Nnterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 184. Sonnabend, den 20. September. 1913 2] Rittmciftcr Brand. Erzähluna von Marie von Ebner- Eschenbach. 3. Nun erfuhr Brand, was heiße Reue ist. Er sagte sich, daß es doch besser gewesen wäre, im Kampfe gegen seine Herzensneigung zu unterliegen als zu siegen. Schade, schade um diese edle Sophie, die ihm herabgewürdigt schien durch ein« nicht aus Liebe geschlossene Verbindung. Die Schuld an dem schweren Unrecht, das damit an ihr begangen wurde, maß er mit gutem Grunde sich selbst zu. Alles, was Brand damals im stillen litt, trat aber bald in den Hintergrund vor einem anderen wichtigen Ereignis, das über seine Zukunft entscheiden sollte. Von Kind auf hatte er bedauert, daß er keine Geschwister gehabt, keinen schwachen, kleinen Bruder, den er hätte be- schützen, leiten, erziehen können. Im Regiment fand er, was die Familie ihm schuldig geblieben war, den jüngeren, etwas unselbständigen Kameraden, auf den er alle Bruderliebe, die in ihm geschlummert hatte, übertragen konnte, und der ihm dafür durch unbedingte Ergebenheit dankte. Es war ein schöner, etwas zur Melancholie geneigter Mensch, dem das Leben mehr Bitternisse zu kosten gegeben hatte als gut ist für eine feine, scheue Natur. Früh verwaist, arm, die ganze Kindheit hindurch auf das Gnadenbrot an- gewiesen, das wohlhabende Verwandte ihm und seiner Schwester widerwillig reichten, schlug für ihn die erste glück- liche Stunde, als seine Angehörigen seinem Drängen nach- gaben und ihm erlaubten, in eine Militärerziehungsanstalt einzutreten.„Er wird die harte Schule bald satt haben," meinten sie,„und ungestümer herausstrcben, als er hinein- gestrebt hat." Sie irrten. Er bestand die harte Schule zum Verdruß der Onkel und Tanten, denen seine Ausdauer als eine weitgetriebene und ziemlich respektlose Rechthaberei er- schien. Sobald die lange— oft endlos scheinende— Lehrzeit vorbei und er Offizier geworden war, hatte er seine Schwester zu sich nehmen wollen. Dariiber lachte man nur. Einem zwanzigjährigen Leutnant, wenn er auch ein Muster von Solidität ist, pflegt man nicht ein achtzehnjähriges Mädchen zur Vollendung ihrer Erziehung zu übergeben.„Ihr müßt warten," sagten der Onkel-Vormund und seine Frau, denen es sehr angenehm war, eine unbesoldete Bonne im Hanse zu haben, auf die man sich jederzeit verlassen konnte. Die Geschwister warteten, bis die Ernennung Wilden- steins zum Rittmeister nahe bevorstand und seine Schwester mündig gesprochen werden sollte. Sie hatten in dem kleinen, dunkeln Hofzimmer, das sie bewohnte, das letzte, kurze Wiedersehen vor der letzten Trennung gefeiert.„In drei Wochen also komme ich und hole dich"— hatte er gesagt, und sich erhoben und ihr die Hand gereicht. Aber sie hatte die Hand nicht erfaßt, sie war in unaussprechlichen Jubel aus- gebrochen. Die Schüchternheit, von der sie sonst in der Nähe des abgöttisch verehrten Bruders ergriffen wurde, verschwand. Sie stürzte in seine Arme, und ihre Glückseligkeit verriet ihm, wie viel sie bisher gelitten hatte: So nahe der Augenblick, in dem die Sehnsucht ihres ganzen Lebens sich erfüllen sollte! So nahe die Erlösung! Es war kaum zu fassen, es berauschte sie, es stand vor ihr wie das plötzlich geöffnete Himmelstor: „Ich werde bei dir sein!" Sie lag an seiner Brust, die kleine, stille Dulderin, seine echte Schwester, so schweigsam und tapfer in ihrer Weise, wie er es in der seinen— und weinte. Da verlor er seine gewohnte Selbstbeherrschung, sein Herz floß über. Sie erfuhr, daß er ihrer bedurfte, ihrer tröstenden, heilenden Nähe, der immer wach erhaltenen Ueberzeugung: da ist ein Wesen, für das ich leben muß. Wäre sie nicht, würde er selbst nicht mehr sein: er hätte längst den Qualen einer törichten, verdammenswerten und unüberwindlichen Liebe ein Ende gemacht. Als er seine Schwester in die Tiefen seiner Seele blicken ließ, lernte sie mit Entsetzen eine Leidenschaft kennen, von der bis jetzt nicht die leiseste Ahnung in ihr gedämmert hatte. Ihr Bruder liebte eine Unerreichbare, liebte. wie nur einsame und verschlossene Menschen lieben, die be- zaubernde junge Frau seines Obersten. Gräfin Erny er- mutigte ihn nicht— er beteuerte, daß sie es nie getan habe. An Wahnsinn grenzte, sich einzubilden, der Wunsch vermöchte die Erfüllung zu erzwingen, es war Aberwitz, kühne Hoffnun- gen zu nähren. Er wollte sie austilgen, sich befreien, dem entnervenden Kampfe ein Ende machen, und zählte dabei auf die Hilfe seiner Schwester. Als er sie verließ, blieb sie, im Innersten erschüttert zu- rück. Erhört oder zurückgewiesen werden, fragte sie verwirrt und ratlos: Was ist das größere Unheil in dieser sündhaften Liebe? Aus ihrem Gleichgewicht gebracht, in unsäglicher Angst um ihn, hätte sie sich an seine Fersen heften, nicht mehr von ihm weichen mögen. Sie hatte so lange geduldig gelitten und gewartvr, die zwanzig Tage, die sie noch von dem Zu- sammenlcben mit ihm trennten, glaubte sie nicht überdauern zu können. Sie schrieb ihm täglich; er beschäftigte sich mit den Vorbereitungen zu ihrem Empfang, und Rittmeister Brand, der sonst zu zetern und zu wettern Pflegt� wenn die Ankunft einer Frau in der Station bevorstand, erwartete die Schwester des Freundes mit fast ebenso großer Ungeduld wie dieser selbst. Ehe noch ein Auge sie erblickt hatte, tat sie Wunder: Brand sehnte ihr Erscheinen herbei, Wildcnstein brachte es in der Selbstbeherrschung so weit, vierzehn Tage lang den Anblick der geliebten Frau zu meiden. Das war mehr, als er sich zugetraut hatte, und es gewährte ihm eine stolze, schmerzvolle Freude, der Schwester schreiben zu können: „Wieder ein Tag, an dem ich sie nicht gesehen habe. Sei Du nur einmal da, und Nxis mir jetzt als etwas Ungeheures er- scheint, wird mir leicht werden." Die Oberstin zeigte sich verstimmt; sie wollte Wildenstein nicht verlieren. Es verdroß sie nicht nur, es kränkte sie. daß er vermochte, den Gleichgültigen zu spielen, zu hin, als ob sie ihre Macht über ihn eingebüßt hätte. Gräfin Erny war mehr als schön, sie war bildhübsch. lebenslustig, emotionsbedürftig und hatte Anwandlungen von Sentimentalität. Als fünfte Tochter eines unbegüterten nn- garischen Edelmannes geboren, bei reichen Verwandten auf- gewachsen, kehrte sie nach deren Tod in das väterliche Haus zurück. Die kühle Aufnahme, die sie dort fand, tat ihr weh, die kleinlichen Verbältnisse beengten sie. Nur fort, wieder fortkommen, heiraten, gleichviel wen, wenn er sie nur erlöst aus der Familie, in der sie das fünfte Rad am Wagen ist, war fortan ihr heißer Wunsch. Als ihr Vater ihr lachend mitteilte, der alte Oberst Graf Prach habe bei ihm um sie ge- warben, dachte sie einen Augenblick nach und rief dann ent- schlössen:„Hol's der Kuckuck, ich nebm ihn!" Er war freilich nicht verlockend, der unförmig dicke Oberst. Um ein Vierteljahrhnndert älter als sie. so plump, wie sie zierlich, so langweilig, wie sie sprühend von guten Einfällen war. Allerdings hatte auch iprach eine kurze Blütezeit gehabt, als er, ein junger Major, mit seinem Regimente die Garnison Wien bezog. Da war er in der Gesellschaft bis in exklusive Kreise vorgedrungen und hatte dort den Spitznamen:„Le boenf i\ la mode" erhalten, denn Anlagen zum Dicklverden zeigte er schon damals und war auch nicht gescheiter als jetzt. Aber er konnte doch vor seiner Braut mit einst errungenen Erfolgen prahlen, und sie fühlte sich befriedigt in ihren An- sprüchcn auf Glück, wenn sie die Fran eines Mannes wurde, der eine Stellung in der„großen Welt" hatte und Komman- dant eines eleganten Kavallerieregiments war. Kurz nach ihrer Verheiratung erlebte sie eine bittere Ent- täuschung. Prach, der bisher immer von väterlicher Freund- schaft und von der Unabhängigkeit gesprochen hatte, die Ernp als regierende Frau Oberstin genießen sollte, wurde ein ver- liebter, eifersüchtiger Gatte und ein engherziger Haustyrann. Die schönen glänzenden Augen der jungen Frau verschleierten sich allmählich, und die leise Trauer, von der die angeborene Munterkeit und Frische ihres Wesens nun oft gedämpft wurde, gab ihr einen neuen Reiz. Er wirkte auf keinen ihrer zabs; reichen Verehrer so ergreifend wie auf Rittmeister Wilden- stein. Erny hatte mit ihm gespielt wie mit allen, die ihr huldig- ten. Sie ließ sich gern den Hof machen"in allen Ehren. Weiter als bis zu einem Handkuß brachten es bei ihr selbst die Unter- »ehmendsten nicht. Seltsam war, daß fast jeder, der in ihren Banden gelegen hatte, ihr Feind wurde von der Stunde an. in der er seine Erobcrnngspläne aufgab. Sie mußte eine gar unangenehme Manier haben, die Leute abblitzen z« lassen. Ife&ec« toie&t, die ihr Glück bei ihr gar nicht versucht hatten, Kebandelte sie mehr wie einen lustigen Kameraden, denn als Respektsperson. Herr von Wildenstein war ihr, von allem Anfang an, anders als alle andern begegnet. Er verehrte sie wie eine ftönigin, wie ein höheres Wesen. Ihr mochte das etwas römisch vorgekommen sein, nach und nach aber begann sie den Unterschied zwischen den Huldigungen, an die sie gewöhnt war und denen, die der junge Rittmeister ihr darbrachte, zu fühlen. Der Ton, den sie ihm gegenüber angeschlagen, hatte, ihr gewöhnlicher, spielerischer, den Scherz herausfordernder Ton stimmte sich allmählich um. Sie mußte einen Blick in dieses Männerherz getan haben, der ihr etwas völlig Neues, Schönes enthüllte: eine tiefe, ernste, an die Wurzeln des Lebens greifende Empfindung. Und die wollte Erny nicht einbüßen, sie wußte sehr wohl, daß sie damit ihren besten Reichtum verlor. Sie beging eine große Unvorsichtigkeit, sie schrieb, sie beschied Wildenstein zu sich. Er kam nicht: sie erfuhr, daß er einen kurzen Urlaub nach Wien genommen hatte. Einige Tage hindurch waren die Briefe von seiner Schlvester ausgeblieben, dann gab der Vor- mund tramrigc Nachricht von ihr. Sie hatte ihre Zöglinge in einer ansteckenden Krankheit gepftegt und lag nun selbst schwer danieder. Als Wildenstein zur bestimmten Frist zurückkehrte, kam er vom Begräbnis seiner Schwester. Die Gräfin äußerte ihr Mitgefühl in liebenswürdiger Weise, schonend und herzlich. Wildenstein und sie hatten die Rollen getauscht: sie zeigte sich ihm dankbar, wenn er einer Gelegenheit, ein freundliches tröstendes Wort von ihr zu hören, nicht auswich. Seine Leidenschaft schien erloschen, untergegangen in seinem tiefen Schmerz. Und doch war der Oberst nie eifersüchriger auf ihn ge- Wesen als jetzt. Er bewachte, er bekauschte seine Frau, er der- schlang sie mit den Augen, wenn sie den Namen Wildenstein aussprach, er hätte den zweiten Rittmeister von der Erde fort- tilgen mögen— und den ersten dazu. Die Eifersucht auf den einen ließ ihn nicht schlafen, der Neid auf das Ansehen, die Be- licbtheit, die der andere im Regiment genoß, raubte ihm den Appetit. Seine Anlage zur Grausamkeit, das Erbteil vieler bornierter Menschen, entwickelte sich unter solchen Umständen zu üppiger Blüte. Das Ossizierkorps und die Mannschaft hatten schlechte Zeiten und waren überzeugt: es gibt keine Hoffnung auf bessere, bevor der Oberst die beiden Rittmeister „weggebissen" haben wird. Mühe genug ließ er sich's kosten. Die Eskadron Brands lag in der Stabstation, und der Morgenritt des Obersten führte an der Reitschule vorbei. Alle Augenblicke war er da, spöttelte, nörgelte— raste, brachte die Leute zur Verzweiflung und Brand beinahe un: seine Geduld. Auch seiner Frau machte der Oberst das Leben schwer. Einmal, in einer Stunde der Empörung über ihn, ließ sie sich hinreißen, Wildenstein ihr Leid zu klagen. Das wurde für beide verhängnisvoll. Die lange zurückgcdämmte Empfm- dung im Herzen Wildensteins brach mit elementarer Macht hervor: er entrang der Geliebten ein halbes Geständnis ihrer Gegenliebe und drückte in an Wahnsinn grenzendem Entzücken den ersten Kuß aus nur schwach widerstrebende Lippen. Sie hatte ihm durch seine Klage das Recht gegeben, sie zu be- schützen, und dieses Recht war nun sein, und er wollte es wahren, es verteidigen, und sie war sein. Um dieses höchste Gut sollte ihm keine Macht der Erde bringen. Aber nicht un- reckstmäßig, nicht in Unehren wollte, er sie besitzen. Er sprach von der Scheidung ihrer Ehe. von dem Eingehen einer neuen mit ihm. Er entrollte vor ihr ein Zukunftsbild, das ihm die Seligkeit ans Erden verkörperte, vor dem ihr aber graute. 'So hatte sie es nickt gemeint I Empörend und lächerlich er- schien der gesellschaftlich hochstehenden, an Lurus gewöhnten Frau die Zumutung Wildensteins und er selbst als ein rück- sichtsloser Egoist. Am folgenden Tage erhielt er einen langen Brief von der Gräfin. Sic bat ihn, ihre„gestrige Uebereilung" großmütig zu verzeihen. Sie war seitdem von bleue gefoltert. Sie hatte schwer gegen ihren Gatten gefehlt, dem sie ja im Grunde keinen anderen Vorwurf machen durste als den. daß er sie zu sehr liebe. Sie hatte sich auch an Wildenstein schwer versündigt, und ihn— freilich eine Selbstgetäuschte— über die Stärke ihrer Empfindung für ihn getäuscht. Sie würde sich nie entschließen können, ihren Pflichten untren zu werden, jhren Gatten zu verlassen.„Ich bin in Ihrer Hand," hieß es am Schlüsse.„Sie können mich verderben: Sie sind ein edler Mensch, Sie werden es nicht tun. Ich hoffe, ich baue auf Sie, Sie werden die arme kleine Erny nicht unglücklich machen wollen. Ich wa�je nicht, Sie um Ihre Freundschaft zu bitten� ich bitte nur, se?»n Sie nicht mein Feind." lForUeyung tolqi.! Z�eä�vig Dohm. Am heutigen Tage feiert Hedwig Dohm ihren 80. Geburtstag. Auch die Sozialdemokratinnen benutzen diese Gelegenheit, um der Kämpferin für Frauenrcchte und Lolksfreiheit zu danken. Hedwig Dohm gehört der Sozialdemokratie nicht an. sie stand abseiiS vom Parteileben. In ihr lebt ein unbezwinglicher Freiheitsdrang, und diese Sehnsucht nach Freiheit war es wohl auch, die dem jungeir Mädchen die Begeisterung siir die 48 er Bewegung gab, und die Frau hieß, für die rechtlosen Frauen einzulreien. Sie siihlte die Schmach, die auf dem ganzen Geschlecht lastete, aber sie ließ fich nicht von ihr niederdrücken. Sie lehnte sich auf und versuchte, die übrigen Frauen mitzureißen zu einem Kampf gegen das Unrecht, das Jahrhunderte hindurch an ihnen begangen sei. Im Jahre 1876 erschien, nachdem sie schon früher zwei andere Arbeiten„JesuitiSmuS im Hausstande" und„Wissenschaftliche Einanzi« pation der Frau" herausgegeben hatte, ihre Schrift„Der Frauen Natur und Recht". Es ist ein Genuß, in dem Buch zu blättern. Die ganze Verlogenheit der von den bürgerlichen Männern gegen das Fraucnwahlrecht vorgebrachten Gründe wird ausgedeckt. Mit beißender Ironie weist Hedwig Dohm auf die mangelhaste Logik derer, die den Frauen die Logik absprechen wollen, sie haßt die Phrase, daß die Frau das Wahlrecht nicht brauche, weil die Männer für sie mitsorgen und weil die Frauen nicht für die politische Betätigung geeignet seien. Sie nimmt das politische Wahlrecht als das erste Grundrecht für fich und die Allgemeinheit der Frauen in Anspruch. „Aus ihrer Macht über die Frauen leiten die Männer ihre Rechte den Frauen gegenüber her. Die Tatsache der Herrschaft ist aber kein Recht... Das Unrecht wird nicht geringer, wenn ein Gesetz e» sanktioniert hat, die Unterdrückung nicht weniger nichtswürdig, sondern nur um so furchtbarer, wenn sie einen universellen, einen Welt- geschichtlichen Charakter trägt. ES gibt kein Recht des Unrechtes oder sollte doch keins geben. Solange es heißt: der Mann will und die Frau soll, leben wir nicht in einem Rechts«, sondern in einem Gewallstaat." Aber sie schilt nicht nur die Männer, viel schärfer wendet sich ihre Anklage noch gegen die Frauen selbst, die nicht den Mut haben, mit einem kühnen„Ich will I" ihr Recht zu fordern,„die, wenn untauglich geworden zur Lust oder zum Nutzen des Mannes, ohne Murren, mögen sie sich gleich noch Jahrzehnte hindurch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte befinden, in stillen Winkeln das Gnadenbrot der Gesellschaft esien. Die Frauen, die das Stimmrecht nicht wollen, verzichten damit auf die höchsten Stufen menschlicher Entwicklung und erklären sich kür eine untergeordnete Spezies der Gattung Mensch. So mögen sie fortfahren zu leben von den Brosamen, die von ihrer Herren Tische fallen. Das schrieb Hedwig Dohm im Jahre 1876 und mit diesen Worten klagte sie nicht nur die große Zahl der Frauen an, die ge- dankenlos in den Tag hineinlcbtcn oder die unter dem Druck der Arbeit und der Rechtlosigkeit seufzten, ohne darüber nachzusinnen, lvas sie tun könnten, um diesem Zustand ein Ende zu machen. Ihre Worte trafen ebenso gut oder»och mehr die Frauen, die die schmach« volle Lage ihres Geschlechtes erkannt hatten, aber zu ängstlich waren, die Forderung nach politischen Rechten zu erheben. Den im Allgemeinen Deutschen Frauenverein organisierten Damen, die allen Anlaß gehabt hätten, Hedwig Dohms Streitschrift freudig zu begrüßen, paßte das Buch ganz und gar nicht. Es war ihnen wahrscheinlich unangenehm, zu einem Kampf ausgefordcrl zu werden, der sie mit den herrschenden Mächten in Konflikt bringen konnte: sie beschränkten sich, wie selbst die einstmals radikale Luist Otto-PcterS sagte, darauf, als einzige Emanzipation für die Frauen „die Emanzipation ihrer Arbeit" anzustreben. Hedwig Dohms Buch wurde totgeschwiegen. Heute feiern ste die Achtzigjährige, die- den Kamps gegen Unrecht und Gewallherrschast keineswegs aufgegeben hat. Mögen sie I Viel- leicht ist es ein Zeichen dafür, daß sie jetzt nach beinahe vierzig Jahren langsam dort anlangen, wo Hedwig Dohm bereils um 187S stand. Und doch, wesensverwandt sind ihr die meisten bürgerlkche'. Frauen nicht. Man spürt bei ihnen nichts von der frischen Kampfes« freude, die Hedwig Dohm auszeichnet, ihnen fehlt auch heute noch das Temperament und der Vekennermut, Eigenschaften, die diese Frau stets in so hohem Maße besaß. Die Sozialdemokratie grüßt Frau Hedwig Dohm als ehrlich« Hasserin geduldigen Leidens und Kämpfcrin für die Befreiung der Frau. td. >» Ein Blult von Hedwig Dohm. In ihrem Werke„Die Mütter*� einem Buche der Erziehung zur vernünftigen Mutterschaft, das 1003 bei S. Fischer, Berlin, erschien, sogt Hedwig Dohm über die Strafe als Erziehungß- mittel: Die Straf« scheint dvs unerläßlichste aller ErzishunoBmittel. Auf dem Gebiet der Strafe sind die markantesten Verfehlungen zu verzeichnen. Unter den Strafarten spielen die Prügel noch immer eine Hauptrolle, eine wilde Sitte, auf die künftige Zeitalter wahrschein. Jich mit demselben schaudernden Befremden zurückblicken werden, wie wir auf den Kannibalismus. Das Prügeln ist aus der Reihe der Strafmittel zu sireichen, abgesehen von kleinen Denkzetteln im ersten KindeSalter. Ein sehr schönes Wort sagt Ellen Key darüber:„Sobald sich das Kind an einen Schlag erinnern kann, u es zu alt, um ihn zu empfangen." Ich teile ganz ihren Achchen vor diesem Erziehungsmittel. � Wahrhaft herzzerreißend sind die Sitten und Gebräuche, die das Prolctarier�ind von früh auf dem Stock überliefern. Aus einer Gerichtsverhandlung erfahren wir von einem Kna- den— er mag bös veranlagt gewesen sein—, der ein schweres Verbrechen beging ser warf das Kind seines Lehrherrn ins Wasser), um eine langjährige Gefängnisstrafe zu erhalten, bis an die Alters- grenze, die ihn vor der Cinlieferung in das Zwangserziehungshaus sicherte, dessen Bekanntschaft er schon gemacht hatte. Das Gefängnis schien ihm eine Wohltat im Vergleich mit jenem Erziehungshaus, in dem er aufs furchtbarste verprügelt worden war. In dem Buch von Ferrario über den italienischen Kinder- Handel lesen wir schaudernd von dem An- und Verkauf von Kin- dem, von Eltern, di« ihre Kinder um jeden Preis losschlagen, von den Käufern, di« ihnen«in Los bereiten, das, wie Ferrario ausführt, ihnen nach nicht allzulanger Zeit nur die Wahl läßt zwischen Spital, Wahnsinn oder Zuchthaus. Wir brauchen aber unser Mitleid nicht bis nach Italien zu schicken. In den Volksschulen des preußischen Staates wird un- entwegt geprügelt. „Ohne Prügel," sagte mir eine Lehrerin,„ist bei diesen Kindern nichts auszurichten. Sie sind ja auch von Haus« aus so daran gewöhnt, daß es ihnen nichts ausmacht." Wir lesen immer wieder in den Zeitungen von Lehrern, die Kinder— oft kränkliche und geistig verkümmerte— in barbarischer Weise gezüchtigt haben, und diese Gentlemen kommen vor Gericht mit einem Verweis oder einer leichten Geldstrafe davon, weil„sie ja das Leben des Kindes nicht gefährdet haben." Und das sind wahrscheinlich dieselben Lehrer, die den Religionsunterricht erteilen, und den Kindern das Evangelium der Liebe verkünden, die darauf bezüglichen Sprüche ihnen aber mit dem Stock einbleuen. Mir kommen, wenn ich von so Gräßlichem höre, Gedanken an Lhnckjustiz, von den Müttern der gemißhandeltcn Kinder zu üben an den— ich hätte beinab Kerlen gesagt, di« mit den Fäusten erziehen.„Das Fäuftrecht nannte einer unserer vornehmsten Universitätslehrer„die Ethik der muskulösen Dummköpfe." Wenn Weiber überhaupt zu Furien werden können, warum werden sie es nicht bei solchen Gelegenheiten? Wi«? Ihr Mütter behauptet, eure Kinder zu lieben, und ihr laßt sie von fremden Menschen zu schänden hauen! Ihr duldet eS, daß eure Lieblinge mit Wunden und Striemen bedeckt nach Hause kommen I sprecht mir nicht von Mutterliebe! In einer landwirtschaftlichen Zeitung, die von der Erziehung der Bullen und der Füllen handelt, heißt es: Vor allem sei darauf zu achten, daß der Bullenknabe und-Jüngling fromm werde und bleibe. Deshalb müsse man ihn von Kindheit auf liebreich und freund- l�ch behandeln und dürfe ihm ja keinen rohen Wärter geben; rohe Wärter und böse Bullen finde man immer beisammen. Und die An- Weisungen zur Erziehung der Füllen: Nicht erschrecken, nicht necken, nicht reizen, nicht ärgern, nur freundlich und sanft anreden, streicheln, Zucker reichen, daraus liefe die Pferdepädagogik hinaus; beobachte man diese Regeln mcht, so bekomme man ein störrisches Pferd, das scheut, das nicht zieht, das ausschlägt und beißt. Und die Nutzanwendung lautete:„Wann werden sich die Menschenpädagogcn, di« Regierungen, die Behörden, die Schulmeister endlich einmal zur Höhe jener vernünftigen Humanität aufschwingen, auf der die Pferde-, Rindvieh- und Hundepädagogcn und sogar auch die Dresseur« in den Menagerien schon seit langem stehen I" Oer Schrecken. Von Gustav M c y r i n ck. Die Schlüssel klirren und ein Trupp Sträflinge betritt den Gesängnishof.— Es ist zwölf Uhr, und sie müssen im Kreis« herumgehen, um Lust zu schöpfen, paarweise— einer hinter dem anderen.— Der Hof ist gepflastert, nur in der Mitte ein paar dunkle Flecken Gras, wie Grabhügel.— Vier dünne Bäume und eine Heck« aus traurigem Liguster.— Ringsum alte gelbe Mauern mit kleinen, vergitterten Kerker- jenstern. Die Sträflinge in ihren grauen Zuchthauskleidern, sie reden ftnim und gehen immer im' Kreise herum— einer Hinter dem anderen.— Fast alle sin? krank.— Skorbut, geschwollen« Gelenke.— Die Gesichter grau, wie Fensterkitt, die Augen erloschen. Mit freudlosem Herzen halten sie gleichen Schritt. Der Aufseher mit Säbel und Mütze lehnt an der Hoftüre und starrt bor sich hin.— Längs der Mauern ist nackte Erde.— Dort wächst nichts. — Das Leid sickert durch die gelben Wände. „Lukawsky war eben beim Präsidenten," ruft ein Gefangener den Sträflingen durch sein Kerkerfenster halblaut zu.— Der! Trupp marschiert weiter.—„Was ist'S mit ihm?" fragt ein Neu« ling seinen Nebenmann.—„Lulmvsiy, der Mörder, Du weißt, ist zum Tode verurteilt durch den Strang und heute, glaub' ich, soll sich's entscheiden, ob dos Urteil bestätigt wird ober nicht."— „Der Präsident hat ihm die Bestätigung des Urteils auf dem Amtszimmer verlesen."—„Der LukawSky hat kein Wort gesagt« nur getaumelt hat er."—„Aber draußen hat«r mit den Zähnen geknirscht und einen Wutanfall bekommen."—„Die Aufs�hei! haben ihm die Zwangsjacke angelegt und ihn mit Gurten auf dt« Bank geschnallt, daß er lein Glied rühren kann bis morgen f»üh.� —„Und ein Kruzifix haben sie ihm hingestellt."— Bruchstückweise hatte der Gefangene den Vorbeimarschierenden dies zugerufen.—■ „Auf Zelle Nr. 25 liegt er, der LukawSky," sagte einer de« ältesten Sträflinge.— Alle Micke zum Gitterfenster Nr. 25 hinauf. — Der Aufscher lehnt gedankenlos am Tor und stößt mit dem Fuß ein Stück altes Brot beiseite, das im Wege liegt.— In den schmalen Gängen des alten Landesgerichtes liege« die Kerkertüren dicht nebeneinander.— Niedrige Eisentüren, in daG Mauerwerk eingelassen, mit Eiscnbändern und mächtigen Riegeln und Schlössern. Jede Tür hat einen vergitterten Ausschnitt, kaum eine Spanne im Geviert. Durch dies« ist die Neuigkeit gedrungen und läuft längs der Fenstergitter von Mund zu Mund:„Morgen wird«r gehängt I"— Es ist still auf den Gängen und im ganzen Haus«, und doch herrscht ein feines Geräusch. Leise, unhörbar, nur zu suhlen.— Durch die Mauern dringt es und spielt in der Luft, wi« Mückenschwärme.— Das ist das Leben, das gebundene, ge« fangen« Leben! Mitten im Haupteingang, dort, wo er weiter wird, steht eine alte leere Truhe, ganz im Dunkeln. Lautlos, langsam hebt sich der Deckel.— Da fährt es wie Todesfurcht durchs ganze Haus.— Den Gefangenen bleibt daS Wort im Munde stecken.— Auf den Gängen kein Laut mehr,— daß man das Schlagen des Herzens hört und das Klingen im Ohr.— Die Bäume und Sträucher auf dem Hofe rühren kein Blatt und greifen mit herbstlichen Aesten in die trübe Lust.— Es ist, wie wenn sie noch dunller geworden wären.— Der Trupp Sträf» linge ist stehen geblieben, wie auf einen Wink. Hat nicht jemand geschrien?— Aus der alten Truhe kriecht langsam ein scheußlicher Wurm. — Ein Blutegel von gigantischer Form— dunkelgelb mit schwarzen Flecken saugt er sich di« Zellen entlangt, am Boden hin.— Bald dick werdend, dann wieder dünn, bewegt er sich vorwärts und tastet und sucht.— Am Kopfe seitlich in jeder Höhle starren fünf an- einander gequetschte Augäpfel— ohne Lider und unbeweglich.— Es ist der Schrecken.— Er schleicht sich zu den Gerichteten und saugt ihnen das warme Blut aus— unterhalb der Kehle, dort, wo die große Ader daS Leben vom Herzen zum Kopfe trägt und umschlingt mit seinen schlüpfrigen Ringen den warmen Menschenlcib.——— Jetzt ist er zur Zelle des Mörders gekommen.— Ein langes grauenhaftes Schreien, ohne Unterbrechung, wie ein einziger nicht endender Ton dringt auf den Hof.— Der Auf- scher am Türpfosten zuckt zusammen und reißt den Torflügel auf. „Alle, marsch hinauf auf die Zellen," schreit er, und die Gefangenen laufen an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen, die steinernen Treppen hinauf.— Trapp, trapp, trapp— mit plumpen genagelten Schuhen. Dann ist es wieder still geworden— der Wind fährt in den öden Hoftaum hinunter und reißt eine alte Dachluke ab, die klirrend und splitternd auf die schmutzige Erde fällt.--- Der Verurteilte kann nur den Kopf bewegen.— Er sieht die weißgetünchicn Kerkerwände vor sich.— Undurchdringlich.— Mar- gsn früh um sieben Uhr werden sie ihn holen.— Noch achtzehn Stunden bis dahin.— Und sieben Stunden, dann kommt die Nacht. --- Bald wird Winter sein und das Frühjahr kommen und der heiße Sommer.— Dann wird er ausstehen— früh— schon in der Dämmerung und auf die Straße gehen, den alten Milch- karren ansehen und den Hund davor...... Die Freiheit!— Er kann ja tun was er will.— Da schnürt es ihm wieder die Kehle.— Wenn er sicki nur bewegen könnte.— Verslucht, verflucht, verflucht— und mit den Fäusten an die Mauer schlagen. — Hinaus!— Alles zerbrechen und in die Riemen beißen.—■ Er will jetzt nicht sterben— will nicht— will nicht!— Damals hätten sie ihn hängen dürfen, als er ihn ermordet hat— den alten Mann.— Der doch schon mit einem Fuß im Grab« stand.--- Jetzt hätte er es doch nicht mehr getan!— Der Verteidiger hat das nickt erwähnt.— Warum hat er es den Ge- schworcnen nicht selbst zugerufen?!— Sie hätten dann ander? geurteilt.— Er muß«S jetzt noch dem Präsidenten sagen. — Der Aufseher soll ihn vorsühren.— Jetzt gleich.— Morgen früh ist's zu spät, da hat der Präsident die Uniform an, und er fann nicht so dicht an ihn heran.— Und der Präsident würde ihn nicht anhören.— Dann ist's zu spät, mau lann die vielen Polizei» leut« nicht mehr wegschicken.— Das tut der Präsident nicht.--- Der Henker legt ihm die Schlinge über den Kopf, er hat braun« Augen und sieht ihm immer scharf auf den Mund.— Sie reißen an, alles dreht sich.— Halt, halt er will noch etwas sagen, etwas Wichtiges.--- Ob der Aufseher kommen wird und ihn heuie noch losbinden von der Bank?— Er kann doch nicht so liegen blechen die ganzen — 736— vchtziHn Stunden.— Natürlich nicht, der Beichtvater muß doch noch kommen, so hat er es immer gelesen. Das ist Gesetz.— Er glaubt an nichts, aber nach ihm verlangen wird er, es ist sein Recht.— Und den Schädel wird er ihm einschlagen, mit dem stei- nernen Krug dort.— Die Zunge ist ihm wie gedörrt.— Trinken will er— er ist durstig.— Himmel, Herrgott!— Warum geben sie ihm nichts zu trinken!— Er wird sich beschweren.— Er wird vortreten und sich beschweren, wenn die Inspektion nächste Woche kommt.— Er wird es ihm schon eintränken, dem Aufseljcr,— dem Verfluchten Hund!— Er wird so lange schreien, bis sie kommen und ihn losbinden, immer lauter und lauter, daß die Wände einstürzen.— Und dann liegt er unter freiem Himmel, ganz lhoch oben, daß sie ihn nicht finden können, wenn sie um ihn herumgehen und ihn suchen.-- Er muß irgendwo herabgefallen sein, deucht ihm,— es hat ihm einen solchen Ruck gegeben durch den Körper.— Sollte er geschlafen haben?— Es ist dämmerig.— Er will sich an den Kopf greisen,— seine Hände sind festgebunden.-- Vom alten Turme dröhnt die Zeit— eins, zwei— wie spät mags sein?— Sechs Uhr.— Herrgott im Himmel, nur noch dreizehn Stunden, und sie reißen ihm den Atem aus der Brust.— Hingerichtet soll er werden, erbarmungslos— gehenkt.— Die Zähne klappern ihm vor Kälte.— Etwas saugt ihm am Herzen, er kann es nicht sehen. — Dann steigt es ihm schwarz ins Gebirn.— Er schreit und hört sich nicht schreien— alles schreit in ihm, die Armee' die Brust, die Wein«.— Der ganze Körper— ohne Aufhören, ohne Atem- holen.----- An das offene Fenster des Amtszimmers, das einzige, das Vicht vergittert ist, tritt ein alter Mann mit weißem Bart und einem harten, finsteren Gesicht, und sieht in den Hofraum hinab. Das Schreien itört ihn, er runzelt die Stirn,— murmelt etwas und schlägt das Fenster zu.-- Am Himmel jagen die Wolken und bilden hakenförmige Streifen. Zerfetzte Hieroglyphen, wie eine alte verloschene Schrift: »Richtet nicht, aus daß Ihr nicht gerichtet werdet!" kleines feinUeton Von Jakob Grimm. Vor fünfzig Jahren— am 20. September— starb Jakob Grimm, der älteste der beiden Gelehrten, die der Wissenschaft beut- scher Sprachforschung und Altertumskunde den Grundbau gegeben haben, die im Volke durch ihre Sammlung deutscher Märchen als die„Brüder Grimm" fortleben, eng verbunden, wie sie ihre Tage geführt und vollendet haben, und denen nicht vergessen sei, daß sie als zwei-von den Göttinger Sieben 1837 den Rechtsbruch eines Königs in mannhaftem Trotz und Opfermut brandmarkten. Jakob Grimm ist der lichtvolle Erforscher deutscher Sagenwelt gewesen, und so mag am heutigen Gedenktage ein Stück seines Werkes be- geugen. wie er diese Welt durchdrang und wie er sprachmeisterlich in ihre Geheimnisse hineinzuführen wußte. Er schrieb über Sage, Epos und Lied: Die Sage ist unter allen Völkern eine unendliche, denn gleich her Sprache entsprang sie im tiefen Quell menschlicher Phantasie und wurde durch lange Ueberliefcrung fortgetragen. Doch unter- scheiden wir die dem Boden und der Geschichte sich ansetzende von her frei und los schwebenden mythischen; solche örtliche und histo- rische Anknüpfung ermäßigt und schränkt sie ein, verleiht ihr aber zugleich etwas, das dem bloßen Mythus abgeht. Die Volkssage mag oft nüchtern und lückenhaft erscheinen, allein sie ist traulich, der Mythus steht in unabsehbarer Ferne, die sich mit anmutigem Duft überzieht. Das Epos erwächst, sobald aus jenem bunten Glanz des Mhthus oder dem Halbdunkel der Sage lebensvolle Teile sich er- heben und in helles, sanftes Licht treten; der Unbestimmtheit des Märchens, wie der Zerstreuung der Sage entweichend, rücken sie uns näher und werden menschlich. Sage und Märchen sind wunder- bar, das Epos braucht nur einen Schimmer von Wunder und reicht damit aus. Ihm wohnt sowohl die Vertrautheit der Volks- sage als der innere Zusammenhang des Märchens.bei, und diese Eigenschaften gelangen erst in ihm zur Vollendung. Sage und Märchen erscheinen ungebunden, Epos erschallt in Liedern) es fordert ein Maß, nach dem es sich ergieße, ein Band, in dessen Haft es hänge und dein Gedächtnis sich einpräge. Da nun Gesang eine feierliche Erhöhung der Rede ist, so werden wir auch dem Gpos eine höhere geistige Kraft beilegen, als der Sage. Die Sage schwindet kaum unter den Völkern, nicht ihnen allen hat die Flamme des Epos geleuchtet und oft sinkt sie ganz zusammen. Das Lied weiß nicht nur einer, sondern es wohnt vielen bei, doch nicht jedem in gleicher Fülle. Es rollt wie eine Kugel hin und her, bald hier und bald dort stillstehend, oder es fließt wie ein Strom, der an verschiedener Stelle ins Land einbiegt, durch Ab- flüsse verliert oder durch Zugänge höher schwillt. Es gedieh aber nicht, außer wo es sich unter einem Volk in der Sprache des Volkes warm und ungestört entfalten konnte, wie das Beispiel der Griechen zeigt. Den meisten übrigen europäischen Völkern hat das Christentum die Stätte ihrer Poesie gestört oder vernichtet. Die Kirche war einer fremden Sprache günstig und der heimischen entgegen, weil diese oft mit dem Heidentum zusammen- hing; noch feinder mußte sie dem heidnischen Liede sein, das un- mittelbar aus heidnischen Anschauungen hervorgegangen war. Da wo die kirchlichen Eingriffe Widerstand erfuhren, hielt sich immer die Landessprache läng«, aufrecht, unter deren Schutz auch die epische Dichtung dauern konnre; der größeren Unabhängigkeit, welche die angelsächsische und irländische Kirche eine Zeitlang gegen Rom zu behaupten wußte, sind ohne Zweifel manche Denkmäler der Sprache und Dichtkunst zu verdanken. Die deutsche Kirche war unfreier, und die deutsche Sprache verwilderte, ihre älteren Lieder sind verschollen. Scback. Unter Leitung von S. Alapin. Schrüfer. fe3— QFI'T) Italienisch. Beratungspartie im Wiener Schach- klub. {C Schlechter( S. Alapin H. Fähndrich\ M. Feigl 1. e2— e4( 67-65; 2. Sgl— 13, Sb8— c6; 3. Ickl— c4. Ick«— ob; 4. c2— c3(„Giüoco piano"). 4...... 1)68—67! Weicht am vor sichtig st en unnützen Verwickelungen aus. 5. 62—64 Loö— b6! 5...... e6; 6. 0—0 1 mit Angriff für den B. 6. 0-0 67—66 6...... Sf61 7. Tel, 60; 8. h3, h6I kommt auch in Betracht. 7. a.2— a4 a7— a6! Es droht a4— a5 oder 64— 65 8. b2-b4..... Auf 8. Le3 kann Schwarz sowohl mit I>g4I als auch mit hol oder Sf6 mindestens Ausgleich erzielen. 8...... Sg8-f6 9. a4— aö Lb6— a7 10. b4— b5 a6Xb5 11. 1,04X85 0—0 12. Lei— gö?..... Besser LXS nebst Sb62 12...... La7— b6 I 13. Lb6Xc6 b7XcG 14. 64Xe5 6CXe5 15. Sbl— 62 Ta8Xa5 16. TalXa5 Lb6Xa5 17. S62—o4 La5Xc3 18. D61— 63 Lc3— b4 19. Sf3Xe5 De7— e6! 20. LgSXkO..... 20. f4, SXe4!; 21. DXS, ks-c. 20...... g7Xf6! 21. 866—13 Lc8— a6 22. Tfl— cl TIS-68 23. o4— e6 f6Xe5 24. Sf3Xe5 La6Xc4 Stärker war 24...... 1)65 1; Dbl, c5; 26. Sg4 I, Dg5 I 27. Dal, Te6 I 28. Sge3, Lb7 je. 25. Se5Xc4 26. TclXel 27. D63— f l 28. DflXel Do6— elf TeSXelf Kg8— g? Lb4Xel Es folgt nun ein schwieriges, sehr Interessantes Endspiel, das wir aus Raumrücksichten, teilweise in der Zeile gedruckt, wie folgt bringen müssen: 29. Kfl, Lc3; 30. Ke2, Kf6; 31. Kd3, Lei; 32. Ke2, Lb4; 33. K63, Lo5; 34. 13, Lgl; 35. h3, Kf5; 36. Ko2, Kf4; 37. Kfl, Ld4; 38. Ke2, Kg3; 39. Kfl, Lc3 1(sonst wird durch Sab der Zug c6— o5 erzwungen, wonach Kg3 nichr keine Passage aus die Damenseiie hätte); 40. Se3. b5; 41. Sc4, Kfl; 42. Ke2, h4; 43. Kf2, L64t; 44. Ko2, Lbü 1 (um Sa5 zu verhindern); 45. Kfl. Kf5; 46. Ke2, Ke6; 47. K63, K65: 48, 862, L64; 49. Sb3, Le5; 50. 862, Kc5. Hiermit ist folgende Stellung er- reicht: Weiß�— K63; 862; BB: f3, g2, b5. Schwarz— Ke5; Le5; BB: c7, c6, 57. h4. 51. S62—c4 Le5— g7 Mit 51......561; 52. Soll, Kb4 tc. war die Partie vielleicht zu gewinnen. 52. 8o4— 63 53. 863—15 54. 815—63 65. 863—04 56. So4— e3 67. 863-04 58. Sc4— a5t 59. Sa5— c6 60. So6— a5 61. Sa5— c4 62. So4-e3 63. Se3— g41 64. Sg4— h8 65. Sh6Xf7 66. 13-14! In Betracht kam L16. 67. 817—65 Lgl— 52 68. 865—04 69. Sc4— aof 70. Sa6— 04+ 71. K63— e4 72. Ke4— 63! 73. Sc4— e5! . 74. 865—13 76. 813Xb4 1! 76. g2— g4 77. K63— c4 78. h3— h4! Z. B.: 78.... LXb4; 79. KX<-S. K12: 80. Ke.6, Ld8; 81. g5! tc.) Kc5-b4 Lg7— 16 Kb4-b3 c6— c5 Lf6-g5 Lg5— 14 Kb3-b2 Lf4— 66 Kb2— cl L66— g3 Lg3— 12 Lf2— 64 Kol— b2 Kb2— b3 L64— gl Lh2Xf4 Kb3— b2 Kb2— cl Lf4-g5 Kol— 61 Lg5— 16 Lf6— e7 1,67X54 K61— el L54— e7 Remis Vcrantw. Redakteur: Alfred Svlelepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.Verlag»,nstalt Paul Singer eeCo..Berlin SlV.