Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 216. Mittlvoch, den 5. November. ,913 m r>clo[e ßcndcls Luftfchlöffer» Ein Ehikago-Roman von Henning Berger. Helge aß seine Grütze und dachte init einem eigentüm- lichen inneren Erbeben, das er noch nie verspürt hatte, daran, daß die zwei geheimnisvollen Schwedinnen im Grand Pacific Hotel wohnten. Er würde sie wiedersehen, sie würden vielleicht ins Kontor kommen— er war zufällig gerade in der Passagier- abteilung, sie fragte etlvas, er fand Gelegenheit, ihr eine Auskunft zu geben, ehe der Schaltcrbeamte kam— und die Berbindung war geschlossen. Zum erstenmal trieb es ihn nach dem Kontor. Aber wenn sie schon abgereist waren? Er fühlte eine Art Stoß gegen die Brust. Nein, das tvar unmöglich. Das Bild des Kontors, des strahlenden Hotelgartens, des ganzen Hauses, ja, der ganzen Straße, der Wolkenkratzer, der ganzen Stadt wurde kohlschwarz, wie eingerußt von Rauch, bei diesem Ge- danken. Er enipfand eine nervöse Angst, wie rinnendes, warmes Wasser rieselte es unter seiner Haut, es schmerzte im Zwerchfell, er wollte vom Stuhl ausfahren und aufschnellen und wie eine Kugel die Wand durchschießen, schnurgerade bis hinab zur Ecke der Clark Street. Und gleichzeitig packte ihn eine unüberwindliche Lust, Griff von all dem zu erzählen. Er schielte zu Griff hinüber, um dessen Miene zu er- forschen— ob sie düster wäre oder resigniert. Aber Hugo Griff saß mit einem rätselhaften Lächeln da und zerkrümelte ein Stück Brot. Die blauen Augen träumten lueit geöffnet in ferne Erinnerungen. Helge hatte nicht den Mut, ihn zu stören. Auch war er seiner selbst nicht recht sicher. Er fühlte, er würde rot werden, sich durch einen Ausdruck im Blick, ein Zittern der Stinune verraten. Es war lächerlich, lächerlich, lächerlich— aber es war so. Ein Teil der essenden oder schlingenden Herren lvar fertig und erhob sich ohne Zeremonie, mit den Stühlen scharrend, und schmatzend und saugend wie Rüsselschnxiine. Sic rollten nachlässig ihre Servietten zusammen, knüpften die verschieden- farbigen Bandenden darum, an denen die fleckigen Visiten- karten befestigt waren, und schleuderten die Rolle ans den Serviertisch. Ein allgemeines Zahngestochere war im Gang, sogar die Damen rissen den Mund auf für die kleine chinesischen Hölzchen und zeigten doppelte Reihen von Goldplomben — eine amerikanische Mode, zu protzen, als wären die gold- beschlagenen Zahnstummel Ringe oder sonstiger Schmuck. Die Herren steckten pechschwarze, feuchte Morgcnzigarren an und stürzten davon, die Zigarre in einem Mundwinkel und fünf Zahnstocher im anderen. Griff tvar ans seiner Entrücktheit erwacht. — Wie steht's im Kontor? sagte er mit seiner tveichcn, kultivierten Stimme. Helge freute sich. Das tvar ja famos, daß der andere den Anfang machte. — O, wie gewöhnlich. Noch ist er nicht da. Griff und Hannover tvaren bis aufs J-Tipfelchen in die Widerwärtigkeiten des Kontors eingeweiht und ertvarteten init genau derselben Spannung und Unruhe wie Helge Herrn Wolseys Ankunft. — Was, noch immer nicht! sagte Hugo teilnehmend. Jetzt knurrte Hannover. Seine Stimme war rauhborstig und tief, aber sie konnte auch freundlich sein, und dann klang sie wie die eines Knaben im Stimmbruch. — Und Du, Hugo? Griff schnitt eine unbeschreibliche Grimasse, zusammen- gesetzt aus Uebcrdruß, Gleichgiiltigkeit und notgedriliigenem Interesse: — Sie reden die ganze Zeit von einer Konsolidierung mit der Commercial-National. Dann geh' ich. Ich habe ein Anerbieten aus dem Süden, das verdammt vielversprechend ist für einen, der.Karriere machen möchte. Aber was ans den Verheirateten werden soll, das ist eine andere Frage. Sie laufen auch herum mit Gesichtern— ganz grün vor Unruhe... — Und Freund Mauritz? Manritz Hannover grunzte etlvas Unverständliches. Schließlich vernabm man ein barsches: — Schandpack! Das lvar nicht auf Griff oder Bendel gemünzt, sondern galt unsichtbaren Feinden. Hugo und Helge nickten auch ver- ständnisinnig, und der crstere sagte in seinem freuildlichen, teilnahmsvollen Ton: — Ist es so schlimm, alter Junge? Aufs neue vernahm man ein unterirdisches Donnern« und darauf erfolgte die Eruption in drei starken Stößen: — Teufel! Esel! Idioten! Die Worte lvaren auf Schlvedisch hervorgestoßen, und die Ausländer blickten mißtrauisch noch der Gesellschaft am Tischende hin, während die Schweden verlegen lächelten. Aber Doktor Hannover ließ sich das nicht anfechten. Im Gegenteil— er schlug mit seiner starken, braunen Massagefaust hart auf den Tisch, so daß die Grützeteller wackelten und Frau Brantstrom unruhig zur Küchentür hereinspähte. — Komm', komm', Mauritz! Und Griff legte beruhigend seine feine Violinhand auf den Arm des Freundes, an dem die Riesenmuskeln anschwollen. — Ja, glotzt nur, ihr verfluchten Ignoranten, knurrt« Hannover und verzog sein Lavagcsicht zu den unheimlichsten und seltsamsten Fratzen,— glotzt nur! Und nun kam die Erklärung. Diesmal waren es nicht die Ränke und Verleumdungen und Hintertreibungen der Scharlatans— der quacksalbernden Landsleute, die, im all- gemeinen ungebildet, aber auch aus verabschiedeten Leutnants, Kassierern und Unglücksvögeln aus alten Familien zusammen-* gesetzt, auf den Einfall kamen, Massageinstitute zu errichten ohne eine Spur von Fachkeniltnissen, oder auch sich auf einer „Universität" ausbildeten, wo sie nach wenigen Monaten ein obskures„Diplom" erhielten, das ihnen den Titel„Doktor" — in mystischer Heilkunde— verlieh. Diesmal lvaren es die Amerikaner. — Der„Jnter Ocean", sagte Hannover düster, diese verdammte Zeitung, die prinzipiell alle Schweden haßt, hat sich gestern gelveigert, ein Inserat von mir aufzunehmen,„da sie nicht anders annehmen könnten, als daß hinter einem Eta- blissemeitt, in dem Massage erteilt wird, etwas Unsittliches sich verstecke". Mit anderen Worten, daß mein Handwerk, meine Wissenschaft— oh, es ist zu teuflisch!— daß— daß mein Lokal ein Bordell sei!! Griff brach in ein herzliche? Lachen aus, so unmittelbar, daß Helge und Mauritz angesteckt wurden. Und die Gewitter- lvolke zog vorüber. — Hugo, sagte Bendel mit einem Versuch, gleichgültig zu lächeln, hast du jemals von den„zlvei Fanchettis"— oder so ähnlich— gehört? Schwestern, die Schlvcdinnen sein sollen? Sein Herz klopfte wie nach einem Laufmarsch hinter eiyem der letzten Kabelwagen her. — Fanchetti? Nein. Was ist denn das wieder siir ein neuer Unfug? Das klingt doch italienisch. Hannover fiel ein: — Weshalb nicht Makkaroni? Ihnen schräg gegenüber saß eine junge Dame mit auf- fallend guter Figur— mochte es nun ein Werk der Kunst oder der Natur sein. Sie war Modell in einer großen Mantel- firma. Diese sagte jetzt auf Schwedisch: — Ich kenne die Schwestern Fanchetti, Mr. Griff. Sie sind Schlvcdinnen und heißen Aclgström. Ihr Vater war Gutsbesitzer und hatte ein großes Gut bei Kristianstad. Ich selber bin auch aus Kristianstad. Wir lvaren Schulkamera- binnen, ich und Lilly und Clin— Millie heißt sie jetzt auf dem Programm. Lilly ist die ältere... Das Modell hatte den englischen Akzent vergessen und redete in breitem Skamsch. Bendel erzählte jetzt ausführlich sein unschuldiges Aben- teuer von gestern, und durch die Farbengebung, in die lveniger sein Auge, als sein Gehirn alles einkleidete, erhielt die Sache etwas Vergrößertes, Phantastisches, wie wenn über einen ge- wohnlichen Ledermannequin ein glänzender, fliinmerndcr Kimono geworfen würde, und riß darum die Zuhörer mit sich. Seine eigene, eingesperrte, gefesselte Phantasie erhitzte sich daran, so daß er wie gewöhnlich auf Minuten die grauen und trüben Dimensionen der Wirklichkeit vergaß, Zeit und Raum durchbrach und him'iberschlvebte in ein Traumland, innen lockenden Raum, in dem Weite über Weite emporstieg in spielenden Lichtern und Farben. Als er plötzlich, schwin- delnd auf den Zinnen, stillestand und sich umsah, merkte er, daß das schwedische Mantelmodell mit offenem Mund dasah, und daß Griff und Hannover ihn lächelnd betrachteten. Wie eine rote Wolke fühlte er das Blut in den Wangen brennen und über seine Stirn streichen. Da war er wieder einmal dem Taumel verfallen... Griff bemerkte seine Verwirrung und schlug ihm anfs Knie. Hannover begann mit der Schwedin zu scherzen, indem er ihre» skanischen Tonfall nachahmte, iwrs von feiten des grimmigen Masseurs einen galanten Scherz vorstellen sollte. Und währenddessen fand Griff Zeit, Helge zuzuflüstern: � �. — Junge, was ist mit Dir? Zum Teufel, darum brauchst Dil Dich doch nicht zu schämen! Das zeigt doch bloß, daß Du nock) Feuer hast unter der Asche. Andere arme Teufel haben sich so lange hier herumgetrieben, daß sie durch und durch hölzern geworden sind: nichts als außen die Rinde: und innen Holz— Holz— Holz— Nicht einmal das mehr— wurmstichig und verrottet— ah, pfui Teufel! Und als Bendel, noch viel verlegener als zuvor, mit Tränen in den Augen dasaß wie ein empfindsamer Backfisch, fuhr er in ernstem Ton fort, indem er ihn aufmerksam betrachtete: — Tu sprichst von ihr— von dieser Varietcksäugerin—, als wäre sie eine Märchenprinzessin: und iver weiß, vielleicht ist sie das auch. Du müßtest sie kennen lernen: das ist das Beste für Dich. Da läufst Tu in den Sielen dieser ver- dämmten Linie, für ein bettelhaftes Gehalt, und wirft zuletzt tvie alle anderen hier! Wir alle hätten das nötig! Was tut's, ob es auch die größte Schimäre ist, die es auf der Welt gibt! Glaubst Du, ich ivüßte nichts von Deine» Versuchen, über das Gitter hinauszuflattern? Einmal ivar es die Mal- schule, und dann war es die Bibliothek. Bei mir Ivar's das- selbe: ich Hab' meine Violine herausgeholt und die schwie- rigsten Etüden von Paginini und Spohr durchgeschuftet— denk' bloß! Und das hoch oben in einem Boardinghouse in einer Kammer, nicht größer als eine Garderobe. Bis mir der Arm brannte und ich zu Boden taumelte und wußte,)vo ich hingehörte! Nein Du, damit gebt's nicht. Aber solch eine Prinzessin aus Fleisch und Blut— die vielleicht bringt einen so weit, daß mau rebelliert, daß man protestiert, sich etwas vornimmt, ehe es zu spät ist. Ja, ja. Du: ich meine es gut. Aber ich glaube nicht an Malerei und Musik und Kunst für uns! Das ist bloß— wie die Bücher bei Martell in Newberry — etluas, das uns hilft, äußerlich die Illusion aufrechtzu- erhalten. Wirklich ist es nicht, und das ist der Fehler. (Jortsetzung folgt.) Das pfcrd. «! i z z e von C l, r i c l B» y s s e. Mitten ans der ncugedeckten Chaussee sahen die Kinder iin Sande und spielte». Das Bild steht mir noch scharf vor Augen, und ich glaube, ich werde es zeitlebens vor mir sehen, wie mir die folgende Szene überhaupt in der Erinnerung bleiben wird. ES waren ein Mädchen von sieben oder acht Jahre», mit rotem Gesicht, grohen, blauen, treuherzigen Augen, recht schwarzem, dichtem Haar, das ihr unordentlich um den Kopf und in den Nacken hing. ein Bude von vier oder fünf Jahren, dick, rosig und blond, dcr� wlc ein Zwerg aussah in der zu Iveite» und zu laugen geflickten Hose, die von abgenutzten Trägern gehalten wurde, deren Schnallen fast die kleinen Schultern berührten, und endlich ein kleines Kind, das im Röckchcn dasaß, mit grohen, ausdruckslosen Augen und einem blonden Wuschelkopf mit kleinen Löckchen. Ich weih nicht, was sie spielten. Wahrscheinlich gar nichts. Mit den schmutzigen Händen rührten sie im Sande, sonnten sich und spielten wie junge Tiere in der lauen Frühlingsluft. Niemand behütete sie. Der ganze kleine Weiler schien selige Mittagsruhe zu halten. Wie verlassen kauerten sich die wenigen Hüttchcn zu beiden Seiten der Landstrahe, die sich endtos und schnurgerade zwischen zwei Reihen Buchenbäume hinzog. Vor der einzigen Schenke des Ortes heilte ich mich im Schatten auf eine Bank gesetzt und war selbst halb eingeschlnmmert, denn ich hatte eine lange Radtour hinter mir. An diesem entzückenden, warmen Maitage hatte ich schon etioa vierzig Kilometer zurück- gelegt, und das Ziel meines Ausfluges lvar fast noch mal fo tvcck. So schlummerte ich denn ein wenig, mit geschlossenen Augen, die kurze englische Pfeife im Munde, aus der ich hin und wieder einen Leinen Zug tat,»nd ein fußeS Wohlbehagen riefelte mir durch M« Glieder. Da plötzlich ließen mich durchdringende Schreckensschreie auf- fahren. Ich sprang auf, und als sei ich vom Blitz getroffen, bannte das furchtbare Schauspiel mich auf den Boden fest. Da auf der Stratze gerade vor mir, wo eben noch die Kinder uinherkrochen, kam ein großer, schtoerer Karren mit lsegeltnchdach, von einem kräftigen Braunen gezogen. Der Sand dämpfte das Rollen der Räder zu einem leichten Knirschen. Und während ich die zitternden Hände an die Schläfen preßte und den Mund öffnete, ohne daß ich jedoch ein Wort hervorzubringen vermochte, gewahrte ich mit dem gleichen blitzschnellen Blicke, daß der Fuhrmanir schlafend ans dem Bauche unter dem Verdeck lag. Die beiden größeren Kinder, der Knabe und das Mädchen, hatten sich an den Graben der Landstrahe geflüchtet. Ter Kleine aber, das Bübchen, war sorglos mitten auf dem Wege sitzen geblieben u«d ahnte nichts von der furchtbaren Gefahr. Es blieb mir nicht einmal Zeit, hin- zuzustürzen--- schon ging das Pferd über ihn hinweg. Doch nein, nicht über ihn hinweg. Gerade im Augenblick, da ich meinte, die Hufe würden das Kind zermalmen, blieb das Tier eine Viertelsckunde stehen und senkte den Kopf zu dem Kleinen, wie um Witterung zu nehmen. Dann spreizte es die Vorder-»nd Hinterbeine weit auseinander und schritt langsam mit dem Karren über ihn hinweg, ohne ihn auch nur zu streifen. Rufen und Schreien erscholl und Türen wurden heftig auf- gerissen. Der Knabe und das Mädchen beulten unter den Schlägen, die sie bekamen, lind bleich, mit aufgelöstem Haar stürzt ein fassungsloses Weib hinzu und hebt den Kleinen unversehrt ans. Von dem Lärm Ivacht auch der Fuhrmann auf, springt von dein Karren, wendet sich um, und als er ficht, was da eben vorgefallen, stößt er schreckliche Flüche und Verwünschungen ans und schlägt aus Leibeskräften mit der Peitsche ans das Tier ein. Erst da lege ich mich ins Mittel— mit Tränen in den Augen stürze ieb hinzu. Erwürgen möchte ich diesen Menschen. Doch ohne zu begreifen, wie dies vor sich ging, noch wie es möglich war, be- ruhige ich mich schon wieder, noch bevor ich ihn erwische. Voll- ständig ruhig bin ich, als ich die Hand auf seinen Arm lege und mit sanfter, versöhnender Stimme zu ihm sage; „Schlage das Tier nicht, Kamerad. Komme lieber eins trinken." Er hört auf zu schlagen, wendet sich uni und sieht mich miß- trauisch, noch immer zornfunkelnden Auges an. Und ich muh es offen gestehen: ein unaufgeklärtes und unerklärliches Drama spielt sich in nicincr iseele ab. Wenn er noch einmal, wenn er nur noch ein einziges Mal auf das Tier losschlägt, stürze ich mich ans ihn, lutvstc ihn nieder und erwürge ihn. Das ist sicher, ich fühle es. »schlägt er nicht mehr, so verzeihe ich ihm, und ich habe das Gefühl, ein gutes Werk damit zn tun. Zum erstenmal wird meine Sanftmut ein wenig menschliches Empfinden und Mitleid in ihm wecken, hie dann in Zukunft sich noch oft in ihm regen werden. Er schlägt nicht mehr. In der seltsamen Glut meines Blickes muß er lvohl gelesen haben, was sonst unvermeidlich geschehen würde. Wie bei der Bc- rührung eines sympathischen Fluidums muh er wohl in seiner ver- wilderten Seele die Sanftmut und das Mitleid empfunden haben, die meinem Herzen cntstrahlcn. Da plötzlich ist er ganz besänftigt — er wirft die Peitsche über das Segeldach und hält das Pferd an. Ich wende mich um. In dem Gewirr der lebhast gestikulierenden Leute, die sich inzwischen angesammelt haben, rufe ich die Wirtin und bestelle zwei Glas. Dann gehe ich zum Pferde, nehme den.Kops zwischen die Hände und liebkose es, liebkose es in beben- der Rührung. „Fuhrmann, ich kann ihm doch ein wenig Hafer geben, nicht wahr?" „Meinetwegen," antwortete der Mann leise, fast beschämt. Die Frau kommt mit den Ejläscrn, und wir stoßen a». Ich verlange eine Portion Haser fiir das Pferd. Sie bringt ih» in einem Korde. Der Fuhrmann nimmt seinem Tiere das Gebiß aus dein Maule, und während es mit eifrigem, hungrigein Mahlcin ans dem Korbe sriht, den ich in der linken Hund halte, streichele ich ihm mit der rechten Kopf und Mähne. Ich tue es sanft, langsam und oft. Wieder und wieder lieb- kose ich dieselben Stellen. Und plötzlich will ich fast ersticken vor Rührung und breche in dummes Weinen aus. Ich vermag die Tränen nicht zurückzuhalten.... trotz allen Bestrebens, es zu hin, rinne» sie weiter und sollen es auch. Und sie netzen die letzten Körner, die das gute Roh prustend auf dem Boden des Korbes zusammenliest. Nun ist es fertig. Das Weidenkörbchen ist leer. Ter Fuhr- mann legt ihm den Zaun an und der Karren rollt von dannen. Ich reiche dem Manne die Hand, in der sich ein Silbergeldstüik verbirgt. „So, da könnt Ihr Euch unterwegs nochmals stärken!" Der Mann wagte mich weder anzusehen nock, ein Wort zu rede», so gerührt war er. Einen Moment blieb ich noch stehen, um dein Karren nach- zublicken. Es muhte wohl etwas nicht in Ordnung sein, denn nachdem er ein Stückchen gefahren, hielt der Fuhrmann von neuem und stieg ab. Ich sah, wie er ani Halsgeschirr etwas in Ordnung brachte. Bevor er aber wieder unters Segeltuch kroch, streichelte er dem Gaul die. Mähne und klopfte ihm srcnndlich den Hals. Dann stieg er wieder auf das Fahrzeug, und ich sah die Peitsche unter dem Dach hervorwinkeiu Der Fuhrmann knallte und schwang sie hoch über dem Pferde fröhlich in der Luft— wie ein ermutigendes Zeichen des Schutzes.... wie ein Lied..... Mit einem tiefen, erleichterten Aufatmen wendete ich mich ab. U ebersetzt von HermannHess«. Oer �aubenkoloirift:. Der Kleingartenbau, der für Taufende ein Bedürfnis ist, Tausenden, die während der Woche in schlecht ventilierten und un- genügend beschaffenen Räumen wohnen und arbeiten müssen, die Möglichkeit bietet, sich an den freien Sonntagen einmal von den Alltagsstrapazen zu erholen und wieder auszuleben, ist auch von doher voltswirtschaftlichcr Bedeutung. Da st man das in Berlin nicht einsehen will, dast die Polizei dem Kleingärtner und Lauben- Kolonisten fortgcsetzr Steine in den Weg legt, ihm das gelegentliche Uebernachtcn in seiner Laube nicht gestatten will, ja ihm sogar die Gartenarbeit am Sonntag verbietet, ist bedauerlich. Anderwärts denkt man glücklicherweise nicht so kleinlich, denn zahlreiche städtische Behörden fördern die Laubenkolonien, die Schreber- und sonstigen Kleingärten und unterstützen diejenigen, die sich dem Kleingarten- bau widmen wollen in Weitgehendster Weise. Begünstigt durch diese Förderungen, von welchen wir in Berlin wenig oder gar nichts verspüren, sind an anderen Orten mächtig cmporblühendc Klein- gartenbau- und Schrebergartenverein« und Verbände entstanden, deren Mitglieder teils recht erfolgreich Obst- und Gemüsebau de- treiben, oft in einem solchen Umfange, dast sie mit ihren Erzeng- nissen nicht nur den ganzen Bedarf für die eigene Familie decken, sondern auch noch die Märkte damit beschicken. Wenn man bedenkt. dast immer noch Taufende, ja Millionen von Mark jährlich für oft recht geringioertiges Obst ins Ausland wandern, wenn man ferner bedenkt, dast fast alle Ländereien, welche Laubenkolonisten und Kleingärtner bewirtschaften, ohne die Tätigkeit dieser Pioniere als Ocdland daliegen würden, kann man die hohx Volkswirtschaft- liehe Bedeutung dieser Kleingartcnkultur unmöglich abstreiten. „Viele Wenig mache» ein Viel", sagt der Volksmund. Erfreulich ist es, dast sich auch die grasten Gartcndauvereinc immer mehr des Kleingartendaucs annehmen und ihn nach Möglichkeit fördern. Auf den beiden grasten Dauergartenbauausstellungen des gegen- wärtigen Jahres/ die in Breslau und in Forst in der Lausitz statt- fanden, hat der Klcingartcnbau erstmals eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Tic Forster Ausstellung wies eine ganze Klein- gartenkolonie auf, die von breiter Strastc durchzogen war. Diese Gärten wurden viel beachtet, denn sie zeigten sich unter den Händen rühriger Kleingärtner vom Juni bis Oktober in vollendeter Kultur; Blumenzucht, Obst- und Gemüsebau Waren in jedem einzelnen dieser Kleingärten in glücklichster Weise vereint. Einteilung, Ein- friedigung und die anmutigen Lauben, die man hier zu sehen be- kam, konnten durchweg als vorbildlich bezeichnet iverden. In Breslau trat der Kleingartenbau auf der Dauerausstellung Weniger hervor, da hier der Verband schlesischer Schrebergärtner nur einige Wenige Gärten mit kleinen Wohnlauben eingerichtet hatte, aber die graste Obst- und Gemüscausstcllung, die Mitte vorigen Monats im Rahmen der Breslauer Ausstellung zur Jahrhundertfeier vcr- anstalter wurde, war änsterst reich von Schrebergarten- und Klein- gartenvereinen beschickt. Obst wurde von den Kleingärtnern weniger gezeigt, nieist aiirti nur in geringerer Gute, weil eben die meisten Kleingärten noch jüngeren Datums sind und deshalb nur vereinzelt tragbare Obstbäume aufweisen. Was aber die Klein- und Schreber- gärtner in Breslau an Gemüsen zeiglni, das konnte sich fast durch- ivcg sehen lassen und lieferte den Beweis dafür, dast überall da. Ivo die Sache richtig angesastt Wird und Ivo die Eiiizelgnrtner sich Belehrungen zugänglich zeigen, d. h. fachmännischen Rat einHosen und befolgen, vorzügliche Resultate erzielt Wurden. Manche Klein- gartenvereinc in der Provinz verfügen heute schon über eine so stattlitbe Mitgliederzabi, dast sie in der Lage sind, im Interesse ihrer Mitglieder einen fest angestellten Obcrgärtner oder Garten- inspcktor zu besolden, Beamte, die nickit nur jedem Kleingärtner des betreffenden Vereins oder Verbandes an Ort und Stelle mit Rat und' Tat zur Seite stehen, sondern auch an bestimmten Tagen Sprechstunden abhatten, in welchen alle gestellten Fachsragen, soweit sie überhaupt zu beantworten sind, sackgemäst' beantwortet werden. Welchen Uiufang der Kleingartenbau itt einzelnen Städten bereits augeuoninwu'.»rt, dafür liefen der Verein für Kleingarten- bau in Frankfurt a. Main einen drastischen Beweis; er zälilt schon heute Weit über tausend Mitglieder, die ausgedehnte, von den städtischen Behörden gegen ganz geringe Packst zur Verfügung ge stellte Länderetcu bewirtschaften. Ein Dorada für Klcingartenbau ist auch � die Industriestadt Forst in der Riederlaujitz, die etwa üfi 000 Eiuivohuer zählt und zurzeit von einem etlba 25 000 Einzelgärte» zählenden Kleingartenring umgeven wird. Die" meisten dieser Gärten werden von Handwerkern und Fabrikarbeitern be- wirtschaftet. Jetzt nach Schlnst der Farster Ausstellung beabsichtigen die dortigen städtischen Behörden, etwa die Halste des 80 Morgen grasten Ausstellungsgeländes, und zwar das sogenannte Vorgelände, in Kleingärten aufzuteilen, die zweite Hälfte dagegen, das an- fchliestende Gelände der sogenannten Wehrinsel,. Welches die Lausitzcr Reiste und ein Mühlgraben»mschliesten, in einen Volispark um- zugestaltcn, welchem die herrlichen Rosengärten, die den Haupte anziehungspunkt der Forster Ausstellung bildeten, dauernd erhalten bleiben sollen. Zu diesem Zwecke hat die Stadt Forst sämtliche Rosen von den Ausstellern erworben. In Berlin liegen die Verhältnisse weit ungünstiger als anders- wo, denn hier kann sich nur derjenige einen Garten leisten, der die nötigen Mittel besitzt, um weitab von den Grenzen Grost-Berlins ein Stück Oedland zu erwerben und urbar zu inachen. Die meisten sind auf die Laubenkolonien angewiesen. Die gesamten Gelände dieser Kolonien sind Spckulatiousgelände in den Händen von Grundstücksspekulanten. Diese verpachten sie meist für ein Spott- gcld bis zum Banstcllenverkauf, um eine wenn auch nur geringe Verzinsung zu erzielen, an Unternehmer, sogenannte General- Pächter. In winzige Parzellen aufgeteilt, werden die Gelände nun zu wahren Wucherpreisen an das arbeitende Volk wcitcrverpachtct. Aber nicht nur eine Wucherpacht must der Kleinpächter zahlen, er must oft auch dem Gcncralpächtcr, der in der Regel in seiner Kolonie einen Handel mit Schnaps und Bier betreibt, so viel Alkohol als möglich abkaufen, nin nicht an die Lust gesetzt zu Weiden, tveiiu sich gelegentlich ein mehr trinkfester Pächter meldet. Zu diesem schwerwiegenden Ucbcl kommt noch die Unsicherheit des kleinen Besitzes, denn jeden Tag kann die Bebauung beginnen; der Laubenkolonist wird dann oft mitten in der Vcgctakionszcit, noch che er die Früchte seiner Arbeit ernten konnte, mit Laube und Grünkram an die Luft gesetzt. Es tväre dringend zu wünschen, dast diese» unhaltbaren Zu- ständen durch das Eingreifen der Stadt Berlin ein baldiges Ende bereitet würde. Was Forst und andere kleine Provinzstädte leisten, daL must auch Grost-Berlin leisten können. Weis uns not tut, ist die Schaffung von Kleingärten auf städtischem Grund und Boden» der dauernd hierfür bestimnit wird, also dauernd von der Be« bauung ausgeschlossen ist. Unter den gegenwärtigen unsicheren Verhältnissen ist es siir den kleinen'Mann ein nicht geringes Wagnis, die gepachtete Scholle mit Bäumen zu bepflanzen. Man bedenke nur, dast selbst Busch- bäume, sachgcmäste Pflanzung»ud Pflege vorausgesetzt, frühestens im fünften bis sechsten Jahre nach der Pflanzung einigcrmastcn in die Waaschalc fallende Erträge liefern, während bei Halb- stämmen zehn, bei Hochstämme» fünfzehn Jahre bis zur richtig ein- setzenden Ertragfähigkeit vergehen, günstige Witterung voraus- gesetzt. Wie die Verhältnisse heule liegen, kann der Pächter auf unsicherer Parzelle, abgesehen von der Pflege seiner Blumenlieb- habere!, die sich ja immer im bescheidenen Umfange hält, nur Gc- müse-, im günstigsten Fall noch Bccrcnobstkultur betreibe». Wo man einigemasten sicher ist, dast einem die Parzelle in den nächsten 3 bis S Jahren nicht entzogen wird, da pflanze man Beerensträucher, in erster Linie Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren, auf grösteren Parzellen auch einige Brombeeren. Der- artige Beerensträucher bringen oft schon im zweiten Jahre nach der Anpflanzung ganz nette Erträge, buschförmig gezogene Sträucher lassen sich auch im Herbst und Frühling, wenn man die Parzelle wechseln must, scderzeit unbedenklich ausnehmen und weiter der- pflanzen. Sind sie für die Einzelbüschc zu stark geworden, so kann man sie gelegentlich des Verpflanzens durch porsickstiges Teilen in sechs, zehn und mehr Einzelsträucher zerlegen. Diese Einzelteile Wachsen bei Brombeeren und Himbeeren ohne weiteres, aber auch bei Stachel- und Johannisbeeren, und hier selbst dann, wenn jedem abgcrissciic» oder abgesägten Strauchteil nur wenige Wurzeln an- hafte»; es ist dann nur erforderlich, die Rast- oder Schnittstelle glatt nachzuschneiden und die Einzelteile recht tief zu pslaiizen, vielleicht 15— 20 Zentimeter lief. Dieses Tiefpflanzen hat die Bil- dang junger Triebe zur Folge, die das Erdreich durchbrechen und schon nach 2— 3 Jahren reiche Ernten liefern. Für die Kultur des Bccrciiodstcs spricht auch die vielseitige Verwendbarkeit der Ernten im Hanshalte. Stachelbeeren liefern schon in ganz grünem Zustande ein bekömmliches Kompott. Da sie meist überreich mit Früchten behängen sind, kann man bis zur Hälfte der Früchte im grünen Zustande entfernen und im Haus- halte verwerten, ohne Einbnste am Gesamtertrag reifer Früchte zu erleiden. Daun erst', nachdem bei reichein Fruchtansatz die Hälfte grün geerntet ist, bietet sich der verbleibenden zweiten Hälfte die Möglichkeit, zu vollkomniencr Ausbildung zu gelangen. Bei groh- früchiigen Sorten hat dann die Einzelbeere des ausgedünnten Strauches meist mindestens das doppelte Gewicht einer Einzelbeere von nicht ausgedünntem Strauche. Johannisbeeren, Himbeeren und Brombeercil verarbeitet man auch zu Gelee, zu Kompott und gewinnt aus ihnen einen vrozüglichen Wein und einen erfrischen- den Saft. Auch reife Stachelbeeren eignen sich zur Wciubereitung. Die Brombeere ist für den Kleingärtner dadurch wertvoll, dast sie erst vom Hochsommer ab reift, also die Becrenobsternte bis iwhin verlängert. In den heißen Sominertagen gibt es keine erfrischen- dere Frucht als die Brombeere, höchstens käme hier noch die schwarze Maulbeere in Frage, die aber einen mächtigen Baum bildet, der in unserem Klima nicht besonders gedeiht, besonders in der Jugend leicht erfriert, ancki das Verpflanzen schwer übersteht. Brombeere» und Hiiiilvere» können freilich durch ihre Ausläuferbildnng recht lästig werde», einige wenige Himbeeren lassen sich aber im Klei»- garten in den ihnen zugcwieseueu Schranken l>altcn, und unter de« Brombeercil gibt es einige Sorten ohne Ausläufer, die man in erster Linie berücksichtigen sollte; am ineiften empfehlenswert sind die anierikuiischen Brombeeren.'Uli Kleines Feuilleton. Keine Arbeit! Z Uhr nachmittags l Dumpf und schrill und brausend klingt die Sinfonie des Tages, da« Hohelied der Arbeit, der brntale Schrei des Existenzkampfes Straß' auf, Straß' ab. 8 Uhr l Durch die Reihen der Gestalten, die die Bänke auf dem Dönhoffplatz bevölkern, geht ein Ruck. Irgendeiner hat die Zeit angesagt. Nun recken sie sich auf, gewaltsam, müde, verdrossen. Noch lastet das dumpfe Brüten auf den Gemütern. Alle schlagen dieselbe Richtung ein. Sie bleiben nicht die einzigen. AuS der endlosen Menschenkette lösen sich immer mehr Glieder, die herdenartig, wie einem Instinkt folgend, denselben Weg gehen. Und sie sind nicht die ersten. Schon harrt eine stattliche Reihe anderer vor der Zeitungsplantage, deren Riesenpalast sich protzig aus den übrigen Geschäfts- und Wohnhäusern hervorhebt. Arbeitslose! Du kennst sie aus tausend anderen heraus. Sie fallen Dir auf, ganz unwillkürlich—„am Gang und Blick und Ge- wand".— Schatten gleich gleiten sie an der Häuserfront hin, und wenn sie die Straße überschreiten, blicken sie kaum um sich. Wie Vögel um das Futlerhäuschen sammeln sie sich um das Portal, vor den? ein Schutzmann steht— breit, massig, achtungheischend. Und dann kommen noch mehr Beamte und in den Klumpen Unglück tvird Richtung gebracht, Richtung, Zucht und Ordnung. Dichter, geschlossener werden die Reihen, lautlos rücken die Vielen, Vielzuvielen heran, das Elend schleicht auf weichen Sohlen. Die Frauen warten gesondert im Hausflur. Sie warten und tuscheln, in Hut und Schürze, daS zierliche.Handtäschchen neben dem plumpen.Henkelkorb, die Kontoristin neben dem„Mädchen für alles", der„Gelbstern" neben der Waschfrau, die Anfängerin neben der „ersten Kraft", sie harren und warten und blicken mit hungrigem, brennendem Magen in den Torweg hinein, alle, alle, die Frauen, wie die Männer, als müsse von dort lächelnd, strahlend, spende- bringend das Glück kommen. Sie stehen geduldig und warten und haben das Warten gelernt. Und bunt zusammengewürfelt sind sie auch, lvie vom Wirbelwind zusammengefegt. Eine Gallerie von Einzelschicksalen, � die aus- rangierten Rädchen der Wirtschaftsmaschinerie. Eine einzige Klaffe, aber verschiedene Stufen. Ganz ungleichartig in ihrer Zusammen- setzung. Besuche den Arbeitsnachweis irgend einer Berufsgruppe und Dll siehst ein geschlossenes Bild, verspürst den Hauch der Geineinsamkeit. Hier ist es anders. Sieh Deinen Nach- bar an: rot. wetterhart, gedrungen, mit Knüpftuch und rauhledernen Schaftstiefeln. Das Fluidun, des Ostens unrgibt ihn, die niedere Stirn, der wulstige Mund verraten den Slawen, der stumpfe Blick den Analphabeten. Er kann nicht lesen und wartet auf das Jnseraienblatt. Irgendeiner wird ihm behilflich sein. Von irgendeinem Gut ist er entlassen oder davongelaufen, nun setzt er seine Karte auf Berlin. Ilnd neben ihm, im abgeschabten aber peinlich sauberen Gehrock der Intellektuelle, mit feinen, durch- geistigten Zügen und schmalen, weißen Händen, lind hier ein Kutscher und da ein Bäcker und ein Hausdiener und ein Chauffeur. Und immer weiter so. „Rohrleger biste?" fragt ein dünner, langer Mensch den knochigen, starken Mann mit den ausgearbeiteten Händen neben ihm, „hm, Rohrleger, keen schlecktet Jeschäst, da melde Dir man bei Krupp, der kann Dir brauchen for unterirdische Jänge." Der Starke findet den Witz nicht übel, er lacht, die Umstehenden auch. Aber nur so nebenbei. Ihr Jntereffe konzentriert sich auf die kommenden„Stellen". Ein kleiner Bursche zieht ein trockenes Stück Kommisbrot hervor. Man sollte meinen, eS wäre eine Mannorsäge nötig, um es zu zerkleinern. Aber der Besitzer nimmt die Tätigkeit mit Mut und Ausdauer aus. Seine Kinnbacken mahlen wie eiserne Walzen und scheinen auf solche Kost eingestellt zu sein. „'n Hausdiener verlangt, der Klavierspielen kann", ruft ein vor- überfahrender Kutscher in die Kolonne. Antworten schwirren hinter ihm her, grob und bissig, und gehen im Geknall der Peitsche und im Lärm der Straße unter.„Wie lange bummelste schon?" „In diesem Jahre schon vier Monate— ick finde ooch nischt mehr vor Weihnachten". Der das spricht, reckt den Hals höher, nach dem Portal hin. Von der andern Zeitung kommen bereits welche. Ihre Augen gleiten hungrig über den Druck. Die Kolonne wird unruhig. Einer schätzt den andern ab. ob er flinkere Beine hat, ob er noch einen Groschen Fahrgeld besitzt— und die Glücklichen, die Fahr- räder mit sich führen, prüfen nervös die Gummireifen: bald beginnt die Jagd nach dem Glück. Jetzt. Einem Rudel hungriger Wölfe gleich, quetscht sich der Strom in dem Portal, die ersten kommen lesend und stolpernd be- reitS wieder auf der anderen Seite heraus, die Radfahrer springen in den Sattel und rasen davon, die anderen zu Fuß hinterher und nur die Stadtfremden ohne Lokalkenntniffe stehen rat- und hilflos umher. Im Hofe summen die ZeitungSmaschinen. die ersten bleichen Lichtkitgeln flammen auf, während hoch oben vom Dachfirst der letzte Schimmer der Herbstsonne verglüht. Leer ist der Hof, leer der Bürgersteig, die bleichen, hungrigen Gestalten sind verschwunden, untergetaucht im Großstadtgcwühl, die Schutzleute tapsen schwer und gemächlich über den Asphalt hin. verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Morgen findest Du wieder dasselbe Bild, morgen und über- morgen»lnd alle, alle Tag«, bis, ja bis der Wahnsinn de« Kapitalismus ausgetobt hat._ Emil U n g« r. Erziehung und Unterricht. Volkshochschulen in Finnland. Weit bekannt sind die dänischen Volkshochschulen, denen dieses Land neben dem Genoffenschaftswesen seine Wiederauferstehung verdankt. Auch von den schwedischen Volks- Hochschulen hörten wir schon. Daß auch Finnland, jenes Unglück« liche, unter dem zaristischen Terroriömus schmachtende und doch so mutig um seine geistige und politische Befreiung kämpfende kleine Kulturland im Norden seine hohen Schulen für arme Bauern und Arbeiter hat, war bisher weniger bekannt. In den„Dokumrnten de« Fortschritts" finden wir eine Schilderung des Charakters und der seitherigen Erfolge der Bewegung, die uns Achtung abzwingt. Die erste finnische Volkshochschule wurde 1889 in der kleinen Stadt Borga gegründet, der 1391 zwei weitere in ESbo und Kronobh folgten. Gegenwärtig gibt es 41 Volkshochschulen in Finnland, darunter 14 mit schwedischer und 27 mit finnischer Sprache. In 4l) von diesen Schulen werden 1664 Schüler unterrichtet oder 41,6 pro Schule. In den schwediichen Schulen haben 85 Proz. der Schüler höhere Kenntniffe, in den finnischen 69 Proz. In den schwedischen sind 69 Proz. Söhne und Töchter von Bauern, der Rest von nicht befitzenden Kätnern oder Landarbeitern, in den finnischen 73 Proz. Im allgemeinen hat die finnische Volkshochschule ihre Anregungen au« Dänemark erhalten, von den Grundtvigschen Ideen, die von Ludwig Schröder und Paul la Com in der erweiterten Volkshoch- schule in Askow entwickelt wurden. Man beschäftigt sich in diesen Schulen viel mit Literatur. Es ist selbstverständlich, daß bei einem national unterdrückten Volke das nationale Problem eine große Rolle spielt. Aber auch Naturwissenschaften werden getrieben, Mathematik, Phhfik. Daneben wird das in der Volksschule Ge- lernte: Schreiben, Lesen repetiert. Endlich werden den Schülern auch praktische Kenntniffe übermittelt, in der Buchführung, dem Auf« setzen von Kontrakten, in der Tischlerei, für Möschen im Weben, Nähen und Kochen usw. Seit einigen Jahren wird Wert daraus gelegt, den Schsjlern etwas landwirtschaftlich-theoretische Ausbildung zu geben. Ein Kursus dauert sechs Monate: vom 1. November bis 1. Mai. Die Schüler haben ein Durchschnittsalter von 18—20 Jahren. Fast alle Schulen sind Internate d. h. die Scküler wohnen und effen ge- meiniam mit den Lehrern im Institute. Bis vor einiger Zeit wurden die Schulen durch die Opferwilligkeit einzelner Mitbürger und Landgemeinden erhalten. Schon oft hatte der Landtag die Regierung um Bereitstellung finnffcher Staatsgelder für die Schulen ersucht. Es wurde aber stets nur ganz wenig bewilligt und erst seit dem großen Systemwcchsel im Jahre 1905 wurde ein Staatszuschuß gewährt, der die Existenz der Schulen sichert. Es ist aber.sehr zweifelhaft, ob er auf die Dauer wird erhalten bleiben. Medizinisches. Aus der Apotheke des Mittelalters. Das siebzehnte Jahrhundert rechnet der Historiker zwar nicht zum Mittel- alter; in bezug auf einzelne Zweige der Heilkunde und die ver- ordneten Arzneien gehört es doch dazu, und zwar zum finsteren Mittelalter. Die„Barietas" hat ein paar Rezepte ausgegraben. die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Im Jahre 1685 verordneten die Acrzte dem Marschall Lorge sogenannte„englische Tropfen", deren Hauptbestandtteilc getrocknete Vipern und der getrocknete Schädel eines Gehenkten waren! Kardinal Mazarin erhielt gegen die Gicht zunächst einen Aderlaß und darauf wurde ihm das geschwollene Bein in— Pfcrdemist eingepackt. Kardinal Richelieu sollte gar nach ärztlicher Vorschrift mit einem widerlichen Gebräu den Mund ausspülen, das aus Pserdemist und Wein her- gestellt war. Wohl bekommst Die schweren Seuchen, wie die Pest, bekämpfte man nach der genannten Quelle mit Arzneien, die aus der Apotheke des Aberglaubens stammten. Eine sehr beliebte Vorschrift lautete: Man fängt bei abnehmendem Mond im Juni, Juli oder August eine recht große Kröte, bindet ihr einen Faden ans Bein und hängt sie so am Kamin aus, daß sie frei schwebt und gerade von der Wärine erreicht wird. Weiter muß man ein sauft- großes Stück Wachs weich iverdcn lassen und unter der Kröte so anbringen, daß es alles auffängt, was aus dieser herauskommt; hierunter ist eine Majolikaplerttc anzubringen. Nun zündet nmn eine Wachskerze an und hält der Kröte die Flamme inehrmals an den Bauch und den Rücken. Dann gibt sie ihr Gift von sich. das mit dem Wachs aufgefangen werden soll. Dieses„Kröten- opfer" ist fortzusetzen, bis die Kröte stirbt: be! manchen Kröten tritt dies erst am dritten Tage ein. Sobald die Kröte tot ist, öffnet man ihren Leib, nimmt die Eingeweide heraus und bringt sie auf das Wachs. Alles zusammen wird dann im Freien an der Sonne getrocknet und schließlich in eine Holzkapsel getan, die man mit drei Fäden am Arm des Kranken befestigt! Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag SanftaltPanl Singer Sc Co., Berk in 8 W.