Mnterhaltuttgsblatl des Horwärls Nr. 215. Dienstag, den 4. November. 1813 141 r>elge Bendels Lufcrd�löffer. Ein Chikago-Roman von Henning Berger. Heute Morgen, als Bendel Ecke Chestnut Street vom Kabelzug absprang, um zur Abwechselung bei Frau Brant- ström einen Teller Hafergrütze zu essen, an Stelle der kleistrigen Hafergriitze, die in den Frühstücksböhlen des Ge- schäftsviertels serviert ward, hatte die erste Frühstücksabtei- lung schon ihre Mahlzeit beendet und der feinere Teil der Gäste sich versammelt. Da saß die sinnische Dame aus guter Familie, die Mann und Mndern davongelaufen war mit einem jungen Zahntechniker, der jetzt vergebens nach Arbeit suchte, während sie selbst in einem Omnibusvariets mit dem stolzen Namen„Der Biking" Volkslieder sang. Ein vergrämtes Ge- ficht und graue Haare in den ehemals butterblumengelben Locken. Da war die alte schwedische Schauspielerin, die zusammen mit ihrem Liebhaber(der ihr Enkel hätte sein können) auf eine Tournee gelockt worden war und jetzt, den Tod im Herzen, die„Hochzeit auf Ulfasa" zu spielen versuchte— vor einein skandinavischen Bauernpublikum in Turner Hall:„Billette zu fünfundzwanzig Cent, Damen frei, Bier und Whisky wird i nährend der ganzen Vorstellung serviert, nach Schluß der Vor- stellung großer Ball mit fünf Mann hohem Orchester.— Rauchen jederzeit gestattet.— Programm gratis._ Hunde dürfen mitgebracht lverden.— Ende des Balls vier Uhr morgens." Und da saß Sandstedt, der Bauunternehmer, so Whisky- nervös, daß er mit der linken Hand die rechte halten mußte, ivenn er ein Glas nehmen wollte, damit er es nicht fallen ließ: die Hälfte des Inhalts verschüttete er aber trotzdem.— Der alte Aoungberg, den eine amerikanische Bank vor Jahren entlassen hatte, weil er zu ehrlich war, und der jetzt schwedische Romane an Dienstmädchen auf den nördlichen Boulevards verkaufte.— Weiter vorn der alte Haudegen und Lebemann aus Göteborg, der Konkurs gemacht hatte und geflohen war und nun„Jönköping-tändstickor" verkaufte— die schwedischen, blaugclben Schachteln, die kein Mensch in Amerika wollte, weil sie besser waren als das einheimische Fabrikat. Und die ganze Reihe anderer Existenzen. Schatten und Neu- anfänger durcheinander, einzelne, die sich zum Erfolg durch- schinden oder-schwindeln wollten, andere, deren eiserner Fleiß augenblicklich bescheidene Früchte trug, und wieder andere, die aus der Tasche ihrer Väter oder Verwandten lebten, wäh- rend sie allabendlich als eine Art Nachtgebet in der Hoffnung auf eine Erbschaft auf ihre Wohltäter einen barmherzigen Tod herabflehten.— Chevelli z. B., ein halbverrückter Rou4, der sich einbildete, er sei ein Marquis, der der derartig log, daß er selbst an seine Lügen glaubte oder Göransson, der Er- finder, der drei Ewigkeitsmaschinen, zwei Flugapparate, einen neuen Patentkragenknopf und einen Propeller, der in ent- gegengesetzter Richtung mit dem Kurs des Fahrzeugs arbeitete und dadurch(wie Göransson behauptete) dessen Geschwindig- keit verdoppelte, vollständig fertig hatte— �— im Kopf!— Dann war da ein verrückter Bildhauer, Bergenvall, der Christus und die zwölf Apostel in Marmor darstellen wollte —„aber nicht wie dieser Pfuscher von Thorwaldsen, kaum mehr als natürliche Größe, sondern doppelt so groß wie Fogel- bergs Odin und Tor im Nationalmuseum". Mittlerweile, während er auf eine Marmor-Baisse wartete, mußte der arme schwedische Michel-Angelo als Gipsstukkateur arbeiten. Auch einige Deutsche waren da, und sogar, ein paar Amerikaner, die gleich den meisten anderen die große Weltausstellung angelockt hatte; und als dann der Riesenkrach kam, als gewaltiger Schluß dieses Trumpfbluffs der Stadt, setzte er auch den Punkt hinter die erträumten Hoffnungen dieser Individuen — einen Punkt, der sich eine Zeitlang zu einem Gedankenstrich entwickelte, um zuletzt, nachdem er vielleicht noch eine Weile als Fragezeichen dagestanden hatte, mit dem Ausrufungs- zeichen des Revolvers zu enden. Der kleine Schotte. Mc Kenzie, war darin typisch. Mit der Entrücktheit des Mor- phinisten starrte er gläsern in seine Teetasie, ohne zu hören oder zu sehen. Und die Frauen! Ach, sie hatten alle dasselbe Aussehen: überarbeftet, ausgemergelt, in Seide und Schmuck, mit zer- stochenen Fingerspitzen, zerrissenen Lungen und dem unHeim- lichen Unterleibsleiden des Landes glichen sie Puppen aus dem Journal einer Schneiderin— ohne das stereotyp schöne Ge- ficht der Puppe. Ein paar hatten noch die echte Farbe der Heimat auf runden Wangen, aber die übrigen stanken nach Puder und Schminke. Eine war verheiratet und im letzten Stadiun? der Schwangerschaft, saß aber noch immer mit am Tisch; sie mußte bis zum letzten arbeiten für ein Atelier, um nicht entlassen zu werden. Ihre amerikanische Kollegin riet ihr denn auch, das nächstemal der Sitte des Landes zu folgen: Operation um jeden Preis— es gab keinen Arzt, der da niZ)t behilflich sein würde. Am oberen Tischende saßen zwei Herren in einsilbigem Gespräch. Der eine war Doktor Hannover, der mit einem glänzenden Abgangszeugnis vom Zentralinstitut und einem Vibrationsapparat versehen sich die mühsame Aufgabe gestellt hatte, wirkliche Kranken-Heilgymnastik und-Massage unter den Quacksalbern und Pfuschern in seinem Beruf einzuführen. Er hatte ein breites, mürrisches und abweisendes Gesicht, das aussah, als hätte ein Vulkan es verheert: aber in den braunen Lavakrusten, die das ursprüngliche Modell umgeformt hatten, blinkten ein paar freundliche Augen, deren plötzliches gütiges Aufglänzen der Widerschein eines prächtigen schwedischen Her- zens war. Ohne allen Zweifel mußte die starke, breitschultrige, ein bißchen stiernackige Gestalt dereinst Stellung und Auer- kennung gewinnen, allen Freibeutern zum Trotz, und dos ein- zige, was zu befürchten stand, war, daß mit der Zeit auch das Innere, das Herz, unter der Lava erstarren würde. Denn das ist der Lauf der Natur in diesem Land. Der andere war sein gerader Gegensatz. Es war Griff, aus der bekannten Göteborger Familie, klein, geschmeidig und fein, mit Künstleraugen und einem weichen,»vehmüttgen Zug um einen empfindsamen Mund. Er war ebenso alt wie die übrigen, konnte aber in einer gewissen Beleuchtung aussehen wie ein Kind. Die nächste Minute enthüllte eine gefurchte Stirn, und über das gute und reine Oval des Gesichtes glitt es düster und bitter, wie der Schatten einer Wolke über ein schönes Wiesenrund. Er hatte sich eine musikalische Zukunft geträumt und war Joachims Lieblingsschüler gewesen, aber der Lohn seines Fleißes war eine Lähmung in der linken Hand. Jetzt war er ein vortrefflicher Bankbeamter und auf dem Weg, eine Berühmtheit in seinem Fach zu werden. So kann die Resignation manchmal— manchmal!— selbst in Amerika eine Vergeltung finden. Bei diesen beiden war für Bendel ein Stuhl umgelegt, und hier ließ er sich nieder. Seit bald einem Jahrzehnt bildeten sie ein Trio, und die beiden waren die einzigen Landslcute, an denen er fest- gehalten hatte oder vielleicht auch die an ihm festgehalten hatten. Seit Jahren hatten sie untereinander über alles gesprochen. Sie kannten einer des anderen Vorgeschichte, einer des anderen Hoffnungen und Träume, einer des anderen Stärke und Schwächen, Spannweita und Begrenzung, Eigen- heiten, Fehler und Laster. Aber sie vergaßen auch nickst in dunkeln Augenblicken, wie das sonst so oft der Fall ist, einer des anderen gute Seiten und Verdienste. Uebrigens hatten sie selten etwas Neues zu berichten. Nach der ersten freundlichen Begrüßung trat eine Pause ein. Sämtliche Frühstücksgäste aßen mit einer wahnsinnigen Hast, die schon an sich, ohne jeden weiteren schädlichen Ein- fluß, die Grundlage zu Dyspepsie und Magenkatarrh legte. Sie verschlangen alles, lvas ihnen vorgesetzt wurde, mit ängst- lichen Seitenblicken nach der Uhr ailf dem Kaminsims, als gälte es ein Preisessen, bei dem jede Sekunde ausschlaggebend war für den Gewinn. Jeder war natürlich bis zur letzten Minute in seinem Bette geblieben, und jetzt hieß es sich be- eilen, um mit dem Glockenschlag zur Stelle zu sein, immer voll Todesangst vor der über dem Haupt schwebenden Ent- lassung. Gleichzeitig aber durfte man sich doch auch keinen Bissen entgehen lassen: hatte man nicht Geld dafür bezahlt? Alles beides ließ sich nicht vereinigen: darum wählte mau den Mittelweg und ließ das Kauen aus. Da die Mahlzeit ans Obst, Hafergrütze, gebratenem Speck mit gekochtem Mais und Beefsteak mit Ei bestand, und mit einem Dutzend diinner Pfannkuchen, ohne Brot und Butter, schloß, dabei mit wahren Fluten von Eiswasser, Milch und meist kochend heißem Tee und Kaffee, in dampfender Hast hinabgespült wurde, so konnte man den Eindruck einer ge- radezu überreich besetzten Tafel gewinnen. Aber diese Auf- fassung beschränkte sich auf das Auge; der Mund vermochte unmöglich etwas anderes aufzufassen als abwechselungsweise brühheiße und eiskalte Empfindungen. Und das war,� in einer Art, zweifellos recht gilt, da Pferdefleisch, Margarine, konservierte und pulverisierte, neuerfundene und patentierte, chcniische und mineralische Surrogate auf die Dauer einein Gourmetgaumeii doch nicht zusagen. Aber diese Maschinen- menschen aßen wie Hastigkeitsmaschinen und schlugen buch- täblich ihren eigenen Rekord, obgleich sie leider— im Gegenatz zu wirklichen Maschinen— nicht mit eisernen Mägen ausgerüstet waren. (Fortsetzung folgt.) Eine materiaUlWcKe Soziologie« Das Werk Müller-Lyers. 1. Die historische Auffassung. Kiirztich behauptete ein deutscher Pastor in einem Buch über die proletarische Jugend, daß Schriften historischen Inhalts bei der jugendlichen Arbeiterschaft wenig Interesse finden. Diese Behauptung muß zunächst jeden befremden, der weiß, daß es von ernster Lektüre neben nalurwissenslbnstlichen gerade historische Werke find, die zu- nieist in unseren Vlbiiolheken verlangt werden, denen sich der Bildungshunger der jungen und älteren Arbeiter zuwendet. Aber es Sind allerdings andere Schriften, als sie jener Pastor wohl im Auge at, denn unsere Auffassung von Geschichte und ihrem Wert unterscheidet sich Ivesentlich von der bürgerlichen. Schon in der Wahl des Gegen« standcs machte sich dieser Unterschied bemerkbar. Die schönsten Hohenzollerngeschichlen oder die Erzählung der Heldentaten irgend- welcher Generäle läßt uns ziemlich kühl; die Geschichte der Revo- lutionen hingegen bietet uns reichstes Interesse, ober auch die Ge- schichte der Kultur, des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Doch nicht nur der Gegenstand ist es, durch den sich unsere GeschichtS- darstellung von der bürgerlichen unterscheidet. Die ganze BetrachtungS- weise ist völlig verschieden. Als um die Wende des 18. Jahrhunderts die damals noch revo- näre Bourgeoisie gegen die Mächte des Feudalstaates und des Ab- solutiSnius Sturm zu laufen begann, da versuchte sie vor allen,, die ideologischen Stützen zu zertrünimerit, die den Bestand dieser Mächte sicherten. Sie suchten nachzuweisen, daß die Religion mir eine Erfindung schlauer Pfaffen, der bestehende Staat eine willkürliche Ein- richtung der Despoten und ihrer Knechte sei, und manche Rcvolutio- näre gingen so weit, diese Kritik auch auf das Heiligtum der Familie auszudehnen, indem sie behaupteten, auch die Ehe sei nur eine schlaue Erfindung der Pfaffen, um die menschlichen Triebe in spanische Stiefel einzuschnüren und dadurch die Menschen besser gängeln zu können. Dieser„Ausklärung" gegenüber beriefen sich die„Reaktionäre" auf die„historischen Rechte". Sie wiesen nach, daß Religion, Staat, Familie usw. keineswegs willkürliche Erfindungen wären, daß sie sich vielmehr allmählich im Laufe der Geschichte entwickelt hätten und daraus schlössen sie, daß es ein Unsinn sei, diese historisch gewordenen Gebilde abschaffen oder auch nur wesentlich ändern zu wollen. Nur eine Wandlung des„Zeitgeistes" könne vielleicht im Laufe von Jahrhunderten oder Jahrtausenden etwas an diesen durch die Geschichte geheiligten Einrichtungen ändern, nicht aber der vor- witzige revolutionäre Mensch. Je mehr nun die Bourgeoisie selbst zur Herrschaft gelangte, unk so mehr war sie geneigt, sich diese Philosophie der Gesättigten selbst anzueignen. Die ganze bisherige Geschichte war nur eine allmähliche Vorbereitung auf die herrliche Zeit der bürgerlichen Welt, der kapitalistischen Wirtschaft. Daniit schließt nach dieser Auffassung vorläufig die Weltgeschichte. Vielleicht wird später einmal noch etwas geschehen, aber das steht noch weit im Felde. Es ist wohl begreiflich, daß sich die Arbeiterschaft mit dieser Anschauungsweise nicht befreunden kann. Denn das Proletariat ist alles eher als gesättigt, ihm erscheint der Kapitalismus keineswegs als die gottgewollte bleibende Ordnung, über die hinaus es zunächst keine Entwickelung geben soll. Ihm gilt vielmehr auch unsere heutige Welt nur als ein Durchgangspunkt für das kommende Reich des Sozialismus. Den Proletarier interessieren daher an der Ge- schichte weniger die einzelnen Tatsachen, als die Frage, wie weit sich aus ihrem bisherigen Verlaus Schlüsse ziehen lassen über ihre künftige Gestaltung, über die Richtungslinien, in denen.sie verläuft. Die Geschichte ist ihm in erster Linie nicht der Schlüssel der Vergangenheit, sondern der ! Zukunft. Und deshalb finden auch alle Werke, soweit sie überhaupt eineni Verständnis zugänglich sind, sein lebhaftestes Interesse, die daraus ausgehen, die Gesetze des historischen Geschehens zu er- firiinden, die zeigen, wie sich aus den heutigen Zuständen mit der- elben Notwendigkeit wieder eine neue Welt gestalten muß, wie schon bisher die verschiedenen Stufen der Entwickelung auf und au? ein» ander gefolgt sind. Deshalb ist gerade von unserem Standpunkt das Fortschreite« deS großen Unternehmens wärmstenS zu begrüßen, in dem Dr. F. Müller-Lyer„Die EntWickel ung§ stufen der Menschheit" darstellen und die Richtunglinien dieser Entwickelung aufzeigen loill. Was die bisher erschienenen Bändels dieses Werkes besonders wertvoll macht, ist nicht nur ihr wissenschaftlicher Ernst, daS bedeutende Wissen und die große Klarheit der Darstellung, sondern auch der Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung, für deren außerordentliche Fruchtbarkeit Müller-Lyer durch sein Werk neuerdings einen Beweis geliefert hat. Allerdings vollkommen hat sich der Autor von den Banden bürgerlichen Denkens noch nicht befreit. Die materialistische GeschichtS» auffassung ist ihm ein vorzüglicher Wegweiser bis zur heutigen Gesellschaft. Sowie er aber versucht, über diese hinauSzublicken, ver- fällt er in allerhand ideologische Schrullen. Plötzlich soll sich die Ge» schichte nach ethischen Werten, nach moralischen Gesichtspunkten richten. Nickt die Veränderungen des Wirtschaftslebens sind für sie bestimmend, sondern die Gesinnungen der Menschen. Den Klassenkampf, der in den früheren Geschichtsepochen die treibende Kraft war, sieht der Ver» fasser nun plötzlich als ein Schreckgespenst vor sich, von dem er aller- dings hofft, daß eS die Reichen veranlassen wird, Vernunft anzu- nehmen, es nicht zum Acußersten kommen zu lassen. Und wenn die Neichen das nicht selbst einsehen, dann soll sie die öffentliche Meinung, die Stimme deS öffentlichen Gewissens dazu zwingen. So wird die lleberleitung aus der heutigen Gesellschaft in die sozialistische nicht gewaltsam und plötzlich geschehen, sondern allmählich und friedlich, im Laufe von Jahrhunderten. Um diese seine Auffassung zu stützen, muß nun Müller-Lyer die Behauptung ausstellen und verfechten, daß die Menschen im Laufe der Entwickelung immer milder und sanfter werden, und besonders von der heutigen Welt muß er konstatieren, daß die„Umwandlung des Kriegsstaates in den Industriestaat" im Begriffe ist, alle Gegen« sätze auszugleichen, der Arbeit erhöhte Würde zu verleihen, die Reichen den Wünschen der Ausgebeuteten zugänglicher zu machen. Und er, der die Vergangenheit mit so scharfem Blicke durchdringt, sieht nicht, wie die rauhe Wirklichkeit seine optimistische Auffassung auf Schritt und Tritt Lügen straft, wie die Brutalität der mensch- lichen Natur in dem modernen Ringen ihre schlimmsten Orgien feiert, wie die Klassengegensätze immer schärfer werden, und wie insbesondere gerade die höchste Entwickelung deS kapita« listischen„Industriestaats" zu einer Stärkung des Miliiarisinus, des Kasernengeistes, der Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit in der äußeren und besonders der Kolonialpolitik führt, wie sie die Welt- geschichie noch nicht gesehen hat. Alle Schandtaten der spanischen Konquistadoren auf ihrer Suche nach Silber und Gold verblassen neben den namenlosen Greueln, die das Kopital an völlig wehr- losen Eingeborenen im Kongo und in Putumayo begeht auf der Suche nach Kautschuk. Und haben die Mongolenstürme, hat der dreißigjährige Krieg, hat die Völkerwanderung etwa« aufzuweisen, was an Gräßlichkeit auch nur entfernt heranreicht an das Unter« nehmen, ein ganzes Volk in eine wasserlose Wüste zu treiben, um es dort elend verschmachten und verrecken zu lassen? Nein, der Uebergang vom Kriegsstaat zum Industriestaat hat keine Sättigung der Menschheit mit sich gebracht, sondern nur ein Anwachsen der Heuchelei. Der Kapitalist würgt nicht mehr mit eigener Hand wie einst der Raubritter oder der Fronherr, er läßt es durch seine bezahlten Knechte und durch den Staat besorgen; aber die Reichtümer, die er erpreßt, sind ungleich größer, als was jene erbeuteten, und der Druck, den er ausübt, glastet viel schwerer und auf ungleich größeren Massen. Ein Massenelend, wie das deS modernen Proletariats hat keine frühere Epoche der Geschichte gekannt. Nun meint allerdings Müller-Lyer selbst, die Plutokratie, die ganz Reichen, werde wohl nicht freiwillig nachgeben, obgleich er in den Stiftungen amerikanischer Milliardäre den Beginn einer„frei- willigen Abstoßung übergroßer Vermögen" erblickt. Ja, er spricht von dem„Riesenuntcrnchmcn, die furchtbare Macht der Plutokratie zu bezwingen, über dessen Bewältigung vielleicht Jahrhunderte verstreichen werden". Sehr tröstlich klingt diese Vorhersage gerade nicht. Wer soll nun aber diese Macht brechen, und wie soll das geschehen? Hier verfällt Müller-Lyer ganz in die schon längst überwunden geglaubte Utopie der St. Simonisten der 3<1er Jahre, die dann von den Anarchisten, besonders Bnkunin ivieder aufgenommen wurde: die Abschaffung oder doch wesentliche Beschränkung des Erbrechts. Das System des Privatkapitalismus soll also beibehalten, aber durch die Abslhaffung des Erbrechts unschädlich gemacht iverden. Allerdings weiß Müller- Lyer für frühere Geschichtsepochen sehr gut. daß die Regelung der Famiue und damit auch de« Erbrechts von den Wirtschaflsverhältnissen der betreffenden Gesellschaft abhängt; für den Kapitalismus aber soll das plötzlich anders sein, hier wird die Wirtfchaftsversassung durch die Regelung des Erbrechts geändert. Doch braucht ans die ökonomische Unmöglichkeit dieses Vorschlags, die schon so oft nachgewiesen wurde, hier nicht nochmals ein- Bd. I.„Der Sinn des Lebens und die Wissenschaft," eine philosophische Einleitung deS Gesamtwerkes. Bd. II.„Phasen der Kultur und Ricbtungslinien des Fortschritts." Bd. UI.„Formen der Ehe, der Familie und der Verwandtschaft." Bd. IV.„Die Familie." Sämtlich verlegt in I. F. Lehmanns Verlag, München.„Die Phasen der Liebe" erschienen im Verlag A. Langen, München- gegangen zu werden, denn Mllller-Lyer widerlegt sich selbst in der bündigsten Weise. Die Abschaffung des Erbrechts soll nach seiner Auffassung nicht durch den Klassenkampf des Proletariats herbeigeführt werden, sondern durch die Gesetz- gebung des bestehenden Staates. Er selbst aber charakterisiert die Gesetzgebung des heutigen Staates mit folgenden so treffenden Worten: „Vor den Kulissen stehen die großen Staatsmänner und Parla- mentarier und spielen dem naiven Volk das Stück von der Kon- stitution vor; aber hinter der Kulisse steht der Plutokrat, er ist es, der an goldenen Fäden jene Männer wie Marionetten agieren läßt. Denn jede Demokratie ist, so lange die Plutokratie herrscht, nur eine Farce, ein Wort, das keinen Sinn hat, geschaffen zur Verblendung der Ausgebeuteten." Wie soll aber denn die Macht dieser Plutokraten durch den Staat gestürzt werden, den sie selbst beherrschen? In solche Wider- spräche gerät Müller-Lyer, wo er von der Fortentwickelung des Kapitalismus zum Sozialismus spricht. Ihm fehlt das Vertrauen in die sieghafte Macht des proletarischen Klassenkampfes. Allerdings spricht er auch einmal von der Möglichkeit einer Umwandlung der Gesellschaft auf diesem Wege; aber er betrachtet diese Wahrscheinlich- keit offenbar als sehr gering und glaubt, auf dem Wege der all- mählichen Abschaffung des Erbrechtes sei derselbe Erfolg ruhiger und sicherer zu erreichen. Und so verstrickt er sich in ein ganzes Netzwerk innerer Widersprüche, das im vollsten Gegensatz steht zu der großen Durchsichtigkeit und Klarheit, die sonst seine Darstellung fast durchgehendS auszeichnen. Durch diese Unsicherheit und Unklarheit in der Behandlung des Ueberganges vom Kapitalismus zum Sozialismus wird der Wert des Werkes einigermaßen beeinträchtigt. Das ist um so mehr zu bedauern, als dieses im übrigen eine der wertvollsten Gaben ist, die uns die Sozialwissenschaft in den letzten Jahren geboten hat. Be- (onders der zweite und der vierte Band, die jeder auch als ganz elbständiges Werk gelten können, füllen Lücken unserer Literatur aus, die schon schmerzlich empfunden wurden. Wir wollen daher besonder« auf den Inhalt des letzterschienenen Bandes„Die Familie" etwas näher eingehen. G u st a v E ck st e i n. (Courage. Erzählung von John GalSIvorthy. Damals(begann Ferrand) ging eS mir gerade miserabel. Nicht so miserabel, daß ich ohne Mittagessen hätte auskommen müssen, sondern so hundeschlecht, daß ich weder ein Frühstück, noch ein Mittag- essen, noch ein Nachtmahl hatte, und mich, so gut es eben ging, mit Brot und Tabak durchschlagen mußte. Ich wohnte in einer ener Vierpenny-Herbcrgen um Westminster herum. Drei, fünf, ogar sieben Betten in einem Zimmer; zahlt man regelmäßig, so hat man sein eigenes Bett, wenn nicht, so schläft ein anderer darin, der einem totsicher ein Andenken hinterläßt. ES ist kein Quartier für Ausländer, fast alle Bewohner sind Engländer und Trunkenbolde. Dreiviertel von ihnen essen nichts-- sie können nicht essen; sie sind nicht mehr imstande, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Sie tun nichts als trinken. Sie sind nicht wert, daß man sich ihrer annimmt--; Leute, die Droschken besorgen, Zeitungsjungen, Schuhriemenverkäufer und sogenannte Sandwichmen, zum großen Teil derart verwildert, daß nichts mehr mit ihnen an- zufangen ist. Was kann man auch sonst erwarten? Ihre einzige Sorge ist, genug zusammenzuscharren, um nicht elend zu verhungern, an irgend etwas anderes zu denken haben sie weder Zeit noch Kraft. Abends kehren sie so todmüde zurück, daß sie sofort in Schlaf sinken — und wie fest sie schlafen! Nein, sie essen niemals, höchstens ein Stück Brot, alles übrige vertrinken sie! In diese Herberge pflegte ein kleiner Franzose zu kommen, der ein gelbes runzeliges Gesicht hatte; er war nicht alt, etwa um die Dreißig. Aber sein Leben war schwer gewesen— keiner kommt in ein solches Haus, so lang es ihm gut geht, besonders kein Franzose; der Franzose verläßt nur ungern seine Heimat. Er kam hin, um uns zu rasieren und verlangte einen Penny dafür; die meisten von uns vergaßen, ihn zu bezahlen, so daß er im Durchschnitt drei für einen Pennh zu rasieren hatte. Er besuchte noch andere Herbergen, davon lebte er— hatte auch einen kleinen Laden nebenan gemietet, in dem er jedoch nie etwas verkaufte. Wie er arbeitete! Er ging auch in eine ihrer Wohltätigkeitsanstalten, das war jedoch weniger einträglich, denn dort hatte er zehn für einen Pennh zu rasieren. Dann sagte er mir gewöhnlich, wobei er seine müden Finger rieb, die wie dünne gelbe Stäbchen aussahen:„Puh I Ich schufte wie ein Sklave! Vier Pence muß ich ausgeben, Freund, um einen einzigen Penny zu verdienen. Was wollen Sic machen? Man muß sich ordentlich nähren, denn es heißt genügend Kräfte sammeln, um zehn für einen Penny zu rasieren." Er glich einer Ameise, so lief er in einem fort in dem kleinen Loch herum, aber trotz aller Rührigkeit konnte er dabei kaum das nackte Leben fristen; und dennoch hoffte er immer, noch genug zu ersparen, um nach Frankreich zurückkehren und dort leben zu können. Wir mochten einander gut leiden. Mit Ausnahme eines Sand- wichman, der einmal Schauspieler gewesen und ein kluger Kops tvar, wenn er sich nicht gerade betrunken hatte, lvar er tatsächlich der einzige in dem ganzen Haufen, mit dem man reden konnte. Er amüsierte sich gern und schwärmte für's Variets— wenigstens zweimal im Jahre mutz er hingegangen sein, und dann sprach er unaufhörlich davon. Zwar fehlte ihm das Geld, um sich etlvas zu gönnen, aber er unterhielt sich stets nach besten Kräften.— Mich nahm er gewöhnlich als den letzten vor, und dann rasierte er mich langsam. „Bei Ihnen kann ich mich ausruhen." pflegte er zu sagen. Auch mir war's angenehm, denn ich hatte mich daran gewöhnt, ganze Tage herumzugehen, ohne den Mund aufzurun. Nur ab und zu trifft man jemand, mit dem man ein vernünftiges Wort sprechen kann; die übrigen lachen nur zu allem, sie scheinen einen für einen Sonderling, für einen Narren zu halten— für etwas, das man in einen Käfig sperren oder am Bein anbinden sollte. „Ja", bemerkte der kleine Mann gewöhnlich,„als ich herkam, hoffte ich, bald wieder nach Frankreich zurückgehen zu können, aber jetzt kann ich's nicht mehr so oessimmt sagen. Nach und nach verlier ich alle Illusionen. Das Glück hat Flügel, doch fliegt es nicht zu mir. Glauben Sie mir, Freund, ich brauche meine Seele auf, während ich diese Musterexemplare rasiere Und wie unglücklich sie sind, diese armen Geschöpfe, wie sie leiden müssen! Triiiker, sagen Sie? Ja, aber das ist noch ihr einziger Trost, das macht sie wenigstens noch hie und da ihr Los vergessen. Leider habe ich nicht die Konstitution dazu— hier." Und dann pflegte er mir zu zeigen, Ivo ihm die nötige Konstitntion mangelte.„Auch Sie, Kamerad, scheinen kein Glück zu haben, doch sind Sie schließlich noch jung. Da nützt nichts, Philosoph muß man sein— bedenken«-ie nur, wie schwer einem da« Leben in einem solchen Klima fällt, besonders, wenn man aus dem Süden kommt!" Als ich fortging, und das geschah, sobald ich nichts mehr zu verpfänden hatte, gab er mir Geld— in einer Herberge leiht man nicht: wenn einer dem andern Geld gibt, dann schenkt er cS ihm; und er kann sich glücklich schätze», wenn er nicht noch obendrein ausgeraubt wird. Dort gibt's Brüder, die auf ein Paar neue Schuhe oder einen anständigen Mantel lauern, ruhig abwarten, bis der Betreffende eingeschlafen ist, und dann eilends verschwinden. Wer so tief im Elend steckt, kennt keine Moral, da mußte einer schon aus Eisen sein; diese Menschen aber sind wie Stroh. Eines jedoch muß man dem Engländer aus der untersten Volksschicht lassen: er ist nicht blutdürstig wie der Franzose und Italiener in derselben Lage. Kurz und gut, ich verdingte mich als Heizer auf einem Dampfer, kam weit herum, und nach sechs Monaten war ich wieder zurück. Gleich am ersten Morgen traf ich den Franzosen. Es war Rasier- tag; mehr als je kam er mir wie eine Ameise vor, wie er so mit Händen und Füßen herumarbeitete; sein Gesicht sah vielleicht noch etwas gelber und runzeliger aus. „Ah!" rief er mir auf Französisch entgegen,„da sind Sie ja wieder. Ich wußte, daß Sie zurückkommen würden: Warten Sie, bis ich mit dem Exemplar da' fersig bin, ich Hab Ihnen eine Menge zu erzählen." Wir begaben uns in die Küche, einem großen Raum mit Stein« fliesen, wo Tische zum Essen standen, und setzten uns ans Feuer. Es war im Januar— in dieser Küche brannte Sommer und Winter stets ein Feuer. „So sind Sie also zurückgekehrt I" sagte er.„Kein Glück ge- habt? Eh! Nur Geduld I Wenn Sie noch ein paar Tage darauf warten müssen, wird Sie das auch nicht umbringen, wo Sie noch so jung sind. Was für Nebel das waren! Wie Sie sehen, bin ich noch immer hier. Aber mein Kamerad Pigon ist gestorben. Sie werden sich noch an ihn erinnern— der große Mann mit den schwarzen Haaren, dem der Laden weiter unten in der Straße ge- hörte. Ein lieber Kerl, war mein Freund und verheiratet. Hatte eine schöne Frau, etwa? stattlich— sie hat ja eine Menge Kinder — aber von guter Familie. Hat plötzlich einen Herzschlag be- kommen. Einen Augenblick, ich werd' Ihnen gleich mehr davon er- zählen..." „Es war nicht lang nach Ihrer Abfahrt, eines schönen TageS im Oktober, als ich grade mit den Exemplaren da fertig war und meinen Kaffee im Laden trank und an den armen Pigon dachte, der erst drei Tage tot lag— da bum! klopfte eS an die Tür. und Madame Pigon steht vor mir! Sehr gefaßt — eine Frau aus guter Familie, gut erzogen, gut geraten— eine schöne Frau; aber mit blassen Wangen und geröteten Augen, die Aermste!" „Bitte, Madame", frug ich sie,„was kann ich für Sie tun?" Es scheint, dieser arme Pigon war bankrott, als er starb— kein Pfennig im Laden! Er lag zwei Tage im Grabe und schon waren die Gerichtsvollzieher im Hause. „Ach, Monsieur", sagt sie,„was soll ich nur anfangen?" „Einen Augenblick, Madame I" Ich hole meinen Hut und gehe mit ihr in den Laden zurück. „Welch ein Anblick! Zwei Gerichtsvollzieher, die eS schon sehr nötig haben, sich rasieren zu lassen, sitzen in dem Laden vor den Waschbecken; und wo Sie hinschau», ma. foi, wo Sie hinschaun, nichts als Kinder! Tt, tt! Ein kleines Mädchen von zehn Jahren, der Mutter sehr ähnlich; zwei klein« Bübchen in kleinen Höschen, und eines im bloßen Hemdlein; und noch zwei andere, ganz kleine— alle kugeln sie auf dem Boden herum; und was für ein entsetzlicher Lärm I alle schreien durcheinander, alle mit Aus- nähme des kleinen Mädchens scheinen sich die Köpfe abreißen zu wollen. Die Gerichtsdicner scheinen ganz perplex. Es war genug, einen zum Weinen zu bringen! Sieben! Und ein paar noch ganz klein! Der arme Pigonl Davon hatte ich keine Ahnung! „Die Gerichtsvollzieher benahmen sich sehr anständig. „„Hören Sie," sagte der gröhere von beiden,„„wir geben Ihnen vierundzwanzig Stunden, um da? nötige Geld zu beschaffen; mein Genosse kann hier im Laden übernachten— wir möchten nicht zu hart mit Ihnen verfahren „Ich half Madame, die Kinder zu beruhigen.' „Wenn ich daS Geld hätte', sagte ich,„würde ich es Ihnen zur Verfügung stellen, Madame-- im Herzen eines jeden an- ständigen Menschen sollte Humanität zu finden sein; aber ich habe kein Geld, Denken Sie doch nach, ob Ihnen nicht Freunde helfen könnten.' „Monsieur', erwiderte sie.„ich habe keine. Hätte ich denn eit. Freundschaften zu schließen-- ich, mit meinen fieben indern?' „Aber in Frankreich. Madame?' „Auch dort habe ich keine. Ich bin ja doch mit meiner Familie überwarfen; und bedenken Sie, es sind jetzt fieben Jahre her. seit wir nach England kamen, und das geschah damals nur. weil uns niemand helfen wollte.' Die Dinge schienen schlimm zu stehen, aber was sollte ich machen? Ich konnte nur sagen: „Lasten Sie die Hoffnung nicht sinken, SDiadame— vertrauen Sie mir!' „Ich ging fort. Den ganzen langen Tag dachte ich daran, wie ruhig sie gewesen war— großartig! Und ich sagte mir in einem fort: Also streng dich an! Denk was anS! ES muß was geschehen I— Aber nichts fiel mir ein. „Am nächsten Morgen hatte ich wieder jene gehelligte Stätte der Wohltätigkeit zu besuchen und ich machte mich auf den Weg. voll von Gedanken, was man nur für die arme Frau tun könnte; e? war, als hätten sich die Kinder an meine Beine geklammert und hielten mich fest. Ich kam spät hin und um die Zell einzuholeir, rasierte ich diese Subjekte dort, wie ich sie noch nie zuvor rasiert hatte; ein heißer Morgen— ich schwitzte l Zehn für einen Pcnnh! Zehn für einen Penny I Ich dachte daran und an die arme Frau. Endlich war ich fertig und setzte mich nieder. Ich überlegte mir: ES ist zu viel! Warum tust Du's eigentlich? Es fft dumm von Dir! Du vergeudest Dich! Und dann kam mir meine Idee! Ich verlangte nach dem Verwalter. .Monsieur' sagte ich. ,cS ist mir unmöglich, loeiter her- zukommen.' „WaS sagen Sie?' fragt er. „Ich habe Ihre„Zehn für einen Penny' satt— ich heirate; ich kann es mir nicht leisten, noch länger herzukommen. Ich magere zu sehr ab— für so ein Schundgeld!' „Was?!' sagt er,„Sie sind ein beneidenswerter Mensch, wenn Sie fich'S leisten können. Ihr Geld so zum Fenster hinaus- zuwerfen.' „Mein Geld zum Fenster hinauswerfen! Pardon, Monsieur, aber schauen Sie mich an'— ich schwitzte noch iinmer sehr stark— „für jeden Penny. den ich hier mache, verliere ich drei, und dabei rechne ich gar nicht die Schuhsohlen, die ick hin und zurück auf dem Wege ablause. Als ich noch Junggeselle war, Monsieur, ging's nur mich und sonst keinen was an, damals konnte ich mir diese Ertra- vaganzen noch erlauben, aber jetzt muß das ein Ende nehmen— ich habe die Ehre. Monsieur!' Ich ließ ihn stehen und ging fort. Ich begab mich zu dem Laden der PigonS. Der Gerichtsvollzieher war noch immer dort— pfai! Er muß die ganze Zeit geraucht haben. „Ich kann Ihnen keine längere Frist gewähren', erklärte er mir. „Das hat jetzt nichts mehr zu sagen,' gab ich zurück; und ich klopfte an und ging in das rückwärtige Zinuner. „Die Kinder spielten in einer Ecke, und da« Seine Mädchen mit seinem goldenen Herzen hütete sie wie eine Mutter; und Madame saß am Tisch, ein paar schwarze Handschuhe an. Mein Freund, noch nie habe ich ein solches Geficht gesehen— gefaßt, aber so blaß, so schrecklich entmutigt, so verarämt. Fast sah es aus, als wenn fie den Tod erwartet hätte. Es war arg, es war arg— wo der Winter vor der Tür stand! „Guten Morgen, Madame!' sagte ich,„etwa? Neues? Haben Sie irgendeinen Ausweg gefunden?' „Nein, Monsieur. Und Sie?' „Nein.' Und ich sah fie wieder an— eine schöne Frau; ach, eine schöne Frau! „Aber hören Sie', sagte ich,„heute morgen ist mir eine Idee gekommen. Also was würden Sie dazu sagen, wenn ich Sie auf- forderte, mich zu heiraten? Es wäre am Ende bester als nichts.' Sie blickte mich mit ihren dunkeln Augen an und erwiderte: „Aber gerne, Monsieur I" Und jetzt, Kamerad, jetzt erst fing sie zu weinen an— zum erstenmal I' Der kleine Franzose hielt inne und sah mich lange an. .Hm!' sagte ich schließlich.„Sie haben Courage!' Er starrte mich wieder an; sein Blick verdüsterte sich, als hätte ich ihm ein schlechtes Kompliment gemacht. „Glauben sie?' ftogle er endlich, und ich merkte, wie ihn der Gedanke quälte, als hätte ich ein dunlleS Angstgefühl in seinem Innern aufgerührt. „Ja", sagte er gedehnt, während sein gutmütiges gelbes Gesichr Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag immer runzeliger wurde und jede Runzel dunller zu werden schien. „ich fürchtete mich davor, schon als ich's tat. Sieben Kinder I' Noch einmal blickte er mich an:„Und feit damals!— Manchmal— manchmal könnt' ich ja—' Er brach jäh ab, dann fuhr er heftig fort:„Das Leben ift schwer! Was sollte man machen? Ihr Gatte war mein Freund. Hätte ich es mitansehen sollen, wie fie auf die Straße gehen mußte?" Aus dem Englischen von L. Leonhard. kleines Feuilleton. Hygienisches. Die Antisepsis in der Barbierstube. Der von der Pariser Prophyloftischen Gesellschaft mit der Erforschung von Borbeugungsmitteln beauftragte Dr. Fouquct tritt mit Vorschlägen hervor, deren Ausführung er zur Verminderung der Ansteckungs- gcsahr� in den Barbierläden für unumgänglich, rotwendig hält. Hauptsächlich redet er einer schärferen Desinfektion und Sterili- sation der verschiedenen Gerät« das Wort. Er verlangt, daß die Schneideinstrumente in einer einprozentigen Lösung von Natrium- karbonat nach jedesmaligem Gebrauch gewaschen und hierauf mit einem trockenen Handtuch abgerieben tverden.� Bürsten, Kämme und Pinsel sind täglich in ammomakhaltigem Seisenwasser zu ent- fetten. Alle metallischen Instrumente sind der Flamme auszusetzen. Pinsel und Seisennapf sind bor jedesmaligem Gebrauch in kochen- des Wasser zu tauchen. Bürsten und Kämme sind in einem her- metisch verschlossenen Schrank aufzubewahren, in dem eine Schale mtt. einer vierprozentigen Formallösung steht. Puderquasten dürfen nicht gebraucht werden. Statt ihrer hat man sich Watte- bausche zu bedienen, die nach jedesmaligem Gebrauch fortgeworfen werden müssen. Ein Trockenzerstäuber ist ebenfalls zum Pudern zulässig. Alaunsteine dürfen nicht benutzt werden; sie find durch pulverisierten Alaun zu ersetzen, der mit Hilfe eines Wattebausches aufgetragen wird. Ferner legt Dr. Fouquet den Barbieren ans Herz, das Rasiermesser nicht durch Streichen über den Daumen auf seine Schärfe hin zu prüfen. Der Battcriologe Dr. Langlais hatte festgestellt, daß ein Rasierpinsel, nachdem er in balterien- freies Wasser getaucht worden war, dort nicht weniger als 160 000 Bakterien aus den Kubikzentimeter hinterließ. Das Rasiermesser erwies sich als nicht weniger gefährlich. Es wies 7000 Bakterien vor dem Eintauchen in das Sterilisationswasser auf. 14 000 nach dem Streichen über den Riemen und 26 000 Bakterien, nachdem der Barbier mit dem Daumen die Schärf« der Schneide geprüft hatte. Der als antiseptisches Mittel vielgerübmte Alaunstein ergab nach den Forschungen Dr. Remlingers 68 250 Bakterien auf den Kubikzentimeter in bakteriensreiem Wasser. Und Bürsten und Kämme konnten sich einer nicht minder reichhaltigen Bakterien- flora oder besser Fauna rühmen. Verkehrsweseu. Der Weltgürtel der drahtlosen Teleyraphie. Räch den Plänen der Marconi-Gesellschaft, die dieser Tage in Ren» Dar! bekanntgegeben wurden, wird in nicht allzu langer Zeit ein Gürtel von Abgabe- und Empfangsstationen den ganzen Erdball umspannen und damll ein« neue bedeutsame Epoche in der Ge- schichte der drahtlosen Telegraphie eingeleitet werden. Mit der Er» Öffnung der Abgabestatton von Louisberg in Reu-Schottland. die in der vergangenen Woche eröffnet wurde und die mit der Empfangs- station von Glace Bay in Verbindung steht, ist die Möglichkeit der Abgabe und Annahme von transatlantischen drahtlosen Nachrichten verdoppelt worden. Eine neue Erfindung Marconis gestattet, daß die Nachrichten jetzt zur selben Zeit abgesandt und aufgenommen werden. Am 1. Januar 1914 soll dann das neue System der trans- atlantischen drahtlosen Verbindungen weiter verstärkt werden durch zwei Stationen zu Carnarvon und Towhn in Wales und zwei zu Belmar und Reu-Braun schweig in New Jersey. Ein wenig später beabsichtigt die Marconi-Gesellschaft noch andere neue Verbindungen zwischen Boston in Massachusetts und Stavangcr in Norwegen zu eröffnen. Auf diese Weise werden in kurzer Zeit an die Stelle des einzigen Paares von Austauschstattonen, die früher der trans- atlantischen drahttosen Telegraphie zur Verfügung stand, 84 Wege getreten sein, aus denen drahttose Nachrichten zwischen Amerika und Europa befördert werden können. Ein weiterer Ausbau des ge- planten.Weltgürtcls' wird eingeleitet durch die Errichtung von großen Stationen in der Nähe von San Franziska und aus den Havannseln, die für den drahtlosen telegraphischen Dienst mit dem Orient bestimmt find. Japan wird binnen kurzem eine vollständige Station für drahtlose ZÄegrophie haben, und die Errichtung eben- solcher Stattoncn auf den Philippinen und in China fft von der Marconi-Gesellschaft in Ausficht genommen. Stationen werden auch in Brasilien und Argentinien eingerichtet und solche an allen Hauptplätzen Südamerikas sollen folgen. Mit dem Beginn der neuen drahtlosen Verbindung über den Stillen Ozean, die im nächsten Jahr erfolgen wird, tritt die Verwirklichung des groß- arttgen Planes zum erstenmal hervor und effie Verbilligung der Gebühren soll die wichtige Erfindung auch weiteren Kreisen zu- � gänglich machen.___ : Vorwärts Buchdruckerei u.Vertag«an stall Paul Singer L-Eo., Berlin SAk.