Iwterhattungsblatt des Vorwärts Nr. 186. Mittwoch, öen 24. September. 1913 4z Rittmeister Kranä. Erzählung von Marie von Ebner- Eschenbach. 5, Gescheitert, wie Robinson, richtete er sich auf seiner Insel ein. Er änderte, als Feind der balben Maßregeln, seine Lebensweise aus dem Grunde, verschenkte seine Pferde, seine Waffen an arme, einstige Kameraden, zog nach der Stadt und vegetierte dort wie ein pensionierter Hofrat. Er mied die Kaffeehäuser, in denen Offiziere verkehrten, machte große Spaziergänge, besuchte Museen, Kunstausstellungen. Kon- zerte, Theater und populäre Vorlesungen. Er holte manches nach, was ihm an literarischer Bildung fehlte, las die Klassi- ker, las auch moderne Poeten, konnte sich erfreuen an einem schönen Buch, einem schönen Bildwerk und an guter Musik. Diese wohltuenden Eindrücke gingen aber nicht tief: hinter der flüchtigen Wärme und dem Interesse, die sie erregten, schauerte es kalt, gähnte die Leere. Der Zeit wilder Aufregung war eine unausbleibliche Reaktion gefolgt. Brand hatte einem gebieterischen Müssen gehorcht, als er alles hingab, was den besten Inhalt seines Daseins ausmachte, um einen Verbrecher bestrafen zu können. Er hatte nicht rechts noch links geschaut, nur nach dem einen, einzigen Ziel« hin: nicht gefragt: wenn es erreicht sein wird» was dann? Und als dieses„dann" zur Gegenwart wurde, erschien sie ihm recht öde, nuhlos und armselig, und der Blick in die Zukunft wie ein Blick ins Grab. Die Wohnung, die er für sich und für seinen ehemaligen Privatdiener gemietet hatte, lag im zweiten Stock eines schönen Hauses der Rathausstraße, war bell und freundlich und zeichnete sich durch die höchste, eine wahrhaft erfinderische Reinlichkeit aus. Wer die drei Zimmer durchschritt, aus denen sie bestand, brauchte keinen besonderen Sckiarfsinn, um zu er- kennen: hier baust ein einfacher und solider Mann, der eine Vorliebe bat für mattgeschliffenes Nußholz und für die grüne Farbe. Zwischen der Tür, die aus dem konventionell ansgestatte- ten Salon herein führte, und dem ersten Fenster links, ragte ein hoher Bücherschrank fast bis zur Decke, und dir Bücher darin waren nett gebunden und sorgfältig eingereiht. Dem Bücherschrank gegenüber, zwischen dem zweiten Fenster und der Tür des Schlafzimmers, machte sich ein großer Schreib- tisch breit: ein Strohsrssel rnit runder, niederer Lehne stand vor ihm, und über ihm hingen zwei schöne Kupferstiche: Erz- Herzog Karl, nach dem Gemälde von Kellerhoven, und Laudon, nach L'Allemands prächtigem Reiterbilde. Die Längswand wurde zur Hälfte von einer großen Ottomane, eine der Ecken von einem Kachelofen eingenommen, der in sanftem Maigrün schimmerte, die andere von einer Etagere mit Rauchreguisiten, alles gediegen, lauter brave Arbeit von tüchtigen Handwerkern, natürlich auch der Tisch, die Fauteuils und die Stühle, die mit der Ottomane zu- fammcn eine Familie bildeten. Sie wieder hatte ein wür- diges ris-ä-vis in der zwischen den Fenstern angebrachten Konsole, der Trägerin einer vortrefflichen altdeutschen Uhr. Neben ihr standen zwei Armleuchter aus Messing. Das mattfarbige und weichliche Silber wird in Brands Haus- Haltung nur in Gestalt von Eßbestecken geduldet. Wohl ver- packt steht der Schatz an schönem Silbergerät, der von seinen Eltern und Großeltern herstammt, im Schranke und wird auf Dietrichs nicht gerade lachende, aber auch nicht weinende Erben übergehen, entfernte, wohlhabende Verwandte. Mit Fug und Recht darf er sich sagen, daß sein Tod keinem seiner sogenannten Angehörigen eine Stunde trüben oder erheitern wird. Und dessen freut er sich. Wo er gleichgültig ist, will er auch gleichgültig lassen. Das Aergste wäre ihm, in der Schuld eines anderen zu stehen, ob sich's nun um Gulden hau- delt oder um liebevolle Empfindungen. * Es>var an einem heißen Mainachmittag des JahreS 1890, und Brand eben aus dem Restaurant zurückgekommen, in dem er seine einfache Mahlzeit einzunehmen pflegte. Die Sonne brannte mit sommerlichen Gluten zur Erde nieder und machte jedes Fenster, das sie beschien, zu einem Brenn- spiegel, und jeden Pflasterstein zu einem kleinen Ofen. Mit Behagen empfand der Heimgekehrte den Kontrast zwischen der drückenden Schwüle, dem grellen Lichte auf der Straße und der angenehmen Temperatur in seinem hohen, luftigen Zimmer. Leicht gedämpft durch die herabgelassenen Stores fiel das Licht herein, ein mildes, grünliches Licht, bei dem man ungemein gut lesen konnte. Brand zündete eine Zigarre an, setzte sich auf seinen Sessel vor dem Schreibtisch und nahm ein Buch, das aufgeschlagen neben der Mappe ge- legen hatte, zur Hand: Möllhausens Reisen im Felsengebirge Nordamerikas. Von Zeit zu Zeit unterbrach er seine Lektüre, um einen Blick nach der riesigen Weltkarte zu werfen, die über der Ottomane hing. Einen scharfen durchdringenden Blick aus seinen grauen, tiefliegenden Augen, die von ihrer ungcwöhn- lichen Sehkraft noch nichts verloren, obwohl achtundvierzig Jahre verflossen waren, seitdem sie sich zum ersten Male auf- geschlagen hatten. Dabei zog er seine dichten Brauen zu- sammen, und auf der viereckigen Stirn entstanden zwei tiefe Furchen, die ihm einen klugen und strengen Ausdruck gaben. Eine halbe Stunde verging. Die Tür des Salons wurde geöffnet, und jemand trat ein. Brand wußte, ohne sich um- zusehen, wer es war. Er kannte den festen und zugleich dis- kretcn Schritt, den sein Diener sich hatte angewöhnen müssen. er kannte auch dessen Art, die Tür zu öffnen und zu schließen. Wer hatte sie ihm denn beigebracht? „Die äußere Klinke gefaßt, du Waldmensch. Eins!— niedergedrückt: Zwei!— Tür auf!— Vorwärts, und die andere Klinke gefaßt: Einsl— niedergedrückt: Zwei!— Tür zu!—" Diese Hebung zehnmal nacheinander durch drei Tage wiederholt, und ein ehemaliger Waldmensch war für den ganzen Rest seines Lebens befähigt, als ein Gesitteter unter Gesitteten zu erscheinen. Ist solcher Gewinn nicht der kleinen Mühe wert? Peter Peters war also eingetreten. Ein weiteres Lebens- zeichen gab er nicht.„Was willst Du?" fragte Brand nach einer Weile, ohne sich umzusehen. Peter zögerte, seine Stimme war furchtbar gepreßt, al« er sie endlich erhob, um seine„gehorsamste Mitteilung" vor- zubringen. Eigentlich wurde die Mitteilung hinterbracht, denn er sagte, was er zu sagen hatte, in semes Herrn Rücken, der ihm wohl auch imponierte, aber doch nicht so sehr wie seines Herrn Gesicht. Wenn er gesehen hätte, was auf dem vorging, während er sprach, würde er seine Rede schwerlich zu Ende gebracht haben. Bestürzung, Zorn, Wehmut spiegelten sich in den Zügen des erregten Mannes um, als sein Diener schwieg, einer rasch erkämpften eisernen Ruhe�zu weichen. Jetzt wen- dete er plötzlich den Kopf. Er, der Sitzende, der Kleine maß den stehenden großen Peter von oben herunter und sagte, die Ellbogen aus die Sessellehne gestützt, die Zigarre zwischen den Zähnen:„Heiraten willst Du, wenn ich nichts dagegen habe? — Was soll ich dagegen haben?— Du heiratest und Du gehst. Einen mit Familie behasteten Diener kann ich nicht bauchen. Und wie heißt die Gans, die Dich nimmt?" Nicht ein protestierendes Wort zugunsten seiner Er- korenen kam über Peters Lippen.„Du gehst." Wie eine Pistolenkugel hatte es ihn getroffen. Er wunderte sich, daß er noch aufrecht stand.„Du gehst." Diese— Unmöglichkeit hatte er nicht erwogen. „Wie heißt sie?" wiederholte Brand. Tonlos, mit verglasten Augen vor sich hinstarrend, gab Peter die Antwort:„Magdalena Sänftenträger. Kinderlose Witwe. Das Delikatessengeschäft grad gegenüber gehört ihr. Wo ich zum Souper für den Herrn Rittmeister die kalte Küche hole." „Die kalte Küche, schön. Bei der haben die Herzen Feuer gefangen. Gut. Abgemacht. Geh." Peter ging, und die grollenden Gedanken Brands folgten ihm nach. Der will heiraten, der will sich etablieren, einen Haushalt gründen, dieser Peter, an dem immer noch erzogen werden muß, der nichts kann und nichts ist ohne seinen Herrn. Wenn man nur fonkt!— Zum zweiten Tragoner- regiment war er gekommen vor zwölf Jahren, halb ver- hungert, der verwaiste Sohn einer armen Tagelöhnerin, die mit ihm in der Welt herumgezogen war, da- und dorthin, wi> sie gerade Arbeit fand, der nie eine Schule regelmäßig bf- sucht, nie einen ganzen Rock an: Leib gehabt hatte. Und nun auf einmal gut genährt, bekleidet und bewohnt, von feinem Rittmeister mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt als der ärmste, im Zustande ärgster Verwahrlosung übcrnomniene Rekrut. Man konnte Freude an ihni haben, an seinem physi- scheu, geistigen und moralischen Gedeihen, an dem Glück, das sich auf seinem gutmütigen, braunen Gesichte spiegelte— wenn er nicht gerade weinte— denn das war seine schwäche. Viel zu leicht für einen Mann, einen Soldaten, traten ihm Tränen in die Augen. Der bärenhafte Bursche konnte nicht leiden sehen, an? wenigsten Tiere. Er war allem Lebendigen ein Freund: er hielt sich für den Beneidenswertesten auf Erden, als ihm ein Pferd anvertraut wurde. Keines im ganzen Regimente war besser gehalten als Peters Sinbad, und in verhältnismäßig kurzer Zeit keines besser geritten. Auf dem Rücken des Tieres, dessen Gedanken er, und das seine Gedanken erriet, verlebte er seine glücklichsten Ttunden. lFortsetzuiig folgt.) Romeo und �ulia auf dem Dorfe. (Nachdruck verboten.) 1] S e I d w h l e r Geschichte von Gottsried Keller. Diese Geschichte zu erzählen, würde eine müßige Erfindung sein, wenn sie nicht auf einem wahren Vorfall beruhte, zum Be- weise, wie tief im Menschenleben jede der schönen srabeln wurzelt, auf welche ein großes Tichterwerk gegründet ist. Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig, gleich der Zahl der Metalle, aber sie er- eignen sich immer wieder aufs neue mit veränderten Umständen und in der wunderlichsten Verkleidung. An dem schönen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl vorüberzieht, erhebt sich eine weitgcdehnte Erdwelle und verliert sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fuße liegt ein Dorf, welches manche große Bauern- Höfe enthält, und über die sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige lange Aecker weithingestreckt, gwich drei riesigen Bändern nebeneinander. An einem sonnigen Septcmbermorgcn pflügten zwei Bauern aus ziveien dieser Aecker, und zwar auf jedem der beiden äußersten; der mittlere schien seit langen Jahren brach und wüst zu liegen, denn er war mit Steinen und hohem Un- kraut bedeckt, und eine Welt von geflügelten Tieren summte ungestört über ihm. Die Bauern aber, lvelche zu beiden Seiten hinter ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Männer von ungefähr vierzig. Jahren und verkündeten auf den ersten Blick den sicheren, gutbesorgten Bauersmann. Sie trugen kurze Knie- Hosen von starkem Zwillich, an Sem jede Falte ihre unveränder- liche Lage hatte uns wie in Stein gemeißelt aussah. Wenn sie, aus ein Hindernis stoßend, den Pflug fester faßten, so zitterten die groben Hemdärmcl von der leichten Erschütterung, indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerkam, aber ein wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche bemaßcn oder wohl auch zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Geräusch die Stille des Landes unterbrach. Langsam und mit einer gewissen natürlichen Zierlichkeit sehten sie einen Fuß um den anderen vorwärts, uns keiner sprach ein Wort, außer, wenn er etwa dem Knechte, ocr die vier stalllichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie einander vollkommen in einiger Entfernung, denn sie stellten die ursprüngliche Art dieser Gegend dar, und man hätte sie auf den ersten Blick nur daran unter- scheiden können, daß der eine den Zipfel seiner weißen Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken hängen hatte. Aber das ivecheselte zwischen ihnen ab, indem sie in der entgegen- gesetzten Richtung pflügten: denn wenn sie oben auf der Höhe zusammentrafen und aneinander vorüberkamen, so schlug dem, welcher gegen den frischen Ostwind ging, die Zipsclkappe nach hinten über, während sie bei dem anderen, oer den Wind im Rücken hatte, sich nach vorne sträubte. Es gab auch jedesmal einen mitt- leren Augenblick, wo die schimmernden Mützen aufrecht iu der Luft schwankten und wie zwei weiße Flammen gen Himmel züngelten. So pflügten beide ruhevoll, und es war schön anzu- sehen in der stillen, goldenen Septenibergegend, wo sie so auf oer Höhe vorbeizogen, still und langsam und sich allmählich voncin- ander entfernten, immer iveiter auseinander, bis beide wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wölbung des Himmels hinab- gingen und Verschlvandcn, um eine gute Weile darauf wieder zu Wir nehmen Gelegenheit, auf die Gesamtausgabe der mcister- lichen Erzählungen„Die Leute von Selowhla" hinzuweisen, die Unsere Leser im 4. und 6. Bande von„Gottfried Kellers Gesam- ««lten Werken"(Verlag: I. G. Cotta Nachf., Buchhandlung, Stuttgart) finden. erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren furchen fanden, so warfen sie denselben auf den wüsten Acker ,n der Mitte mit kräftigem Schwünge, was aber nur selten geschah, da derselbe schon fast mit allen Steinen belastet war, welche überhaupt auß. den Nachbaräckern zu finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil vergangen, als von dem Dorfe her ein kleines, artiges? Fuhrwerklein sich näherte, welches kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Höhe heranzukommen. Das war ein grün bemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der beiden Psliiger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen, gemein» schaftlich den Bormittagsimbiß heranführen. Für jeden Teil lag�, ein schönes Brot, in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Gläsern und noch irgendein Zutätchen in dem Wagen, welches die zärtliche Bäuerin für den fleißigen Meister mitgesandt, und außerdem waren da noch verpackt allerlei seltsam gestaltete an» gebissene Aepfel uns Birnen, welche die Kinder am Wege aufge- lesen, und eine völlig nackte Puppe mit nur einem Bein und einem verschmierten Gesicht, welche wie ein Fräulein zwischen den Broten saß und sich behaglich fahren ließ. Ties Fuhrwerk hielt nach manchem Anstoß und Aufenthalt endlich auf der Höhe im Schatten eines jungen Lindengebüsches, welches da am Rande des Feldes stand, und nun tonnte man die beiden Fuhrleute näher betrachten. Es war ein Junge von sieben und ein Tirnchen von fünfen, beide gesund und munter, und iveiter war nichts Auffälliges an ihnen» als daß beide sehr hübsche Augen hatten und das Mädchen dazu. noch eine bräunliche Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare» welche ihm ein feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflüger waren jetzt auch wieder oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und ließen die Pflüge in der halb voll- endeten Furckie stehen, ivähreno sie als gute Nachbarn sich zu dem gemeinschaftlichen Imbiß begaben und sich zuerst begrüßten; denn bislang hatten sie noch nicht gesprochen an diesem Tage. Wie nun die Männer init Behagen ihr Frühstück einnahmen und mit zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht von der Stelle wichen, so lange gegessen und getrunken wurde, ließen sie ihre Blicke in der Nähe und Fern« herum- schweifen und sahen das Städtchen räucherig glänzend in seinen Bergen liegen; denn oas reichliche Mittagsmahl, welches die Seid» Wyler alle Tage bereiteten, pflegte ein weithin scheinendes Silber- gewölk üver ihre Dächer cmporzutragen, ivelchcs lachend an ihren Bergen hinschwebte. „Die Lumpenhund« zu Seldwyl kochen wieder gut!" sagte .Manz, der eine der Bauern, und Marti, der andere, erwiderte: „Gestern war einer bei mir wegen, des Ackers hier."—„Aus dem Bezirksrat? Bei mir ist er auch gewesen!" sagte Manz.—„So? und meinte wahrscheinlich auch, Du solltest das Land benutzen und den Herren die Pacht zahlen?"—„Ja, bis es sich entschieden habe». wem der Acker gehöre, und was mit ihm anzufangen sei. Ich habe mich aber bedankt, das verwilderte Wesen für einen anderen her- zustellen, und sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen und den Ertrag ausheben, bis sich ein Eigentümer herausgestellt, was wohl. nie gescheben wird, denn was einmal aus der Kanzlei zu Seldwyl liegt, hat da gute Weite, und überdem ist die Sache schwer zu cnt- scheiden. Die Lumpen möchten indessen gar zu gern etwas zu naschen bekommen durch den Pachtzins, was sie freilich mit der Berkaufssumme auch tun könnten; allein wir würden uns hüten» dasselbe zu hoch hinaufzutreiben, und wir wüßten dann doch, was wir hätten, und wem das Land gehört!" „Ganz so meine ich auch und habe dem Stccklcinspringer eine ähnliche Antwort gegeben!" Sie schwiegen eine Weile, dann fing Manz tvicdcrum an: „Schad' ist es aber doch, daß der gute Boden so daliegen muh, es ist nicht zum Ansehen; das geht nun schon in die zwanzig Jahr« so» und keine Seele fragt danach; denn hier im Dorf ist niemand, der irgendeinen Anspruch auf den Acker hat, und niemand weiß auch» wo die Kinder des verdorbenen Trompeters hingekommen sind." „Hm!" sagte Marti,„das wäre so eine Sache! Wenn ich den schwarzen Geiger ansehe, der sich bald bei den Heimatlosen aushält. bald in den Dörfern zum Tanz ausipielt, so möchte ich darauf schwören, daß er ein Enkel des Trompeters ist, der freilich nicht weiß, daß er noch einen Acker hat. Was täte er aber damit? Einen Monat lang sich besausen und dann nach wie vor! Zudem, wer dürfte da einen Wink geben, da man es doch nicht sicher wissen kann!" „Da könnt« man eine schöne Geschichte anrichten!" antwortete Manz,„wir habe» so genug zu tun, diesem Geiger das Hcimats- recht in unserer Gemeinde abzustreiten, da man uns den Fctzcl fortwährend aufhalsen will. Haben sich seine Eltern einmal unter die Heimatlosen begeben, mag er auch dableiben und dem Kesselvolk das Geigelein streichen. Wie in aller Welt können wir wissen, daß er des Trompeters Sohnessohn ist? Was niich betrifft, wenn ich den Alten auch in dem dunklen Gesicht vollkommen zu erkennen glaube, so sage ich: Irren ist menschlich, und das geringste Fetzchen Papier, ein Stücklein von einem Taufschein würde meinem Ge- wissen besser tun, als zebn siindhaste Menschengesichter!" „Eia, sicherlich!" sagte Marti,„er sagt zwar, er sei nicht schuld, daß man ihn nicht getauft habe! Aber sollen wir unseren Tauf- stein tragbar machen und in den Wäldern herumtragen? Nein, er steht fest in der Kirche, und dafür ist die Totenbahre tragbar, die draußen an der Mauer hängt. Wir sind schon übervölkert im Dorf und brauchen bald zwei Schulmeister!" Hiermit war die Mahlzeit und das Zwiegespräch der Bauern geendet, und sie erhoben sich, den Rest ihrer heutigen Vormittags- arbeit zu vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan entworfen hatten, mit den Vätern nach Hause zu ziehen, zogen ihr Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Linden und be- gaben sich dann auf einen Streifzug in dem wilden Acker, da der- selbe mit seinen Unkräutern, Stauden und Steinhaufen eine un- gewohnte und merkwürdige Wildnis darstellte. Nachdem sie in der Mitte dieser grünen Wildnis einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sich daran belustigt, die verschlungenen Hände über die hohen Distelstauden zu schwingen, ließen sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder, und das Mädchen begann, seine Puppe mit den langen Blättern des Wegekrautes zu bekleiden, so daß sie einen schönen grünen und ausgezackten Rock bekam; eine einsame rote Mohnblume, die da noch blühte, wurde ihr als Haube über den Kops gezogen und mit einem Grase festgebunden, und nun sah die kleine Person aus wie eine Zauberfrau, besonders nachdem sie noch ein Halsband und einen Gürtel von kleinen roten Beerchcn er- halten. Dann wurde sie hoch in die Stengel der Distel gesetzt und eine Weile mit vereinten Blicken angeschaut, bis der Knabe sie genugsam besehen und mit einem Steine herunterwarf. Dadurch geriet aber ihr Putz in Unordnung, und das Mädchen entkleidete sie schleunigst, um sie aufs neue zu schmücken; doch als die Puppe eben wieder nackt und bloß war und nur noch der roten Haube sich erfreute, entriß der wilde Junge seiner Gefährtin das Spiel- zeug und warf es boch in die Luft. Das Mädchen sprang klagend danach, allein der Knabe fing die Puppe zuerst wieder auf, warf sie aufs neue empor und indem das Mädchen sie vergeblich zu haschen bemühte, neckte er es auf diese Weise eine gute Zeit. Unter seinen Händen, aber nahm die fliegende Puppe Schaden, und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein kleines Loch einige Klei- körner durchsickern ließ. Kaum bemerkte der Peiniger dies Loch, so verhielt er sich mäuschenstill und war mit offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Nägeln zu vergrößern und dem Ur- sprang der Kleie nachzuspüren. Seine Stille erschien dem armen Mädchen höchst verdächtig, es drängte sich herzu und mußte mit Schrecken sein böses Beginnen gewahren.„Sieh mal!" rief er und schlenkerte ihr das Bein vor der Nase herum, daß ihr die Kleie ins Gesicht flog, und wie sie danach langen wollte und schrie und flehte, sprang er wieder fort und ruhte nicht eher, bis das ganze Bein dürr und leer hcrabhing als eine traurige Hülse. Dann warf er das mißhandelte Spielzeug hin und stellte sich höchst frech und gleichgültig, als die Kleine sich weinend auf die Puppe warf und dieselbe in ihre Schürze hüllte. Sie nahm sie aber wieder hervor und betrachtete wehselig die Aermste, und als sie das Bein sah, fing sie abermals an laut zu weinen, denn dasselbe hing an dem Rumpfe nicht anders, denn das Schwänzchen an einem Molche. Als sie gar so unbändig weinte, ward es dem Ucbeltätcr endlich etwas übel zu- mute, und er stand in Angst und Reue vor der Klagenden, und als sie dies merkte, hörte sie plötzlich auf und schlug ihn einigemale init der Puppe, und er tat, als ob es ihm weh täte, und schrie au! so natürlich, daß sie zufrieden war und nun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstörung und Zerlegung fortsetzte. Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und ließen aller Enden die Kleie entströmen, welche sie sorgfältig auf einem flachen Steine zu einem Häufchen sninmelten, umrührten und aufmerksam betrachteten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war der Kopf und mußte jetzt vorzüglich die Aufmerksamkeit der Kinder erregen; sie trennten ihn sorgfältig los von dem ausgequetschten Leichnam und guckten er- staunt in sein hohles Innere. Als sie die bedenkliche Höhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es der nächste und natürlichste Gedankensprung, den Kopf mit der Kleie auszufüllen, und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschäftigt, um die Wette Kleie in den Kopf zu tun, so daß zum erstenmal in seinem Leben etwas in ihm steckte. Ter Knabe mochte es aber immer noch für ein totes Wissen halten, weil er plötzlich eine große, blaue Fliege fing und, die summende zwischen beiden hohlen Händen haltend, dem Mädchen gebot, den Kopf von der Kleie zu entleeren. Hierauf wurde die Fliege hineingesperrt und das Loch mit Gras verstopft. Die Kinder hielten den Kopf an die Ohren und setzten ihn dann feierlich auf einen Stein; da er noch mit der roten Mohnblume bedeckt war, so glich der Tönende jetzt einem weißsagenden Haupte, und die Kinder lauschten in tiefer Stille seinen Kunden und Märchen, indessen sie sich umschlungen hielten. Aber jeder Prophet erweckt Grauen und Undank; das wenige Leben in dem dürftig geformten Bilde erweckte die menschliche Grausamkeit in den Kindern, und es wurde be- schlössen, das Haupt zu begraben. So machten sie«in Grab und legte» den Kopf, ohne die gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein und errichteten über dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen. Dann empfanden sie einiges Grauen, da sie etwas Geformtes und Belebtes begraben hatten, und ent- ferntcn sich ein gutes Stück von der unheimlichen Stätte. Auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten Plätzchen legte sich das Dirnchen auf den Rücken, da es müde war, und begann in ein- töniger Weise einige Worte zu singen, immer die nämlichen, und der Junge kauerte daneben und half, indem er nicht wußte, ob er auch vollends umfallen solle, so lässig und müßig war er. Die Sonne schien dcni singenden Mädchen in den geöffneten Mund, beleuchtete dessen blendendweiße Zähnchcn iirid durchschimmerte die runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zähne, und dem Mädchen den Kopf haltend und dessen Zähnchcn neugierig untersuchend, rief er:„Rate, wie viel Zähne Hai man?" Das Mädchen besann sich einen Augenblick, als ob es reislich nachzählte, und sagte dann aufs Geratewoh:„Hundert!"—„Nein, zweiunddreißig?" rief er,„wart, ich will einmal zählen!" Da zählte er die Zähne des Kindes, und weil er nicht zweiunddreißig herausbrachte, so fing er immer wieder von neuem an. Das Mädchen hielt lange still, als aber der eifrige Zähler nicht zu Ende kam, raffte es sich auf und rief:„Nun will ich Deine zählen!" Nun legte sich der Bursche hin ins Kraut, das Mädchen über ihn, umschlang seinen Kopf, er sperrte das Mauk auf, und es zählte:„Eins, zwei, sieben, fünf, zwei, eins"; denn die kleine Schöne konnte noch nicht zählen. Der Junge verbesserte sie und gab ihr Anweisung, wie sie zählen solle, und so fing auch sie unzählige Mal von neuem an, und das Spiel schien ihnen am besten zu gefallen von allem, was sie heute unternommen. Endlich aber sank das Mädchen ganz auf den kleinen Rechenmeister nieder, und die Kinder schliefen ein in der hellen Mittagssonne. fFortsetzung folgt.) Deutscher J�aturforfebertag» In Wien tagt unter außerordentlich großer Beteiligung die 32. Versammlung Deutscher Naturforscher und A e r z t e. Zum vierten Male seit Bestehen dieser ältesten und an- gesehensten wissenschaftlichen Wanderversammlung, die die Gesamtheit der Naturwissenschaften einschließlich der Medizin umfaßt, ragt sie in der allen Kaiserstadt an der Donau. In den bescheidenen Di- mensionen, die die erste Wiener Naturforscherversammlung, die zehnte der Gesellschaft überhaupt, im Jabre 1832 zeigte. spiegelte sich die bescheidene Nolle wieder, die die Naturwissenschaften im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts spielten. Seitdem haben die Naturwissenschaften an Umfang und Bedeutung ganz außer- ordentlich zugenommen, und in demselben Maße wuchs auch der Umfang und die Bedeutung der alljährlichen Versammlungen. Schon die 2. Wiener Tagung, die im Jahre 1826 stattfand, erhob sich weit über ihre Vorgängerin, und die letzte Wiener Versammlung vom Jahre 18S1 war durch eine reiche Fülle wissenschaftlicher Veranstal- langen ausgezeichnet. ES ist zu hoffen, daß die diesjährige Tagung ihr ebenbürtig zur Seile tritt. Was den äußeren Glanz der Versammlung betrifft, so ist es unstreitig der Fall. Die staatlichen wie die städtischen Behörden haben alles getan, um den Naturforschern einen würdigen Einpfang zu bereiten, und mehrere Tausende, darunter die Träger der hervor- ragcndsteir wissenschaftlichen Namen, sind aus allen Teilen Deutsch- landS und Oesterreichs zusanimengekommen, um die Versammlung durch ihre Anteilnahme glanzvoller zu gestalten und wertvolle An- regnngcn durch sie zu empfangen. Die Eröffnungssitzung fand Montagbormittag um S llhr im Sitzungssaale des Parlamentsgebäudes statt. Den ersten Vortrag hielt der Münchener Astronom Professor von S e e l i g e r über Probleme der modernen Astronomie. Die moderne Astronomie hat ihren Ausgang in der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit der Anwendung physikalischer Methoden, vor allein der Spektralanalyse und Photometrie genommen, wozu sich dann noch das mächtige Hilfsmittel der Photographie gesellte. Die photographische Platte kann durch Verlängerung der Belichtungszeit in einem gewissen Sinne beliebig ein- pfindlich gemacht werden, so daß Sterne und Ge- bilde, die auch mit den größten Instrumenten dem Auge niemals erschienen wären, durch sie bekannt geworden sind. Dadurch haben wir neue sehr merkwürdige. und fast rätselhaste kosmische Formen kennen gelernt, deren Deutung voraussichtlich ganz neue von den gewohnten verschiedene Gedankengänge erfordern lvird. Was mögen z.' B. jene feinen Nebelstrcifen sein, die durch ungeheure Weiten, zu deren Durchmessung das Licht viele Jahre brauchen würde, den Raum zwischen den Sternen durchziehen? Wie sind jene abenteuerlichen Formen leuchtender Nebel, die sich uin Sterne lagern, zu verstehen? Wie haben wir die Tatsache in das System überlieferter Erfahrungen einzuordnen, daß kleine Nebelflecke, deren Zahl größer als 100 060 sein mag, über den ganzen Himmel verstreut sind, und warum kommt unter ihnen so überaus häufig die sonder- bare Spiralform vor? Diese Fragen bergen vielleicht die weit» tragendsten Fragen der ganzen Astronomie in sich. Bei der Erforschung der Planeten hat die Photographie sich bis« her den älteren Methoden nicht überlegen gezeigt. Die MarSsrage ist durch sie nicht wesentlich gefördert worden; Seeliger nennt sie über Gebühr aufgebauscht und meint, daß man nur mit einer ge- wissen Beschämung auf den Marsrummel zurückzublicken vermag, der wohl abzuklingen scheint, aber noch nicht ganz überwunden ist. In der Tat hat ja aus Anlaß der Beobachtung der sogenannten Marskanäle»nd ihrer Verdoppelung die ausschweifendste Phantasie sich ungezügelt in Vermutungen über Marsbewohner ergangen, ohne sich nur im mindesten durch die Erfahrung beirren zu lassen, daß das größte Fernrohr der Well auf dem Mount Wilson die Kanäle nicht zeigt, sondern»ur einzelne Gruppen von Flecken, die den Ver- lauf von Strichen markieren. Bei den Fixsternen handelt es sich zunächst um die Erforschung der physikalischen und chemischen Eigenschaften. Hier hat man auS den Spektren geschlossen, daß die Sterne im wesentlichen auö den- selben Stoffen bestehen, die auch auf der Erde vorbanden sind, dast fie sich aber in den verschiedensten Temperaturzuständen be« finden. Unsere Sonne scheint ein Stern von großer Leuchtkraft zu sein, die bei der verhältnismäßigen Temperatur von 6000 bi« 7000 Grad an ihrer Oberfläche durch ihre relative Größe bedingt zu sein scheint. Die Schnelligkeit ihrer Abkühlung wird als kaum merklich angesehen, aber schließlich wird sie doch ihre Leuchtkraft verlieren und bollständig erkalten, wenn nicht katastrophale Ereigniffe diesen von der Natur geforderten normalen Verlauf unterbrechen. Derartige Katastrophen scheinen bei aufleuchtenden Sternen vorzuliegen, wie 1901 einer im Sternbild des PerseuZ erschien, der in wenigen Stunden eine Helligkeit er- reichte, die nur die allerhellsten Sterne am Himmel besitzen. Viel- leicht handelt eS sich hierbei um ähnliche Vorgänge wie bei den auf- leuchtenden Meteoren in unserer Lufthülle— gibt es doch im Welt- räum ausgedehnte Ansammlungen fein verteilter Materie, sogenannte kosmische Staubwolken, die ein in sie eindringendes Gestirn durch die Reibung zur höchsten Glut zu entflammen vermögen. Bei dem neuen Stern im Perseus wurden in der Nähe Erscheinungen wahr- genommen, die sich ganz so darstellten, wie Staubwolken, die von einem rissigen Reflektor einen kurzen Lichtblitz erhatten. Sehr wichtige Ergebnisse hat die Astrophysik mit Hilfe des so- genanten Dop p� erscheu Prinzips gewonnen. Es ist bekannt, daß die Tonhöhe einer Schallquelle sich ändert, wenn sie sich einem Beobachter nähert oder von ihm entfernt. Im erstercn Falle treffen das Ohr in der Sekunde niehr. im letzteren weniger Luftstöße, und da der Ton um so höher klingt, je mehr Schwingungen in der Sekunde das Ohr erreichen, wird der Ton bei Annäherung höher, bei Entfernung tiefer zu sein scheinen als bei gegenseitiger Ruhe. Ist das Licht eine Wellenbewegung, so muß auch hier etwas Achnliches stattfinden, einfarbiges Licht wird bei Annäherung schnellere Schloingungen zu haben scheinen, seine Farbe wird sich nach dem blauen Ende deS Spektrum? zu verändern. Weiß man. daß im Spektrum der bewegten Lichtquelle«ine Wellenlänge vertreten ist, die einer bestimmten graunhofcrschen Linie entspricht, und sind beide Linien gegen einander verschoben, so kann man aus der Größe der Verschiebung die gegenseitige Geschwindigkeit von Lichtquelle und Beobachter ableiten. Diese Ermittelung der Geschwindigkeit, mit der die Entfernung«ineS Sterne? von der Erde sich ändert, ist eine höchst merklvürdige Errungenschaft, die noch vor 70 Jahren wohl jeder Staturforscher für einen ganz unerfüllbaren Traum gehalten hätte. Kreilich muß bei diesen Untersuchtingen darauf geachtet Iverden. ob die Verschiebungen nicht durch andere physikalische Einflüsse bestimmt sind— hier handelt es sich um keineswegs einfache Fragen, mit denen die Astrophvsiker sich zu beschäftigen begonnen haben, und die Zukunft wird hier sicherlich noch wertvolle Fingerzeige geben, damit man sich vor voreiligen An- Wendungen deS Dopplerschen Prinzip? hütet. Andere wichttge Fragen betreffen die Anordnung der zu unserem Milchstraßensystem gehörigen Sterne, und die Entscheidung darüber, ob wir in den Rebelflecken ungeheuer entfernte Milchstraßensysteme zu erblicken haben, oder ob alle Gebilde, die wir wahrnehmen könilen, unserem eigenen Milchstraßensystem angehören, das von entlegenen Stern- systemen durch dunkle Massen und Staubwolken getrennt ist, in denen auch da? Licht auf seinem langen Wege von den fernen Sternsystemen vollständig absorbiert wird, so daß unser System auch optisch von jenen entlegenen vollkommen getrennt ist. Zum Schluß ging der Vortragende auf die intereffante Frage sin. wie weit man die Naturgesetze z. B. den fundamentalen Satz von der Erhaltung der Energie auf da? ganze Universum ausdehnen kann. Aufgestellt find ja alle Gesetze al? Erfahrungssätze bei be- stimmten völlig abgeschloffenen Systemen, und als ein solches kann man da? Weltall sicherlich nicht ansprechen. Sätze wie der von der Erhaltung der Energie oder von der Vermehrung der Entropie ver- lierea daher bei ihrer Anwendung auf da? Weltall jeden bestimmten faßbaren Sinn, und daher sind auch alle weittragenden Folgerungen, die man für das künftige Schicksal der Welt daraus hat ziehen wollen, vollkommen hinfällig. Freilich ändert da? nicht? an der Tatsache, daß— zum mindesten noch dem heutigen Stande unseres Wiffens— die Wärmestrahlung der Sonne allmählich aufhören wird, und damit nicht nur der einzelne Mensch, sondern alle», was auf der Erde lebt, unentrinnbar der Vernichtung verfallen ist. wenn dem Menschengeschlecht nicht etwa statt de? langsamen Hinsiechen? eine plötzliche Vernichtung durch die Begegnung unsere? Sonnensystem? mit einer kosmischen Staubwolke beschieden ist, wodurch in wenigen Augen- blicken alle auf der Erde geschaffenen materiellen und geistigen Werte in Klammen aufgehen können. An die mit großem Jntereffe und lebhaftem Beifall auf- genommenen Ausführungen schloß sich ein Vortrag des Leipziger Mineralogen Profeffor Rinne über„MineralogischeV.