Hlnlerhaltungsblatt des Horwarts Nr. 210. Dienstag, den 28. Oktober. >813 9] r>clö[e Bendeid Luftfchlöffer. Ein Chikago-Roman von Henning Berger. Helge dachte an das Telegramm. Aber es war ja nicht möglich, es aus der Tasche zu stibitzen. An der Tiir machte Roth aufs neue kehrt, zerrte den Mantel herunter und warf ibn auf den Pultsessel. Es war ihm eingefallen, sich die Hände zu waschen. Helge holte tief Atem. Das sah fast aus wie Gedanken- Übertragung. Kaum war Herrn Roths dunkler Kopf auf der Wendeltreppe verschwunden, als Bendel seinen Kneifer fester auf die Nase drückte imd, die Augen auf das Passagierkontor geheftet, blitzschnell den Rock ergriff, das Telegramm heraus- zog und es las. Die wenigen Worte lauteten: Wolsey segelt morgen S. S. Eampania. Toppin. Das war alles, aber eine bedeutungsvolle Mitteilung. Der kommende Mann des großen Geschäftsbetriebes beniitzte nicht einmal die eigenen Dampfer der Linie zu dieser Spritz- tour. Unvorbereitet wollte er kommen und einschlagen wie der Blitz. Darum nahm er das neue Schiff der Cunard- linie, wie ein gewöhnlicher, uninteressierter Gentleman. Morgen war Sonnabend: nächsten Sonnabend würde er also in New Bork sein. Roth kann Er pfiff leise und roch stark nach französischer Seife. Sicher war er der einzige, der sich unberührt fühlen durste von diesen Wolsey-Plänen. Vielleicht erwartete er sogar eine Beförderung? Vielleicht den Chefposten in New Bork? Und bei dieser neuen Gedankenverbindung flammten alle die hart zu Boden getretenen Hoffnungen dieser neun Jahre zu hellem Brand enipor. Nichts war erloschen, alles gliihte noch unter der grauen Asche— ein günstiger Luftzug nur und neuer Brennstoff, und das feiler brannte wieder bell und klar. Mit Roths Vorrücken kam sicher auch das seine— vielleicht ein Wechsel, aus Chikago fort, dem Osten zu, dem Atlantischen Ozean, hinter dessen Weiten Europa lag. Fast dankbar blickt er Roth nach, der langsam durch die Hotelhalle davonging. Und dies Gefühl spornte seine Kräfte an. In einem Hui war alles getan, was getan werden mußte. Während die anderen, mit ernsthaften oder sorgenvollen Mienen, strinim und widerwillig, die Arbeit der Tagesroutine vollendeten, wanderte Helge strahlend und leise summend umher. Träume in der Nacht bedeuten wenig— Träume am Tag haben doch irgendwelchen realen Boden. Ilnd man kann nie wissen— nein, man kann nie wissen... Rechts vom nördlickien Flußtunnel lag eine kleine kali- fornische Weinkneipe, wo es, wie Helge einmal entdeckt hatte. Knäckebröd und sclnvedischen Anchovis zum Freilunch gab. Dorthin hatte er Forsnian mit einem Dollar geschickt, damit er auf ihn»varten solle, und dorthin eilte er nun selbst. Wilckens Weinkeller war unterirdisch. Eine Messing- treppe führte vom Trottoir aus hinunter, und drunten brannte das Gas den ganzen Tag. Zwei große geschnitzte Weintrauben aus Holz, eine blaue und eine gelbe, bildeten das Schild, und die Gläser, in denen der Wein serviert tourde, tvaren fingerdick und hatten viereckige Füße. Sagespäne be- deckten den Fußboden, und ein Gang führte bis hinab nach der Water Street, wo inan auf der einen Seite das Brausen der Kabelzüge, die den Tunnel passierten, auf der andern das Gurgeln des Flusses unter dem Pfahldamm hören konnte. Im Soimner kamen S?eleute von den Buffalobooten hin. die durch die fünf Seen segelten, und tranken da Wein und stachen ein- ander mit den Messern. Aber im Winter saßen um die kleinen. braunen Tische alle die heimatlosen Existenzen, die dereinst Anstellungen gehabt hatten im Geschäftsviertel und fetzt von ihren gegenseitigen Hoffnungen und den Almosen ehemaliger Kameraden lebten, während sie Rotwein und Missouri, der nach Tinte roch, schwarz wie Tinte und so sauer war. daß er wie Messer im Magen schnitt, und alten Frisco-Portwein tranken. Forsmau lvar nicht da. Das war beinah eine Erleichte- rung. Helge durchspähte alle Räume, fand aber von Be- kannten bloß Andersson, seinen ehemaligen Chef, der halb- betrunken in einer Ecke einem Zechgelage von Auswürflingen von seinein Billetthandel in früheren Tagen vorschwadronierte. Er wies, sicher zum tausendstenmal. die doppeltgekapselte, mit Brillanten besetzte goldene Uhr mit eingravierter Inschrift herum, die er„für dreißigjährige" Dienste von seiner Gesell- schaft empfangen hatte, am Tag, eh man ihn an die Luft setzte. llnd darauf ergoß sich ein Strom von Verwünschungen über Ranch und Swanson. die er„den spanischen Affen und die Stinkratte" getauft hatte. Aber mit echt schwedischer, naiver Loyalität äußerte er nie ein hartes Wort über„The Com- pauy", in deren Dienst er seine drei besten Jahrzehnte ver- braucht hatte. Daran dachte Helge, während er hinter einem schimmel- grünen Schirm versteckt saß und an seinen« Portwein nippte. Sämtliche Einzelheiten und Phasen der Revolution kamen ihm wieder zurück. Die unheimliche Spannung über ein halbes Jahr lang, die vergeblichen Versuche, sich eine neue Stellung zu verschaffeil, die Intrigen und die Heimlichtuerei. die Furcht— in der Erinnerung an ein früher durch- gekämpftes arbeitsloses Jahr—, alles kroch wieder hervor, gleich giftigen Kröten aus einem Morast. Und als dann das Ganze vorüber und er aus reinem Zufall gerettet war— wie er da sich selber heilig und teuer geschworen hatte, es nächstes Mal zu machen wie die anderen: sich selbst der Nächste zu sein, nur an seine eigene Haut zu denken, mit denselben Waffen zu kämpfen wie die Einheimischen, mit List. Heuchelei, Brutalität, und vor allem den Zweck die Mittel heiligen zu lassen. Aber tief in seinem Innern mußte er zugeben, daß er bloß eine schlechte Imitation geworden war: die Umwandlung war bloß eine halbe. Zähne und Krallen waren da: aber er war iin Lauf der Jahre nicht festgewachsen im Milien, sondern im Gegenteil— davon weg. Die innere Unbefriedigtheit war größer als vor zehn Jahren. — Meine Nerven sind kaputt! sagte er oft. Ein schatten fiel über den Tisch. Vor der nächsten Gas- flamme stand Forsmau. Ein paar Minuten vorher hatte Bendel gedacht: — Was Teilfels gebt mich eigentlick) Forsnian an? Jeder trage seine eigene Last! Sehe feder, wie er's treibe! Als er jetzt das todesblasse Gesicht des andern sah. das frisch rasiert lvar und da, wo der Bart gesessen hatte, bläulich schlminerte, verspürte er ein seltsames, zusammcnschiiürendeI Gefühl im Hals, denselben plötzlichen Ingrimm und Druck, wie den Gewalttaten des Morgens gegenüber. Was haben sie ihm getan? dachte er. Mit welchen infamen Torturen haben sie ihn diese zehn Jahre durch gemartert? Und mit diesem „sie" meinte er das ganze Land, die Rasse, das Leben und die Lebcnsideen des Landes und der Rasse. — Setz' Dich, setz' Dich, alter Junge! murmelte er gerührt. Forsma» setzte sich und lächelte schtvach: — Ich habe mich rasieren lassen. Ick hatte solch schreck- liches Verlangen danach. Plötzlich wiirde sein Ton hart: — Wie Du siehst— ich bin unten. Ja. ganz verdammt drunten! Und ohne eine Aufforderung abzuwarten, berichtete er in einem Zug. Helge kannte die Geschichte im voraus. Er mußte, es war die Erfahrung von Tausenden von Einwanderern. Dies unbe- schreibliche Auf und Nieder, das nirgends sonst seinesgleichen hat. Eine immerwährende Folge von Wogenbergen und Wogentälern: nur nie ruhig uiid geschützt. Die übernatür- liche Anstrengung, von der man denen daheim niemals erzählt, denen daheiin, die nur den Lohn sehen, aber nicht ahnen sollen, was er kostet. Dann und wann Hörle er wieder zu: — Aber dann kam der Streik und alles wurde geschlossen. Und damit natürlich das Trachten nach Rache. Das ging ebenso schief. Alle wurden entlassen. Schließlich kam ich doch bis nach Miirneapolis und fand zuletzt eine wirklich gute Anstellung. Fünf Jahre lvar ich dort. Heiratete,— wir hatten ein Kiud. Da wurde die Firma umgeändert. Alle wurden entlassen. Aufs neue dies höllische Gesuche. Eine schlechtere Anstellung. Neue Unsicherheit. Eines Tags Entlassung, weil ein Verwandter des Kassiers meine Stelle haben sollte. Schliinmer und schlimmer. Dann starb das Kind. Dann Wendla. Schwach auf der Brust und unterernährt. Tu- berkeln und derartige Geschichten, dazu Magenkrebs, total ruinierte Nerven und Schlaflosigkeit sind ja die einzigen Gratisgaben, die das Land uns schenkt. Ich l?abe auch zer- störte Lungen— alles geht abwärts. Siein. wenn man gesund ist, soll man ein Handwerk können oder auch Bauer sein. Aber vor allem frühzeitig hierherkommen: denn nach vierzig hat man ja ausgedient, ist alt. taugt nicht mehr. Und dann der Whisky! Trinkst Du nicht auch? undcrt Mark für sich zu retten. Man erklärte ihr, das sei satzungswidrig. Als sie einen Senker Efeu auf Gorringcrs Grab brachte, kamen ihr die Tränen und sie sagte:„Schau, Gorringer, die Medaille ist doch allolveil dein spinnetes Radl gewesen." Signale von anderen Planeten. Die Erörterung über die Marsbewohner, die jetzt wieder auf- gerührt Worden ist, hat eine Geschichte, deren Hauptzeit in das Jahr IbgL fiel. In diesem Jahr hatte S ch i a p a r e l l i. der Entdecker der Marskanäle, seine berühmte Schrift über den Planeten veröffentlicht, und wenige Wochen darauf folgte F l a m m a r i o n mit einem Buche, worin er die Bewohnbarkeit des Mars einer gründlichen Erwägung untenvars, die ibn dazu führte, wenigstens die Möglichkeit der Existenz von intelligenten Wesen auf diesem und vielleicht auch anderen Planeten anzu» erkennen. In manchen Kreisen gestaltete sich diese Hypothese zu einem festen Glauben, der seinen stärksten Ausdruck in dem nach seinem Stifter benannten Bröantpreis der Pariser Akademie der Wissenschaften fand. Sein Urheber war von der Wirklichkeit der Marsbewohner so überzeugt, daß er für die Erlangung seines Preises, der allerdings aus die stattliche Höhe von 100 000 Fr. bemessen war, eine Verständigung mit ihnen für eine zu leichte Auf« gäbe hielt. Er forderte vielmehr eine solche mit den Beivohnern eines anderen Planeten. Es erscheint heute inertwürdig genug, daß die Pariser Akademie der Wiflcnschaften eine Ausschreibung und Vcrlvaltung eines solchen Preises überhaupt auf sich ge- nommcn hat. sind doch selbst die Marsmenschen den Erd- bewohnern seitdem nicht um einen Schritt näher gerückt. Hin und wieder hat allerdings die Sehnsucht nach diesen Brüdern anderer Welten eine lebhafte Gestalt angenommen, so»vurdc vor etlmr zehn Jahren die Behauptung aufgestellt, daß ein an einer Stelle niedergefallener eigenartiger Stein vom Mars herstammte. Die Hochflut des Glaubens an die Marsbetvohner vor 20 Jahren aber halte eine Folge, die wegen ihres eigenartigen und liebcnslvnrdigeir Eharaktcrs der Vergessenheit entrissen zu werden verdient. Sie hat auch einen sachlichen Wert, da sie eine Antwort auf die Frage zu geben versucht, ob eine Verständigung mit den Marsbewohnern, deren Existenz vorausgesetzt, überhaupt möglich wäre. Der Schöpfer dieser feflclnden Studie war Francis G a l t o n, der berühmte, unlängst verstorbene Anthropologe, der gelegentlich einer Kur in einem deutschen Badeort seine Muße dazu bcnutzte, sich auf jene Frage eine möglichst klare Antwort zu geben. Er nahm den Fall an, daß die Marsbewohner ihrerseits mit den Signalen beginne», daß diese auf der Erde bemerkt werden, und daß nun eine Reihe sensationeller Berichte über den Fortgang der Beobachtungen in den Zeitungen erscheint. Zunächst kommt die Nachricht, daß von Astronomen an verschiedenen Sternwarten wunderbare Lichterschcinungen an einer bestimmten Stelle des Planeten Mars beobachtet worden seien, ohne daß jemand eine Deutung für diese wüßte. Der Direktor des X-Observatoriums, das durch seine Hobe Lage, klare Luft und ausgezeichneten Tele- skopc für MnrSbeobachtungen besonders geeignet ist, wiro auf- gefordert, der merkwürdigen Ersckcinung seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dieser Astronom folgt der Aufforderung und ist bc- reits zur Zeit seines ersten Berichts der festen Ansicht, daß diese eigentümlichen Lichter einen absichtlichen Ursprung haben müßten, daß sie Signale seien, durch deren Vermitteliiiig die MarS- bcwohner eine Berständigung mit den Bewohnern der Erde suche». Freilich glaubt er auch zu erkennen, daß die Marsmenschen erst bei der Generalprobe sind;»venu die Signale, wie Iva hr ich ein I ich, durch eine große Zahl gegen die Sonne gelociioelcr Spiegel hervor« gebracht weiden, so muß in der Tat ein tüchtiges Exerzitium vorausgehen, bis alles klappt. Doch läßt sich in nächster Zeit bereits feststellen, daß drei nach der Länge verschiedene Lichtsignale zur Anwendung kommen: Punkt, Strich und Linie. Der Direktor in X. sieht sofort ein, daß dadurch eine Grunolagc zur Tekegraphie gegeben ist, glaubt aber noch nicht, daß es möglich sein werde, elwäS Verständliches aus diesen Zeichen herailszubckommcn. Immerhin baut der Direktor einen Apparat nach Art unserer Telegraphen, durch den der Beobachter die Art und Aufeinanderfolge der Zeichen ans einem gleitenden Papierstreifen aufzeichnen und nachträglich studieren kann. Im nächsten Bericht wird bereits zugestanden, daß die Signale mit großer Präzision erfolgen. Nachdem noch eine Nacht mit Beovachtiln�cn und Aufzeichnun- gen vergangen ist, die aber infolge ilngünstigcn Wetters unvoll- ständig»nd gleich rätselhaft wie die früheren sind, erscheint endlich in den Abendausgaben sämtlicher Zeitungen in fettem Druck die Depesche:„Vollständige Entzifferung des ersten Teils der Nach- richten vom Mars; alles Nähcrc morgen." Der nachfolgende Bc- richt erklärt, daß der erste Teil der Lichtsignale ohne Zwpifel die Bedeutung gehabt habe, für die Reihenfolge der Zahlen bestimmte telegraphische Zeichen, aus den verfügbaren Elementen: Punkt, Strich»nd Linie zusammengesetzt, zu vereinbaren. Zuerst wurde die Höhe der Zahlen in Punkten angegeben, also nacheinander ein, zwei, drei usw. Punkte; dann folgte jedesmal ein Strich, und darauf je eine Kombination der drei Elemente zu einem zwei- aliedrigen Worte. Die Deutung la� nahe: die Punkte gaben die Höhe der Ziffer, der folgende Strich bedeutete ein GleichheitS- zeichen und da« zweigliedrige Sigel am Ende gab das Zeichen, da« fürdcrhin die betreffende Zahl vertreten sollte. Die einzelnen Glieder der Botschaft wurden durch angemessene Pausen voncin- ander abgehoben. Nun wurden mit den gewonnenen Zeichen Additionen, Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen durch- geführt; dabei wurden weitere Zeichen für unser:„plus, minus, multipliziert mit, dividiert durch" erkannt. Auch für die Dezimal- zahlen war bereits durch ein einfaches, unserm Komma ent- sprechendes Sigel gesorgt. Die einfachen Ziffern gingen in diesem Signalsystem nur bis zur 7, also an Stelle der K trat wie bei unserer ist schon ein doppeltes Zeichen. Dies kam wohl daher, daß im ganzen nur 9 zweigliedrige Zeichen aus den angenommenen drei Elementen gebildet werden konnte», wovon aber noch je eins für die Bezeichnung der 0 und des Kommas im Dezimalbruch in Anspruch genommen wurde. Es blieben also nur für die Zahlen 1— 7 solche Sigel übrig, wie sie unseren einfachen Zahlen ent- sprechen, während die 8 wie unsere 19 geschrieben wurde. Der Direktor des X-Observatoriums meint, daß diese Schreibart viel- leicht nur für den vorliegenden Zweck von den Marsbewohnern an- genommen worden sei. Nach einer größeren Pause folgte eine andere Nachricht in der Gestalt von drei Zahlenreihen mit be- gleitenden, bisher nicht angewandten Zeichenkombinationen. Es war für den Astronomen nicht schwer, diese neue Aufgabe zu lösen; die drei Zahlenreihen bedeuteten die mittlere Entfernung der Hauptplanetcn von der Sonne, ihre Durchmesser und ihre Um- drehungszeit um ihre Achse. Als Einheit hatten dabei die Mars- bewohner entgegenkommend die Erde gewählt, da sie annehmen konnten, dah sie so leichter verstanden werden würden. Dann kamen die Gesehe des Kreises an die Reihe, dann die Zeichen für regelmäßige Bielecke usw. So kommt schon allmählich ein kleines Vokabularium zusammen, das eine wertvolle Ergänzung noch in einer Bilderschrift findet, durch die z. B. das System des Saturn mit seinem Ringe, ferner das Sonnensystem mit den Hauptplaneten zur Darstellung kommt, wobei die früher dafür angewandten Zeichen ihre Bestätigung erhalten. Durch die angegebenen Signalreihen wurden im ganzen schon 28 Worte festgestellt. Daß in ähnlichem Sinne fortgefahren und dadurch das Vokabularium erweitert wer- den kann, kann keinem Zweifel unterliegen. In der Tat konnte Galwn sagen, daß er bewiesen habe, die Verständigung zwischen benachbarten Planeten sei möglich, wenn-- Was hinter diesem„wenn" steckt, mag jeder sich selbst sagen. g, Gegenseitige Dx\fc und orgamrche Entwicklung. Von W i lh e bm Bölschc. < Schluß.) Ter absolute Gesellschaftsschutz für jedes Individuum bei uns Menschen sollte allmählich die Rasse verschlechtern, indem das ewig wahllos hilfsbereite Mitleid auch alle Krüppel und Minusvarianten aufpäppele und weiterzüchteu helfe. Darwin kannte den Einwurf und hat im fünften Kapitel seiner„Abstam- mung des Menschen" auch eine gewisse sachliche Berechtigung zu- geschrieben, doch hütete er sich, antiethischc Folgerungen daraus zu ziehen, für die er, wenn die Sache zum Entweder-Oder kam, eben nie entschieden zu haben war. Andere, die keine Darwins waren, haben uns dagegen nahegelegt, die Methode der alten Spartaner wieder in unseren darwinistisch reformierten Moralkodex aufzu- nehmen, nach der krüppelhaft erscheinende Kinder sofort beseitigt werden. Gegen diese ungeheuerliche Folgerung ist zunächst zu sagen, daß der Inhalt und damit der mögliche Wert der menschlichen In- dividualität ein zu verwickelter ist, um hier treffend ein Normal- fchema durchführbar zu machen. Gewiß erfüllt der Anblick eines von Geburt oder doch schon früh mit unheilbarem Leid belasteten Kindchens mit Trauer und mahnt an das Wort des Sophokles voni Nichtgeborensein, das besser wäre. Aber wir lesen auch die Ge- schichte der Helen Keller, die als Kind schon blind und taubstumm wurde und deren Geistesleben doch eine weckende und gebende Kraft für die Menschheit geworden ist. Ich erinnere mich des tiefen Eindrucks, den der Berliner Moralphilosoph Georg von Gizycki auf mich wie andere machte: er mußte sein Leben lang gelähmt in einem Wägelchen gefahren werden, nur so erschien er als Professor vor seinen Hörern— und doch war er ein Mann von vorhildlicher sittlicher Vollendung und ein wahrer Held für seine Ideen. Wo ist der Arzt, der hier den vollkommenen Mut zum Propheten hätte; und wo einer den leichtsinnigen Mut hätte, wie unsagbar verhäng- nisvoll könnte sein Werk werden I Goethe wurde als äußerst schwaches Kind scheintod geboren und wäre sicherlich jenem Spartanergesetz verfallen. Die Veranlagung zur Schwindsucht hätte Spinoza ausgemerzt, ehe er die Möglichkeit gehabt hätte, sein der Menschheit unschätzbares Gehirn zu entfalten. In unserer Kultur kann„Individualität" einen so raffinierten Geisteswert für irgendeine Spezialität bedeuten, daß das physische Wort„Krüppel" unmöglich dagegen aufkommt. Wo aber wirklich die unbedingte MinuLvariante, der geborene Idiot, der trostlos Sieche in Frape kommen, da scheint eS mir unendlich viel wichtiger, daß selbst sie als Prüfstein gewissermaßen zu unserer ethischen Gesamterziehung beitragen, als daß sie UNS zu einer kulturell verjährten Barbarei zurück nötigen; womit ich fast Darwins eigene Worte zu diesem Punkt wiederhole. Auf den wohl entscheidendsten praktischen Ausweg für die Dauer aber hat vor Jahren schon Alfred Ploetz hingewiesen: daß eS eben die Parnllclaiifgabe unserer Kultur neben der Durch- führung des absoluten Hilfs» und Mitleidsprinzip sein müsse, durch immer intensivere Fürsorge und Umsicht teils auf wirtschaftlichem, teils auf medizinischem Gebiet die Entstehungsmöglichkeiteu solcher völligen Minusvarianten vorsorgend immer mehr auszuschalten, sowie auf der anderen Seite allen Treffern und Plusvarianten möglichst ausgiebig die Bahn zu ebnen. Es ist gewiß tausendmal schlimmer im Sinne vernünftiger Auslese, wie viel famose Talente heute durch wirtschaftliche Zu- fälle, Mangel der Erziehung und allerhand Wirrwarr unseres Kulturlebens nicht zum Ausleben kommen, also trotz aller besten Anlagen sozusagen im Leben und vom Leben selber nicht zur reifen Geburt gebracht werden, als daß wir ein paar arme Krüppel und Irre mit durchfüttern. Also an dieser Stelle wird auch nicht die wahre Hilfsethik mit dem Darwinismus zusammenprallen, sondern viel eher ein gut Stück fauler sozialer und pädagogischer Zustände von heute. Inzwischen ist das alles aber gesagt eben vom Standpunkt einer gewissen ahsoluten Gültigkeit des Darwinschen Zuchtwahl- gedankcns. Man kann aber, wie ich gern zugebe, auch auf dem Boden der Entwicklungslehre stehen und doch diesen Gedanken über die Methode der Entwicklung verwerfen. So hat beispielsweise Paul Kammerer in Wien betont, daß das Prinzip der gegenseitige» Hilfe zwar ein grundlegendes Ent- Wicklungsprinzip der organischen Welt von Anfang an gewesen fei, daß es aber nicht selber erst durch die Zuchtwahl heraus- gearbeitet und ihr untergeordnet sei. Ich für mein Teil sehe in der Zuchtwahl immer wieder etwas so verflixt Logisches, daß theoretisch schwer dagegen anzukämpfen ist. Kein Gedanke entspricht bisher so einfach dem größten Bilde, das wir überall doch im Kosmos haben, in Sternsystemen wie tierischen oder pflanzlichen Organisationen und im menschlichen Kulturfortschritt: dem Uebergang von chaotischeren Zuständen in dauernd geordnete, harmonische. Da gerade oas Hilfsprinzip so durchaus auf dem Wege einer solchen zunehmenden Harmoni- sierung wandelt, scheint es mir besonders leicht, es jener Gesetz- Mäßigkeit unterzuordnen. Gleichwohl gebe ich die Möglichkeit zu, daß in der gegenseitigen Hilfe auch noch im Kern etwas Tieferes stecken könnte, das noch hinter aller Zuchtwahlmöglichkeit stände. Daß wir Menschen uns einen Heryang am einfachsten logisch so oder so denken können, ist ja noch kein zwingender Beweis, daß die Natur in ihren Verwicklungen nun auch so einfach gegangen sein müsse. Das Gesetz der„Sparsamkeit", das fiir Erklärungen heute so gern und wie ein wirkliches„Gesetz" betont wird, als sei es eine Grundmaxime aller wichtigen Forschung, ist vielfättig in Wahrheit nur ein Faulbett für Nachbeter in der Wissenschaft, die aus ihrem Gedankcnmangc! eine Tugend machen möchten. Man soll sich also den Blick auch hier frei halten. Wenn das Hilfsprinzip der Auslese des Nützlichsten nicht wider- spricht, so Ivahrt es doch das, was in der.Zuchtwahltheorie immer die Schwierigkeit gewesen ist. Solche Hilfe muß gelegentlich näm- lich als spontane Variante(zufällige Abänderung) in das Spiel gekommen sein. Sonst konnte die Zuchtwahl überhaupt nichts aus- lesen und steigern. Um„herausgearbeitet" zu werden, muh auf alle Fälle zunächst etwas da gewesen sein. Woher aber auch hier wieder die Variante? Das Wort: sie tauchte zufällig auf, deckt nur unsere Unkenntnis. Wir fragen nach der eigenen Gesetzmäßig- keit auch dieses„Zufalls". Die Frage ist aber dann auch immer wieder: ob diese eigene Gesetzmäßigkeit in der Variante nicht selber schon die Acußerung eines Grundprinzips bildete, und ob dieses Grundprinzip nicht eine unmittelbare Macht hatte, sich durchzu- setzen. Sicher haben toir neben der einfachen, sozusagen groben Nütz- lichkeit noch feinere Prinzipien, in denen auch>ener Zug auf das Geordnetere, Harmonischere, echt„Kosmische" gegenüber einem Chaotischeren sich durchringt, ohne daß man doch die grobe Aus- lese bloß des Passendsten im Daseinskämpfe ohne weiteres darauf anwenden könnte. Den schönsten Fall bietet unsere menschliche Kunst. Wohl ist, wie wir sind, die Kunst uns auch Zirotnölig"; aber doch in einem eben wesentlich anderen Sinne. Sie entfaltet sich gerade da, wo der grobe Daseinskampf aussetzt. An solcher bc- freiten, entlasteten«tclle setzt sie ihr Harmonisches unmittelbar nach eigenster triebhafter Gesetzmäßigkeit wie eine Kristallbildung durch. Sie schmiedet nicht Waffen und füttert nicht die hungrigen Mägen. Dennoch versucht sie, alle Dinge für sich in Fluh zu nehmen, versucht, das Bild des im Daseinskampfe gehetzten Tages mit seinen roheren Harmonien der Schutz- und Trutzanpassung im ruhigen Momente nochmals umzugießen in eine rein auf ihr eigenes Gesetz gebrachte Idealform. Aus Stützbalken macht sie eine schöne Säule, aus Menschenkörpcrn Marmorstatucn, aus Luftwellen Musik, aus einem wilden Stück Geschichte voll Blut und Not ein geläu- tertes, erhebendes Drama. In höchster Form so waltet sie bei uns. Aber als dunkles Wirken, mit dem ein Harmonisches sich noch unmittelbarer bewährte» als über die Nutzzuchtwahl, kommt etwas derart schon durch die ganze Natur herauf, vom Radiolar, ja von dem Kristall selber. Mag sein, daß dabei immer auch Variantenmaterial für die Nütz- lichkeitsharmonie der Zuchtwahl abgefallen ist; aber auch aus sich schon und ohne sie floß von hier ein unendliches Plus an Harmonie- Varianten ein. Wie bei uns die Technik auch gelegentlich von den freien Einfällen der Phantasie zehrt, aber doch darum diese Phan- tasie ihren eigensten Weg findet in der Kunst. So blinken andere Wege auf. Um Grundprinzipien, die als solche die Zuchtwahl nicht erst geschaffen haben kann, werden wir überhaupt nie herumkommen. Zum Beispiel ist die Fähigkeit der Empfindung zweifellos ein solche» Prinzip, das nicht erst sekundärer Auslese verdankt sein kann. Warum also nicht die Möglichkeit eines solchen Urprinzips des Leben« auch in der gegenseitigen Hilfe zu- geben? Fragt sich nur. als was wir es dort definieren wollen. Man könnte an eine ursprüngliche Sympathie denken, die alles Organische. Zellen und Zellwesen, zueinander zog. Alles Leben hat ja zweifellos auf Erden einen engeren Bezug zueinander gegen- über dem Anorganischen. Aus dem könnte man eine urgegebene primäre Sympathie ableiten. Wem das Wort zu.seelisch" ist, nehme es mehr chemisch, als Mischfäbigkeit, Berbindungsfäbigkeit, Anschiniegungsfähigkeit. Oder mit primitivsten Empfindungsvorgängen und ihrer materiellen Parallele, wobei irgendein zueinander treibender Reiz spielte. Im höheren Leben bis zum Menschen herauf wird das Wort Sympathie dann auch in seinem eigent- lichen Sinne nicht abzulehnen sein. Fressen und Gefressenwerden, überhaupt Kampf von Organis- men untereinander wäre daneben erst etwas Sekundäres, etwas Nachträgliches und Ablenkende». daS eben die Rot der Dinge hinein- gebracht hätte. Wo diese augenblickliche verwirrende Not aber auch nur ein wenig nachließe, da stellte sich alsbald das Urverhält- nie, die Ursympathie alles Lebens zum Leben tvieder her.?u zahlreichen Fällen von sich aus eine Weile etabliert als das nächste, hielte sie dann wohl auch selber starker Rot stand; womit man nachträglich wenigstens von hier aus auch auf die Nutzzuchtwahl kommen könnte, die grösiere einmal gefestigte Sympathieverbände nicht leicht mehr zu zerreiste« getvagl, vielmehr auch in der Rot anerkannt hätte. Dieser Gedanke hat gewist einen grasten Zug. Vom einfachste» Zellverdande eines Volvox bis zu unserer menschlichen Hilfsethik herauf gäbe er das Ausleben eines konsequenten Lebenscharakters, der wohl Trübungen erfahren kann