Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 195. Dienstag, den 7. Oktober. 1913 Igz Rittmeister Kranä. Erzählung von Marie von Ebner- Eschenbach. 14. Der nächste Vormittag traf Dietrich auf dem Wege zu Frau von Müller. Er wollte sie in Kenntnis des Anerbietens setzen, das Madame Vernon ihr machen werde, und sie bitten, es abzuweisen. Minutenlang ließ man ihn heute vor der Tür warten. Er läutete mehrere Male diskret und geduldig nach ent- sprechenden Zwischenräumen. Ihm kam vor, als ob er in der Küche flüstern, leise Schritte über die Steinplatten gleiten hörte, als ob eine Tür möglichst geräuschlos geöffnet und wieder geschlossen würde. Endlich hob sich der Zipfel des weißen Vorhanges. Die Dienerin erschien am Fenster und fuhr beim Anblick Brands erschrocken zurück. „Was ist? was gibt's? Machen Sie doch auf!" rief er laut und beunruhigt. Noch eine Weile zögerte sie, öffnete aber endlich doch und stand vor dem Eintretenden, sie, die brave, in Ehren ergraute Magd, verwirrt, mit unstet flackernden Blicken, mit glühenden Wangen, ein Bild des schlechten Gewissens.„Niemand zu Hause," stotterte sie und sah dabei schief und verstört nach einem Gegenstande hinüber, der auf dem Küchenbrette lag neben einem kleinen Krater aus Mehl, in den sie ein Eigelb eingebettet hatte. Dieser Gegenstand war eine Zehngulden- note. „Sie lügen schlecht," sprach Brand.„Ja, was Hänschen nicht lernt, meine liebe... Darf ich um Ihren werten Nanien bitten?" „Pauline zu dienen." „Meine liebe Pauline. Die gnädige Frau mag nicht zu Hause sein, aber jemand anderer ist da bei Ihnen. O, Pauline, in Ihrem— ich will sagen in unserem Alter— in Abwesenheit der gnädigen Frau, und mitten im Kochen!" „Herr Rittmeister, Jesus Maria, was glauben Sie von mir? Ich weiß nicht, was ich tun soll, ich weiß nicht, was ich sagen soll..." „Die Wahrheit. Pauline. Wer ist da, wen verstecken Sie?" „Ich verstecke ihn nicht, er versteckt sich selbst. Ich weiß nicht, warum. Er hat mir befohlen, zu sagen, daß niemand zu Hause ist, wenn wer anderer kommt, als die gnädige Frau, und er muß auf sie warten und muß mit ihr sprechen in Ge- schäften." „Er hat befohlen? Wer hat Ihnen etwas zu befehlen?" „Der Herr Chef, Herr Jesus! Er ist der Chef. Der gnädige Herr Chef wird doch etwas zu befehlen haben. Er kann uns alle brotlos machen, sagt er." „Brotlos niachen, so? Nun, meine Liebe, ich habe Ihnen zwar nichts zu befehlen, aber raten möchte ich Ihnen.. Herr Jesus! dieser Rat war in einer Manier gegeben, viel fürchterlicher als die des Chefs, Befehle zu erteilen. Fast hätte die arme Pauline aufgeschrien. „Seien Sie still und kochen Sie ruhig weiter, das ist mein Rat. Und dieses Geld"— Brand wies aus die Bank- note—„dieses Sündengeld..." „Sündengeld?"— Jetzt war ihr Gekreische nicht mehr zu unterdrücken:„Ich mag's nicht, ich hab's nicht angerührt. Nehmen Sie's, gnädiger Herr, geben Sie's zurück." „Gut, vortrefflich." Brand steckte das Geld zu sich und trat ins Atelier. Aber da war niemand. Der Elende hatte sich weiter zurückgezogen, ins Zimmer neben an— Gnade ihm Gott!— ins Schlafziinmer Sophiens. Dietrich ging auf die Tür zu, eine niedere Tür ohne Schloß, drückte die Klinke und stand in dem Ziminer, in dem die Ge- liebte, ja, ja, die Vielgeliebte! ausruhte von den Mühen des Tages. � Ein armes, schmales, grau getünchtes Stäbchen. An der kurzen Wand, dem geöffneten Fenster gegenüber, stand ein mit einem roten Kotzen zugedecktes eisernes Bett, ziein- lich dicht daneben ein alter, kleiner Ofen, und zwischen diesem und dein Bett lvar Herr Weiß eingeklemmt und machte ver- zweifelte Anstrengungen, sich, immer tiefer niederkauernd, zu Verstecken. Ein lächerliches Unternehmen, von dem nur einer, der vor Angst den Kopf verloren hat, glücklichen Erfolg er- warten konnte. Brand betrachtete ihn mit durchbohrender Verachtung. „Kommen Sie doch hervor," sagte er,„Sie dcnolieren noch den Ofen." Ter Rittmeister spaßte. Unerwartetes Glück! da konnte ja auch Herr Weiß spaßen. Er richtete sich auf, glättete semen Rock, seine Weste, lachte gequält und stotterte init un- verfälschtem Galgenhumor:„Ha, ha, Ueberraschung über Ueberraschung— Sie verderben mir eine Ueberraschung... Ich wollte— ja, wollte im Auftrage nieiner Frau..." Brand hatte den Blick von ihm ab und a.ntscheidl>ngen der Erfahrung und der Bernunft und die Ärundlag» eines ge- waltigen Baues.' i&um i Wenn wir heute Geheimnisie beheil scken, die man! früher nicht erhoffte, und wenn es unS gestaltet ist, aus der Vergangenheit Schlüsse zu ziehen, warum sollte unS nicht die Zukunft Reichtümer verwahren, auf die wir heute nicht rechnen? Wenn man vor einigen Jahrhunderten gesagt hätte, zu jenen Leuten, die die Möglichkeit der Dinge an dem Umfang ihres Geistes' messen und die sich nichts jenseits der Dinge vorstellen, die sie kennen, daß eS einen Staub gibt, der Felsen sprengt, der die stärksten Mauern ans weite Entfernungen zerstört; der. wenn man einige Pfund von ihm im tiefen Schog der Erde cinschlieht, sich durch die ungeheueren Massen, die ihn bedecken, durchbricht, und einen Abgrund aufzureiben vermag, in dem eine ganze Stadt verschwinden könnte: sie hätten nickt ver- fehlt, diese Wirkungen zu vergleichen mit der Tätigkeit der Räder, der Rollen, Hebel, Gegengewichte und der anderen ihnen bekannten Maschinen, um zu erklären, daß ein solcher Staub ein Hirngespinst wäre; und bafe nur der Bich und die Kraft, die Erdbeben hervor- ruft— ein unnachahmlicher Mechanismus— fähig wäre zu so furchibaren Wundern. Hat nicht der Versuch einer Maschine, das Wasser durch Feuer zu heben, wie man ihn zuerst in London versucht hat, übles Ge- rede veranlagt, zumal der Erfinder der Maschine die Bescheidenheit gehabt hat, sich als einen in der Mechanik wenig erfahrenen Mann zu geben? Wenn es in der Well nur solche Kritiker der Erfindungen gäbe, würden weder grobe noch kleine Dinge geschehen, aber was uns in unseren Forschungen ermutigen muh und uns ver- anlahl, aufmerksam um uns zu blicken, das sind die Jahrhunderte. die verflossen sind, ohne dah die Menschen bedeutsame Dinge be- merkt hätlcn, die sie gleichsam vor Augen hatten. Das ist die Kunst des Druckens und des Stechens. Wie seltsam ist der Menschen- geist! Handelt es sich darum. Dinge zu entdecken, so mifitraut er seiner Kraft, er verstrickt sich in die Schwierigkeiten, die er sich macht: die Dinge scheinen ihm unmöglich zu erfinden. Sind sie aber erfunden, io begreift er nicht, dab er so lange sie hat suchen müssen. Und er hat Mitleid mit sich selbst.... In welchem physischen oder nietaphysischeii System beobachtel man mehr Bernunft, Weisheit, Konsequenz als in den Goldspinn- maschmen, Strumpfwirkereien, als in den Beschäftigungen der Borten- Wirker, Gazeweber, Tuchmacher oder Seidenarbeiter? Welche mathe- matische Demonstration ist schwieriger als der Mechanismus gewisser Uhren oder als die verschiedenen Verrichtungen, durch die man Hanf bearbeitet, oder das Gespinst der Seidenraupe, bevor man einen Faden erhält, den man für das Werk gebrauchen kann? Kann man sich auf irgend einem Gebiete�vorstellen. dab es eine gröbere Feinheit gibt, als das Muster der Samte? Ich fände kein Ende, wenn ich all die Wunder aufzählen wollte, die in den Manufakturen jeden überwältigen, der nicht mit befangenen oder stumpfen Augen hinkommt. Ich will mich mit dem englischen Philosophen begnügen, drei Erfindungen zu erwähnen, die die Alten noch nicht gekannt haben und von denen— zur Schande der modernen Geschichte und Poesie — die Namen der Erfinder beinahe unbekannt geblieben find: ich will von der Buchdruckerkunst sprechen, von der Erfindung des Schieß- pulverS und der Magnelnadel. Welche Revolution haben diese Er- findungen nicht in der Republik des Geistes, in der Kriegskunst, in der Schiffahrt hervorgebracht? Die Magnelnadel hat unsere Schiffe bis zu den unbekanntesten Gegenden geleitet; die Schristleltern haben Licht zwischen den Gelehrten aller Orte und aller kommenden Zeiten verbreitet; das Schiehpulver hat alle jene Meisterwerke der Baukunst erstehen lassen, die unsere Grenze verteidigen und die unserer Feinde; diese drei Künste haben fast das Antlitz der Erde verändert. Geben wir endlich den mechanischen Künstlern die Gerechtigkeit, die wir ihnen schulden. Die freien Künste haben sich hinlänglich selbst besungen; sie können jetzt ihre Stimme zum Ruhm der mechanischen Künste erheben. Es ist die Aufgabe der freien Künste, die Technik aus der Erniedrigung zu ziehen, in der sie das Vor- urteil so lange gehalten hat. Die Handarbeiter halten sich für verächtlich, weil man sie verachtet; lernen wir besser von ihnen denken: das ist das einzige Mittel, bessere Arbeiten von ihnen zu erhalten. Möge aus dern Schoß der Akademien jemand hervor- Sehen, der in die Werkstätten hinabsteigt, der dort die Er- heinungen der Technik beobachtet, der sie uns in einem Werke aus- einandersetzt, welcher die Bauhandwerker veranlaßt, zu lesen, die Philosophen nützlich zu denken, und die Großen endlich einen nützlichen Gebrauch von ihrer Autorität und ihren Belohnungen zu machen.... Wir fordern die Handarbeiter auf. ihrerseits den Rat der Gelehrten zu suchen und nicht mit sich die Entdeckungen untergehen zu lassen, die sie machen. Sie müssen wissen, daß sie sich eine? Diebstahls gegen die Menschen schuldig machen, wenn sie das Geheimnis einer nützlichen Erfindung einschließen; und daß es nicht weniger schänd- lich ist, bei solchen Gelegenheiten das Interesse eineS einzelnen dem Interesse aller vorzuziehen. Wenn sie in Verbindung treten, wird man sie von manchen Vorurteilen befreien, besonders von dem, in dem fast alle befangen find, daß ihre Kunst die letzte Sprosse der Vollendung erklommen hat. Ihre Scheu vor Aufklärung läßt oft einen Mangel auf die Natur der Dinge zurückführen, der in ihnen Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: selber liegt. Die Hindernisse scheinen ihnen unüberwindlich, weil sie nicht die Mittel kennen, sie zu besiegen. Sie sollen Versuch« machen. Zu diesen Versuchen trage jeder sein Teil bei: der Arbeiter für das Handwerk, der Akademiker für die Kosten der Stoffe, der Arbeit und der Zeit; und bald wird die Technik unserer Manufakturen über die des Auslandes jede erwünschte Ueberlegenheit gewinnen. kleines fcialletoiv Naturkunde. Ein lebender„Saurier". Aus„Jnsulmde", dem glücklich-unglücklichen Jnselreich in Südost-Afien, wo holländischer und englischer Einfluß mit japanischer und chinesischer Schlauheit auf Kosten der Urbevölkerung einen stillen, aber nicht wenig verheerenden Kampk ausfechten, dringt die Nachricht, daß man dort in vordem von keinem Weißen betretenen Wäldern einen Riesen Waran entdeckt habe, der alle bisher lebend gekannten Eidechsenarten in Schatten stellt und direft an die ausgestorbenen Riesensaurier der Jura zeit erinnert. Die Nachricht klingt dem Naturkundigen nicht unglaubwürdig. Gehören doch die Warane oder Warneidechsen auch bisher schon zu den Riesen ihrer Ordnung, und der im malayischen Archipel hei- mische Bindewaran, von dem ab und zu ei» Exemplar in die europäischen Sammlungen kommt, mißt nicht weniger als fast 21/,3 Meter, kommt also einem halb erwachsenen Krokodil sast gleich. Er unterscheidet sich aber von ihm nur durch seinen ausgesprochen eidechseirartigen Bau. der dadurch ungemein grotesk wirkt, daß Kops und Hals besonders lang ans- gezogen sind. In Aegypten lebt noch jetzt eine allerdings wesentlich kleinere Warneidechse,' der von den alten Aeghptern göttliche Ehre gezollt wurde, da man sie für einen Feind der Krokodile und einen Freund des Menschen hielt, den sie durch Helles Pfeifen vor der Nähe der Krokodile warne. Diese hübsche Fabel, auf die auch der deutsche Name dieser Echsen zurückgeht, hat sich zwar nicht bewährt. Die Warneidechsen sind allerdings arge Räuber, die kühn andere Eidechsen, Schlangen. Vögel und kleinere Säugetiere angreifen, mit besonderer Vorliebe freilich dem ganz ungefährlichen, doch wohlschmeckenden Geschäft deS Bogeleierausnehmens obliegen. Aber ein Krokodil greisen sie nie an, einfach aus der Ursache, weil das RiUrokodil bis zu 6—7 Meter Länge erreicht. Nur den neuen Waranen aus Jnsulmde würde auch ein Krolodilkampf als kein aussichtsloses Beginnen erscheinen, sollen sich doch bereits Exeniplare von 9— 12 Meter Länge unter ihnen befunden haben. Bewahrheitet sich das, so würden sie zu den größten Riesen der Tierwelt zählen und sich den ausgestorbenen Warneidechsen von Queensland in Australien anschließen, deren Skelette auf eine Körper- länge von 12—15 Meter rückschließen lassen. Diese Maße versetzen uns in die Urwelt, in der die Saurier, etwa mit Ausnahme des Diplodocus und deS neuerdings in Afrika entdeckten Gigantosaurus meist unter den obigen Maßen blieben. Rur von wenigen, in der Vorstellung der meisten als.Hans- groß" erscheinenden Sauriern find Maße wie 36 oder IL Meter Körperlänge bekannt. Die meisten dieser Jchtosaurier>md Schwanendrachen gehen nicht über die heutige Tierwelt hinaus; die vielgenannten Flugdrachen waren sogar direkt kleine Tiere und auch der Urvogel kam nicht über Rabengröße hinaus. Die neuen Warane können sich also schon daneben als Ungetüme und Ueberbleibsel aus der Vorzeit sehen lassen, von der, wie die neuesten Forschungen immer deullicher erweisen, doch viel mehr in unsere Lebensperiode hineinragt, als man gemeinhin denkt. Vor einigen Menschenaltern starben erst die Riesenvögel Neuseelands aus, vor wenigen Jahren entdeckte man in Okapi ebenfalls einen noch lebenden Vertreter vorweltlicher Tierformen, nun schließen sich die Riesenwarane an und so ist anzunehmen, daß die Inselwelt zwischen Australien und Asien sowie das Innere Afrikas als die zwei Gegenden der Erde, an denen sich geologisch am wenigsten geändert hat, uns vielleicht noch manche ähnliche Ueberraschung bescheren._ Goetbe und Schiller über Diderot. Diderot war nahe genug mit uns verwandt; wie er denn in alle dem. weshalb ihn die Franzosen tadeln, ein wahrer Deutscher ist. Aber auch sein Standpunkt war schon zu hoch, sein Gesichtskreis zu weit, als daß wir uns hätten zu ihm steven und an seine Seite setzen können. Seine Raturkinder jedoch, die er mit großer redne« rischer Kunst herauszuheben und zu adeln wußte, be- hagten uns gar sehr.... So war er eS denn auch. der. wie Rousseau, von dem geselligen Leben einen Ekelbegriff verbreitete, eine stille Einleitung zu jenen ungeheuren Weltveränderungen, in welchen alles Bestehende unter- zugehen schien. Goethe. Welche Tätigkeit war in diesem Menschen! Eine Flamme, die nimmer verlöschte I Wieviel mehr war er anderen, als sich selbst! Alle? an ihm war Seele!_ Schiller. Vorwärts Buchdruckerei u-VerlagSanstalt Paul Singer S-Co., Berlin SW.