Anlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 213. Freitag, den 31. Oktober. 1913 12] k)e!ge ßendeld Luftrcblöffer» E i n Chikago-Roman von Henning Berger. 3. Ein grüner Märzhimmel, an dem die Sterne ioeiß wie Milchtropfcn hervortraten, Ivölbte sich über dem alten Post- amt. An einem Flügel hatte man schon mit Niederreißen begonnen, und drunten an Lake Front wurde eine lange Baracke errichtet, die während des Neubaues benützt werben sollte. Aber noch war der Briefmarkenverkauf im alten Hans, und in einem kellerartigen Dämmerlicht wurden drinnen durch kleine Fenster die blauen und roten Vierecke mit Washingtons Bild ausgegeben. Ein Holzgeriist versperrte den Eingang zum Abbruchterrain, und hier hatten Spalten und Risse die alten, schwarzen Mauern durchfurcht, die sich auf ihren von Hauen und Spaten zertrümmerten Grundfesten senkten und buchteten und. neigten. Auch die Außenwände wiesen kleine, runde Stellen auf, ioo der Bewurf unter den Stößen von innen abgefallen war, und im grünblauen Licht des Nach- mittags schimmerten diese Kalkflecken wie die frühen Sterne in der Höhe. Helge Bendel war auch dagewesen und l>atte eine Un- menge Freimarken gekauft. Fast täglich wurden neue Fracht- zirkuläre ausgeschickt, die immer steigende Preise ankündigten. Und zwischen diesen Frachterhöhnngeil kamen die kurzen Mit- teilungen an die Agenten, daß die Boote voll wären und kein Raum mehr zu haben sei. Die Stiere hatten init den Liefe- rungen begonnen, um sich rechtzeitig Platz in den Elevatoren für die Weizenflut des Sommers zu sichern, und die Baum- ivollbörsen in St. Louis und New Orleans erhielten immer öfter die lakonische Meldung: Gänzlich voll. Kein Raum. I. D. R. Mystisch und seltsam trat auch der mit stets gleicher Spannung erUxirtete Herr Wolsey in Erscheinung. Erst hatte er sich drei Wochen oder mehr in Newyork aufgehalten. Die Berichterstatter schrieben über seine Kleider, seine Schuhe und Hüte, über das Muster seiner Krawatte, über seine Launen und Gewohnheiten, seine englische Aussprache, sogar über seine Ansichten in Kolonialpolitik. Aber über Dampfschiffsangelegenheiten und Linienpläne kein Wort. Später kain ein Ausspruch über den drohenden Sturm in Afrika, wo diese verdammten Buren gegen die Briten zu murren anfingen. Aber der britische Lölve ivürde zuzuschlagen wissen, wenn es not tat, sagte Herr Wolsey, wobei er gleichzeitig ein Kompliment für den amerikanischen Adler mit einflocht: — Ebenso wie Ihr stolzer Adler! lauteten Herrn Wolseys Worte dein Vertreter der gelben Presse gegenüber. Aber iiber Kontore oder Agenten oder Frachten und Passagiere erfuhr der Reporter keine Silbe. Später wurden sämtliche Klubs genanilt. in die Herr Wolsey gelvählt worden war— eine schivarze Kugel existierte überhaupt nicht für diesen Namen. Und dann erschien täglich sein Name bei den Diners und Bällen der Vierhundert: zuletzt Warden auch einige Goldtöchter genannt, die möglicherweise daS Ziel seiner Gedanken sein mochten. Aber jeder Gedanke an Seefahrt schien ihm völlig fern zu liegen.— Ich spreche nie von Geschäften, wurde als einer seiner Aussprüche zitiert. Endlich reiste er westivärts, und jetzt erzitterten die Terri- torien. Aber aufs neue tvard e? eine geheimnisvolle und enttäuschende Ungewißheit. Herr Wolfen passierte in einem Extra-SalonNKigen Chikago wie ein Schatte» bei Nackit und fuhr direkt nach San Franziska. Und dort war er noch. So daß man augenblicklich glaubte,. vom Stillen Ozean würde der Sturm ausgehen, der, tvie man annahm, reinfegen sollte bis an die Küsten des Atlantischen Ozeans. — Sonnenlvärts! drückte sich Herr Roth aus. -— Ich bin bald dreißig jetzt, dachte Helge müde, und bin noch immer Kontorist in diesem Land der Unsicherheit und zittere vor dem Morgen. Was eigentlich tu ich? Brief- marken kaufen und Zirkulare versenden wie ein Automat. Und das tu ich nun seit bald zehn Jahren... Und in plötzlichein Ueberdruß vor dein ganzen Leben ging Bendel durch die Haupttür, die direkt in die erste Klasse- Abteilung führte— er mochte den Umweg außen herum nicht mehr machen. Und zudem tvurde ja jetzt gleich geschlossen. Eine Dame stand vor dem Schalter. Sie war in irgend etlvas Mausgraues gekleidet, w b ihr Parfüm l>atte einen Veilchenduft. Im Zwielicht sah Helge eine Schnalle an ihrem großen Hut glänzen. Drunten in der Frachtabteilnng stampften die Adressie- rungsmaschinen, während die Briefmarkenkartons so eilig in Streifen gerissen wurden, daß es in der Perforierung pfiff, wie wenn ein Geigenbogen lmstifl geharzt wird. Herr Roth war gegangen, und Helge schloß die Pulte ab. Als er lang- sam den Gang an dein endlosen Schaltertisch hinabschlenderte, »var die Dame in Grau fertig, und er hielt die Tür offen für sie. Sie dankte mit einem Nicken und Lächeln und einem großen, sich erweiterndcir Blick aus zwei Augen, die dieselbe Farbe hatten wie ihr.Kleid und zugleich schimmerten wie die Schnalle am Hut. Helge Bendel war ganz verwirrt: er errötete wie ein Knabe. Seine Erfahrungen mit Frauen beschränkten sich auf ein paar gekaufte Stunden, an die er sich oft mit Widerwillen erinnerte, und die zu wiederholen er sich erst nach ein paar Cocktails in einem zufälligen Zechgelage mit Kameraden— Kontoristen oder Kunstbeflissenen— selbst hinreißen konnte. An irgendnvlche Verbindung sonst wagte er nicht zu denken, so wenig wie einer seiner Freunde. Tief im Innern konnte er träumen von eigenem Heim, von Ehe, Kindern: aber ein Grauen vor kleinen Verhältnissen, das schon von seiner Kind- heit an ihm eingepflanzt war, hatte sich festgewachsen und mehr und mehr verstärkt, und verurteilte ihn— wie er sich einbildete— zu ewigem Zölibat. Denn an Wunder glanbte er nicht mehr, wenn auch die Zeit noch gar nicht so fern lag. da er, im Verein mit Bendel u. Co., ein Luftschloß auch für die Fee einrichtete, die in seinem Herzen herrschen sollte. Aber draußen lag nock? immer die grünblaue Märzdämme- rung, in der die Sterne anfingen weiß zu werden: und es loar die seltsame Zwischenzeit, die selbst der häßlichsten Stadt einen Schimmer von llnwirklichkeit und Romantik verleiht. In diesem Schimmer lvanderte das junge Weib, das soeben Helge den gefährlicfteil Blick zugeworfen hatte, und im selben Schimmer ging er ihr nach— erst halb unbewußt, dann mit Ueberlegung. Es fing damit an, daß er ihr, als sie auf die Straße getreten waren, nachsah und den seingeschwungenen Rücken beobachtete, wie er sich bog, spielte, die Muskeln regte unter dem ele- gante», flotten, tailormade Pronienadenmantel. Sie ging keck und rasch und sicher zwischen den anderen Fußgängern auf dem Trottoir dahin: einmal sah man eine Schulter, dann wieder den Hut, manchmal>var sie auch ganz verschwunden: und dann tauchte ihre elegante und sichere Erscheinung aufs neue auf. Manchmal blieb sie eine Sekunde lang vor einem Jmvelier- laden stehen und lvarf einen Blick in die Modewaren-Auslage — in einem raschen und bestimmten Beobachten, ohne Neugier oder Ueberraschung. Darauf ging sie weiter, dann und wann in einem blitzschnellen Seitenblick ihr Spiegelbild in den großen Schaufenstern musternd. Helge folgte. Ihm war, als ob gleich einem unsichtbaren Ranch im. Kielwasser eines Schiffes, zwischen all den schwarzen Nacken und tveißen Gesichtern der Wandernden der feine Duft ihre? Veilchenparfüms»vogte. Darauf entdeckte er, daß ihr Haar rot war: aber nmr es wirklich das Haar— und nicht etwas, tvaS zum Hut gehörte, dessen Rand so breit war, daß er die Schultern besckxittete? Diese weiche und warme Farbe unter und zwischen dem Grau erinnerte ihn an eine Modefarbe in der Heimat— vor langer, langer Zkit—, die man damals Eiffelfarbe nannte. Er mußte schneller gehen, um zu sehen. ob es da? Haar U\ir. Ja, wahrhaftig— es war das Haarl Ein dichtes, prachtvolles, schwer geflochtenes Haar mit mattein Kupferglanz, das gleich Metallbuckeln zu beide» Seiten stand und fast die Ohren verdeckte. Als sie den Kopf lvairdte— den sie ctlvaS hintenübergebengt trug—, kam ein kleines, twißes Ohrzipfelchcn zun: Vorschein, in dem ein von einem Kranz kleiner Brillanten umrahmter Smaragd saß. Das Gesicht lvar im Dämmerlicht außerordentlich bleich: aber die Lippen schimmerten wie Wein.- — Wer ist sie? dachte Helge.— Eine Schauspielerin ve» mmlich, die auf dem Wege nach England ist, oder vielleicht nach Paris. Und jetzt merkte er erst, dasi sie denselben Weg einschlug, der auch der seine lvar, wenn be einen halbwegs leeren Kabel- wagen erwischen wollte.— Ob sie etwa auch hinüber will nach der Nordseite? dachte er verwundert, und beschloß, in diesem Fall zu versuchen, sich einen Platz ihr gegenüber zu erobern. Aber die Dame in Grau blieb plötzlich stehen. Es kam so unerwartet, daß Helge sich gezwungen sah, an ihr vorüber- zugehen, damit sie nichts merken sollte von der Verfolgung. Er ging ein paar Schritte und wartete dann am ersten besten Schaufenster. Es war eines der Hunderte von Billetthändler- kontoren, und erst nachdem er eine Weile auf einen schreienden Oeldruck gestarrt hatte— der Lake Shore-Expreß in wilder Wettfahrt mit einem Rennauto—, wandte er vorsichtig den Kopf. Himmel— sie war verschwunden! Aber seine straßengewohnten Augen entdeckten sie gleich darauf in der Kreuzung einer Querstraße. Sie tvartete in der Menge, bis der Schutzmann den«stock hob, um die Fuhr- werke anzuhalten und die Fußgänger hinüberzulaffen. Gc- rade als das Zeichen gegeben wurde, war er wieder hinter ihr. Jetzt ging es wirklich in der Richtung nach der State Street zu.— Das ist einfach lächerlich, murmelte Bendel � aber ich kann nicht anders: oft kommt einem die Abenteuer- lust nicht an in dieser Stadt... Und es war so. Er hätte auch noch hinzufügen können: Und die Genußsucht. Denn jede Art Lust verschwand mit den Jahren und beschränkte sich zuletzt aus Essen und Trinken. Ja, sogar der Appetit ver- schwand, wenn nur der Hunger befriedigt werden konnte, iind der Durst beschränkte sich auf Whisky. Alles andere schien als etwas längst Ueberwundcnes zu eristieren: selbst die Theater betrachtete man nur noch als Plakate und Fassaden. Wenn er so recht daran dachte, überkam ihn fast Furcht: hatten alle Interessen außer Tabak und Sprit ausgehört? Na ja— die Dollargier, die blieb ja: aber die war auf ein festgesetztes Minimum beschränkt. Und wenn er hnndert Jahre bei der Gesellschaft angestellt war— er würde nie über die glatt zum Lebensunterhalt erforderliche Summe hinauskommen, die heute, nach zehn Jahren, sein Gehalt aus- machte. Nein— der Traum von den großen Geldern, den richtigen, runden Golddollarn, der gehörte auch Bendel u. Co. an. lZortsetzuiig tolgt.I. Konflikte. Von Fritz Müller- Zürich. „Wer fehlt?" fragte der Ordinarius. «Neuert Hans", sagte ich. Ich war nämlich Primus damals und aufgestellt für die Absenzenmeldungen. „Geh einmal zu ihm und sieh, ob er wirklich krank ist," bc- austragte mich der Ordinarius. Der Neuert Hans hatte keine Mutter. Und sein Vater war immer auf Gastspielreisen. Also ist der Hans in der Wohnung fast immer allein gewesen. Vier Treppen hoch, gleich neben dem Voltstheatcr. Und unten im Erdgeschoß war eine Wirtschast. Gleich nach der Schule ging ich hin. Eben stand ich auf der zweiten Treppe. Da schlägt oben eine Tür zu. Es kommt jemand herunter, einer der pfeift und singt:„Tralala, tralala—. Dabei klappert er mit irgendeinem Gegenstand im Takt dazu. Es klingt, als ob ein Zinndeckel gegen Steingut schlägt. „Tralalalala— Schneller wird das Tempo. Das ist sicher ein irenzvergnügter Mensch. Jetzt kommt er um die Biegung am Geländer. Ich kann ihn sehen durch das Gitterwcrk. Es ist der Neuert Hans. Einen Maßtrug hat er in der Hand, mit dem er klappert. Und reine Lebensfreude leuchtet auf seinem Gesicht. Aber jetzt hat er mich auch gesehen. Mich, den Klassenersten. WaS aber kann von einem Klassenersten anders als Unheil kommen? Einen schnelleren Szenenwechsel im Antlitz eines Menschen habe ich seitdem nicht wieder gesehen. Wie wenn ein'Maschinenloärter den Hebel nach der anderen Seite wirft. Tiefe Bekümmernis lag jetzt auf seinem Gesicht. Sein Unterkiefer fiel herunter. Schlaff wurden seine Züge. Und seine Hände wollten gegen den plötzlich so schwer schmerzenden Kopf fahren. Aber da merkte er erst, daß er einen Maßkrug in seiner Rechten hielt. Mit dem konnte er sich doch nicht gut über die Stirn fahren. Das sah er ein, gab das Versteckenspielen plötzlich auf und lachte wieder:„Gelt, Müller, du verrätst mich nicht? Weißt, es ist ja wahr, ich hol mir jetzt ein Bier, aber heute in aller Frühe war mir wirklich hundemiserabel, darfst mir's glauben, Müller. Und morgen bin ich wieder in der Schule. Also, gelt, du verrätst mich nicht." Und als mich nachmittags der Ordinarius fragte, da Hab« ich — je nun, was Hab ich wohl getan? ** * Der Schiller Karl hatte gesagt, ich sollte meine dicken Reiter- soldaten mitbringen am Sonnabcndnachmittag. Der Schiller Karl hatte nämlich nur dünne Infanterie. Jeder Wind tonnte sie um- blasen, so dünn lvar sie. Aber meine Kavallerie konnte nicht einmal der Onkel Emil umblasen. Und der hatte doch eine mächtige Puste. Also brachte ich meine dicke Kavallerie mit zum Schiller Karl, und wir stellten sie auf, und es lvar ein scharfes Gefecht zwischen meinen Dicken und seinen Dünnen. Natürlich haben meine Dicken gewonnen. Denn sie sind nicht einmal von den Erbsenkugeln um- gefallen, die der Schiller aus der Kanone gegen sie geschossen hat. Als das Gefecht vorbei war, sagte der Schiller Karl, im Ernst- fall aber sei es umgekehrt, da gewinne immer die Infanterie, und die Kavallerie verliere. Auch wenn sie noch so dick sei. Der Vater hätte es aus der Zeitung vorgelesen. Zuerst hat es inich geärgert, und ich habe dem Schiller Karl eine runterhauen wollen. Aber dann habe ich mir gedacht: er ist ein armer Teufel, weil die Seinigen verwren haben, und ich bin still geloesen. Und dann hat Schillers Schwester von draußen an das Fenster geklopft, ob ich ihr nicht den Ball holen wollte, er läge über dem Zaun drüben. Da holte ich den Ball, und der Schiller Karl war allein im Zimmer und hat mir fünf schwere Kavalleristen gemaust und in seine Tasche gesteckt. Ich habe es gleich bemerkt, wie ich hereingekommen bin, daß fünf gefehlt haben. Aber ich habe nichts gesagt. Und der Schiller hat einen ganz roten Kopf gehabt. Als er ganz nah war, habe ich ganz leise an seine Tasche gefühlt: ja- wohl, sie waren drin. Da ist Schillers Vater hereingekommen. Der war immer sehr streng und hat den Karl oft gehauen wegen nichts und wieder nichts. Und der Karl hat„Sie" zu ihm sagen müssen. Zu seinem eigenen Vater. Der alte Schiller hat gesagt:„Karl, warum hast du einen so roten Kopf?" „Ich weiß nicht," hat der Karl gejagt und ist dann noch viek roter geworden. „Müllerl" hat da der alte Schiller geschrien,„warum hat der Karl ein so rotes Gesicht?" Mich haben die fünf dicken Soldaten schon ganz elend ge- wurmt, daß sie der Karl gemaust hatte, und ich habe gedruckt und gedruckt. „Müller," hat der alte Schiller plötzlich ganz fteundlich gesagt, „sage die Wahrheit, sonst bist du ein Lügner." Und da habe ich— ja, was habe ich da wohl getan? «* * An unserer Schule war das Einjährigenexanien. Ich und der Leschner waren auch dabei. Beim Leschner ist das„Schriftliche" auf Spitz und Knopf gestanden. Wenn er in der Algebra noch eine anständige Zensur bekam, war er„durch". Sonst war er ..geflogen". Der Leschner und ich saßen zusammen auf einer Bank, als die Algebra-Aufgaben diktiert wurden. Bei der ersten Aufgabe hat er geschwitzt und geschwitzt. Aber er hat sie nicht herausbekommen. Es war eine Exponentialgleichung. Aber bei der zweiten hat er sich durchgebissen, bis aus die letzte Zeile. In dieser Zeile kam ein Logarithmus vor. Und Logarithmen konnte er nicht. Weil aber die zweite Aufgabe die Hauptsache war und weil es auf sie ankam, hat der Leschner ein entsetzlich bittendes Gesicht zu mir herüber gemacht, ich solle ihm helfen. Aher das Helfen war verboten. Wir hatten es vorher alle durch Handschlag versprechen müssen. Da habe ich zu dem Aus- sichtsprofessor gesagt: mir ist schlecht, und ich möchte hinausgehen. Und er hat mich hinausgehen lassen und hat mich gar nicht ange- schaut dabei, weil er die„Neuesten" gelesen hat. Und wie ich wieder herinnen war, da hatte der Leschner schon die letzte Zeile„abgefeilt" von meinem Blatt. Er muß einen fürchterlich langen Hals gemacht haben, daß er es hat sehen können. Und dann hat er noch„Dank schön, Müller" herübergebrummt. Aber am Nachmittag sind wir beide auf das Rektorat gerufen worden. Unsere Algebra-Aufgaben lagen auf dem Pult vom Herrn Rektor. „Schauen Sie einmal her, Leschner," sagte der Rektor,„hier steht auf der letzten Zeile von der zweiten Aufgabe„603", und beim Müller seiner Arbeit steht ,.1ox" da, aber es ist so schlecht ge- schrieben, daß man es auch fast für„KOS" lesen kann. Leschner, ich frage Sie, haben Sie abgeschrieben?" Dem Leschner stand seine ganze Zukunft auf dem Spiel. Und sein Vater hatte gesagt, er erschlägt ihn, wenn er durchfällt. „Nein," hat da der Leschner mit fester Stimme gesagt,„neins Herr Rektor, ich habe nicht abgeschrieben." „Und du, Müller, sage auf dein Ehrenwort, hat der Leschner abgeschrieben? Denn du mußt es wissen." Bei mir ist das nicht auf dem Spiel gestanden wie beim Leschner. Wenn ich einen Vierer bekommen hätte in der Algebra wegen Abschreibenlassens, so wäre ich immer noch durchgekommen. Und da sagte ich, da sagte ich— ja, was habe ich da wohl gesagt? 'Cechmfche RundlcbaiK Zentralheizung und trockene Luft; dasGeheimniS der altperfifchenZiegel; ein Ersatz der Bogenlampe. Die Sitte. Mietwohnungen mit Zentralheizungen auszustatten, hat heute eine weite Ausdehnung angenommen. Ein Beweis dafür. wie sich diese Anlagen das Feld erobert haben und auch in Zukunft behaupten werden, ist die Tatsache, dak alljährlich ungefähr 800 bis 400 Millionen Mark für die zentrale Lieferung von Wärme und Warmwasier ausgegeben werden, wovon auf Deutschland allein 80 bis 100 Millionen Mark entfallen. Wenn wir heute einerseits in vielen Großstädten ganze Stadtteile antreffen, in denen die Wohnungen fast ausnahmslos mit zentraler Heizung und einheitlicher Warm- Wasserversorgung eingerichtet find, so sind doch andererseits allerlei Bedenken gegen die Einführung der Zentralheizung erhoben worden. Der Hauptvorwurf besteht darin, daß behauptet wird, sie erzeuge im Zimmer eine die Atmungswege reizende, trockene Lust. Diese An- ficht ist durchaus irrig. Es läßt sich zunächst theoretisch einwandstei nachweisen, daß kein Heizungssystem, weder die Ofen- noch die Zentralheizung, die Luft austrocknen kann. Durch umfangreiche Untersuchungen ist nachgewiesen, daß die für das Wohlbefinden von Menschen zuträglichste Feuchtigkeit eine nur geringe ist und für normale Berhälmifie etwa 30 bis 40 Proz. betragen soll. Dieser Feuchtigkeitsprozentsatz wird in mit Warmwasserheizung versehenen Räumen nirgends unterschritten, wobei steilich eine gute Bedienung und Behandlung der Heizungsanlage Voraussetzung ist. Die. Zentralheizung bildet bekanntlich ein geschlossenes System, defien Bestandteile, aus Eisen zusammengesetzt, keinerlei Luft oder Gase durchlassen können, sondern einfach die Wärme an die Räume übertragen. Die mitunter zu verspürende, anscheinende Lusttrocken- heit ist auf zwei Nebenursachen zurückzuführen, nämlich erstens ans das lieberhitzen der Räume und zweitens auf den Staub, der sich auf den Oberflächen der Heizkörper ablagert und bei höheren Temperaturen teilweise geröstet wird. Auch die hinter und über den Heizkörpern häufig austretende Schwärzung lichter Wände ist nichts weiter, als eine Staudablagerung. Lediglich dadurch, daß die Lust mit versengtem Staub erfüllt ist, wird die unangenehme Empfindung in den Atmungswcgen hervorgerufen. Während einer- seits die Wohnungen nicht prächtig und groß genug angelegt werden können, finden sich andererseits in den kleinen Fensterkammern, die die Heizkörper der Zentralheizung umschließen, häufig wahre Unrat- hausen vor. Niemandem fällt es ein, dort, nachzusehen und aufzu- räumen. Fingerdick lagert der Staub auf den Heizkörpern; verdorrte Fliegen und Mücken haben hier ihr Grab gefunden. Unzählige Spinnengewebe hängen in den Ecken, und noch mancherlei andere Unreinlichkeiten kann man wahrnehmen. Es ist daher unbedingt er- forderlich, daß man der Reinigung der Heizkörper sorgfältigste Aus- inerksamleit zuwendet, um für einen angenehmen Ausenthalt in den Wohnräumen zu sorgen. Um die Reinigung zu erleichtern, muß gefordert werden, daß die Heizkörperverkleidungen allenthalben abnehmbar eingerichtet iverden. Jeder Heizkörper, der nicht an allen Stellen zugänglich ist, bedeutet eine Gefahr für die Gesundheit. Die Gußeisenkörper müssen täglich feucht abgewischt werden, damit nicht der darauf abgelagerte Staub zu unendlich feiner Asche verbrennt und den Raum mit atem- beklemmender Substanz erfüllt. Wenn dieser verbrannte Staub in die AlmungSorgane gelangt, entstehen Reizungen und Entzündungen der Schleimhäute, die das bekannte Trockenheitsgesühl zur Folge haben. Auch der anderen Ursache anscheinender Lusrtrockenheit, der Ueberheizung, kann man mit Leichtigkeit vorbeugen. Anstelle der früher gebräuchlichen Dampfheizung für Wohnräume ist man jetzt wohl allenthalben zum System der Warmwasserheizung über- gegangen. Bei ihr werden gewöhnlich im Keller des Hauses ein oder mehrere verhältnismäßig kleine Kessel aufgestellt, die von einem Heizer, in der Regel vom Portier, bedient werden. Schon bei ganz geringer Anwärmung des Kessels beginnt das Wasser in der Rohrleitung zu zirkulieren, und deshalb ist bei der Warm- wafferheizung die Möglichkeit gegeben, durch Regulierung der Kesselfeuerung einen sich nach dem Wetter richtenden Unterschied der Intensität zu machen. Bei strengster Kälte soll die Waffertemperatur 80 bis 00 Grad Zelsius nicht über- steigen. Man sei vornehmlich darauf bedacht, daß eine Zimmer- temperatur von 19 Grad C. nicht überstiegen wird. DieS läßt sich durch sicher wirkende Regulierventile mühelos erreichen, indem man den Hebel entsprechend einstellt. Die Regelung in der Gesamtheit des zu beheizenden Hauses ist bei richtig bemessener Rohrleitung mit größter Vollkommenheit durch Reguliervorrichtungen zu erzielen, deren es eine ganze Anzahl vorzüglich wirkender Konstruktionen auf s dem Markte gibt. Bei einigermaßen aufmerksamer Bedienung der Zentralheizung erscheinen Klagen über trockene Lust gänzlich aus- geschloffen. « Dem franzöfischen Keramiker B i g o t ist es gelungen, die Her- stellungsweise der wundervollen Ziegel, aus denen die im Louvre aufgestellten Friese des Palastes des Darius zusammengesetzt sind, aufzuklären und selbst Ziegel in dieser wieder aufgefundenen allen Technik wiederherzustellen. Er hat über seine Untersuchungen in der Pariser Akademie der Inschriften Bericht erstattet. Das Material der Friese ist zweierlei Art: es gibt Ziegel mit glänzendem, von der Zeit unberührtem Eniail und andere, deren Email in den Farben ge- litten hat. Die Versuche stanzöfischer Fabrikanten, die perfischen Ziegel auS emailliertem, gebranntem Ton zu reproduzieren, blieben erfolglos. Bigot bekam nun von der Verwaltung des Louvre Bruchstücke vom»FrieS der Bogenschützen' und vom»Fries der geflügelten Stiere' zugewiesen und stellte folgendes fest: die emaillierten Ziegel des ersten Frieses sin» nicht aus Ton her- gestellt, sondern aus einem Mörtelkalk, der in einer Weise präpariert ist, daß er gebrannt werden»uid ein widerstandsfähiges Material geben kann. ES ist daS ein in der heutigen Baumaterialien- Industrie unbekannte? Verfahren. Die Perser stellten einen Mörtel aus ziemlich grobem Sand und einen besonderen Kalk her, brachten ihn in Formen, ließen ihn an der Luft trocknen und hart werden und brannten ihn unter einer sehr hohen Temperatur. Die aus dem Ofen kommenden Stücke wurden an- gepaßt und retouschiert und hierauf mit einer Pulverschichte, die die Poren der zu emaillierenden Oberfläche verstopft, bedeckt.— Die nicht emaillierten, rosiggelben Ziegel, aus denen der»Fries der ge- flügelten Stiere' besteht, wurden bisher für Terrakotta gehalten. Bigots Prüfung ergab, daß sie aus ungebranntem Mörtelkalk be- stehen, mit Zusatz von Stroh,- Körnern und Schilfblättern, deren Abdruck sich in leeren Stellen zeigt. In der Masse fand Bigot kleine Strohstücke und Körner, die trotz der zweiundeinhalb Jahrtausende, die sie dort eingeschlossen waren, kaum verändert waren und, einer Flamme ausgefetzt, verbrannten— ein offenbarer Beweis dafür, daß diese Ziegel nicht im Brennofen waren.— Die Baumaterialien der Perser im 5. Jahrhundert vor unserer Zeit- rechnung sind also nicht Produkte der Keramik, sondern einer Mörtel- kalkindustrie von einer bisher unerreichten und ungeahnten Voll- kommenheit. Es scheint, daß die Friese des Palastes von Susa eine der letzten Schöpfungen dieses Gewerbes waren, das nun, nach BigotS Entdeckung, in der modernen Architektur wohl wieder auf- leben wird. Der technische Fortschritt geht oft über Leichen. Ganz besonder« auf dem Gebiet des elektrischen Beleuchtungswesens wurden in den letzten Jahren erbitterte Kämpfe geführt. Nachdem die Metall- sadenlampe, deren Leuchtkörper aus einem gespritzten Faden bestand, der Kohlensadenlampe längst das Lebenslicht ausgeblasen hatte, soll nun auch die elektrische Bogenlampe verdrängt werden. Die EntWickelung der Metallfadenlampe hat rapide Fortschritte gemacht. Wenn auch die ersten derartigen Lanipen noch manche Uebelstände zeigten— sie vermochten vor allem keinerlei Erschütterungen auszuhalten—, so wiesen sie doch große Vorteile auf, die vor allem in dem höheren Lichteffekt und m der großen Stromersparnis des Metallfadens gipfelten. Nach langwierigen Versuchen gelang es dann vor etwa zwei Jahren, aus den in Frage kommenden Metallen(Tantal und Wolfram) einen regelrechten Draht zu ziehen. Das war ein Fort- schritt von weittragendster Bedeutung. Der so hergestellte Draht er- gab nicht nur einen höheren Lichteffekt, sondern er erwies fich vor allem auch als durchaus bruchficder. Diese Lampe vermochte man zunächst naturgemäß nur für die bei elektrischen Glühlampen gangbaren Licblstärken herzustellen. In ganz kurzer Zeit ist man aber mit der Licht- stärke der Metalldrahtlampen hinaufgegangen und allmählich in ein Gebiet eingedrungen, das bislang nur der elektrischen Bogenlampe vorbehalten war. Seit einigen Wochen bringen nun die drei großen deutschen Firmen, die das Monopol aul die Metalldrahtlampe be- fitzen, eine elektrische Glühlampe heraus, die eine Lichtstärke aufweist, wie sie nur von der Bogenlampe erzielt wurde. Bekanntlich hasten der Bogenlampe nicht geringe Mängel an: sie ist Verhältnis- mäßig kostspielig in der Anschaffung, in, Strom- und Kohlenverbrauch und erfordert ständige Bedienung. Bei der neuen, der sog. Halb- wattlampe fällt dies alles fort, sie weist sogar gegenüber den bis- herigcn Metalldrahtlampen— trotz ihres höheren Lichteffekts— eine erheblich günstigere Ausnutzung der elektrischen Energie auf. Während der Stromverbrauch der Drabtlampe früher mit rund 1 Watt(Ivovstel Kilowatt) angesetzt wurde, verbraucht die neueLampe nur etwa dieHälste — daher auch der Name»Halbwattlampe'. Die Brenndauer beträgt durchschnittlich 800 Stunden ohne jede Wartung und Bedienung. Der Leuchtkörper ist gegen Erschütterungen durchaus unempfindlich. Emen wesentlichen Fortschritt bildet anch das ruhige und gleich- mäßige Brennen der Lichtquelle. kleines feinHdtoii- Wie Helen Keller die Welt erlebt. Das allgemeine Staunen über die Fähigkeit der taubblinden Helen Keller, die Welt, von der sie nichts sieht und nichts hört, zu beobachten und zu beurteilen, hat jüngst zu einer interessanten Kontroverse Anlaß gegeben. Sie hatte im„Outlook" einen Aufsatz über verschiedene Probleme der modernen Gesellschaft veröffentlicht, und daraufhin waren von zahl- reichen Lesern zweifelnde Anfragen gekommen:„Wie kann sie etwas wissen über Leben, über Volk, über soziale Dinge?" Als Antwort auf diese Bedenken veröffentlichte Helen Keller in der- selben Zeitschrift einen Brief, der ein neues Zeugnis sür die Eni- Wickelung und Entfaltung dieses einzigartigen Lebens darstellt.»Ich muß mich bei der Anklage, daß ich taub und blind bin, schuldig bekennen,' schreibt sie.»Zweifellos, ich kann nicht hören, wie meine Nachbarn die Ereignisse und Fragen des Tages besprechen; aber nach dem, was man mir von solchen Gesprächen wiederholt hat, glaube ich, daß ich dabei nicht viel verliere. Ich ziehe es twr, die Meinungen gut unterrichteter Personen, klarer Denker zu er- fahren, wie William Morris, Bernard Shaw, Oliver Lodge, Her- bert Spencer, Darwin und Marx. Sie sagen:„Aber was wissen Sie über das Leben, das Sie befähigte, die Kompetenz solcher Männer zu beurteilen?" Wenn Bücher nicht Leben sind, so weitz ich nicht, lvas sie sind. In den Schriften der Dichter, der Weifen, der Propheten ist all das berichtet, was Menschen gesehen, gehört und gefühlt haben. Ich habe alle die Schlüssel zu den Türen des Wissens. Ich habe den Nutzen von jeder Beobachtung, die Gelehrte, Philosophen, Propheten gemacht haben. Die Augen des Geistes sind stärker, durck, dringender und zuverlässiger, als unsere körper- lichen Augen. Ich bin niemals ein grosser Unternehmer oder ein Streikbrecher oder ein Soldat gewesen; ebensowenig wie die meisten anderen Leute. Aber ich habe ihr Wesen studiert, und ich glaube ihr Verhältnis zur Gesellschaft zu verstehen." ..Ich habe für die Blinden gearbeitet, habe Anteil genommen an ihren Versammlungen und für die Gesetze z» ihren Gunsten gesprochen. Und da ich all ihre Probleme studierte, fand ich es not- tvendig, auch die Probleme der Sehenden zu studieren, unter denen die Blinden leben und arbeiten. Ich habe geftinden, dass Not und Elend der Lichtlosen gar ähnlich ist der Not und dem Elend aller, die im Kampf um den Lebensunterhalt gehindert sind, durch Er- Ziehung oder durch andere Hemmnisse. Wenn diese Arbeit für die Blinden keine„Erfahrung aus erster Hand" ist, so weiss ich nicht, wie man solche gewinnen kann. Endlich habe ich die Fabriken und die elenden Arbeitevwohnungen von New'Jork und Washington besucht. Natürlich konnte ich den Schmutz nicht sehen, aber ich konnte ihn riechen. Mit meinen eigenen Händen konnte ich die verkrüppelten zwergenhaften Kinder fühlen, die ihre jüngeren Ge- schwister bedienen, während ihre Mütter Maschinen in den Fabriken bedienen. Und ausser d.-n Vorteilen der Bücher und der persön- lichen Erfahrung habe ich den Vorteil eines Geistes, der zu denken geübt ist. Man denkt nicht gern, denn wenn man denkt, muss man Folgerungen ziehen, und solche Folgerungen sind nicht immer an- genehm. Sie sind ein Dorn im Geist. Aber ich betrachte es als eine unbezahlbare Gabe und als eine tiefe Verantwortung, zu denken. Denken, kluges Denken gibt neue Augen den Blinden und neue Ohren de» Tauben." Das Wctterfiihlen. Nicht wenigen Personen kommt die Eigen- schaft zu, den Umschwung de« Wetters aus ihrem körperlichen Be- finden vorhersagen zu können. Besonders Rheumatiker find dafür bekannt, aus dem Auftreten von Schmerzen und Schwellungen auf den Eintritt eine? Wettersturzes zu folgern. Bei diesem„Wetter- fühlen" handelt es sich immer um eine Verschlechterung der Witterungslage, nie um eine Verbesserung. Die Witterungs- Umschläge, die die Ursache deS WetterfühlenS bilden, sind per- schiedener Art. In erster Linie find es herziehende Gewitter, in manchen Landstrichen zeitweise wiederkehrende Winde wie der Khamfin Aegyptens, der Seirocco, Mistral, Föhn u. a. m.; auch Schnee und Regen macht sich den Wetterfühlern kund. Auch die atmosphärischen Verhältnisie sind nicht gleichartig. Bald herrscht grosse, bald geringe Luftfeuchtigkeit. Aber stets sind sie von einem Sinken des Barometers begleitet. Der Wetterfühler freilich erwartet nicht erst dieses Ereignis, sondern er fühlt voraus, wenn das Baronreter sich noch auf der alten Höhe befindet. Auch die Luftelektrizität, die bei beständigem Wetter positiv ist. geht stets in die negative„Schlechtwetterelektrizität" über. Es liegt nahe, gerade zwischen dieser Erscheinung und dem Auf- treten rheumatischer Beschwerden einen gewissen Zusammenhang an- zunehmen. Neben den rheumatischen Schmerzen treten, wie Prof. Franken- Häuser in den Jabreskursen für ärztliche Fortbildung mitteilt, auch noch andere, ziemlich bestimmte Erscheinungen bei Wetterfühlen auf, die sich in Kopsschmerzen und Wärmeüberempfindlichkeit oder in Uebelkeit und Verdauungsstörungen äussern. Literarisches. Berlags-Almanache. Seit einigen Iahren erwartet man im Herbst immer den neuen Jnsel-Almanach. Der Leipziger Verlag, dessen Bedeutung für die Entwickelung unserer Buchkunst nicht hoch genug bewertet kann, hat den glücklichen Gedanken gehabt, aus dem Katalog ein schönes angenehmes Lesebuch zu machen. Es stellt aus- gewählte Stücke und Bildprobcn aus seinen Publikationen zusammen und unterstützt so, den Ve.lagScharakter deutlich kenntlich machend, das registrierende Verzeichnis. Die Almanache, die billig und ge- schmackvoll zugleich sind, haben Beifall gefunden, und andere Verlage find mit ähnlichen Veröffentlichungen gefolgt, von denen vor allem die Jahrbücher deS Verlags S. Fischer, Berlin, und das heuer zum erstenmal erschienene„Bunte Buch" de§ Verlags Kurt Wolfs, Leipzig, selbständigen Wert haben. Der„Jnsel-Almanach auf 1914"(50 Pf.) erfreut sofort durch die Holbeinschen Totentanz- bilder, die dein Kalendariu n beigegeben sind, und auch dem Text sind mancherlei Bildgaben eingestreut: Reproduktionen nach Rodin, Zeichnungen von Praetorius, Japanisches und aller- Hand historisch interessante Darstellungen. Der gut ge- Bcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Druck u. Verlag: wählte Text zeigt die klug bewahrende und borsichtige, das Traditionelle nicht aus dem Auge verlierende Tendenz des Verlags. Da begegnet man Hölderlin, Mozart. Jakob Grimm, Balzac. Hof« mannsthal spricht über alte deutsche Erzähler und über Jean Paul. An die Befreiungskriege erinnert Jorks tapferer Brief an Friedrich Wilhelm III. Und man begegnet Tolstoi, Verhaeren und Paul Claudel. Von den Heuligen Deutschen aber sind vertreten Ricarda Huch, Rilke, der sehr feine Schröder, Hehmel mit wirklich schönen und Dehme! mit leider wenig guten Versen. Alte indische Weisheit fehlt nicht, und feine ästhetische Anmerkungen bereichern das Buch. Bunter ist das Bild des Verlags S. F i s ch e r.(1 M.) Auch er hat bereits seine Tradition; aber sie ist neueren Datums, und seit einigen Jahren ist seine Haltung etwa? unsicherer, tastender. Die Männer, die ihn gemacht, haben keinen direkten Nachwuchs und manche Veröffentlichung war mehr vom Zufall als von der Not« wendigkeit bestimmt. Aber das 27. Jahrbuch ist in seiner Bunt- sarbigkeit recht unterhaltend. Da redet Schlenther über seinen Freund Brahm, Th. Mann über Fr. Huch, der wenig erfreuliche Festredner des Verlags, Emil Ludwig, über Richard Dehmel. Hei« mann, Jl'emann, Madelung bringen Novellen. Stücke aus den neuesten Dramen und Romanen des Verlaas werden geboten, und man trifft neben Neuen und Zweifelhaften immer Namen wie Hauptmann, Schnitzler, Jensen, Kellermann, Th. Mann, Shaw, Stehr, Wassermann, Altenberg. Und Bie, Meier-Gräfe, Rathenau handeln über Kunst und Leben. Immerhin fühlt man einen gewissen Stillstand, eine gewisse Sterilität der Inzucht. Hier zeigt das„bunte Buch"(80 Pf.) einige Linien, die Zukunft andeuten. Dieser junge Verlag, der sehr schöne Bücher druckt, wie seine Neu-AuSgaben des Walther von der Vogelweide, des Klopstockoden zeigen; der durch Gesamtausgaben von Maler Müller und Klinger wieder für den Sturm und Drang etwa? tut und sich energisch für Eulenberg einsetzte, Wender sein Interesse der äussersten Linken der heutigen Literatur zu, den Leuten des neuen Pathos. In diesem Almanach singen und sagen die LnSker-Schüler, Franz Wcrfel, Georg Heym, Hasenclever, Robert Walser, Max Brod, Arnold Zweig neben Karl Hauptmann, Eulenberg und Dauthendey. Leider fehlen zwei starke Temperamente, von denen da? Verlags« register Bücher ankündigt: Kurt Hiller und Paul Zech. Man'freut sich deS Buches, denn man bekommt ein erfreuliches Bild von der anstürmenden Jugend. UebrigcnS hat der dem Verlage Kurt Wolff angegliederte Verlag der„weissen Blätter" eine schöne Revue geschaffen, die Fritz Ernst Schwabach leitet. Auch hier sprechen die Jüngsten, und sie sprechen so, dass man lauschen muss; vor allem wieder Werfel, und dann Hiller, Ehrcnstein, Zech, Schickele, Blei. Wer von diesen jungen Kräften an? Ziel kommt, wer weiss eS? Aber ihr Schritt kündet hoffenden Mut. P. H. Kulturgeschichtliches. Woh�r stammt das Wort Restaurant? Dass wir Deutsche das Wort Restaurant von den Franzosen übernommen haben, ist allgemein bekannt, aber die wenigsten derer, die diese? Wort häufig auf der Zunge führen, werden wissen, dass das Wort Restaurant im allgemeinen Sinne eines Gasthofes verhältnismässig jungen Datums ist und auf eine eigenartige Entstehungsgeschichte zurückblickt. Denn im Französischen bedeutete das Wort„Restaurant" ursprünglich keineswegs einen Gasthof, sondern nur eine kräftigende Suppe. Die Königin Margarete von Navarra erzählt noch:„Ich schlief in einer Garderobe, in der man mich die schönsten Restaurants und die besten Fleischgerichte, die ich je genoss. essen lieh". Eine Zeitlang gab eS ein kräftigendes Gericht, das als„Hsstcuinmt divin" berühmt und Mode wurde; das Gericht bestand ans feingeschnittenem Rindfleisch und Geflügelfleisch. daS über einem Feuer mit Trauben aus Damaskus, getrockneten Rosen und Perlgraupen gewissermassen destilliert wurde und als Suppe Liebhaber fand. Im 18. Jahrhundert ver« einfachte ein Arzt namens ClarenS da? Rezept dieser„göttlichen Kräftigung" und begnügte sich damit, gemästetes Geflügel in einem aromatischen und stark gewürzten Wasser zu kochen. DaS Rezept dieses Arztes hatte einen grossen Erfolg, es galt bald als guter Ton, von Zeit zu Zeit ein„Restaurant" zu geniehen, und im Jahre 17öS eröffnete ein findiger Geschäftsmann ein kleines Unter- nehmen, dessen Zweck es war, dieses Gericht zu vertreiben. An der Tür des Lokals prangte die Inschrift„Verkauf von Restaurants". Das Lokal lag damals in der Rue des PoulieS, in der jetzigen Louvre-Slrasse, und der„Reftaurateur" fügte seiner Wunder- suppe noch Trauben und Geflügel bei. Nun entstanden bald allerlei Konkurrenzunternehmunge», aber immer stand das„Re- staurant", die kräftigende Suppe, im Mittelpunkt de§ Geschäftes, und andere Speise» ivurden nur auf Verlangen als Ergänzung gereicht. Eine zeitgenössische Chronik berichtet: ,�Die Restaurateure sind jene Leute, die die Kunst besitzen, die Suppen zu bereiten, die Restaurants genannt werden, und sie geniessen dabei das Recht, alle Arten von Suppen zu verkaufen, Reissuppen und Nudelsuppen, frische Trauben usw." Diese Suppenschankstellen nahmen bald den Titel „Restaurant" oder.Gesundheitshaus" an, und die Chronik der Zeit erzählt, dass„diese Einrichtung den Herren Roza und Pourtaillö im Jahre 1766 ihr Entstehen verdankt". Vorwärts Buchdruckerei u-VerlagSanstaltPaul Singer öcCo., Berlin SW.