Wnterhaltlmgsblatl des Worwärls Nr. 214. Sonnabend, den I. November. �13 13] Helge Bendels LuftfcblölTer. Gin Ghikago- Roman von Henning Berger. Wo tvar nun das schöne graublaue, grünblaue Lickt, die Aquariumstinimuug— sentimental und melancholisch, und doch so verlockend und boffnuugenveckeud? Auf einmal tvar «lles schwarz, die groben Lampen waren aufgeflammt, der elektrische, unsichtbare Funke ivar im Zickzack von Kandelaber zu Kandelaber durch alle Straßen gesprungen, die Hauswändc batten ihre Fenster aufflammen lassen, das Dach hatte seine Transparente entzündet, und alle Schaufenster und Schilder und Lichtreklamen, die sich strahlend schivangen, drehten, wir Velten, rollten, schlängelten, auf und nieder, aus- und ein- kletterten, erloschen und wieder aufleuchteten in Kreisen, in zusammengeflochtenen.Kränzen, peitschenden Schnüren, boh- renden Spiralen, alle Feuer- und Lichtkünste der Straße machten den Himmel schwarz und löschten die Sterne aus. Gin leuchtender Dunst schwamm über den Steinriesen, aber diese Flammenwolke vertiefte nur das Dunkel außerhalb. Ilnd mit dieser Veränderung hob sich die Dame in Gran nur noch blendender aus der Menge ab. als wären alle diese Rampen nur um ihretwillen da. Helge erwachte aus Grübe leicn und Echlaffhcitsgedanke», und der Entschluß, diese zN>cck lose Wanderung an der nächsten Straßenecke aufzugeben, blieb auf halbem Wege stehen. Im Gegenteil— seine Vcrzaube rung steigerte sich, als wäre sie nur noch stärker in Schwin gung gesetzt, gleich den elektrischen Reklameichildern, die dazu beitrugen, die Menschen zu blenden und zu berausche». Näher und näher zog eS ihn, wie die Motte zur Flamme, zu diesem schönen und eleganten Geschöpf, dessen rätselvolles Profil ihm wie in einem wundervollen Umriß aus Goldgrund gezeichnet erschien. Er streifte ihren Mantel, atmete seinen Duft ein, ließ den Blick die Farbe ihres Haares, die Blässe der Wangen einsaugen. Und alle anderen Menschen, die sich in lärmenden Tausenden um sie bewegten, schwariden ineinander und wurden in der Nähe sich ringelnde Tintenbäche, dann, weiter fort, glänzend-dunkle'Ströme, und zuletzt, ans der anderen Seite der platzbreiten Straße, große, schwarze Fluten. Sie war nun so lange die State Street auf und ab geschlendert, ohne sich für ein einziges Geschäft zu entschließen, daß Helge voll Verwunderung sie schließlich ein ganz kleines Üädchen betreten sah, dessen vergitterte Scheiben verkündeten, daß verfallene Pfänder aus der Jmoelenbranche vier zum Verkauf waren. Gr lag so lächerlich eingeklemmt, der kleine Laden, zwischen ein paar vom Boden bis zum Dach strahlen- den Firmenhäusern, daß er einer billigen Zigarettenschachtel glich, die aus Versehen zwischen glänzende Havaunakisten ge- rutscht ist. Die Tür Nxu ein Spalt und das Fenster eine Luke, das Sckild ein roter Lappen m»d die Beleuchtung ein dünnes Talglicht zwischen Sonnen. Und hier hinein ging sie, dieser Kolibri, von dem man glauben mußte, er könne -nur in vergoldete Prachtkäfige fliegen. Jedenfalls aber er- klärte es die lange, scheinbar ziellose Wanderung im Gewühl und Gedränge. Denn das Pfandgeschäftsloch war— besonders für einen Fremden— ebenso schwierig zu finden wie «.'ine Tannennadel in einem Aineisenbaufen'. die Nadeln der- mengten sich zu einem Mischmasch»md die Fassaden verschinol- zen— Flittergold und Flitterkram das Ganze— in eins t>or dem Auge. Helge ging bis dicht an das Fenster heran, auf die Gefahr hin, in ein unterirdische?. Restaurant hinab- .zuglitschen, dessen weiße Marmorquadrate und polierte Messingstangen einen von den zlvei roten Glaskugeln der Gingangstreppe tveit über den Asphalt fallende» rosa Schimmer wieden'piegelten. Gr tat, als studiere er den angeschla- •geneu Speisezettel, der mit Hummer und Austern begann, mit e-inem Dutzend verschiedener Pasteten schloß und ebenfalls bell beleuchtet lvar von den Glühlampen. Sie fragte drinnen nach etuws. Etwas, lvaS nicht da war: denn der Mann hinter dem Ladentisch— ein kleiner. öfter Mann, dessen grauen Haare an den Ohren nach vorn tfcfiimuitiuaie» wie Sckieurlappeii— schüttelte den Kops. Sie {'«schrieb dies Etivas, zeichnete es aus die Tischplatte mit einem kleinen, behandschuhten Zeigefinger. Nein,»ein, bedeutete bedauernd der Schenklappenkopf. — Doch, doch! Und Hände und Lippen erklärten aufs neue. — So ein alter Idiot! Daß er sich nicht daran erinnert! dachte Helge ungeduldig. Jetzt öffnete der Mann eine Schieblade und nahm ein Buch heraus, in dem er von hinten herein zu blättern begann. Mit einem Finger, der aussah, als wäre er in Mahagoni geschnitzt, fnhr er von unten nach oben über die Rubriken. Viele Seiten wurden umgedreht, ehe er zuletzt innehielt und eine Reibe laut las. — Ja. ja. nickte der kupferrote Kopf, da? ist es... Jetzt folgte eine Weile ein Suchen in Schachtel» nnd Fädhern. Endlich kam ein kleines Etui zum Vorschein, nnd als es geöffnet war, sah Helge, daß es ein Granatkreuz ent- hielt. Die Dame griff eifrig danach und suchte dann in ibrer Tasche. Zlvischen allerhand kleinen Schächtelchen und Büchs- chen fand sie eine kleine Börse aus Goldgeflecht und nahm eine kleine Goldmünze heraus. Darauf stopfte sie das Etui in die Tasche. Noch ehe sie zum Abschied den Kopf geneigt halte, war Helge lveit draußen ans dem Trottoir. Sie ging auf dem kürzesten Wege zum Hotel zurück— die State Streck hinunter, und dann rechts hinauf, an Kins- lcys Restaiirant vorbei. Jetzt folgte Helge ganz apathisch: die kleine Spannung loar vorüber, und die Straßen waren wie zuvor. Steingräber mit Lichtern und hastenden Menschen- mengen, in denen nicht einer an den andern dachte. Als sie durch die große Drehtür hineingeschwungen ituirde, stürzte er sich aber gleichwohl in die nächste Glassckzeibenbor nnd ließ sich ebenfalls hindurchschwingen. In der Vorhalle blieb er stehen und sah sie nach der Portierloge gehen. Ader ehe sie noch den lächelnden und dienernden Herrn, der ihr schon einen Schlüssel cntgegenreichte, anreden konnte, kam eine junge Dame hastig hinter einer der Palmendeko- rationell hervor. Ihr Gesicht war ein einziges, strahlendes Lächeln, mit Grübchen in Wangen, Kinn und— wie es schien — sogar in der Nase. Sie war von derselben Größe wie die Graue, batte denselben Wuchs und dieselbe Figur, war aber augeilscheinlich etwas jünger nnd von mehr blonder Frische. Auch ihre Haare, dicht und schwer, tvareu blond und voll wie überreifer Roggen und konnten im ersten Augenblick gebleicht oder gefärbt erscheinen. Sie trug denselben eleganten Kleider- schnitt wie die andere, nur daß hier die Farbe dunkelblau war. Und die Augen Ware» blau und rund wie bei einem Puppenkops und auch von ungefähr demselben gedankenlosen Unschuldsausdruck. Sie schwenkte einige Briefe in der Hand. — Sieh' dock), Lilly, rief sie aus englisch, große Post! Und zwei Briefe aus Schweden— einer von Pa und Ma und einer von Jullan in Kristianstad. Bendel glaubte sich verhört zu haben. Diese perfekte Aussprache des Englischen soivohl wie der beiden schtvedischen Worte oder Namen wirkte perbliisseud. Jetzt sah er seine rothaarige Dame, die mit Lilly angeredet worden ivar, aus der kleinen violetten Tasche das Etui nehmen und es der blonden Lachelpuppe zeigen, die sogleich die Hände zusammen- schlug und auss neue in Lächeln und Grübchen ausbrach, die sich diesmal bis zu den runden Armen, der Brust und den Hüsten unter dem enganliegenden Paletot zu erstrecken schienen. — Oh! Oh! lachte sie— oh... War es wirklich noch da. Lilly? — Ja, Millie, antwortete die Aeltere. Komm, wir wollen jetzt hinauf auf unser Zimmer, wir können uns ein gebratenes Huhn und eine Flasche Wein droben servieren lassen. Ich muß lesen-- Und sie verschwanden im Listkorb. — Mister Stevens, sagte Helge, der eine halbe Wendung geniacht hatte, so daß es aussah, als sei er eben aus dem hinteren Gang vom Kontor hergekommen—- wer sind die Damen? Ter Portier zog die Augenbrauen hoch und schmatzte mit den Lippen: — Hm. Inn, la, la— lecker, lecker? Was für Mr. Reuter, was? Wer sie sind— wie? Ha ha. junger Mann, Hände davon! Das kost't Geld! Schau l>cr! Und er beugte sich über seinen Tisch und verzog daS Gesicht zu einer Art Schreckcusgrimasse, als wolle er glerch» zeilin warnen, verführen und erklären: — Die Schwestern Fanchetti� sind es— Fanclietti 'sisters.— Was Teufels, kennen Sie sie nicht? Haben Sie sie nie gehört— oder wenigstens ihre Photographie gesehen? — Doch, natürlich, murmelte Helge, der keine Ahnung hatte, wer das war. � — Sie kommen von Frisco, beendete Mr. Stedens das Gespräch und wandte sich ab. — Fanchettil Was für ein Name! dachte Bendel. Na- tiirlich Variets... Er war wieder der Kontorist, und alle Träume waren verflogen, weggeweht: nein, es lockten keine Märchen hinter den Häuserecken der Stadt— im höchsten Fall Räuber und Taschendiebe. Jetzt war es zu spät, noch hinüberzugehen nach der Nordseite und in einer der Pensionen zu essen; er mußte sich in irgendeiner Bar ettvas geben lassen �rind sich dann herumtreiben. Langsam näherte er sich einem Seitenausgang. In ihrem Schatten belvegte sich etwas. Zur Linken war eine Vertiefung, eine steinerne Wölbung, mit einer Bank darin, wo die Niggerboys ihre müßige Zeit zu vertrödeln pflegten. Hier döste auch der alte Morley, der Nachtwächterund in einen grauen, mottenzerfressenen Schafspelz gehüllt, einen Lederriemen um den Leib und in einer Mütze, die aus Nenntiermoos gemacht schien, kroch er jetzt ans seiner Höhle hervor wie ein Troglodyte. In der einen Hand hielt er die Laterne, in der anderen eine Kordflasche. — Mr. Bendel, sagte er heiser, jetzt weiß ich, wer er ist. — So. — Ja. Er heißt Simpson, sagte Morley mit einem sonderbaren Ausdruck in den Augen, Ossizier Simpson heißt er... Und da Bendel nicht anwortete, sondern nur zerstreut nickte, wiederholte er: — Jawohl, Offizier Simpson. Aber wenn ich ihm heute Nacht wieder begegne, so-- ja, wenn ich ihm heute Nacht wieder begegne, so schieß ich. Jawohl, der alte Morley schießt! Es ist nicht das erste Mal, Sir. — Gut! sagte Helge und ging hinaus, während sich vor seinen Augen blonde und rote Flechten in breiten Bändern ineinander wanden.-- Frau Brantstroms berühmtes Boardinghonse für„bessere schwedische Herren und Damen" war schon um sieben Uhr morgens in vollstem Aufruhr. Das einzige Badezimmer niit dazu gehörigen„Begriemlichkeiten" war von zahllosen halb- wachen Logiergästen belagert, die, noch den Schlaf in den Augen, nnt zerzausten Haaren, voll Nachtschlveiß�und mit einem herben Whiskygeschniack im Gaumen zur Tretmühle des Tages drängten, während in ihren unansgeschlafenen Gehirnen das Gaukelspiel des Traumes und das Alpdrücken der Nacht umherwirbelten und verrückte Sternbilder bildeten, wie die Glassplitter in einem alten.Kaleidoskop. Ans allen Ziin- mern hörte man Gegnrgel, Geräusper und Gespncke, während das Wasser plätscherte, Zahnbürsten gegen Glas und Zähne klirrten und klapperten. Schwämme ausgedrückt wurden und Handtücher rieben nnd frottierte». Ausrufe des Aergers, Verwünschungen und Geflüster, Geklingle nnd das Gepolter von umhergeworfenen Schuhen, ausgerissene und zugeschlagene Kleiderschranktüren nnd widerwillig knarrende Schiebladen — von anderen Geräuschen ganz zu schweigen— waren die gemischten Chorstimmen, aus denen das Morgeukonzert be- stand. Und dazu stieg von unten herauf, aus Küche und Speisezimmer, in einem Dunst von verbranntem Kaffee nnd gebratenem Speck, das Klirren von Kochtöpfen und Porzellan im' Verein nnt schrillen Mädchenstimmen. lLortktzniig iolflt.) Hllerbdligen. Novenibcrtag. Höhenrauch zieht. In meiner Jugend habe ich die Mutter niit den Anchbarfraucn davon sprechen hören, daß der Brandnebel mit dem Siordwind aus den brennenden Hcidetorfnworcn der deutschen Tieslaude bergüber gezope» käme, tvochenlauZ. Aber ich habe nie so recht daran geglaubt, besonders, da ich seit meine» frühesten Jünglingsjahren selber mit an den Feller- statten stand, von denen der beizende, vlaugrane Rauch immer- fort durch die Schlote in alle Winde wandert. Seitdem ich stündlich und täglich von Dünsten und verschwelenden(Ächeiinglnten wn- geben bin.— Wo seid ihr, alie Geschichten. Man muß nur mit sich selber klar werden und über das eigene Ich im wilden Chaos des dahinlärmcnden, donnernden Lebens Nebenbei auch wissen, wie der Karren läuft und was die Glocke schlägt. Sich ei» klein wenig fragen, was das für ein seltsam Mahnen und Rufen sein mag, was das kür ein heimlichleises, alt- bekanntes Klingen ist, das tagsüber durch all die tausendfach schallenden Geräusche in die Ohren dringt? Und all die flimmern- den Funken und feurigen Ringe, die aus den AugeiUvinkeln springen und sprühen? Man muß wissen, was der immerwährende Brandgeruch zu bedeuten hat, von dem unsere Tage so voll sind. Was das für tanzende Hecresschwärme goldener, sonneleuchtender Mücken sind» die in den Lufttvogen über den Hüttenwerken, Oefen, Gruben und Halden, über den Wirrtvarr der Straßen, volkreichen Plätze und engbebauten Landstriche schweben und schimmern? Mau muß suchen und zurechtkommen mit seinen Gedanken. Tann weiß man, was Höhenrauch ist. Tann kennt man den bergelastenden Drück über dem unterhöhlten Kohlen- und Eisen- land nnd wundert sich über die seltsamsten Träume, Taten und Schrecken nicht mehr. Es ist gewiß so sonderbar. Diese unstete, rücksichtslos schreitende, eiserne Idee im Gegen- satz zu dem Mißtrauen, der ewigen llnbeholfenhcit der Menschen. Das Bclvußtsci» der großen, krästczchrcnden Armut und die tyrannische Wagehalsigkeit des allesbezwingenden, kühnen Er- oberertnms. Ich weiß ja Bescheid, habe ja selber den dicken, zähen Staub täglich wie bleierne Bissen hinuntergeschluckt und wieder aus» gewürgt. Habe das Jochbrett so oft gespürt und hundertniab meinen Kopf empörend in den Racken geworfen, weil ich den Hunger»ach Freiheit zu heiß verspürte und die Gemeinheit der Fesseln, mit denen die Bändiger die Horden im Zaum rmd im Gleise zu bleiben zwingen. Aber was halfs? Höchstens, daß ich meinen Kops in der Enge an den Balken und niedrigen Felsen zerstieß, daß das dicke Blut durch das Haar in die flammende. heiße Stirn rann und die trockenen Lippen, zu Schmähungen zu. stolz, vor Schmerz und innerem Weh zuckten und bebten. In den Fabriken habe ich vor den Oese» gestanden, wo bei Hunderten von Hitzegraden den Männern die Nägel aus den Fingern an zu rauchen fangen, wo die Haut zusaminenschrunipkt. vor Trockenheit und rotgebrannte Adern sich wie Runen durch die mageren Angesichter ziehen. Weh dem, der sein Recht nicht erkennt! Weh dem Peiniger, der die Freiheit der Menschen Spießruten laufen läßt.� lieber und unter Tage bin ich dabei gewesen, habe Schmähungen und moralische Wunde» mikempfangen, die mein Herz vor Wut uno Zorn zusammenpreßten und verzweifeln machten an dem frohen Glauben an das Morgenrot des Menschenfrühlings, Aber ich bin wach geblieben. Meine Sehnsucht ist in mir und macht meine Augen hell. Ich bin ein Mensch.—— Höhenrauch zieht! Am späten, nebligen Rovcmbernachmittage stehe ich hier oben auf der Höhe des großstädtischen Zcntralfriedhofs und schaue den gräfrerbedeckten Hügel hinunter, über die Iveitc, leise tosende Stadt in das rauchende Industrieland hinein. Eines traurigen Borsalls war ich soeben Zeuge. Bier Männer kamen hinter der Biegung des Scitcnfnhr- Weges zum Vorschein. Sie waren schlecht und schäbig gekleidct. und trugen auf den Schultern einen einfachen, schwarzen Armen- sarg. Hinter ihnen schriit, vornübergebeugt, die Kattunschiirze bor das rotgeweinte Gesicht gepreßt, ein etwa fünfzehnjähriges, blondes Mädchen. Zuweilen erschütterte ein heißes Schluchzen den zarten Körper des Kindes. Und sonst gab kein Mensch das Geleite. Auf dem letzten Felde ging dem Häuflein der Totengräber voraus zu den langen Zeilen der frisch gehäufelten Gräber, wo an beiden Enden der jüngsten Reihe zlvei offene Grüften ihrer stillen Bewohner harrten. Es ging schweigsam zu. Was sollte» die lvortkargcn Männer auch sagen. Die standen ja selber so unbekannt und hoffnungslos rm Leben, Als die Seile in die Höhe schnurrten, blieben sie noch einr kleine Weile stehen, gingen ihre» unbeholfenen Gedanken über Leben und Vergänglichkeit nach, sprachen vielleicht heimlich ein Gebet, vielleicht cutli nicht. Sie sahen sich an, sahen mitleidig auf das schluchzende Mädchen, das am Boden kniete, wandten sich und ginge». Ich gi»g meinen Weg langsam und sinnend hinauf, wieder schrittweise hinab nnd wieder hinauf, gedankenvoll, ohne das weinende Kind am Grabe ans den Augen zu verlieren. Der Herbstlvind wehte den Hügel hinan. Ein Rauschen und Wiegen schlitterte leise über das fahle Kirchhossgras, die Ajteru- staude» und dex dunkle Efeu raschelten miteinander, als ob sie sich wunder loas zu erzählen hätten. Ans den früchteschkveren Zweigen des roten Vogclheerbaumes lärmten die Finken. Ucber mir, iir den Platanen, brachen die gelben, braunen Blätter ab und sieUu lautlos auf trn Weg, Im Winde, der wie flügelfchlagcnd bergan lief, war ein brenz- licher Tust, ein schweres, eindringliches Aroma von Blut und Leben, eine Brunst, als ob irgendwo im Lande ein gewaltiger Bhaird im Gange sei. Ich hörte Stimmen, hörte Pferdegestampf, vieler Menschen Schritte näherkommen. Und als ich mich umsah, bog soeben ein langer, imposanter Trauerzug in die hohe Pforte ein. Hinter den Reihen der hohen, dunklen Tujabäume glänzte das goldene Ktmzifix, von den Chorknaben der hohen Geistlichkeit vorangetragen, deren weihe und violette Stolen und Gewänder vor der finsteren, efeubehangenen Mauer seltsam leuchtend den Weg hinan wanderten. Mit einem Male sehte der Musikchor, den ich noch nicht wahr- genommen, mit gedämpften Hörnerstimmen ein. Das alte, schöne Schcidclied von Feuchterslebe» wogte mit weichen, wohligen Klängen über den Totcnacker: Es ist bestimnit in Gottes Rat, dah man vom Liebsten, ivas man hat, muh scheiden.— Der Zug zog langsam bergan. Dem Waisenkinde am Armengrabe aber näherte sich seht der Totengräber, richtete es aus, sprach ein paar eindringliche Worte und deutete mit ausgestreckter Hand aus die weiterliegenden Felder. Da schlich oas Kind, das schlcchtgctleidclc, verstört von bannen. � Und die Gemeinde der Leidtragenden umstand das Grab. Zhlindcr blitzten im Spätsonnenschein. Blumeudustüppige Kränze hiigclten sich am Rande der Gruft. Ach ja! Und nun ward der wohlgeachtcte, allseits beliebte, ehrenwerte Wcingrohhändler Flüring und Co. auch in die kühle Erde gesenkt. Die Damen weinten, die Herren schlugen die Augen nieder, die Musik spielte den schwermütigen Chopinschen Trauermarsch und der Chorknabe schwenkte das kunstvolle Wcihrauchgefäh, dah davon die blauen, ateinbeklemmenden Würzewolken>veitum wogten. Und die alten, lateinischen Gebete kamen murmelnd von den dünnen Lippen'des geistlichen Herrn Propstes von St. Stephan, es murmelte die Menge ihm eintönig Antwort. Des geweihten Wassers Tropfen vom göttlichen Segen.fielen in das Grab hinein auf den prunkvollen Sarg, fielen ans die seidenen Schleifen, auf die Blumen in den Kränzen, die nun auch sterben muhten, fielen auf die gebeugten Häupter der Tief- betroffenen und Teilnehmenden. Das goldene Kruzifix senkte sich über die Gruft, Fahnen wehten dein Toten da drunten ihr Lebewohl. Das kleine Schützen- bataillon des Kricgerbcreins stellte sich auf und lieh die sorgfältig geladenen Schüsse aus den Büchsen donnernd über das Grab in den Abendhimmel fahren. Ein paar Ehrenreden wurden gehalten, indes auf dem Fahr- Wege schon eine Reihe eleganter Kutschen vorführen und die Ge- meinde langsam auseinanderging. Das Feld wurde leer. Etwas tiefer gesenkt, verschwand das goldene Vortragkrcuz, an dem Christus, der Welt Heiland, hing, hinter den Grabmälern, Büschen und Trauerweiden. Mit dem Musikchor, der eine flotte Jägerkavalkade intonierte, wogte das Traucrgcpränge durch die Hügelalleen zur Stadt hinab, in oaS weite, wilde Meer des Lebens hinein. Aus ihren Gräbern hier oben schauten die Särge der beiden jüngsten, schmeigiwieg Bewohner des stillen Landes in den dämmctdunklen Novcmberhinimel. Und ein einziger, ein schlichter Herr Kaplan, trat aus einem Seitcnpfad a» das Grav des Armen, weil er oavon Wichte und seines Amtes zu walten hatte. Sprach ein stilles Gebet, warf Unit gelassener Hand auch ihm des Weihwassers Gnade auf den letzten, unbekannten Weg und ging davon.' Auch das arme Mädchen sah ihn nicht mehr. Als auch ich ging, halte sich der Totengrüberbursch über die Schaufel und Scholle» gemacht. Dämpf kollerte die schwere Erde in die Tiefe/— Kinder und kleine Leute mit blauen Kcrzenschachteln unter den Armen, krochen schon zwischen den Hügeln umher, hatten ihre liebe Buddelei und glaubten graste Dinge zu tun. Alte Männer und junge Mädchen, Frauen und Burschen gingen ins Tor hinein, gebückt, als ob ihnen etwas im Nacken sitze, sahen sich an, grüstten sich, gingen weiter und schwiegen. Es wollte dunkel iverden. Gestalten' verschwamme» im Dämmerlicht. Schatten und Träume wurden lebendig und Ivan- dcrtcn mit den Menschen, niit ihrem Tu» und dunklen Wollen der- brüdcrt hinan zum stillen, grasten Bergfrieobos. Da drangen aus der Tiefe der Stadt die schweren, harten Glocke ii klänge an mein Ohrs mahnten mich, dast es an der Zeit sei, dast ich zur Kohlengrube müsse. lind mit den, Gedanken an das laute, bannende Leben er- wachte in meinem Ohr der leise wuchtende Schall, der heimlich zitternde, urgrllndige Aufruhr des Kampfes, von dem in die stolzen Sinne des Erlebenden der irotzip entschlossene Wille kommt, die frohe Zuversicht an das Licht, au die Helle der erlösenden Sieger- tage. Ilmschauend blieb ich stehen. Droben, aus den abcndeiagehüll- tcn Gravselderu der katholischen Seite brannten schon hier und dort oie dünuflimmcrudcii Kerzeiilichterpünktchen. Mir Ivars, als müsttc ich mit gewaltiger Stimme den Menschen zurufen: Ihr im Dunkeln! Ihr tut Unrecht, um eure Toten zu trauern! Werdet wach und lebendige Menschen!— Ich lächelte nur still für mich und ging sinnend nach Hanse. Otto W o h l g e m u t h. Oer k)er2ensdunÄ. Von I e a n B o u ch o r. Durch das Entgegenkommen des Pariser Verlage? Plon-Aourrit löimen wir die nachstehende Probe aus dem vielbeachteten Roman„Tj'Iromo sentimentale" von Jean Bonchor veröffentlichen. Die Szene schildert de» Zusammcnstoh des Bankiers Dmniöre. eines skriwelloscn igeschästsmanncS, mit einem reichen und beschränkten jungen Mann, der sich um die Tochter. Dumiercs bewirbt, nachdem sie sich ihm, ohne ihn indes zu lieben, in einem unbedachten Augenblick hingegeben hat. Die Nedatlion. Der Bankier eröffnete das Gespräch ohne alle Umstände; Peyckialat war ihm nicht sympathisch, und noch bevor der unglückliche. junge Mensch den Mund aufgetan Halle, suchte Dünnere schon nach einer Redewendung, mit der er ihn loswerden könnle. „Sie haben mir etwas zu sagen fragte er. „Ja," murmelte Pcychalat. „Must es jetzt sein V" erkundigte sich Dumterc, indem er seine Papiere ordnete, als rüste er sich zum Gehen.„Sie müssen wissen, ich habe gerade in diesem Augenblick—' Pcychalat nahm all seine Kraft zusammen, denn er wurde mit jeder Anrede Dünneres von Mal zu Mal wankelmütiger. „Es handelt sich um die Hand von Fräulein Maud." „Ja. sie heiratet den Baron d'Orge. Woher wissen Sie das?* fragte Dumiere, der den Sinn der Worte Peychalats nicht der- standen hatte. Dieser stand im ersten Augenblick von der unerwarteten Mit- teilung wie vom Schlage getroffen, dann aber fand er die Kraft zu erwidern: „Aber diese Heirat ist ja ganz unmöglich..." Er wagte nicht zu sagen, warum. Uebrigcns schien Dumiere seinen Einwand völlig überhört zu haben, und Peychalat geriet in eine immer größere Erregung. „Sie kann ihn ja nicht lieben", sagte er. „So, so," machte Dnmiäre.„Na, und—?" „Sie liebt einen anderen." „Wen?" „Mich!" „Herr", sagte Dünnere, indem er sich erhob,„meine Tochter heiratet in diesem Monat den Baron d'Orge. Ist es notweiidig, Ihnen zu sagen, dast Sie demnach keinerlei Aussicht haben.. „Ich bitte Sie, versichert zu sein, dast ich schwerwiegende Gründe' habe, zu handeln, wie ich eS tue. Und wenn Ihre Tochter mich heiraten must—" Muß?!" fuhr Dumiere auf.„Ja. Herr, was iällt Ihnen denn ein?" „Ich müßte mir sehr schwere Vorwürfe machen, wenn ich Maud nichl beiraten würde." „Diese Anspielung verstehe ich nicht." Peychalat wurde aschfahl. „Ich spiele aus garnichts an", stotterte er.„Dennoch.., Maud kann jetzt nur noch mir gehören I" Der Bankier tat einige Schritte auf den Besucher zu, indem er ihn vom Kopf bis zu den Füßen musterte.. „Ja, sind Sie denn lvahnsiniiig? Sie sprechen ja von meiner Tochter, als wenn..." „So ist es..." bestätigte Pcychalat, und er fühlte, wie ihn zu schwindeln begann. Die Faust des Bankiers sauste wutbebcnd auf ihn nieder. „Lassen Sie mich!" kreischte Peyckialat. „Idiot schrie der Banlicr.„Wollen Sie etwa mir weismachen. dast meine TockNer Ihre Geliebte sei?!" Peychalat, der von dem Stoß in eine Ecke getaumelt war, rang mühsam nach Fassung. Seine Liebe mußte ihnr mehr gelten als sein Leben, wen» er sie auch jetzt noch verteidigte. „Ich habe ja mir die Wahrheit sagen wollen," stieß er hervor. „Und wenn ich doch bereit bin, sie zu heiraten..." „Heiraten I Himmclsakrament!.. ," brüllte Dumiöre außer sich. „Heiraten!... Scheren Sie sich hinaus, aber schleunigst, und wcuu Sie mir je wieder vor die Augen komrlien— weun Sie meiner Tochter je vor die Augen komnicn—" . Seine Stimme versagte vor Wut, und die Schmähungen, mit drnen er den anderen überhäufte, waren nur noch unoriikulierte Laute. Pcychalat war in einen Sessel gesunken und liest alles wider» standSlos über sich ergehen. Einen solchen Auftritt halle er nicht er» wartet. Es hatte ihni übermenschliche Anstrengungen gekostet, vor Mauds Bater hinzukretcn, um ihre Unbesonnenheit zu entschuldigen und wieder gut zu machen, und nu'.i nach alledem mußte er sich noch gefallen lasicn, dast man ihn wie einen dahergelaufenen Strolch und Dieb behandelte. Der Bankier war kreidebleich vor Wut und völlig außer sich. ..lind solch eine Partie!" schrie er und schlug mir der Faust auf den Tiicb. so dast Pcychalat cnlsetzt ausfuhr.„Fnnfziglausend Franken Rente! lind Baron obendrein I Und Sie, die Sie meine Tochter in gemeinster Weise versnhrt haben... um ans diesem Wege... Aber, ha— �»as soll mirti nicht kümmern! Meine Tochter heiraict den Baron, das werden Sie sehen! Nie gebe ich meine Einwilligung zu einer anderen Verbindung, nie! Ha, zum Teufel! Ich weist schon, ivas Sic planen— so ein Skandälchen mil einer gut eingefädelten Erpreüung, nickt wabr? Sic werden Ihr blaues Wunder erleben! Ja, das ist so Ihre Sorte... Aber den Augenblick haben Sie gut — 856 gewählt, das muh man Ihnen lassen— gerade da ich meine Tochter in Ebren verheiraten will...* Er trat gan/z nahe an Pcychalat heran.»Sie wollen also Geld von mir, ha? Vergebens mein Bester, denn ich besitze keines... meine Tochter hat nicht mal eine Mitgift... Ja, ich will Ihnen noch urehr sagen.— ich, Dumike, besitze überhaupt nichts mehr, aber auch nichts! Die Mittel, mit denen ich mich seit zehn Jahren über Wasier halte, sind erschöpft, ich bin fertig, ich habe ausgespielt, ich. Dumisrel und wenn der Baron meine Tochter nicht nimmt, so kann ich mein Bankhaus zumachen!" Diimike hob die Hand und wie« keuchend, erschöpft, nicht mehr Herr seiner selbst, auf die Tür: ..Machen Sie, dah Sie'rau-Z kommen! Schleunigst! Und lassen Sie sich nie>vieder blicken! Nie wieder über meine Schwelle! Scheren Sie sich'raus!" Peychalat sah den Bankier an, und es schien ihm. dah jener, wie er da schweratmend vor ihm stand, gewiß nicht geringere Nieder- lagen erlitten habe, als er. „Ich habe hunderttausend Franken Rente!" murmelte er, noch Völlig verstört und zerknirscht. Dumike. der an seinem Schreibtisch lehnte, ließ die Hand, die noch immer auf die Tür zeigte, sinken und starrte Peychalat fasiungS- lot an. EZ trat eine lange Pause ein, während der Dumiöre sich allmählich eine ungezwungene Haltung gab, bis er am Ende ganz bequem in seinen: Lehnstuhle hingestreckt saß. Sein Mienenspiel drückte noch immer größtes Erstaunen aus, ivährend er sich im Geiste längst der plötzlich veränderten Lage angepaßt hatte: seine geistige Geschmeidigkeit tvar der körperlichen eben weit überlegen. In der Tat hatte er trotz seiner scheinbaren Verwirrung die Bedeutung des Augenblicks auf der Stelle erfaßt. Er lächelte Peychalat, der an seiner Krawatte nestelte, ungezwungen zu; er hatte sich wieder völlig in Gewalt. „So," sagte er leutselig,„dann habe ich Sie demnach vorhin doch mißverstanden. Es handelt sich also um einen wirklich auf- richtigen HerzenZbund V".. (Berechtigte Uebersctzung von W. P. Larsen.) kleines feuilleton. Völkttkunde. D i e B a k u n d u. In dem ungeheuren Waldland de, nordwestlichen Kamerun Hausen die Bakundu, die zu dem Bantustamm gebären und etwa 35 000 Seelen zählen. Ein Missionar Bufe, der sahrelang dort lebte und wirkte, berichtet im Archiv für Anthropo- logie(Band 7, Heft 3i über die oft merkvürdigen Sitten dieses Volkes. Die Bakundu sind Bauern, Jäger und Fischer, treiben aber keine Viehzucht, da Haustiere wegen der Tsetsefliege, die be- kannte Ueberträgeriu der Schlafkrankheit, nicht gehalten werden können. Der Acferbati. der sich in der Hauptsache auf den Anbau von Pisangstauden beschrankt, macht keine intensive Feldarbeit not- wendig, so daß der Bakundubauer sich nicht zu überanstrengen braucht. Die Bakundu sind daher auch ein leichtlebiges Volk, das meist nur von beule aus morgen sorgt. Besonders iiiterefsanl sind bei ihnen die Ehesitten. Zwar herrscht dort die Vielweiberei, und die Frau steht in absoluter Ab- häugigkeit vom Manne, trotzdem ist das Eheleben relativ barmo- riisch. Viele Kinder zu haben, gilt als große Ehre. Kinderlosigkeit als Unglück. Dennoch wird die Geburt von Zwillingen als Unehre empsnndcn, da man glaubt, hierdurch auf eine Stufe mit den Tieren heruntergedrückt zu werden. Die Ehe kommt durch Braut- kauf zustande, dock immer nur innerhalb desselben Toms. Die dadurch bewirkte Inzucht hat naturgemäß Dcgenerationserscheinuu- gen zur Folge gehabt, und schwächlicher Körperbau sowie eine hohe Slerblichkeitszisser siitd an der Arbeit, die Bakundu mehr und inebr in ihrer Bolkskraft zu schädige». Eine Gattin kostet 80 bis 400 M.; der Preis, der nicht in Geld, sondern in Gegenständen wie Tüchern. Ziegen, Branntwein m:d Kleidungsstücken bezahlt wird, bleibt Eigentum dcS Brautvaters, der damit tun kann, was ihm beliebt. Töchter zu haben, ist also bei den Bakundu ein ganz rationelles Geschäft, zumal man eine Mitgift bei den Bakundu nicht kennt. Nebrigens siitd auch weniger bemittelte Liebhaber in der Lage, zu heiraten, da die Kaufsumme in Raten abgezahlt werden kann. Schon im frühesten Alter der Kinder schließen die Eltern den Ehevertrag ab, doch lann das Verhältnis bei gegenseitiger Ab- »eigung der Brautleute gelöst werden. Stirbt ciiie_ Frau nach kurzer Ehe. so sind ihre Angehörigen gehalten, als Schadenersatz eine zweite Frau zu liefern. Zwar steht dem Manne das Recht der Ehescheidung in vollem Ilm fange zu, doch muß er um der lieben Sippschaft willen Gründe vorbringe::. Als solche gelten Faulheft, Halsstarrigkeit, sorrgesetzic Untreue und Uufruchivartett. Nachdem der(staue im Einverüänd- nis mit feiner Famüie die Ehe geschieden bat, können beide Teile sofort sich anderweitig verheirrte::, doch bleiben die Kinder dein Manne. Stirbt der Mann, so fallen seine Frauen Di neu mänu- iichei: Verwandten zu. Die Kindesaussetzung gehört nickt zu den «�Gepflogenheiten der Bahnibu, doch wird, wenn die Mut:er bei der Entbindung stirbt, dem Neugeborenen der Schäocl eingeschlagen und der kleine Leichnam der Mutter mit ins Grab gegeben. DaS� selbe geschieht, wenn die Mutter in den ersten Lebensmonate» des Kinde» stirbt, und zwar in beiden Fällen, weil für das Kind eine neue Nahrungsquelle beschafft werden müßte. Der Dorfhäuptting, der zwar über die Männer unumschränkt herrscht, aber nur für den Frieden gewählt ist und im Kriege keinerlei Funktion zu er» füllen hat. besitzt keine Machtbefugnis über die Frauen, bielmehr werden diese von einer von ihnen selbst gewählten Frau regiert. Schach. Unter Leitung von S. Alapin. Platoff. ab ede Weiß zieht und macht Remis. Lösung. 1. Tb3s. Kg7; 2. TgSf, Kh6(Betritt der König die t-Reihe. so kann TdS folgen, um auf IckZs mit TXLf zu antworten, während bei anderen KönigSzügen das ewige Schach auf b3 und gS ausreicht) 3. TdS, LfSf; 4. Ka7!, dlD(Auf dlT folgt TXL ebenfalls mit Remisschluß) 4. TXdOs!, DXT(sonst TX'D) Weiß ist Patt.(Eine seltene und bemerkenswerte Patt-Stellung l) Schachnachrichten. In Wie» fand unlängst ein kleiner Wettkampf zwischen den Meistern R. Spielmann und Dr. Tartakolver statt, den letzterer in überlegener Weise mit O'/a zu S'/» gewann. Nachstehend hiervon eine Partie: Frvmms Gambit. Dr. Tartakower. R. Spielmann. 1. 12— k4..... Der Sinn dieser sogenannlen „Holländischen" ttrössnungSart ist ebenso wie I. 42— 44 oder J. Sgl— 13 gegen 67— e5 gerichtet, steh! aber den letzteren Spielarten wesentlich nach, weil mit dem Texlzuge nicht mir kein Entwickelungs- Essekt verbunden ist, sondern dessen Zweck, die Verhinderung von s7—ss nämlich. auch mir bedmgimgsweise erreicht wird,>vie aus nachstehendem erjichllich. 1...... e7— e5 Statt dieses AambitzugeS kommt auch die solide Entwickelung mit 1...... 45; 2. 813. c61 3. o3. Dc7 ic. nebst Vorbereivmgen(347 oder f6 oder g6 und Lg7?c.) zn e7— e5 in Betracht. Man sieht, daß nicht nur durch den Textjng. sondern auch sonst der Zweck von 1. 14 1 louni erreichbar ist. 2. f4Xe6..... Gestattet dem Gegner einen starken Angriff. Will Weiß es vermeide!:, so kann er mit 2. o2— et t in ein Königs- gambit einlenken. Durch den Text- zug entsteht der Name der Eröffnung. f.FrommS ptambit" ist also nur eine Urstcrvmiante von„Holländisch».) 2...... d7— dö 8. o5Xd6 LfSXd« 4. Sgl— f3 g7-g5 Bon Dr. Em. LaSker herrührend. Buch mit 4...... Sh6; 5. 44, Sgl; 6. 1)43(sonst SXH*)«...... 0-0; 7. Lg5, 10; 8. 1.42, 15:c. hat Schwarz gnlen Lugriff für den Bauer. Der rcaSkersche Zug droht g5— gt nebst J>48— h4r mit Vernichtung. 5. 42—41 gö— g4 6. Sf3— e5 SbS— c« Tie einfache Fortsetzung: 0...... T.XS; 7. 4 Xsl». i>. C-Df: 8. KXD- Si-4; 9. Lf l, Sge7 nebst eventuell Sei— gCXeä gewann den Bauer mit ausgezeichneteur Epiel allmählich zurück. 7. Ss5X°S d7Xo6 In Betracht kam 7...... Dh4r; 8. g3, LXgS-f; 9. hXg3, VXT nebst eveM. h7— h5 ic. 8. g2— g8 h7— h5 9. Lkl— g2 h5-h4 10. Ddl— dS!..... Bei 10, LXcSf, L4T; II. LXT?, DXT- te. wird der Angriff von Schwarz übermächtig. 10...... Lc8-d7 11. Sbl— c3 Ta8-b8? Mit 11...... h3I war der Angriff leichter zu sühren. Z. B.: 12. I.ol. Ss7: 13. Lgö, 15; 14. LX», IX»*: 15. LXD, eXd3; 16. 146, 0-0; 17. O-O, 4X»2:c. 12. 0-0!..... Sieht zwar kübn aus, scheint aber einwandfrei zu sei». 12...... b4Xg3 13, b2Xg3 c6— cö 14. Lei— 14 Ld6Xf4 Auf 14...... TXb2{oIfit 15.LXL. cX<16; 16, dXo6, dXc5; 17. Sei mst zahlreichen Drohungen. lö. TtlXk4 Dd8— g5 16. ScS— e4 Dg5— h6 17. Se4Xo6..... Ein üanchellierter Läufer auf g? oder b2 schützt gewöhnlich den König in der betreffenden Rochodeftellung sehr wirksam gegen Angriffe der Dame auf der freien Turmlinie. falls der König aus 11 oder ol Zuflucht finden kann. Ein oft vorkommender Ber- teidigungSzug, der z» merke,« ist. 17...... SgS—£6 18. Sc5Xd7 SmXd7 19. DdS— e4t Ke8— d8 Auf Kf8 folgt- Df5. •20. mXtf ThS-eS LI. Del X gl DhC-eSt 22. Kgt— ft Aufgegeben. Sie aus obigen Gloffen«sichtlich. köimen wir trotz dieser Partie weder die Holländische Erüjsnm:g noch die Annahm« de»„FrvmrnS(sambil» unseren Lesern empfehlen. «crantw. Redakteur: Alfred Wielrpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: BorwärtSBuchdruckere: u.BerlagZaustaItPaulSingerL-Co.,Berlin31V.