Wnterhallungsblatl des Worwärls Nr. 196. Mittwoch, den 8. Oktober. ,913 � Rlttmeirter Brand. Erzählung von Marie von Ebner- Eschenbach. 12. Sophie kehrte in freudiger Stimmung heim. Sie war nicht erstaunt, Brand da zu finden. Madame Amalie hatte ihr gesagt, daß er ihr abraten werde, das Anerbieten des Herrn Weiß anzunehmen, und: „Einen einmal gefaßten Entschluß lang hinauszuschieben, liegt nicht in ihrer Art... Aber denken Sie, jährlich zwei- tausend Gulden!" Taß ihr Talent, ihre Tätigkeit so hoch angeschlagen wurde, erfüllte sie mit eincin wahren Glücksgefühl. Wenn sie auf den Vorschlag, den Amdlie ihr gemacht hatte, einging, war sie sorgenfrei, hatte die Möglichkeit, ihre Kinder gut zu nähren und zu kleiden.„Erwägen Sie, was das heißt," rief sie aus. „Es heißt viel," versetzte Brand.„Sich aber täglich für zwölf Stunden von ihnen trennen und sie der Obsorge der Dienerin überlassen, heißt mehr." „Pauline ist brav, und meine Kinder sind gehorsam. Georg hält sein Wort wie ein Mann: ich weiß, was ich mir von ihm versprechen lasse, geschieht. Die Trennung an jedem Morgen wird mir freilich schwer werden, aber was erträgt man nicht, wenn man weiß, in zwei Jahren wird alles besser. Und das wird sein, denn ich darf jetzt hoffen, in zwei Jahren meine verpfändete Pension eingelöst zu haben." „So haben Sic angenommen..." „Noch nicht. Ich habe mir eine achttägige Bedenkzeit ausgebeten, obwohl Madame Am6lie anfänglich auf sofortiger Entscheidung bestand und den Grund ineines Zögcrns durch- aus kennen wollte. Ich konnte ihr ihn nicht sagen, diesen einzigen Grund... es ist unmöglich— und auch vielleicht höchst lächerlich... In meinen Jahren sollte ich doch die Furcht vor der Zudringlichkeit eines Frechlings überwinden können, der seine albernen Spaße gewiß einstellen würde, ivenn ich den Mut fände, ihn cinnial derb abzuweisen." „Fragen Sie Pauline, welchen Spaß der Frechling sich eben erst machen wollte," sagte Brand und schilderte ihr kurz und lebhaft, was zwischen ihm und Eduard vorgefallen war. Sophie schüttelte den Kopf. Sie war mit seiner Hand- lungsweise nicht einverstanden: ihr schien, daß er eine Un- Vorsichtigkeit begangen hatte, eine Uebereilnng! Er und eine Uebereilung! Wie kann man seinem Charakter so untreu werden? Dietrich suchte sich zu rechtfertigen. Er war niit den Gepflogenheiten des Hauses schon bekannt genug, um zu wissen, daß um diese Stunde höchstens der schwarze Kater sich im Hose aufhielt. Pauline ist die einzige, meinte er, der man zu erklären braucht, wieso der Herr Chef zwar durch die Tür herein, aber nicht mehr durch die Tür hinaus spazierte. Sophie nahm den Hut ab und die altmodische Mantille, die sie sorgfältig zusammenfaltete, damit das vielfach ge- flickte Futter nicht zum Vorschein komme. Tann setzte sie sich an den Werktisch und fing an, eine Harwe zu mon- tieren. Sie saß am Fenster im vollen Licht des sonnigen Tages und Dietrich ihr gegeniiber, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. Ihre Wangen waren leicht eingefallen, ein Zug von Schwermut spielte um den Mund niit seinen etwas zu blassen Lippen. Sie sah in diesem Augenblick nicht jünger aus als ihren Jahren entsprach. Nur ihre schönen, kunst- fertigen Hände waren ganz unverändert geblieben und lösten mit bewunderungswürdigem Geschick und erstaunlicher Leich- tigkeit ihre heikle Aufgabe. Ter kleine Finger der Rechten, der selbst am wenigsten leistete, schien der geistige Urheber all des Geleisteten zu sein, schien zu prüfen, zu leiten, sanft gerundet Beifall zu spenden, jäh ausgestreckt Bedenken zu erheben. Brand betrachtete ihn und hätte ihn küssen mögen, bezwang sich aber und blieb regungslos: ein stiller Beobachter, aus dem allmählich ein gekränkter wurde. Etwas von dem, was in ihm vorging, hätte Sophie doch erraten müssen. � War's möglich, daß der Kampf, den er mit seinem über- vollen Herzen känrpfte, von ihr unbemerkt blieb? Nur ab- solute Gleichgültigkeit kann eine scharfsichtige und gütige Frau so blind und grausam machen. Sophie war sich seiner Anwesenheit wohl gar nicht mehr bewußt, sie hatte ihn der- gessen über den Spitzen und Bändern, aus denen sich immer deutlicher ein wunderhübsches, kopfputzartiges Ding gestaltete, das sie nun in die Höhe hielt und aus einiger Entfernung prüfend ansah. „Nein, das könnt ich nicht," rief Dietrich plötzlich aus. Sie lachte. „Das glaub ich, daß Sie das nicht können." Er hatte aber etwas ganz anderes genieint. Er hatte gemeint: Ich könnte einen Menschen, der mich liebt, der blutig bereut, mich nicht schon einst geliebt zu haben wie jetzt, dem sein ganzes Leben und alles was er hat, erst dann etwas wert würde, wenn er es mir darbingen dürfte, nicht so neben mir sitzen lassen, ohne ihm ein Zeichen der Teilnahme zu geben. Die Kinder waren zurückgekehrt. Man hörte sie in der Küche laut und eifrig sprechen: Annerl lief herein und mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu. „Wir sind gefahren, so weit, so geschwind, in einem zu- gemachten Wagen. Und Fräulein Julie sagt, wenn wir andere Kleider haben werden, werden wir in einem offenen Wagen fahren. Und jetzt sind wir wieder da." Georg folgte der Schwester bald nach. Sein melancho- lischcs Gesichtchcn war freudig belebt, aber der ihm unge- wohnte Ausdruck erlosch plötzlich, er richtete die dunkeln Augen finster auf Brand, zögerte einen Augenblick und kehrte auf der Schwelle wieder um. „Sehen Sie nun," sprach Sophie,„so ist er. Daß er nicht alles findet, wie er sich's wahrscheinlich vorher ausge- malt hat, daß Sie da sind, daß Annerl ihm zuvorgekommen ist mit ihrer Begrüßung, macht ihn unglücklich, verdirbt ihm die Laune für den Rest des Tages. Ein anderes Kind würde man strafen. Ich Hab es ja auch bei ihm mit-Strenge ver- sucht, aber imnicr bereut. Er leidet zu viel darunter, die Strafe steht außer Verhältnis zu dem Vergehen." Sie hatte die Kleine auf ihren Schoß gehoben, und das Kind umschlang den Hals der Mutter mit beiden Aermchen und war glückselig. Brand hatte sich kerzengerade auf seinem Sessel auf- gerichtet.„Gnädige Frau," sagte er,„ich wiederhole meine schon neulich gestellte Bitte: Vertrauen Sie Ihren Sohn meiner Leitung an, überlassen Sie mir seine Erziehung." Sophie erhob die Augen zu ihm, sah ihn dankbar an, aber sie schwieg. „Tun Sie's," fuhr Dietrich fort.„Georg soll es gut haben bei mir, es soll ihm an nichts fehlen, auch nicht an weiblicher Pflege. Diese ließe ihm eine höchst anständige Person zuteil werden, Frau Magdalena Peters, die Mutter meines Täuflings, Dietrich Peter Peters." „Sie haben alles erwogen, ich sch's," versetzte Sophie freundlich, ja herzlich, und dennoch klang eine leise Ironie aus ihrem Tone.„Aber man mag sich etwas Unbekanntes noch so deutlich vorstellen, wenn es in Wirklichkeit an uns herantritt, überrascht es doch immer. Sie wissen nicht, was Sie sich aufbürden wollen... Ich habe es schon einmal ge- sagt— ein Kind, in Ihrem gewiß schönen, mnsterliaft ge- führten Haushalt.. „Ein Kind?" fiel er ihr ins Wort. Zwanzig Kinder tummeln sich wöchentlich einmal bei mir herum. Ich gebe Soireen, Erziehungs-Unterhaltungen... Ihr Sohn ist feierlich geladen. Gestatten Sie mir, meinen Beruf auch an ihm zu erfüllen: es würde vielleicht nicht ohne Nutzen für ihn sein. Für mich— was freilich kaum in die Wagschale fällt— wäre es ganz gewiß ein Glück. Lassen wir's auf eine Probe ankommen, gnädige Frau. Natürlich müßte ich vor allem trachten, Georg an mich zu gewöhnen, seine Nei- gung zu erringen. Ich würde ani liebsten morgen schon den ersten Versuch machen und ihn abholen kommen zu einem Spaziergang, wenn Sie es erlauben." „Gern, wie gern, und ich danke Ihnen." Sie war ver- legen und gerührt und sprach n.ühsam.„Ich danke, und in einein Atem bitte ich auch... Was die Antwort betrifft, die Madame Vernon in acht Tagen von mir erwartet— Herr Rittmeister, da lassen Sie mich allein entscheiden. Raten Sie nicht ab, suchen Sie nicht, mich zu beeinflussen. Ich muß in dieser Sache ganz frei, ganz nach eigener Einsicht handeln." „Wem: ich nicht abraten darf," erwiderte Brand schmerz- lich,„darf ich Sie während der Bedenkzeit, die Sie sich be- düngen haben, nickt sehen, nicht sprechen, denn sonst.. Er wurde durch das Eintreten Paulinens unterbrochen, die den Tisch zu decken kam. „Warten Sie," rief Sophie ihr hastig entgegen und er- rötete über und über: sie wollte keinen Zeugen haben bei ihrer ärmlichen Mahlzeit. Brand empfahl sich, und es tat ihm bitter weh, daß ihr Abschiedswort lautete: „Auf Wiedersehen also, in. acht Tagen." Unter dein Tore wurde er von der Hausmeisterin er- wartet. Sic schlich ans ihn zu, eine lächelnde Hyäne, warf einen spähenden Blick in die Runde, konnte nirgends einen Lauscher entdecken und sprach: „Hob'n e'n beim Fenster'nausg'schmiß'n! Recht is ihm g'scheg'n. Nur schob, daß wer kein' dritt'n Stock hob'n." „Ich habe niemand zum Fenster hinausgeworfen," er- widerte Brand. „No, versteht si!" Sie lächelte verschmitzt, und jetzt er- innerte sie an ein Krokodil.„Ton hoben's es nit, jibcr hundertmolverdient hätt's der Schuft, der�miserabliche. Schon weg'n den jnng'n Ding von do drib'n. So an arm's jung's Ding. Tie Eltern sein Schneiderleit, brave Leit und's Mädl War a brav... Bis der Schuft— aber dös steht ihm no ins Haus, dös wird sei Gnädige erfahren, ob s'es g'freit oder nit... Jetzt'n Hot er's satt, dös arme Ding, und bandlet gern an mit uns'rer Frau von Miller. No so, so an einschichtiges Frauenzimmer wär ihm holt kommod,'s is a Gluck, daß der gnä' Herr zum Recht'n seg'n und ihn 'nanspfeffern." „Frau Hausbesorgerin, ich habe ihn nicht hinaus„ge- pfeffert", ich habe ihn ersucht, sich selbst an die frische Lust zu setzen," sprach Brand ernst und nachdrücklich. „Wenn er nur g'setzt ist, wenn's'n nur obg'schofft hob'n. Wie S'n obg'schofft hob'n"— sie fuhr mit dem Ärnie durch die Lust, als ob sie etwas Schweres beiseite bringen und für imnier begraben wollte, und legte dann beteuernd ihre Rechte auf die Brust:„Dös bleibt bei mir!" lFortsetzung folgt.) Romeo und?uUa auf dem Dorfe. Seid Wyler Geschichte von Gottfried Keller. 21� Nachdruck verboten. Tie Bäuerin zog ab mit ihrem Biindelturme, mit Mühe das Gi'cichgcwicht behauptend, und hinter ihr drein ging ihr Knechtchen, das sich in Vrenchens einst buntbemalte Bettstatt hineinstellte, den Kops gegen den mit verblichenen Sternen bedeckten Himmel der- selben stemmte und, ein zweiter Simson, die zwei vorderen, zier- lich geschnitzten Säulen faßte, welche diesen Himmel trugen. Als Vrenchen, an Sali gelehnt, dem Zuge nachschaute und den wandeln- den Tempel zwischen den Gärten sah, sagte es:„Das gäbe noch ein artiges Gartenhäuschen oder eine Laube, wenn man's in einen Garten pflanzte, ein Tischchen und ein Bäntlein darein stellte und Winden darum herumsäte. Wolltest Tu mit mir darin sitzen, Sali?"—„Ja, Vrccli, besonders wenn die Winden aufgewachsen wären."—„Was stehen wir noch?" sagte Vrenchen,„nichts hält uns mehr zurück."—„So komm und schließe das Haus zu. Wem willst Du denn den Schlüssel übergeben?— Vrenchen sah sich um. „Hier an die Hellebarde wollen wir ihn hängen; sie ist über hun- dcrt Jahre in diesem Hause gewesen, habe ich den Vater oft sagen hören, nun steht sie da als der letzte Wächter!"— Sic hingen den rostigen Hausschlüssel an einen rostigen Schnörkel der alten Waffe, an welcher die Bohnen rankte», und gingen davon. Vrenchen wurde aber bleicher und verhüllte ein Weilchen die Augen, daß Sali es führen mußte, bis sie ein Dutzend Schritte entfernt warrii. Es sah aber nickst zurück.„Wo gch'n wir nun zuerst hin?" fragte es. —„Wir wollen ordentlich über Land gehen," erwiderte Sali,„wo es uns freut den ganzen Tag, uns nicht übereilen, und gegen Abend werden wir dann schon einen Tanzplatz finden."—„Gut!" sagte Vrenchen,„den ganzen Tag werden wir beisammen sein und gehen, wo wir Lust haben. Jetzt ist mir aber elend, wir wollen gleich im anderen Torf einen Kaffee trinken!"—„Versteht sich!" sagte Sali,„mach nur, daß wir ans diesem Dorfe wegkommen." Bald waren sie auch im freien Felde und gingen still neben- einander durch die Fluren; es war ein schöner Sonntagmorgcn im September, keine Wolke stand am Himmel, die Höhen und die Wälder waren mit einem zarten Duftgewebe bekleidet, welches die Gegend geheimnisvoller und feierlicher machte, und von allen Seiten tönten die Kirchenglockcn herüber, hier das harmonische tiefe Geläute einer reichen Ortschaft, dort die geschwätzigen zwei Bimmclglöcklein eines kleinen, armen Dörfchens. Das liebende Paar vergaß, was am Ende dieses Tages werden sollt«, und gab sich einzig der hoch aufatmenden, wortlosen Freude hin, sauber gekleidet und frei, wie zwei Glückliche, die sich von Rechts tvegcn angehören, in den Sonntag hineinzuwandeln. Jeder in der Sonn- lagsstillc verhallende Ton oder ferne Ruf klang ihnen erschütternd durch die Seele: denn die Liebe ist eine Glocke, welche das Eni- legenite und Gleichgültigste wieder tönen läßt und in eine be- sondere Musik vcrivandelt. Obgleich sie hungrig waren, dünkte sie die halbe Stunde Weges bis zum nächsten Torfe nur einen Katzensprung lang zu sein, und sie betraten zögernd das Wirts- hauS am Eingang des Ortes. Sali bestellte ein gutes Frühstück, »nd während es bereitet wurde, sahen sie mäuschenstill der sicheren und freundlichen Wirtschaft in der großen, reinlichen Gaststube zu. Ter Wirt war zugleich ein Bäcker, das eben Gebackene durchduftete angenehm das ganze Haus, und Brot aller Art wurde in gehäuf- teil Körben herbcigetragen, da nach der Kirche die Leute hier ihr Weißbrot Hollen oder ihren Frühschoppen tranken. Die Wirtin, eine artige und saubere Frau; putzte gelassen und freundlich ihre Kinder heraus, und soweit eines entlassen war, kam es zutraulich zu Vrenchen gelaufen, zeigte ihm seine Herrlichkeiten und erzählte von allem, dessen es sich erfreute und rühmte. Wie nun der wohl- duftende starke Kaffee kam, setzten sich die zwei Leutchen schüchtern an den Tisch, als ob sie da zu Gast gebeten wären. Sie crmunter- ten sich jedoch bald und flüsterten bescheiden, aber glückselig mit- einander; ach, wie schmeckte dem aufblühenden Vrenchen der gute Kaffee, der fette Rahm, die frischen, noch warmen Brötchen, die schöne Bulter und der Honig, der Eierkuchen und was alles noch für Leckerbissen da waren! Sic schmeckten ihm, weil es den Sali dazu ansah, und es aß~so vergnügt, als ob es ein Jahr lang gc- fastet hätte. Dazu freute es sich über das feine Geschirr, über die silbernen Kaffeelöffelchen, denn die Wirtin schien sie für rechtliche, junge Leutchen zu halten, die man anständig bedienen müsse, und setzte sich auch ab und zu plaudernd zu ihnen, und die beiden gaben ihr verständigen Bescheid, was ihr gefiel. Es ward dem guten Vrenchen so wohlig zumute, daß es nicht wußte, mochte es lieber wieder ins Freie, um allein mit seinem Schatz hcrumzuschweifen durch Auen und Wälder, oder niochte es lieber in der gastlichen Stube bleiben, um wenigstens auf Stunden sich an einem statt- lichen Orte zu Hause zu träumen. Doch Sali erleichterte die Wahl, indem er ehrbar und geschäftig zum Aufbruch mahnte, als ob sie einen bestimmten und wichtigen Weg zu machen hätten. Die Wirtiit und der Wirt begleiteten sie bis vor das Haus und ent- ließen sie auf das wohlivollendste wegen ihres guten Benehmens trotz der durchscheinenden Dürftigkeit, und das arme, junge Blut verabschiedete sich mit den besten Manieren von der Welt und wandelte sittig und ehrbar von hinnen. Aber auch als sie schon wieder im Freien waren und einen stundenlaugen Eichwald be- traten, gingen sie noch in dieser Weise nebeneinander her, in an- genehme Träume Vertieft, als ob sie nicht aus zank- und elend- erfüllten, vernichteten Hänsern herkämen, sondern guter Leute Kinder wären, welche in lieblicher Hoffnung wandelten. Vrenchen senkte das Köpfchen tiefsinnig gegen seine blumengeschmückte Brust und ging, die Hände sorglich an das Gewand gelegt, einher auf dem glatten, feuchten Waldbodcn, Sali dagegen schritt schlank auf- gerichtet, rasch und nachdenklich, die Augen auf die festen Eichen- stamme geheftet, wie ein Bauer, der überlegt, welche Bäume er am vorteilhaftesten fällen soll. Endlich erwachten sie aus diesen vergeblichen Träumen, sahen sich an und entdeckten, daß sie immer noch in der Haltung gingen, in welcher sie das Gasthaus verlassen, erröteten und ließen traurig die Köpfe hängen. Aber Jugend hat keine Tugend; der Wald war grün, der Himmel blau und sie allein in der weiten Welt, und si« überließen sich alsbald wieder diesem Gefühle. Doch blieben sie nicht lange mehr allein, da die schöne Waldstraße sich belebte mit lustwandelnde» Gruppen von jungen Leuten sowie mit einzelnen Paaren, welche schäkernd und singend die Zeit nach der Kirche verbrachten. Denn die Landleutc haben so gut ihre ausgesuchten Promenaden und Lustwälder, wie die Städter, nur mit dem Unterschied, daß dieselben keine Unterhaltung kosten und noch schöner sind; sie spazieren nicht nur mit einem be- sonderen Sinn des Sonntags durch ihre blühenden und reifenden Felder, sondern sie machen sehr getvählte Gänge durch Gehölze und an grünen Halden entlang, setzen sich hier auf eine anmutige, fernsichtige Höhe, dort an einen Waldrand, lassen ihre Lieder er- tönen und die schöne Wildnis ganz behaglich auf sich einwirken; und da sie dies offenbar nicht zu ihrer Pönitcnz tun, sondern zu ihrem Vergnügen, so ist wohl anzunehmen, daß sie Sinn für die Natur haben, auch abgesehen von ihrer Nützlichkeit. Immer brechen sie etwas Grünes ab, junge Burschen wie alte Mütterchen, welche die alten Wege ihrer Jugend aussuchen, und selbst steife Land- männer in den besten Geschäftsjahren, wenn si« über Land gehen, schneiden sich gern eine schlanke Gerte, sobald sie durch einen Wald gehen, und schälen die Blätter ab. von denen sie nur oben ein grünes Büschel stehen lassen. Solche Nute tragen sie wie ein Szepter vor sich hin; wenn sie in eine Amtsstube oder Kanzlei treten, so stellen sie die Gerte ehrerbietig in einen Winkel, ver- gessen aber auch nach den ernstesten Verhandlungen nicht, dieselbe säuberlich wieder mitzunehmen und unversehrt nach Hause zu tragen, wo es erst dem kleinsten Söhnchcn gestattet ist, sie zugrunde zu richten. Warum tun sie dies?— Als Sali und Vrenchen die vielen Spaziergänger sahen, lachten sie ins Fäustchen und freuten sich, auch gepaart zu sein, schlüpften aber seilswärts auf engere Waldpfade, wo sie sich in liefen Einsamkeiten verloren. Sie hiel- ten sich auf, wo es sie freute, eilten vorwärts und ruhten wieder, und wie keine Wolke am reinen Himmel stand, trübte auch keine Sorge in diesen Stunden ihr Gemüt, sie vergaben, woher sie kamen und wohin sie gingen, und benahmen sich so fein und ordcnt- iich dabei, daß trotz aller frohen Erregung und Bewegung Vren- «Heus niedlicher, einfacher Aufputz so frisch und unversehrt blieb, wie er am Anfang gewesen war. Sali betrug sich auf diesem Wege nicht wie ein beinahe zioanzigjährigcr Landbursche oder der Sohn eines verkommenen Schenkwirtes, sondern wie wenn er einige Jahre jünger und sehr wohl erzogen wäre, und es war bei- nahe komisch, wie er nur immer sein feines, lustiges Vrenchen an- sah, voll Zärtlichkeit, Sorgfalt und Achtung. Denn die armen Leutchen mutzten an diesem einen Tage, der ifmen vergönnt war, alle Manieren und Stimmungen der Liebe durchleben und sowohl die verlorenen Tage der zarteren Zeit nachholen, als das leiden- schaftliche Ende vorausnehmen mit der Hingabe ihres Lebens. iFortsetzung folgt.) Hnzcngmbcrs guter Rat» Eine Erinnerung von Peter Rof egger. Obwohl Peter Roscgger schon mehrere autobiographische Schriften veröffentlicht bat, gibt es in seinem langen, arbeits- reichen Leben doch viele„Sachen, die sonst niemand angemerkt hat und niemand weiß". Von diesen will er in der neuen Folge seines Wcltlebens erzählen, die demnächst als„Erinnerungen eines Siebzigjährigen" im Verlage von L. Staackmann in Leipzig er- scheinen werden. Aus den Aushängebogen des trefflichen Buches, das Erlebnisse aus verschiedenen Lebensabschnitten des Dichters lose aneinanderreiht, so manche Lücke in der Autobiographie aus- füllt und Dinge und Personen, die im Leben Roseggcrs eine Rolle gespielt haben, vertieft behandelt, tonnen wir bereits heute einen besonders anziehenden Abschnitt mitteilen, in dem Rosegger von seinem Freunde Anzengruber erzählt, dem er übrigens schon früher einmal— in dem Buche„Gute Kameraden"— ein Blatt der Er- innerung gewidmet hat. Anzcngrubers„Meineidbauer" war gerode von einem Aus- hilfstheaterkritiker mit den klassischen Worten abgetan worden: „Wieder die alte Leier von zwei Liebcsleuten, die sich heiraten möchten, und von den Alten, die nicht wollen. Ein zweites Mal wird dieses Haus füglich leer bleiben, denn unsere Bevölkerung hat Besseres zu tun, als sich darum zu bekümmern, ob der Groß- knecht des Kreuzweghofbauers die Vroni kriegen wird oder nicht." Kurz darauf traf Rosegger mit Anzengruber in Graz zusammen, und die beiden Dichter unterhielten sich luslig über die Rezension. Das Gespräch und das drollige Erlebnis, das sich daran schloß, er- zählt Rosegger nun folgendermaßen: Acrgerlich sind solche Zeitungsgeschwätzc, sagte ich. Er blieb stehen; durch die funkelnden Brille», die ihm auf der scharfgeboge- ncn Nase saßen, guckte er mich an und sagte:„Aergerlich? Steht dieses Wort in Ihrem steirischen Volkswörterbuch? Ich glaub's nicht. Das Wort sollte ein Volksdichter gar nicht kenne»." Anzengruber war anfangs nicht gerade leicht zum Sprechen zu bringen; aber wenn er einmal sprach, langsam, init feiner Fistelstimme scharf betonend und pointierend, dann war es der Mühe wert, ihm zuzuhören. „Drei Dinge kujonieren uns," fuhr er fort,„physischer Schmerz, Kummer und Aergcr. Die ersten sind Löwen; der Aerger ist ein Windhund. Und doch belästigt er uns am meisten, wenn inan das Mistvieh nicht zum Teufel jagt. Nein, für das Brest muß man nicht zu haben sein. Man laßt was gehen. Sie ärgern sich da über einen grünen Jungen, der in Ermangelung eigener Fexung auf fremdem Felde Halme sammelt. Lieber Freund! Da kann man in Wien ganz andere Sachen erleben." In Wien, meinte ich, könne er mit den Zcitungskritiken doch zufrieden sein. Dem Hamerling gehe es dort viel schlechter. Jedes neue Werk von ihm müsse durch die Wollzcile(Zeitungsgasse) Spießruten lausen. „Die Zeitungen schaden nicht viel," antwortete Anzengruber; „höchstens macht das beständige Loben dem Publikum einen Autor langivcilig. Das heißt man: einen Dichter auf warmem Weg auf- lesen. Uebrigens hat die Lesewelt lange Hände und greift um den bissigsten Zeitungsrczensenten herum nach dem Buch. Beim Theater ist das anders; da kann Ihnen ein einziger Lump den ganzen Weg zum Publikum verstellen. Die Operettenleute jetzt: wie sie huschen und zischeln und Ränke schmieden, um den Volksstückdichter nicht aufkommen zu lassen! Was es beim Theater für Trugschleicherci gibt, davon haben S e keine Ahnung." Wie halten Sic es mit einem Rezensenten, der Sie so recht mit aller Bosheit oder Dummheit zerfetzt? fragte ich. Er lachte.„Mit eincin solchen halte ich's gar nicht. Es gibt unter den schlechten Kritikern ja zweierlei Gattung. Die ehrlichen und die hundsfötlischen. Den ersten kann man, ist mau jusr wghl- gelaunt, einmal schreiben, ihnen ihre Mißverständnisse und Fehler vorhalten. Wenn man sie achtet. Ist aber besser, mau tut's nicht. Niemand ist so empfindlich gegen Kritik wie der Kritiker. Die hundsfötlischen; nun: die schweigt man tot. Sie sind ja bald hin. Sie setzen auch schon instinktiv nichts anderes voraus, als das Schweigen der Verachtung." Während dieses und ähnlichen Gespräches ging von der Kaffee- hauspromcnadc her ein junger Mensch an uns vorüber, der mich grüßte. Ich erkannte in ihm den grimmen Rezensenten des„Mein- eidbauer" und teilte das meinem Begleiter mit. Ob er nicht seine Bekanntschaft mache» wolle, fragte ich neckend.„Wenn Sic sich mit ihm unterhalten wollen," antwortete Anzengruber:„ich will derweil hiiüerdrein gehen mit meinem Freunde Gruber." Ludwig Gruber war anfangs nämlich des Dichters Teckname. Unter diesem Namen war er auch als fahrender Komödiant in den Schmieren zu erfragen gewesen. Ich überließ ihn also„seinem Freunde Gruber", niachtc mich an den kleinen Zeitungsschreiber und begann mit ihm ein Gespräch über das neue Bauerndrama. Anfangs wollte er anskneifen, um auf einen anderen Gegen- stand überzuspringen. Ich aber ließ gerade einmal nicht locker. Da erklärte er rundweg, er sei kein Freund dieser rührseligen Schnupftüchterdramatik; man habe schon an der Birsch-Pseiffer genug; wenn nun auch diese Dorfgeschichtenverzapfer anfingen, mit ihren blöden Bäuerinnen und bigotten Bauern Stalldung- gcruch auf die Bühne zu bringen, dann müsse man den Musen- tempel einmal gründlich ausräuchern, und zwar mit starkem Kraut. Hinter uns hörte ich ein Nasenschnaubcn, das wir später bei Anzengruber so oft zu hören bekamen, wenn ihm etwas Besonde- res aufstieß. Ich ließ meinen Rezensenten weiter an. Ob denn dieser „Mcineidbauer" wirklich so unter aller Kritik sei. Da wäre man doch begierig, wenigstens die Fabel zu hören. „Herr, es ist wirklich nicht der Mühe wert!" versicherte der junge Mann. „Aber die Wiener Presse hat ja diesmal mit Respekt, sogar mit Begeisterung das Stück besprochen." „Die Wiener Presse! Ich bitte Siel Da ist ja alles Koterie untereinander." Hinten schnaubte es stärker. „Im vierten Akt soll ja eine großartige Szene sein," sagte ich. „So lange bin ich gar nicht geblieben," antwortete der Re» zensent leichthin.„Wissen Sie, ich sprang an dem Abend nur für den Dr. K. ein, der verhindert war. Und offen gesagt: nach den ersten Szenen hatte ich genug. Dann ging ich zu Kollegen ins Bierhaus." Nun war der von hinten uns an der Ferse. Der kleine Zeitungsschreiber erschrak, als dieser Mann mit dem mächtigen Haupt und der auffallenden Adlernase neben ihm stand. Anzcn- gruber hielt ihm die Hand hin und sprach sänftiglich: „Junger Mann, Ihre Aufrichtigkeit ist eines Handschlages wert. Sie ivaren gar nicht in meinem Stück, das Sie kritisiert haben!" Nicht oft habe ich ein so jämmerliches Gesicht geschaut, wie das vom strengen Rezensenten jetzt war, als er merkte, vor ihm stehe der Dichter des Meineidbauers. Eine Menge Sätze der Entschuldigung begann er zu sagen, kam aber bei keinem über die ersten Silben hinaus. Sein Antlitz spielte fleckig in allen Farben. Da befiel den Dichter ein mensch- lichcs Rühren. Er legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte freundlich: „Lassen Sic sich einen guten Rat geben, mein Herr: bleiben Sie beim Bier!" Rleines Feuilleton Zwischen Leben und Tod. Es ist eine wohlbekannte Erscheinung, daß eS zwischen dein Lebendigen und Toten keine unverrückbare, feste Grenze gibt. Seit man„flüssige Kristalle" fand, ist es zum Beispiel recht zweifelhaft geworden, ob das Leben nicht bereits das tot geglaubte Mineralreich durchhaucht. Aber solche Zweifel schwinden desto mehr, je höher wir auf der Stufenleiter der lebendigen Wesen steigen. Wenn bei dem Menschen „alle Pulse stocken", wenn die Temperatur seines Körpers von der Nonnalhöhe von etwa 37 Grad bis unter 2ö Grad fällt, so wird eS niemandem einfallen, daran zu zweifeln, daß hier die Grenze zivischen Leben und Tod bereits überschritten ist. Und was von dem Menschen gilt, das gilt überhaupt von höher organisierten Tieren. Wenn der Stoff« und Kraflwechsel im Organismus dauernd stocken, so»ist die Zeit für ihn vorbei'. Dem russischen Forscher P. I. B a ch m e tj e w- Moskau der- danken wir die Entdeckung eines neuen ZustandeS, in den der höhere Organismus versetzt werden kann. Es ist der Zustand der Ana- biose, deS suspendierten Lebens und des noch nicht eingetretenen TodeS. Der Organismus befindet sich dauernd auf deS Messers Schneide zwischen Leben und Tod; ein Ruck— und die Entscheidung ist gefallen. Aber bis dahin— und das ist das allcrwichtigste da- bei— steht im Organismus alles still: er schreitet nicht fort und nutzt sich nicht ab. Wie ist ein solches Wunderiverk möglich? Die Versuche, bei denen Bachmetjcw die Anabiose entdeckte, er- streckten sich zunächst auf solche Organismen, die keine eigene Körper- temperatur besitzen. Ein Schmetterling z. B. nimmt, wenn er sich in Ruhe befindet, ohne weiteres die Temperatur der Anszenluft an. Der Forscher stellte sich nun die Frage: wie weit liegen die Tempe- raturgrcnzeu auseinander, unter denen so ein Schmetterlingsleben sich bewegt? Bei 4v Grad Wärme stirbt der Schmetterling ab. Bei Abkühlung bis 10 Grad Kälte kann er gleichfalls nicht mehr in? Leben gerufen werden. Aber bereits bei Grad Kälte fand Bach- metjew alle Körpersäfte festgefroren. Der Stoff- und Kraftwcchsel ruht also bereits von dieser Temperatur an. Der unter 4>/z Grad abgekühlte Schmetterling lebt nicht mehr. Aber gestorben ist er auch nicht: er kann noch durch Aufwärmung wieder in« Leben ge- rufen werden. Wie ein aufgezogenes aber doch nicht in Gang ge- brachtes Uhrwerk schwebt auch der Organismus des Schmetterlings in den Temperaturgrenzen von— 4Vj Grad bis— 10.Grad zwischen der Ruhe des Todes und der Bewegung deS Lebens. Dieser Zustand ist A n a b i o s e. Kann Anabiose auch bei Warmblütern erzeugt werden? Auf den ersten Blick scheint es ein Ding der Unmöglichkeit. Der Mensch stirbt, wenn seine Körpertemperatur bis unter 25 Grad Wärme sinkt: der Hund ist tot bei-s-22 Grad Eigentemperatur, die Maus bei ff-18 Grad. Es ist eben das Merkmal von Warmblütern, dasi bei ihnen die Lebensprozesse an eine bestimmte, von den äufieren Temperaturschwankuugen unabhängige Eigentemperatur gebunden sind. Es gibt jedoch Warmblüter, die in gewisier Hinsicht eine Aus- »ahme von der Regel bilden. Es sind das solche, die den Winter- schlaf durchmachen. Hierzu gehört u. a. die Fledermaus. Bei diese» Tieren hat die Körpertemperatur im Sommer eine bestimmte normale Höhe. Im Winter richtet sie sich jedoch nach der Tempe- ratur der umgebenden Luft. Bachmeljew nahm schlafende Fledermäuse und kühlte sie ab. Bei— 7 Grad hörte der Stoff- und Energiewechsel auf. Bei — 9 Grad trat der Tod ein. Innerhalb dieser Temperaturgrenzen befand sich das Tier in dein Zustand der Anabiose. Mit bewegte» Worten beschreibt er die eigene und seines Mitarbeiters Bestürzung, alS bei der vollständig vereisten Fledermaus das vordem noch eis- harte Herz, wieder aufgewärmt, ganz normal zu schlagen begann' Der Zustand des Winterschlafes zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß das Blut des Tieres ein erhöhtes Quantum Kohlensäure enthält. Und es sind bereits erfolgreiche Versuche gemacht worden, die Tiere, welche sonst den Winterschlaf nicht kennen, durch Zusatz von Kohlensäure zum Blute in de» Winterschlaf zu versetzen. ES soll möglich sein— so folgert Bachmetjew— jeden Warmblüter, den Menschen nicht ausgenonimen, zu einem Winterschläfer zu machen. Und dann? Daun wird sich auch der Zustand der Anabiose bei jedem von ihnen erzwingen lassen.... Der Forscher sieht schon im Geiste gewaltige praktische Um- wälzungen, die seine Entdeckung bringen wird. Die Bienen fressen im Winter einen großen Teil ihres Honigvorrates auf. Man bringt sie in einen Kühlraum, wo die Temperatur nicht unter— 10 Grad sinkt und nicht über—5 Grad steigt. Dann brauchen sie nichts zu freffen und werden doch im Frühjahr wieder lebendig. Oder: es gibt viele für Menschen schädliche Insekten, die aber selbst von kleinen Schmarotzern verfolgt werden. Nicht immer sind solche Schmarotzer- tierchen gleich zur Hand. Man versetze sie aber in den Zustand der Anabiose und dann wird man immer in der Lage sein, sie gegen Schädlinge zu verwerten. Die wichtigste Anwendung der Anabiose soll jedoch nach Bachmetjews Meinung im Kampfe gegen Krankheitserreger liegen. Die Tuberkelbazillen z. B. gehe» bereits bei 6_ Grad Kälte zugrunde. Stellen wir uns vor, daß ein au Tuberkulose Erkrankter zu einem Eisklumpen verwandelt, im Zustande der Anabiose zwischen Tod und Leben schwebt. Seine Temperatur wird sicherlich unter 6 Grad Kälte gesunken sein, lind wenn er erwacht, dann wird eS buchstäblich ein Erwachen zu neuem Leben sein. Die unsichtbaren Feinde, die an seinem Leben zehrten, sind dahin. Den Ungläubigen, die an der Möglichkeit zweifeln, daß der MenschenorgauismuS eine derartig starke Abkühlung überhaupt je ertragen wird, hält Bachmeljeiv wissenschaftlich beglaubigte Fälle von Wiedererivachen bereits gänzlich Erfrorener entgegen. Indes, die beste Entscheidungsinstanz wird in diesem' wie in jedem wisienschastlichen Streite die Erfahrung sein. Prof. Bachmeljew >st jetzt daran, seine Versuche auf Mäuse, Kaninchen und Affen auS- zudehnen. Die Gelehrten-, aber auch die Laienwelt hat alle I!r- fache, den Ergebnisieu dieser Versuche mit größter Spannung cnt- gegenzusehen. V. Th Berantw. Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln. Hauswirtschaft. Vom Verderben aufbewahrter Hühnereier. Zu den wenigen naturwissenschafllichen Kenntnissen, die jedermann aus eigener Erfahrung erwirbt, gehört sicherlich die„Naturgeschichte der verdorbenen Eier", denn im allgemeinen vergeht außer dem Frühling wohl kein Monat, in dein nicht wenigstens einmal der Geschmack, dieses treffliche und niemals irrende Naturforscherorgan anzeigen würde, daß in dieser oder jener Speise das hineinverarbeitete Ei nicht„tadellos" war. Es ist nur den wenigsten bekannt, daß di» Ursache de« Verderbens der Hühnereier eine Reihe von Bakterien ist, die sich sowohl im Eiweiß, besonders aber im Dotier einnisten und dort die Zersetzungen bewirken, deren Hauptprodukt, das Hydrogen- sulfit, jederinann bei dem Gedanken an den Geruch„fauler Eier" in Erinnerung ist. Es hat sich nun neuestens herausgestellt, daß die meisten dieser Mikroben nicht von außen in das Ei eindringen, da sowohl die Kalk- schale einen niechanischcn Schutz abgibt, wie auch das Eiweiß Sckultz- wirkungen einfallet und sogar schon eingedrungene Bakterien tötet. Die Infektion erfolgt vielmehr in de» meisten Fällen schon bevor das Ei noch mit einer schützenden Kalkhülle umgeben ist, nämlich im Innern des Mutterkörpers. Diese Erkenntnis erklärt es, warum trotz sorgfältigster Konscr« Vierung in Sägespänen, Holzkohle, Salz oder Wasserglas doch imnier ein ansehnlicher Prozentsatz der aufbelvahrtcn Eier unbrauchbar wird, vor allem, lvarum sich bei mchrmouatigein Aufbewahren der Ge- schinack der Eier ändert und mau es ihnen anmerkt, daß sie nicht frisch gelegt sind. Die meisten der in ihnen hausenden Bakterien sind nämlich völlig unschädlich, bewirken aber doch auch ohne Massen- verinehruug eine den Geschmack beeinflussende, wenn auch geringe Zersetzung. Am besten bewährt sich hierbei noch das Einlegen in 10 Proz. Wasserglas, namentlich wenn die Eier noch mit einem Firnis überzogen werden. Unter dem Eindruck dieser Kenntnisse hat sich nun eine neue Aufbewahrungsmethode der Hühnereier herausgebildet, die bei ge- ringen Kosten fast völlige Sicherheit gegen das Verderben gewähr- leistet. Sie beruht einfach darauf, daß, wenn man schon die In- fektion nicht verhüten kann, man die Vermehrung der Mikroben vcr« hindert. Dies geschieht am besten durch Kälte. Bei etwa 0 Grad vermehren sich die Bakterien nicht. Man bewahrt also die Eier in reinen, gut gelüfteten und relativ feuchte» Kühlräumen von ständig 0 Grad Temperatur ohne weitere Präparation auf und hat so er- zielt, daß sie auch sechs und sieben Monate lang, den„nussigen" Wohlgeschmack frisch gelegter Eier behielten. Feucht inutz der Kühl- räum sein, da sonst die Eier durch Trocknen schrttinpfen. Die Methode, die sich rasch verbreitet und als eine Wohltat für den Eierhandel von großer Bedeutung ist, hat nur den einen Nach- teil, daß man die Eier entweder nach ihrer Entnahme aus dem Kühlraum verbrauchen oder vor dem Versand in einem Raum von 4—6 Grad Celsius etwas lagern lassen muß, da sie sonst noch nach- träglich verderben. Meteorologisches. Die Höhe der Wolkenartcn. Wenn auch erhebliche Verschiedenheiten in der Höhe der einzelnen Wolrenarten bestehen. so sind diese doch innerhalb gewiffer Grenzen auf bestimmte Schjch. tcn über der Erdoberfläche beschränkt. Am tiefsten liegt selbstver- ständlich der Nebel, der den Erdboden berühren kann. Er wird von der Witterungskundc nicht eigentlich als eine Wolke bezeichnet, dock nennt man die Stratuswolken auch gehobene Nebel. Sie be- finden sich aber bereits in einer durchschnittlichen Höhe von 49 Meter über der Erdoberfläche. Es folgen die eigentlichen Regen- wölken, die als Nimbus bezeichnet werden. Ihre mittlere Höhe liegt bis 1080 Meter, jedoch erreichen sie in der Mischform mit Hausenwolken(Cumulonimbuss weit größere Höhen zwischen 2500 Meter an der Basis und 5500 Meter an ihrem Gipfel. Die echten Haufcnwolken reichen von 1450 bis 2160 Meter Höhe. Sie gehen dann in andere Abarten über, die als Schichthausenwolken und Höhenhaufenwolken bezeichnet werden und 1820 bis 8680 Meter über der Erdoberfläche schweben. Noch beträchtlich höher hinauf steigt eine merkwürdige Wolkenart, die durch ihre Gestaltlosigkeit an den gehobenen Nebel erinnert und daher als Höhenschichtwolke (AltosrratuS) in die Liste der Wolkcnformen eingereiht wird. Sie reicht nach den besten Ermittelungen bis zu einer durchschnittlickcn Höhe von 5790 Meter auf. Damit ist das Reich der Wolken aber noch lange nicht zu Ende, denn jenseits von etwa 5800 Meter Höhe beginnt die Zone der Eiswolken. Ter Form nach werden sie durch die bekannten Federwolken sCirrus» dargestellt. Bilden diese durch einen sehr niassiven Zusammenschluß einen Uebcrgang zu den Hausenwolken, so ist ihre Höhe verhältnismäßig gering und auf 5830 Meter zu veranschlagen. Tie Zwischenform zwischen Feder« und Schichtwolken(Cirrostratus) ist dagegen erst in Höhen von 7850 Meter zu finden, und die eigentlichen Federwolken in ihrer reinsten Entwickelung werden gar erst in einer Höhe von rund 9000 Meter gebildet. Sic bestehen lediglich aus Eisnadeln. Die Waffcrtropfen in den Wolken können übrigens sehr verschieden« Größen besitzen. Ihr Durchmesser beträgt in einem Nebel nur zwei Hundertstel Millimeter, kann dagegen in den dicken Tropfe» eines tropischen Regens bis auf 7 Millimeter wachsen.__ — Druck iu Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstalt Paul Singer LcCo..Berlin L W.