Hlnterhallungsblatt des Horwärls Nr. 191. Mittwoch, den 1. Oktober. I»t3 � Rittmcifter Brand. Erzählung von Marie von Ebner-Eschen bach. 10. Brand ging in gedrückter Stimmung und nnt sich selbst unzufrieden heim. Es mißfiel ihm, daß er eine Freundschaft für den seligen Major von Müller heuchelte, von der sein Herz nie etwas gewußt. Warum? Weil ihm der brave Mann, der genau das getan hatte, was Dietrich hätte tun sollen, ein lebender Vorwurf loar. „Verzeih mir. Major," sagte Brand unwillkürlich laut und trat in seiner Benommenheit einem dürftig gekleideten, schmalen, schüchternen Herrn, der bescheiden an ihm vorüber- huschte, auf den Fuß. Der Herr grüßte und— entschuldigte sich. Für einen Major gehalten zu werden, schmeichelte ihm; denn er war nur ein ganz kleiner Beamter. „Verzeihung," wiederholte Dietrich, zog den Hut und dachte: Demiitiges Menschlein, wenn Du wüßtest, wie klein ich mich fühle! Sein Elend und seine Qual mußten ein Ende nehmen; er faßte einen großen Entschluß. Wenn er auch nicht wagen durste, Frau von Müller zu besuchen, sehen mußte er sie. Morgen ist der letzte April, da tritt sie ihre Wanderung zu der Brotgeberin an, da will er sie erwarten vor ihrem Hause, will ihr folgen, vorerst unbemerkt. Wer weiß, vielleicht zeigt der Zufall sich günstig und bietet Brand Gelegen- heit, sich ihr vorzustellen. Er schlief wenig in dieser Nacht, verfiel erst gegen Morgen in einen unerquicklichen, durch wirre Träume ge° störten Schlummer. Als er erwachte, war es fünf Uhr, und aus grauen Wolken, die den ganzen Himmel bedeckten, strömte dichter Regen nieder. Nach dem Frühstück ging Dietrich in die Wohnung hinüber, die er für das Ehepaar Peters im dritten Stock des Hauses gemietet hatte, in dem das Geschäft Magdalenas sich befand. Er kam gerade zureckst zum Bade seines Täuflings, und Frau Peters erschrak nicht wenig, als sie ihn erblickte; denn das war die Gelegenheit, bei der Dietrich mit Ermahnungen am wenigsten sparte und so oft gesagt hatte, daß es ihr schon„auf die Nerven" ging: „Ja, meine Liebe, das Baden eines kleinen 5tindeS ist keine leichte Sache. Ich habe darüber in ganz vortrefflichen Büchern gelesen und auch gesprochen mit Widcrhofer, Auchen- thaler und Monti." Heute kein Wort, nickst einmal ein recht aufmerksances Zusehen, und als die Uhr neun schlug, nahm er seinen Hut (seinen schönsten Zylinder— bei dem Wetter) und ging und vergaß den Regenschirm. Zum Glück benicrkte Frau Peters es gleich und schickte ihm den Unentbehrlichen nach und dachte bei sich mit aufrichtigem Bedauern:„Der ist wirklich verliebt, und fest, der arme Alte!" Es hatte ihn auf einmal gepackt: Vielleicht kommt sie heute früher als gewöhnlich zu Madame Vernon. Warum sie das tun sollte, da sie doch.einen bestimmten Grund hat, zu keiner anderen Stunde als zwischen elf und zwölf zu kommen, wußte Brand nicht und konnte es nicht wissen. Aber möglich tvars ja doch, und wenn ein vernünftiger Mensch eine Mög- lichkeit einmal angenommen hat, dann richtet er sich auch nach ihr ein. Er war ein guter Geher und erreichte in erstaunlich kurzer Zeit sein Ziel, die lange Bcrggasse. Sie machte ihrem Namen Ehre und stieg ziemlich steil in die Höhe. Zwischen ihren alten, niedrigen Häusern ragten hie und da neue türm- artige Zinskasernen in den Himmel und raubten seinen An- blick ihrem armen Gegenüber und waren trotz ihres unver- schämt protzigen AussehOis doch nur Wohnstätten der Armut und der Not. Auch Nummer 19 hatte solch ein lichtraubendcs vis-ä-vi» und schien aus Ehrfurcht vor ihm halb in die Knie gesunken. Brand trat durch das schiefe Tor in einen elend gepflasterten Hof, der ein schmales, unregelmäßiges Viereck bildete. Rings um die zwei Geschosse liesen offene Gänge mit Geländern aus verbogenen Eisenstäben. Die Fenster waren klein und in defektem Zustande. Im Hose, unter einem Vordach des Eingangs, der zu der Hausmeisterwohnung führte, beschäftigte sich ein derbes Weib mit dem Reinigen des Küchengerätes und wurde dabei von einer Schar von Hühnern umgackert und von zwei Katzen umschmeichelt. Auf einem leeren Fasse saß ein schwarzer Kater; und ein kleines, steinaltes, kaffeebraunes Tierchen, mit weißen Pfoten und langen, flatternden Ohren, das beim Anblicke Brands eine Art Gebell erhob, mußte man erst eine Weile betrachten, um zu erkennen, daß es zum Hundegeschlecht gehörte. Die Hausmcisterin musterte den durch das Hündlein An- gekündigten vom Kopf bis zu den Füßen und fragte un» freundlich:„Was Wünschens denn?" . Auf einem Gang des ersten Geschosses war eine alte Frau mit zerzausten Haaren und mit einer Brille auf der Nase, in einen fettigen Schlafrock gekleidet, erschienen, hatte sich ängstlich umgesehen, einen kleinen zerfetzten Teppich auf das Geländer gelegt, und angefangen, ihn so leise als möglich auszuklopfen. Aber die Hausmeisterin bemerkte die geplante Untat so- gleich und hemmte ihre Fortsetzung durch energische, mit Schimpfworten reichlich gespickte Einsprache. Die erschrockene Alte raffte ihren Teppich zrisammen und verschtvand in der Tür, aus der sie getreten war. Diesen Zwischenfall benutzte Brand, um sich aus dem Hause und aus der Nähe seiner groben Beherrscherin zu stehlen. Diese Person nach Sophie Müller zu fragen, widerte ihn an. Diese Person schien ihm so reckst fähig, alle möglichen infamen Schlüsse aus der einfachen Erkundigung zu ziehen: „Wohnt hier Frau Major von Müller, und ist sie zu Hause?" Nein, er wollte nicht fragen, er wollte warten; geduldig, mehr als geduldig, mit dem Wunsche sogar, sie möge noch nicht kommen. Ihr Anblick wird ihm eine große Gemüts- bewegung verursachen. Er hatte sich das kaum eingestanden, als er sich auch sofort ins Gebet nahm. Und was weiter? Hat er eine feige Scheu vor Gemütsbewegungen? Ist es so weit mit ihm gekommen in dem Schlaraffenleben, das er führt, und vergißt er vor lauter Erzielten an andern die Erziehung seiner selbst. Gemütsbewegung, ja— es wird eine sein, und er wird sie aushalten. Nach langem Auf- und Abgehen blieb er in der Näl)e des Tores stehen. Unaufhörlich strönite der Regen nieder, Brand nahm sich unter den acht Wasserfäden, die von seinem Schirm herunterliefen, wie ein steinerner Wassergott aus. Es wurde halb elf. Sie kommt nicht, das Wetter ist zu schlecht, dachte er und— wartete weiter, obwohl er recht gut merkte, daß er schon die Aufmerksamkeit einiger Schuhmacher erregt hatte, die an einem Fenster des gegenüberliegenden Hauses ar- betteten. Zu jeder anderen Zeit würde er hingegangen sein und die jungen Leute gefragt haben, was sie zu gaffen und zu kichern hätten? Ob die Beobachtung der Passanten oder das Ver- fertigen von Schuhen ihre Pflicht und ihr Geschäft sei? Jetzt aber ließ er die Tröpfe ungehindert in dem Pfuhl ihrer Nichtsnutzigkeit versinken und blieb auf seinem Posten, bis die Uhr des nächsten Kirchturms elf schlug und der letzte Schein von Hoffnung, der noch in ihm glimmte, erlosch. Und gerade in dem Augenblick, in dem er jede Hoffnung aufgegeben hatte, wurde sie erfüllc. Er war noch einige Schritte hinauf bis an das Tor von Nummer 21 gegangen, da war ihm, als ob er zurückgezogen würde an unsichtbaren, aber starken Fäden. Etwas Geheimnisvolles, nie Empfunde-. nes zwang, ja zwang ihn, sich umzuwenden. Da trat sie aus dem Hause. Er erkannte sie sogleich. Wie zögernd blieb sie ein paar Sekunden vor dem kleinen Wasserreservoir stehen, das sich zwischen der Schwelle und dem Trottoir gebildet hatte, sah zum trostlos grauen Himmel hinauf, öffnete rasch ihren Schirm, hob sich auf die Fußspitzen und schritt eilig und entschlofsen des Weges. Brand folgte ihr anfangs aus einiger Entfernung, dann wagte er sich näher heran, ging auf die andere Seite der Gasse, ging ihr vor, sah ihr ins Gesicht. Sie trug einen kleinen, schwarzen Schleier, hielt die Augen aufmerksam auf das Pflaster gerichtet und suchte die Steine aus, auf die sie ihre schlanken, schmalen Füße fetzte. Sic hatte ihren leichten und entschlossenen Gang, die anmutig aufrechte Haltung be- halten, die ihm so deutlich in der Erinnerung geblieben waren. Sie sah wie ein junges Mädchen aus, und fein und elegant in ihren alten Kleidern. O wie alt, wie abge- tragen I Brand verlangsamte seine Schritte und ging wieder hinter ihr her; und als ein Lünimel, der ihr entgegen kam, sie beinahe vom Trottoir gestoßen hätte, schob er ihn zur Seite mit solchem Nachdruck und so aggressiver Miene, daß der Mensch ein„Pardon" stannnelte und sich davon machte. Sie waren am Ziele. Frau von Müller lief mehr als sie ging ins Haus, und Brand dachte daran, heimzugehen. Aber er tat es nicht, er brachte sich nicht fort. Er hatte ja die Möglichkeit, sie noch einmal zu sehen, ihr noch einmal zu folgen, sie vielleicht noch einmal in Schuh zu nehmen vor irgendeinem Lümmel und sich dann ein Wort des Tankes von ihr zu verdienen... Daß sie doch in eine große Gefahr ge- raten möchte, daß er ihr Leben um den Preis seines eigenen retten und ihr sterbend sagen könnte:„Frau von Müller, jetzt sind wir quitt I" Sie war nicht die breite Trepp« zum ersten Stockwerk hinaufgestiegen, die links in die Salons führte, sondern die Seitentreppe rechts, iibcr die man zur Privatlvohnung Ma- dame Amälies gelangte. Brand hatte sich in den Hof zurück- gezogen und beobachtete von dort ans, was unter dem Tor- Wege vorging. Nach kaum zehn Minuten kam Sophie die kleine Treppe wieder herab. Ihre Wangen waren leicht ge- rötet, ein heller Ausdruck von Freude verklärte ihr Gesicht. Di« angcnehnie Ueberrafchung, die Broich ihr zugedacht, war gelungen; Madame Amalie hatte ihre Sache gut gemacht. lFortsctzung folgt. I Ronuo und j(uUa auf dem Dorfe. Seldwyler Geschichte von Gottfried Keller. (ss Nachdruck verboten. Sein Vater war des anderen Tages wie zerschlagen und wollte nicht aus dem Hause. Der Handel und das ganze vieljährige Elend nahm heute eine neue, deutlichere Gestalt an und nahm sich bequeinlich Platz in der drückenden Luft der Spelunke, also daß Mann und Frau matt und scheu um das Gespenst herumschlichen, aus der Stube in die dunklen Kämmerche», von da in die Küche und aus dieser wieder sich in die Stube schleppten, in welcher kein Gast sich sehen ließ. Zuletzt hockte jedes in einem Winkel und begann den Tag über ein müdes, halbtotes Zanken und Vorhalten mit dem anderen, wobei sie zeitweise einschliefen, von unruhigen Tagträumen geplagt, welche aus dm Gewissen kamen und sie wieder weckten. Nur Sali sah und hörte nichts davon, denn er dachte nur an Vren- chcn. Es war ihm immer noch zumute, nicht nur, als ob er unsäg- lieh reich wäre, sondern auch was rechtes gelernt hätte und unend- lich viel Schönes und Gutes wüßte, da er nun so deutlich und be- stimmt um das wußte, was er gestern gesehen. Diese Wissenschaft war ihm wie vom Himmel gefallen, und er war in einer unauf- hörlichcn glücklichen Verwunderung darüber; und doch war es ihm, als ob er eigentlich von jeher gewußt und gekannt hätte, was ihn jetzt mit so wundersamer Süßigkeit erfüllte. Denn nichts gleicht dem Reichtum und der Uncrgründlichkcit eines Glückes, das an den Menschen herantritt in einer so klaren und deutlichen Gestalt, vom Pfäfflcin getauft und wohl versehen mit einem eigenen Namen, der nicht tönt wie andere Namen. Dieses ist eine feine Sache, und in ihr ruht das Geheimnis oder die Offenkunde von der Wohlfahrt des Lebens, von dem Aufbau der Familie und dessen, was viele Fami- lien zusammen sind. Es ist die Frühlingsblüte, aus welcher die Frucht der guten Familie erwächst; manche Gewächse müssen zwei bis drei oder gar viermal blühen, bis eine Frucht geraten will, und alsdann hat die Weisheit der Natur oder der Götter es so einge- richtet, daß den Blühenden die letzte Blume immer die feinste dünkt, und sie meinen, es sei noch nie so schön gewesen, lind ob nun die Natur allein oder die Götter es so geordnet, so ist es wirklich ein gutes und zweckmäßiges Ding. JViele blühen aber nur einmal, und auch diese Blüte zerschlägt der Sturm, tötet der Frost oder er- säuft ein anhaltendes Regenwetter, und nie wird eine Frucht dar- aus; viele blühen in einer Wildnis oder in einem wüsten Sumpfe in der Einsamkeit, und es wird auch nichts daraus, als zuweilen eine herbe, verkrüppelte Holzfrucht; denn alle guten Früchte wachsen in großer Gesellschaft, die Aehre steht neben der Aehre und die Traube hängt neben der Traube tausendfältig. Aber Blumen sind es immer gewesen, ob ctwgs daraus geworden oder nicht, und ob sie gesehen oder ungesehen verblühten, und der Frühling ist schön, was auch aus ihm wird. Sali fühlte sich an diesem Tage weder müßig noch unglücklich, weder arm noch hoffnungslos; vielmehr war er vollauf beschäftigt, sich Vrenchcns Gesicht und Gestalt vorzustellen, unaufhörlich, eine Stunde wie die andere; über dieser aufgeregten Tätigkeit aber vcr- schwand ihm der Gegenstand derselben fast vollständig, das heißt, er bildete sich endlich ein, nun doch nicht zu wissen, wie Vrenchen recht genau aussehe, er habe wohl ein allgemeines Bild von ihr im Gedächtnis, aber wenn er sie beschreiben sollte, so könnte er das nicht. Er sah fortwährend dies Bild, als ob es vor ihm stände, und fühlte seine» angenehmen Einfluß, und doch sah er es nur wie etwas, das man eben nur einmal gesehen, in dessen Gewalt man liegt, und das man doch nicht kennt. Er erinnerte sich genau der Gesichtszüge, welche das kleine Dirnchen einst gehabt, mit großem Wohlgefallen, aber nicht eigentlich derjenigen, welche er gestern ge. sehen. Hätte er Vrenchen nie wieder zu sehen bekommen, so hätten sich seine Erinnerungskräfte schon behelfen müssen und das liebe Gesicht säuberlich wieder zusammengetragen, daß nicht ein Zug daran fehlte. Jetzt aber versagten sie schlau und hartnäckig ihren Dienst, weil die Augen nach ihrem Recht und ihrer Lust verlangten, und als am Nachmittage die Sonn« warm und hell die oberen Stock- werke der sckßvarzen Häuser beschicn, strich Sali aus dem Tore und seiner alten Heimat zu, welche ihm jetzt erst ein himmliches Jeru- salem zu sein schien mit zwölf glänzenden Pforten, und die sein Herz klopfen machte, als er sich ihr näherte. Er stieß auf dem Wege auf Vrenchens Vater, welcher nach der Stadt zu gehen schien. Der sah sehr wild und liederlich aus, sein grau gewordener Bart ivar seit Wochen nicht geschoren, und er sah aus wie ein recht böser, verlorener Bauersmann, der sein Feld verscherzt hat und nun geht, um anderen Uebles zuzufügen. Den- noch sah ihn Sali, als sie sich vorübergingen, nicht mehr mit Haß, sondern voll Furcht und Scheu an, als ob sein Leben in dessen Hand stände, und er es lieber von ihm erflehen, als ertrotzen möchte. Marti aber maß ihn mit einem bösen Blicke von oben bis unten und ging seines Weges. Das war indessen dem Sali recht, welchem es nun, da er den Alten das Torf verlasse» sah, deutlicher wurde, was er eigentlich da wolle, und er schlich sich auf altbekannten Pfaden solange um das Dorf herum und durch dessen verdeckte Gäßchen, bis er sich Mortis Haus und Hof gegenüber be- fand. Seit mehreren Jahren hatte er diese Stätte nicht mehr so nahe gesehen; denn auch als sie noch hier wohnten, hüteten sich die* verfeindeten Leute gegenseitig, sich ins Gehege zu kommen. Des- halb war er nun erstaunt über das, was er doch an seinem eigenen Vaterhause erlebt, und starrte voll Verwunderung in die Wüstenei, die er vor sick sah. Dem Marti war ein Stück Ackerland um das andere abgepfändet worden, er besaß nichts mehr als das HauS und den Platz davor nebst etwas Garten und dem Acker aus der Höhe am Flusse, von welchem er hartnäckig am längsten nicht lassen wollte. Es war aber keine Rede mehr von einer ordentlichen Bebauung, und auf dem Acker, der einst so schön im gleichmäßige» Korne ge- wogt, wenn die Ernte kam, waren jetzt allerhand abfällige Samen- rest« gesäet und aufgegangen, aus alten Schachteln und zerrissenen Tüten zusainmengekehrt, Rüben, Kraut und dergleichen und etwas Kartoffeln, so daß der Acker aussah wie ein recht übel gepflegter Gemüscplah und eine wunderliche Musterkarte>var, dazu angelegt, um von der Hand in den Mund zu leben, hier eine Handvoll Rüben auszureißen, wenn man Hunger hatte und nichts Besseres wußte, dort eine Tracht Kartoffeln oder Kraut, und das übrige fortwuchcrn oder verfaulen zu lassen, wie es mochte. Auch lief jedermann darin herum, wie eS ihm gefiel, und das schön«, breite Stück Feld sah beinahe so aus, wie einst der herrenlose Acker, von dem alles Un- heil herkam. Deshalb war um das Haus nicht eine Spur von Ackcrwirtschaft zu sehen. Der Stall>var leer, die Türe hing nur in einer Angel, und unzählige Kreuzspinne», den Sommer hindurch halb groß geworden, ließen ihre Fäden in der Sonne glänzen vor dem dunklen Eingang. An dem offen stehenden Scheunentor, wo einst die Früchte des festen Landes eingefahren, hing schlechtes Fischergeräte, zum Zeugnis der verkehrten Wafferpfuscherei; auf dem Hofe war nicht ein Huhn und nicht eine Taube, iveder Katze noch Hund zu sehe», nur der Brunnen war noch als etwas Lcbendi- ges da, aber er floß nicht mehr durch die Röhre, sondern sprang durch einen Riß nahe am Boden über diesen hin und setzte überall kleine Tümpel an, so daß er das best« Sinnbild der Faulheit abgab. Denn während mit wenig Mühe des Vaters das Loch zu verstopfen und die Röhre herzustellen gewescn-wäre, mußte sich Vrenchen nun abquälen, selbst das lautere Wasser dieser Verkommenheit abzu- gewinnen und seine Wäscherei in den seichten Sammlungen ani Boden vorzunehmen, statt in dem vertrockneten und zerspälltcn Troge. Das Haus selbst war ebenso kläglich anzusehen; die Fenster waren vielfach zerbrochen und mit Papier verklebt, aber doch waren sie das Freundlichste an dem Verfall; denn sie waren, selbst die zer- brochcnen Scheiben, klar und sauber geioaschcn, ja förmlich poliert und glänzten so hell wie Vrenchens Augen, welche ihm in seiner Armut ja auch allen übrigen Staat ersetzen mußten. Und wie die krausen Haare und die rotgelbcn.Kattunhalstücher zu Vrenchens Augen, stand zu diesen blinkenden Fenstern das wilde, grüne Ge- wächs, was da durcheinander rankte um das Haus, flatternde Bohnenwäldchcn und eine ganze duftciGe Wildnis von rotgelbcm Goldlack. Die Bohnen hielten sich, so gut sie konnten, hier an einem Harkcnstiel oder an einem verkehrt in die Erde gesteckten Stumpf- bcsen, dort an einer von Rost zerfressenen Hellebarde oder Spontan, wie man es nannte, als Vrenchens Großvater das Ding als Wacht- meister getragen, welches eS jetzt aus Not in die Bohnen gepflanzt hatte; dort kletterten sie wieder lustig eine verwitterte Leiter empor, die am Hause lehnte seit undenklichen Zeiten, und hingen von da in die klaren Fcnstcrchen hinunter wie Vrenchcns Kräusclhaare in seine Auge». Dieser mehr malerische als wirtliche Hof lag etwas beiseite und hatte keine näheren Nachbarhäuser, auch ließ sich in diesem Augenblicke nirgends eine lebendige Seele wahrnehmen; Sali lehnte daher in aller Sicherheit an einem alten Schcunchen, etwa dreißig Schritte entfernt, und schaute unverwandt nach dem stillen, wüsten Hause hinüber. Eine geraume Zeit lehnte und schaute er so, als Vrenchen unter die Haustür kam und lange vor sich hin- blickte, wie mit allen ihren Gedanken an einem Gegenstande hän- gend. Sali rührte sich nicht und wandte kein Auge von ihr. Als sie endlich zufällig in dieser Richtung hinsah, fiel er ihr in die Augen. Sie sahen sich eine Weile an, herüber und hinüber, als ob sie eine Lufterscheinung betrachteten, bis sich Sali endlich auf- richtete und langsam über die Straße und über den Hof ging auf Vrenchen los. Als er dem Mädchen nahe war, streckte es seine Hände gegen ihn aus und sagte:„Sali!" Er ergriff die Hände und sah ihr immerfort ins Gesicht. Tränen stürzten aus ihren Augen, während sie unter seinen Blicken vollends dunkelrot wurde, und sie sagte:..Was willst Du hier?"—..Nur Dich sehen!" erwiderte er;„wollen wir nicht wieder gute Freunde sein?"—„Und unsere Aelteren?" fragte Vrenchen, sein weinendes Gesicht zur Seite neigend, da es die Hände nicht frei hatte, um es zu bedecken. —„Sind wir schuld an dem, was sie getan und geworden find?" sagte Sali;„vielleicht können wir das Elend nur gut machen, wenn wir zwei zusammenhalten und uns recht lieb sind!"—„Es wird nie gut kommen," antwortete Bronchen mit einem tiefen Seufzer, „gehe in Gottes Namen Deiner Wege, Sali!"—„Bist Du allein?" fragte dieser,„kann ich einen Augenblick hineinkommen?"—„Der Vater ist zur Stadt," wie er sagte,„um Deinem Vater irgend etwas anzuhängen;„aber hereinkommen kannst Du nicht, weil Du später vielleicht nicht so ungesehen weggehen kannst, wie jetzt! Noch ist alles still, und niemand um den Weg, ich bitte Dich, gehe jetzt!"— „Nein, so gehe ich nicht, ich mußte seit gestern immer an Dich denken, und ich gehe jetzt nicht so fort, wir müssen miteinander reden, ivenigstens eine halbe Stunde lang oder eine Stunde, das wird uns gut tun!"— Vrenchen besann sich ein Weilchen und sagte dann:„Ich gehe gegen Abend auf unseren Acker hinaus, Du weißt welchen, wir haben nur noch den, und hole etwas Gemüse. Ich weiß, daß niemand weiter dort sein wird, weil die Leute anderswo schneiden; wenn Du willst, so komme dort hin, aber jetzt gehe und nimm Dich in acht, daß Dich niemand sieht! Wenn auch kein Mensch hier mehr mit uns umgeht, so würden sie doch ein solches Gerede machen, daß es der Vater sogleich vernähme."— Sie ließen sich jetzt die Hände frei, ergriffen sie aber aus der Stelle wieder, und beide sagten gleichzeitig?„Und wie geht es Dir auch?" Aber statt sich zu antworten, fragten sie das gleiche aufs neue, und die Antwort lag nur in den beredten Augen, da sie nach Art der Ver- liebten die Worte nicht mehr zu lenken wußten und, ohne sich weiter etwas zu sagen, endlich halb selig und halb traurig auseinander huschten.„Ich komme recht bald hinaus, gehe nur gleich hin!" rief Vrenchen noch nach. lgortsetzung folgt.) Oer I�aubenKolonist. Obstbaumpslanzung und Sortenwahl. Mit Beginn dieses Monats nimmt die Pflanzzcit für Gehölze aller Art einschließlich der Obstbäume und des Beerenobstes ihren Anfang. Für den Laubenkolonisten, mehr noch für den Parzellen- besitzcr und für solche Pächter, die sich das zu bewirtschaftende Grundstück auf eine längere Reihe von Jahren gesichert haben, ist die Obstgehölzepflanzung eine hochwichtige Sache. Von ihr hängt es sehr wesentlich ab, ob das zu bewirtschaftende Grundstück dauernde Freude und nennenswerte» Ertrag sichern soll. Man unterscheidet zwei Arten von Obstbaumpflanzungen, die intensive und die extensive. Bei der ersteren Art werden die Pflanzungen so dicht ausgeführt, daß jede Unterkultur ausgeschlossen bleibt. Es rst nicht leicht, dem Laien zu raten, zu welcher Art der Pflanzung er greifen soll. Ein Grundstück, das vom achten bis zehnten Jahre nach der Pflanzung ab nur noch der Obftkultur dienen kann, gibt nicht alljährliche Erträge, zcitiveise unter Umständen aber sehr hohe, die dann oft den Ausfall schlechter Jahre wieder reichlich aufwiegen. Bei extensiver, zu deutsch weiter Pflanzung, werden die Erträge aus der Obstkultur natürlich geringer aus- fallen,' zu ihnen gesellen sich aber die Erträge der Unterkulturen, die in Gcmüsepslanzungcn bestehen. Diese sind zwar an und für sich nicht hoch, aber sicher; denn wenn auch die Gemüseernten nach Menge und Güte in den einzelnen Jahren verschieden ausfallen, so ist doch niemals, wie beim Obstbau, mit einer völligen Mißernte zu rechnen. Was der Ertrag einer Gemüseart einmal zu wün- scheu übrig läßt, macht der Mehrertrag einer anderen in der Regel wieder weit. Wenn man es richtig anfängt, d. h. die Obstbäume weit pflanzt, und sachgemäße Gemüsekultur betreibt, dann muß trotz der doppelten Dniigermcngen, die zu geben sind, da Bäume und Gemüse gleichzeitig ernährt weroen wollen, der Durchschnitts- ertrag aus dem Gemüsebau so aussalle», daß er die gesamten Un- kosten der Gartenwirtschaft deckt. Eine möglichste Ausnutzung der Bodcnsläche läßt sich auch noch auf andere Weise erzielen, und zwar dadurch, daß man ent- weder zwischen Hochstämme von Acpfcln, Birnen, Süßkirschen und Walnüssen, die voraussichtlich mit einer sehr langen Lebensdauer zu rechnen haben, einen früher ertragfähig werdenden, aber kurz- lebigeren and-ren Baum als Halbstamm setzt, wie z. B. einen Pflaumen- oder einen Buschobstbaum. Diese geben schon nach einigen Jahren, lange vor den Hochstämmen, Erträge. Sind dann die Kronen der Hochstämme in die Breite gegangen, so daß sie die Zwischenpflanzungen drücken, dann werden diese, die sich schon längst durch ihre Erträge bezahlt gemacht haben, einfach ausge« rodet. In extensive Pflanzungen kann auch Beerenobst als Unter- oder Zivischenpflanzung angepflanzt werden, aber möglichst mit Ausschluß der Himbeeren, die durch ihre zügellose Ausläuferbildung bald das ganze Gelände versauen. In Frage kommen hier Erdbeeren, die eigentlich in den Gemüsegarten gehören, und deren Kultur viel Arbeitszeit erfordert, in erster Linie aber Stachel» beeren und Johannisbeere», deren Anbau indessen nur da lohnt, wo Absatz in nächster Nähe vorhanden ist. Seit Jahren habe ich die Kulturen in den Gartenkolonien der weitesten Umgebung Berlins mit aufmerksamen Augen verfolgt. Von hundert Kolonisten habe ich mindestens 95 bedauert wegen ihrer fehlerhaften Anpflanzungen und wegen des Schweißes, den sie nutzlos auf ihren Parzellen vergeuden. Es gibt aber auch inanche, die verheißungsvoll und vielversprechend anfingen, aber bald, wenn der Erfolg nicht sofort zutage trat, die Flinte ins Korn warfen und die Unkräuter hochgehen ließen. Wenn ich im ärmsten Flugsande Früchte erziele, die auf großen Ausstellungen Aufsehen erregen, die höchsten Preise erringen, an Schönheit und Güte vielfach das beste, edelste südländische Obst übertreffen, so ist dies doch ein Beweis dafür, daß der Obstzüchter auch im elenden Flugsande der Mark, wenn er es nur richtig anfängt, bestehen und vorwärts kommen kann. Dazu gehört aber in erster Linie, vor der Anpflanzung den Boden richtig zu präparieren, tief zu bearbeiten, d. h. zu rigolen, und sich genau über die anzupflanzenden Sorten und deren Ansprüche klar zu sein. Hier haperts aber fast überall. Man geht meist in eine sogenannte Winkelbaumschule oder zum ersten besten Händler, der keinerlei Gclvähr bietet, und kaust, was man gerade erlangen kann, die Sorten, die man erhält, dem reinen Zufall überlassend, wenn die Bäume nur billig sind— mögen auch die Stämme kruutl», die Kronen elend sein. Wenn dann derartige Bäume überhaupt zum Tragen kommen, so macht man oft noch die Erfahrung, oaß der gepflanzte Birnbaum gemeine Kochbirncn, der Apfelbaum niederträchtige Holzäpfel und der Kirschbaum elende Bogclkirschen bringt. In solchen Fällen stehen zwei Wege offen, ein radikaler, der im Ausroden dieser Bäume besteht, im sachgemäßen Rigolen und Düngen des Grundstücks und in Neubepflanzung, und ein weniger radikaler, indem man, falls die Stämme gesund sind, durch einen tüchtigen Fachmann die Kronen abwerfen und Edelsortcn aufpfropfen läßt. Nach drei Jahren sind dann, wenn es sonst an nichts fehlt, erste Ernten zu erwarten. Bei Anpflanzung von Obstsorten muß man in erster Linie solche berücksichtigen, die sich auf dem engeren Gebiete des anzupflanzenden Grundstücks, also in Nachbargärten, bereits be- währt haben. Dabei ist zu beachten, daß die Edelsorten, also die feinsten, deren Früchte ain höchste» bezahlt werden, auch die un- sichersten in der Ernte und die anspruchsvollsten in der Pflege sind. Wer schätzt nicht den herrlichen Gravensteiner. dessen Früchte in halbwegs guter Qualität jetzt in Berlin im Kleinhandel mit 75 Pf. bis 1 M. pro Pfund bezahlt werden? Das mag zur An- Pflanzung verleiten. In der Tat gedeiht dieser Apfel in der Mark gut. Es ist aber zu berücksichtigen, daß der Gravensteiner nicht zu den guten Trägern gehört, daß er inimcr auch einen hohen Prozentsatz schlecht entwickelter Früchte liefert, so daß nur etwa% der Ernte als erste Qualität aussortiert werden kann, dann aber auch, daß seine Krone gewaltig in die Breite geht, also eine große Bodenfläche beschattet und viel Raum beansprucht. Der Gravensteiner ist ein Herbstapfel, wenn er sich auch bis in den Winter hinein hält. Von Somnieräpfcln gedeihen bei uns der zwar klein bleibende, aber mit prächtigen roten Backen geschmückte pfirsichrote Sommcrapfel. der weiße Klarapfel, der erste auf dem Berliner Markt, der aber rasch geerntet und verkauft werden muß, weil er nach längstens 14 Tagen hin ist, dann auch der Charlamowsky, der später, zwischen Mitte August und Anfang September, reift. Neuerdings tritt unter den Apfelbäumen die Blutlaus in be- denklicher Weise auf. Einem gesunden, gut gepflegten, in der Vollkraft steheirden Apfelbaum kann die Blutlaus nichts anhaben, einem schlecht gepflegten, kranken gibt sie indessen den Todesstoß. Da aber die Bäume der Kolonisten leider meist ausgehungert, schlecht gepflegt und krank sind, müssen bei der Anpflanzung in erster Linie solche Sorten berücksichtigt werden, die von der Blut- laus überhaupt nicht oder nur ganz wenig angegangen werden. Von allen bekannten Sorten sind nur der genannte Charlamowsky und Baumanns Renette, ein hübsch rot gefärbter Winterapfel. aber nicht von allererster Qualität, absolut blutlausfrei. Diese beiden blütlausfreien Sorten sind bei der Anpflanzung in erster Linie zu berücksichtigen. Neben diesen beiden gibt es auch noch Sorten, die die Blutlaus weniger stark befällt. Solche sind nach meinen Beobachtungen die Anailasrenctjx, der Gravensteiner, der Ccllini und der Kaiser Alexander. Ganz ungewöhnlich blutlauS- empfänglich find dagegen die Wintergoldparmäne und Cox Orangen- renette. Von der ersteren, die auf den Parzellen fast überall am — 764— häufigsten vertreten ist. sollte man bei Anpflanzungen überhaupt grundsätzlich absehen, norncntlich auf magerem Sandboden, da sie auch große Anforderungen an das Erdreich und dessen Düngung stellt. Bei Cox Orangenrenettc ist die Blutlauscnipfänglichkeit sehr bedauerlich, denn diese Sorte ist zwar kleinfrüchtig. aber ein Edelapfel von einzigartigem Aroma, neben der Muskatrenette und Ribstons Pcpping, die beide sehr unzuverlässig tragen, Wohl der einzige Apfel mit ausgesprochenem Muskataroma. In vielen Gärten sind die Birnen krank; sie treiben im Sommer schlecht, die Blätter werden fleckig und fallen zum größten Teil ab, die Bäume sehen dann dürftig aus, auch bleiben die an- gesetzten Früchte in der EntWickelung zurück. Gegen diese Krank- heitserscheinung gibt es kein Gegenmittel, sie wird als Rost be- zeichnet. Der hier in Frage kommende Rostpilz hat einen Zwischen- lvirt, von dem seine Existenz abhängig ist. Er lebt in einem Stadium auf zwei verschiedene Wacholderarten, auf dem Sade- bäum mit kriechendem Wuchs und auf dem hochstrebenden virgini- schen Wacholder. Die Pilzsporcn werden durch den leisesten Luft- hauch auf ziemlich große Entfernungen zu den gegebenen Zeiten vom Wacholder' auf die Birne und umgekehrt von der Birne auf den Wacholder übertragen. Bevor man sich also zur Anpflanzung von Birnen entscheidet, sollte man erst in den Gärten der weiteren Umgebung Umschau nach genannten Wacholderarten halten, die vielfach als Ziergehölze angepflanzt sind. Wo man auch nur einen derartigen Wacholder trifft und den Besitzer nicht zum Ausroden bewegen kann, da verzichte man auf Birnen. Ist die Luft rein, dann sehe man von Anpflanzung der frühen Sommerbirnen, die durcbiveg kleinfrüchtig und nur wenig aromatisch, auch leicht ver- derblich sind, ab und pflanze Serbstbirnen als früheste Sorten. Die zuerst reifende gute Herbstbirne ist die gute Graue, dann folgen in der Reifezeit Amanlis Butterbirne und die gute Luise. Letztere ist, zur rechten Zeit gepflückt und genossen, eine der aromatischsten Birnensorten, dabei schön von Färbung und schön von Gestalt.. �„ Die Birnensorten verhalten sich übrigens bezüglich ihres Wertes nickt in allen Gegenden gleichmäßig; im allgemeinen sind die Birnen mit Riesenfrüchten, in Fachkreisen Kohlrüben genannt, mindertvertig; so die Sorten Andenken an den Kongreß, König Albert, Triumph von Wien u. a. Andere großfrüchtige Sorten verhalten sich, je nach Klima und Lage, verschieden. Die Herzogin von Angoulem« bleibt bei uns fast ungenießbar, während sie in milden Gegenden eine erstklassige Tafelfrucht ist, und die Pastoren- birne entivickelt sich im märkischen Sand zur Tafclsrucht, während man sie anderwärts nur als Kochbirne kennt. Wer Pflaumen liebt, der pflanze nicht die gewöhnliche Hauszwetsche, obwohl sie die anspruchsloseste ist, die man in guten Pflaumenjahren, wie dem gegenwärtigen, oft nicht einmal für 3 Pf. das Pfund los wird, sondern Reineclauden uich feine Pflaumen, namentlich im September/Oktober reifende Spätsorten. Bei Sauer- und Süßkirschen sind die frühesten Sorten die minder- wertigsten. Die bei uns verbreitetsten ersten Süßkirschen, Früheste der Mark und Früheste von Werder, sind fleischarm und haben nur herzlich wenig Aroma, während sich unter den späten Sorten solche von allererster Qualität befinden, wie Büttners späte rote Knorpel- kirsche und Noble. Unter den Sauer- oder Einmachekirschen ist und bleibt die im Juli/August reifende große lange Lothkirsche, in Liebhaberkreisen Schattenmorellc genannt, die. beste und ertrag- sicherste. Meine Bäume dieser Sorte haben mich in den letzten zehn Jahren auch nicht ein einziges Mal mit der Ernte im Stich gelassen._ Hd. Kleines f euiUeton. Technische?. Die größte Talsperre Europas. In den ersten Tagen de« Oktober wird ein neues Meisterwerk deutscher Wasserbautecknik eröffnet, die größte Talsperre Europas, die Edertalsperre, die selbst die kürzlich eingeweiht« Möhnetalsperre noch um 70 Millionen Kubikmeter Stauinhalt übertrifft. Bei Hemfurth in Waldcck ist die mächtige Anlage erstanden; in der Hauptsache wird sie dem Zwecke dienen, den Riedrigwasserstand der Weser zu erhöhen und in Verbindung damit den Rhein-Hannover-(Mittelland)-5kanal zu speisen. Oberweser wie Kanal werden von nun ab während des ganzen Jahres schiffbar sein; zugleich werden die verderblichen Frühjahrsiiberschwemmungen im Eder-, Fulda- und Wesergebiet beseitigt. Natürlich wird auch hier eine elektriiche Ueberlandzentrale errichtet, für die Landwirtschaft, die Kleinindustrie und chie Städtebeleuchtung. Die Besichtigung des neu geschaffenen Riesenwerkes erfolgt am besten von Bad Wildungen, Waldeck und Hemfurth aus, mit der Bahn bis Buhlen; von dort ist die Talsperre in Stunden er- reichbar. Wo an einer Biegung der Eder in der.Ura" am Uren- köpf und dem 422 Meter hohen Michelskopf die den Fluß be- gleitenden Berge bis fast auf 100 Meter herantreten, wurde die Sperrmauer errichtet. Etwa 200000 Kubikmeter Erde und Steine mußten ausgehoben werden, um auf den felsigen Urgrund zu kommen. Hier an der Sohle ist die Mauer 270 Meter lang und 34 Meter breit; die Kronenläuge beträgt 300 Meter, die Breite 6 Meter; die Höhe erreicht 48, ö' Meter. Die zum Bau benötigten 200 000 Kubikmeter Steine wurden in den benachbarten Bergen ge- brachen. DaS Niederschlagsgebiet der Sperre umfaßt 1400 Quadrat- kilometer; die Wasserfläche hat eine Länge von 2ö Kilometer und eine größte Breite von 2 Kilometer. Der Stausee wird 2 02 Millionen Kubikmeter Wasser fassen. 250 Kubikmeter Wasser können in der Sekunde abgegeben werden durch sechs in der Talsohle befindliche Rohre von 1,35 Meter lichter Weite; außerdem sind 12 Oeffnungen von je 2,50 Meter Breite in der Mitte der Mauer geschaffen; zum Abfluß des Hochwassers ist die ganze Mauer- kröne als Ueberfall ausgebildet. Die Getamtkosten werden sich auf über 20 Millionen Mark be- laufen, von denen etwa 8 Millionen Mark auf den Grunderwerb kommen. Erbauer ist die preußische Wasserbauverwaltung in Hannover. Die Sperre ist im Verhältnis zu ihrer Wassermenge die billigste aller bisher gebauten Sperren infolge der günstigen natür- lichen Bedingungen. Wie bei der Möhnetalsperre verschwinden auch hier ganze Dörfer vom Erdboden. Die aus dem Staugebiet verzogenen 125 Grundbesitzer mit rund 800 Angehörigen sind teils nach dem Osten Deutschlands, teils in die benachbarten hessischen Gebiete abgewandert, teils haben sie sich im Waldecker Lande angesiedelt. Die Lage_ des Stausees ist infolge der zahlreichen Buchten und Landzungen eine sehr schöne, namentlich an der Sperrmauer, von der man über den ersten Teil des Sees hinweg das Schloß Waldeck, 218 Meter über dem Tal, 420 Meter über dem Meere, liegen sieht, ebenso ist umgekehrt von der Altane des Schlosses aus der Rundblick ganz eigenartig. Aus dem Leben. PeterRoseggersFührerindunklerZeit. Es war 1884 in Graz, als Adalbert Svoboda leitender Oiedakteur der dorti- gen Tagespost war. Rosegger dankte ihm ein ermutigendes Schreiben, das ihn zur Fahrt nach Graz veranlaßte. Ihm voran traf bei Svoboda ein Bauer ein, der ein von dem Waldbauerbuben gesandtes Paket von 16 Pfund Schwere überbrachte: es enthielt alles, was Rosegger geschrieben hatte. Im Oktoberheft der Monatsschrift„Der Türmer"(Äreiner u. Pfeiffer Verlag, Stuttgart) erzählt nun Rosegger in dankbarer Erinnerung, wie die erste Begegnung mit seinem Entdecker, Helfer und.Führer in dunkler Zeit" gewesen ist: Im Herbste besuchte ich Graz und stand vor Dr. Svoboda. Da gab es folgendes Gespräch: „Also Sie sind der Mann, der mir den Korb voll Handschriften geschickt hat? Manchmal nehmen Sie bei Ihrem Dichten wohl Bücher zu Hilfe?" „Bücher Hab' ich halt nie gar viel, deswegen will ich mir ihrer schreiben." „Wenn Sie Bücher hätten, würden Sie auch dann noch schreiben?" „Weiß nit. Immer einmal kann ich abends halt nit einschlafen, wenn ich nit ein wenig dichten tu'." „Sie sind Lehrling bei einem Bauernschneider?" „Das ist g'wiß." „Gefällt Ihnen das Handwerk." „O, ganz gut. Aber können tu' ich halt noch nit gar viel." „Möchten Sie nicht lieber in die Stadt kommen und was ande- res lernen?" „Am liebsten wär's mir halt, wenn etwas von mir in die Zeitung hineingedruckt werden tät'." Der Doktor zuckte mit dem Kopf zurück, wie immer, wenn ihn etwas unangenehm berührte. „Lieber junger Petrus!" sagte er dann.„Bevor Sie etwas geben können, müssen Sie noch sehr viel nehmen..Daß ich von Ihnen etwas abdruckte, geschah nur, um Gönner zu suchen, die Sie ausbilden lassen möchten. Haben Sie erst was Tüchtiges gelernt, dann reden wir weiter vom Dichten. Sie sind den langen Weg nach Graz zu Fuß gekommen?" „Und will morgen wieder heim." „Einstweilen ja. Aber doch nicht zu Fuß, doch auf der Eisen- bahn." „Das tragt's halt nit." „Denn Sie werden ein großes Bündel mitnehmen. Ich gebe Ihnen Bücher mit." Er wies auf einen Stoß, der auf dem Tische lag.„Merken Sie auf! Diese Bücher mit dem roten Umschlag lesen Sie, um zu sehen, wie Sie nicht dichten sollen, und die ge- bundenen lesen Sie, um zu sehen, wie man's machen soll. Nach- schreiben auch diese nicht, nur- den Geschmack damit bilden." Die ersteren— einige neue Romane, wie sie zur Besprechung an Zei- tungen geschickt zu werden pflegen, die letzteren Klassiker. Als diese Bücher in ein großes Bündel gebunden waren, sagte Svoboda zu mir:„Dann noch etwas, Petrus! Ihre Jacke, die Sie anhaben, ist so weit zwar ganz sauber, aber etwas zu dünn für schlecht Wetter,— erlauben Sie!" Damit zog er seinen schwarzen Rock mit dem roten Seidenfutter aus, so daß er einen Augenblick in Hemdärmeln war, bis er in ein Hauskleid schlüpfte. Den Rock hat er mir an den Leib gestreift.„Geben Sic bloß acht, daß Sie nichts verlieren, in der Brusttasche haben Sie ein kleines Porte« feuille!" Als ich nachher die Treppe hinabstieg, war ich doch begierig, waS das ist— ein Portefeuille. Das war meine erste Begenung mit diesem Manne, der es buchstäblich zustande brachte, für seinen Nächsten den Rock auszu» ziehen und hinzugeben.___ Berantto. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanftaltPaul Singer Berlin SV/.