Anterhaltungsblatt des Worwärls Nr. 200. Dienstag, den 14. Oktober. ,t>13 18] Rittnucifter Brand. Erzähl ltng b o n Marie von Ebner- Eschenbach. 18. Die Stellung Sophiens im Hause Vernon war seit der Abreise ihrer Gönnerin ungemein schwierig geworden. Die Untergebenen legten offene Feindseligkeit an den Tag. Fräulein Hulie veränderte den Ton. Kein Entgegenkommen mehr, nicht die geringste Freundlichkeit. Ja, sie trug nun einmal die Verantwortung für das strengste Aufrechterhalten der Disziplin im Geschäfte. Sie bedauerte sehr, daß Frau von Müller ein krankes Kind zu Hause hatte, schlug aber ihre Bitte, durch wenige Tage nur etwas später als sonst ins Atelier kommen zu dürfen, rund ab. Nicht sie hatte Gnaden auszuteilen, dieses Vorrecht genoß einzig die Prinzipalin. Etwas anderes ist es, wenn Frau von Müller Urlaub nehmen will; den kann sie jede Stunde haben, selbstverständlich mit Verzicht auf ihre hohe, sehr hohe Besoldung. Dietrich nannte das Vorgehen Fräulein Juliens ganz korrekt, als ihm Sophie, so gelassen es ihr möglich war, von ihrem Mißerfolg berichtete. „Aber," meinte sie,„man kann noch etwas mehr als korrekt, man kann barmherzig, man kann sein— wie Sie. Was tun Sic für uns! Nie vermag ich Ihnen zu danken..." Er blickte sie vorwurfsvoll an:„Danken! Sie werden doch m i r nicht danken... Wenn Sie wüßten, wie nur vor aller Dankbarkeit graut..." „Seitdem Sie aus Dankbarkeit den Major von Müller geheiratet haben," hätte er hinzufügen müssen, wenn Sophie den Grund seines Abscheues gegen eine so schöne Tugend hätte erfahren wollen. Aber sie fragte nicht, und er schwieg. Sehr bald darauf erfüllte sie ihm den sehnlichen Wunsch, den auszusprechen er nicht gewagt hatte: sie nahm Urlaub. „Ich bringe alles wieder ein, was ich jetzt versäume," sagte sie,„ich werde doppelt fleißig sein, sobald Georg nur wieder hergestellt ist." An �er Ueberzeugung, daß er genesen werde, hielten Brand und sie unerschütterlich fest, diese Hoffnung ließen sie sich nicht rauben. Zwei Nächte hatte Sophie, aufrecht auf einem hölzernen Sessel sitzend, neben dem Bette des Kranken gewacht. Am nächsten Abend stand auf einmal ein großer, bequemer Fauteull da. Peter Peters hatte ihn gebracht mit tausend dringenden Entschuldigungen seines Herrn, und an das Fuß- ende von Georgs Lager gestellt. Und dann war Brand ge- kommen mit neuen und noch dringenderen Entschuldigungen. „Lassen Sie das Ding nicht hinauswerfen, haben Sie die einzige Gnade! es ist ein Rekonvaleszentenfauteuil, dulden Sie ihn hier eine Zeitlang wenigstens, dem Kinde zuliebe." Sie staunte, daß er so flehentlich bat. Er fürchtete, ihren Stolz zu verletzen, und sie hatte dem Wohltäter ihres Kindes gegenüber keinen mehr. „Aber, Herr Rittmeister," sagte sie,„wie können Sie noch daran zweifeln, daß ich Ihr Geschenk freudig annehme? Ich nehme ja so viel von Ihnen an, das Opfer Ihrer Zeit, Ihres..." Er unterbrach sie:„Opfer?— Sie betrüben mich. Wissen Sie denn nicht, daß, was Sie mein Opfer nennen, mein Glück ist? Vor kurzem noch war rch ein ganz armer Teufel, ein alter, vergrämter Mann, der nichts mehr vor sich sah als eine Reihe eintönig, einförmig hinschleichender Jahre: jetzt bin ich reich..." Er suchte ein allzu warmes Wort zu vermeiden:„Durch meine Teilnahme für Sie, und meine Liebe zu Ihren Kindern." Sophiens Augen hatten sich ein wenig verschleiert, aber sie sprach in munterein Tone:„Und zu Dietrich Peters." „Gott segne den Kleinen, die erste Aufrichtung verdanke ich ihm. Aber er hat ein robustes Elternpaar... es ist doch etwas anderes, etwas.. Seine Stirnnre geriet in Gefahr umzukippen, alle moralischen Rippenstöße, die er sich zur Stärkung versetzte, blieben wirkungslos. Der Grimm, den er darüber empfand, spiegelte sich in seinem Gesichte wider 'd gab ihm ein so bärbeißiges Aussehen, daß Sophie, die schon einen Schritt auf ihn zugemacht hatte, sich ganz er- schrocken abwendete, und die Hand, die sie ihm hatte reichen wollen, liebkosend auf das Haupt ihres Kindes legte. Als es Abend wurde, sprach sie nicht wie sonst:„Herr Rittmeister, Sie müssen heim." Sie saß in dem bequemen Lehnstuhl, ihre Füße ruhten auf einem Schemel, ihr Kopf sank in die Kissen zurück. „Die Mutter schläft," flüsterte Georg,„lassen wir sie schlafen, und Du erzähl mir eine schöne Geschichte." „Eine schöne Geschichte. Ja, mein Junge, was für eine denn?" „Etwas von Feen, das habe ich am liebsten." Das Kind richtete seine fieberglänzenden Augen voll Erwartung auf ihn. Er besann sich. Der Kopf war ihm so seltsam wüst. „Von Feen, gut, von alten, uralten— ein Kind kann sich's nicht vorstellen, wie alt sie sind." „Aber, Du, Herr Rittnieister, kannst Dir's vorstellen, Du kannst alles, Herr Rittmeister," sprach Georg aus tiefster Ueberzeugung. „Glaub doch das nicht, ich kann nur erzählen von uralten Feen," versetzte Brand in einschläferndem Tone.„Sie haben graue Kleider an, Schleppen und schweben hin und her. Denk Dir wie das Pendel an einer großen Uhr— ein langes, langweiliges Pendel, so schweben die grauen Feen hin irnd her." „Es kommen aber auch rote, und die tanzen." Richtig! Brand sah richtig rote Feen tanzen, wie Funken unter Bäumen mit klingenden Blättern, und im Hinter- gründe zogen Landschaften vorbei von wundersamer Schön- heit, und ein Licht lag über ihnen, milder als Sonnen-, anders als Mondlicht, ein Licht, wie es auf Erden keines gibt und von dem sich einen Begriff nur machen kann, wer es ge- schaut hat, denn schauen muß man's, nicht sehen... Er unterbrach sich. Was er da alles zusammenredete... „Sag nur weiter," bat Georg,„ich weiß, was das heißt. — Ich sehe Dich und schaue die Feen."— Dietrich tvar unglücklich: statt das Kind sanft einzu- lullen, regte er es zum Denken an. Voll Zärtlichkeit und Reue strich er ihm über den Scheitel:„Weißt Du was? Denk nicht, schlafe. Lieber Junge, wenn Du einschlafen könntest, das wäre so gescheit und so gut!" Georg seufzte tief auf, preßte die Wange an das Kissen, schloß die Augen und regte sich nicht mehr. Sophie schlief sanft und fest. Es>var so still, daß Dietrich das Ticken seiner Taschenuhr hörte, die er auf den Tisch gelegt hatte neben da? Nachtlämpcheu und die Arznciflasche. Merkwürdig hell drang der leise, gleichmäßige Schall durch ein seltsames Brausen in seinem Kopf hindurch. Seine Adern klopften, eisige Schauer schüttelten ihn, und im Nacken fühlte er sich gepackt von einer Riesenlast, die ihm den Kopf zusammenpreßte. Teufel, Teufel, was soll das heißen? In der vorigen Nacht schon wollten ähnliche Smnestäuschungen ihn narren: aber er hatte sich ihrer erwehrt, war aufgestanden wie ge- wöhnlich, und wie gewöhnlich in die Bcrggasse gegangen. Allerdings hatte der Doktor, den er dort traf, ihm auf die Schulter getippt und gesagt: „Es gibt heute einen glühend heißen Tag, fahren Sie zeitig nach Hause, Herr Rittmeister, Sie haben Fieber." Fieber? In seinein ganzen Leben hatte Dietrich nie Fieber gehabt, außer damals nach seiner Verwundung. Fieber! Wenn man wissen will, ob jemand Fieber hat, greift man ihm au den Puls. Sich aber hinstellen vor ihn, ihm nur einen Blick zuwerfen und gleich wissen: Der fiebert— das kann man auch dann kaum, ivenn man Seherangen hat, wie dieser Doktor. Dietrich stand leise auf— ihm war, als zöge er an jedem Fuße einen Zentner mit— und sah nach der Uhr. Bald ztvei: die Stunde, zu der Pauline koinmen sollte, um die Gebieterin am Krankenbette abzulösen. Als Brand zu seinem Platze zurückkehrte, war Sophie eben erwacht. „Um Gotteswilleu, wieviel Uhr?... Das Medika- inent... Ich habe versäumt..." „Nichts, nichts," beruhigte Brand.„Sehen Sie, da ist Pauline. Verlassen Sie sich nur auf uns zwei." Tie erschöpfte Frau gab seinen und den Bitten ihrer Dienerin nach und ging in ihr Zimmer, um noch ein paar Stunden zu ruhen vor der Ankunft des Arztes. Als dieser Schlag sechs eintrat, war sie wieder auf ihrem Posten. Sehr blaß, sehr müde, aber vollkommen angekleidet, anmutig— rührend anmutig!— in ihrer Aermlichkeit, und bereit, ihr Tagewerk tapfer anzutreten. Der Arzt war heute zufrieden mit seinem Patienten, fand ihn frischer als seit langem.„Aber Ihnen," sagte er zu Brand,„Ihnen geht's elend. Sie müssen zu Bette. Nein, nein, in vollem Ernst. Komnien Sie mit, ich bringe Sie in meinem Wagen nach Hause." (Schluß folgt.) Romeo und Julia auf dem Dorfe. S e l d w y l e r Geschichte von Gottfried Keller. (Schluß.) Nachdruck verboten. Tie kleine Versammlung wurde jetzt immer lauter und auf- geregter, angefeuert durch den stärkeren Wein, bis plötzlich der Geiger zum Aufbruch mahnte.„Wir haben es weit," rief er,„und Mitternacht ist vorüber! Auf, wir wollen dem Brautpaar das Ge- leit geben, und ich will vorausgeigen, daß es eine Art hat!"— Da die ratlosen Verlassenen nichts Besseres wußten und überhaupt ganz verwirrt tvaren, ließen sie abermals geschehen, daß man sie voranstellte und die übrigen zwei Paare einen Zug hinter ihnen formierten, welchen der Bucklige beschloß mit seiner Baßgeige auf dein Rücken. Ter Schwarze zog voran und spielte auf seiner Geige wie besessen den Berg hinunter, und die anderen lachten, sangen und sprangen hinterdrein. So strich der tolle, nächtliche Zug durch die stillen Felder und durch das Heimatdorf SaliS und VrenchenS, dessen Bewohner längst schliefen. Als sie durch die stillen Gassen kamen und an ihren verlorenen Vatevhäusern vorüber) ergriff sie eine schmerzhaft wilde Laune, und sie tanzten mit den anderen um die Wette hinter dem Geiger her, küßten sich, lachten und weinten. Sic tanzte» auch den Hügel hinauf, über welchen der Geiger sie anführte, wo die drei Aecker lagen, und oben strich der schwärzliche Kerl die Geige noch einmal so wild, sprang und hüpfte wie ein Gespenst, und seine Gefährten blieben nicht zurück in der Ausgclassenbeit, so daß es ein wahrer Blocksberg war auf der stillen Höhe; selbst der Bucklige sprang keuchend mit seiner Last herum, und keines schien mehr das andere zu sehen. Sali faßte Vrenchen fester in den Arm und zwang es still zu stehen; denn er war zuerst zu sich gekommen. Er küßte es, damit es schweige, heftig auf den Mund, da es sich ganz vergessen hatte und laut sang. Es verstand ihn endlich, und sie standen still und lauschend, bis ihr tobendes Hochzeitsgeleite das Feld entlang gerast war und, ohne sie zu vermissen, am User des Stromes hinauf sich verzog. Tie Geige, das Gelächter der Mädchen und die Jauch- zer der Burschen tönten aber noch eine gute Zeit durch die Nacht, bis zuletzt alles verklang und still wurde. „Diesen sind wir entflohen," sagte Sali,„aber wie entfliehen wir uns selbst? Wie meiden wir uns?" Vrenchen war nicht imstande zu antworten und lag hockiauf- atmend an seinem Halse.„Soll ich Dich nicht lieber ins Dorf zurückbringen und Leute wecken, daß sie Dich aufnchnien? Morgen kannst Du ja dann Deines Weges ziehen, und gewiß wird es Dir wohl gehen. Du kommst überall fort." „Fortkommen, ohne Dich!" „Du mußt mich vergessen!" „Das werde ich nie! Könntest denn Tu es tun?" „Darauf kommt es nicht an, mein Herz!" sagte Sali und streichelte ihm die heißen Wangen, je nachdem es sie leidcnsckiaftlich an seiner Brust herumwarf,„es handelt sich jetzt nur um Dich; Tu bist noch so ganz jung, und es kann Dir noch auf allen Wegen gut gehen." „lind Dir nicht auch. Du alter Mann?" „Komm!" sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige Schritte-und standen dann wieder still, um sich bequemer zu umschlingen und zu herzen. Tie Stille der Welt sang und musi- zierte ihnen durch die Seelen, man hörte nur den Fluß unten sacht und lieblich rauschen im langsamen Ziehen. „Wie schön ist es da ringsherum! Hörst Du nicht etwas tönen, wie ein schöner Gesang oder ein Geläute?" „Es ist das Wasser, das rauscht! Sonst ist alles still." „Nein, es ist noch etwas anderes, hier, dort hinaus, überall tönt es!" „Ich glaube, wir hören unser eigenes Blut in unseren Ohren rauschen." Sic horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten oder wirk- lichen Töne, welche von der großen Stille herrührten, oder welche sie mit den magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten, welches nah und fern über die grauen Herbstncbel wallte, welche tief auf den Gründen lagen. Plötzlich fiel Vrenchen etwas ein; es suchte in seinem Brustgewand und sagte:„Ich habe Dir noch ein Andenken gekauft, das ich Dir geben wollte."— Und es gab ihm den einfachen Ring und steckte ihm denselben selbst an den Finger. Sali nahm sein Ringlein auch hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte:„So haben wir die gleichen Ge» danken gehabt."— Vrenchen hielt seine Hand in das bleiche Silber- licht und betrachtete den Ring.„Ei, wie ein feiner Ring!" sagte es lachend;„nun sind wir aber doch verlobt und versprochen, Dn bist mein Mann und ich Deine Frau, wir wollen es einmal einen Augenblick lang denken, nur bis jener Nebelstreif am Mond vor» über ist, oder bis wir zwölf gezählt haben. Küsse mich zwölfmal!" Sali liebte gewiß ebenso stark als Vrenchen, aber die Heirats- frage war in ihm doch nicht so leidenschaftlich lebendig als ein be- stimmtes Entweder— Oder, als ein unmittelbares Sein oder Nichtsein, wie in Vrenchen, welches nur das eine zu fühlen fähig war und mit leidenschaftlicher Entschiedenheit unmittelbar Tod oder Leben darin sah. Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf, und das weibliche Gefühl des jungen Mädchens ward in ihm auf der Stelle zu einem wilden und heißen Verlangen, und eine glühende Klarheit erhellte ihm die Sinne. So heftig er Vrenchen schon umarmt und liebkost hatte, tat er es jetzt doch ganz anders und stürmischer und übersäte es mit Küssen. Vrenchen fühlte trotz aller eigenem Leidenschaft auf der Stelle diesen Wechsel, und ein heftiges Zittern durchfuhr sein ganzes Wesen, aber ehe jener Nebelstreif am Monde vorüber war, war es auch davon ergriffen. In heftigem Schmeicheln und Ringen begegneten sich ihre ringgeschmückten Hände und faßten sich fest, wie von selbst eine Trauung vollziehend, ohne den Befehl eines Willens. Salis Herz klopfte bald wie mit Hämmern, bald stand es still, er atmete schwer und sagte leise:„Es gibt eines für uns, Vrenchen, wir halten Hochzeit zu dieser Stunde und gehen dann aus der Welt— dort ist das tiefe Wasser— dort scheidet uns niemand mehr, und wir sind zusammen gewesen— ob kurz oder lang, das kann uns dann gleich sein."— Vrenchen sagte sogleich: „Sali— was Tu da sagst, habe ich schon lange bei mir gedacht und ausgemacht, nämlich daß wir sterben könnten und dann alles vorbei wäre— so schwöre mir es, daß Du es mit mir tun willst!" „Es ist schon so gut wie getan, es nimmt Dich niemand mehr aus meiner Hand als der Tod!" rief Sali außer sich. Vrenchen aber atmete hoch auf, Tränen der Freude entströmten seinen Augen; es raffte sich auf und sprang leicht wie ein Vogel über das Feld gegen den Fluß hinunter. Sali eilte ihm nach; denn er glaubte, es toollte ihm entfliehen,, und Vrenchen glaubte, er wolle es zurückhalten, so sprangen sie einander nach, und Vrenchen lachte wie ein Kind, welches sich nicht will fangen lassen.„Reut es Dich schon?" rief eines zum anderen, als sie am Flusse angekommen waren und sich ergriffen.„Nein, es freut mich immer mehr!" erwiderte ein jedes. Aller Sorgen ledig, gingen sie am Ufer hin- unter und überholten die eilenden Wasser, so hastig suchten sie eine Stätte, um sich niederzulassen: denn ihre Leidenschaft sah jetzt nur den Rausch der Seligkeit, der in ihrer Vereinigung lag, und der ganze Wert und Inhalt des übrigen Lebens drängte sich in diesem zusammen; was danach kam, Tod und Untergang, war ihnen ein Hauch, ein Nichts, und sie dachten weniger daran, als ein Leicht. sinniger denkt, wie er den anderen Tag leben will, wenn er seine Habe verzehrt. „Meine Blumen gehen mir voraus," rief Vrenchen,„sieh, sie sind ganz dahin und verwelkt!"— Es nahm sie von der Brust, warf sie ins Wasser und sang laut dazu:„Doch süßer als ein Mandelcrn ist meine Liebe zu Dir!" „Halt!" rief Sali,„hier ist Dein Brautbett." Sie waren an einen Fahrweg gekommen, der vom Dorfe her an den Fluß führte, und hier war eine Landungsstelle, wo ein großes Schiff, mit Heu beladen, angebunden lag. In wilder Laune begann er unverweilt die starken Seile loszubinden, Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm und rief:„Was willst Du tun? Wollen wir den Bauern ihr Heuschiff stehlen zu guter Letzt?"—„Das soll die Aussteuer sein, die sie uns geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut gehabt. Sie werden überdies ihr Eigentum unten wiederfinden, wo es ja�doch hin soll, und werden nicht wissen, lvas damit geschehen ist. Sieh, schon schwankt es und will hinaus." Das Schiff lag einige Schritte vom Ufer entfernt im tieferen Wasser. Sali hob Vrenchen mit seinen Armen hoch empor und schritt durch da« Wasser gegen das Schiff; aber eS liebkoste ihn so beftig, ungebärdig und zappelte wie ein Fisch, daß er im ziehenden Wasser keinen Stand halten konnte. Es strebte, Gesicht und Hände ins Wasser zu tauchen und rief:„Ich will auch das kühle Wasser versuchen. Weißt Du noch, wie kalt und naß unsere Hände waren, als wir sie uns zum erstenmal gaben? Fische fingen wir damals. jetzt werden wir selber Fische sein und zwei scköne, große."—„Sei ruhig. Du lieber Teufel!" sagte Sali, der Mühe hatte, zwischen dem tobenden Liebchen und den Wellen sich aufrecht zu halten,„es zieht mich sonst fort." Er hob seine Last in das Schiff und schwang sich nach; er hob sie auf die hochgebettete, weiche und duftende Ladung�und schwang sich auch binauf, und als sie oben saßen, trieb da? Schiff allmählich in die Mitte des Stromes hinaus und schwamm dann, sich langsam drehend, zu Tal. Ter Fluß zog bald durch hohe, dunkle Wälder, die ihn über- schatteten, bald oiirch offenes Land; bald an stillen Dörfern vorbei, bald an einzelnen Hütten; hier geriet er in eine stille, daß er einem ruhigen See glich und das Schiff beinahe still hielt, dort strömte er um Wälder und lietz die schlafenden Ufer hinter sich: und als die Morgenröte aufstieg, tauchte zugleich eine Stadt mit ihren Türmen aus dem silbergranen Strome. Der untergehende Mond, rot wie Gold, legte eine glänzende Bahn den Strom hinauf, und auf dieser kam das Schiff langsam überquer gefahren. Als es sich der Stadt näherte, glitten im Froste des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, 'die sich fest umschlungen, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten. I�erbftfääeii. Von C. S ch e n k l i n g. Eine lieblilbere Erscheinung als da? Segeln der blendend weihen Fäden in der ruhigen, sonnigen Herbstlufl gibt es wobl kaum. Ist es doch, als fühle Mutter Natur das Ende ihrer schaffenden Tälig- keit herannahen und als raffe sie darum noch einmal alle Kraft zusammen, um die goldig-sonnigen Herbsttage mit zauber- haften Gebilden und poetischer Schönheit auszuschmücken. Darum ist es natürlich, wenn des Dichters Phantasie sich ihrer bemächtigt und Bilder des Lebens und der Liebe daran knüpst, oder wenn die schlichte Einbildungskrait des Volkes sich daran versuchte oder wenn endlich der Forscher ollen Scharfsüm aufwandte, Grund und Wesen dieser herbstlichen Erscheinung kennen zu lernen. Denn so bekannt diese auch sein mag, so dauerte cS doch lange, ihre wahre Natur zu enträtseln. Und mit weicher Gründlichkeit dies geschah, beweist die Tatsache, dah Carus in seiner Bidliotbsca. zoologica nicht weniger als 34 teils selbständige Schriften, teils Abhandlungen in Zeitschriften und dergl. anführen kann, deren älteste aus dem Jahre 1673 datiert, in denen der fliegende Sommer abgehandelt worden ist. Viel Kopfzerbrechen um Herkunft und Entstehung wie um die Bedeutung des fliegenden Sommers hat sich das Volk zwar nicht gemacht, wennschon es seine Phantasie wie sein Urteil auch in Anspruch genommen hat. Der alre Volksglaube brachte den fliegen- den Sommer in Verbindung mit den Göltern und nach Einführung des Christentums in eine solche mit Gott und Maria, was aus deu verschiedenen Bezeichnungen leicht zu ersehen ist. In Frankreich hat man den Namen fils do la Vierge(G.irn, Fäden der Jungfrau), in Italien Kiamsiita della Madonna(Madonnenfaser), in England gossorner(Gottesschleppc), im südlichen Deutschland Mariengar», Marienfaden und Frauensommer genmint. Die Bezeichnungen MatihäuS- oder Gallus'ommer, die sich auf die Zeit des Ericheinens beziehen, beziehen sich wenigsten» noch auf zwei Heilige, wohingegen die schwedische Bezeichnung Dvärsgnäl(Zwergnest) schon mehr einen aberglänbischen mid die norddeutsche. Altweibersommer, gar einen satirischen Beigeschmack bat. Mit der Rainen- gebung glaubte das Volk die Erscheinung abgetan zu haben und überliest das weitere den Gelehrten. Und seltsam O waren die Hypothesen, die im Laufe der Zeiten von wissen- icher Seite über Wesen und Entstehung der Herbstsäden auf- gestellt wurden. So sah man sie als.feine Netze aus getrocknetcin Tau gesponnen" an, man meinte, dost sie.aus derselben Substanz besteben mögen wie die grasten weisten Wolke», die zur Sommer- zeit erscheineu". Der Wahrherl näher kommen schon einige»ran- zösische Nanlrt'orscher, welche vermuteten, dast die Fäden auS der baumwollarligen Masse beständen, in welche die Eier verschiedener Insekten elugehüllt find. Heute weist man, dast die Erzeuger des fliegenden Sommers winzige Spinnen sind, die diese Fäden in die Luft schieben und auf ihnen durch die Gesilde des Aelhers segeln. Spinnenfäden sind es also, die als„fliegender Sommer" an schönen Herbst- tagen in der Luit schwimmen, als zarte Flaggen an allein Gezweig wehen, oder auch den Wanderer auf der Landsiraste, den Spaziergänger ans Wiesen und Auen umstricken und nicht leiten nötigen, sein Gesicht abzureiben, woselbst die klebrige Beschaffenheit der Fäden einen eigenorrigen Kitzel erzeugt. Von der Menge der Fäden gewinnt man eine Vorstellung, wenn mau bei tiefem Sonnen- stand über ein Stoppelfeld der Sonne entgegenfchreiiet. Nicht nur zwiichcn den einzelnen Stoppeln find die Fäden ausgespannt und erglänzen im Sonnenschein, auch Steine und Erdklumpen sind unter einandcr mit solchen verbunden, so dast jede Vertiefung nberbrnckl erscheint, was namentlich dann einen herrlichen Anblick gewährt, wenn an den Fäden blitzende Tautropfen hängen, in denen die Strahlen der Morgensonne ihr feuriges Spiel treiben. Wenn also über den Ursprung der Herbstfädcn kein Zweifel mehr besieht, da mikroskopische und chemische Unterftichuizgen sie als Spinn- stoff der Spinnen kennen gelehrt haben, so könnte man doch darüber verschiedener Meinung sein, wie die einzelnr» Fäden zu so grasten langgezogenen Flocken znsammcngeballl und in die Luft erhoben werden, aus der sie schliestlich langsam niederfallen. In der Tat berührt diese Frage den elgentlichen Kern der ganzen Erscheinung und es find darüber die Ansichten der Beobachter und Forscher weit auseinander gegangen. Einerseils wurde angenommen, dast die im September und Oktober herrschend werdenden stärkeren Winde an allen Ecken und Enden die Spiimensädcn zusammenfegen, anemanderkleben, knäuclartig ballen, von ihrem letzten Anheitniigspiinkte losrcisten und entführen. Waldemar, -inec der Hauplschriftstcller über Spinnen, glaubte, dast die Reinheit nd blendende Meiste der Flocken dadurch entstanden sei, dast sie wie das Linnen auf dem Bleichplatz vom Tau der kühlen Nächte erweicht und von Luft und Sonne wieder getrocknet und gebleicht werden. So glaublich dies für den ersten Augenblick auch erscheinen mag, bleibt doch zu bedenken, dast die fliegenden Fäden und Flocken zu» nächst nicht durch die Herbst winde aufgehoben werden können, da man erfahrungsgemäst den Altweiber» sommer nur nach einem oder einigen stillen, sonnigen Herbsttagen und zwar erst in den Nachmillagsstunden fliegen sieht, wogegen an trüben, nebtigen Tagen oder bei windigem Wetter nichts davon zu spüren ist. Und was die Taubleiche anlangt, so bleibt wieder die Frage offen, wo sie vor sich gehen soll? In der L ftt würden sich die durchnähten Fäden nicht schwimmend halten können, vielmehr würden sie sinken und am Boden, der dann auch feucht ist, so sesthaslen, dast sie nicht, wenigstens nicht in ihrer blendenden Reine, losgelöst werden könnten. Mit dieser Erklärung war's also nichts: man verlangte nach einer anderen, treffenderen, und diese gab Blackwell. Er berief sich auf die austerordentliche, fast unwägbare Leichtigkeit der Fäden und Flocken, deren Aufschweben durch die wäbrend der wärmsten Stunden des Tages senkrecht aussteigende warme und daher verdünnte Lust» ströumng bewirkt werde, wogegen der in den kühlen Wendstunden eintretende und niederfallende lühlere Lnnstrom sie wieder allmählich abwärts führe. Das liest sich schon hören und war auch ganz dem Gesetz der läglichen Luflbcwegung angepastt. Allein— so waiidte man zweifelnd ein— sollte denn dieser sauste Lnfistrom im» stände sein, so unmestbar geringe Fläche darbietende Fäden, die so fest an allem haften, von ihrem Bcfestigungspunkte tosreisten zu können? Da also auch diese Hypothese nichl genügen wollte, so ging man endlich nach langen Kreitz- und Ouerzügen nach den Er- zcugeriniien, zu den Spinnen, selbst zurück und suchte auS der Art und Weise, wie sie ihre Fäden zu produzieren pflegen, die Er- scheinnilg zu ergründen. Dabei tand man. dast die Spinnen ihren Faden nicht allnn dadurch herstellen, dast sie die Spinnwarze an irgendeinen festen Punkt andrücken und sich dann von diesem ent» fernend den Faden gewiflermasten aus sich hcrauShaspeln, sondern dast sie auch imstande sind, den Faden bei emporgerichtetem Hinterleibe, wie den Wasserstrahl aus dem Spriyenrohr, horizontal, schief und auch senkrecht von sich zu schiesten uno. wenn er von der Luft fortgetragen wird, daran hinauskleltern, um ans ihm soitzufliegen. Es gibt unter den Spinnen nämtich gewisse Gattungen, die nicht ein Fangnetz Herrichten, sondern einzelne Fäden in die Luft ichiesten und darauf in der Luft, umhersegeln, sobald die Adhäsion der Fäden init dem bewegten Luflslrom stark genug ist, um sie tragen zu können. So fand der Naturforscher Charles Darwin einst 60 Seemeilen von jeglichem Lande cutseriit, viele Tausende von kleinen röilichen Spinnen, jede ans ihrem Faden segelnd, sich auf sein Schiff niederlassen. Auf Grund dieser Beobachtung weist»ran also, dast der fliegende Sommer von gewissen Spnineiigiiltuiigeii und-Arten, den sogen. Kleinweberit, dirclt in die Luft geschossen und vermöge seiner Leich- ligkeit von ihr wrlgetragen wird. Durch Verwicklung und Ver» eiiiigling der einzelnen Fäden während des Fluges vergröstern sich dieselben zu den bekannten langen Strähnen und bauschigen Flocken, wie sich ja die seinen Dunstbläscben diircv mcibanische Verschmelzung auch erst während des Falles zu Regentropscn bilden. Aber, könnte man wieder lragen, was veranlastt denn die Spinnen, ihre Fäden so masienhoft in die Luit zu schieben? Auch darüber sind verschiedene Merniingen laut geworden. So sagte man, dast die jene Fäden erzengenden Spmiien auf diesen dem kleinen Jnsektenheer iiachzögen, das an schönen Tagen die höheren Luft- schichten zu bevölkern pflegt: indem der Faden durch einen Mücken- schwärm streiche, diene er gewiflermasten als Leimrute, was durch die an den fallende» Geweben hängenden Jiflektenrestc deutlich be- Wielen«verde. Mari fastte die fragliche Erscheinung auch von idyllischer Seite auch und behauptete, dast die Lustschiffer .Liebhaber sind, die auf dem Mädchensommer reiten, Der tändelt in der flatterhaften Sommcrluft lind doch nicht fällt."— Man liest ans solchen Lnftreisen die Spinne ihre Hochzeit feiern! Andererseits nahm man auch an. dast die Spinnen im Gefühl des kommende» Winters sich durch Entledigimg ihres nunmehr überflüssig gewordenen Spinnstoffes für die Kälte nnempsindlicher und zur Neberwinterniig geschickter marven wollten. Tie allein richtige Erklärung für die Veranlassimg zur Entsiehniig des Altweiber» sommers gab unser gröstler deutscher Spuinenkemier A. Monge. Zuerst war eS ihm darnm zu tun, die Liiflschiffennnen selbst zu ermitteln und er lernte als solche namentlich die kleinen grauen Sack- oder Luchsspinnen, auch einige Krabbenspinnenarten, hauptsächlich aber die Gattung der eigentlichen Weberspinnen kennen, sämtlich Arten, die während des Sonnners an feuchten Orlen, auf sumpfige» Wiesen, sowie an Teichen und Wassergräben sich auf- hallen Sie haben, nach Maiige, die Gewohnheit, gegen den Herbst hin aufs Trockene zu wandern was sie eben mil Hilfe der in die Lust geschosienen Fäden tun und weshalb die Erscheinung als herbst« liche Wanderung anzuseben sei. So sind aflo jene schininierndelt Fäden nichts anderes als Luft- ''chiffe, auf denen die kleinen tütmen Aoialikerinnen nach anderen Orten sege'n, woselbst sie gegen die Unbilden des nahenden Winter» besser geschützt sind. Kleines feuilleton. Der �Vlitzvogel"..Mit Blitzgeickwindigkeit' ist ein Wort, daS tvir bisher ein bißchen leicdlsinnig anwandlen; aber eS scheint, als ob die Zeit kommen sollte, wo wir uns seiner im alltäglichen Leben — und zwar alsdann mit vollem Rechte— bedienen werden. Der fabelhafte Rekordflug, den dieser Ta.,e der Franzose P r ö v o st auf dem Meeting in Reims ausführte, indem er 200 Kilometer in Sg Minuten 45 Sekunden zurücklegte, eröffnet den Ausblick in eine Epoche, für die der„eherne Widerstand von Raum und Zeit" als überwundene.menschliche Schwäche" gelten darf. Der Mensch. der noch vor einem Jahrfünft die Vögel um ihren Flug beneiden mußte, hat in der künstlichen Nachahmung ihrer Naturgaben, unier gleichzeitiger Anwendung sinnvoller technischer Erfindungen, in- zwischen ein Mittel gefunden, die höchsten Gebirge(Klug Biders über die Alpen!j und selbst das Meer lNekordfahrt von GarroS über das Mittelländische Meer I) zu über- queren. Diesen Triumphen fügt er jetzt den der Schnelligkeit hinzu. Prövost bringt cS vorläufig auf etwa 00 Meter in der Sekunde. Es dürfte bei dieser Gelegenheit interessant sein, eine kurze Rückschau auf die Entwicklung der beiden modernsten Forlbe- wcgungsmittel, deS Automobils und der F l u g m a s ch i n e anzustellen, insofern diese Erd- und Luflmaschinen sich als„Kilo- meterfresser" betätigten. Die Automobilrekorde begannen bereits zu einer Zeit, als man vom Aeroplnn noch nichts wußte. Der Sportsmann Leon Bollee war der erste, der im Auto die Strecke von 50 Kilometer pro Siunde zurücklegte. Sein Rekord fand im Jahre 1907 auf einer der bestgepflegten Heerstraßen Frankreichs, der Route von EtampeS, statt und wurde als ein sportliches Ereignis gefeiert. ES folgen(1899) Renä de Knhff(Pandhardwagen) und Belghe fMor?) mit 60 Kilo- meter, Jenatzy(1900) mit 80, Gabriel und Mors(1903) mit 100 un Rennen Paris— Madrid. Im Jahre 1907 bringen eS Nazzaro, Fiat, Durah und Dietrich auf die formidable Schnellzuggeschwindigkeit von 120 Kilometer. Damit endigen die Autorekorde vorläufig, da es keine Straßen gibt, die eine höhere Geschwindigkeit ohne Gefahr ermöglichen— der Aeroplan tritt in Wettbewerb. Wright eröffnet im Jahre 1903 den Reigen, indem er in AvourS 50 Kilomeler pro Stunde zurücklegt. Latham folgt im nächsten Jahre mit 70(Modell .Antoinette"), Leblanc im Jahre 1910 mit 100(„Bleriot") und der inzwischen verunglückte Nieuporl mit 1l0 und 140 Kilometer(19l1)i mit letzterem Erfolge ist der Automobilrckord geschlagen. Eine neue Höckstziffer stellte in diesem Jahre Goux im Autodrom von Brooklands auf, als er. 173 Kilometer bewältigt und damit die Leistung von JuleS VbdrincS(„Deperduisin") um eine Kleinigkeit übertrifft- Km 23. September hatte es Piövost auf 180 Kilonierer gebracht, um dann am Tage darauf den oben angeführten Rekord zu erreichen. Die Leistunge» seiner Milkonkurrenten, Emile Vbdrines (Bruder von Jules) mit 197, Gilberl mit 191 und des Belgiers Erombez mit 172 Kilometer verdienen gleichfalls rühmend hervor- gehoben zu iverden. Wie bei dem 0000-Meter-Höhenfluge PerrehonS, hat man den jetzigen SchnelligkeitSrekord einem 14>Ztilinder-Motor von 160 Pferdekräften zu verdanken. Physiologische«. u e b e r m ü d ll lt g und Erschöpfung. Hilter lieber � müdung versteht man gewöhnlich den Zustand, bei dem jemand die dringend ersehnte Ruhe oder den Schlaf nicht finden kann, nach- dem er sich übergroßen körperlichen und geistigen Anstrengungen ausgesetzt hatte. Geh. Rat Schmidt in Halle gibt nun einige Unterscheidungsmerkmale zwischen Ucbermüdung und Erschöpfung: Beide sind Folgen der Jnattspruchnahme der Organe über ihre natürliche Leistungsfähigkeit hinaus. Während aber bei der Er- fchöpfung das Organ in der Ruhe keine krankhaften Störungen mehr aufweist, bleibt es bei der Nebermüdung noch reizbar, es verlangt gewissermaßen nach Reizen, dagegen wird es krank, wenn es zur Ruhe kommt. Ein.erschöpftes Herz z. B. kommt wieder zur Erholung, sobald Bettruhe eingehalten wird. Dagegen gibt eS wieder Herzkrankheiten mit Schwächszuständen, bei ivclchcn es die Kranken umgekehrt im Bett nicht aushalten können, dagegen fühlen sie sich wohl, sobald sie aus dem Bett heraus sind. Hier toirkt der natürliche, durch die körperliche Belvegung ausgelöste Herzreiz wie eine Arznei auf das geschwächte Herz und stachelt cS zu einer erhöhten Leistung an. So ist auch die Muskelunruhe zu erklären, die manche Leute empfinden, die nach längerer Ruhe große körperliche Leistungen unternehmen, z. B. Bergtouren. Sie können trotz größter Müdigkeit keinen Schlaf finden, weil die Muskeln hüpfen und die Glieder beständig halb unwillkürlich be- tvegt iverden. Sic sehnen den Morgen herbei, um wieder auf- stehen zu können. Am ausgesprochensten zeigen sich die Symptome der Uebermüdung am Gehirn, wie die alltägliche Erfahrung zeigt, daß nach langdauerndcr körperlicher oder geistiger Ikcbcranstren- gung der Schlaf als die ersehnte Entspannung vor der Denktäiig- keit nicht kommen will. Frauen, die durch Mutterpflichten und durch starke Inanspruchnahme durch häusliche Tätigkeit sehr herab- gekommen sind, bekommt die verordnete Einhaltung kurzer Bett- ruhe in der erste» Zeit eher schlecht als gut. Sie fürchten sich geradezu vor dem Alleinsein mid behaupten, sich im Bette nur noch elender zu fühlen, als vorher in ihrer Beschäftigung. Sehr oft Bcrantw. Redakteur: Alfred WieUpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: hört man von den mit Arbeit und Geselligkeit überlasteten Mcn- scheu, wenn sie einmal durch irgendwelche Krankheit zur Ruhe und Erholung gezwungen werden, daß sie lange Zeit gebraucht haben, bis sie die Wohltat des ihnen sonst unbekannten Zustandes empfanden. Leute mit schwachen Nerven sind unter dem Einflujj außergewöhnlicher Verhältnisse manchmal zu übermaßigen Leistun- gen befähigt,' das Ermüdungsgefühl, das den Normalen mit un» widerstehlicher Gewalt zum Schlafe zwingt, wird von ihnen von dem starken Reiz der psychischen Erregung verdrängt, sie halten sich unnatürlich lange wach und leistungsfähig. Brechen sie schließlich zusammen, so können ihre Organe die Ruhe nicht finden, die sie so nötig gebrauchen, sie verlangen nach Tätigkeit und geraten in einen Zustand krankhafter Reizbarkeit. Archäologisches. Antike S ch n e l l to a g e n im Berliner Museum. Die Form der Wage, die auf der Benutzung der Hebelkraft be» ruht und die noch heute bei uns, aber namentlich noch mehr in den südlichen Ländern im Gebrauch ist, wird nach ihrer Herkunft „römische Wage" genannt. Sie erspart den ganzen Gewichtssatz und ist besonders beim Marktverkehr in Anwendung, wo es auf peinlich genaue Feststellung des Gewichtes nicht ankommt. DaS Altertum verwendete solche Wagen auch für sehr große Lasten. Zwei solcher antiker Schnelltvagen, die besonders wegen ihrer vor- züglichen Erhaltung wertvoll sind, gelangten in den Besitz des Berliner Alten Museums und werden von Dr. Robert Zahn in den Amtlichen Berichten aus den königlichen Kunstsammlungen ein- gebend geschildert. Die Hauptmerkwürdigkeit der ersten Wage be- ruht in der auf dem breiten Teile des Balkens eingeschlagenen, auf beide Seiten verteilten Inschrift, nach der die Wage unter dem vierten Konsulate des Kaisers Marcus Aurelius Antoninus und unter dem zweiten seines Mitregenten Lucius Aurelius Berus im Jahre 16t auf dem Kapital geeicht worden ist. Die Normalgewichte iverden nämlich hier aufbewahrt. Wagen mit solchen Inschriften sind überaus selten. Die Gewichte solcher Wagen haben mcmnia» faltige Forme»! neben solchen in Kugel-, Oliven- und Eichelgestalt trete» figürliche, die Büsten von Göttern, anderen mythologischen Wesen und Kaisern darstellen und zum Teil schöne Werke antiker Kleinplastik sind. Während die erste im Tiber gefundene Wage keine? solcher Gewichte ausweist, hängt an der zweiten, die auS Pergamon stammt, als' Gewicht die Figur eines unbärtigen Mannes, der auf einem Stuhle ohne Lehne sitzt, in der rechten Hand eine Kugel hält und die linke auf den an den Stuhl gelehnten ovalen gebuckelte» Sckild stützt. Um den Kopf trägt er ein durch senkrechte Kerben gegliedertes Diadem; der Oberkörper ist nackt; um die Beine ist ein Gewand geschlagen, und es wird so die Tracht eines Heros oder Gottes angedeutet. Die Figur stellt offenbar einen Kaiser dar, und zwar werden wir in dem Urbild dieses Ge- Wichtes keinen anderen als Konstantin zu sehen haben. Pksilsikalisches. Die Geburt eines Atoms. Die Forschungen, die von der Entdeckung des Radiums und der Strahlungserscheinungen überhaupt ausgegangen sind, haben die alten Grundlagen der Naturwissenschaft bis ins Tiefste erschüttert. Der Aufbau der stofflichen Welt aus Atomen, von denen jedes Element sein be- sonderes besitzen sollte, galt seit 100 Jahren als das unentbehrliche Fundament der gesamten Naturauffassung. Obgleich niemand ein Atom gesehen hatte, noch jemals zu sehen hoffen durfte, wurde mit den Atomen der einzelnen Elemente wie mit einer unzweifel» haften Größe gerechnet. Jetzt ist die ganze Lehre von der Un- Veränderlichkeit der Elemente ins Wanken geraten, und auch der Begriff des Atoms muß auf die alte, verhältnismäßig einfache Er- klärung verzichten. Die neuen Theorien dereinigen Kraft und Stoff in einer Weise, ivie man es noch vor kurzem nicht anzu- deuten gewagt hätte. Eins der merkwürdigsten Experimente, die auf diesem Gebiet in letzter Zeit ausgeführt worden sind, ist das von den Profcssoreii Collie und Patterson. Es zeigte die Gegen- wart des seltene» Elements Neon in Wasserstoff, nachdem dieser bei niederer Temperatur von einer elektrischen Entladung durch- schlagen ivordeu war. Tie beiden Physiker haben sich selbst mit allen Mitteln gegen die Annahme gewehrt, daß dabei das Neon aus dein Wasserstoff erzeugt, also ei» neues Atom gleichsam geboren worden wäre, aber alle Einwände, die sie sich selbst gegen diese revolutionäre Vermutung gemacht haben, sind bisher durch die weiteren Untersuchungen entkräftet worden. So haben sie an- genonimeii, daß das Neon vielleicht von den Wänden der Glas- röhre oder von den Elektroden infolge der Erhitzung ausgeschieden werden könnte, aber die Prüfung hat die Unmöglichkeit dieser An- nähme erwiesen. Ebensowenig konnte das Gas durch ei» Leck in der Pumpe oder einem anderen Teil des Apparats in die Röhre gelangt sein. Das Glas selbst ist weder für Neon noch für Helium. durchdringlich und der bei den Erperimciitcn benutzte Wasserstoff hat ursprünglich ganz gewiß kein Neon enthalten. Noch jetzt wollen die Forscher die Frage, wo die?ltome dieses Gases hergekommen sein könnten, nicht mit einiger Sicherheit beantworten, aber vor- läufig gibt eS überhaupt keine andere Erklärung dafür als die tatsächliche Geburt eines Atoms.__ Vorwärts Tuchdruckerei u.VertagSanftalt Paul Singer L-Co.. Berlin L1V