Hlnlerhaltungsblatt des Horwürls Nr. 203. Freitaq, den 17. Oktober. !.I3 2Z k)elge Senclels I�uftfeKlöffer. Ein Chikago-Roman von Henning Berger. Reuter blickte iiber die Halle hin, die von seinem erhöhten Platz aus einem eleganten Vergnüguugsort, einem Privat- Tivoli oder einem Gartenfest glich. Der Vordergrund war von hier aus ein farbenreiches Muster von großen Schildern und Reklameanzeigen, künstlerischen Plakaten, Fahrplänen und endlosen, mit Reisebroschüren angefüllten Fächern. Zwischen den großen, messingumrahmten Spiegelglastüren sah man zwischen künstlerischen Photographien Detailmodelle von Lokomotiven, Schlaf- und Salonwagen, ganze Ziige von Pullman- oder Wagnerwaggone, und unter ihren Glaskästen die tadellos ausgeführten kleinen Fahrzeuge der Rekord- renner des Atlantischen Ozeans. Darüber breiteten sich die Bogenblätter der Palmen, und unter Glasglocken glühte die ganze Obst- und Landesproduktenskala des Westeus in den Farben des Safran, des Mais, der Bananen und Orangen, der Tomaten und irisblauen Trauben. Am grellsten hob sich von dem gesprenkelten Marmor das Emblem der Kennyonlinie ab, der smaragdgrüne, sünfzackige Stern auf dem Rubingrund der doppelzüngigen Flagge. Der Spekulant faßte einen Entschluß. Im Kontor der großen Dampferlinie, einem unendlich langen und schmalen Raum, der einem riesigen, an beiden Enden mit Glas geschlossenen Observatoriumstubus glich, nahte für heute die Zeit des Aufbruchs. Die jetzt von Sturm- Rolläden bedeckte Fassade nach der Clark Street hinaus lag im Dunkeln, aber in dem großen Schaufenster, in dem Mo- delle und Karten den täglichen Stand jedes Schiffes um die ganze Erdkugel wiedergaben, spiegelten sich die Reflexe der langen Reihe von elektrischen Kronleuchtern. Selbst die Glastür links vom Fenster zeigte ein paar vertikale Lichtkegel, und der Mosaikfußboden vor dem langen Kontortisch gab melancholisch wie bleiche und zerrissene Monde dieselben Licht- quellen wieder. Die Aehnlichkeit des Raumes mit einem Fernrohr ward noch ganz besonders verstärkt dadurch, daß er sich abtcilungs- weise erweiterte— vermutlich hatte man ehemalige Zimmer- wände weggenommen—, und zwar gegen den Vordergrund der Hotelhalle zu. Man hätte glauben können, das Ganze müßte sich tatsächlich Stück für Stück, Raum um Raum inein- ander zusammenschieben lassen. Man liatte sich diese Abstufung praktisch zunutze gemacht, indem man die verschiedenen Abteilungen mit der Einteilung des Geschäfts in drei Klassen in Einklang gebracht hatte. So hatte der Hauptchef der Passagicrabteilung, Mr. S. Tennp Ranch, seinen Sitz zunächst dem Haupteingang. Taraus folgte der Raum der ersten Klasse. Weiter die zweite Klasse, dritte Klasse kurz und bündig. Es folgten hierauf die Buchsührungsabteilung, die Kasse» und Plätze der Boys, und zuletzt die wichtigste und größte Abteilung, diejenige, welche in einer Riesenverwaltung die wenigst glänzende und am meisten einträgliche ist: die Frachtabteilung und die sich bis zur Wand der Hofraum- halle erstreckte, lvo sie das andere Ende des Fernrohrs, die Basis, mit einem großen Fenster und einer Glastür, den Gegenstücken zur äußeren Fassade, abschloß. Jede Abteilung hatte ihren Kontorchef, ihre Schreiber. Stcnographinneu und Laufjungen, und war von den anderen durch elegante Schran- ken getrennt, deren künstlerisch geschnitzte Schwingpforten unaufhörlich in Bewegung lvarcu. Außerdem war da ein ganzes Keller- oder Untergrundstockwerk, das sich der Länge nach unter dem Fernrohrkontor hinzog und durch Wendel- treppen lind einen Auszug damit verbunden war. Da unten befanden sich außer dem Kasfengewölbe und verschiedenen Magazineil ein Frühstückszimnicr nebst Toiletten und ein paar Pulte für ein halb Tutzeild armer Lebewesen, die gleich lichtscheuen Ratten mit weißen viesichtern und roten Augen eine ertötende Ragearbcit verrichteten, die darin bestand, die Millionen von Billetts, Blanketts, Zirkularen, Laufzetteln, Ge- heininotizeu, Listen aller Art luid tausend andere Karten, Zettel und Kartons, die die westliche Agentur des Riesen- betriebes verbrauchte, l>erbeiznschafsen und zu überblicken. Endlich wurden auch, über einen Hintergang, als sollten sie zu einer geheimen. Inquisition geführt werden, alle Einwände- rer gebracht, die anlangten oder lveiterreisten oder wieder zurückkehrten! denn sie wurden in dem demokratischen Land nicht für würdig— oder vielleicht nicht für ganz ungefährlich genug befunden, um in Freiheit vorgeführt zu werde». In diesem großen Kontor herrschte am Tage des Schnee« sturms eine seltsame Aufregung. Es war nicht nur die gewöhnliche Geschäftsncrvosität— denn diese ist immerhin in ein System gebracht und geht gegebene Bahnen—, sondern es gesellte sich dazu eine merkwürdige Stimnrnng von Unsicherheit, ein Druck, genau wie der vor dem Orkan. Das Instrument schwingt warnend die Nadeln, das Barometer zeigt eine Katastrophe an: aber niemand vermag noch den Umfang zu ahnen. Sogar wenn die Eruption stattfindet, vermögen die Seismographen nicht anzugeben, wo der Un- glücksort liegt. Ebenso war es hier: nian spürte es in der Luft, daß etwas geschehen würde, man wußte auch bestimmt, daß schon etwas geschehen war: aber ob in London, Liver- pool oder New Jork? Privatdepeschen hatten längst einen Regierungswechsel vorausgesagt, man sprach von Konsoli- dierungen. von Trusts, von Entlassungen aller Art, von Wechsel, Einziehung und Neubesetzungen. Aber außer diesem Etwas, das gleich einer fernen Wolke dalag und schattete— mehr im Bewußtsein als in der Wirklichkeit—, tvar es die Hitze der Konkurrenz, die brannte. Die große Weihnachts- flotte nach den alten Ländern sollte bald abgehen, nach Eng- land, Schottland, Irland: nach Schweden, Norwegen, Däne- mark, Finnland. Da galt es diesmal, einen Aufschwung vorweisen zu können in der Weihnachtsflut: alles mußte ein- gesaugon Ivcrden noch neben dem wichtigen Norden— Italiener, Böhmen, Polacken, jeder beliebige Auswurf: denn hier hieß es einzig nach Stückzahl rcckmen. Die Cunardlinie hatte neulich zwei Riesendainpfcr herausgebracht, die bereits den Geschwindigkeitsrekord mit fast fünfundvicrzig Minliten von Queenstown nach Sandy Hook machten, und man hatte alle nur inöglick»e Ursache, zu vermuten, daß die zwei Schisse den Löwenanteil am Menschenmarkt erbeuten würden. Aller- dings baute die Linie bei Harlan u. Wolfs in Belfast ein ganz einzig dastehendes riesenhaftes Fahrzeug, das bestinunt dereinst den Cunardrekord mit einer Stunde schlagen ivürde: aber»vas nützte das jetzt? Die viertausend Unteragcnten des Westens, die alle unter dem Chikagocr Kontor arbeiteten, empfingen täglich Rabattinstruktiouen. gesetzliche und ungesetzliche. erlaiibte und unerlaubte, und im Osten liefen Phan- tastiiche Rapporte ein, die von Land- oder vielmehr Mensckren- gewinnungen berichteten. In der Frachtabteilung spannten sich die Gehirne zu einem höheren Kainpf an. der teilweise leichter war, da die Linie, die init der Eastle-, Bibby-, Oriental- und Wilsonlinie assoziiert war, tatsächlich die größte Frachtflotte der Welt besaß. Hier wurde der gerüchllvcise vorausgesagte Weizencoup ausgerechnet und vermittelst Korrespondenz diskutiert. Alles war streng privat,„unter vier Augen", eine Mischung von Detektiv- und Beichtvater- vertrauen. Kam ein Corner zustande, so verschlugen alle Schiffe der Welt nicht zur Ausfuhr nach Osten: die kostbare Ware, das Brot, die Nahrung, würde in Elevatoren und Tausenden von Lastlvagen verfaulen, die auf dem Weg zu den Küstenhafen»vegen Mangel an Fracktbooten liegen bleiben nmßten.*Alicr auch schon ein tcilloeiser, bloß angefangener Corner, ein Versuch, mußte die Frachtpreise, ebenso»vie die der Ware, zu schwindelnden Höhen steigern. Die Ubr hatte sechs geschlagen. DaS Geräusch der Ma- schinen und Federn, der Papiere und des Geflüsters»vard zu einem langgezogenen Hm-hm-hin-suin-sum-sum, und mitten in diesem Gesunime und Gebrumme öffnete sich die Hintere Tür und in? Ziechteck des Rohmens zeigte sich Mr. Reuters athletische Gestalt. Für den Bruchteil einer Sekunde, für ein Nichts lang konnte inan glauben, es würde still im ganzen Kontor: aber so rasch klirrte, klapperte, klingelte und sauste alles wieder»veiter. daß noch der Luftzug von der Tür her de- stumme Atemholen des Moments verschlang, und oben vom Pa1"!gierschalter aus bemerkte man nichts anderes als die ehrerbietige Halbverbeugimg des jungen Frachtbuchhalters Bendel. Ter Frachtagent Mr. I. D. Roth, ein ganz si ger Mann mit feinen, sympatlüschen, feinitischen Zügen und einem Paar schwermütiger Augen, die jedoch jederzeit eine Härte an- nehmen konnten, saß müde zurückgelehnt in seinem Trehstuhl. Eine erloschene Zigarre hin» in dem einen Mundwinkel, imd er starrte geistesabwesend aus ein Chissretelegramm, während die Geheimschrift der Linie aufgeschlagen ans seinen Knien lag. Reuters zugleich kaltes und gutmütiges Antlitz— eine Art Napoleonantlitz, mit einem vierkantigen, starken Ver- drecherkiefer— verzog sich zu einem Lächeln, und zwar in der Weise, daß von den Nasenflügeln zwei Paranthesezeichen ausgingen, aber keine runden, sondern solche, die man in der Cetzersprache Klammern nennt und die sich unter den Mund- winkeln an der Biegung des Kinns schlössen oder zusammen- schoben. Alles war rechtwinklig und viereckig an diesem Manne äußerlich— sogar sein Lächeln. — Hallo, Roth! grüßte er, und der Frachtagent hob den Kopf. Inwendig fuhr er zusammen, aber er ließ sich nichts anmerken. Er erwiderte den Gruß freundlich, gleichmütig: — Hallo, alter Stier! Diese scheinbar höchst unpassende und naseweise Anrede- form dem mächtigsten Geschäftsmann und Millionär des kom- Menden Augenblicks gegenüber war dennoch für den Ein- geweihten völlig korrekt und gerade jetzt ganz an ihrem Platz. Sie war eigentlich eine brutale, aber keineswegs frivole Schmeichelei. (gorUefcnnQ folgt.) Die Goldammer. Von S v e n d F l e u r o n. Aiemal? zwischert die Goldammer so wehmüiig, wie an einem Regentage im Herbst. Wenn er anbricht, der mit Sebnsucht erwartete Morgen, wo das Getreide in voller Reife steht nnd bloß darauf harrt, in Schwaden gelegt zu werden— wenn der Bauer sich mit seinen Tagelöhnern verabredet und für einige Wochen ein paar von den verzweifelten Existenzen, die in der Herbstzeit von Hos zu Hof ziehen, in seinen Dienst genommen hat— wenn vorgemäht worden ist für die Garbenbindemaschine, die Bierfäßchen gefüllt sind nnd die Speise- kainmer mit Schlackwurst und Kümmelkäse frisch versehen ist— wenn der Brotherr am frühesten ans den Beineu und flinker als gewöhnlich über den Hofplatz zum Stallflügel schlendert, um den Tieren ein ordentliches Kernfnlicr zu geben, nnd dabei in die Fäuste spuckt, zum sichtbaren Beweise seiner aufgesparten Arbeitslust— und wenn c? dann still, langsam nnd anhaltend vom bleischweren Himmel hernicderzuriescln beginnt, als neues Vorzeichen eines Landregens für die zweite Augusttvoche, dann ist der rechte Lkesonanzbode» geschaffen für die seltsame Wehmut in den zarten Tönen der Goldammer, dann erst findet dieser Vogel Gehör fiir seinen einfachen kleinen Gesang. Ein selbstherrliches Geichöpf ist die Goldammer— ein genügsamer Bnrsch, der sich nur zur Winterszeit, wenn die Un, stände ihn zwingen, dazu bewegen läßt. Umgang mit der feinern Gesellschaft zu suche»— ein einsamer Säuger, der da zu Hause ist, Ivo der Wind ihm frei seine düstere Begleitung gewähren kann.. Auf dem öden Stcinplatz. zwischen unfruchtbaren Hügeln von grauen Feldsteinen, zwischen Schottcrhaufen und Pfannenstein hüpft die Goldammer umher: ans der offenen Landstraße in den spärlichen Bäumen, deren zerfaserte Kronen sich resigniert zueinander neigen. strebt sie nach den: Wipfel hin— und man trifft sie auf der äußersten Spitze eines welken Zweiges, wo sie sich schaukelt und wiegt, in sturingeschorenen Schlehcnbüschen sowohl an der Grenzscheide des Außcnfeldes wie auch an unseren Waldrändern. An den langbogigen Telegraphendrähtcn von umwachsenen Eisenbahnlinien klammert sich der Vogel gerne fest; er hält sich inr Gleichgewicht mit Hilfe des langen Schwanzes, der, leicht aus- gebreitet Ivie ein balbgeöffnetcr Fächer, unaufhörlich im Winde schlägt, auf und nieder— oder er setzt sich aus die ivindgeschützte Seite der aus Reisern geflochtenen Garteneinfriedigung des einsamen Oedlnndgehöfts, init der Aussicht auf ein sandiges Kartoffelfeld und ein disteireiches Stück kurzstengeligen Hasers. Der Steinklopfcr, der den lieben langen Tag hinter seinem schräggcstelltcn Strohschirnr auf den Flintstein losschlägt, daß cS prasseil, auf den Granit, daß er seine bläulichen Funken speit, er sieht wohl so manches Mal, wenn's auf Feierabend zugeht, die Gold- aminer singend auf dem Gipfel der Klafter sitzen— und er läßt die mit Tüchern umwickelten Hände schlaff in den Schoß sinken, reckt sich auf seinem Sitz mit gedehntem Schnauben und lauscht dem Bogel; wie schön glitzert das golddurchwirkie Fcderkleid in der unter- gehenden Sonne, die durch zerrissene Wolkenschichten hervorflimmert! Twittewittewilie— tviii! Rur eine Reihe gleichlautender, klar klingender Töne, die zum Schluß in ein weiches Zittern übergehen, das langsam in die Luft hinichinilzt ivie das ersterbende Beben der feierlichen Gebetschläge von der Glocke der Dorfkirche. Twittewittelvitte— wiiii: Der Tag und der Weg, nur der Weg und der Tag— doch nie die kleinste Krume vom Festgelag I Dieses Abendlied kennt der Steinklopfer. lind der Wegarbeiter, dessen Mahd am Graben entlang selten pünktlich zur richtigen Zeit geschieht, der vielmehr aus Rücksicht auf die benachbarten Becker hier und da hinaus muh, um das Unkraut zu kappen, ehe es Samen ansetzt, trifft oft auf ein Nest, das aus sonnverblichenen Halmen wie ein Körbchen geflochten ist und aus dem Grabenhang durch die Stengel des wilden Kerbels festgehalten wird, die bei der Arbeit als Stützpfeiler gedient haben; Schutz vor dem Regen bietet dem Ncstlein das flutende Gras oder der mächtige Familienregenschirm des Klettenblatts. Ja, auch der Wegmann kennt den Vogel— er kann nicht anders: Just wenn die Arme iin Schwünge gestreckt sind, die Sichel nach hinten, und wenn die ungleichmäßig abgenutzte Klinge singend die Schtvaden nimmt, so kann eS geschehen, daß vor der Spitze seines klotzigen Holzichuhcs ein Vogel ausflattert und verwirrt davonfliegt. Jäh hält er im Schlage inne, läßt die Sichel ruhen— und mit der Linken vorsichtig das GraS zerteilend, sieht er da vor sich vier, fünf gelbgeränderte Schnäbel, die, ohne zu mucksen und doch so ver» nehmbar, nach Futter schreien. Für keine Forderung hat der Mann aus dem Volke ein schärferes Gehör I Sie erinnert ihn ja nur an eine alltägliche Szene von daheim: .... Brot muß herbeigeschafft werden, Fett und ein wenig Salz. Und doch ist das Essen nicht mal das Schlimmste, Herr Pastor.... Rein, an den Kleidern fehlt's, wenn der liebe Gott einen nun mal mit einer großen Kinderschar gesegnet hat." Den Hirschchcn hier im Grase fällt es gewiß leichter! Und während der Wegmann so schaut und daran denkt, daß sein Größter zu Hause ja bald„stehen" wird, sieht er die Gold- ammer sich unruhig nähern. Gelb ist sie am Vorderleib— sonst gleicht sie einem unansehnlichen Sperling. Aber der Jäger vor allem hat gelernt, die Goldammer zit schätzen, wenn er sich an späten Herbsttagen, müde von der Hühner- jagd, die sich ihren, Ende zuneigt, auf den Grenzwall wirft, um den Lehm von den Stiefeln zu kratzen und eine Weile auszuruhen. Hintenüber gelehnt, die Hände tief in den Taschen, sieht er den Sprühregen einsickern--- und wenn er dann plötzlich, steif, kalt und schwer, die Augen anfschkägt, sitzt die Goldammer zwitschernd auf der Weide über seinem Kopfe— der einzige Vogel, der in der Schläfrigkeit des Rovembertags den Schnabel auftun mag. Nun bat er etwas mit nach Haus« zn nehmen! Der Steinklopfer, der Wegmann, der Jäger— nnd auch der Eisenbahnkondukteur ans der alten Zeit, der sich, während der Zug dabinsauste und sich in den Wind einhüllte, an der Seite vorwärts arbeitete von Coup» zu Coup»... ja, auch der Kondukteur kann, trotz den, Pollern des Zuges, in einem jagenden Moinrnt einen Eindruck von dem kleineu Sänger bekommen und' sich verleiten lassen, ihn, mit den Augen zu folgen, wenn er, in die Flucht gescheucht durch den eilenden Zug, die Flügel ausbreitet und steigt und steigt, bis er endlich von, Winde fortgesogen wird über den dröhnende» Waggons. Im Oedlandgehöft dagegen schenkt der Goldammer niemand Beachtung. Hier gibt eS sllr genug zu sorgen. Der Boden ist widerspenstig und die Gesindeverhältnisse sind schwierig. Zwei schivielige Hände auf dem Felde und ztvei gekrümmte Hände in, Hause tun ihre Pflicht. Und doch stellt sich ein Jahr überS andere der Huflattich ein, wie der Staub in den Winkeln fällt; die Hypo- thekcnzinsen müssen bezahlt, Stenern und Abgaben entrichtet ivcrden: man muß ellvnS daran wenden für neue Gerätschaften nnd für ein lvenig mehr Bestand... und dann soll man ja auch leben... „Mit den Kleidern, Herr Pastor, mag es sei», wie es will!" An eine solche Stelle paßt die Goldammer eigentlich gut; hier ist sie die zarte Poesie imnitten der Prosa" des Arbeitstags— eine Poesie, nach der niemanden verlangt, und die von keinem be- achtet wird. Aber eines Morgens im Herbst— an dem Morgen, dem man mit Sehnsucht entgegengesehen hat, weil das Korn jetzt so reif ist, wie'S werden kann— gebt der Mann leichtfüßiger als gewöhnlich über den Hosplatz zum Stallflügel hin, um den Tieren ein ordentliches Kernfutter zu geben. Eine Mähmaschine ziemlich alten Modells ist für eine Woche gemietet worden, zwei halberwachsene Jungen haben versprochen zn helfen, die Bierfäßchen sind gefüllt und das Bockzickleiir der Geiß ist geschlachtet— min soll's an die Arbeit geh'n! Da beginnt, beim Morgenimbiß, der Landregen vom bleiernen Himmel berabznsickern, langsam und still inacht er sich an seine Ar- bcit— AilSdauer versprechend. Kein Crntewctter gestern, keinS heute und wohl auch kein? morgen— nur Regen, der in? Getreide rieselt, ins GraS sickert und ans die Rübenblätter troinmelt! Da trällert die Goldammer inniger als je znvor ihre wehmütige Strophe— der einzige Vogel, der in all der Hoffnungs- losigkcit den Schnabel aufzusperren Ivagt. Den Millionen Tropfen zum Trotz fährt sie fort und fort. Ein kleiner Sänger aiitwoncr dem andern und bald ist eS, als wäre die ganze ertrinkende Frucht der Felder von einem Trauerchoral umspannt. Twittewittcwilte— Iviii I Twittewittewille�wiii I Sanggedehnt. traurig, unendlich bekümmert— gebrochen wie die Etrophe des Volksliedes. Den, Gesang der Goldammer gleicht die innerste Stimmung der Hcrbstzeit._(Deutsch von H. Kiy.) Georg Büchners Zod. Von Herwegh. Der Mörder Tod schlich nächtlich sich ins Hau», Der rohe Knecht zerbrach die zarte Schale lind goh den hellen Geist als Opfer aus. Mein Büchner tot! Ihr habt mein Herz begraben! Mein Büchner tot, als seine Hand schon offen, Und als ein Volk schon harrere der Gabe». Da ward der Fürst von jähem Schlag getroffen! Der Jugend fehlt ein Führer in die Schlacht, Um einen Frühling ist die Welt gebracht; Die Glocke, die in, Sturm so rein geklungen, Ist, da sie Frühling läuten wollt, zersprungen. Wer weint mit mir?— Nein, ihr begreift es nicht, Wie zehnfach stets das Herz des Dichters bricht, Wie blutend, gleich der Sonne, nur sich reixt Von dieser Erde— stets ein Dichtergcist Wie immer, wo er von dem Leib sich löste, Sein eigener Schmerz beim Scheiden war der grösite. Ein Szepter kann man ruhig fallen sehen, Wenn einmal nur die Hand' mit ihm gespielt, Von einem Weibe kann man lächelnd gehen, Wenn man's nur einmal in den Armen hielt; Der Todesstunde Onal sind jene Schemen, Die wir mit uns in unsere Grube nehmen, Die Geister, die an, Sterbebette stehen, Und uns un, Leben und Gestaltung stehen, Die schon die junge Morgenröte wittern, Und ihrem Werden bang entgegenzittern, Des Dichters Oual, die ungeborene Welt, Der Keim, der mit der reisen Garbe fällt..! Ich will euch an ein Dichterlager bringen: Sehn mit den, Tod ihn um die Zukunft ringen, Sehl seines Auges letzten Fieberstrahl, Seht, wie es trunken in die Leere schaut Und drein»och sterbend Paradiese baut! Die Hand zuckt nach der Slirne nach einmal, Das Herz pocht wilder an die schivachen Nippen, Das Zanberlvort schwebt ans den blassen Lippen— Noch ein Geheimnis möcht' er»ns entdecken, Den letzten, größten Traun, ins Dasein wecken,— O Herr des Himmels, sei ihm jetzt nicht taub I Noch eine Stnnde gönn' ihm, o Geschick, Verlöiche»ns nicht des Propheten Blick' Umsonst— eS bricht die müde Brust in Stanb, Und mit ihr wieder eine Freiheitsstütze: Aufs stille Herz fällt die gelähmte Hand, Daß sie im Tod noch vor der Welt es schütze! Und die so reich vor seinem Geiste stand. Er darf die Zukunft nicht zur Blüte treiben, Und seine Träume muffen Träume bleiben, Ein unvollendet Lied sinkt er ins Grab, Der Verse schönsten nimmt er mit hinab. Georg Büchner. 181?— 17. Oktober— 1013. An Dichtern wie Georg Büchner erweist sich die ganze Hohlheit des Wortes, daß die Gölter jung sterben lasten, wen sie lieb haben. Denn wer überschaut, was dieser früh und jäh Ge- schiedene hinterlassen hat, den, drängt sich stets die wehmütige Frage auf, was der Dichter noch hätte schaffen können, wenn die Parze später seinen Lebensfaden durschschnitten. So kam sein Wesen und fein Werk nicht zur Reise und Vollendung, und wie sein Leben ein Fragment, so ist auch sein Schaffen ein Torso. Aber mag keine von den' Schöpfungen Büchners in daS lebendige Bewußtsein des Volkes übergegangen sein, mag keiner seiner Sätze, keines seiner Worte wie kleine Münze von Hand zu Hand rollen, mag er vielen nur ein Schatten sein, nmherspukcnd in den Katakomben der Lite- ratnrgeschichle, den sozialistisch gesinnten Massen steht er doch näher als mancher Poet, der Stufe um Stufe emporsteigen durfte bis zun, Gipfel seines Lebens und Schaffens. Den Dichter der Revo- I u t i o i, grüßt allezeit die Partei der Revolution! Denn dieser Lorbeer, ein Dichter der Revolution und mehr: «in erster Sturmrufer der deutschen Revolution zu sein, wird sich immer um Büchners Schläfe ranken. Dem Gebnrts- datum nach war er ein Sonntagskind, der jnst an jenem 17. Oktober 1813 zur Welt kam, und zwar in dem bei Darnistadt gelegenen Dörfchen Goddelau, als sich bei Leipzig das Schicksal Napoleons entschied. Büchner 5 Kindheit und Jugend— und mitten in der Jngend brach dieses Leben schon ab!— siel dein, in «ine Zeit, der die' bei Leipzig siegreiche Gegenrevolution allenthalben ihren trüben Stempel cw/drückie. Die Zeit der heiligen Allianz war«S, der Karlsbader Beschlüsse, der Demagogenjagd, der Vcr- folgung der Burschenschaften, der brutalen Unterdrückung jedes Hauchs von irgendwie fortschrittlichem Geist— eine dumpfe, träge. verstockte und verhockte Zeit, in deren Schwüle nur wie ein jäher Blitz daS Funkeln des Dolches brach, den der Studiosus Sand dem russischen Spitzel und deutschen Komödienschmiercr Kotze bue in die Brust rannte. Auch auf des jungen Büchner Umgebung lastete harter Druck. In seinem engeren Vaterlande, dem Groß- Herzogtum Hessen, einer napoleonischen Schöpfung, tobte sich unter Ludwig I., den der Franzosenkaiser einst höhnisch als„Monsieur de Darmjtadt' behandelt hatte, die ganze blntsaugerische Willkür eines subalternen Beamtentums a»?, das souverän war, weil hier, wie auderwärts auch, der Potentat sein Verfassnngsvcrsprechen vcr- geffen hatte. Auch Georgs Vater, der als Militärarzt den französt- schen Adlern durch halb Europa gefolgt war und bald nach der Gc- bmt seines Sohnes als RcgierungSarzt nach Darmstadt versetzt lvnrde. war, im Gegensatz zu seiner sanften, gütigen und gc- bildeten Gattin Karoline ein verbissener Hausthrann und ein zäher Reaklionär, der alle liberalen Bestrebungen wie die Pest haßte. Auch die acht Jahre, die Georg Büchner ans den Bänken des Darmstädter Gljniiiasium» saß, empfand er, wenn schon er meist der erste der Klasse war, als unerträglichen Druck, denn„ein Düngerhaufen toter Gelehrsamkeit" wurde ihn, hier als„das allein würdige Ziel menschlichen Strebens" hingestellt. Sein ganzes Wesen aber trieb ibu mit Itngestiim zum Erfassen des wirklichen Lebens:„Lebendige?!" schrieb er mit Riescnbuchstaben in ein Schulhest,„Was nützt der tote Kram!" Da schon des Gymnasiasten Seele schwärmerisch wie ein Altarfeuer für die Freiheit brannte, ward er in seinem letzten Schuljahre um- und nmgerüttclt durch die badische Jnlirevollttion, die wie ein frischer Sturmwind in die dicke Luft Deutschlands hineiiiblies. Erfüllt mit radikalen An- schauungen, erwartungsvoll gestimmt auf den Tag, da der Trommel- wirbel der Revolution durch die Gassen rollte, aber zugleich ent- schlössen, zu ivirken, wohin ihn iinmec das Leben stellte, kehrte er 1831 der Schule den Rücken, um in Straßburg Zoologie und Anatomie zu studieren. Kein größerer Gegensatz als die tote hessische Residenz an der Darm und die französische Ilniversilätsstadt am Rhein, die voller geschichtlicher Erinnerungen und voll unmittelbaren Lebens steckte. Denn ähnlich tvie Paris war Straßbnrg für die deutschen Liberalen ein Mekka der Freiheit. Wem auf der rechten Seite des Rheins in, Zeichen der Demagogenjagd der Boden unter den Füßen brannte, fand sich in Straßbnrg ein, und die Schildivache auf der Rheinbrücke bei Kehl konnte es nicht hindern, daß von Straßburg aus revolutionäre Flug- schristen und revolutionäre Gedanken nach den deutschen Gauen hiniiberflatlcrten. Büchner aber schloß sich nicht den rein franzö- fischen Kreisen an, sondern im Schoß der elsässischen Pfarrersfamilie I a c y l«, deren Tochter Minna er bald als Braut gewinnen sollte, fand er deutsche Art und die Pflege deutscher Literatur vor. Nicht als ob diese Elsässer deshalb schlechte Franzosen gewesen wären, denn sie dachten alle wie der Pfarrer 2 t ö b e r, mit dessen beiden wissenschaftlich und dichterisch interessierten Söhnen B ü ch» e r in nahe Beziehungen trat:„DaS Herz sranzösisch, der Kopf deutsch!" Auch mit den Gedanleugängen des utopischen Sozialisten Saint« S i m o n wurde B ü ch n e r in Straßbnrg bekannt, aber er lehnte seine Lehre ab, weil ihm die Verwirklichung seiner Ziele allzu sehr im Nebelhasten zu verschwimmen schien. Denn schon der Straß- burgcr Student war mit einer unheimlichen Schärfe und Klarheit des Blicks begabt. Zwar hatte er nicht und konnte er»och nicht haben einen Einblick in den EntwickelnngSgang der Geschichte, die ihm vielmehr noch als ein wüstes Chaos und buntes Durcheinander erschien, aber während ein S n i u t- S i m o n zeitlebens auf den Millionär harrte, der die Menschheit in der von ihm ausgeheckten Zukunslsgesellschaft eingnarlieren tviirde, während die deutschen Liberalen voller Liebe, Glaube und Hoffnung von der Einsicht der Gebildeten und der Verbreitung politischer Bildung alles Heil erwarteten, erkannte Georg Büchner, daß nur der Appell an die Massen zum Ziele führen könne. ,,W e n n i n unserer Zeit', schrieb er an die Eltern,„etwas helfen soll, so ist es G e iv a l t!" und immer tvicder unterstrich er, „daß nur das notwendige Bedürfnis der großen Masse llniänderungen herbeiführen kann, daß alles Bewegen und Schreien des einzelnen vergebliches Torenwerk ist". Aber nicht minder klar erkannte er die Verblendung derer, die„in den Deutschen ein zun, Kamps für sein Recht bereites Volk schen" und halte deshalb für Knabenstreiche wie den Frankfurter Wach n, stürm nur ein Achselzucken. DaS aber trug auch den Zwiespalt und die Problematik in sein Wesen hinein: daß er die Mittel kannte, die auS der deutschen Misere heraiishalfen, und doch wußte, daß sie mit den so wenig entwickelten Masten in Deutschland nicht anwendbar waren. Als er nach zwei Straßbnrger Jahren die hessische Landrsuniversität Gießen bezog, warf ihn dieser Zwiespalt in körperliche und geistige Krisen. Ließ Gießen sich auch bei weiten, nicht init dem sprudelnden Leben Straßbnrgs vergleichen, so galt seine Ilniversität doch als ein Herd des westdeutsche» Radikalismus. Nicht nur der zahme W e l ck e r hatte hier gelehrt, sondern auch der vild« F ollen war von hier ausgegangen. Doch wenn sich auch alles in Büchner dagegen auf- bäumte,„ein Knecht mit Knechten zu sein, einem vermoderten Fürstengeschlecht und einem kriechenden StaatSdiencr-AriftokratismuS zu gefallen', so hielt er sich doch von den Bestrebungen der radi« kolisicrenden Studenten fern, weil sie ihm allzu kindisch dünktcn. Sein Plan war nach wie vor: die Masten aufzurütteln, und da der Tatendrang in ihm brannle, so verschoben sich jetzt selbst diesem Klarblickenden die Matze der Wirklichkeit: da er in eine allgemeine Berschwönmg der radikalen und liberalen Elemente eingeweiht ward, wähnte er die Möglichkeit vorhanden, die Massen aufzurütteln und schlug in die Hand der Verschwörer ein. Ihr geistiger Leiter war der Konrektor Weidig in Butzbach, den später die hessische Reaktion im Kerker grausam zu Tode folterte und dem in seinem Verwandten Wilhelm Liebknecht ein Rächer entstand. Mit W e i d i g hielt B Ach n e r engen Zusammenhalt und in seinem Sinn, wenn auch nicht zu seinem Gefallen, verfatzte er 1834 den„Hessischen Land- boten", der die Bauern gegen die absolutistisch-feudale Gewalt- Herrschaft in Hesien auf die Beine bringen sollte. Durch Einfügung von Bibclstcllen und allgemeinen Salbadereien verwässerte W e i d i g diese? erste der nioderneu politischen Flugblätter, dessen Vorzug es gerade war, frei zu sein von salbadernden Allgemeinheiten. Unerhört für die Zeit war da? anklagende Pathos, unerhört die aufftürmende Wucht des„Hessischen Landboten", der den Heerbann der Hungern- den aufbot gegen die Satten in und dem es, unter geschickler Ver- tvendung von' Zahlenmaterial, etwa hietz:„7c)0lZ<)v Menschen be- zahlen dafür 0 Millionen, d h. sie werden dafür zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ordnung leben heitzt hungern und geschunden werden.... Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten.... Für jene 900 000 Gulden müssen eure Söhne den� Tyrannen schwören und Wache halten an ihren Palästen. Mit ihren Trommeln übertäuben sie eure Seufzer, mit ihren Kolben zer- schmettern sie euch den Schädel, wenn ihr zu denken wagt, datz ihr freie Menschen seid. Sie sind die gesetzlichen Mörder, welche die gesetzlichen Räuber schützen." Aber ob es gleich wie Sturmgeläut äuS den Sätzen dieser Flugschrift heraustönte, die hessischen Bauern hatten keine Ohren zu hören und übergaben den„Laudboten", wo sie ihn fanden, dem Herrn Amtmann und dem Herrn Gendarmen. Da autzerdem ein Verräter unter den Verschworenen sein lichtscheues Handwerk trieb, kehrte Büchner, ein stark Verdächtiger schon, zunächst ins elterliche Haus nach Darmstadt zurück. In wenigen Tagen schrieb er hier, während vor seinem Fenster die Schatten der Häscher auf- und abhuschten, sein Drama „DantonS Tod" nieder, ein Stück von gewaltiger und be- zwingender Wucht, in besten hastigen Szenen hart und heitz der Fieberpuls der Schreckensherrschaft schlug. Wie Schiller seine „Räuber", so hatte Büchner seinen„Dantyn" erlebt, und eS sollte mehr als eine beliebige Tragödie sein: ein lebendiges Stück Revolution war es. eine Dichtung gewordene Tot! Mochte Skepsis und Zynismus in diesem Drama noä) so oft durchbrechen, die Liebe zur Revolution loderte doch wie eine helle Flamme aus dem �rtück hervor, das sich als Muster eines kühnen Realismus gab und Menschen und Dinge formte, wie sie ivarcn, ohne Schminke, ohne Schönheitspflästerchen, ohne Heiligenschein I DaS ist das grotze poetische Verdienst Büchners, datz er als der bedeutendste Vorläufer deS modernen Realismus angesprochen lverdeu darf. Als er„Dantons Tod" an Gutzkow geschickt hatte und, da ihm die Schergen schon dicht auf den Fersen waren, wieder nach Strasburg geeilt war, lieferte er in seinem Novellenfragment„Lenz" eine weitere Probe dieses Realismus, denn hier ging er den Gedanken- gängen des in Irrsinn fallenden Dichters mit einer schauerlichen .Kraft des NachcnipfindenS bis in die feinsten Verästelungen nach und gab eine Seelenzustandsmalerei, toie sie erst wieder ein halbes Jahr- hundert später die Jungdeutschcn zu entwerfe« wagten. Während er zum zweiten Male in Stratzburg satz und bald von diesem, bald von jenem seiner Gefährten hörte, der der Polizei in die Hände geraten sei, blieb er seinen alten Anschauungen treu. „Das Verhältnis zwischen Armen und R e i ch e n". er- klärte er.„i ft d a s einzige r e v o l n t i o n ä r e E I e m e n t i n der Welt!", aber leidvoll hatte auch er am eigenen Leibe erfahren, „datz jeder, der im Augenblick sich aufopfert, seine Haut wie ein Narr zu Markte trägt". Doch die Hände in den Schatz zii legen, erlaubte fein rasch dahinstürmendes Blut nicht. Als er sich 1836 au einem Preisausschreiben der' Buchhandlung Cotta mit der.Komödie „L e o n i e und Lena" beteiligte, kam nicht nur ein so über- mütiges und leichtbeschwingtes Lustspiel zustande, wie es ihrer ivenige in deutscher Sprache gibt, sondern auch eine so böse Satire auf die deutschen Potentaten, wie ihrer noch iveniger existierten. Auch in dem Trauerspielfragnient„Wozzek", das einen armen Teufel von Soldaten zeigte, der über der Untreue seines Weibes mit zwingender Notwendigkeit zum Mörder ivurde, bäumte sich Büchners revolutionäres Temperament auf, wie auch sein soziales Mitgefühl mit den Geschundencu und Getretenen.„Ich glaub', wenn wir in den Himmel kämen," lietz der Dichter den armen Burschen von Titelhelden reden,„so müßten wir donnern helfen." Und an anderer Stelle sagt derselbe Wozzek:„Ja, Herr Hauptniann, die Tugend— ich hob'S noch' nicht so ans. �eh'n Sie, wir gemeine Leut'— das hat keine Tugend: es kommt einem nur so die Natur. Aber wenn ich ein Herr loär' und hätt' einen Hut und eine Uhr und ein Auge..„ms und könnt' vornehm reden, ich wollt' schon tugendhaft sein. Es mutz was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann, aber ich bin ein armer Kerl." _ Inzwischen halte Büchner seine medizinischen Studien beendet. erhielt von der Züricher Universität für seine Abhandlung über das Nervensystem der Fische das Doktordiplom und lietz sich an der gleichen Hochschule Ende 1836 als Privatdozent nieder. Es gefiel ihm wohl in der Schweiz:„Die Strotzen." schrieb er nach Hause. „laufen hier nicht voll Soldaten, Accessisten und faulen Staats- dienern, man riskiert nicht, von einer adligen Kutsche überfahren zu werden; dafür eine einfache, gute, rein republikanische Regierung, die sich durch eine Vermögenssteuer erhält, die man bei uns überall als den Gipfel der Anarchie ausschreien würde.. Aber während er eifrig arbeitete, am Tage mit dem Skalpell, die Nacht über seinen Büchern, und während er sich nach seiner geliebten Braut sehnte, packte ihn plötzlich ein Rervenfieber und würgte ihn in wenigen Tagen ab. In seinen Delirien redete er unaufhörlich über die französtfche Revolution, am 19. Februar 1837, wie Büchners Geburtstag ein Sonntag, nachmittags 4 Uhr erlosch die Flainmc. Mögen sich die LiteraturzunftgelehrteU über den Platz streiten. den sie dem Dichter Büchner zwischen dem Sturm und Drang des achtzehnten Jahrhunderts anweisen wollen, den Revolutio- u ä r Büchner trägt die deutsche Arbeiterklasse in ihrem Herzen. Nicht datz er mit seiner Betrachtung der Dinge mit dem moderneu Sozialismus Verwandtschaft aufwiese, denn er ging nicht von der Wirtschaftsordnung als der Grundlage aller Zustände und der Quelle alles UcbelS aus, aber als erster sah er unter den Deutschen in der Revolution eine Magenfrage, als erster betonte er immer wieder— noch vor W e it Ii n g!— die revolutionäre Bedeutimg der proleta- rischen Massen, und mit roten Lettern steht über seinem kurzen Lebenswerk die Losung:„Im Anfang war die Tat!" Hermann Wendel. Explosionen im �oklenbefgwerk. Die Staubexplosionen in den Kohlenbergwerken werden am meisten gefürchtet, und geben auch am bäufigsten zu Unglücksfällen Anlatz. Sie steigern die Gefahr von schlagenden Wettern in beträchtlichen, Grade. Kohlenbergwerke ganz ohne Staub gibt eS überhaupt nicht. während der Eintritt von schlagenden Wettern trotzdem an vielen Gruben als ausgeschlossen gelten darf. Die Menge und Art der Staubentwickelung ist je»ach der Beschaffenheit der Kohle sehr verschieden, aber Maßregeln zu seiner Be- kämpfung sind überall notwendig. Die Schäden an Menschen- leben und im Betrieb, die durch Kohlenstaubexplosionen allein veranlaßt werden, Pflegen nicht so umfangreich zu sein wie bei der Mitwirkung schlagender Wetter. Die gewöhn- lichc Schutzmatzregel gegen den Kohlenstaub besteht in der einfachen Vesprengung mit gewöhnlichem Waffer, wodurch der Staub gebunden und am Boden festgehalten werden soll. Die bedauerliche Tatsache, datz trotz aller Vorsicht in diesem Punkt die Wiederholimg von Katastrophen nicht verhindert worden ist, hat den Beweis geliefert, datz das Verfahren nicht genügt. ES ist gar nicht zu vermeiden, daß der Kohlenstaub sich auf allen Flächen niederschlägt, nicht nur auf dem Boden, sondern auch an den Seiten der Galerien und auf den Trägern des Daches. Ist nun irgendwo eine Explosion erfolgt, so eilt die Lustwelle durch die Gänge. und zwar selbstverständlich mit größerer Geschwindigkeit, als sich da« Feuer au sich verbreiten könnte, falls ein solche» überhaupt ent- standen ist. Durch diese Lustwelle wird aller Staub, der einiger- inatzen locker umherliegt, in die Luft gewirbelt»nd bleibt wenigstens mit den feinsten Teilchen in dieser als eine Wolke solange schweben, bis die Flamme herankommt, und auf diese Weise eine viel schnellere Fortpstailzung findet. Das ist die eigentliche grotze Gefahr. Gelänge es, den Staub dauernd naß zu hallen, so würde das genüge». Sobald er aber wieder trocken wird, nimmt er seinen früheren pulverigen Zustand wieder an, und die Gefahr erneuert sich in vollen, Grade. Neuerdings war zur Vindung des Standes die Benutzung von Chlorkalzium vorgeschlagen worden, die aber de» Nachteil hat. eine äußerst»nai, genehme, klebrige Moffe zu erzeugen. ES ist auch versucht worden, den Kohlen- staub mit Gesteinsstaub zn vermischen, da dieser eine dämpiende Wirkung ans eine Flamin« ausübt. Einen neuen Weg hat Professor Thornton gezeigt, der nach einem Unfall in einer Kohlengrube in Rewcastle umfangreiche Beobachtungen und Versuche angestellt hatte. Er ist untcr Berücksichiigung aller früheren Er- fahrungcn zu dem Schluß gelangt, datz die Bindung des Kohlen- stanbs am besten durch Seifenwasser geschehen kann. Die Fachleute haben diesem Vorschlag wegen seiner Einfachheit zunächst kein Vertrauen entgegengebracht, sind aber durch genauere Prüiungen von seinem Wert überzeugt worden. Nach den Versuche«, die Professor Thornton imLabora« toriiiin ausgeführt hat, hängt die ganze Frage der Befeuchtung de« Stanbes mit der Oberflächenspannung der benutzte» Flüssigkeit zu- sammen. Bein, Wasser ist diese zn gering, und e-Z führt daher zu keiner vollständigen Befeuchtung, wenn eS nicht in sehr großen Mengen angewandt wird. Die Seifenlösung dagegen durch- dringt die ganze Stonbmaffe und verwandelt sti 3? einen Schlamin. Der Unterschied ist derart, datz von reinem Wasser das zehnfache Gewicht de» Stanbes gebraucht iverden mutz, um einen Erfolg zu erziele», während von Seifenwasser eine viel ge- ringere Menge zu einein zuverläisigen Ergebnis führt. Die Hauptsache aber ist, daß auch nach dem Trocknen der Feuchtigkeit der mit Seifen« lösung bchandelie Staub nickt lvieder in die lose Pulverforn, übergebt. Bcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u Verlag: BorwärlsBuchdruckere, u.VerlagSanstaIlPaulS!iigerLcCo..Berlii,Z>V.