Anterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 187. Donnerstag, den 25. September. 1913 5] Rittmeiftcr Brand. Erzählung von M ar i e v o n Ebner- Eschenba ch< Neun Jahre hatte er schon gedient und sich mit seinem Stande immer gleich zufrieden gefühlt, als die große Katastrophe im Leben Brands eintrat, als das Unerwarteste, Unglaublichste geschah, als er den Dienst aufgab. Da be währte sich Peter Peters, da betätigte er die Liebe und Danh barkeit, die sich allmählich in ihm gesammelt, aber nie einen Ausdruck gefunden hatte. Ohne ein Wort darüber zu der lieren, als ob es nicht anders sein könnte, brachte er sein Opfer. Er verließ den Dienst, das Regiment, seinen Sinbad und folgte dem Rittmeister, der ihn vor Jahresfrist zu seiner Ordonnanz gemacht hatte,„ins Zivil". Dummer Peter, treuer Peter, dachte Brand, als diese Erinnerungen in ihm aufstiegen, und mit ihnen zugleich alle die anderen, die er nie wissentlich, nie mit Willen herauf- beschwor, die er am liebsten ruhen ließ. Er seufzte schwer Was vorbei ist, ist vorbei: ein SckWächling. der widerbellt gegen die Notwendigkeit. Wenn er noch so tief überlegte. mußte er sich sagen: Alles, was geschehen war, war regelrecht geschehen. Brand hatte gehandelt, wie er seinem Charakter nach handeln mußte, wie er, in dieselbe Lage versetzt, noch einmal handeln würde. Keine Neue— darüber nicht. Er ließ den Kopf auf die Brust sinken— darüber nicht! Schattengleich zog eine schlanke Mädchengestalt an seinem innern Auge vorbei, und er streckte mechanisch ab- wehrend die Hand gegen sie aus. die in ihrer Lieblichkeit vor ihm aufgetaucht war. Verdrießlich über die Träumerei, in die Peters schein- bare Treulosigkeit ihn versetzt hatte, richtete er sich entschlossen auf und schrieb an ein Dienstvermittelungsbureau, das er täglich in seiner Zeitung angekündigt fand. Dann erhielt Peter Peters den Befehl, den Brief abzugeben. Das war für den Mann ein großer Schmerz. Er hätte gern Einwand er- hoben und brachte es doch nur zu einem:„Aber, Herr Ritt- meister", weil seine Stimme in einem Schluchzen erstickte. das uni keinen Preis vor dem stramnien Herrn laut werden durfte. So trug er das unselige Schreiben ins nächste Post- kästchen und ging dann sich ausweinen, zu seiner Magdalena. Am nächsten Vormittage schon stellte sich eine Anzahl Bedienter, vom Dienswermittelungsbureau entsendet, dem Rittmeister vor. Er wählte den, dessen Aeußeres den schärfsten Kontrast zu dem Aeußeren Peters bildete: einen feinen. wunderhübsch frisierten Menschen, der ausgezeichnet gute Manieren und wohlgepflegte Hände hatte. Vier Wochen später, am Hochzeitstage seines Vorgängers, trat er den Dienst an, und zwar, wie er sich ausbedungen hatte, mit dem Range eines Kammerdieners. Bevor Peters seine Braut zum Altar führte, mußte sie mit ihm zu Brand, der die schöne, von Kraft und Gesundheit strotzende Witwe ernsthaft betrachtete und sprach: „Stattlich, stattlich. Du hast Dir eine gewichtige Lebens- gefährtin ausgesucht, Peter." Peter strich über seinen dicken, roten, an den Enden leicht gelockten Schnurrbart und versetzte:„Ick, mag die Mageren nicht." „Und ich," sprach Magdalena und warf dabei einen zart- lichen Blick auf den Auserwählten,„habe mir vorgesetzt: wenn ich wieder heirate, nehmeich einen Großen. Ein Kleiner kann grad so grob sein und mach kein Ansehen." Brand meinte, dem Peter seien noch andere gute Eigen- schaften nachzurühmen als seine Größe, und als ganz armer Schlucker käme er ihr auch nicht ins Haus. Damit legte er ein auf zweitausend Gulden lautendes Sparkassenbuch in die Rechte des Bräutigams und schloß: „Ich danke Dir für Deine treuen Dienste. Werde ein so braver Ehemann wie Du ein braver Diener warst. Leb wohl." Peter schluchzte laut während der ganzen Fahrt zur Kirche, und iwr dem Altare stieß ihn der Bock so heftig, daß er sein„Ja" mehr bellte als sprach. Vom Hochzeitsmahle sprang er auf, als eben die Torte mit den verschlungenen Lettern L und AI serviert wurde, lief hinüber zum Herrn Rittmeister, um zu sehen, ob der „Neue" die Lampe angezündet und das Bad ordentlich her- gerichtet habe. Und am nächsten Morgen kam er, sich zu über- zeugen, wie denn der Kaffee gemacht und die türkische Pfeife gestopft worden war. Einmal da, blieb er auch gleich beim Aufräumen. Als Brand ihn erblickte, fuhr er ihn an:„Was willst Du hier, närrischer Kerl? Geh zu Deiner Frau." Aus diesen Worten fühlte Peter die Eifersucht seines Herrn auf seine Herrin heraus, und Tränen traten ihm in die Augen. Die Eifersucht rührte ihn und der„närrische Kerl" auch. Wer besser dran war nnt seiner Vernunft, wußte Peter gar gut, respektierte aber die Täuschung, in der der Rittmeister sich über diesen Punkt befand. Möge er nur in ihr fortleben und wenigstens d i e Freude haben, der sonst keine hat. Um das grausame Lebewohl, das Brand gesprochen hatte, Lügen zu strafen, fand er sich alle Finger lang bei ihm ein und wünschte ihm eine gute jeweilige Tageszeit. Arbeit gab es„drüben" immer. Der elegante Kammer- diener überließ ihm neidlos die ganze. Seine eigene Tätig- keit beschränkte sich darauf, das Haus durch seine Gegenwart zu schmücken. Aber auch das wurde ihm nach und nach lästig, und eines Abends verschwand er, nachdem er vorher mit seinen wohlgepflegten Händen den Schreibtisch Brands erbrochen und eine reich gefüllte Brieftasche daraus entnommen hatte. Ueber diese kurze Majordomus-Epoche im rittmeiftcr- lichen Interieur wurden nicht viel Worte gemacht. Wie von selbst kam alles ins alte Gleise. Höchstens, daß Peter früher als sonst die kalte Küche zum Souper holen ging und später als sonst zurückkehrte, wozu Brand regelniäßig bemerkte: „Bist schon wieder da?" Einmal fragte er:„Was sagt denn Deine Frau dazu, daß sie Dich so wenig sieht?" Und die Antwort lautete: „Die sagt niemalen nichts. Die hat eine Cousin, der ihrer trifft nur alle vier Wochen einmal nach Haus." 6. Genau am ersten Jahrestage ihrer Vermählung erschien Magdalena Peters bei Dietrich Brand und brachte ohne viel Umstände die Bitte vor. er möge im Fall, daß es ein Bub werden sollte, sich gütigst herbeilassen, ihn aus der Taufe zu heben. Die Erfüllung ihres Wunsches wurde ihr sogleich und mit großem, feierlichem Ernste zugesagt. Brand holte sofort die genauesten Erkundigungen über die Pflichten ein, die er mit der Taufpatenschaft auf sich nahm. Er gedachte sie pünktlich zu erfüllen und erhielt Gelegenheit dazu, denn es wurde ein Bub, ein niedlicher Peter junior. Sei Vater übergoß ihn mit Tränen der Rührung, das Kindlcin nieste, und Dietrich selbst, sehr bewegt durch den ihm völlig fremdartigen Anblick eines neugeborenen Men- schen, führte Peter von der Wiege fort und sagte:' „Blamiere Dich nicht vor Weib und Kind." Brands Fürsorge wuchs nnt ihrem Gegenstande. Er schrieb sich Eigentunisrechte über das Knäblein zu und for- derte, daß ohne Unterlaß an ihm erzogen werde. Frau Magdalena verlor endlich die Geduld.„Dein Rittmeister," sagte sie zu ihrem Manne,„wie der's treibt. Bald wird niemand mehr wissen, bin ich die Mutter oder ist er's!" Peter hatte Mühe, sie niit der Versicherung zu beschwichti- gen, darüber könne kein gesck>eiter Mensch in: Zweifel sein. Das Interesse, das der Rittineister für den kleinen Peter gefaßt hatte, breitete sich allmählich auch auf andere Kinder aus. Man muß doch vergleichen, den Blick schärfen. Ersah- rungen sammeln. Dietrich, der bisher ziemlich gleichgültig an allein vorübergegangen ivar, was- nicht im Atter der Militärpflicht stand, begann nun, dem Kindervolke seine Auf- merksamkeit zu schenken. Es traf sich, daß er mit kleinen Schulbesuchern, Knaben und Mädchen, die mit ihm im selben Hause wohnten und denen er täglich auf der Treppe bc- gegnetc, einen Gruß tauschte. Zu dem Gruße kani bald eine Ansprache, und aus der entwickelten sich nach und nach form- liche Konversationen, die man nicht schon unterm Tor ab- brechen wollte. Nicht selten geschah's, daß Brand deni oder jenem jugendlichen Geschöpfe das Geleite gab bis zur Schule. Er hatte sich zuerst an die Kinder der Armen gewendet ri»d ihr Vertrauen und. bis zu einem gewissen Grade, das ihrer Eltern errungen. Dann schritt er an verfeinerte Ge- sellschaftskreise heran, machte auch da Glück und war bald wieder in seinem Elemente, konnte wieder erziehen. Er übte auch Gastfreundschaft. An jedem Samstagnachmittag Wim- metle es von Jugend in seiner Wohnung- die verschiedensten Stände waren da durch auserlesene Exemplare vertreten. Entsprechende Kost für Kopf und Herz lieferte der Hausherr, das Ehepaar Peters sorgte für den Magen: Ueberladung in irgendeiner Weise kam nicht vor. Glücklich, gesund, von frischem Eifer zur Bravheit beseelt, kehrten die Kinder heim. Im Frühling des zweiten Jahres nach der Geburt des Klein-Peters frühstückte Brand an jedem schönen Morgen statt zu Hause in einem der am Rathausparke gelegenen CafiZs und ging dann in den Park hinüber, wo sein Täufling im Korbwägelchen unweigerlich bis zehn Uhr zu schlafen hatte. Dabei schenkte Brand aber auch fremden Kindern seine Aufmerksamkeit, sah ihren Spielen zu, ermunterte die Schüchternen, ging den Ungeschickten zur Hand, beschützte die Unterdrückten und hatte eine beneidenswerte Art, die Ueber- mistigen und Tyrannischen zurechtzuweisen. Durch eine kurze Bemerkung, einen Blick verstand er zu bändigen, ohne zu empören und zu erbittern. lZorisctzung solgt-l Romeo und jfulia auf dem Dorfe. Seid Wyler Geschichte von Gottfried Keller. 2] Nochdruck verboten. Inzwischen hatten die Väter die Aecker fertig gepflügt uird in frischduftendc braune Fläche umgewandelt. Als nun, mit der letzten Furche zu Ende gekommen, der Knecht des einen halten wollte, rief sein Meister:..Was hältst Du? Kehr noch einmal um!"—„Wir find ja fertig!" sagte der Knecht.—„Halt's Maul und tu, wie ich Dir sage!" sagte der Meister. Und sie kehrten um und rissen eine tüchtige Furche in den mittleren herrenlosen Acker hinein, daß Kraut und Steine flogen. Der Bauer hielt sich aber nicht mit der Beseitigung derselben auf, er mochte denken, hierzu sei noch Zeit genug vorhanden, und er begnügte sich, für heute die Sache nur aus dem Gröbsten zu tun. So ging es rasch in die Höhe empor in sanftem Bogen, und als man oben angelangt und das liebliche Windcswchen eben wieder den Kappcnzipfcl des Mannes zurück- warf, pflügte auf der anderen Seite der Nachbar vorüber mit dein Zipfel nach vorn und schnitt ebenfalls eine ansehnliche Furche vom mittleren Acker, daß die Schollen nur so zur Seite flogen. Jeder sah wohl, was der andere tat, aber keiner schien es zu sehe», und sie entschwanden sich wieder, indem jedes Sternbild still am anderen vorüberging und hinter diese runde Welt hinabtauchtc. So gehen die Weberschiffchen des Geschicks aneinander vorbei, und„was er webt, das weiß kein Weber!" Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder größer und schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen brcitgewordenen Nachbarn. Mit jedem Pflügen wurde ihm hüben und drüben eine Furche abgerissen, ohne daß ein Wort dar- über gesprochen wurde, und ohne daß ein Mcnschenauge den Frevel zu sehen schien. Tic Steine wurden immer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentlichen Grat der ganzen Länge des Ackers nach, und das wilde Gewächs darauf war schon so hoch, daß die Kinder, obgleich sie gewachsen waren, sich nicht mehr sehen konnten, wenn eines dies- und das andere jenseits ging. Denn sie gingen nun nicht mehr gemeinschaftlich auf das Feld, da der zehn- jährige Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon wacker auf feiten der größeren Burschen und der Männer hicjt, und das braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dirnchen war, mußte bereits unter der Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wäre es von den anderen als ein Bubcnmädchen ausgelacht worden. Den- noch nahmen sie während jeder Ernte, wenn alles auf den Acckcrn war, einmal Gelegenheit, den wilden Steinkamm, der sie trennte, zu besteigen und sich gegenseitig von demselben herunterzustoßen. Wenn sie auch sonst keinen Verkehr mehr miteinander hatten, so schien diese jährliche Zeremonie um so sorglicher gewahrt zu werden, als sonst nirgends die Felder ihrer Bäter zusammenstießen. Indessen sollte der Acker doch endlich verkauft und der Erlös einstweilen gerichtlich aufgehoben werden. Die Versteigerung fand an Ort und Stelle statt, wo sich aber nur einige Gaffer einfanden außer den Bauern Manz und Marti, da niemand Lust hatte, das seltsame Stückchen zu erstehen und zwischen den beiden Nachbarn zu bebauen. Denn obgleich diese zll den besten Bauern des Dorfes gehörten und nichts weiter getan hatten, als was zwei Drittel der übrigen unter diesen Umständen auch getan haben würden, so sah man fie jetzt stillschweigend darum an, und niemand wollte zwischen ihnen eingeklemmt sein mit dem geschmälerten Waisenfelde. Die meisten Menschen sind fähig oder bereit, ein in den Lüsten um- gehendes Unrecht zu verüben, wenn sie mit der Nase darauf stoßen; so wie es aber von einem begangen ist, sind die übrigen froh, daß sie es nicht gewesen sind, daß die Versuchung nicht sie betroffen hat, und sie machen nun den Auscrwählten zu dein>schlechtigkeits- messcr ihrer Eigenschaften und behandeln ihn mit zarter Scheu als einen Ableiter des Uebcls, der von dcir Göttern gezeichnet ist, wäh- rcnd ihnen zugleich noch der Mund wässert nach den Vorteilen, die er dabei genossen. Manz und Marti waren also die einzigen, welche ernstlich auf den Acker boten, und nach einem ziemlich hart- näckigen Ucbcrbietcn erstand ihn Manz, und er wurde ihm zugc- schlagen. Die Beamten und Gaffer verloren sich vom Felde, die beiden Bauern, welche sich auf ihren Aeckern noch zu schaffen gc- inacht, trafen beim Weggehen wieder zusammen und Marti sagte: ..Du wirst nun Dein Land, das alte und das neue, wohl zusammen- schlagen und in zwei gleiche Stücke teilen? Ich hätte es wenigstens so gemacht, wenn ich das Ding bekommen hätte."—„Ich werde es allerdings auch tun," antwortete Manz,„denn als ein Acker würde mir das Stück zu groß sein. Doch was ich sagen wollte: Ich habe bemerkt, daß Du neulich noch am unteren Ende dieses Ackers, der jetzt mir gehört, schräg hineingefahren bist und ein gutes Dreieck abgeschnitten hast. Du hast eS vielleicht getan in der Meinung, Du werdest das ganze Stück an Dich bringen, und es sei dann so wie so Dein. Da es nun aber mir gehört, so wirst Du wohl einsehen, daß ich eine solche ungehörige Einkrllmmung nicht brauchen noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn ich den Strich wieder gerade mache! Streit wird das nicht abgeben sollen!" Marti erwiderte ebenso kaltblütig, als ihn Manz angeredet hatte:„Ich sehe auch nicht, wo Streit herkommen soll! Ich denke, Du hast den Acker gekauft, wie er da ist, wir haben ihn alle gemein- schaftlich besehen, und er hat sich seit einer stunde nicht um ein Haar verändert!" „Larifari!" sagte Manz,„was früher geschehe», wollen wir nicht aufrühren! Was aber zu viel ist, ist zu viel, und alles muß zuletzt eine ordentliche gerade Art haben; diese drei Aecker sind von jeher so gerade nebeneinander gelegen, wie nach dem Richtscheit gezeichnet, es ist ein ganz absonderlicher Spaß von Dir, wenn Du nun einen solchen lächerlichen und unvernünftigen Schnörkel dazwischen bringen willst, und wir beide würden einen Uebernamen bekommen, wenn wir den krummen Zipfel da bestehen lassen. Er muß durch- aus weg!" Marti lachte und sagte:„Du hast ja auf einmal eine merk- würdige Furcht vor dem Gcspötte der Leute! Das läßt sich aber ja wohl inachen; mich geniert das Krumme gar nicht; geniert es Dich, gut, so machen wir es gerade, aber nicht auf meiner Seite, das gebe ich Dir schriftlich, wenn Du willst!" „Rede doch nicht so spaßhaft," sagte Manz,„es wird wohl gc- radc gemacht, und zwar auf Deiner Seite, darauf kannst Du Gift nehmen!" „Das werden wir ja sehen und erleben!" sagte Marti, und beide Männer gingen auseinander, ohne sich weiter anzublicken, vielmehr starrten sie nach verschiedener Richtung ins Blaue hin- aus, ajs ob sie da Wunder was sür Merkwürdigkeiten im Auge hätten, die sie betrachten müßten mit Aufbietung aller ihrer Geistes- kräfte. Schon am nächsten Tage schickte Manz einen Ticnstbubcn, ein Tagelöhnermädchen und sein eigenes Söhnchen Sali auf den Acker hinaus, daß sie das wilde Unkraut und Gestrüpp auszögen und auf Haufen brächten, damit nachher die Steine uni so bequemer weg- gefahren werden könnten. Dies war eine Acndcrung in seinem Wesen, daß er den kaum elfjährigen Jungen, der noch zu keiner Arbeit angehalten worden, nun mit hinaussandte, gegen die Ein- spräche der Mutter. Es schien, da er es mit ernsthaften und gc- salbten Worten tat, als ob er mit dieser Arbeitsstrenge gegen sein eigenes Blut das Unrecht betäuben wollte,'in dem er lebte, und welches nun begann, seine Folgen ruhig zu entfalten. Das aus- gesandte Völklein jätete inzwischen lustig an dem Unkraut und backte mit Vergnügen an den wunderlichen Stauden und Pflanzen aller Art, die da seit Jahren wucherten. Denn da es eine außer- ordentliche, gleichsam wilde Arbeit war, bei der keine Regel und keine Sorgfalt erheischt wurde, so galt sie als eine Lust. Das wilde Zeug, an der Sonne gedörrt, wurde aufgehäuft und mit großem Jubel verbannt, daß der Qualm weithin sich verbreitete und die jungen Leutchen darin herumsprangen, wie besessen. Dies war das letzte Freudenfest auf dem Unglücksfcldc, und das junge Vrenchen, Maitis Tochter, kam auch hinausgeschlichen und half tapfer mit. Das Ungewöhnliche dieser Begebenheit und die lustige Aufregung gaben einen guten Anlaß, sich seinem kleinen Jugendgespielen wieder einmal zu nähern, und die Kinder waren recht glücklich und munter bei ihrem Feuer. Es kamen noch andere Kinder hinzu, und es sgmmcltc sich eine ganz vergnügte Gesellschaft; doch immer, sobald sie getrennt wurden, suchte Sali alsbald wieder neben Vrenchen zu gelangen, und dieses wußte desgleichen immer vcr- gnügt lächelnd zu ihm zu schlüpfen, und es war beiden Kreaturen, wie wenn dieser herrliche Tag nie enden müßte und könnte.� Doch der alte Manz kam gegen Abend herbei, um zu sehen, was sie aus- gerichtet, und obgleich sie fertig waren, so schalt er doch ob dieser Lustbarkeit und scheuchte die Gesellschaft auseinander. Zugleich zeigte sich Marti auf seinem Grund und Boden, und seine Tochter gewahrend, psiff er derselben schrill und gebieterisch durch den Finger, daß sie erschrocken hineilte, und er gab ihr, ohne zu wissen warum, einige Ohrfeigen, also dah beide Kinder in großer Traurig- keit und weinend nach Hause gingen, und sie wußten jetzt eigentlich so wenig, warum sie traurig waren, als warum sie vorhin so ver- gnügt gewesen; denn die Rauheit der Väter, an sich ziemlich neu, war von den arglosen Geschöpfen»och nicht begriffen und konnte sie nicht tiefer bewegen. Die nächsten Tage war es schon eine härtere Arbeit, zu welcher Mannsleute gehörten, als Manz die Steine aufnehmen und weg- fahren ließ. Es wollte kein Ende nehmen, und alle Steine der Welt schienen da beisammen zu sein. Er ließ sie aber nicht ganz vom Felde wegbringen, sondern jede Fuhre auf jenem streitigen Dreiecke abwerfen, welches Marti schon säuberlich umgepflügt hatte. Er hatte vorher einen geraden Strich gezogen als Grcnzscheidc und be- lastete nun dies Fleckchen Erde mit allen Steinen, welche beide Männer seit unvordenklichen Zeiten herübergeworfen, so daß eine gewaltige Pyramide entstand, welche wegzubringen Marti wohl bleiben lassen würde, dachte er. Marti hatte dies am wenigsten erwartet; er glaubte, sein Gegner werde nach alter Weise mit dem Pfluge zu Werke gehen wollen, und hatte daher abgewartet, bis er ihn als Pflügcr ausziehen sähe. Erst als die Sache schon beinahe fertig, hörte er von dem schönen Denkmal, welches Manz da er- richtet, rannte voll Wut hinaus, sah die Bescherung, rannte zurück und holte den Gemeindeamman, um vorläufig gegen den Stein- hausen zu protestieren, um den Fleck gerichtlich in Beschlag nehmen zu lassen, und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im Prozeß miteinander, und ruhten nicht eher, bis sie beide zugrunde gerichtet waren. Die Gedanken der sonst so wohlweiscn Männer waren nun so kurz geschnitten wie Häcksel; der beschränkteste Rcchtssinn von der Welt erfüllte jeden von ihnen, indem keiner begreifen konnte noch wollte,.wie der andere so offenbar unrechtniäßig und willkürlich den fraglichen unbedeutenden Ackerzipfel an sich reißen könne. Bei Manz kam noch ein wunderbarer Sinn für Symmetrie und paral- lcle Linie hinzu, und er fühlte sich wahrhast gekränkt durch den aberwitzigen Eigensinn, mit welchem Marti auf dem Dasein des unsinnigsten und mutwilligsten Schnörkels beharrtc. Beide aber trafen zusammen in der Ueberzeugung, daß der andere, den anderen so frech und plump übervorteilend, ihn notwendig für einen verächtlichen Tummkopf halten müsse, da man dergleichen etwa einem armen, haltlosen Teufel, nicht aber einem aufrechten, klugen und wehrhaften Manne gegenüber sich erlauben könne, und jeder sah sich in seiner wunderlichen Ehre gekränkt und gab sich rückhalt- los der Leidenschaft des Streites und dem daraus erfolgenden Ver- falle hin, und ihr Leben glich fortan der träumerischen Qual zweier Verdammten, welche, auf einem schmalen Brette einen dunklen Strom hinabtreibend, sich befehden, in die Luft hauen und sich selber anpacken und vernichten, in der Meinung, sie hätten den Feind gc- faßt. sFortsetzung folgt.) OeutlcKer J�aturforfcbcrtacf. An den ersten beiden Kongrehtagen fanden viele Einzelsitzun- gen der 34 Abteilungen statt. Einige Abteilungen traten für bc- londere Vorträge zusammen. Von diesen nennen wir vor allem den Vortrag des berühmten Züricher Physikers Pros. Einstein vor den Abteilungen für Mathematik, Astronomie und Physik über das Thema: Der gegenwärtige Stand des Gravitations- Problems. Ilutcr dem Gravitationsgesetz versteht man das von Aewton vor etwa 2-2ö Iahren aufgestellte Gesetz der allgemeinen Massen- anziehung, das besagt, daß die Bewegungen der Himmelskörper so erfolgen, als ob zwischen je zwei Massen eine anziehende Kraft wirksam ist, die entsprechend der Größe der Massen wächst und entsprechend der mit sich selbst multiplizierten Entfernung der Massen abnimmt, so daß bei doppelter Entfernung die wirksame Kraft nur noch den vierten Teil beträgt, bei dreifacher Entfernung den neunten Teil, bei vicrfacker Entfernung den sechzehnten Teil usw. Dieses Gesetz regelt nicht nur die Bewegungen der Himmels- körpcr, auch die Schwere der Massen aus der Erde stellt einen Spezialsall der allgemeinen Massenanziehung dar. Bei allen Be- wegungen sowohl am Himmel wie aus der Erde hat sich das Gesetz so genau zutreffend erwiesen, daß vom Standpunkt der Erfahrung aus kein Grund vorliegt, an seiner strengen Gültigkeit zu zweifeln. Trotzdcnr gibt es heute kaum noch einen Physiker, der au der strengen Gültigkeit des Newtonschen Massenanziehungsgesetzes fest- hält. ES beruht das auf dem umgestaltenden Einfluß, den die Eni- Wickelung unserer Kenntnis der elektromagnetischen Vorgänge in den letzten Jahrzehnten mit sich gebracht hat. Nach dem Muster des Newtonschen Gesetzes waren auch die Gesetze ausgestellt, die die elektromagnetischen Vorgänge beherrschen. Hiernach sollten elektrische Massen, magnetische Massen, Stromelc- mcntc Fernwirkungen aufeinander ausüben, die der Schwere- Wirkung analog ssiud und ebenso wie diese zu ihrer Fortpflanzung durch den Raum keine Zeit brauchen. An die Stelle dieser unver- mittclten Fernwirkungen setzte Maxwell im Verfolg der Gedanken des genialen Faraday eine Wirkung von Punkt zu Punkt, und Hertz verhalf vor LS Jahren dieser Theorie zum Siege, indem er»xpcri- mentell nachwies, daß die elektrische Kraft zu ihrer Fortpfhiuizung Zeit braucht. Nachdeni so die Theorie von in die Ferne wirkenden Kräften auf dem Gebiete der Elektrodynamik als unhaltbar erkannt war, wurde auch das Vertrauen in die Richtigkeit der Jernwirkungs- theorie der allgemeinen Schwere erschüttert, und es brach sich die Ueberzeugung Bahn, daß das Newtonsche Gravitationsgcsetz die Erscheinungen der allgemeinen Schwere keineswegs in ihrer Gc- samtheit umspanne. Daß es trotzdem bei Berechnung der Bc- wegungen der Himmelskörper bisher ausreichte, glaubte man darauf zurückführen zu können, daß die Geschwindigkeiten und Bc- schleuuigungen jener Bewegungen klein sind. Freilich übertreffen diese kosmischen Geschwindigkeiten bei weitem alle, die wir auf der Erde erzeugen können, sie betragen immerhin mehrere Meilen in der Sekunde, während die Geschwindigkeit der schnellsten Geschosse noch nicht KXX) Meier in der Sekunde erreicht. Aber im Vergleich zur Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes(ZOOM) Kilometer in der Sekunde) sind sie doch winzig, beispielsweise beträgt die der Erde bei ihrem Laufe um die Sonne nur den Ill lXXl. Teil davon, 30 Kilometer in der Sekunde. In der Tat läßt sich zeigen, daß unter der Annahme, die Bewegungen der Himmelskörper seien durch elektrische Kräfte hervorgerufen, die von elektrischen Ladungen aus den Himmelskörpern herrühren, wir aus diesen Bewegungen die Maxwellschen Gesetze der Elektrodynamik nicht würden er- schließen können. Es ist also durchaus nicht unlvahrscheinlich, daß auch das Newtonsche Gesetz der allgemeinen in die Ferne wirkenden Schwere einer Erweiterung bedarf, die keineswegs aus den Be- wegungen der Himmelskörper erschlossen werden kann. Freilich lagen zunächst keine direkten Gründe vor, die eine solche Erweite- rung gebieterisch forderten. Das hat sich geändert durch die seit einigen Jahren aufgestellte und bei den Physikern zu immer grö- ßerem, wenn auch nickt unbczweiscltem Ansehen gelangte sogen. Relativitätstheorie. Die Grundlage dieser Theorie können wir in folgender Weise klar machen: Wenn sich jemand in einem gleichmäßig in gerader Linie fahrenden Eisenbahnwagen befindet, dessen Fenster verhängt sind, so ist es ihm unmöglich zu entscheiden, in welcher Richtung und mit welcher Geschwindigkeit der Wagen fährt; wenn von dem unver- meidlicken Rütteln des Wagens abgesehen wird, so ist es nicht ein- mal möglich zu entscheiden, ob der Wagen fährt oder nicht. Abstrakt ausgedrückt: mit Bezug auf eiu gegen das ursprüngliche Bezugs- shstem(Erdboden) gleichförmig bewegtes System(Wagen) sind die Gesetze des Geschehens die nämlichen wie mit Bezug auf das ur- sprüngliche System(Erdboden). Diese Aussage enthält das Rela- tivitätsprinzip der gleichförmigen Bewegung. Zu den logischen Folgerungen der hierauf ausgebauten Relativitätstheorie gehört auch die, daß es in der Natur kein Mittel gibt, das uns gestattet, Signale mit einer größeren als der Lichtgeschwindigkeit zu senden. Gilt aber das Newtonsche Gesetz streng, so müßten Bewegungen einer schweren Masse i» einem Punkte ganz momentan auch Acndc- rungen im Bewegungszustand einer von ihr weit entfernten schweren Masse zur Folge haben, es könnten also von einem Orte nach einem entfernten ganz momentan Signale gesendet werde«— im Widerspruch mit der Relativitätstheorie. . Namhafte Physiker sind hierdurch zum Fallenlassen der Rela- tivitätstheorie bewogen worden. Einstein, einer ihrer hauptsäch- lichsten Schöpser und Vertreter, versucht umgekehrt die Gravi- tationstheorie so zu erweitern, daß sie mit der Relativitätstheorie verträglich wird. Auch von anderer Seite ist dies schon versucht worden. In seinem Vortrage legte Einstein diese Versuche aus- fnhrlich dar, worauf hier wegen der schwierigen mathematischen Einzelheiten nicht näher eingegangen lvcrdcn kann. Es sei nur erwähnt, daß der neue Einsteinsche Versuch mit einer Erweiterung des Relativilätsprinzips selbst verbunden ist, so daß es auch für ungleichmäßige Bewegungen Geltung haben soll. Er versucht das auf folgende Weise klarzumachen: Zwei Physiker erwachen aus narkotischem Schlafe und bc- merken, daß sie sick in einem geschlossenen Kasten mit undurch- sichtigen Wänden befinden, verschen mit all ihren Apparaten. Tie haben keine Kenntnis davon, wo der Kasten angeordnet bzw. ob und wie er bewegt ist. Sie stellen nun fest, daß Körpcr, die in die Mitte des Kastens gebracht und losgelassen werden, alle nach derselben Richtung— sagen wir nach unten— mit einer allen gc- meinsamen Beschleunigung fallen. Hieraus schließt der eine, daß der Kasten ruhig aus einem Himmelskörper liegt und daß die Rich- hing nach unten die nach dem Zentrum des Himmelskörpers ist. Der andere vertritt den Standpunkt, daß der Kasten durch eine außen an ihm angreifende Kraft in gleichförmig beschleunigter Bewegung erhalten sein könne. Wir kennen kein Mittel, nach dem sie entscheiden tonnten, wer Recht hat. Ist dies aber prinzipiell nicht unterscheidbar, so tonimt der Beschleunigung ebenso wenig eine absolute physikalische Bedeutung zu wie der Geschwindigkeit, und das Relativitätsprinzip wäre dann auf den Fall beschleunigter Bezugssysteme auszudehnen. Ans den Rechnungen Einsteins, auf die im einzelnen hier natürlich nicht eingegangen werden kann, ergibt sich, daß durch die Anhäufung von Massen in der Nähe eines ruhenden Masscnpunites seine Trägheit erhöbt wird. Dann, wird man die Trägheit eines Punktes als durch die Existenz der übrigen Massen bedingt ansehen müssen, und so erscheint die Trägheit bedingt als eine Art Wechsel- kirkunH des zu beschleunigenden Massenpiinlies mit allen übrigen Mafienpunkten. Der Trägheitswiderstand erscheint so als ein Widerstand gegen Relativbeschleunigung des betrachteten Körpers gegenüber der Gesamtheit aller übrigen. Durch diese Folgerung von der Relativität der Trägheit unter- scheidet sich die Einsteinsche Erweiterung des Gravitationsgesetzes von anderen, und es wird, wie Einstein hofft, bei Sonnensinster- nissen durch Aufnahmen von neben der Sonne erscheinenden Sternen möglich sein, zu entscheiden, ob der von ihm eingeschlagene Weg auch der Natur entspricht. bt. Kleines feuUleton. Technisches. Eine.unfallsichere E isenbahn Bei Watchet in der Grafschaft Somerset haben dieser Tage Versuche mit der„Unfall- sicheren Eisenbahn' stattgefunden, die ein reicher Australier, A. R. AnguS, sich dort gebaut hat. Vor drei Jahren kam dieser Herr aus Australien nach England und behauptete, man miisse eine Eisenbahn bauen können, auf der Zusaminenslötze unmöglich sind. Er setzte diese» Plan dann in die Tal um und hat nun, wie die vorliegenden Berichte zeigen, seine Abficht anscheinend auch durch« geführt. Herr AnguS hat nämlich einen Vertreter der.Daily Mail' cm einer Versuchsfahrt teilnehmen lassen, und dieser Journalist teilt darüber folgendes mit: „Auf Einladung des Hern: AnguS habe ich eine Fahrt auf der unfallsicheren Eisenbahn gemacht. Die Eisenbahn hat durchaus keine Signale, wie man sie sonst sieht. Zu- erst fuhren wir mit 60 Meilen(96 Kilometer) in der Stunde über die freie Strecke und durchfuhren nach einander die drei Blöcke, in die die Eisenbahnlinie eingeteilt ist. Jedesmal wenn die Maschine einen neuen Block erreichte, erklang eine Glocke und zeigte an, dast die Strecke frei sei.„Jetzt wollen wir sehen', sagte dann Herr Angus.„was sich ereignet, wenn eine andere Maschine auf der Strecke ist'. Durch eine Koutrolleinrichtung setzte er sich dann mit dem Hauptquartier iu Verbindung und wies einen Maschinenführer an, mit einer Maschine innerhalb eines Blockes zu fahren. Da die Strecke eingleisig ist, befand sich die andere Maschine nun unmittelbar vor uns.„Wir werden jetzt schneller fahren', sagte Herr AnguS dann,.um die Maschine einzuholen. Der Führer tut so, als ob er sie nicht bemerkt, und wir werden sehen, was geschieht." Der Maschinenführer fuhr also weiter, die Geschwindigkeit wurde immer grösser und vor uns wurde die andere Lokomotive sichtbar. Es war durchaus nicht einzusehen, warum tvir nicht in die hineinfahren sollten. Plötzlich erscholl jedoch die Pfeife der Lokomotive, ohne dass der Führer eine Hand dazu gerührt hätte. DaS Pfeifen sollte natürlich eine Warnung für den Lokomotivführer sein, aber im vorliegenden Falle spielte der Führer den Tauben. Ein paar Augenblicke später horte man Dampfzischen, dann kreischten die Bremsen, die Lokomotive wurde langsamer und blieb stehen, wieder, ohne daß der Führer mich nur die Hand gerührt hätte. DaS„Gehirn" der Lokomotive hatte also ein Unglück verhütet." Natürlich hat der englische Journalist sich nach der Arbeits- weise dieses Sicherheitssystems erkundigt, jedoch hat er nur erfahren können, was cS leistet, nicht wie dies bewirkt wird. Tatsächlich arbeiten die Sichcrheitsvorrichtungen ganz automatisch; automatisch ivird das Warnungszeichen ausgelöst, wenn die Strecke nicht frei ist, und ebenso automatisch wird dann die Lokomotive zum Stehen gebracht, falls der Lokoinotivführer nicht eingreift. Man darf ge- spannt auf weitere Einzelheiten über diese zusammenstobsichere Eisenbahn sein. Der älteste Tunnel. DaS Interesse, das dem projektierten Bau eines Tunnels zwischen Frankreich und England entgegengebracht wird, rechtfertigt wohl die Frage nach den, Alter des Tunnels über- Haupt. Solveit die geschichtlichen Nachrichten zurückreichen, dürfte »vohl der S i l o a- T lur n e l als der älteste Tunnel anzusprechen sein. Er befindet sich in der Nähe des OrteS Silva in einer unter- irdischen Grotte und ist nach einer Notiz im alten Testament von König Hiskia von Jerusalcnr, der von 727 bis 669 v. Chr. regierte, erbaut worden. Eine Inschrift beschreibt den Borgang der Durch- stechung dieses Tunnels, der noch heute in einer Länge von 533 Meter das Wasser der Siola-Ouelle aufnimmt. Sie lautet: „Als noch drei Ellen zw durchstechen waren, so vernahm man die Stimme des einen, der dem anderen zurief; denn cS war ein Spalt im Felsen von der südlichen Seite her. lind am Tage der Durch« stechung schlugen die Stcinhauer einander entgegen, Hacke auf Hacke. Da flössen die Wasser vom Ausgang in den Teich, 1299 Ellen weit. Um 199 Ellen war die Höhe des Felsens über dem Kopf der Steinhauer." Die Inschrift, die sich jetzt im Museum von Konstantiuopel be- findet, ist in zlviefacher Beziehung interessant, einmal weil sie das älteste bis jetzt bekannte Schriftstück in hebräischer Schrift darstellt und dann wegen ihrer lebhaften und aiischaulicheil Darstellung. Man ersieht daraus, daß der Tunnel gleichzeitig von beiden Seiten in Angriff genommen wurde; es muß also zuvor ein genauer Plan ausgearbeitet worden sein, der so sicher war, daß die beiden Stollen bis aus wenige Zentimeter aufeinander führten. Der Tunnel ist nach Messerschmitt 69—89 Zentimeter breit und etwas gekrümmt, was wohl mit dem Gestein zusammenhängt. Seine Höhe beträgt am nördlichen Ausgang 1,89 Meter und nimmt gegen die Mitte auf 46 Zentimeter ab, nach der südlichen Seite steigt sie bis 3 Meter au. Das Gefäll des Wassers beträgt nur 30 Zenttmeter, so daß also die horizontale Lage vorzüglich gelungen ist. Länderkunde. Die norddeutsche Ebene als Steppe. Nach den Lehren der Naturwiffenschaft ist die norddeutsche Tiefebene nach der Eiszeit eine große Steppe gewesen. Diese Annahme beruht Haupt- sächlich auf den Untersuchungen von Profesior Nehring, der den Nach- weis geführt hat. daß damals vorzugsweise oder ausschließlich Steppentiere in diesem Gebiet lebten. Wenn diese Auffassung richtig wäre, so müßte sie durch die Ergebniffe botanischer und klimatischer Forschungen bestätigt werden. Ob das geschehen kann, hat Dr. Scholz in einem Auffatz der botanischen Jahrbücher erörtert. Heute besteht ein starker Gegensatz zwischen dem milden Klima deS nordwestlichen Europa und dem trockenen Klima in den Steppen deS südlichen Rußland und deS westlichen Sibiriens. Es müßte also vorausgesetzt werden, daß sich nicht nur die Steppenformation sondern auch mit ihr ein trockeneres Klima von Rußland bis weit nach Westen auS- gedehnt habe. Nehring fand die Beweise dafür in den Tierresten, die im Löß der norddeutschen Tiefebene erhalten geblieben find. Scholz hat die Frage botanisch untersucht, und zwar in der Provinz West- preußen. Er ist zw dem Schluß gelangt, daß aus den Eigen- schaften der Pflanzenwelt eine Bekräftigung jener Theorie nicht zu entnehmen ist. Er stützt seinen Einspruch hauptsächlich auf die Verbreitung des charakteristischen Steppengrases Ltixa xsuuata und einiger in dessen Begleitung wachsenden Pflanzen, die in Weslpreußen zu finden, wahrscheinlich aber nicht vom Osten her eingewandert sind. Sie zeigen nämlich in ihrem Vorkommen eine Anordnung von Südosten nach Nordwesten und danach nimmt Dr. Scholz an, daß sie längs der Täler der Weichsel oder der Elbe in die norddeutsche Tiefe ein- gewandert sind. Jttsolgedesien spricht nichts sür einen alten Zu« sammenhang der norddeutschen Steppe mit denen im heutigen Rußland und Sibirien, obgleich andererseits auch kein bündiger Beweis gegen die Behauptung geliefert ist, daß nach der Eiszeit in Norddeutschland überhaupt ein Steppcnklima geherrscht habe. Altertumskunde. Der gallische Goldschatz im Museum von An- c o n a. Vor einigen Monaten wurde bei F i l o t t r a n o in der Provinz Ancona in gallischen Gräbern eine Unmenge goldenen Schmucks gefunden, der jetzt den Sammlungen des Museums von Ancona einverleibt ist. Es handelt sich um Schmuckstücke von außer- ordentlicher Pracht, um Halsbänder aus Goldplättchen mit Gc- hängen, die Blumendekorationen, Masken usw. darstellen, um gol-' dene Parfumflaschen, Armbänder usw. Außerdem finden sich in dem Goldschatz zahllose Ringe, Siegel. Ketten usw. Die staunen- erregenden Mengen dieses Goldschmucks haben gleich nach der ersten Entdeckung den Gedanken nahegelegt, daß es sich dabei um einen Teil des Goldes handelt, das die semnonischen Gallier von der Plünderung Roms heimgebracht haben, oder um die 1909 Pfund dieses Metalls, die sie als Preis für die Aufhebung der Belage- ruug des Kapitals eingetrieben haben sollen. Die erste Auffindung des gallischen Grabfeldes ist dem Zufall zu danken. Um dann die Ausgrabungen systematisch fortzuführen, wurde der Grund und Boden mit einem amerikanischen Pfluge be- ackert, der die Erde bis 59 Zentimeter tief aufwirft. Ueberall, wo bei dieser Arbeit verschiedene Erdsorten zutage kamen, nahm man an. daß Ausgrabungen vorgenommen worden waren, und grub in die Tiefe, wo sich ungefähr 1 bis V/i Meter unter der Oberfläche die Grabstätten finden.' Bis heute hat man zehn unberührte Gräber gefunden; andere waren bereits geplündert. Einige Gräber sind offenbar solche von reichen Frauen, wie sich au» den herrlichen Schniuckgegcnständen in Gold, Silber, Bernstein, Elsen- bcin, Glasmasse, Bronze und Terracotta schließen läßt. Die gallische Herkunft eines Teils der gefundenen Gegenstände läßt sich aus den dargestellten Symbolen erkennen. So zeigen die Siegelringe ungefähr dieselben Zeichnungen von Drachen, Pan- tbern, Pferden usw., die sich auf den gallischen Münzen vom 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. finden. Es finden sich auch Darstellungen aus der keltischen Mythologie. Ein Unikum stellt ein zierlich gc- arbeitctcr Korb dar mit beweglichen Henkeln, aus Holz, mit präch- tigcr Bronzeberkleidung und Metallichuppung. Weder aus der griechischen noch aus der ctruskischcn Kunsi ist ein ähnliches Objekt erhalten geblieben. Neben gallischen Kunstgegenständcn schließen die Gräber auch griechische und italienische Vasen ein. Auch ein kostbares griechisches Gehänge wurde gesunden, auf dem Theseus dargestellt ist, der der Gorgona das Haupt abschlägt. Die Dar- stellung ist von- seltener Schönheit. Bcrantw. Redakteur: Alfred Wirlcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: BorivärlsBuchdruckerei u.Veriagsanstalr Paul Singer«-Co., Berlin