Anterhallungsblatt des'Vorwärts Nr. 193. Freitag, den Itl Okwber. 1913 16] Rittmeifter Brand. Erzählung von Marie von Ebner- Esche nbach. Sie lachte:„Schlecht und recht geht's doch weiter, und was mich betrifft, ich muß und ich werde nrich zurecht finden. Es ist Feigheit von mir, daß ich klage. Eines, die Hauptsache, hat sich von Anfang an so gut gemacht, wie ich's besser gar nicht wünschen kann— der Chef ignoriert mich. Das ver- danke ich Ihnen, auch das.. „Wann werden Sie sich eine Erholung gönnen?" fiel Brand rasch und beinahe aggressiv ein.„Wann gedenken Sie Urlaub zu nehmen?" „In diesem Jahre doch nicht, im ersten Jahre doch nicht. Am wenigsten doch jebt, da in sechs Wochen der Schluß der Ateliers für fast zwei Monate während der Laiscm morte bevorsteht." Mit dieser Antwort mußte er sich bescheiden und war in nicht eben rosiger Laune, als Madame Amalie nach langer Zeit einmal wieder einen Hilferuf ertönen und Brand zu sich bitten ließ. Er traf sie in einem bejammernswerten Zustaird. Sie lag auf dem Ruhebette, über dessen Lehne ihre langen, dichten Haare, in Strähne aufgelöst, hingen: sie stöhnte und hielt dem Eintretenden mit krampfhaft zuckenden Fingern einige zer- knitterte, tränengetränkte Briefe entgegen: „I5h bien— voilti!" Sie wußte alles. Ein Armcnadvokat l)atte sie in Kennt- nis geseht von der neuen Scksiechtigkcit ihres Gatten, der die jüngste und hübscheste unter den jungen Arbeiterinnen verführt, verlassen und, als sie ausblieb aus dem Atelier, schändlich verleumdet hatte bei seiner Frau. Q, ihr graute, ihr ekelte vor ihm. Er war kein pauvre clich-i mehr, er war Monsieur Weiß, der kripon, den sie verachtete, und von dem sie sich trennen wollte, auch wenn ihr Herz darüber in Stücke ginge. „In Stücke, darüber? da müßte es doch ein recht zer- brechliches Ding sein. Ich aber halte es für ein stolzes und standhaftes Herz, das sich aus erniedrigenden Banden de- freien wird. Gehört Heldenmut dazu? Sie haben ihn, Sie find gewiß nicht umsonst die Tochter des Landes, das fo viele Heroinen geboren hat." Amalie richtete sich auf, der Schmeichelei war sie noch am Rande der Verzweiflung zugänglich. Dietrich fuhr eine Weile im gleichen Tone fort, warf sich dann aber auf das Praktische:„Wenn Sie diesen Men- fchen noch eine Zeitlang als Chef walten lassen, führt er eine Paschawirtschaft ein, verwandelt Ihre Ateliers in Harems Die Achtung, in der Ihr Haus steht, geht verloren. Ihr sauer erworbenes Geld, das Sie guldenweise hereingebracht haben, fliegt zu Tausenden hinaus. Wofür, Allgerechter! Ihre Sckiande, die Sünden, die man Ihnen begeht, werden daniit bezahlt." Madame Amalie hörte ihm zu, rieb sich die Schläfen mit Migränestift, errötete und erbleichte. Niemals hatte die Beredsamkeit Brands eine solche Wirkung auf sie ausgeübt, wie im Augenblick, in dem er gegen Herrn Eduard für ihr Geld plädierte. Sie gab ihm in allem recht. Ja, es war aus und mußte aus sein! Elend hatte der kripon sie ge- macht, zur Bettlerin sollte er sie nicht niachen. Sie trennte sich von ihm, sie tat's, wenn es auch— von dieser Befürchtung kam sie nicht los— ihren Tod herbeiführen oder doch beschleunigen werde. „Im Gegenteil!" rief Brand.„Tie Kraft haben, eine nichtsnutzige Neigung auszurotten aus unserem Innersten, beißt den besten Beweis liefern, daß wir recht lebendig sind. Rotten Sie aus, Madame! Es wäre doch des Teufels, wenn Sie etwas Unwürdiges nicht ausrotten könnten!" Die französichen Nedewendungen bedeuten: saisoi» morts: geschäftstote Jahreszeit: ob bien— voilä: also— da seben Sie: pauvro chäri; armer Liebster; kripon: Spitzbube; je jure: ich ichwöre: le morneut: der Augenblick: raison: Vernunft: Paris bien-aimö: heißgeliebtes Paris; rnon bon ami; mein guter Freund. Amalie geriet in Ekstase:„Helfen Sie mir, Monsieur Rittmeister Brand, nobles großes Herz! Verlangen Sie von mir einen heiligen Eid, daß ich werde unerbittlich blei- ben..." Sie erhob die Schtvurfinger:„cke jure..." Dietrich ließ sie nicht weiter reden:„Ein fester Vorsatz ist ein Eid und darum nicht weniger heilig, weil wir ihn nur uns selbst geleistet haben." Sic dankte ihm für dieses schöne Wort, sie war es wert, daß inan ein so schönes Wort zu ihr sprach, denn sie hatte volles Verständnis für alles Schöne und überhaupt ein sehr feines Gefühl. Jetzt war aber nicht le moment. Gefühls zu haben, jetzt regierte kühle raison allein das Tun und Lassen Madame Vernons. In raschen Zügen entwarf sie ihren Zukunftsplan. Heute noch wollte sie ihren Geschäfts- freund beauftragen, die vorbereitenden Schritte zur Schei- billig einzuleiten, morgen bestellte sie ihr Haus, setzte eine Regentschaft mit Fräulein Julie an der Spitze ein, über- morgen reiste sie. O seliger Tag! Tag der Befreiung aus entehrendem Joche! Uebermorgen fuhr sie nach ihrem„Paris bien-aim�", zu ihren Verwandten, von denen sie bei ihren alljährlichen Künstlerfahrten nach der Metropole der In- telligenz, der Erfindungsgabe, des Geschmacks immer mit offenen Armen enipfangcn, von denen sie verwöhnt! choyiert, odoriert wurde. „Einen letzten Freundschaftsdienst erweisen Sie mir," schloß sie.„Gehen Sie zn ihm—" „Zu wem?—" Sie senkte die Augen:„Zu Monsieur Weiß. Sagen Sie ihm, daß ich ihn verachte und lieber sterben, als ihn auch nur einmal wiedersehen will. Sie aber, rnon bon ami, Sic kommen übermorgen Lebewohl sagen der armen Amalie." Er versprach, sich gewiß noch vor ihrer Abfahrt einzufinden, und ging hinüber ins Bureau. Der Chef stand vor dem Pulte, auf dem das Hauptbuch aufgeschlagen war und beschäftigte sich daniit, seine Ringe von einem Finger auf den anderen zu stecken und gründlich zu erwägen, auf welchem sie den schönsten Effekt machten. Brand kam mit sozusagen knirschenden Schritten auf rhu zu, bestellte die Botschaft Madame Amalies und gab die Erklärung ab:„Auch wenn Ihre Frau Gemahlin mich nicht dazu aufgefordert hätte, wäre ich gekommen, um Ihnen zu sagen: Was ich tun konnte, um Sie in das Nichts zurück- zustoßen, aus dem eine Ihnen tausendfach überlegene Frau Sie in unbegreiflicher Verblendung gerissen hat, das habe ich getan." Weiß war anfangs äußerst betroffen und ratlos ge- Wesen, samnieltc sich aber allmählich und suchte dem uner- warteten Angriff zu begegnen: Zu gütig, zu viel Ehre für uns. Inkommodieren sich... mischen sich in unsere kleinen ehelickien Zwistigkeiten." „Sie haben mich mißverstanden," versetzte Brand.„Von kleinen Zwistigkeiten ist nicht die Rede. Ihre Frau trennt sich von Ihnen, sie reist, sie begibt sich nach Paris, in den Schutz ihrer Familie." „So, sie reist? Allein, die Arme?" Eduard steckte seine Ringe definitiv auf den kleinen Finger der linken Hand. Er war in den Wiederbesitz seiner ganzen Dreistigkeit gelangt, hatte die Rolle gefunden, die er heute dem„alten Hofmeister Brand" gegenüber spielen wollte, die des vielcrfahrenen Welt- manns.„Wird eine traurige Reise sein," sagte er und stieß einen leichten Seufzer durch die Nase aus. „Und ein trauriges Zurückbleiben für Sie." „Vielleicht auch nicht. Wenn aber— kann ich ja nachreisen. Kenne Paris noch nicht, sehe mir's vielleicht an zur Abwechselung. Wir Männer lieben die Abwechselung, sind einmal auf den Wechsel gestellt... nicht alle. Es gibt auch Ausnahmen, zum Beispiel Sie. Sie sind für die Tugend, für das Väterliche." Er bebte zurück vor dem Blick, den Brand auf ihn richtete: er wich aus, als dieser sich ihm uni einen Schritt näherte, aber seine aufgestachelte Frechheit errang doch den Sieg über seine Feigheit:„Seien Sie, wofür Sie wollen und tun Sie nach Ihrem Belieben, Herr Rittmeister, ich tu nach dem meinen." Seine Stimme wurde immer sicherer, die Ringer lifr ausgestreckten Hand spielten nachtässtg mit dem Drücker der elektrischen Glocke, die auf dem Schreibtisch stand— eine Bewegung, und Hilfe war da. Herr Weiß durfte viel wagen, er war in guter Hut. So fuhr er denn, seine Worte manchmal gewaltsam her- vorstoßend, fort:„Jedes Tierel hat sein Dtanierel, heißt's im Sprichwort. DaS vergessen Sie immer. Sie möchten den Katzen Flügel und den Vögeln Pfoten anerziehen. Lassen Sic das bleibe»,' Herr Rittmeister, Sie Plagen sich und ändern doch nichts; lassen Sic die Katzen ungeschoren laufen lind die Vögel ungeschoren fliegen." „Herr," erwiderte Brand,„die beklagenswerte Tatsache, daß es unverbesserliche Halunken gibt, erschüttert mir nicht den Glauben an die Macht der Erziehung." Er sprach diese Worte ganz ruhig, er wunderte sich selbst, wie er ruhig geworden war und jetzt seiner Wege ging. Da hatte er wieder eine Lektion bekommen.„Laß ihn, den Armen," sagte sein kleiner, lieber Junge.„Lassen Sie mich ungeschoren, Sie ändern doch nichts an mir," sagte Herr Eduard. Kam das nicht auf eins heraus? War es nicht das- selbe? Dasselbe und nicht dasselbe, es ist ein Unterschied in der Qualität, wie ein Unterschied ist zwischen dem Nicht- wissen des Philosophen und der Unwissenheit des Lassen, zwischen dem in ringender Qual geborenen Unglauben des Denkers, und dem frechen Annichtsglauben des Galgen- stricks. lZortsetzung folgt.)' R-omeo und Jutta auf dem Dorfe. Eeldwylcr Geschichte von Gottfried Keller. 13) Nachdruck verboten Während sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so ver- gesscn, daß sie nicht bemerkten, wie nach und nach ein tveiter Ring sich um sie gebildet hatte von Leuten, die sie aufmerksam und neu- gierig betrachteten. Denn da viele junge Burschen und Mädchen aus ihrem Dorfe hier toarcn, so lvarcn sie erkannt worden, und alles stand jetzt in einiger Entfernung um sie herum und sah mit Verwunderung auf das ivohlgeputzte Paar, welches mit andächtiger Innigkeit die Welt um sich her zu vergessen schien.„Ei seht!" hieß es,„das ist ja wahrhaftig das Vrcnchen Marti und der Sali aus der Stadt! Die haben sich ja säuberlich gesunden und �vcr- bunden. Und welche Zärtlichkeit und Freundschaft, seht doch, seht! Wo die wohl hinaus ivollen?"— Tie Verwunderung dieser Zu- schauer war ganz seltsam gemischt aus Mitleid mit dem Unglück, aus Verachtung der Verkommenheit und Schlechtigkeit der Aelte- rcn und aus Neid gegen das Glück und die Einigkeit des Paares. welches auf eine ganz ungewöhnliche und fast vornehme Weise verliebt und aufgeregt schien und in dieser rückhaltlosen Hin- gcbung und Selbstvergcssenhcit dem rohen Völkchen ebenso fremd erschien, wie in seiner Verlassenheit und Armut.- Als sie daher endlich aufwachten und um sich sahen, erschauten sie nichts als gaffende Gesichter von allen Seiten, niemand grüßte sie, und sie wußten nicht, sollten sie jemand grüßen, und diese Verfremdung und llnfrcundlichkcit war von beiden Seiten mehr Verlogenheit als Absicht. Es wurde Vrenchen bang und heiß, es wurde bleich und rot. Sali nahm cS aber bei der Hand und führte das arme Wesen hinweg, das ihm mit seinem Haus in der Hand willig folgte, obgleich die Trompeten im Wirtshause lustig schmetterten, und Vrenchen so gern tanzen wollte.„Hier können wir nicht tanzen!" sagte Sali, als sie sich etwas entfernt hatten,„wir wür- den hier tvenig Freude haben, wie es scheint."—„Jedenfalls," sagte Vrenchen traurig,„es wird auch am besten sein, wir lassen es� ganz bleiben, und ich sehe, Ivo ich ein Unterkommen sinde."— »Nein," rief Sali,„Du sollst einmal tanzen, ich habe Dir darum Schuhe gebracht. Wir wollen gehen, wo das arme Volk sich lustig macht, zu dem wir jetzt auch gehören, da werden sie uns nicht ver- achten; im Paradiesgärtche» wird jedesmal auch getanzt, wenn hier Kirchweih ist, da es in die Kirchgemeinde gehört, und dort- hin wollen wir gehen, dort kannst Du zur Not auch übernachten." — Vrenchen schauerte zusammen bei dem Gedanken, nun zum erstenmal an einem unbekannten Ort zu schlafen, doch folgte es willenlos seinem Führer, der jetzt alleS war, was es in der Welt hatte. Das Paradiesgärtchen war ein schöngelegenes Wirtshaus an einer einsamen Berghaldc, das weit über das Land weg sah, in welchem aber an solchen Vergnügungstagen nur das ärmere Kolk, die Kinder der ganz kleinen Bauern und Tagelöhner und sogar mancherlei fahrendes Gesinde verkehrte. Vor hundert Jahren war es als ein kleines Landhaus von einem reichen Sonderling gebaut worden, nach welchem niemand mehr da lvöhnen mochte, und da der Platz sonst zu nichts jn gebrauchen war, so geriet der wunderliche Landsitz in Verfall und zuletzt in die Hände eines Wirtes, er da sein Wesen trieb. Der Name und die demselben entsprechende Bauart waren aber dem Haus« geblieben. Es bc- stand nur ans cinent Erdgeschoß, über welchem ein offener Estrich gebaut war, dessen Dach an den vier Ecken von Bildern aus Sandstein getragen wurde, so die vier Erzengel vorstellten und gänzlich verwittert waren. Auf dem Gesimse des Daches saßen rings- herum kleine, musizierende Engel mit dicken Köpfen und Bäuchen, den Triangel, die Geige, die Flöte, Zimbel und Tamburin spielend, ebenfalls aus Sandstein, und die Instrumente waren ursprünglich vergoldet gewesen. Tie Decke inwendig, sowie die Brustwehr des Estrichs und das übrige Gemäuer des Hauses waren mit ver- waschcnen Freskomalereien bedeckt, welche lustige Engelscharen, sowie singende und tanzende Heilige darstellten. Aber alles war verwischt und undeutlich wie ein Traum und überdies reichlich mit Weinreben übersponnen, und blaue, reifende Trauben hingen überall in dem Laube. Um das Haus herum standen verwilderte Kastanienbäume und knorrige, starke Rosenbüsche, auf eigene Hand fortlebend, standen da und dort so wild herum, wie anderswo die Holunderbüsche. Der Estrich diente zum Tanzsaal; als Sali mit Vrenchen daherkam, sahen sie schon von weitem die Paare unter dem offenen Dache sich drehen, und rund um das Haus zechten und lärmten eine Menge lustiger Gäste. Vrenchen, welches an- dächtig und wehmütig sein Liebeshaus trug, glich einer heiligen Kirchenpatronin auf alten Bildern, welche das Modell eines Domes oder Klosters auf der Hand hält, so sie gestiftet; aber aus der frommen Stiftung, die ihm im Sinne lag, konnte nichts lverden. Als es aber die wilde Musik hörte, welche vom Estrich ertönte, ver- gatz es sein Leid und verlangte endlich nichts, als mit Sali zu tanzen, wie drängten sich durch die Gäste, die vor dem Hause saßen und in der Stube, verlumpte Leute aus Seldwyla, die eine billige Landpartie machten, armes Volt von allen Enden, und stiegen die Treppe hinauf, und sogleich drehten sie sich im Walzer herum, keinen Blick voneinander abwendend. Erst als der Walzer zu Ende, sahen sie sich um; Vrenchen hatte sein Haus zerdrückt und zerbrochen, und wollte eben betrübt darüber werden, als es noch mehr erschrak über den schlvarzen Geiger, in dessen Nähe sie standen. Er saß auf einer Bank, die auf einem Tische stand, und sah so schwarz aus wie gewöhnlich; nur hatte er heute einen grünen Tannenbusch auf sein Hütchen gesteckt, zu seinen Füßen hatte er eine Flasche Rotlvein und ein Glas stehen, welche er nie umstieß, obgleich er fortwährend mit den Beinen strampelte, wenn er geigte, und so eine Art von Eiertanz damit vollbrachte. Neben ihm saß noch ein schöner, aber tratustger junger Mensch mit einem Wald- Horn, und ein Buckliger stand an seiner Baßgeige. Sali erschrak auch, als er den Geiger erblickte; dieser grüßte sie aber auf das freundschaftlichste und rief:„Ich habe doch gewußt, daß ich Euch noch einmal aufspielen werde. So macht Euch nur recht lustig, Ihr Tchätzchen, und tut mir Bescheid." Er bot Sali das volle Glas, und Sali trank und tat ihm Bescheid. Als der Geiger sah, wie er- schrocken Vrenchen war, suchte er ihm freundlich zuzureden und machte einige fast anmutige Scherze, die es zum Lachen brachten. Es ermunterte sich wieder, und nun waren sie froh, hier einen Be- kannten zu haben und gewissermaßen unter dem besonderen Schutze des Geigers zu stehen. Sie tanzten nun ohne Unterlaß, sich und die Welt vergessend in dem Drehen, Singen und Lärmen, welchps in und außer dem Hause rumorte und vom Berge weit in die Gegend hinausschallte, welche sich allmählich in den silbernen Dust des Herbstabends hüllte, wie tanzten, bis es dunkelte und der größere Teil der lustigen Gäste sich schwankend und johlend nach allen Seiten entfernte. Was noch zurückblieb, war das eigentliche Hudelvölkchen, welches nirgends zu Hause war und sich zum guten Tag auch noch eine gute Nacht machen wollte. Unter diesen waren einige, welche mit dem Geiger gut bekannt schienen und fremd- artig aussahen in ihrer zusammengewürfelten Tracht. Besonders ein junger Bursche fiel aus, der eine grüne Manchesterjacke trug und einen zerknitterten.Strohhut, um den er einen Kranz von Eber- eschen oder Vogelbeerbüschen gebunden hatte. Dieser führte eine wilde Person mit sich, die einen Pock von kirschrotem, weiß getüpfel- tem Kattun trug und sich einen Reifen von Rebenschossen um den Kopf gebunden hatte, so daß an jeder Schläfe eine blaue Traube hing. Dies Paar war das ausgelassenste von allen, taugte und sang unermüdlich und war in allen Ecken zugleich. Dann war noch ei» schlankes hübsches Mädchen da, welches ein schwarzseidenes, ab- geschossenes Kleid trug und ein weißes-ruch um den Kopf, daß der Zipfel über den Rücken fiel. Das Tuch zeigte rote, eingcwobenc Streifen, und war eine gute, leinene Handzwehle oder Serviette. Tarunter leuchteten aber ein Paar veilchenblaue Augen hervor. lim den Hals und auf der Brust hing eine sechsfache Kette von Vogelbeeren und ersetzte die schönste Korallenschnur. Diese Gestalt tanzte fortwährend allein mit sich selbst und verweigerte hartnäckig, mit einem der Gesellen zu tanzen. Nichtsdestoweniger minder be- wegte sie sich anmutig und leicht herum und lächelte jedesmal, wenn sie sich an dem traurigen Waldhornbläser vorüberdrchte, wozu dieser immer den Kopf abwandte. Noch einige andere vergnügte Frauens- leute waren da mit ihren Beschützern, alle von dürftigem Alussehen, aber sie waren um so lustiger und in bester Eintracht untereinander. Als es gänzlich dunkel war, wollte der Wirt keine Lichter anzünden, da er behauptete, der Wind lösche sie aus, auch ginge der Vollmond sogleich auf, und für das, was ihm diese Herrschaften einbrächten, sei das Mondlicht gut genug. Diese Eröffnung wurde mit großem Wohlgefallen ausgenommen; die ganze Gesellschaft stellte sich an die Briistung des luftigen Saales und sah dem Aufgange des Ge- ftirnes entgegen, dessen Röte schon am Horizont stand, und sobald der Mond aufging und sein Licht quer durch den Estrich des Para- diesgärtchens warf, tanzten sie im Mondschein weiter, und zwar so still, artig und seelenvergnügt, als ob sie im Glänze von hundert Wachskerzen tanzten. Das seltsame Licht machte alle ver- trauter, und so konnten Sali und Vrenchen nicht umhin, sich unter die gemeinsame Lustbarkeit zu mischen und auch mit anderen zu tanzen. sFortsetzung folgt.1 Giuseppe Verdi Zu seinem hundert st en Geburtstage. Am 10. Oktober 1813 wurde in Roncole bei Parma der Komponist Giuseppe Verdi geboren. Er ist der größte italienische Tonsetzer der neuesten Zeit. Die ganze Welt, die für Kunst im allgemeinen und für Musik im besonderen Sinn hat, begeht den 1t).' Oktober festlich, wie sie den 22. Mai festlich begangen hat, auf den der hundertste Geburtstag Richard Wagners fiel. ES gab eine Zeit, da man sich in deutschen, ja sogar in italienischen Musikerkreisen der Kunstlästerung schuldig machte, wenn man Wagner und Verdi neben einander nannte. Man wurde sofort als ein gänzlich verständnisloser Philister bezeichnet, der nicht weiß, welcher Unterschied ist zwischen dem auf tiefster Wahrheit und Unter- ordnung der dramatischen Musik unter einer Idee hinarbeitenden deutschen Genie und dem auf augenblickliche Effekte vor allem rechnenden„welschen Tonschreiber". Diese Zeit ist so ziemlich vorbei, nicht ganz. Es gibt noch immer einige Heißsporne, die Verdi nicht verstehen oder verstehen wollen. Man kann aber ruhig von ihnen behaupten, daß sie auch Wagner nicht verstehen. Man darf es überhaupt als das Zeichen künstlerischer Beschränktheit ansehen, wenn jemand eine Persönlichkeit einem anderen gegenüber ableugnet. Künstlerisches Verständnis sucht nicht das Bereich der Kunst zu verarmen, dadurch, dah es den Bestand vermindert, sondern es sucht alles zu pflegen, tvas in dem großen Garten wächst, und es erfreut sich an jeder Bildung, wenn sie nur eigenartig ist. Der Zweck dieser Zeilen ist, ein Bild von der Persönlichkeit des großen italienischen TonietzerS zu geben, und wenn, wie es schließ- lich unvermeidlich sein wird, der Name WagnerS in der Darstellung wiederkehrt, so wird es nur geschehen, um zu zeigen, daß Verdi und Wagner keineswegs die Gegensätze bedeuten, als die man sie un- kundigerweise hinstellt, sondern zuerst nebeneinander wirkende riefen- hafte Kräfte sind, von denen die allerdings tiefer angelegte Wagners ans die BerdiS einen großen ungeahnten Einfluß haben, ja sie zur höchsten, die Persönlichkeit noch verstärkenden Meisterschaft führen sollte. Verdis Persönlichkeit ist rein romanisch. Alle Eigenschaften der südlichen Rassen, die sich mit Arabern nicht allzu stark vermischt haben, Feuer, Glut, Stoßkraft, Erfindungsreichtum, Leidenschaft, un- widerstehlicheS Draufgehen. dem indes die Mäßigung, jene Haupt- tilgend der Romanen, stets den wahren Erfolg sichert— alle diese Vorzüge im Dienste einer schier unverwüstlichen körperlichen Kraft vereinigten sich zur Schaffung eines Menschen, wie er vielleicht nur alle hundert Jahre einmal zur Welt kommt. Verdi war Sinuenmenich vor allem. DaS ist der Künstler stets, wenn auch in manchem Kräfte tälig find, die das sinnliche Element abzuschwächen oder gar zu verwischen suchen. In Verdi schalteten die Sinne frei, und er selbst hat sich dieser Tatsache einem ineiner Pariser Bekannten gegenüber noch im höchsten Greisenalter gerühmt. Er hat es in einer so drastischen Form getan, daß ich gänzlich außerstande bin, auch nur entfernt den Wortlaut seiner Aeußerung anzudeuten, sie würde aber verdienen, alS Leitwort den gesammelten Werken Verdis vorangestellt zu werden. Als Sinnenmensch erster Klasse ging Verdi vor allem der sang- baren Melodie nach. Das Gesangliche ist der wahrste Ausdruck des sinnlich bewegten Menschen in Freud und im Schmerz, es ist im Grunde nur die höhere, weil rhythmisch bewegte Form des Jauchzeus und des Seufzens. Man hat dem großen Komponisten seine absolute Vorliebe für die sogenannte Melodie zum Vorwurf gemacht, und in vielen von denen, welche Verdi geschrieben hat, nichts weiter, als Material für Leierkästen gefunden. Dieser Vorwurf ist berechtigt, sobald man einzig und allein die sogenannte große Musik anerkennt. Es gibt aber außer dieser noch eine andere, auf die augenblicklichste Wirkung zielende, die noch überdies den Zweck hat, dem sie vortragenden Sänger eine dankbare Aufgabe zu sei». Auf diese Musik verstand Verdi sich, wie kaum jemand, und die Tatsache steht fest, daß diese seine Musik eigentlich gar keinen Text mehr nötig hat. Wer kann sich z. B. beim Texte des„Troubadour" überhaupt etwas denken? Man hat da und dort das Verwundern darüber ausgesprochen, daß der „Troubadour" noch nicht parodiert ist. Er kann nicht parodiert werden, weil er eben schon selbst eine Parodie ist. Dieser haar- sträubende Unsinn von dem geraubten Kinde und einem Grafen, der ein furchtbarer Kerl sein mutz, obwohl man eS ihm nicht beweisen kann, da überhaupt kein Mensch weiß, was er eigentlich will. Aber trotz aller im Texte des„Troubadour" liegenden Hiuderniffe hat Verdis Genie musikalisch so triumphiert, daß eS wohl keinen auch nur irgendwie Musik Hörenden auf der ganzen Welt gibt, der nicht Melodien aus dem„Troubadour" kennt und ihnen gern begegnet. Man kann sich nicht denken, daß ein Mann, den: so unerhört Vieles, Charakteristisches, Gutes, Geniales eingefallen ist. wie Verdi, die sogenannte gewöhnliche Musik ohne Absicht gemacht hat. Daß es geschehen wäre, um sich in Sicherheit zu bringen, davon kann keine Rede sein. ES muß vielmehr in der italienischen Musik liegen, und es liegt auch in ihr, das die dramatische Situation Bestimmende anders anfzufassen und durch Töne zu bezeichnen, als eine andere Musik. Ob sie es besser oder schlechter fertig bringt, als eine andere, ist eine Doktorfrage. Daß sie es gut versteht, beweist die Tatsache, daß alle Musik, die Bühnenmusik wie die andere, auS Italien stammt, und auch Wagner hat noch im„Rienzi", sogar in einigen Teilen von„Tannhäuser" und„Lohengrin", seine Abstammung von Italien deutlich kundgegeben. Hat nun die italienische Musik jene ihre Eigentümlichkeit, so wird diese wiederum von niemandem glänzender, überzeugender vertreten als von Verdi, und wenn er, dieser Eigentümlichkeit entsprechend, manchmal, in einigen Werken sogar häusig, das schreibt, was wir gewöhnliche Musik nennen, so liegt es vielleicht an uns und nicht an Verdi, daß diese Musik ge- wöhnlich erscbeint. Verdi wäre aber nicht ein Genie und ein seiner Kraft sicherer Meister gewesen, wenn er sich nicbl auch um die EntWickelung der Kunst anderswo gekümmert hätte. Schon in dein 18S1 gegebenen „Rigolello" schlägt er Töne an, die er zwar eine Weile vergißt, die ihm aber im ipäteren Alter wieder nahen, wie die schwankenden Ge- stalten dem den„Faust" schreibenden Goethe. Die großartige, auf geschlossenste Form und Wirkung des Kunstwerks hinzielende Absicht Richard Wagners, die er in„Tristan und Isolde",„Die Meistersinger von Nürnberg", in„Der Ring deS Nibelungen" und„Parsifal" zu verwirklichen gesucht hat, regte sich auch in Verdi. Aber er war eben eine zu große Persönlichkeit, um sich in einer Nachahmung Wagners zu verlieren. Vielmehr gewann er für sich ans der sorg- sanicn Ueberlegung der Grundsätze Wagners, die Melodie, das heißt den Ausdruck der die Handlung begleitenden Empfindungen und Gefühle ins Orchester zu verlegen und den Sängern eine der Natur näher kommende Weise zuziucilen, einen neuen eigenen, seiner Sangesfreudigkeil entsprechenden Stil. Dieser gibt sich zuerst in „Aida" kund und verstärkl sich in„Othello", um in„Fälstaff", der größten komischen Oper der Welt, einem Werke, dessen ganze Riesen- hafligkeit und Eigentümlichkeit den Zeitgenossen noch nicht ganz auf- gegangen ist, zu einer von niemand vor oder nach Verdi erreichten Selbständigkeit emporzusteigen. „Falstaff" wurde 1833 aufgeführt. Der Komponist war damals achtzig Jahre alt. Als das Werk in der Pariser Großen Oper er- scheinen sollte, äußerte der Direktor des Instituts, es schiene ihm gut, an einer Stelle der Handlung mit Hilfe eines Orchesterzwischenspiels einen Ruhepunkt zu schaffen. Der Meister überlegte einen Augeit- blick, fand den Rat gut, zog sich ins Direktionskabinett zurück und erschien nach etwa dreiviertel Stunden mit etwa zwölf Seiten Partitur, die mir Herr Paul Vidal, der Kapellmeister der Großen Oper, als kurzweg wunderbar,„uns msrvoillo", bezeichnete. Diese jeden Augenblick zur Entwickelung von Genialität bereite Natur- gewalt ist das wahrhaft Eigenliimiiche in der Begabung Verdis, der für alle musikalischen Gattungen sman denke an sein Streichquartett und an seine Totenmesse zu Ehren Manzonis) sich sofort eine eigene Tonwelt zu schaffen wußte, um darin mit voller Freiheit zu schalten. Verdis Name reiht sich denen der größte» musikalischen Meister aller Zeiten an, und es ist vielleicht etwas besonders Schönes, daß er, dessen Erfolge bei der Mitwelt ohne Gleichen waren, der Nach- Welt in seinem„Falstaff" ein Werk hinterlassen hat, dessen Einfluß auf die Musik sich vielleicht heute in hundert Jahren erst ganz kund- getan haben wird. Dr. I u l i u s L e v i n. kleines Feuilleton. Wen» die Heringsschmärme wieder kommen. Vonr Meere her pfeifen kalte Oktoberwinde über den Strand. Längst haben die letzten zähesten Badegäste die Flucbt ergriffen, landeinwärts erzählen die Stoppeln auf den Feldern davon, daß bald die Blätter fallen werden. Aber drunten an den Kaimauern, Ivo die Fischdampfer aulern, herrscht nun geschäftiges und hastiges Treiben. Die Leiber der Dampfer werden mit Kohlen gesättigt, die Kräne rasseln, Salz- fässcr und Salzsäcke werden siitlcen und über dem ganzen Bild wogt alles beherrschend ein eigentümlicher Geruch: nach Netzen riecht es, nach neugeknüpften Netzen. Denn die Heringe sind lvieder- gekommen und nun soll das Meer seine herbstliche Ernte heraus- geben. Vom geheimnisvollen Norden kommen sie wieder daher- gezogen, die Myriaden der vielgeinchten kleinen Fische. Wochenlang werden sie vorüberziehen, durch die Nordsee, durch den Kanal. Bis dann die Schwärme dünner werden, die Beute beim Fange be- scheidener. Wenn die Weihnachtsglocken klingen, werden sie wieder verschwunden sein, so rätselhaft und geheimnisvoll, wie sie alljährlich erscheinen. Walter Holton gibt in der„Daily Mail" eine Schilderung des modernen Hcringsfanges; gar vieles wußten die alten Fischer in sommerlichen Stunden der Muße davon zu erzählen, woher die Heringsschwarme heranzögen, aber die Gelehrten haben diesen Legenden längst ein Ende gemacht, sie sollen gar nichl aus dem Norden kommen, sie steigen nur aus den tieferen Wasserschichten empor. Der Hering sucht das kalte Wasser, wenn ihn sein Weg zu weit nach Süden fuhrt. Aber weiter in? Norden wagt er sich empor und deckt meilenweit die See; man hat schon Heringsschwärme beobachtet, die gegen IS Kilometer lang, 6 Kilometer breit waren. 2Bie weit diese Milliarden-Armee von Fischen in die Meerestiefe hinabreichten, hat noch nie ein Mensch ergründen können. Wenn diese Züge durch die Fluten dahingleiten, entsteht jenes seltsame Glitzern und Leuchten, das die Fischer elektrisier� denn sie alle suchen nach dem berühmten.Heringslenchten", das ihnen reichen Fang ver- heiht. Freilich die kleinen Segelboote werden immer mehr von den Dampfern verdrängt, aber die Fangmethoden sind trotz aller Ber- besserungen im Grunde die gleichen geblieben. Noch immer steht das alte Schleifnetz in Ehren, eine wahre Mauer aus Netzwerk, die am unteren Rande mit Steinen und Gewichten beschwert ist und durch Bojen ani oberen Rande getragen wird. Auch ein Segelboot vermag bei günstiger Witterung Netze von 3— 4 Kilometer Länge im Wasser schleifend mitzuführen. Dem Laien scheint die Aufgabe, der- artige Massen von Netzwerk auszuwerfen, ohne sie zu verwirren, beinahe wie eine Herkulesarbeit, aber auf dem Heringsschiffe macht das 12 Menschenhänden wenig Mühe. Langsam stampft der kleine Dampfer suchend durch die Wogen, bis die. scharfen Augen der Fischer die Anzeichen sehen, die ihnen die Nähe der Beute kündet: aufgeregt beginnen die Möwen zu kreisen. und bei Nacht verrät schon von weitem der phosphorisierende Schimmer der Meeresoberfläche das Nahen und die Richtung des Heringszuges. Schnell sind dann die Netze ausgcworsen, die Maschine stoppt, und langsam treibt nun das Schiff mit der Strömung, noch imnier schnell genug, uin hinter sich die Netze zu spannen und die riesige Maschenwand auszubreiten, in der die Heringe sich verfangen sollen. Dann werden die Treibe- lichter gehitzt: und die Mannschaft kann ruhig schlafen gehen. Alle zwei Stunden untersucht die Wache die Netze, um zu sehen, ob die Beute reich genug sein wird: und fällt die Probe günstig aus. dann wird das Netzwerk eingezogen. Triefend rollt es über Deck. Und nun beginnt die harte Arbeit der Fischer, mit Feuereifer sind sie am Werke, die in den Maschen verfangenen Fische herauszuschütteln, denn flink mus; es gehen, das Netz darf nicht stocken. Die meisten Heringe sind bereits leblos, aber andere zucke» noch. Schuppen beginnen durch die Lust zu schwirren, und bald sind die Oelröcke der Fischer über und über davon bedeckt, so daß sie silbern glitzernden Rüstungen gleichen. Medizinisches. Die Anbahnung von Krankheiten durch Er- k ä l t u n g. Mit dem Begriff der Erkältung ist früher in der Heil- künde selbst und noch mehr unter den Laien ein schrankenloser Un- fug getrieben worden, der sich leicht daraus erklärt, daß die Er- kältuirg eben überhaupt kein fester Begriff ist. So auffällig es erscheinen mag, so hat doch erst die moderne Wissenschaft eine bessere Grundlage für die Beurteilung des Wesens der Erkältung geschaffen. Früher wurde sie gewissermaßen als der Anfang alles Uebels betrachtet, als die Form der Erkrankung, mit der fast jede Krankheit begänne. Das einzige wahre Moment, das dieser An- fchauung zugrunde lag, könnte in der Tatsache gesehen werden, daß eine schwere Erkältung die Widerstandsfähigkeit des Menschen er- heblich herabzusetzen vermag und dadurch einer Erkrankung den Boden bereitet. Selbstverständlich ist aber insbesondere die An- ficht, daß die Erkältung als der gewöhnliche Anfang einer L u n g e n k r a n k h e i t zu betrachten sei, in das Gebiet des Aber- glaubens zu Venveiscn. Für den Leidenden selbst ist es allerdings gleichgültig, ob eine Erkältung die Ansteckung der Lunge erst im Gefolge hat, oder ob beide im wesentlichen Zusammenhang miteinander stehen. Für die ärztliche Wissenschaft ist die Unterscheidung notwendig. Dabei ist man zu einer Uebertreibung gelangt, die der Erkältung fast jede Rolle bei anderen Krankheiten aberkennen möchte. Dr. Moll hat in der„Allg. Wiener med. Zeit." einige Fälle hervorgehoben, bei denen ein derartiger Zusammenhang gar nicht abgeleugnet werden kann. Er verweist zunächst darauf, daß die Tierversuche vielfach zu falschen Schlüsse» geführt haben, indem man ihre Ergebnisse zu sorglos auf den Menschen übertragen hat. Das gilt auch von den Experimenten, bei denen einem Hund in die Luftröhre mid die Lunge kalte Luft in einer Temperatur von 6 bis— 4 Grad ein- geblasen und der Schluß gezogen wurde, daß die Kälte bei der Eni- stchung einer Lungenentzündung gar nichts zu sagen hätte. Der Mensch ist eben ein viel empfindlicheres Wesen als die meisten Tiere, und diesen gegenüber auch darin im Nachteil, daß er nicht den Instinkt besitzt, der ein Tier zu einem richtigen Verhalten bei jeder Erkrankung leitet. Eine Frage, die oft erörtert und ebenso oft falsch beurteilt wird, ist der Zusammenhang mit Erkältungen mit Durchfall- e r s che i n u n g e n. Manche Leute schwören darauf, daß ein solcher besteht, während er von den Acrzten im allgemeinen geleugnet wird. Dr. Moll hat einen interessanten Fall beobachtet, in dem der Beweis für die Verursachung von Durchfall durch Er- käliung geliefert werden konnte. Der betreffende Patient war, Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: wie es nicht selten vorkommt, auf einer Körperhälfte befoitbers empfindlich, und der Arzt stellte fest, daß der Mann auf seinem Bureau gerade mit dieser Seite der Einwirkung von kalter Luft ausgesetzt war, die aus dem gewohnheitsmäßig geöffneten Fenster einströmte. Eine Acnderung des Arbeitsplatzes genügte, um das scheinbar chronische Leiden überhaupt zu heben. Ein anderes Beispiel bezieht sich auf eine Lehrerin von mitt- leren Jahren, die am Sumpffiebcr litt und auch durch eine ge- wiffenhafte Chininkur nicht davon befreit werden konnte. Sie war selbst davon überzeugt, daß die Fieberanfälle durch Erkältung her- beigeführt wurden. Sie konnte sogar die Anfälle voraussagen. wenn sie einer Kältewirkung ausgesetzt war. Auch hier ergab sich die besondere Empfindlichkeit einer Körperhälfte. Die Lehrerin war genötigt, ihren Unterricht in einem feuchten Raum zu geben, und hatte ihren Platz außerdem an einer ungünstigen Stelle, so daß sie beim Oeffnen der Tür von Zugluft gerade auf der empfind. lichcn Seite getroffen wurde. Auch hier konnte das Fieber völlig beseitigt werden, nachdem ein genügender Schutz gegen Erkältung geschaffen worden war. Daraus geht hervor, daß die Bedeutung der Erkältung in ihrem Einfluß auf andere Krankheitserscheinungen, namentlich bei besonders empfindlichen Leuten, nicht zu unterschätzen ist. Aus dem Pflanzenreich. Eine neue sensitive Pflanze. Als man im achtzehnten Jahrhundert in die englischen Gärten die ersten Exemplare der Mi- mose brachten, erregte es ungeheures Aufsehen, eine Pflanze zu sehen, die auf Berührung hin ihre Blätter bewegt. Heute, im Zeit« alter der fortgeschrittensten Naturerkcnutnis, ist die vermeintliche wunderbare„Ausnahme der Natur" nur eine von den vielen Pflanzen, von denen man Bewegungen kennt. An sich ist die Beweglichkeit der Blätter und Stiele dem Pflanzenkcnner eine ganz geläufige Erscheinung und er weiß, daß die Mehrzahl der heimischen Gewächse jeden Tag solche Bewegungen ausführt, teils um sich in eine günstigere Lichtstellung zu bringen, teils um Stützen und Anhaltspunkte für ihr weiteres Wachstum zu finden, namentlich auch, um sich der Schädigung durch Regen und nächt« lichen Tau zu erwehren. Es ist also nichts prinzipiell Neues damit gewonnen, wenn der in Java forschende deutsche Botaniker C. v. Faber eine neue auf Berühnuigsreize empfindliche, also sogenannte sensitive Pflanze entdeckt hat. Wenn trotzdem sich dieser Tatsache besonderes Interesse zuwendet, ist es die eigentümliche rasche Ausführung dieser Reizbewegungen und vor allem der Sinn, der sich in ihnen ausspricht. Lioxbytuin apodiscias, so nennt sich die neue Sensitive, ist ein naher Verwandter des heimischen Sauerklees, wie er allenthalben im heimischen Buchenlpalde grünt, ein unansehnlicher Strauch mit langen Blättern, dem der Nichtkenner wahrhaftig nichts Besonderes ansieht, bis er nicht durch Zufall eines der Endblättchen berührt oder verletzt. Sofort hebt sich die ganze Spindel, an der die Blättchen sitzen, in die Höhe und die Erregung pflanzt sich auch auf die Nachbarspindeln fort. In der plötzlichen, den Bewegungen eines Tieres entsprechenden Lageänderung liegt die erste Besonderheit der Biophytum. Die jedermann bekannten Pflanzen vollziehen ihre Blaltbewcgungen unmerklich langsam; die Bohnen z. B,, die jeden Tag eine so- genannte Schlafbeweguug ausführen, schließen ihre Blätter dcS Nachts eng aneinander, senken außerdem an besonderen bor- gebildeten Gelenken auch die Blattstielchen. DeS Morgens stellen sie wieder den Tageszustand her. Das alles vollzieht sich aber mit solcher Gelassenheit, daß noch nie jemand eine Bohne in Bewegung gesehen hat. Was hier Stunden in Anspruch nimmt, geht bei den Sensitiven in wenigen Sekunden vor sich und erweckt dadurch den Eindruck, alö babe die Pflanze die Be« rührung empfunden und reagiere im Schmerz darauf. In Wirk- lichkeit hatte ihre Bewegung einen ganz anderen Sinn. Indem sich der Reiz von Blattstiel zu Stiel fortpflanzt, schließen sich die Blätter in gehobenem Zustand dicht um die am Ende des Triebes befindliche Blüte; die umhegen sie wie eine Garde und lassen keinen Angreifer an sie heran. Der Schutzzweck ist unverkennbar, und da§ ist etwas ganz neue? und höchst merkwürdiges in, Pflanzenreich. Dadurch unterscheidet sich Biophytum auch von der ähnlich reiz- baren Mimose. Diese pflegt auf Verletzung eines ihrer Fieder- blättchen mit dem Zusammenklappen der ganzen Blattfieder zu mit- Worten. Dabei senkt sich der gemeinsame Blütenstiel; die Be- wegung pflanzt sich auch hier fort, so daß ein stark verletzter Mimosenstrauch einen„trauernden", eigentümlich sparrigen Ein« druck macht. Es ist sehr schwer, den Sinn dieser„Ge- bürde" zu deuten und die Ansicht, die am nieisten An« Hänger gefunden hat und nach der mit dem Zusainmenklappen ein Verscheuchen sreßgieriger Insekten erreicht lverdeu soll, erscheint wirklich als gekünstelt. Dagegen ist der große Nutzen, der auS den Bewegungen der neuen Sumpfpflanze kür sie resultiert, ohne weiteres einleuchtend. Die Blüte ist für jede Pflanze das kostbarste; zu ihrem Schutz sind im ganzen Pflanzenreich vielerlei Anpassungen auf- geboten. Die merkwürdigste von ihnen aber dürfte diese rührende Schutzbewegung sein, die sehr beredt zugunsten der modernen Ansicht von einem Innenleben der Pflanze spricht. i u. Verlagsanstalt Paul Singer L:Co., Berlin SW.