Anterhaltungsblalt vorwärts Nr. 189. Sonnabend, den 27. September. 1913 7, Rittmciftcr Brand. Erzählung von Marie von Ebner- Esche nbach. 8. Das war ein Schmuckkästchen. Die Wände mit hell- blauem Seidenstoff verkleidet, die Möbel ebenso überzogen, Tische, Tischchen, Etageren von den verschiedensten Formen, mit teils sehr kostbaren Nippesgegenständen besetzt, ein großer Ankleidespiegel in vergoldetem Gestell, und mitten in all der Pracht die berühmte, geniale, viel umworbene Madame Amalie. Sie war schön und geschmackvoll angetan in einem spitzenbesetzten Schlafrock aus Atlas, der wie die Abendröte schimmerte und eine zwei Meter lange Schleppe hatte. Der Anzug war ein Kunstwerk und machte so schlank als möglich� aber auch den höchsten Toilettekünsten sind die Wege gewiesen; Anmut konnten sie der vierschrötigen Gestalt nicht verleihen, die sich beim Eintreten Brands von dem Ruhebette erhob. Der Kopf Madame Amalies saß auf kräftigem Nacken und trug eine Fülle stark angegrauter Haare. Die gewellte, gelockte Frisur erinnerte in ihrem künstlichen architektonischen Aufbau an die der römischen Kaiserinnen. Das Gesicht hatte einen ausgesprochenen Negertypus, aber die Augen waren schön und intelligent. Leider befanden sie und auch die Nase sich eben in einem Zustande, der nicht gleich erraten ließ, ob die Dame geweint hatte oder an Schnupfen litt. Als Dietrich eintrat, rieb sie sich eben die Schläfen mit weißer Matteischer Elektrizität. Auf einem Tischchen neben ihr befanden sich allerlei Riechmittel: in einer mit heißem Wasser gefüllten Achatschale verdampften einige Tropfen Fichtennadclextrakt. Brand dankte in seiner ritterlichen Weise für die Gunst, die Madame Vernon ihm erwies, ihn trotz ihres Unwohlseins zu empfangen. Er wollte ihre Güte nicht mißbrauchen, sie nicht lang in Anspruch nehmen: er kam nur, um sich von ihr Auskunft zu erbitten über die beiden Kinder, die eben bei ihr gewesen waren. Nicht Neugier leite ihn, sondern ein ernstes Interesse, dessen Grund er ihr, wenn sie es gestatte, ein nächstes Mal darlegen werde. Madame Amälie versicherte ihn, daß sie bei einem Manne„cke sa trernpe" nur die edelsten Absichten voraus- setze, zögerte aber doch mit der Antwort, als er nach dem Familiennamen der Kleinen fragte. „Fürchten Sie nicht, ein Geheimnis zu verraten," sagte er und faßte sie scharf ins Auge.„Es sind die Kinder des Majors von Müller." Sie widersprach nicht. „Eines meiner besten Freunde und einstigen Kameraden," fuhr er fort,„der vor drei Jahren in seiner Vaterstadt .Klausenburg gestorben ist. Ein nur zu edler und großmütiger Mensch." „Certainemeat," fiel die Französin ein, so großmütig für andere, daß die Seinen in der g6ue zurllckblieben."• „G6ne?" wiederholte Brand mit qualvoll gepreßter Stimme. Was ich eben gesehen habe, ist schlimmer als gSae. Diese Kinder sind schlecht genährt, schlecht gekleidet, sie darben." „Nun, jetzt eigentlich nicht mehr," meinte Madame Vernon und widerstand nicht länger der Versuchung, Monsieur Brand, der ein so„noble eoeur">var und so tiefe Teilnahme für die Hinterbliebenen seines Freundes hatte, die ganze Wahrheit zu sagen, und bei dieser Gelegenheit sich selbst in schönen: Lichte zu zeigen. Dietrich erfuhr nun alles. In der langen Krankheit des Majors waren die Neste des Vermögens aufgebraucht und leider sogar einige Schul- den gemacht worden. Sophie mußte ihre Pension auf Jahre hinaus verpfänden, um die dringendsten Gläubiger zu be- friedigen. Sic wäre dem Elend preisgegeben gewesen ohne ihr außergeivöhnliches, dem der großen Wiener Modistin kongeniales Talent. Mit ihren„ckoigts de f6e" gewann sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder. Kärglich, tvie sich von selbst versteht,„inou Dieu, en proyincel" bis eine Verwandte Madame Amalies und Gattin eines öfter- reichischen Oberstleutnants nach Klausenburg kam, dort erst die Werke Frau von Müllers, dann sie selbst kennen lernte und eine begeisterte Freundschaft und Beivunderung für sie faßte. „Unglück und Talent,(preis titres auf unsere Teilnahme, Monsieur," sprach die Modistin mit einer pathetischen Gebärde. Die Frau Oberstleutnant brauchte nur einige Proben der Kunstfertigkeit Sophie Müllers an Madame Vernon zu schicken, um ihr Mitgefühl für die arme Witwe zu erwecken. Amölie hatte ihr sogleich geschrieben und sie eingeladen, nach Wien zu kommen. Seit einem halben Jahr war sie ba, stellte ihre Begabung und ihren Fleiß ausschließlich in den Dienst des Hauses Vernon und dürfte keinen Grund haben, es zu bereuen. Sie wurde besoldet wie keine zweite. Ihre Verhältnisse müssen sich jetzt schon gebessert haben. „Müssen sich? Sie wissen nichts Genaues darüber?" fragte Brand. „Das nicht. Frau von Müller spricht nie von sich. Sie ist sehr stolz, sehr zurückhaltend." „Jawohl, sehr stolz." Er beugte sich vor dem niederen Fauteuil, den Madame Am6lie ihm angewiesen hatte, und wieder mußte sie den forschenden Blick seiner ernsten, grund- ehrlichen?lugen eine ganze Weile hindurch aushalten und tat es mit der Unbefangenheit eines vortrefflichen Gewissens. Plötzlich gab sie ihrem Kopfe einen kleinen Ruck, ein mut- williges Lächeln glitt verschönernd über ihr derbes Gesicht, und sie sprach: „Ja, ja, Monsieur, ich bin eine gute und brave persvaae, man kann auf mich zählen." Brand verneigte sich:„Gut und brav, ich bin überzeugt. Aber außerdem auch Gedankenleserin. Ich bewundere. Eure echte Künstlerin freilich hat immer etwas Divinatorisches." „O Monsieur!" Ihre Augen glänzten vor Freude über diese Schmeichelei:„Vouk fites aussi aiaiable que cfilfibre." Er lehnte ab; loben Sie mich nicht. Ich habe große Schwächen." „Zum Beispiel?" „Unter anderen: eine gewisse Schwäche für Dainen- Mode-Artikel," erwiderte er scherzend.„Ich wäre zum Bei- spiel neugierig, die Putzgegenstände zu sehen, die Frau Major Sophie von Müller Ihnen eben geschickt hat. Ich möchte diese Putzgegenstände sogar an mich bringen." Amfilie war erstaunt:„Sind Sie verheiratet?" „Nicht im geringsten. Aber ich habe Cousinen und sogar Nichten"... „Die Brand heißen?" Beinahe wäre der Zusatz:„Brand taut eourt?" ihr entwischt, doch verschluckte sie ihn noch rechtzeitig. „Brand und anders," erwiderte Dietrich. „Anders?" Sie war auf einmal merkwürdig kühl ge- ivorden, sie bedauerte, auch nicht über ein Stück im Magazin verfügen zu können, der Bedarf war so groß, der Vorrat so klein, man mußte doch einige Auswahl haben für die älteren, werten Kunden. „Ich würde höhere Preise bezahlen als Ihre ältesten, wertesten Kunden," sagte Dietrich langsam, nachdrücklich, aber auffallend sanft und fast liebreich. „Bedaure. Ich habe eine große Verehrung für Herrn Rittmeister Brand, aber seine Nichten müssen warten." Da ergriff er ihre kleine, harte, bräunliche Hand und führte sie rasch an seine Lippen:„Respekt vor Ihnen, Madame! Ihr Verdacht ist ganz unbegründet— Ihre brave Gesinnung steht wie ein Fels. Ich sehe voraus, daß sich eine gute Freundschaft zwischen uns bilden wird." Entzückt über seinen Handkuß, aber doch noch etwas un- sicher, bat Amfilie, ihr zu verzeihen, wenn sie ihm Unrecht getan habe. „Ich verzeihe jeder Frau jeden, auch den schnödesten Verdacht gegen jeden Mann in dem einen Punkte," entgegnete er. Wir verdienen es nicht besser— im allgemeinen." Seine Worte wirkten wie ein Petrolcumguß in er- sterbendes Feuer. Sie richtete sich auf, sie rückte näher zu ihm und brach flamme� und hochatmend in einen Hymnus des Lobes aus. Rittmeister Brand war mehr als liebens- wiirdia und berühmt, er war einzig. Er kannte.sein Ge- schlecht. O, und sie ebenfalls, wenn auch nur in einem Ercmplar, in dem freilich die Fehlerhaftigkeit 6« tont le xanre masculin vertreten war. O, wenn er ahnen könnte! tvenn er wußte... Ein diskretes Klopfen an der Tür unterbrach sie. Fräulein Julie zeigte sich, sie trug einen Karton unter dem Arme und meldete, die Fürstin A. habe sich ansagen lassen, und da mußte Madame doch bestimmen, ob die heutige Sendung Sophie Müllers sogleich oder erst zuletzt vorgezeigt werden solle. Mit zierlichst gerundeten Handbewegungen ent- nahm sie dem eleganten Behältnisse nacheinander vier Hüte und stellte sie auf Haubenstöckchen vor die Gebieterin hin: Nein, das waren wieder Sachen! Sachen! Nicht eines dieser„Hüterin" würde auch nur einen Tag alt werden im Salon. Tie Fürstin A. würde gewiß zwei Stück nehmen und Prinzessin B. die anderen zwei: sie waren wie geboren für die beiden Damen, und nur auf ihren Häuptern wollte Fräulein Julie sie sehen. Der Baronin C. dürften sie gar nicht vor Augen kominen, die kauft sonst den wirklichen Damen alle vier auf einmal weg. Amslie prüfte jeden einzelnen Hut genau:„Ja, Madame Miillör ist erstaunlich, sie übertrifft sich bei jeder neuen Leistung. Was für Ideen sie hat! Sehen Sie nur, Mr. Brand, wie die Aigrette auf diesem Spitzenhut placiert ist. Welche Grazie und welcher Geschmack in der Wahl der Farben, eine hebt die andere, und keine schlägt die andere. Den Hut verkaufen wir als Modell." „So schön! so schön!" fiel Julie ein,„und diese Nettig- feit! Alles wie aus dem Ei geschält." Brand blieb stumm und betrachtete die Hüte mit tief innerlichster Riihrung. Dieses schimmernde, phantastische kostbare Zeug hat der Mangel geschaffen, die Armut hat es gemacht für den übermütigsten Luxus. Die Schönheit dieses Zeuges ist wie Hauch, einige Regentropfen vernichten sie. Und dafür den schlaf der Nächte, das Licht der Augen �.. Dafür! Wieder wurde geklopft und angezeigt, daß der Wagen der Fürstin vorgefahren sei. Fräulein Julie raffte hastig ihre Waren zusammen und eilte in den Salon. Madame Ain6lie und Brand waren zugleich ausgestanden. Er verabschiedete sich sehr bewegt und sagte:„Der Witwe meines Freundes muß geholfen werden. Helfen Sie mir helfen. Ueber das Wie müssen wir uns beraten. Wann darf ich wiederkommen?" „Konimen Sie morgen," sprach sie huldvoll. (Fortsetzung folgt.)' Romeo und Julia auf dem Dorfe. S e l d w Y l c r Geschichte von Gottfried Keller. 4) Nachdruck verboten. Toch war sein Vater Manz nun der erste von den beiden Feinden, der sich nicht mebr halten konnte und von Haus und Hof springen mußte. Dieser Vortritt rührte daher, daß er eine Frau besaß, die ihm geholfen, und einen Sohn, der doch einiges mit brauchte, während Marti der einzige Verzehrer war in seinem wackeligen Königreich, und seine Tochter durfte wohl arbeiten wie ein Haustierchen, aber nichts gebrauchen. Manz aber wußte nichts anderes anzufangen, als aus den Rat seiner Seldwyler Gönner in die Stadt zu ziehen und da sich als Wirt aufzutun. Dies ist immer ein Elend anzusehen, wenn ein ehemaliger Landmann, der auf dem Felde alt geworden ist, mit den Trümmern seiner Habe in eine Stadt zieht und da eine Schenke oder Kneipe auftut, um als letzten victtungsanker den sreundliche'n und gewandten Wirt zu machen, während es ihm nichts weniger als freundlich zumute ist. Als die Manzen vom Hofe zogen, sah man erst, wie arm sie bereits waren; denn sie luden lauter alten und verfallenden Hausrat auf, dem man es ansah, daß seit vielen Jahren nichts erneuert und an- geschafft worden war. Die Frau legte aber nichtsdestominder ihren besten Staat an, als sie sich oben auf die Gerümpelfuhre setzte, und machte ein Gesicht voller Hoffnungen, als künftige Stadtsrau schon mit Verachtung auf die Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mit- leid hinter den Hecken hervor dem bedenklichen Auge zusahen. Denn sie nahm sich vor, mit ihrer Liebenswürdigkeit und Klugheit die ganze Stadt zu bezaubern, und was ibr versimpelter Mann nicht machen könne, das wolle sich schon ausrichten, wenn sie nur erst ein- mal als Frau Wirtin in einem stattlichen Gasthofe säße. Dieser Gasthof bestand aber in einer trübseligen Winkclschenke in einem abgelegenen, schmalen Gäßchen, auf der eben ein anderer zugrunde gegangen war, und welche die Seldwnünc dem Manz verpachteten, da er noch einige hundert Taler einzuM/hcn hatte. Sie verkauften ihm auch ein paar Fäßchcn säuerlichen Weines und das Wirtfchafts. Mobiliar, das aus einem Dutzend weißen, geringen Flaschen, eben- soviel Gläsern und einigen tannenen Tischen und Bänken bestand, welche einst blutrot angestrichen gewesen und jetzt vielfältig abge- scheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein eiserner Resten in einem Haken, und in dem Reifen schenkte eine blecherne Hand Rot- wein aus einem Schüppchen in ein Glas. Ueberdies hing ein ver- dorrter Busch von Stechpalmen über der Haustür, was Manz alles mit in die Pacht bekam. Um deswillen war er nicht so wohlgemut wie seine Frau, sondern trieb mit schlimmer Ahnung und voll Jngrrmm die mageren Pferde an, welche er vom neuen Bauern geliehen. Das letzte schäbige Knechtchen, das er gehabt, hatte ihn schon seit einigen Wochen verlassen. Als er solcher Weise abfuhr, sah er wohl, wie Marti voll Hohn und Schadenfreude sich unfern der Straße zu schaffen machte, fluchte ihm und hielt denselben für den alleinigen Urheber seines Unglücks. Sali aber, sobald das Fuhrwerk im Gange war, beschleunigte seine Schritte, eilte voraus und ging allein auf Seitenwegen nach der Stadt. „Da wären wir!" sagte Manz, als die Fuhre vor dem Spelun- kelein anhielt. Die Frau erschrak darüber, denn das war in der Tat ein betrübter Gasthof. Die Leute traten eilfertig unter die Fenster und vor die Häuser, um sich den neuen Bauernwirt anzu- sehen,_ und machten mit ihrer Seidwyler Ueberlegenhcit mitleidig spöttische Gesichter. Zornig und mit nassen Augen kletterte die Manzin vom Wagen herunten und lief, ihre Zunge vorläufig wetzend, in das Haus, um sich heute vornehm nicht wieder blicken zu lassen, denn sie schämte sich des schlechten Gerätes und der ver- dorbener Betten, welche nun abgeladen wurden. Sali schämte sich auch, aber mußte helfen und machte mit seinem Vater einen seit- stimen Verlag in dem Gäßchen, auf welchem alsbald die Kinder der Falliten herumsprangen und sich über das verlumpte Bauernpack lustig machten. Im Hause aber sah es noch trübseliger aus, und es glich einer vollkommenen Räuberhöhle. Die Wände waren schlecht geweihtes, feuchtes Mauerwerk, außer der dunklen, unfreundlichen Gaststube mit ihrem ehemals blutroten Tischen waren nur noch ein par schlechte Kämmerchen da, und überall hatte der ausgezogene Vor- gänger den trostlosesten Schmutz und Kehricht zurückgelassen. So war der Anfang, und so ging es auch fort. Während der ersten Wochen kamen, besonders am Abend, wohl hin und wieder ein Tisch voll Leute aus Neugierde, den Bauernwirt zu sehen, und ob es da vielleicht einigen Spaß absetzte. Am Wirt hatten sie nicht viel zu sehen, denn Manz war ungelenk, starr, unfreundlich und melancholisch und wußte sich gar nicht zu benehmen, wollte es auch nicht wissen. Er füllte langsam und ungeschickt die Schöppchen, stellte sie mürrisch vor die Gäste und versuchte etwas zu sagen, hrachte aber nichts heraus. Desto eifriger warf sich nun seine Frau ins Geschirr und hielt die Leute wirklich einige Tage zusammen. aber in einem ganz anderen Sinne, als sie meinte. Die ziemlich dicke Frau hatte sich eine eigene Haustracht zusammengesetzt, in der sie unwiderstehlich zu sein glaubte. Zu einem leinenen, natur- sarbenen Landrock trug sie. einen alten, grünseidenen Spenser, eine baumwollene Schürze und einen schlimmen, weißen Halskragen. Von ihrem nicht mehr dichten Haar hatte sie an den Schläfen possierliche Schnecken gewickelt und in das Zöpfchen hinten einen hohen Kamm gesteckt. So schwänzelte und tänzelte sich mit ange- strengter Anmut herum, spitzte lächerlich das Maul, daß es süß aussehen sollte, hüpfte elastisch an die Tische hin und, das GlaS oder den Teller mit gesalzenem Käse hinsetzend, sagte sie lächelnd:„So. so? so soli! herrlich, herrlich, ihr Herren!' und solches dummes Zeug mehr; denn obwohl sie sonst eine geschliffene Zunge hatte, so wußte sie jetzt doch nichts Gescheites vorzubringen, da sie fremd war und die Leute nicht kannte. Die Seldwyler von der schlechtesten Sorte, die da hockten, hielten die Hand vor den Mund, wollten vor Lachen ersticken, stießen sich unter dem Tisch mit den Füßen und sagten:„Potz tausig! das ist ja eine Herrliche! Eine Himmlische!" sagte ein anderer;„bei ewigen Hagel! Es ist der Mühe wert, hier- her zu kommen, so eine haben wir lange nicht gesehen!"— Ihr Mann bemerkte das wohl mit finsterem Blicke; er gab ihr einen Stoß in die Rippen und flüsterte:„Du alte Kuh! Was machst Du denn?"—„Störe mich nicht," sagte sie unwillig,„Du alter Tol- patsch, stehst Du nicht, wie ich mir Mühe gebe und mit den Leuten umzugehen weiß? Das sind aber nur Lumpen von Deinem An- hang! Laß mich nur machen, ich will bald fürnehmere Kundschaft hier haben!"— Dies alles war beleuchtet von einem oder zwei dünnen Talglichtern; Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die dunkle Küche, setzte sich auf den Herd und weinte über Vater und Mutter. Die Gäste hatten aber das Schauspiel bald satt, welches ihnen die gute Frau Manz gewährte, und blieben wieder, wo es ihnen wohler war und sie über die wunderliche Wirtschaft lachen konnten; nur dann und wann erschien ein einzelner, der ein Glas trank und die Wände angähnte, oder es kam ausnahmsweise eine ganze Bande, die armen Leute mit einem vorübergehenden Trubel und Lärm zu täuschen. Es ward ihnen angst und bange in dem engen Mauer- Winkel, wo sie kaum die Sonne sahen, und Manz. welcher sonst ge- wohnt war, tagelang in der Stadt zu liegen, fand es jetzt uner- träglich zwischen diesen Mauern. Wenn er an die freie Weite der Felder dachte, so stierte er finster brütend an die Decke oder auf den Boden, lief unter die enge Haustüre und wieder zurück, da die Nachbarn den bösen Wirt, wie sie ihn schon nannten, angafften. Nun dauerte es aber nicht mehr lange, und sie verarmten gänzlich, und hatten gar nichts mehr in der Hand; sie mußten, um etwas zu «{Jen, warten, bis einer kam und für wenig Geld etwas von dem noch vorhandenen Wein verzehrte, und wenn er eine Wurst oder dergleichen begehrte, so hatten sie oft die grötzte Angst und Sorge, dieselbe beizutreiben. Bald hatten sie auch den Wein nur noch in einer'groetzn Flasche verborgen, die sie heimlich in einer anderen Kneipe füllen ließen, und so sollten sie nun die Wirte machen ohne Wein und Brot, und freundlich sein, ohne ordentlich gegessen zu haben. Sie waren beinahe froh, wenn nur niemand kam, und hock- ten so in ihrem Kneipchen, ohne leben noch sterben zu können. Als die Frau diese traurigen Erfahrungen machte, zog sie den grünen Spenser wieder aus und nahm abermals eine Veränderung vor, indem sie nun, wie früher die Fehler, so nun einige weibliche Tugenden aufkommen ließ und mehr ausbildete, da Not an den Mann ging. Sie übte Geduld und suchte den Alten aufrecht zu halten und den Jungen zum Guten anzuweisen; sie opferte sich viel- fältig in allerlei Dingen, kurz, sie übte in ihrer Weise eine Art von wohltätigem Einfluß, der zwar nicht weit reichte und nicht viel besserte, aber immerhin besser war, als gar nichts oder als das Gegenteil, und die Zeit wenigstens verbringen half, welche sonst viel früher hätte brechen müssen für diese Leute. Sie wußte manchen Rat zu geben nunmehr in erbärmlichen Dingen, nach ihrem Ver- stände, und wenn der Rat nichts zu taugen schien und sehlschlug, so ertrug sie willig den Grimm der Männer, kurzum, sie tat jetzt alles, da sie alt war, was besser gedient hätte, wenn sie es früher geübt. Um wenigstens etwas Beißbares zu erwerben und die Zeit zu verbringen, verlegten sich Vater und Sohn auf die Fischerei, d. h. mit der Angelrute, so weit es für jeden erlaubt war, sie in den Fluß zu hängen. Dies war auch eine Hauptbeschäftigung der Seid- Wyler, nachdem sie falliert hatten. Bei günstigem Wetter, wenn die Fische gern anbissen, sah man sie dutzendweise hinauswandern mit Rute und Kübel, und wenn man an den Ufern des Flusses wandelte, hockte alle Spanne lang einer, der angelte, der eine in einem -langen, braunen Bürgerrock, die bloßen Füße im Wasser, der andere in einem spitzen, blauen Frack, auf einer alten Weide stehend, den alten Filz schief auf dem Ohre; weiterhin angelte gar einer im zerrissenen, großblumigen Schlafrock, da er keinen anderen mehr besah, die lange Pfeife in der einen, die Rute in der anderen Hand. und wenn man um eine Krümmung des Flusses bog, stand ein, alter, kahlköpfiger Dickbauch faselnackt auf einem Stein und angelte; dieser hatte trotz des Aufenthalts am Wasser so schwarze Füße, daß mau glaubte, er habe die Stiefel anbehalten. Jeder hatte ein Töpf- chen oder ein Schächtelchen neben sich, in welchem Regenwürmer wimmelten, nach welchen sie zu anderen Stunden zu graben pflegten. Wenn der Himmel mit Wolken bezogen und es ein schwüles, dämmeriges Wetter war, welches Regen verkündete, so standen diese Gestalten am zahlreichsten an dem ziehenden Strome, regungslos gleich einer Galerie von Heiligen- oder Propheten- bildern. Achtlos zogen die Landleute mit Vieh und Wagen an ihnen vorüber, und die Schiffer auf dem Flusse sahen sie nicht an, während sie leise murrten über die Fische verscheuchenden Schiffe. Wenn man Manz vor zwölf Jahren, als er mit einem schönen Gespann pflügte auf dem Hügel über dem Ufer, damals gesagt hätte, er würde sich einst zu diesen wunderlichen Heiligen gesellen und gleich ihnen Fische fangen, so hätte er einem ins Gesicht ge- spien. Auch eilte er jetzt hastig an ihnen vorüber hinter ihren Rücken und eilte stromaufwärts gleich einem eigensinnigen Schatten der Unterwelt, der sich zu seiner Verdammnis ein beguemes, einsames Plätzchen sucht au den dunklen Wässern. Mit der Angelrute zu stehen hatte er und sein Sohn indessen keine Geduld, und sie er- innerten sich der Art, wie die Bauern auf manche andere Weise etwa Fische fangen, wenn sie übermütig sind, besonders mit den Händen in den Bächen; daher nahmen sie die Ruten nur zum Schein mit und gingen an den Borden der Bäche hinauf, wo sie wußten, daß es teuere und gute Forellen gab. (Fortsetzung folgt.) DeiitTcKer JVaturforfcbcrta� Am Donnerstag fand eine Gesamisitzung sämtlicher Abteilun- gen der Versammlung statt, in der Professor v. Hetz- München einen Vortrag hielt über die Entwicklung vom Lichtsinn und Farbensinn im Tierreich. Man ist vielfach der Meinung, daß die Tiere Farben ebenso- wohl zu erkennen und zu unterscheiden vermögen, wie der Mensch, das sogenannte Hochzeitskleid vieler Fische zum Beispiel. Die Farbenpracht, in der sie zur Laichzeit schimmern, sollen einen An- reiz auf das andere Geschlecht ausüben, den mau sich als durch das Auge vermittelt vorstellt. Auch bei sehr tief stehenden Tieren, bei wirbellosen Insekten, schreibt man den Farben eine große Ve- beutung für das Leben zu; so ist die Anschauung, daß die Bienen durch die Farben der Blumen in hohem Maße angelockt und zum Besuch der Blumen bewogen werden, überaus verbreitet. Nach der Darstellung von Heß, dessen Meinung auf zahlreichen Versuchen beruht, ist diese Anschauung über die Farbenwahrnchmung eine durchaus irrige. Die Versuche von Heß gehen zunächst darauf aus, zu ermitteln, welche Farben von den verschiedenen Tieren als besonders hell empfunden werden. Wird das weiße Sonnenlicht in ein farbiges Band mit den Regenbogenfarben zerlegt(Spektrum), so empfindet ein normales menschliches Auge die verschiedenen Farben verschieden hell, und zwar erscheint die Gegend des Gelb am Hellsten; der farbenblinde Mensch dagegen empfindet die verschiedenen Farben des Spektrums nur als verschiedene Helligkeitsstufen, die Ab- stufung der Helligkeiten ist für ihn aber anders als beim normalen farbentüchtigen Auge, ihm erscheint das Spektrum als ein graues Band, das im Gelbgrün bis grünen Teile am hellsten ist und dessen Helligkeit nach Violett zu langsam, nach dem roten Ende hin rasch abnimmt. Uebrigens haben die normalen Augen einen doppelten Sehapparat, von denen der eine nur bei großer Lichtschwäche, also im Dunkeln, in Funktion tritt, und dieser Dunkelapparat des nor- malen menschlichen Auges ist farbenblind, bei Nacht in schwacher Beleuchtung unterscheiden wir, soweit wir überhaupt noch zu sehen beringen, keine Farben, das Spektrum erscheint uns wie dem Total- farbenblinden als graues Band, dessen Helligkeitsabstufungen auch für uns dieselben sind, wie für den Farbenblinden. In dem Wort: „Bei Nacht find alle Katzen grau" drückt sich diese Erfahrung ans, die das Volk gemacht hat, lange bevor die Gelehrten auf sie auf- merksam wurden und ihren näheren Umständen nachgingen. Hetz hat bei seinen Versuchen Tiere vor das Spektrum gebracht und Reiskörner darüber ausgestreut; ein Affe nimmt sie in ihrer ganzen Ausdehnung auf, ein Huhn dagegen läßt die im grün- blauen, blauen und violetten Teile liegenden Körner unberührt. Aus diesen und einer Reihe ähnlicher Versuche ist wohl zu schließen, daß die Farbenempsindung der Affen mit der unserigen überein- stimmt, daß dagegen die Vögel und ebenso die Reptilien nur ein nach dem blauen Ende verkürztes Spektrum erblicken. Hetz hat dann Versuche mit Fischen und anderen im Wasser lebenden Tieren, deren Bewegungen durch den Lichtreiz beherrscht werden, angestellt. Fische, die zum Hellen schwimmen und dort ihre Nahrung suchen, sammeln sich in wenigen Sekunden in der- Gegend des Gelbgrüu bis Grün, von wo aus die Zahl nach dem roten Ende zu rasch, nach dem violetten zu langsamer abnimmt. Die Helligkeitsempfindung der untersuchten Fische stimmt also mit der der farbenblinden Menschen überein und der Schluß scheint berechtigt, daß eine wirk- liche Farbenempfindung, ein Farbensinn den Fischen nicht zuge- schrieben werden darf. Daß das bunte Hochzeitskleid der Fische mit irgendwelchen Farbenwahrnehmungen und durch sie veranlaßten Anlockungen des anderen Geschlechts nichts zu tun hat, geht schon daraus hervor, daß die Farben bereits in geringer Tiefe selbst für menschliche Augen nicht erkennbar sind, bei der starken Absorption des Lichtes im Wasser kann Farbenwahrnehmung nur von ganz ge- ringer Bedeutung für das Leben aller Wassertiere sein. Hetz schließt daher aus seinen mannigfach abgeänderten Versuchen, daß bei allen Wajsertieren sich nur die Empfindung farbloser Helligkeit ausge- bildet hat, während erst beim Uebergang zum Luftleben im Tier- reiche die Farbenwahrnehmung sich entwickelte. Aber auch nicht so- fort und auf der niedrigsten Stufe. Aus dem Verhalten der Wirbel- losen Tiere dem Licht gegenüber, aus der Art, wie Raupen, Mücken, Fliegen, Käfer, ja auch die vielfach als besonders farbentüchtig au- gesehenen Bienen auf Lichtreize reagieren, glaubt Heß schließen zu müssen, daß alle diese Tiere das Spektrum in genau der gleichen Weise erblicken, wie der total farbenblinde Mensch. Heß schließt daraus, daß auch bei den niedrigen Tieren, die nachweislich Seh- organe nicht besitzen, aber trotzdem deutlich auf Lichtreize reagieren, psychische Regungen, die Sehqualitäten entsprechen, ausgelöst werden. Nachdrücklich wendet er sich gegen die Lehre, die in den Organismen nur empsinoungslose chemische Maschinen sehen will. Wenn die Anhänger dieser Lehre meinen, die Bewegungen zum Licht seien für das Tier weder nützlich noch schädlich und daher ohne biologisches Interesse für das Tier, weil dem Drange zum Licht so viele Insekten zum Opfer fallen, so ist zu erwidern, daß es wohl überhaupt keine Lebensäußerung gibt, die ausnahmslos und unter allen Bedingungen der Art nur zum Vorteil gereicht. Die durch Hunger und Liebe bestimmten Lebensäutzerungen sind für die Er- Haltung der Art von der höchsten Bedeutung, und wie groß ist nicht die Zahl der Individuen, die durch sie unter besonderen Verhält- nissen zur Vernichtung geführt werden.— Heß kommt also zu dem Schluß, daß ein Lichtsinn schon ganz niedrig stehenden Tieren zu- kommt, daß aber der Farbensinn sich bei den im Wasser lebenden Tieren— und diese sind doch als die Vorfahren der Lufttiere auf- zufassen— nicht entwickeln konnte, erst bei dem Uebergang in die Luft konnte seine Entwickelung für die Lebewesen von Bedeutung werden. Indessen hat bei den Wirbellosen auch das Luftleben nicht zur Entwickelung einer Fähigkeit der Farbenempfindung geführt, nur bei den Wirbeltieren hat der Lichtsinn eine Umbildung er- fahren, vermöge deren neben der farblosen Helligkeit auch die bunte Welt der Farben zum Bewußtsein gebracht wird. Doch sind au Stelle der früheren spezifischen Sinnesenergien nicht etwa ganz andere getreten— kehren doch die früheren Energien bei der seit- sameu Störung der totalen Farbenblindheit wieder und treten doch auch im normalen Auge, wenn die Lichtstärke genügend herabgesetzt und das Auge sich an das umgebende Dunkel gewöhnt hat, wieder die uralten spezifischen Energien hervor. So treu bewahrt unser Sehorgan die Erinnerung an das, was eS einst, vor unermeßlich langen Zeiten, gewesen! Wir dürfen aber nicht verschweigen, daß diese interessanten Anschauungen von Heß keineswegs von allen seinen Fachgenossen geteilt werden. Sein engerer Münchener Kollege Frisch hat auf demselben Kongreß vor zwei Tagen in der vereinigten Abteilung — 756— für Zoologie, Anatomie und Physiologie über eben dasselbe Thema gesprochen und dabei einen ganz entgegengesetzten Standpunkt ver treten. Aus Versuchen mit Ellritzen, die auf grauem Grunde un> verändert bleiben, auf gleich Hellem gelben Grunde dagegen sich gelblich färben, schließt er auf einen Farbensinn bei diesen Fischen. Im Gegensatz zu Hetz ist er von der Bedeutung der Blumenfarbcn für die Insekten, vor allem die Bienen, überzeugt. Mit Bestimmt- heit behauptet er, datz man Bienen mit Leichtigkeit auf die blaue Farbe dressieren kann, indem man sie längere Zeit auf blauem Papier füttert. Rot und blaugrün, meint er, erkennen die Bienen allerdings nicht, aber diese Farben kommen bei unseren Blumen auch selten vor; Purpurrot, das bei unseren Blumen häufig ist, sei eine Mischung aus Rot und Blau und erscheine daher den für Rot nicht empfindlichen Bienen als Blau. Heß dagegen ist aus seinen zahlreichen Versuchen zu der nicht minder festen Ucberzeugung ge- langt, datz die Ansammlungen von Bienen an bestimmten Stellen stets durch den Geruchsinn mit bestimmt werden, und datz es ganz unmöglich ist, Bienen auf bestimmte Farben zu„dressieren". Alle derartigen Deutungen von Versuchen beruhen nach seiner Ueber- zeugung auf Selbsttäuschung und nicht genügendem Achten auf alle Umstände. Bei der Schwierigkeit, aus solchen Versuchen sichere Eni- fcheidungen zu treffen, ist ja auch nicht zu erwarten, datz über alle Punkte bereits volle Einmütigkeit bestehe; jedenfalls ist nüchterne Kritik gegenüber voreiligen Schlüssen, die den niederen Insekten menschliche Sinnesqualitäten zusprechen wollen, sehr am Platze. kleines feuiileton. Technisches. Den größten Kran der Welt besitzt die Hamburger Werft Blohm u. Votz. Der Kran ist ein elektrisch betriebener sogenannter Hammerwippkran mit einer Tragfähigkeit von WO OVO Kilogramm. Der vordere Arm des 90 Meter langen Auslegers kann hochgeklappt werden. In dieser Lage befindet er sich lOO Meter über dem Wasserspiegel, wodurch er auch bei wachsenden Höhen- maßen der Schiffe allen Anforderungen zu genügen� imstande ist. Der Kran besteht aus zwei voneinander ganz unabhängigen Hebe» zeugen: einer Katze, die eine Last von IlOOOO Kilogramm auf 53 Meter und die Höchstlast von WO 000 Kilogramm auf 34,5 Meter Entfernung von der Kranmitte tragen kann, und einem 20 000 Kilogramm Tragkraft besitzenden Drehkran, der auf dem Ausleger angebracht ist und diesen in seiner ganzen Länge befahren kann. Eine Last von 10 000 Kilogramm kann sogar den Hilfskran bis auf eine Entfernung von 73ch Meter von der Mitte des Hauptkranes getragen werden. Mit ihm kann also ein Kreis von 147 Meter Durchmesser und 17 000 Quadratmeter Fläche bestrichen werden. Der Kran wird von zwei Personen bedient. Der Steuer- mann des großen Krans sitzt in einem Steuerhäuschen, das unter dem Lastarm des Auslegers angebracht ist. Ein Scheinwerfer er- laubt ihm, die jeweilige Arbeitsstätte bei Dunkelheit scharf zu be- leuchten. Die erste Aufgabe des Krans war die Herstellung des 56 000 Tonnen großen Schwesterschiffes vom„Imperator", des „Vaterland". Erwähnt sei noch, daß von den 140 Riesenkranen, die in der Welt existieren, die überwiegende Mehrheit in Deutsch- band hergestellt sind, darunter mehr als 70 allein von der Deutschen Maschinenfabrik A.-G. in Duisburg. Medizinisches. Die gänzliche Entfernung bei Magens. Wie weit heute die operative Chirurgie vorgeschritten ist, erkennt man u. a. an den glänzenden Leistungen, welche die Magenchirurgie aufzuweisen hat. Bei Krebs wird heute der Magen wenn nötig gänzlich entfernt und es kann Heilung danach eintreten. So be- richtete kürzlich Dr. Sasse in Frankfurt a. M., der Chirurg des dortigen Marienkrankenhauscs, über zwei von ihm operierte, ge- heilte Fälle von gänzlicher Magenentfernung. Bei dem einen 56 Jahre alten Patienten wurde der ganze Magen, im streng anatomischen Sinne genommen, entfernt. 314 Wochen nach der Operation konnte der Patient bereits alle festen Speisen ohne Be- schwerdcn genießen und er zeigt eine normale, gute Verdauung. An dem Röntgenbild sieht man, wie vom Magen nichts mehr vor- Händen ist und wie der Aaryumbrci aus der Speiseröhre direkt in den Dünndarm fällt. Bei dem anderen Fall war die Patientin vor der Operation bis zum Skelett abgemagert, sie wog nur noch 00 Pfund. Nach der'Operation nahm sie in kurzer Zeit 52 Pfund an Gewicht zu. Es handelt: sich hier nicht um KrebS, sondern um ein narbiges Geschwür, das den ganzen Magen einnahm, so daß dieser gänzlich schrumpfte. Da die Patientin nunmehr be- reit? zwei Jahre nach der Operation lebt, und der Verlust deS Magens kaum nachteilige Folgen für die Ernährung gehabt hat, so kann man behaupten, daß der Magen absolut entbehrlich ist. Die Patientin sieht blühend und gesund aus. Bemerkenswert ist ihre Angabe, daß sie nach dem Essen kein eigentliches Gefühl der Sättigung mehr habe. Sie genießt alle Speisen, ohne im ge- ringsten auf die leichtere oder schwerere Verdaulichkeit Rücksicht zu nehmen. Sebad). vuier Leitung von S. Alapin. Shinkmann. d o ä« k ßs 2-�(I bv-gstD"T) Nachstehende vor kurzem in München gespielte Beratungspartie ist von theoretischem Interesse: Damenbauerneröffuung. ( L Härtung ) W. Krieh S. Alapin 1. d2— d4 2. Sgl— f3 d7— d5 c7— c6 Im Matche LaSker-Tarrasch geschah hier: L...... c5; 3. de, eG(Bei 3...... Sf6, waS Dr. Tarrasch als angebliche Verbesserung angab, kann 4. cZ, 06; 5. 54 folgen, wonach die Texwariantc mit vertauschten Rollen entstände und mit dem wichtigen Umstände, daß der Vcr- leidiger das Temvo Sgl— 13 voraus hätte.) 4. v4 1, I-Xob I 5. od, od; G. I,b5+, ScG; 7. 0-0, SfG; 8. Sc3, 0—0; 9. Lg:,. Lei; 10. l-XM. I-XI-! 11. DXd5, LXSI(Aus 11...... DXD; 12. SXD, LXb2: 13. Ta51, La3 gewinnt Weiß mit 14. I-XL, 5XcG: 15. Sc7jc.) 12.DXD.TXD; 13. bXo3, Sa5; 14. Tfel, Ld7; 15. Ld3, Tde8; 16. Sd4, Kf8; 17. S53, 56 und LaSker konnte mit 18. c4l in klaren Vortell kommen. Eine andere Alternative ist: 2,..... SfG; 3. o4, cG; 4. So3I, det; 5. e31, 55; 6. a4, 54!(6..... Sd5; 7. ab, 8X8; 8. bXc3, ob; 9. Ss5. Lb7; 10. Tbl. Dd5; 11. 53-c. Weiß stcbt bester.) 7. Sbl, Sbd7; 8. LXci, e6?c. Schwarz hat ivobl ein vcr- teidigungsjähigeS, aber kein leichte» Spiel. Der Textzug Ist insofern sehr be- achtenswert, als er gegen die Haupt- rejsurce de» Gegners in dieser schwierigen Eröffnung, nämlich gegen c2— c4 gerichtet ist. 3. c2— c4..... Aus 3.e3 solfit 3...... Lß; 4. c4, e6; 5. Db3, Dc7: 6. Sc3, Sd7; 7. Ld2, Td8; 8. Tel, D58-c. mit mindestens gleichem Spiel fiir Schwarz. Aus 3. Lf4 kann 3...... Db6 geschehen. Den mit dem Textzugc geopferten Hauer kann Weiß zwar wieder- gewinnen, aber nur unter Ausgabe wirksamer AngnffSauSsichten. 3...... d5Xc4 4. e2—©3..... Oder 4. e4, Sf6; 5. e5, Sd5; 6. IiXo4, 356 nebst cvent. 1-45(oder 1,g4) und e7— e6. Aus 4.*4 kann 4..... Lf5; 6. e3, Sa6; 7. LXo4, Sb4 3c. folgen. 5. a2— a4 DdS— 56 6. a4Xb5..... Aus 6. Se6 folgt 6..... Sd7I; 7. ab, 8X8 1; 8. dXo5, cb mit Be- hauptung de» Bauern. 6...... cöXbö 7. 52-53..... Mit 7. Se5, 8161; 8. 53, Sbd7I; 9. bc, SXS; lO.dXeöl, 837; 11. cb, e61; 12. 1,52 kann sogar Weiß einen Bauer mehr haben, jedoch das schlechtere Spiel; z.B.: 12.... 1,57; 13. 1,d4, 1,e5 nebst event. Td8 rc. 7...... c4Xb3 8. DdlXbS..... In Betracht kam 8. So5, 846; 9. DX53, e6; 10. LXb5+, Ld7; 11. So3, a5 nebst cvent. 1.54. Eni- scheidender Nachteil für Schwarz ist aber auch hier nicht ersichtlich. 8...... 55—54 Auch Ld7 war möglich. 9. Db3-d5 Lc8— b7 10. 1,41-55+ Lb7-c6 ♦ 11. 843—65..... Schwarz scheint unrettbar vcr< loren zu fem. ES gibt aber eine merkwürdige Rettung! 11...... e7-e6 1 12. L55Xc8+!..... Auch 12. Df3, 846; 13. LX8+ (8X8. DXL) 13...... SXL: 14. 8X8, Tc8 nutzt nichts. 12...... D56Xc6: 13. Dd5Xc6..... 13. SXD, eXdö ist nicht besser. 13...... S58Xc8 14. 806X06 Ta8— 08 „Dies war deS Pudels Kernt' 15. Kel— e2!..... Aus Ta6 oder TX»7 folgt Se7. 16. 16. TalXa7 17. 851— d2 Oder 17. 1,32. T56; 19. To7!, 856 ic. 17...... 18. Ta7— 57 19. 832—64 20. Lei— d2 21. Se4-g3 22. T57Xb6 23. Tbl— 51 24. 1x12—01..... 24. LXb4?, Tb8 kostete die Qualität. 24...... T48— 58 25. Ke2— d3 Sc4— a5 26. Sg3—©2 Kg8— 47 27. 802— ol g<— gb 28. Scl-a2... In Betracht kam 8531 Jedoch beide Teile waren in Zeitnot. Tc8Xc6 Sg8-e7I S08;' 18. Tb7, Tb8; 20. Thcl, Se7— 08 1,48—07 0—0 47-45 Tc6— 56 Sc8Xb6 856— o4 28. 29. Sa2— ol 30. 1x31X54 31. Kd3— c3 32. Kc3— 33 33. Kd3— o3 34. Kc3— 33 54—53 Le7— 54 Tb8Xb4 Tb4— c4+ Tc4— 54 Tb4— o4+ Tc4— 54 Durch Wiederholung der Züge wurde die Partie RemiS gegeben. «erantw. Redalteur: Alfred Wielcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: VorwärlsBuchdruckerel u.BerlllgSanstaltPaul Singer 3cCo..Berliii8>V.