Unlerhaltuttgsblatt des Horwärls Nr. 183. Freitag, den 19. September. !913 � Rittmeister Kranä. Erzählung von Marie von Ebner- Eschenbach. 1. Dietrich Brand entstammte einer uralten angesehenen Kaufmannsfamilie. Seit fast einem Jahrhundert bestand das Rohseidengeschäft Brand u. Co. in Ehren auf dem Wiener Platze. Es hatte sein« Begründer und ihre nächsten Nach- folger reich gemacht und trotz der Ungunst der Verhältnisse in den letzten Dezennien keinen Rückgang erfahren. Diesen Er- folg verdankte das Haus der Tüchtigkeit seines Chefs, und niemand zweifelte, daß sein willensstarker und energischer Sohn sein Nachfolger werden würde. Durch lange Zeit blieb das streng, sogar vor einander bewahrte Geheimnis seiner Eltern: Dietrich zeigt zum Kaufmannsstande wenig Lust und Talent. Trotzdem war es ein Tag des Entsetzens für sie, als er kam und ihnen seinen unerschütterlichen Entschluß kundtat, nichts anderes zu werden, als wozu er sich im Innersten be- rufen fühlte, Soldat. Warum Soldat, um Gotteswillen? Warum nicht Beamter oder Landwirt, wenn schon durchaus nicht Kaufmann?— Ja, weil er dazu beitragen wollte, die außer Rand und Band geratenen Menschen wieder an Zucht zu gewöhnen. Weil er erziehen wollte, wie er von klein auf getan. Das mußten die Eltern gelten lassen. An dem Hunde und dem Papagei seiner Mutter, an den Tauben und Spatzen, die er mit Weißbrot- krumen auf den Fenstersims lockte, an allen hatte er— und mit Glück— erzogen. Im Sommer, wenn die Familie in ihrer Villa in Neuwaldegg Aufenthalt nahm, kamen die Kin- der dran. Da war er immer von einem Trupp umgeben, den er kommandierte und der ihm gehorchte, weil es sich von selbst versteht, daß man dem Dietrich Brand gehorcht. Dem Vater wollte das Befehlshaberische im Wesen seines Sohnes nicht gefallen:„Aus Dir wird einmal ein Schul- meister," sprach er zu ihm. „Nicht ein Schulmeister, ein General," antwortete Dietrich. Ja, sie hätten es voraussehen können und nicht schweigen sollen. Auch nicht zu den schweren Kämpfen, die er ini stillen bestand. Ten Trübsinn, der ihn seit längerer Zeit ergriffen hatte, sein übles Aussehen, die roten, überwachten Augen, mit denen er jeden Morgen zum Frühstück kam, erklärte Vater Brand für Symtome der Uebergangsjahre, die einem weiter keine Sorgen zu machen brauchen. Das sagte er freilich nur, um die„Frau" zu beruhigen, die sich wieder ihm zu Liebe beruhigt stellte; denn die wahre Liebe, die alles kann, kann sogar ihre eigenste Natur verleugnen, kann sogar lügen, wenns gilt. Als Dietrich ihnen sein Vorhaben mitteilte, wußten die beiden gar wohl: Leicht ist es ihm nicht geworden, unsere Luftschlösser nieder zu reißen und unsere Altershoffnungen bankerott zu machen. Was ihnen anfangs ganz unauffindbar schien, tvar der Zusammenhang zwischen seiner Lust am Erziehen und seiner Liebe zum Militärstande. Er wies ihnen aber nach, daß kein anderer so viel Macht verleiht, auf den armen und ungebilde- ten Nächsten fördernden Einfluß zu nehnicn. Und in diesem edelsten Stande gibt es wieder keine Waffengattung, die dem Erzieher so viel Möglichkeit bietet, sein Talent nutzbringend zu entfalten, wie die Kavallerie. Das Wesen, dem ich meine Sorgfalt widme, wird zugleich angehalten, die seine einem anderen Wesen zu spenÄn— seinem Pferde. Da steht also der Mann gleichsam in der Mitte zwischen einer heilsamen Wirkung und erfährt zugleich zweifachen Nutzen. Deshalb wollte Dietrich Brand nicht nur Soldat, er wollte ein Reiter werden, ein schwerwiegender, ein Dragoner. „Unser Sohn ist ein Feuergeist," klagten die tiefbetrübteu Eltern ihrem Vertrauensmannc, dem greisen Buchhalter; und er dachte bei sich: Zur �Hälfte Feuergcist, zur Hälfte Pedant. Die Sorte setzt alles durch. Klug wie er war, befolgte er auch dieses Mal die be- währte Praxis, die ihm das Vertrauen des Herrn und der Frau Prinzipal sicherte. Er riet ihnen, das zu tun, was sie ohnehin getan hätten— nachzugeben. Der Vater versöhnte sich nie ganz mit der Berufswahl Dietrichs: aber das uneingeschränkte und einstimmige Lob, das seinem Sohne gezollt wurde, freute ihn doch. Was seine Vorgesetzten am meisten an ihm rühmten, um was seine Kameraden ihn am meisten beneideten, das war die un- erschöpfliche Geduld, die ihn bei all seiner eisernen Strenge nie verließ. „Hätten wir viele Offiziere wie Sie, würde unsere Armee zur grandiosesten Volkserziehungsanstalt der Welt," hatte ein sehr hoher Herr zu Dietrich gesagt, und an diesen Ausspruch erinnerte man sich im Regimente noch lange, nach- dem Brand aus ihm geschieden war. Seine Mutter geriet nach und nach in eine wahre Be- geisterung für den Militärstand. Am Tage der Ernennung ihres Sohnes zum Leutnant begann sie den Militärschematis- mus zu studieren. Sie fehlte bei keiner Revue auf deit Schmelz: Remonte, Train, Menage, Zug, Eskadron, Regiment, Division, in der Tour, außertourlich usw. wurden für sie gebräuchliche Worte. Von allen kamen aber keine so oft über ihre Lippen wie die:„Mein Sohn, der Leutnant." Als sie sagen durfte:„Mein Sohn, der Oberleutnant," und als er in dieser Charge die Wiener Garnison bezog, da mußte Vater Brand mit ihr hinausfahren auf den Exerzierplatz zu jeder Truppenausrückung. Die Gattin an seiner Seite geriet beim Defilieren der Regimenter in solche Ekstase, daß er sich fragte, ob der Sohn nicht am Ende von ihr die kriegerischen und heroischen Neigungen geerbt habe. Aber die erbliche Be- lastung wäre in dem Falle schwer nachweisbar gewesen, denn Frau Brand entstammte, wie ihr Gemahl, einer alten, fried- fertigen Kaufmannsfamilie. Im Winter wurde der Zug des Oberleutnants Brand mit Puls- und Seelenwärmern, mit Socken und Flanellunter- kleidern so reichlich versehen, daß die Leute sich durch ihr be- hagliches Aussehen vor allen anderen auszeichneten. Frau Brand erlebte auch noch die Glückseligkeit, von ihrem Sohne, dem Rittmeister, sprechen zu können und ihren guten Alten dazu ein wenig schmunzeln zu sehen. Zu der Kaiserrevue in dem Jahre, in dem Dietrich zum ersten Male eine Eskadron kommandierte, kam seine Mutter allein gefahren im schönen offenen Landauer. Die Pferde hatten schwarze Geschirre, und die Diener trugen schwarze Livree, und im Wagen saß eine gebrochene Frau in Witwen- trauer. Noch ein Jahr, und der Rittmeister hatte keine Eltern mehr, er hatte auch sonst niemand, er hatte nur seinen Beruf. Nein, man darf nicht sagen„nur", wenn von einem Be- ruf die Rede ist, von einem vollen, ganzen. Der Beruf ist alles, ist mehr als Eltern und Kinder, als die Geliebte, als der Freund.— So glaubte Dietrich wenigstens damals. 2. Wenn seine Mutter ihm gesagt hatte:„Du solltest doch endlich ans Heiraten denken," war seine Antwort gewesen: „In Gottesnamen, nur nicht zu viel, nur nicht zu oft; mein Beruf läßt mir keine Zeit zu Nebenbeschäftigungen." Und gerade ini ersten Sommer nach dem Tode der guten alten Frau verliebte er sich. Es geschah so sachte, so allmäh- lich, daß er's anfangs gar nicht merkte. Die Ehe seiner Eltern hatte ihn gelehrt, von der Liebe den höchsten Begriff zu haben. Sie kommt nicht, oder im Triuuiphe, die unwiderstehliche, allmächtige Siegerin. Und nun war sie erschienen ohne Sang und Klang, hatte sich ihm ins Herz geschlichen unter fremdem Namen, in der bescheidenen Gestalt von Sympathie, Wert- schätzung und tiefeni Mitloid. Die es ihn: angetan hatte, hieß Sophie von Henning und war die Tochter eines mährischen Landedelmannes, der sich, als Brands Eskadron in der Nähe seines Gutes ein- quartiert wurde, eben damit beschäftigte, die Reste seines einst ansehnlichen Vermögens in alle Winde zu preuen. So lange seine, ihm weit überlegene Frau am Leben gc- Wesen war, hatte sie verstanden, seiner Berschwendungssucht bis zu einem gewissen Grade Einhalt zu tun. Nach ihrem Tode, den er sechs Wochen lang leidenschaftlich betrauerte, er- wachte er aus seinem Grame als ein verjüngter, lcbcns- freudiger Mensch. Er färbte seine Haare, unterzog sich einer Entfettungskur, machte jungen Damen den Hof, stellte kostbare Pferde in den baufälligen Marstall ein, steckte seine dörf- liche Dienerschaft in Livreen von falscher Eleganz, und hielt offenes Haus. Seine Tochter sah den Augenblick des unabwendbaren Zusammenbruches immer näher herankommen, war aber dem leichtsinnigen Vater gegenüber ohnmächtig. Sie konnte nichts tun, als mühsam und unter Entbehrungen aller Art die Lücken und Risse verkleistern, die hinter der kläglichen Herrlichkeit des zugrunde gehenden Haushalts klafften. Herr von Henning nahm die Hilfe Brands, der ihn schon mehrmals aus momentaner Verlegenheit gerettet hatte, mit der größten Unbefangenheit in Anspruch. Sobald der hart- gesottene Optimist die Spur einer Neigung des Rittmeisters für Sophie wahrgenommen hatte, stand es für ihn auch fest: Brand wird sein Schwiegersohn und rangiert ihn. In froh- licher Weinlaune vergaß er sich einmal so weit, daß er in Gegenwart der beiden Anspielungen auf diesen Zukunftsplan machte. Von Stunde an veränderte Sophiens Benehmen gegen Brand sich völlig; keine Spur mehr des unbefangenen Ver- trauens, mit dem sie ihm bisher begegnet war, auch keine auf- fallende Zurückhaltung, die wieder auszeichnend gewesen wäre. Gleichgültigkeit schien an die Stelle der stillen, tiefen Neigung getreten zu sein, die in ihr erwacht war, ihren Ernst hold durchsonnte, ihr stilles. Wesen lieblich verklärte. Aber Dietrich ließ sich nicht täuschen: er bewunderte die Seclenstärke, mit der sie ihre Neigung verleugnete, den Stolz, aus dem diese Selbstverleugnung entsprang. Zum ersten Male erwog er die Möglichkeit, seine goldene Freiheit aufzugeben und sich fürs Leben an ein anderes Wesen zu ketten. Tann hatte er die Wahl: austreten— den Gedanken schleuderte er nur so hinweg: oder: allen seinen Ueberzeugungen und Grundsätzen untreu werden und als verheirateter Mann weiter dienen. Also— tun, was er von jeher verschworen hatte: eine Frau, und weiß Gott wie bald, auch Kinder nach- schleppen in kleine Kavalleriegarnisonen, immer bereit, das eben erst errichtete Zelt wieder abzubrechen. Militärwirtschaften— er hatte ihrer genug vor Augen — waren ihm ein Greuel. Kaum hat die Fannlie sich seßhaft gemacht, wohnt leidlich, schickt die Kinder in die Dorfschule oder den Dorfschullehrer zu den Kindern, und schon wieder heißt es wandern. Die richtige„ärarische Frau" sagt dann zu ihrem Manne:„Du brauchst dich um nichts zu kümmern, die Uebersiedelung ist meine Sache." Der Bagagewagen steht vor der Tür und daneben sie und überwacht das Auf- laden der Einrichtungsstücke, der Betten, der Kisten. Ein Kind hängt sich an ihr Kleid, ein anderes ist in Gefahr unter die Räder zu kommen, sowie der Wagen sich in Bewegung setzt, ein drittes heult um sein Schaukelpferd, das ihm davon ge- führt wird. Der„ahnungsvolle Engel" sieht es im Geiste fchon nach dem Ueberladen auf den Lastzug und von da wieder auf den Fuhrmannswagen mit drei Beinen ankommen, wenn's gut geht. Tie Tische und Stühle teilen sein Schicksal. Im unbekannten Lande, im neuen Haus, das meistens eine Hütte ist, wird dann geleimt, geflickt, die Bude wiederhergerichtet— fürs Auge. So manche unternehmende Leutnantsgattin lädt schon am Tage des Einrückens in die Station einige Offiziere zuni Tee. Auf einer umgestürzten Kiste wird er serviert, aus schartigen Tassen getrunken. Wie der Hausrat aussieht, wie die Kinder untergebracht sind, darüber geht man hinweg mit Leichtsinn und Humor.— Aber haben muß man die, ein Pedant darf man nicht sein, für den die schönste Frau allen Reiz verliert, wenn er dahinter kommt, daß sie nicht Ordnung hält in ihrem Wäscheschrank. Ein solcher Mann darf seine Frau nicht in Lagen bringen, in denen die Schönheit der äußeren Lebens- form gar zu oft verletzt werden muß. Nein denn, und dreimal nein. Und nun kanl er auf den Gedanken, den er schon als völlig unausführbar verworfen hatte, zurück— den Dienst aufgeben. Ja, er überlegte, erwog die große Frage aufs neue. Konnte es einen besseren Beweis geben, daß er liebte, innig und tief? Aber das Resultat seines peinigenden Nachgrübelns war doch wieder„nein" gewesen. Und nun stand es fest, und kein Gott hätte daran rütteln können. Dem Rittmeister blutete das Herz. Man sagt das oft so leicht hin: Mir blutet das Herz. Erfahre es nur an dir selbst, wie das ist, wenn sich's zusammenschnürt, immer fester, immer erstickender, bis man meint, die schweren, schmerzenden Tropfen hervorquellen zu fühlen, mit denen Frohsinn und Lebensfreude dahinfließen. Er wußte auch: Sie leidet und vielleicht mehr als er selbst; sie hatte ja nicht einen Beruf, der für alles Trost bietet, sie hat nur elende Sorgen. Seitdem Brand das Haus Henning mied, war dort ein Freier aufgetreten, der sich bisher vor dem brillanten Ritt- meister bescheiden im Hintergrunde gehalten hatte, ein Herr von Müller, Major in Pension, von dem es hieß, daß er ein wohlhabender Mann sei und den traurigen Mut haben wolle, das verschuldete Gut Hennings zu übernehmen. Er knüpfte an dieses problematische Erlösungswerk die Hoffnung, Sophie werde sich entschließen, ihm ihre Hand zu reichen. Sie tat es nicht, sie widerstand seinem treuen Werben, dem flehenden Beschwören ihres Vaters. Brand hörte durch genieinsame Bekannte ab und zu von ihr in der fernen Garnison, in die sein Regiment versetzt worden war. Zwei Jahre gingen vorüber, da traf eine überraschende Kunde ein. Müllers Großmut und Güte mußten Sophie end- lich gerührt haben, sie war seine Frau geworden. lstortsetzung folgt.) Inäwiäualität. Eine Satire von Ret Marut. Ein Schauspieler wollte berühmt werden. Aber es gelang ihm nicht. Es ist sehr schwer, berühmt zu werden. Mancher wird es über- baupt nie. Besonders wenn er wirklich etwas kann und wenn seine Begabung und deren Ursprünglichkeit himmelhoch über dem Durch- schnittt steht. Ein halbes Pfund Glück gehört mindestens dazu. Und Raffinement. Nicht zuletzt, sein Publikum genau zu kennen und richtig einzuschätzen. Das Glück kam eines TageS in Gestalt des Direktors. „Herr, da habe ich eine Nolle für Sie. Eine Nolle, sage ich Ihnen! Na, ich sage weiter nichts. Nun zeigen Sie mal, was Sie können. Knien Sie sich hinein. Mit der Rolle müssen Sie es niachcn, wenn Sie es überhaupt machen." „Schön," sagte der Schauspieler,„das werden wir schon knobeln." Und er spielte die Nolle. Mein Gott, ja! War ja ganz neitl Er spielte sie recht und schlecht. Recht. Ivie sie der Dichter gedacht. Und schlecht, wie sie ein anderer Schauspieler auch nicht hätte schlechter spielen können. Ob besser, soll hier nicht entschieden werden. Denn die Individualität ist das eiserne Fundament der Schauspielkunst und nicht— wie noch zwei oder drei arme Tröpfe mit veralteten Anschauungen behaupten — die angeborene Begabung. Die Majorität muß das wissen, denn die hat recht. Bis morgen früh. Die Zeitungen schwiegen ihn tot. Hatten ihn, der die Haupt- rolle darstellte, einfach gar nicht bemerkt, obgleich sie sogar den Letzten vom Programmzcttel, der den Stuhl herausgebracht hatte, mit zwei Zeilen bedachten. Eine Zeitung sogar mit vier und einer halben Zeije, wodurch dieses Blatt im Verkauf die andern um vier- undzwanzig Exemplare überflügelte. Denn es gab genau vierund- zwanzig Agenten. Der Direktor sagte:„Herr, ich habe mich in Ihnen bitter ge- täuscht. Wo sind Sie denn geblieben? Ich habe nicht das ge- ringste von Ihnen gesehen. Machen Sie doch etwas aus der wunderbaren Nolle." „Ich werde mir Mühe geben, Herr Direktor," sagte der Schau- spielcr und machte aus der Rolle einen Intriganten mit wildrollendcn Augen, roten Struppelhaarcn und fletschenden Grimassen. Die Zeitungen nahmen eine abwartende Haltung ein und der Direktor meinte:„Herr, es tut mir außerordentlich leid, persönlich sind Sie ja ein ganz netter Mensch, aber davon habe ich nichts. Wenn Sie aus der Nolle nichts machen, sehe ich mich genötigt, Ihre Gage um ein Drittel zu reduzieren. Mindestens." Darauf der Schauspieler:„Ich werde tun, was in meinen Kräften steht." Und er spielte die Rolle auf den Liebhaber hinaus, der vor schleimigem Edelmut stank und noch viel weniger natürlichen Instinkt belaß(und dazu gehört viel), wie der selig entschlafene„Hütten- besitzer". Die Folge war, daß ihn die Kollegen nur noch ganz über« höflich grüßten und Ivenn er den Rücken gewandt hatte, gcheimnis- voll hinter ihm her tuschelten. Der Direktor teilte ihn,„eingeschrieben" die Gagenreduzierung mit und sagte ihm mündlich: wen» er nicht baldigst aus der Glanz- rolle etlvas mache, so sei er vor Gott und den Menschen moralisch verpflichtet, die Gage abermals um ein ferneres Drittel zu reduzieren (fein Direktor braucht in diesem Falle das Fremdwort: verringern), denn derartige— Hm I— Leistungen könne er billiger haben. Der Schauspieler:„Ich werde mein Bestes dransetzen." Die Rolle wurde zu einem geistreichen Spötter geknetet. Die Mehrzahl der Zeitungen ignorierte ihn. Einzelne aber waren barmherziger. Davon nannte eine den Namen der Rolle und schrieb dahinter in Klammern drei Fragezeichen. Eine andere tat dasselbe, nur daß sie in die Klainmer ein Ausrufungszeichen in Gänsefüßchen setzte. Die aber, in der der bissigste Rezensent saß, mauerte in die Klammer zuerst einen Doppelpunkt und dahinter ein Semikolon hinein. D a S hatte der Schauspieler wirklich nicht verdient. Die Kolleginnen verbaten sich ganz energisch, daß er sie femer- hin duze. Und der Direktor eingeschrieben:-- infolge unserer Ver- cinbarmig auch um das zweite Drittel der vertraglich festgesetzten Gage reduziert. Mithin erhalten Sie ab 1. kommenden Monats nur noch--- Mündlich:„Herr, ein weiteres Drittel kann ich Ihnen nicht mehr streichen. Ein solcher Barbar bin ich denn doch nicht, daß ich Ihnen auch noch die Möglichkeit nehme, Hafergrütze zu essen. Aber im Interesse der Ehre meines Untemehmens— das Publikum haben Sie mir ja bereits hinausgespielt— muß ich Sie dringend ersuchen, aus der Rolle endlich mal was zu machen. Ich will auch mal was verdienen und nicht immer bloß zusetzen. Sie interessieren nicht, Herr I Verstehen Sie? Sie interessieren nicht, das ist näm- lich die Hauptsache beim Theater. Sie haben eben keine Jndivi- dualität." Der Schauspieler:„Herr Direktor, ich gelobe Ihnen, mein Herzblut, meine Seele werde ich hineinlegen. Sie sollen zufrieden sein." Er machte aus der Rolle im ersten Akt einen eleganten Causcur, im zweiten Akt machte er daraus eine Art Faun, der mit den Worten und Sätzen herumraste wie ein wildgewordener Affe, im dritten Akt vermengte er beide Gestalten zu einer undefinierbaren und im vierten wurde er wieder vernünftig. Zum ersten Male seit hundert Jahren wurden da wieder faule Eier auf die Bühne geworfen und das Publikum verlangte stürmisch sein gutes Geld zurück. Die Zeitungen machten hinter seinen Namen drei Kreuze und drohten außerdem, daS Theater zu boykottieren, weil man dort seines Lebens und seiner gesunden Vernunft nicht mehr sicher sei. Die Parkettreihen lichteten sich immer mehr. Die sonst darauf gesessen hatten, sahen sich jetzt lieber Schauer- und Sittenfilms an. Die Kultivierteren unter ihnen aber besuchten den neuesten Opcrettcnschlager„Der Chauffeur mit dem Drehwurm". Hier er- holten sie sich von dem veredelnden Einfluß des ernsten Dramas. Der Direktor kannte das Stück nicht wieder und erklärte dem Schauspieler saugrob, er werde von seinem Kündigungsrecht Gebrauch machen, er verbitte sich solche Hanswurstiaden. Die Kollegen und Kolleginnen spieen vor ihm aus, und die seine Partner waren, drehten ihm auf offener Szene den Rücken zu. Nun wurde aus der Rolle ein mummelnder Tattergreis. Der eiserne Vorhang inußte fallen, um zu verhindern, daß un- schuldig Blut vergossen würde. Der Direktor zum Schauspieler:„Sie unverschämter Betrüger, geben Sie sofort die Rolle ab. Oder wollen Sie mich noch länger für einen Ochsen hallen, daß ich so lange Geduld mit Ihnen halte und an Sie glaubte? Sofort die Rolle abgegeben und dann aber rausl Aber schleunigst I Sie sind ja geradezu gemeingefährlich. Raus I" Der Schauspieler draußen:„---" (Heißt in hochdeutscher Uebersetzung: Sie können mir den Buckel einmal hinauf und einmal herunter rutschen.) Dann ging er nach Hause und rief:„Wenigstens sollt Ihr sie nicht lebendig haben I" Nahm die Nolle, zerriß sie in unzählige kleine Fetzen und streute sie mitten in sein Zimmer. Als sich aber niemand fand, der den heroischen Mut besaß, die llnglücksrolle bis Abend zu übernehmen und die Souffleuse außer- dem stockheiser war, sollte er die Rolle heute abend noch mal spielen. Zun: letzten Male. lind weil eS zum letzten Male war und ihm sonst auch alles gleichgültig sein konnte, hob er die Fetzen vom Fußboden auf und legte sie wahllos aneinander, wie sie ihm gerade in die Hand kamen. Aus Langerweile lernte er dann die Rolle so, wie sie jetzt zusammen- gestellt war. S o spielte er auch am Abend die Rolle. AnS Rache und Bosheit. Sämtliche Mitspielenden, Herren wie Damen, wußten nicht mehr aus noch ein. Sie liefen durcheinander wie ein irrsinniggcwordener Ameisenhanfen und redeten wie im Fieberwahn. Die Dekorationen stimmten nicht mehr. Wenn vom heißen Soinmer die Rede war, lag dicker Schnee auf den Dächern und wenn einein andern die Sonne blendete(wie er laut Rolle sagte), dann ivar finstere Nacht. Es regnete in den Salon und mitten im Urwalde standen Plüschmöbel. Der Vorhang fiel direkt in die großen Sätze hinein oder zerschnitt rücksichtslos die wichtigsten Dialoge. Und wen» er hochgezogen wurde, standen die Feuerwehrleute auf der Bühne im Wege herum(wie überhaupt immer) und die Theaterarbeiter rannten in Hemdsärmeln umher und fluchten und schimpften(auch wie überhaupt immer). Der Regisseur mußte un- unterbrochen mit kaltem Wasser begossen Iverden und der vom Ver- folgungswahn erfaßte Inspizient wurde mit dicken Tauen gebunden und mit Mundknebeln zum Schweigen gebracht. Der Dichter rannte wie ein Wiesel die Zuschauerreihen entlang und erbat sich überall die Programme aus, weil er berechtigte Zweifel hegte, ob das wirklich sein Stück sei, was da oben ge« spielt wird. Das Publikum raste. Rief den Dichter, den Direktor, den Ne- gisseur und hob den Schauspieler mit tosendem Jubel von der Bühne herunter und zog im Triumph mit ihm umS Theater. Nach der Vorstellung erhielt der Schauspieler von vierundzwanzig Agenten und zwölf Direktoren perfekte Verträge unter glänzenden Bedingungen. Aber sein Direktor versprach, die Gage um das Zehnfache zu erhöhen und ihn für kontraktbrüchig erklären zu lassen, falls er einen der angebotenen Verträge annehmen würde. „Sehen Sie," fügte er überhöflich hinzu,„ich habe eS Ihne» doch immer gesagt, an der Rolle ist was dran. Sie miüssen nur was draus machen. Sie könnens doch. Warum denn nicht gleich so? Die Individualität ist die Hauptsache. Etwas Besonderes machen. Etwas noch nie Dagewesenes. Richtig braucht eS nicht zu sein. Diesen Firlefanz überlassen wir der Provinz.— Sie trinken doch heute abend ein paar„Mumm extra" mit mir. Hä?" Die Kollegen zogen tief den Hut und wagten vor lauter Ehrfurcht nicht mehr, ihn anzusprechen. Und die Kolleginnen sagten, das mit dem„Nichtmehrduzen" das hätten sie nicht s o gemeint, das Hütten sie eigentlich ganz anders gemeint, so um die nächste Nuance mehr ins Gegenteil. Er hätte es in seiner übergroßen Vornehmheit nur falsch verstanden. Die Zeitungen schrieben, er scheine sich zu entwickeln und es sei die Möglichkeit nicht von der Hand zu Iveisen, daß bei genügendem Fleiß und mehr Herausholen der Individualität vielleicht noch etwas aus ihm würde. Ein Rezensent aber, der zwar temperamentvoll, dafür aber sehr jung und unerfahren war. iufolgedessen mit den Intimitäten eines geordneten großstädtischen Theaterbetriebes und den Kunstanschauungen und Launen des maßgebenden TheaterpublikumS nicht genügend vertraut sein konnte, schrieb:„Herr Soundso ist gestern völlig verrückt geworden. Wir hatte» das schon lange erwartet, aber nicht geglaubt, daß es so schnell und schmerzlos gehen würde." Den suchte der Schauspieler auf, schüttelte ihm die Hand und sagte zu ihm:„Herr Doktor, ich bin noch nie Ihrer Meinung ge« Wesen. Heute aber gebe ich Ihnen in allem recht." Der Rezensent fragte:„Wieso?" Aber der Schauspieler war schon wieder zur Tür hinaus und hörte es nicht mehr. Der Rezensent mußte soviel über die Worte des Schauspielers nachdenken, daß er schließlich gezwungen war, seinen Beruf aufzu- geben und Modeberichterstatter zu werden. Daß es auch noch ehr- l i ch e Künstler geben könnte, daran glaubte er trotz seiner Jugend nicht mehr. Das Publikum führte Schlachten auf, um Billette zu erlangen. Der Direktor wurde Millionär. Der Dichter kaufte sich ein Landgut. Dem Schauspieler baute man noch zu Lebzeiten ein herrliches Denkmal. Von all den tausend großen und kleinen Leuten, die mit Hilfe eines Denkmals der Menschheit bekannt Iverden solle», gehörte er zu den wenigen, die es ausnahmsweise mal ehrlich verdient haben. Ganz ernsthaft gesprochen. Denn er hatte am besten begriffen, was seine Zeit von ihm verlangte und was seine Zeitgenossen unter Individualität ver- standen.— Die Schill ITeldichtung» Als vor einer Weile in einer Tageszeitung Frccksas Roman „Erwin Bernsteins theatralische Sendung" abgedruckt wurde, hieß es eines Tages, daß ein vielumstrittener Bühnenleiter sich in diesem Werke in wenig wohlwollendem Sinne porträtiert gefunden habe und sich darob beleidigt fühle. Fast um dieselbe Zeit wurde ans Burschenschaftlerkreisen Beschwerde geführt, daß der junge Dichter Siegfried Krebs in einem Roman„?lugust Binzcr, oder das Ende der Romantik" den Verfasser des Burschenliedes„Wir hatten gcbauct ein stattliches Hans", entgegen den biographischen Tatsächlichkeiten, als einen recht bedenklichen Charakter gezeichnet habe. Bald nachher ging durch die Presse die Notiz— und man sühlte sich an die Erregung gemahnt, die noch heute in dem Eifel- dörfchen Eiscnschmidt ob Clara Viebigs„Weiberdors" herrscht—, daß die Bewohner einer französischen Insel den Autor eines Ro- mans„Die Töchter des Regens", den die Academie Goncourt aus- gezeichnet: Andre Levignon, verklagt, weil er in seinem Wert die Sitten und Gebräuche ihres Eilandes in sehr ungünstigem Lichte gezeigt. Daß gegen einen Dichter der Vorwurf laut wird, er habe sich in einem Werke Indiskretionen gegen irgendeinem seiner Mit- menschen zuschulden kommen lassen; er habe in seinen Gestalten diesen und jenen abkonterfeit, ist nichts Neues, und des öfteren ist es sogar wegen derartiger Dinge zu Prozessen gekommen. So mutzte vor Jahren Hermann Stehr auf Gerichtsbeschluß hin be- stimnite Teile einer Novelle ausmerzen oder umschreiben, weil sich ein Irgendjemand durch die Bildähnlichkcit verletzt fühlte, die er darin in Beziehung aus sich zu entdecken glaubte. Als um lAffi der Leutnant Bilse aus Forbach wegen eines Romans, in dem er Jbie sittliche Verrott-ung einer kleinen Garnison gegeißelt, bor Ge- richt gezogen und bestraft wurde, war für die bürgerlichen Kreise mit dem Namen dieses unbedeutenden Schreibers das Schlagwort gegeben, unter dem sie von nun an alle Art„Modelldichtung" zu- 'sammenfassen konnten. Bilse ward der Prototyp des literarischen Ehrabschneiders, der in romanhafter Darstellung daS Privatleben anderer der Oeffentlichkeit preisgibt, und mit ihm wurden vom Standpunkt der bürgerlichen Gesellungsmorak alle Schriftsteller identifiziert, die erkennbar nach Modellen gearbeitet. Modell- Benutzung erscheint hier einfach als ein Zeichen ethisch minder- wertiger Gesinnung, und Thomas Mann, der eingestandenermaßen sich stets an die Züge eines Urbildes hält, durfte es erleben, daß in einem Prozeß, der in der Stadt der„Buddenbrooks" spielt, wo man die Urbilder seiner Romangestaiten kennt, sein Name dem .jenes Leutnants gleichgesetzt wurde. In einer Broschüre lehnt Mann diese Gemeinschaft, die man ihm zugemutet, ab, und er sucht vom Standpunkt des Künstlers aus den Beweis zu führen, wie amgerecht und unzulänglich die Betrachtung eines Kunstwerkes von dem einseitig morailischen Gesichtspunkt der bürgerlichen Ehren- frage ist. Bis zu einem gewissen Grade benutzt jeder Dichter Züge der Wirklichkeit, der eine mehr, der andere weniger, und selbst der phantasiebegabteste kommt ohne ein Beobachtungsinaterial nicht au?, gleichviel auf welchem Wege es zu ihm gekommen. Ein Boccaccio, ein Dante gehen so weit, daß sie Zeitgenossen offen mit Namen in ihre Dichtungen einführen. Goethe hat sich an reale Erlebnisse gehalten. Flauberts Madame Bovarh existierte. Tur- genjcff und Ibsen brauchten Modelle. Und selbst der Gespenster- Soffmann suchte zu seinen grotesken Gestalten, wie zum Klein Zaches, nach Vorlagen. Aber sind die Menschen im..Werther" etwa identisch mit den wirklichen Menschen, unter denen Goethe jenes Werk erlebte? Der Dichter selbst verwahrt sich gegen solche Aus- deutung seiner Schöpfung. Er nennt das Publikum, das, anstatt sich an den Geist des Werkes zu halten, die Aehnlichkeiten zwischen der Lotte der Dichtung und der Charlotte Buff, zwischen Albert und Kestner festzustellen sucht,„eine Heerd Schwein". Ueberhaupt ist der Fall Werther durchaus beleuchtend für die ganze Modell- frage. Goethe hat die Liebesleiden seines Legationsjekretärs selber durchlebt. Aber als sie sich ihm zum dichterischen Motiv aus- wuchsen, wurden sie ihm etwas ganz anderes als das persönliche Erlebnis. Werther ist Goethe und trägt Goethesche Züge. Aber er ist mehr(und weniger) als Goethe. Er ist dem Dichter ein Typus geworden, ein Sinnbild des liebenden Empfindsamen über- Haupt. Die Wirklichkeit vertieft sich ihm, und er schafft sie in diesem Sinne um. Und auch die anderen Gestalten werden ihm im Ganzen der Idee zu anderen. Er gestaltet ein Stück Leben, wie er's gesehen; wie cr's erlebt. Nicht dieses Stückchen Einzel- leben, sondern das Leben, das er in dieser Gestalt und auch viel- leicht noch in anderen gesehen. Alles Dichten ist Umbilden, wenn auch die Wirklichkeit scheinbar noch so genau festgehalten wird. Die äußere Wirklichkeit hat für den Künstler keine selbständige, sondern nur eine übertragene Bedeutung. Ein geiziger Wucherer wird einem Balzac zum Phänomen. Es»st vielleicht ein kleiner,� unbedeutender Bursch Dem Dichter aber wird er zum Repräsen- tauten seiner Art, und er schafft aus ihm die Gestalt des der- brecherisch furchtbaren Gobseck. Gobseck ist nun für alle Welt der Wucherer schlechthin; denn er ist zum Tvp, zum Vertreter der Gattung geworden. Aber ist er nun noch der kleine Gurgel- schneider aus der Pariser Gasse? Mit gutem Recht kann das nie» mand sagen, wenn er ihm auch noch so ähnlich sieht. Er ist aus .feinen ursprünglichen Beziehungen herausgehoben und zu einem Reuen in Beziehung getreten; der wirkliche Gobseck aber würde sich wahrscheinlich durch Balzacs Schöpfung kompromittiert fühlen, wie eS auch die Kestners beim Erscheinen des„Werther" taten, und zwar einerseits durch die äußere Aehnlichkeit und anderer-. seits durch die nicht verstandene, aber doch gefühlte Unähnlichkett, die das Resultat der inneren schöpferischen Umbildung ist. Gobseck würde rasend sein, daß Balzac ihn zu solchem Scheusal gemacht vor aller Welt, wie der Gatte Lottes Goethe vorwerfen konnte, daß dieser ihn für die Leute zu einem anderen gemacht, als er sei; denn was der Dichter zu dem Originalporträt„hinzugetan", ist es, was in der Regel am meisten zur Erbitterung reizt, weil der Fern- stehende nun diese Züge auch im Urbild sucht. Nur wenn man ins Zentrum künstlerischen Erlebens und Schaffens hineingeht, kann man die Modellfrage richtig anschauen. Der ganze Wirrwarr, der hier herrscht und zu direkten Versündi- gungen der Unkünstlevischen an der Kunst führt, keimt lediglich aus dem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen der bürgerlichen und der künstlerischen Auffassung der Wirklichkeit. Der Bürger sieht in Frau Awing nur Frau Alving;. der Dichter aber sieht in ihr die Tragödie der Frau, der die Lebenslüge zum Schicksal wird. Der Bürger, der Frau Alving kennt, wird sich erregen, daß Ibsen ihr Privatleben auf die Bühne bringt; der Dichter aber wird nur das Ueberpersönliche, Schicksalhaste, das unS alle angeht, in dieser Existenz fühlen, und aus einem inneren Drange, ein Geheimnis des Menschlichen sichtbar- zu machon, sie vor uns hinstellen. Das Stück Wirklichkeit,'das er aufgreift, wird dem Künstler, indem er es gestaltet, zu etwas anderem, als es war; zum Sinnbild einer Lebenserfahrung, eines Lebensgesetzes, zu dem es im Innern des Schöpferischen in Beziehung getreten und von wo aus es umge- bildet wird. Selbst dem Satiriker, wenn er'S im großen Sinne ist, ist der Fürst, den er verhöhnt, nur als Typus, nicht als Subjekt interessant und wertvoll, und er gibt das Subjekt nicht als solches, sondern als Typus. Die Modellsucherei ist deshalb dem echten Kunstwerk gegenüber eine ungehörige Verdrängung der künstle- rischen Betrachtungsweise durch kunstfeindliche Elemente. Gewiß gibt eS Schlüsselromane, die aus der Lust an der Sensation oder aus sonstigen schlimmen Absichten heraus entstanden sind und be- wüßt mit Indiskretionen arbeiten. Hier kann man vom Typus Bilse sprechen; aber die Kunst hat damit nichts zu tun. Die beste Feuerprobe für den Wert einer angeblichen Schlüsseldichtung ist, wie Otto Ludwig einmal feststellte, ihre Wirkung an Orten und zu Zeiten, da man von den„Modellen" nichts weiß. Ein echtes Kunstwerk muß durch seine Eigenkraft zu dauern vermögen. ?. H. kleines f euillctoii. Heilkunde. Untersuchungen über elektrische Unfälle. Nach Dr. Jellineck-Wien wird die Gefährlichkeit schwächerer elektrischer Ströme gewöhnlick unterschätzt, die herkömmliche Gefahrgrenze (300 Volt für Wechselstrom und 600 Volt für konstanten Strom)»st zn hoch angesetzt, denn schon ein Strom von 100 Volt kann unter Umständen sofortigen Tod herbeiführen. andererseits wurden schon Ströme von 20 000 Volt berührt ohne weiteren Schaden als örtliche Verbrennungen. Der stärkste Schutz gegen das Eintreten de? Stromes in den menschlichen Körper ist, abgesehen von der Haut— die Kleidung, vor- ausgesetzt, daß sie gesund und trocken ist. Die Stärke der Wirkung des Stromes hängt größtenteils davon ab, ob er erwartet wird. Wer absichtlich einen Leitungsdraht berührt, kann 100, ja 300 Volt starke Ströme ungestraft aushalten, aber derselbe Mann wird ge« tötet, wenn ihn der Strom unerwartet trifft. Die Verbrennungen durch elektrische Ströme sehen sehr übel aus, haben aber meist auf- fallend rasch und gute Heilung mit weichen Narben. Früher wurden manche Amputationen unnötigerweise wegen einer solche» Brand- wunde ausgeführt. Elekirische Wunden sind schmerzlos und nervöse Störungen nach elektrischen Beschädigungen kommen nicht vor. Die erste Hilfe bei Verletzungen durch den elektrischen Strom besteht in künstlicher Atmung, die eventuell stundenlang fortgesetzt werden muß und auch, wenn der Verletzte schon Stunden für tot da- gelegen hat, noch Erfolg verspricht, doch ist es wichtig, sie möglichst bald einzuleiten. Vorher muß natürlich der Verletzte aus dem Bereich des Stromes entfernt werden, wobei der Helfer sich durch ein trockenes Brett, einem Teppich oder dergleichen vom Boden zu isolieren und seine Hände in Ermangelung von Gummihandschuhen und isolierten Zangen mit seinen Nockärmeln zu schützen hat. Haut- reize können bei der Wiederbelebung nebenbei verwendet werden, doch darf die künstliche Atmimg ihretwegen keinen Augenblick aus- gesetzt werden. Technisches. Die ideale Dunkelkammer. Um einen Raum hin- reichend zu verdunkeln, damit er zur EntWickelung photographischer Platten oder Films benutzt werden kann, wird oft viel Muhe ohne völligen Erfolg aufgewandt. Wenn nicht jeder Strahl weißen Lichts ausgeschaltet wird, fühlt sich der Amateur unsicher, und er hat auch recht mit feinem Argwohn, zumal wenn er außerdem eine undichte oder sonst ungeeignete„Sicherheitslampe" benutzt. Allzu ängstlich würde er nicht sein dürfen, wenn er nur seinen Arbeitsplatz vor direkten Lichtstrahlen schützt. Selbst wenn er einen fenster- losen Raum zur Verfügung hat, werden ihm die Türritzen oft Ungelegenheit bereiten. Die obere und seitliche Ritze der- schließt man am besten mit dem gewöhnlichen Material, daS zur Dichtung der Türen und Fenster gegen den Zug verkauft wird und an der Tür selbst festgenagelt werden kann. Die Spalte an den Türangeln wird zweckmäßig mit flachen Lederftreifen gedeckt, doch kann man dazu auch einen anderen undurchsichtigen biegsamen Stoff benutzen. Am sorgfältigsten muß die untere Türspalte behandelt werden, durch die häufig eine wahre Flut von Licht eindringt. Hier hilft man sich dadurch, daß man einen Holzstreifen unmittelbar außer- halb der Tür auf die Schwelle nagelt. Damit man nicht darüber fällt, kann er an den oberen Rändern abgerundet werden. Um ein gutes Ergebnis zu erzielen, muß die Tür geschlossen und das Holz mit einem Rande so darunter geschoben werden, daß eS wie ein Keil in die Spalte eintritt. Zuweilen macht auch ein Ofen oder Kamin Schwierigkeiten, der durch den Schornstein Licht durchläßt. Dagegen kann ein undurchsichtiges Gewebe gebraucht werden, das auf einem einfachen Schirm aufgezogen ist. Meist wird ein der- artiger Schirm auch zur Abwehr de? Lichts genügen, das von einem brennenden Ofen ausgeht, ob dieser nun mit Kohle oder mit Gas geheizt wird. Da die von einem solchen Feuer ausgehenden Licht- strahlen längst nicht so wirksam sind Ivie die des Tageslichts, so braucht man nur dafür zu sorgen, daß man von den Plätzen aus, wo die Platten ausgepackt und gehandhabt werdesi, das Feuer nicht zu sehen vermag. Vercttitw. Redakteikr: Alfred Wiclepp, Neukölln. Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckern u.VeriagSanstalt Paul Äuugcr LiCo., Berlin L1V.