres Gesichtes klemmten sich zusammen und glätteten sick, und die nassen, weißen Augen starrten trostlos in da- nächtliche Dunkel. So stand sie Stunde auf Stunde, die ganze Nacht hindurch, stets hoffend, die vier Mark Miete und den kärglichen Unterhalt für den nächsten Tag doch noch erhaschen zu können. Und verzerrte sie hin und wieder die Gesichtsmuskeln zu einem Lächeln, so grinste ein unendlich trauriges soziales Drama zwischen den grauroten Lippen ihres schwarzen Mundes, ein Drama, das zu einer furcht- baren Anklage gegen unsere„göttliche Weltordnung" sich ver- dichtete.---— Aber über ihr wölbte sich der dunkle Himmel und ein paar Sternlein blitzten auf sie herab, und aus der Kellerkneipe kamen die verrosteten Tone einer defekten Spieldose, die zu einem munteren Walzer aufspielten. kleines feuiUeton. Massenmord. A. Wir im Norden waren ja diesmal weit vom Schuß. L. Gottseidank ja. Das ruhige Blut ist aber nicht daran schuld. Wer weiß, ob der männermordende Wahnsinn nicht eines Tages »uch bei uns ausbricht. A. Sie meinen, so ein Massenmorden könnte hier auch jederzeit passieren? L. Ja, natürlich. Hart genug dabei waren wir doch oft genug. A. Das stimmt. Wenn man bedenkt... B. Und das ist doch sicher: Wenn es einmal anfängt, dann geht eS um kein Haar bester zu als da unten. A. Glaub's wohl. Man müßte eigentlich vorbeugen, Maßregeln treffen. B. Was soll daS helfen? Man kann doch nicht alle einsperren die... A. Natürlich nicht. Es sind ja sonst ganz friedfertige Leute. Bis es sie auf einmal packt. Und dann fangen sie an, wie verrückt um sich zu schießen, als wäre es daS höchste auf Erden, möglichst viele Menschen umzubringen. B. Ja, so sieht es wirklich aus. A. Und obendrein Menschen umzubringen, die einem gar nichts getan haben! Aus blindem, sinnlosem Haß gegen die Gesamtheit. B. Ja, es ist ungeheuerlich. Und dann muß man doch noch bedenken: all diese Leute haben Weib und Kinder. A. Ja, daran denkt so ein Bursche gar nicht. So ein los« rasendes Tier. B. Da hilft nichts als gründliche Aufklärung in den Schulen und späterhin im Leben. A. Der Staat müßte irgendwie einschreiten, sich ins Mittel legen. B. Leicht gesagt. Der Staat ist doch selber... A. Sie wollen dem Staat die Schuld geben? Natürlich! B. Allerdings natürlich. Der Klajsenstaat braucht diese Dinge, er fördert sie bewußt... A. Erlauben Sie: Sie sind wohl nicht ganz... Pardon, ich loeiß ja, daß Sie ein Sozi sind, aber bisher habe ich Sie doch immer als vernünftigen und ruhig denkenden Menschen geschätzt. B. Danke. Ich war nie vernünftiger als eben jetzt. A. Und dann behaupten Sie, der Klastenstaat sei daran schuld? Die bürgerliche Gesellschaft? B. Noch mehr. Sie treiben es geradezu mit Absicht dahin, daß solche Katastrophen entstehen, denn Sie brauchen das gewister« maßen. A. Na, hören Sie, da sieht man tviedcr, was die wüste Hetze Ihrer Agitatoren selbst in den besonnensten Köpfen für Unheil an« richtet. Sie wollen für all das Gräßliche im Ernste die bürgerliche Gesellschaft verantwortlich machen? B. Für all das Gräßliche. A. In jedem Falle? B. In diesem wie in jedem Falle. A. Ich sehe wohl, Sie sind unrettbar der revolutionären Phrase verfallen. Man möchte beinahe glauben, der Wahnsinn des Massenmörders habe Sie angesteckt. B. Danke schön. Weichen Mastenmörders übrigens? A. Na, dessen, von dem wir hier die ganze Zeit reden. B. Wir? Wir reden allerdings vom Massenmord, aber so sehr es mich freut, von Ihnen den Ausdruck Mastenmörder angewendet zu sehen, so wenig weiß ich, warum Sie nur von einem Massen- mörder reden. A. Augenblicklich ist doch der Hauptlehrer Wagner der einzige seiner Art... B. Von dem reden Sie?— so l Nun versteh ich erst... A. Von wem denn sonst! Wovon sprachen denn Sie? B. Zch? Natürlich vom Krieg. Vom Balkankrieg und über«. Haupt. A. Vom Krieg? Aber der hat doch mit Wahnsinn nichts zu tun. Da ist doch nichts Verrücktes bei. Der ist doch ganz logisch und gottgewollt. B. Ja, natürlich. Wie konnte ich das nur vergessen! A. So was! Wagners Massenmord mit einem Kriege zu ver« wechseln! B. Nicht wahr? Wirklich verrückt!— E. F. Berkehrstvesen. „Telekav a". Aus der gepeinigten Seele eines österreichischen Telephonabonnenten kommt dieses mystische Wort. Es bedeutet 83.332.000 und dient als Titel einer kleinen Broschüre, die uns eine neue internationale Zahleusprache offeriert. Mit bitterem Ernst setzt der Verfasser, Prof. C. v. Pirquet, die Vorzüge seiner neuen Sprache für die Ziffernschrift, insbesondere im buntsprachigen Oesterreich, auseinander. Und wir glauben ihm gern, daß seine, übrigens recht volltönende und leicht zu handhabende künstliche Sprache viele theo- retischen Vorzüge im Vergleich mit den natürlichen Zahlenbezcich« nungen hat. Möglich ist auch, daß sie sich im telegrichhischen Verkehr bewähren könnte.. Aber weiter wird sie es kaum bringen. Und am allerwenigsten in Oesterreich, denn dort würde nur neben den bereits bestehenden Sprachstreitigkeiten noch eine neue um die„Telekaba" entstehen.... Es gibt eben innerhalb der österreichischen Grenz« pfähle noch vielerlei zu vollbringen, ehe man an die Beseitigung der Unebenheiten im Telephonverkehr durch„Telekaba" geben kann.