Hlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 192. Donnerstag, den 2. Oktober. 1913 10] Rittmcifter Brand. Erzählung von Marie von Ebner- Eschenbach. Mit großer Raschheit eilte Frau von Müller vorwärts und wäre beinahe an einen großen, breiten, nach der neuesten Mode gekleideten Herrn angeprallt, der Plötzlich und eben- falls sehr rasch aus der Tür der gegenüberliegenden Treppe getreten war. Brand erkannte in ihm das Urbild der vielen Porträts, die das Zimmer seiner Gattin schmückten, den Chef des Hauses, Herrn Eduard Weiß. Das waren seine im- pertinent blauen, vorstehenden Augen, seine üppigen Backen- bärte, die schwellenden Lippen, die— um mit Amalie zu sprechen— unter dein blonden Schnurrbart hervorblinkten, wie roter Mohn aus dein Weizenselde. Er lachte laut auf über den Schrecken, mit dem Sophie vor ihm zurückgefahren war, und sprach, ohne den Hut zu rücken:„Sehn Sie, da haben Sie's. Zur Strafe, daß Sie immer vor mir davonlaufen, wirft Sie der Zufall in meine Arme." Sie wendete sich und eilte dem Ausgang zu-, Eduard vertrat ihr den Weg: ..Nein, nein, Sie bleiben! Warum so scheu? Hab ich Sie beleidigt, oder fürchten Sie, daß ich Ihnen gefährlich werden könnte? Wenn das wäre, schöne Frau, wenn ich das hoffen dürfte"... Zärtlich, mit elegischer Gebärde, streckte er die fein be- handschuhte Rechte aus, um ihren Arm zu fassen' aber im selben Augenblick legte sich eine nervige Faust auf den seinen, und eine gebieterische Stimme befahl: „Platz da, Herr!" Betroffen sah Eduard sich um und maß den kleinen, unscheinbaren Mann, der ihn angerufen hatte, mit einem häßlichen verächtlichen Blicke. Dieser Mann lüftete jetzt vor Frau von Müller den Hut wie vor einer Königin und fragte ehrfurchtsvoll: „Twrf ein alter Bekannter Ihnen sein Geleit anbieten, gnädige Frau?" Sie war zurückgewichen. Ein leises Beben durchrieselte ihren ganzen Körper, mit groß geöffneten Augen starrte sie ihn an, ihre Oberlippe zog sich ein wenig in die Höhe, man sah, wie ihre weißen Zähne sich fest aufeinander klemmten. „Herr Rittmeister Brand," sprach sie zagend, fast un» hörbar. „Brand?" wiederholte Herr Eduard eingeschüchtert. Ritt- meister Brand, von dem Amalie in den letzten Tagen so oft und mit so herausforderndem Entzücken sprach? Der selbe Brand, von dem man wußte, daß er den Dienst aufgegeben batte, um sich mit seinem Obersten duellieren zu können. War er's? war er'3 nicht? Für alle Fälle fand Herr Weiß es geraten, die Augen zu senken. Sophie hatte ihre Fassung bald wieder gewonnen. Ruhig. höflich, aber unwiderruflich entschieden sprach sie, als Brand seinen Antrag wiederholte:„Ich danke Ihne», Herr Ritt- meister, nein, nein." Dietrich tral schweigend zur Seite, und sie schritt an ihm vorbei und hinaus in den strömenden Regen, in den Sturm, der sich erhoben batte und die Straßen durchfegte. Eduard machte einen zaghaften Versuch, ihr zu folgen. Aber Brand sah zu ibm hinauf(er reichte ihm genau bis zum Ohrläppchen) und sprach: „Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung. Ich begleite Sie auf Ihr Kontor." „Ich komme von dort," versetzte der schöne Mann und wußte nicht recht, ob er mehr Grund zur Entrüstung oder zur Bestürzung habe.„Ich gehe jetzt aus. Ich habe zu tun." „Auch ich habe zu tun, und zwar mit Ihnen," sagte Dietrich bestimmt, aber gar nicht aggressiv. Dem Chef lief es trotzdem eiskalt über den Rücken, und er fragte sich, ob das vielleicht die Art der Herren vom Militär sei, einen Zivilisten zun? Duell herauszufordern. Zum Duell! Diesem Unsinn, diesem Verbrechen, das jeder vernünftige und rechtgläubige Mensch verabsck)cut. Aber Gottlob, beschwichtigte er sich, wir haben ein Gesetz, und dieses hat einen Paragraphen, der Schutz gewährt gegen Bedrohung am Leben. Diese Erwägung gab ihm einige Sicherheit und den Mut zu sagen: „Eigentlich weiß ich nicht... Mit wem Hab ich denn eigentlich die Ehre?" „Eine ganz berechtigte Frage, Herr Eduard Weiß. Ich habe versäumt, mich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Dietrich Brand." „Also wirklich... Meine Frau hat schon öfter das Ver� gnügen gehabt, Herr Rittmeister..." „Nicht mehr. Ich habe meinen Militärcharakter ab-! gelegt." „Ja so, also richtig, also— bitte." Wenn du nur nicht so verflucht martialisch aussähest, du alte Tugendpolizei, dachte Eduard. Er hatte den Gast in das ebenso elegant wie gediegen eingerichtete Kontor geführt, wiSs ihm dort einen bequemen Fauteuil an und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Da hatte er die Taster der elektrischen Glocken in der Nähe. Ihr Anblick und der des Telephons an der Wand war ihm erfreulich. Es berührte ihn auch angenehm, als er aus dem zweiten Zimmer die süße Stimme Fräulein Juliens, die mit dem Zuschneider konferierte, herüberflöten hörte. Brand nahm von dem ihm angebotenen Platz nur so viel in Anspruch, als seine schmächtige Gestalt durchaus brauchte. Er saß kerzengerade, mit fest geschlossenen Beinen, und als Eduard ihm den Hut, den er in der Hand behalten hatte, ab- nehmen wollte, lehnte er kurz ab:„Nicht nötig. Ich habe Ihnen nur initzuteilen, daß der verstorbene Major von Müller ein Kamerad von mir gewesen ist. Erst neulich habe ich erfahren, daß seine Witwe hier lebt. In wie traurigen Ver- Hältnissen, teilte Ihre Frau Gemahlin mir mit. Ich bin nun entschlossen, Frau von Müller und ihre Kinder in meine Ob- Hut zu nehmen. Soeben war ich Zeuge des Benehmens, das Sie sich gegen diese Dame erlauben; wohl nur, weil sie von Ihnen für schutzlos gehalten wird. Sie ist es nicht mehr. Wer sie beleidigt mit einem einzigen Wort, einem einzigen Blick, beleidigt m i ch. Ich aber versichere Ihnen, daß ich Beleidigilngen nicht dulde. Das lassen Sie sich gesagt sein." Er stand auf, und Eduard folgte seinem Beispiel. Er sprach nicht, er verbeugte sich nur, über sein wohlgenährtes Gesicht flog ein Ausdruck... alles zugleich, zynisch, frech, feige. Brand nahm sich zusammen; er wollte seinen Zorn nicht überwallen lassen. Das kostete ihn einen schweren Kampf. Unbegreiflich! Seinen Soldaten gegenüber war seine Ruhe unerschütterlich, seine Geduld unerschöpflich gewesen. Wie kam dieser Bengel zu der Ehre, ihn dergestalt in Aufregung zu bringen? 11. Diese Frage war nicht die einzige, die ihn bedrängte. Das erste Wiederschen zwischen Sophie und ihm war für sie ein mit Schrecken verbundenes, für ihn ein glückliches gewesen, denn er hatte ihr einen Dienst leisten dürfen. Was aber nun? Ihr gleich, ihr heute noch einen Besuch abstgjten, ginge nicht an. Es sähe gar zu hungrig aus nach Lob und Dank, und wahrlich dadurch, daß man einen Zudringlichen fern gehalten hat, erwirbt man doch zu allerletzt das Recht, selbst zudringlich zu sein. Andererseits wieder— verfluchtes Dilemma!— möchte er doch um keinen Preis gleichgültig und teilnahmslos erscheinen. Vierundzwanzig Stunden lang ertrug Brand die Zweifels- quälen. Länger nicht. Am nächsten Tage war das Wetter schön, er hatte Klein- Peterl im Park besucht und wie gewöhnlich unter der fröhlich- spielenden Jugend lehr- und segensreich gewaltet. Als es elf schlug, als die Zeit wiederkehrte, zu der die tapfere Frau gestern ausgewandert war, um den Ertrag ihrer Arbeit heim- zuholen, als sie vor seinem Geiste stand, wie er sie mit Augen gesehen hatte, in ihrer lieblichen Verwirrung beim un- erwarteten Wiedersehen— da war's beschlossen:„Ilm drei bin ich bei ihr." Die Stunde schien ihm die passendste für einen ersten Besuch. Es ist eine so hübsche Stunde, diese dritte— nach der Mittagshöhe. Sie lastet nicht mehr drückend schwül und ist doch kräftig von Sonnenlicht durchtränkt. Die dritte Nachmittagsstunde hat manche Analogie mit gewissen gesetzten Jahren im Leben.... Brand ging ins Restaurant, rascher als notwendig ge- Wesen wäre, und hatte, nach Hause zurückgekehrt, schon um halb zwei Uhr seine Zigarre fertig geraucht. Dann wurde Toilette gemacht. Zylinder Nr. 2, dunkclgrauer Straßen- anzng Nr. 2. Alles sehr sinfi/JH, aber bürsten mußte Peter den Hut, den Anzug, die Stiefel, daß ihm das Herz weh tat um den Filz, das Tuch und das Leder. Brand warf sogar einen Blick in den Spiegel, schüttelte den Kopf und fah im- zufrieden aus. Ist auch an seinem Lebenstage früher Nachmittag... oder naht schon der Abend? Es muß heute eine andere sein, dachte Peter. Zu den Besuchen bei der„�liirdmiid' Mod'" wird mir Garderobe Nr. 1 angelegt. Nun ja, von so einer Putzgredl will man sich nicht spotten lassen. »Jetzt geh ich," sagte Brand, und hinter den armseligen Worten schwoll es empor wie komprimierter Jubel, dem man ein bißchen Luft macht.„Wohin glaubst Du wohl?" setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu und sah den guten Peter, und wußte selbst nicht, warum, streng an:„Zur Frau Major von Müller."» Peter war verblüfft: er gestand sich ungern, daß er nicht wußte, was er denken sollte von seinem Rittmeister. So stieß er denn einen Seufzer aus und sprach:„Die Frau Major von Müller, ja. Belieben jetzt in Klausenburg zu sein, die Frau Major." „Sie war dort, ist jetzt in Wien." „Da muß sie g'rad hergereist sein, Herr Nittmeister," stotterte Peter, und ein Licht ging ihm auf, sonnenhell, sonnengroß, und er platzte aufleuckstenden Blickes heraus: »Die Frau Major sind jetzt auch eine Wittib." „Was— auch? Wer— c�ich?" Ein solcher Esel! setzte er im stillen hinzu, ob man mit einem solchen Esel ein Wort reden darf, das nicht absolut zum Dienst gehört. Die kleine Verstimmung Brands verflog im Augenblick, in dem er aus dem Hause trat. So schlecht das Weier gestern gewesen, so wunderschön war es heute. In strahlender Herr- lichkeit stand die Sonne am lichtblauen Himmel: ein ver- klärender, wie von Millionen winziger Fünkchen durch- schimnierter Dunst lag über den Prachtbauten der Ringstraße und über den fernen Bergen. Das alte, ewig junge Wien prangte im Frühlingsschmuck seiner Alleen, Rasenplätze und Gärten; aber noch lag ein winterlicher Hauch in der Luft und gab ihr etwas Kerniges, Stärkendes. Jeder Blick trank Schönheit, jeder Atemzug Kraft, und mit jedem Schritte, den Brand vorwärts machte, steigerte sich sein Glücksgefiihl, und sein Unternehmungsgeist wirbelte, wirbelte empor, bis er ins Uebermlltige umschlug. Dietrich trat in einen äußerst clegauten Spielereiladen und kaufte dort den gediegensten Malkasten, der sich auf Lager fand, und die größte Pariser Puppe; ein Wickelkind, von einem lebendigen nur dadurch zu unterscheiden, daß es im zartesten Alter schon beim leisesten Druck„Papa" und „Mama" quietschte. Da Brand durchaus nicht wünschte, beladen wie er war, einem Bekannten zu begegnen, nahm er einen Wagen und fuhr bis an die Ecke der Berggasse. Indessen fühlte er sich auch hier nicht ganz behaglich; die Puppe war schlecht verpackt, aus einem Spalt des Papiers kam eine ihrer blonden Locken zum Vorscheins und aus einem anderen ihre rosenfarbige Hand, und mit der schlug sie einem seiner Grundsätze ins Gesicht. Wie oft hatte er Mütter und Gouvernanten gewarnt: „Von dem Tragen großer Puppen werden die Kinder schief." Und was wird Frack von Müller sagen, wird sie es nichl taktlos finden, daß er gleich beim ersten Besuch mit Geschenken angerückt kommt? lForttetzuiig tolgt.s R.orneo und Julia auf dem Dorfe- Seld Wyler Geschichte von Gottsried Keller. 1] Nachdruck verboten. Sali ging auch alsobald auf die stille, schöne Zlnböbe hinaus, über welche die drei Aecker sich erstreckten, und die prächtige, stille Julisonne, die fahrenden, Weißen Wolken, welch« über das reife, wallende Kornfeld wegzogen, der glänzende, weiße Fluß, der unten dorübcrwalltc, alles dies erfüllte ihn zum ersten Male seit langen Jahren wieder mit Glück und Zufriedenheit, statt mit Kummer, und er warf sich der Länge nach In den durchsichtigen Halbschatten des Kornes, wo dasselbe MartiS wilden Acker begrenzte, und guckte glückselig in den Himmel. Obgleich es kaum eine Viertelstunde währte, bis Vrcuchcn nach- kam und er an nichts anderes dachte, als an sein Glück und dessen Namen, stand es doch plötzlich und unverhofft vor ihm, auf ihn niederlächelnd, und froh erschreckt sprang er auf.„Vreelil" rief er, und dieses gab ihm still und lächelnd beide Hände, und Hand in Hand gingen sie nun das flüsternde Korn entlang bis gegen den Fluß hinunter und wieder zurück, ohne viel zu reden; sie legten zwei- und dreimal den Hin- und Herweg zurück, still, glückselig und ruhig, so daß dieses einige Paar nun auch einem Sternbilde glich, das über die sonnige Rundung der Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sichergehenden Pslugzeuge ihrer Väter. Als sie aber einmal die Augen von den blauen Kornblumen auf- schlugen, �an denen sie gehaftet, sahen sie plötzlich einen anderen dunklen«tern vor sich hergehen, einen schwärzlichen Kerl, von dem sie nicht wußten, woher er so unversehens gekommen. Er mußte im Korne gelegen haben; Bronchen zuckte zusammen und Sali sagte erschreckt:„Der schwarze Geiger!" In der Tat trug der Kerl, der vor ihnen herstrich, eine Geige mit dem Vogen unter dem Arm und sah übrigens schwarz genug aus; außer einem schwarzen Filz- Hütchen und einem schwarzen, rußigen Kittel, den er trug, war auch sein Haar pechschwarz, sowie der ungeschorene Bart, das Gesicht und die Hände aber ebenfalls geschwärzt; denn er trieb allerlei Handwerk, meistens Kesselflicken, half auch den Kohlenbrennern und Pechsiedern in den Wäldern und ging mit der Geige nur auf einen guten Schick aus, wenn die Bauern irgendwo lustig waren und ein Fest feierten. Sali und Vreachen gingen mäuschenstill hinter ihm drein und dachten, er würde vom Felde gehen und ver» schwinden, ohne sich umzusehen, und so schien es auch zu sein, denn er tat, als ob er nichts von ihnen merkte. Dazu waren sie in einem seltsamen Bann, daß sie nicht wagten, den schmalen Pfad zu ver- lassen, und dem unheimlichen Gesellen unwillkürlich folgten, bis an das Ende des Feldes, wo jener ungerechte Steinhaufen lag, der das immer noch streitige Ackerzipfelchen bedeckte. Eine zahllose Menge von Mohnblumen oder Klatschrosen hatte sich darauf ange- siedelt, weshalb der kleine Berg zurzeit feuerrot aussah. Plötzlich sprang der schwarze Geiger mit einem Satze auf die rotbekleidete Steinmasse hinauf, kehrte sich um und sah ringsum. Das Pärchen blieb stehen und sah verlegen zu dem dunklen Burschen hinauf; denn vorbei konnten sie nicht gehen, weil der Weg in das Dorf führte, und umkehren mochten sie auch nicht vor seinen Augen. Er sah sie scharf an und rief:„Ich kenne Euch, Ihr seid die Kinder derer, die mir den Boden hikr gestohlen haben! Es freut mich zu sehen, wie gut Ihr gefahren seid, und werde gewiß noch erleben, daß Ihr vor mir den Weg alles Fleisches geht! Seht mich nur an, Ihr zwei Spatzen! Gefällt Euch meine Nase, wie?"— In der Tat besah er eine schreckbare Nase, welche wir ein großes Winkel- maß aus dem dürren, schwarzen Gesicht ragte, oder eigentlich mehr einem tüchtigen Knebel oder Prügel glich, welcher in dies Ge- ficht geworfen worden war, und unter dem ein kleines, rundes Löchelchen von«inen, Mund sich seltsam stutzte und zusammenzog, aus dem er unaufhörlich pustete, pfiff und zischte. Dazu stand das kleine Filzhütchcn ganz unheimlich, welches nicht rund und nicht eckig und so sonderlich geformt war, daß es alle Augenblicke seine Gestalt zu verändern schien, obgleich es unbeweglich saß; und von den Augen des Kerls war fast nichts als das Weiße zu sehen, da die Sterne unaufhörlich auf einer hlitzschnellen Wanderung begriffen waren und wie zwei Hasen im Zickzack umhersprangen. „Seht mich nur an," fuhr er fort,„Eure Väter kennen mich wohl, und jedermann in diesem Dorfe weiß, wer ich bin, wenn er nur meine Nase ansieht. Da haben sie vor Jahren ausgeschrieben, daß ein Stück Geld für den Ebben dieses Ackers bereit liege; ich habe mich zwanzigmal gemeldet, aber ich habe keinen Taufschein und keinen Heimatschein, und meine Freunde, die Heimatlosen, die meine Geburt gesehen, haben kein gültiges Zeugnis, und so ist die Frist längst verlaufen, und ich bin um den blutigen Pfennig ge- kommen, mit dem ich hätte auswandern können! Ich habe Eure Väter angefleht, daß sie mir bezeugen möchten, sie müßten mich nach ihrem Gewissen für den rechten Erben halten; aber sie haben mich von ihren Höfen gejagt, und nun sind sie selbst zum Teufel ge- gangen. Item, das ist der Welt Lauf, mir kann's recht sein, ich will Euch doch geigen, wenn Ihr tanzen wollt!"— Damit sprang er auf der anderen Seite von den Steinen hinunter und machte sich dem Dorfe zu, wo gegen Abend der Erntesegen eingebracht wurde und die Leute guter Dinge waren. Als er verschwunden, ließ sich das Paar ganz mutlos und betrübt auf die Steine nieder; sie ließen ihre verschlungenen Hände fahren und stützten die trauri- gen Köpfe darauf; denn die Erscheinung des Geigers und seine Worte hatten sie aus der glücklichen Vergessenheit gerissen, in welcher sie wie zwei Kinder auf- und abgewandelt, und wie sie nun auf dem harten Grund ihres Elends saßen, verdunkelte sich das heitere Lebenslicht, und ihr« Gemüter wurden so schwer wie vteine. Da erinnerte sich Vrenchen unversehens der wunderlichen Ge- sralt und der Nase des Geigers, es muhte plötzlich hell auflachen und rief:„Der arme Kerl sieht gar z« spaßhaft aus! Was für eine Nase!"— lind eine allerliebste, sonnenhelle Lustigkeit ver- breitete sich über des Mädchens Gesicht, als ob sie nur geharrt hätte, bis des Geigers Nase die trüben Wolken wegstieße. Sali sah Vrenchen an und sah diese Fröhlichkeit. Es hatte die Ursache aber schon wieder vergessen und lachte nur noch auf eigene Rech- nung dem Sali ins Gesicht. Dieser, verblüfft und erstaunt, starrte unwillkürlich mit lachendem Munde auf die Augen, gleich einem Hungrigen, der ein sützes Weizenbrot«riblickt, und rief:.Bei Gott, Lreni, wie schön bist Du!"— Vrenchen lachte ihn nur noch mehr an und hauchte dazu aus klangvoller Kehl« einige kurze, mutwillige Lachtöne, welche dem armen Sali nicht anders dünkten, als der Gesang einer Nachtigall.„O Du Hexe!" rief er...wo hast Du das gelernt? Welche Teufelskünste treibst Du da?"—..Ach. Du lieber Gott!" sagte Vrenchen mit schmeichelnder Stimme und nahm Salis Hand,„das sind keine Teuselskünste! Wie lange hätte ich gern einmal gelacht! Ich habe wohl zuweilen, wenn ich ganz allein war, über irgend etwas lachen müssen, aber es war nichts Rechtes dabei; jetzt aber möchte ich Dich immer und ewig anlachen, wenn ich Dich sehe, und ich möchte Dich wohl immer und ewig sehen! Bist Du mir auch ein bihchen recht gut?"—„O Vreeli!" sagte er und sah ihr ergeben und treuherzig in die Augen,„und ich habe noch nie ein Mädchen angesehen, es war mir immer, als ob ich Dich «inst liebhaben müßte, und ohne daß ich wollte oder wußte, hast Du mir doch immer im Sinn gelegen!"—„Und Du mir auch," sagte Vrenchen,„und das noch viel mehr; denn Du hast mich nie angesehen und wußtest nicht, wie ich geworden bin; ich aber habe Dich zu Zeiten aus der Ferne und sogar heimlich aus der Nähe recht gut betrachtet und wußte immer, wie Du aussiehst! Weiht Du noch, wie oft wir als Kinder hierher gekommen sind? Denkst Du noch des kleinen Wagens? Wie kleine Leute sind wir damals gewesen, und wie lang ist es her! Man sollte denken, wir wären recht alt."—„Wie alt bist Du jetzt?" fragte Sali voll Vergnügen und Zufriedenheit,„Du mußt ungefähr siebzehn sein?"—„Sieb- zehn und ein halbes Jahr bin ich alt!" erwiderte Vrenchen,„und wie alt bist Du? Ich weih aber schon, Tu bist bald zwanzig!"— „Woher weiht Du das?" fragte Sali.—„Gelt, wenn ich es sagen wollte!"—„Du willst es nicht sagen?"—„Nein!"—„Gewiß nicht?"—„Nein, nein!"—„Du sollst es sagen!"—„Willst Du mich etwa zwingen?"—„Das wollen wir sehen!"— Diese ein- fältigen Worte führte Sali, um seine Hände zu beschäftigen� und mit ungeschickten Liebkosungen, welche wie eine Strafe aussehen sollten, das schöne Mädchen zu bedrängen. Sie führte auch, sich wehrend, mit vieler Langmut den albernen Wortwechsel fort, der trotz seiner Leerheit beide witzig und süß genug dünkte, bis Sali erbost und kühn genug war, Vrenchens Hände zu bezwingen und es in die Mohnblumen zu drücken. Da lag es nun und zwknierte in der Sonne mit den Augen, seine Wangen glühten wie Purpur, und sein Mund war halb geöffnet und ließ zwei Reihen weiße Zähnchen durchschimmern. Fein und schön flössen die beiden Augenbrauen ineinander, und die junge Brust hob und senkte sich mutwillig unter sämtlichen vier Händen, welche sich kunterbunt darauf streichelten und bekriegten. Sali wußte sich nicht zu lassen vor Freude, das schlanke, schöne Geschöpf vor sich zu sehen, es sein eigen zu wissen, und es dünkte ihm ein Königreich.„Alle Deine weißen Zähne hast Du noch!" lachte er,„weißt Du noch, wie oft wir sie einst gezählt haben? Kannst Du jetzt zählen?"—„Das sind ja nicht die gleichen. Du Löhli!" sagte Vrenchen,„jene sind längst ausgefallen!"— Sali wollte nun in seiner Ginfalt jenes Spiel wieder erneuern und die glänzenden Zahnperlen zählen; aber Vrenchen verschloß plötzlich den roten Mund, richtete sich auf und begann einen Kranz von Mohnrosen zu winden, den es sich auf den Kopf setzte. Der Kranz war voll und breit und gab der bräunlichen Dirne ein fabelhaftes, reizendes Ansehen, und der arme Sali hielt in seinem Arm, was reiche Leute teuer bezahlt hätten, wenn sie es nur gemalt an ihren Wänden hätten sehen kömien. Jetzt sprang sie aber empor und rief:„Himmel, wie heiß ist es hier! Da sitzen wir wie die Narren und lassen uns ver> sengen! Komm, mein Lieber, laß uns ins hohe Korn sitzen!"— Sie schlüpften hinein, so geschickt und sachte, daß sie kaum eine Spur zurückließen, und bauten sich einen engen Kerker in den goldenen Behren, die ihnen hoch über den Kopf ragten, als sie darin saßen, so daß sie nur den tiefblauen Himmel über sich sahen und sonst nichts von der Welt. Sie umhalsten sich und küßten sich unverweilt und so lange, bis sie einstweilen müde waren, oder wie man es nennen will, wenn t>as Küssen zweier Verliebter auf eine oder zwei Minuten sich selbst überlebt und die Vergänglichkeit alles Lebens mitten im Rausche der Blütezeit ahnen läßt. sFortsetzung folgt.) Die Quellen der JVIode von beute/) Von Margarete von Suttner. Es ist eine Tatsache, daß viele unserer modernen Kleidungs- stücke, besonders der Kleiderrock, unier orientalischem Einfluß stehen, eine Tatsache, die aber nicht ausschließt, daß die Mode von heute auch bei anderen Nationaltrachten und Stilen Anleihen gc- macht hat. Wir brauchen das nicht weiter zu bedauern, denn da- durch entsteht ein sehr buntes, lustiges Modcbild, und bunt, lustig zu sein, ist sozusagen eine Art heiliger Pflicht der Mode. Die Tatsache, daß die Mode in aller Herren Länder Anleihen macht, ist nur von einem Gesichtspunkte aus zu beklagen— sehr ') Wir bringen diese Betrachtungen lediglich zur orientieren- den Ergötzung unserer Leserinnen, die ja weder Lust noch Mittel haben, die Orientalisierung(oder auch Kokottijierung) der Mode mitzumachen. Die Red. zu beklagen!—'nämlich insofern, als dieses.Anlcihen-Shstem" die Mode in so hohem Grade kompliziert, daß die Allgemeinheit schon heute auf dem Punkte angelangt ist, den ich seit langem in Aussicht stellte:„Die Mode", das was wir„Fachleute" im strengen Sinne des Wortes darunter verstehen, ist nur noch einem verhält» nismäßig kleinem Kreise von Frauen zugänglich, für die Allge» meinheit wird auf der Basis dieser„Grundmaterie" ein ähnliches Fabrikat zrisammengestellt, an dem die allzu stark schillernden, prächtigen Eigenschaften des �ursprünglichen Borwurfs gedämpft, an dem die kühnen, barocken Schnörkel gemäßigt, die allzu platten Flächen überbrückt, die weit klaffenden Schlitze zugenäht und die sehr freimütigen Dekolletes züchtig zugedeckt wurden. Ich sagte, namentlich am Kleiderrock mache sich der orientalische Einfluß bemerkbar, und möchte hinzufügen, daß diese heute in mehr oder minder gemäßigter Weise ganz allgemein anerkannte Mode zweifellos auf den Pariser Schneiderkünstler Poirct zurück- zuführen ist. Er war der erste, der diese„moäes persanes" herauszubringen wagte,— um darob nicht wenig verlacht zu wer- den! Er war der erste, der seinen die Toiletten vorführenden Mannequins bunte Seidentücher nach Art des Turbans um den Kopf wand, der erste, der Toiletten aus glatten, geschmeidigen Seidenstoffen anfertigte, in Farben, wie sie bislang nicht zu Kleiderstoffen verwendet worden waren. Das krasseste Beispiel aber ist wohl folgendes: Heute vor zwei Jahren zeigte Poirct uns ein Kleid, über das ein halblanges Röckchen überfiel, dessen unterer Rand durch einen Streifen auseinandergehalten wurde. Man war damals entsetzt über die Zumutung, diesen»Lampenschirmüber- wurf" tragen zu sollen, ihn, der heute in leicht gemäßigter Gestalt „die große Mode" bedeutet, eine Mode, die sich indessen schwerlich allgemein durchsetzen wird. Eine durchaus orientalische Liniengebung haben jene Röcke, die, aus weichen Stoffen gebildet, beim Gehen um die Knie „plodern" und unten einen auf ein Minimum beschränkten Um- fang aufweisen, sei es dadurch, daß die Stoffbahnen� sich vorn kreuzen und nach oben gezogen werden, sei eS, daß der Rock in zerlegtem Zustande oben bedeutend enger ist als unten, also natur- gemäß die Linie einer weiten„Pluderhose" bildet, um so mehr, als er unten einen Schlitz hat, haben muß, denn das Gehen würde sonst zur Unmöglichkeit; man hat sich also mit dem Anblick abzu- finden, daß das Bein bis zur halben Wade sichtbar wird. An das Kostüm der Orientalin erinnern uns auch die langen, gleich Flügeln überhängenden Aermelteile aus stark durchsichtigen Stoffe», die in zahllosen Abarten der Form— bald kurz, bald fast den Boden berührend— an vielen Abendkleidern zu finden sind, manchmal in derselben Farbe wie das Kleid, manchmal aber auch von ihr abstechend. An die Tracht der Orientalin gemahnt endlich eine große An- zahl der zum Teil sehr kostbaren Phantasie-Kopfputze mit den kerzengerade oberhalb der Stirn emporragenden Reihcrstutzen, die aufwachsen aus antik eingesärbten Metallbortcn, die an unseren Füßen befindlichen Seiden-, Samt- und Goldbrokatschuhe jeglicher Farbe, die goldenen Fransen und Quasten, welche die Tunikas be- säumen, und die langen Perlenschnüre, die über Hals und Arme herabhängen. Aus den letzten französischen Jahrhunderten haben wir die pänierartigen Rock-Arrangements entlehnt, die groß-broschierten Stoffe, die zahllosen Meter handgenähter MinicAur- oder Riesen- blumen, die duftige Mädchcnkleider und gewagte Frauen-Corsagen dekorieren, die„modern-alten" Miniaturfächer, ja, man versucht sogar— und einige exzentrische Damen haben diese Mode tatsäch- lich angenommen— dem gepuderten Haar zu neuen Ehren zu verhelfen. Wir haben aus der Empirezeit den im erhöhten Taillenschluß liegenden Gürtel hcrübergeholt und den aus diesem Gürtel her- vorquellenden, leicht eingekräuselten Rock, wie er von jungen Mäd- chen, nur durch einen einfachen Tunikaüberwurf bereichert, noch immer viel getragen wird. Wir haben in diesem Jahre für auS- geschnittene Taillen das kleine Pusfärmelchen des Empireleibchens angenommen— allerdings aus so durchsichtigem Stoff, daß man es kaum sieht. Wir tragen die Boas, Schärpen und die riesigen Muffs, wie sie zu jener Zeit Mode waren. Wir„inspirieren" uns an gewissen Hutformen kws zweiten Kaiserreiches, und wir haben uns selbst von den vor zwanzig Jahren arg verspotteten Bieder- meicrgnoändern einiges ausgeborgt: bunt geblümte, naive Bänder und Schärpen, kindliche Blumenzierate, Fichus und andere Kleinigkeiten mehr. Und wer müßte nicht a» den Schmuck eines Aschanti denken, wenn er die farbigen, lustigen GlaSperlketten sieht, die, auf bunte Seidenschnüre aufgezogen, von Ouästchen und Knötchen unter- brachen, Paris als größte Sommerneuheit herausbrachte? Wer nicht an den Lendenschurz der Eingeborenen Afrikas, wenn er ge- wisse Schärpengebilde betrachtet, welche die modischen Toiletten ausstatten? Andere Erinnerung löst ein Kopfputz aus, den ich kürzlich an einer weltbekannten, eleganten Schönheit sah: hohe, schwarze Stangenreiher umgaben, auf einem Stratzenbandeau aufsitzend, wie ein mächtiger Heiligenschein vm» einem Ohr bis zum anderen laufend, den Kopf. Jeder weiß, wo er diese in die Luft stehenden Federn schon erblickt«: als Kind in den Bilder- büchern, die uns von den Taten tapferer Indianerhäuptlinge de- richteten..»» 768— Kleines Feuilleton. Zwei Gcfpräche. Mann und Weib. »Beschenke mich mit deinem Leib." »Mein Leib ist meine Seele." »Ich will nicht deine Seele, Weib." »So gib mir deine Seele." »Ich geb' dir meine Seele nicht, Du willst sie mir zerstören." »Und gibst du mir die Seele nicht, Kann ich dir nie gehören." Er: Ich lernte dich verstehen, Nun las; mich von dir gehen. Sie: Ich lernte dich ertragen, Nie kann ich dir entsagen. HanS Khser. Die Kugel von 18KL. Einen»vergnügten Bürgcrspab aus alter Zeit", betitelt„Die Kugel von 186S". erzählt der Münchener Kunsthistoriker Karl Voll in der demnächst erscheinenden Oktober- nummer der»Süddeutschen Monatshefte".»In meiner Vaterstadt Würzburg," so berichtet er,»sieht man an manchen Häusern in den Wänden Kugeln stecken, die aus den Franzosen- oder Preuhenkriege» stammen. Mit einer von ihnen hat es folgende Bewandtnis. Mein Vater war Drechsler in Würzburg und war ein Bürger vom alten Schrot, fleiszig, sparsam, aber einem Spatz nicht abgeneigt. Fein waren ja die Scherze dieser Bürgersleute nicht; jedoch steckte viel guter, schweigsamer Humor in ihnen, den die heutige Zeit nicht mehr kennt. Ein Freund meines Vaters lietz gegen das Jahr 1330 einen neuen Giebel auf sein Haus setzen und die ganze Nachbarschaft nahm grotzen Anteil an dem Bau. Als dieser fertig war, erblickte man oben in der Mitte des Giebels eine jener erwähnten Kugeln, die vorher niemand bemerkt hatte. Man sprach darüber und freute sich der Erinnerung an die Belagerung von 1866. Nur einer freut« sich nicht: ein jüdischer Kaufmann namens Günzburger, der gerade gegenüber wohnte. Er war ein gutmütiger Mann, den wir Kinder gern hatten, aber er war mitz- trauisch und aufgeregt. Diese Kugel regte ihn auch auf. Darum ging er über die Straße und sagte zu meines Vaters Freund: »Herr Nachbar, was haben Sie für eine Kugel da droben am Haus? Tun Sie sie doch wieder weg!"—»Aber Sie werden sich doch nicht vor der alten Kugel fürchten."—„Ich fürchte mich nicht, aber man weitz nicht, was alles passieren kann. Wie oft sind solche Kugeln noch nach Jahrzehnten explodiert."—»Aber ich bitte Sie, Herr Günzberger, die Kugel ist ja eingemauert. Da kann doch nichts passieren."—»Man weiß aber doch nicht. Viel- leicht schlägt einmal der Blitz hinein und sie explodiert und schlägt gerade herüber in mein Haus. Ich bitte Sie noch einmal, tun Sie die Kugel weg."—»Herr Günzburger, Sie haben wirklich keinen Grund zur Angst. Gehen Sie zum Nachbar Voll und fragen Sie ihn, der wird Ihnen auch sagen, datz Sie keine Sorge haben brauchen."— Günzburger ging zu meinem Vater und klagte ihm sein Leid.„Nicht wahr, Herr Voll, es ist eine Gefahr, so eine Kugel in der Wand zu lassen. Eisen zieht den Blitz an."— Mein Vater sah, daß sein Freund einen Spaß mit dem ängstlichen Mann machen wollte und ging darauf ein.»Herr Günzburger," sagte er,„Sie kennen mich und wissen, datz Sie mir glauben dürfen; ich garantiere Ihnen, daß die Kugel ungefährlich ist."—„Wie heißt garantieren. Sie stecken nicht in der Kugel. Wer weiß, was alles passieren kann."—»Ich garantiere Ihnen aber wirklich, daß mit der Kugel nichts passiert."—»Sie können garantieren soviel Sie wollen, ich geb' nichts drauf. Ich werde klagen."— »Also klagen Sie," sagte mein Vater. Unter irgendeinem Rechts- titel brachte Günzburger den Fall wirklich vor den Richter und mein Vater wurde als Sachversrändiger geladen. Der Richter sagte zu ihm:»Herr Voll, Sie sind Drechsler, wie kommt's, datz Sie als Sachverständiger für die Kugel geladen sind? Verstehen Sie was von den Geschützen?"—„Nein, davon verstehe ich nichts. Aber ich weitz, daß die Kugel nie losgeht; denn ich habe sie selbst gedreht und schwarz gebeizt. Sie ist aus Holz." Physiologisches. Schmerzhafter Hunger. Der Sprachgebrauch aller Völker hat übereinstimmend bekundet, daß die von starkem Hunger km Magen verursachten Gefühle als nagend bezeichnet werden. Dennoch sind sowohl nach Stärke wie nach Art der Empfindungen große Unterschiede anzuerkennen. Zuweilen steigert sieb daS Hunger gefühl zu einem brennenden Schmerz und andererseits auch zu einer eigentlichen Uebelkeir, verbunden mit einer großen Ungeduld und Reiz- barkeit. Diese seelischen Begleiterscheinungen des Hungers haben die experimentelle Erforschung, zu der sich genug Leute hohen bereit finden lassen, in der Klarheit der Ergebnisse beinträchtigt, und daraus erklärt es sich, daß weder über den Sitz noch über das Wesen des Hungers hinreichende Aufklärungen erzielt sind. Die Forschung steht hier vor einer großen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen. Bei manchen Menschen meldet sich der Hunger schon drei Stunden nack einer Mahlzeit, bei anderen sehr viel später. Ebenso verschieden ist seine Dauer, da sich seine Merkmale zuweilen nach ein oder zwei Stunden auch ohne erneuerte Nahrungsaufnahme wieder verlieren, sonst aber lange Zeit ungeschwächt oder verstärkt fortbestehen. Die Ursache des Hungergefühls würde man am ehesten in einer Veränderung des chemischen Zustandes im Magen vermuten, aber schon in diesem Punkt versagt die Erklärung. Im allgemeinen leidet der hungerige Magen allerdings an einem Ueberschuß an Säure, aber auch das Gegenteil ist häufig beob- achtet worden. Daß die Magensäure allein durch ihre Untätigkeit die Hungerempfindung herbeiführt, ist keinesfalls richtig, da ein Uebermaß der Salzsäure im Magen auch ohne eine Empfindung von Hunger vorkommt. Es läßt sich also vorläufig nicht mehr sagen, als daß beim Hunger meist ein Zuviel an Magensäure vor« handen ist. Beachtenswert ist die Beobachtung, daß ein Geschwür in der Nähe des Magenausganges mit einer Empfindung ver« bunden sein kann, die von der des Hungers nicht zu unter- scheiden ist. Der hauptsächliche Grund für die verwirrende Mannigfaltigkeit der Hungererscheinungen liegt darin, daß sie durck krankhafte Zu« stände auch in anderen Teilen des Körpers beeinflußt oder auch verursacht werden können. Sie begleiten fast stets die Entwickelung eines Darmgeschwürs und werden von manchen Aerzten als ein sehr wichtiges Kennzeichen für dessen Vorhandensein betracbtet. Aucki andere Leiden, zum Beispiel solche der Galle, auch die Zucker« lraukheit, führen zu Beschwerden, die von einem Hungerschmerz subjektiv nicht unterschieden werden können. Insbesondere sind Bleichsucht sowie eine Unterernährung und körperliche Erschöpfung zuweilen mit Hungergefühlen verbunden. In Fällen des krankliaftcn Hungers ist die Art der Ernährung von großer Wichtigkeit. Milde Speisen, wie Milck, Eier und dergleichen wirken lindernd, saure, scharf gewürzte und grobe Speisen dagegen verschärfend ein. Auch durch Arzneien kann der krankhafte Hunger gelindert werden, oft durch einfache Stoffe, wie doppeltkohlensaures Natron. Aus dem Tierreiche. Neues vom Riesen st rauß Ur-Afrikas. Die Tier- Welt der Wunderinsel Madagaskar umschließt ein großes zoolo- gisches Geheimnis, denn diese Insel, die nur ein verhältnismäßig schmaler Meeresarm vom heutigen Ostafrika trennt, besitzt eine völlig andere Fauna als der Erdteil, dem sie benachbart liegt. Man nimmt an, daß Madagaskar, das ursprünglich fest mit Afrika zusammenhing, durch einen großen geologischen Schnitt von dem Hauptkontinent abgesondert wurde und die afrikanische Tierwelt daiin hier noch ein ungestörtes Dasein bis in unsere Tage fristete, während in Afrika selbst durch das Eindringen von Löwen, Nas- hörnern, Wildpferdcn, Giraffen und den andern heut dort wohnen- den Tieren die alte Tierwelt zum größten Teil erstickt und vernichtet wurde. Hat sich wohl noch aus dieser Fauna Ur-Afrikas ein Reprä- sentant, wenn auch in veränderter Form, in die Gegenwart hin- übergerettet? Wilhelm Bölsche gibt in einem Aufsatz der Zeitschrift »Ueber Land und Meer" die Antwort darauf, indem er von dem „Riesenei in der Sahara" erzählt. Die beiden Zoologen Walter Rothschild und Hartert entdeckten bei einer Forscherfahrt zufällig in der Sahara Trümmerstücke eines ganz kolossalen Strautzcneies, die unmöglich von einem lebenden afrikanischen Strauß herstammen konnten. Die Riesenverhältnisse dieses Eies finden nur eine Parallele in den gewaltigen Eiern, die man im Innern von Madagaskar gefunden hat und die von einem Niesen« vogel stammen, dessen Gebeine man unter vielen Mühen und Ge« fahren bergen konnte. Dieser märchenhafte»Vogel Rock" erwies sich damals als eine Strautzenart, die mit vier und noch etwas mehr Metern äußerster Strecklänge den Rekord aller bekannten lebenden wie urwcltlichen Vögel schlägt. Der madagassische Riesen- strautz wurde„Aepyornis" genannt, und ihm muß der merkwürdige Saharagast, auf dessen Ei man gestoßen, nahe verwandt gewesen sein. Aus dieser lehrreichen Entdeckung geht, nun mit Sicherheit hervor, daß der Strautz zu den Urdewohnern Afrikas gehört. Die Riesenstrautze vom Madagaskarschlage, die einst bis zur algerischen Sahara verbreitet waren, müssen als ein echte? Stück Alt-Afrika gelten, wie jene Urfauna der Halbaffen, seltsamen Igel und Katzen, die sich noch auf der Insel erhalten haben. Unser heute lebender afrikanischer Strauß stammt von ihnen ab, wie noch ein kürzlich in Fayum gefundener Strautzenrest aus der älteren Tertiärzeit, der unfern Strauß direkt auch im Knochenbau mit dem Aepyornis verknüpft, bis zur völligen Gewißheit bestätigt. Ja, wahrscheinlich stammen alle Strautzenvögel der Erde, die süd- amerikanischen und australischen, wie die riesenhaften Moas und die Zwergkiwis von Neuseeland, von diesem urafrikanischen Riesen- vogel ab. Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagZanjtalrPaul Singec LcEo..B«rlin Z>V.