t ♦♦♦♦y w v« Nr. 221.' Mittwoch, den r>c\$c Bendels Luftrchlöffer» Gin Ghikago-Noman von Henning Berger. Nene Tabellen und Listen wurden erfunden, ein Wcgweiserkontor wurde eingerichtet, in dem ein sprach- kundiger„Guide" in der Uniformniütze der Linie Gratis- Pläne ausgab und für Hervorragendere Reifende, die in der Stadt übernachteten. Ausflüge nach den Schlachthäusern au- ordnete. Da aufierdein tatsächlich ein allgemeines, wenn auch zufälliges Aufblühen in all den Tausenden der verschiedenen Billettkontore der Clark-, La Salle- und Dearborn Street sich bemerkbar machte, von den glänzenden Bureaus der offiziellen Hauptsitze bis zu den kleinen Läden der Zwischenhändler auf dem Gebiet des Verkehrs, und natürlich alle durch zunehmenden Eifer und Austausch sich gegenseitig ausstachelten, so erhielt das Kontor eine neue, wenn auch interestelose und unangenehme, Anziehungskraft. Helge war nachgerade ein zu alter und routinierter Kontorist, um nicht mn mechanisch sich von der Arbeit packen z» lassen, und er loar darum ganz von selbst wie festgenagelt an seinem Pult, so oft die Börse ihn nicht in Anspruch nahm. In diesem mit der Saison wiederkehrenden Gehetze lag eine Art Stimulanz, die allerdings keine Illusionen mehr hervorrief, aber keine Zeit fiir tatenlose Grübeleien liest. All dies verminderte die Gedanken an die rätselhaften schwedischen Singvögel. Nach dem ersten Ausflammen— einer Rakete in der Nacht— war wieder Dunkel, und da Bendel, trotz alles gelegentlichen Spähens, keinen Schimmer von den Schvestern erblickte, lösten sie sich halb zu Plakat- bildern auf in seinem Bewustsein, das statt dessen, durch Forsnians Brief angeregt, sich mit seiner Vaterstadt und den vergilbenden Erinnerungen an sie zu beschäftigen begann. Auch Griff und Hannover hatte er seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Um das schwedische Boardinghaus morgens auszusuchen, mußte er mindestens eine Stunde früher auf- stehen, und dazu war er während der Saisonarbeit zu müde und schläfrig. Er hegte außerdem einen heimlichen Wider- lvillen davor, alle diese Verkommenen oder Manieristen zu sehen, die den Frühstiickstisch umgaben, und in denen er etwas ihm selbst Verwandtes ahnte. Kugels kleines Barlokal hatte er des Abends ebenfalls vernachlässigt. Aufs neue hatte er dafür in der Akadamie Smith gestanden und Akt gezeichnet. Mit immer trüberem Blick und schwererer Hand machte er seine Skizze. Ihm war. als zerflösse das Modell in der grauen Wandbekleidung, und die Kohlenspitze wurde stumpfer und stumpfer- tveder zu Sandpapier noch zum Brotballen griff er. Wenn Smith seine Kritik abgab, hörte Helge gar nicht, was er sagte. In der Anatomiestunde sah er bloß ein Skelett oder einen abgeschnittenen Arm. Es war auch weiter nichts interessanter als die Gipse der Antike. Die Bibliothek, U>o er einen Freund batle am Unter- bibliotbekar, einem Schweizer namens Martcll, ein Ver- lvandter des Kognakmatadors, aber halber Anarchist und pon unglaublicher Belesenbeit, besuchte er gar nicht mehr. Und doch hatte er dort mehr als fünf Jahre lang unter der knn» digen Leitung dieses Freundes jede freie Stunde zugebracht — die Lesesäle waren bis halb zehn Uhr abends geöffnet— und hatte nach einem bestimmten und geordneten Plan Hunderte von Bänden gelesen. Die ganze moderne Literatur der verschiedensten Länder, von den Romantikern an, hatte er sich so angeeignet- sogar die Klassiker teilweise und die Uebec- gangsmänner. Und nicht nur die Hauptwerke, sondern(bis auf wenige Ausnahmen) sämtliche Arbeiten, Band um Band, die trockenen und die saftvollen, die langen, die kurzen, die lebcnsprülzenden, und die, die mit stockendem, erlahmendem Puls geschrieben waren. Wenn der gesetzlich vorgeschriebene Urlaub von vierzehn Tagen auch für ihn kam, so hatte er zwar nie die Mittel, den somnierstinkendtzn Kloakenstraßen der Stadt zu entfliehen-, aber sein Erholungsort waren die winterkühlen Marmorsäle de? Newb'erry Palastes. Sogar einen besonderen Raum hatte Martell ihm überlassen, und hier schlang er Tausende von Seiten in sich hinein, bis er selber blaß ward wie das Papier der Bücher. Aber als dann die Knust auftauchte mit ihren Lockungen, gleich nachdem er ,tt des Horwürts 12. November. Uli 3 durch einen Zufall den Zeichner der Daist) Nclvs, Frank Holme, kennen gelernt hatte, da warf er die Bücher in die Ecke: mehr sich teilen, als er sich schon teilte, das konnte er nicht: das sab er ein. Immerhin aber traf er sich noch bei Kugel regelmäßig mit Martell. An all dies und vieles mehr dachte Helge Bendel, als er früh eines Nachmittags durch die Van Buren Street schritt, um den Palette and Chisel Club anszustichen, in dem er seit ein paar Jahren Mitglied war. Die steife Straße mit ihren schokoladedraunen(iKschästshänsern lag ungewöhnlich still da; bloß an den Ecke» der größten Querstraßen war es lebendig. In der Wabbash Avenue, wo die Hochbahn begann, waren die Stationstreppen zum Breche» voll, und unter den Eisen- Pfeilern der Plattformen hatten fliegende Händler ihre Stände aufgeschlagen. Aber weiter hinten lag das ganze Viertel wieder schweigend, gradlinig und dunkel. Ueber der scharfen und phantasielosen Kante, der Dachränder spannte sich eine Art Graüpenhimmel. Er erinnerte an eine Bucht mit Rippelwellen: und jede Fischschuppe hob sich stark von einem bleichen Pcrlmüttcrgrund ab. Als Helge emporblickte, zu diesem Himmel, dessen Wölbung kaum mehr zu unterscheideu loar, verspürte er ein unaussprechliches Ge- fühl von Beklemmung. Gleichzeiiig erschienen ihm Himmel und Erde wie vertauscht— ihm war, als od er von einem hohen Berg hinabblicke über eine tiefe Bucht. Und ebenso tastend und unbewußt, wie er seiner Niedergeschlagenheit innerlich gegenüberstand, verband er auch dies Abendspicl des Raums mit seiner Vaterstadt. Lister Building lag völlig im Schatten. Eine herunter- geschraubte Gasflamme in einem Netz ans Stahldraht, wie aus einem Theater, glich in dem dumpfigen Hausgang einer erlöschenden Kohle in einem großen, rußigen Herd. Das Innere der zlvei Läden»var bereits völlig in Schwarz gehüllt: Bendel mußte mit vorgestreckten Händen tasten, um da? Gitter des Lift? zu finden, an dem er kräftig rüttelte. Es ivar dies das Zeichen— eine elektrische Klingel existierte nicht—, daß Jim mit dem Korb herunterkomme» sollte. Während er wartete, warf er aufs Geradewohl nach links ins Dunkel hin: — Hallo, Tom! Und wie ein grabgleiches Echo oder eine Stimme ans einein Gcnvlbe kam auch wirklich aus der Falltür Antwort: —... lo. Sir! Im Listskelett begann cS zu knacken und zu seufzen, und die abgenützten Seile knisterten um die jammernden Räder. Es klang wie die 5klage- und Maschinenlaute bei einer Zahn- operation. Helge blickte nach der Straße hinaus. Sie sah fast hell aus gegen das Dunkel innen, und über dem Asphalt lag ein Widerschein des Himmels gleich einem schwachen Bernstein- fchimmer. Jetzt rasselte der Korb herab, daß das ganze Gestell er- zitterte, die Gitter wurden zur Seite geschoben und Jim rief: — Alles klar zur Himmelfahrt!— Eine Redewendung, die in Anbetracht des Zustandes, in dem der List sich befand, stzmöolische Bedeutung erhielt. — Wievielte Etage, Sir? fragte Jim dann, indem er mit soviel Lärm und Gepolter, als sick) überhaupt hervorbringen ließ— und noch ein bißchen mehr—. den Lift in Bewegung setzte. Ohne eine Antwort abzuwarten, rief er ein Abschieds- wort in die Falltür hinunter: — Adien. Tom. alter Junge! Falls ich nicht mehr wieder- komme, so nimm Dich meiner Frauen an— und meiiier Enkelkinder... Dieser, das Mormonentuin streifende Ausspruch wurde gleich darauf noch durch einen Gesang verstärkt. Jim sang, während er mit beiden Füßen einen Jig in den morschen Fahrstuhlboden hineintrampelte: Ach weiß ein paar süße Kerlchen in Alabaira! Und ein halbes Dutzend Perlchen in Yokohama! — eine für sein Alter geradezu stannenmegende Don Juan» Zukunft sowohl in Geographie als in Liebe. machte knarrte der Lift empor. Als sie am zweiten Stock- werk vorbeikamen, hörte man ein einstimmiges, einförmiges Klappern von Schreibmaschinrn. dos jedoch von einer Ichrillen, zerbrock)enen Danicnstimnie übertönt wurde, die unter fort- währende, n Jn-die-Händc-Klatschen der Velitzerin kreischte: — Eins. zwei, drei... eins, ztvei. drei... einS, zwei, drei... — Vier, fünf, sechs, Dn alter, dürrer Getzkrapenl schrie Jim. Jetzt hat sie bloß noch drei Schüler. Wer man auch bei einer Voaelscheuchc tanze» lernen, Herr! — freilich, saate Helne, das nmsj widerwärtia sein. — Und wie sie anaezonen ist, fuhr Jim verächtlich fort und spuckte einen Strahl Guinmisast zlvische'n den Stangen durch.— Einen Brotlaib auf dein Kopf und an den Ohren Korkzieher. Eines Tags Hab' ich mit angesehen, wie dies Ge- stell die Röcke hochhob und ein paar Tanzschritte machte, und was glauben Sie, Herr? Hose» hatte sie an, die bis auf die Knöchel gingen und»nten mit Bändern zusannnengebunden waren, lind dazu hatte sie Lüsterschuhe an— L ü st e r. Herr I— mit Rosetten! Bäh. pfui, Teufel! Jim hohnlachte und spuckte aufs neue aus. lLorUevung tolat.l 6ine materiaUIWcbe Soziologie. Das Werk Müller. Lycrs. 4. Kapitalismus und Familie. Als die Germanen in die Geschichte eintraten, waren sie Meist Viehzüchter, doch bestand daneben Landbau, der zwar noch recht primitiv betrieben wurde, über das Stadium der Frauen- arbeit aber doch schon weit hinaus war. Diesen wirtjckafllichcn Verhältnissen entsprachen auch die verwaudtschastlichen. Noch br- stand die Sippe, und viele Ucberlcbsel lasse» uns erkennen, dah sie in noch früherer Zeit nach der Muttersolye organisiert gewesen sein muh. In historischer Zeit bestand aber zedenfalls schon Vaterfolge, und bald nachdem die Germanen in den neuen Gebieten sehhaft geworden waren, trat auch bei ihnen der Verfall der Sippenorga-- uisatio» ei», und die patriarchalische Familie trat in ihre Rechte. Zugleich entwickelte sich nun das Privateigentum an Grund und Boden und damit der Gegensatz zwischen Reich und Arm, zwischen einer kriegerischen Adelstastc und dem immer ivehrloser werdenden Volk. Ihre höchste Stufe erreicht hier die Entwickelnng der Fami- lie im herrschastlichcn Grohhaushalt, dem Herrenhof oder Fron- Hof, in dem der Hausvater über die Frau, über die Söhne, ihren Frauen und Kinder soivie über das grotzc Heer der Hörigen und Knechte eine absolute Herrschaft ausübt. Die Bauerndürfcr traten zcitlvcilig hinter diesen Fronhöfen an Zahl und Bedeutung stark zurück. Für die Stellung der Frau war auch bei den Germanen diese Epoche keineswegs günstig, und ihre Hörigkeit wurde durch die Lehren des herrschenden Christentums noch bestätigt und gefestigt. Doch auch diese so festgefügte und starre Familienorganisation konnte dem Fortschreiten der wirtschaftliche» EntWickelung nicht standhalten. Der Kapitalismus, der zuerst in de» Städten cutstand, sich aber bald des ganze» wirtschaftlichen Lebens bemäch- tigte, hat auch die Familie nicht unberührt gelassen, vor allem, indem er ihr ihre wirtschaftlichen Funltionen fast vollkommen ab- nahm und ihr damit ihren stärksten Rückhalt raubte. Die Bauernbefreiung hat die Fronhöse zerstört, den Herrschaft- lichen Grohhaushalt ausgelöst. An die Stelle dieser umfassenden Grohfamilie trat die Klcinfamilie, lvic Ivir sie heute kennen, nur mehr bestehend aus den Eltern und ihren unverheirateten Kindern. Aber diese Familie ist keine Wirlschattseinheit mehr, wie es die Grohfamilie gewesen war, die ihre» Bedarf ganz oder doch gröhte»- keile» durch eigene Arbeit deckte. Die heutige Familie ist höchstens noch eine K ans» m g e m e t n s ch a f t. Dem cnt- sprechend hat die Tätigkeit der Frau, die früher die im Hause er- forderlichen Konsummittel zum grohen Teil selbst produzierte, die nicht uur kochte, sondern auch Geflügel zog, den Garten betraute, Brot buk, Wolle spaun und eventuell selbst webte,»uu ihren Charakter geändert; sie ist eine klcin-kausinäiunsche geworden; sie besteht darin, möglichst vorteilhast einzukaufen. Aber nicht nur die wirtschaftlichen Ausgaben werbe» der Familie abgenommen; auch die zweite Hanplansgabe, die ihr bis- her oblag, entzieht sich immer mehr ihrem Bereich, die Kinder- erziehnng. Zunächst ist schon die Zahl der Kinder meist viel geringe� als in früherer Zeit. Ein groher Kindersegen ist heute nicht wie einst eine Quelle des Glücks und Wohlslands für die Familie, sondern eine schivere Last, der man sich»ach Möglichkeit entzieht. Das Zweitiudersystei» breitet sich immer mehr aus. Aber auch die Erziehung der noch verbleibenden Kinder wird der Familie in stets steigendem Mahe von Staat und Gemeinde abgenommen. Dazu kommt aber noch, dah die Kinder heute namentlich in de» besitzlosen Klassen viel früher selbständig wcroen als früher, wo der Sohn i» der Regel das Gclverbe deö Vaters bei dicsrm erlernte. Heute aber ist der Beruf in viel geringerem Mahe von der Geburt abhängig. Der Kapitalismus reiht die Familienmitglieder von einander loS und zersetzt dadurch die Familie. Noch weiter wird die Familicngemeinfchaft verengert durch die Abnahme der Zahl der D i e» st b o t e n. In den alten großen Jamilicnhaushalten gab es zahlreiches Gesinde, das auch ausgiebig Beschäftigung fand, das aber auch zum Hausvater in einem gewissen gemütlich-patriarchalifchen Verhältnis stmid. Wie das Beispiel Amerikas zeigt, dem wir uns ebenfalls rapide nähern. scheint das GesindevcrhältniS einem rasche» Untergang entgegen zu gehen. Es wird ersetzt durch Lohnarbeit, die aber durch die Einrichtung unserer Wohnungen usw. sehr wesentlich vereinfacht wird. Auch als Rückhalt für den einzelne» verliert die Familie immer»>ehr an Bedeutung. Waisenhäuser, Krankenhäuser, Pfrüntrneranstalten, Rekonvaleszcutcnheimc usw. übernehmen immer mehr die Pflichten, die früher der Familie oblagen, zu deren Erfüllung sie aber immer weniger fähig wird, und in derselben Richtung wirken freiwillige und gwangsivcise Versicherung. Doch selbst»IS M it tc l p u n k t der Geselligkeit hat die Familie ihre Stellung nicht zu behaupten vermocht. Gast- und Kaffeehaus, Verein und Klub treten an ihre Stelle. Die Familie wird an der Erfüllung dieser ihrer Aufgabe schon durch die Klein» heit und llugemütlichkeit der Wohnung inmitten der Mietskaserne verhindert. Diese Auflösung des Familienvcrbandcs findet ihre» beredten Ausdruck in der wachsenden Zahl der Ehescheidungen, in der Ver- breitung der Ehelosigkeit und des auherehclichc» Geschlechts- Verkehrs soivie der damit zusammenhängenden Zunahme der Prostitution, der Geschlechtskrankheiten und der geschlechtlichen Per- versitäten, serner in der Abnahme der Geburtenzahl, in der Zu- »ahme der Verbreche», besonders der im jugendlichen Alter de- gangcnc», sowie im Verfall der Religion, die nun Privatjache des einzelnen wird»nd nicht mehr ihre Pflegestätte in der Familie findet. Parallel mit diesen Erscheinungen geht aber der rasche sozial« Aufstieg der Frau. Fn dem Verhältnis zwischen Mann und Frau ist ein Umschwung eingetreten, der zur Lockerung der Ehe und zur Zersetzung der Fainilie viel beiträgt. Die Fra» ist ökonomisch unabhängiger geworden, sie ist selbständig erlvcrbsfähig und auch nicht mehr auf de» bewaffnete» Schutz des Mannes angewiesen. Zugleich wird das moralische Empfinde» in dieser Zeit verfeinert und verinnerlicht lallerdings braucht deshalb di(N Moral selbst keineswegs, wie Müller-Lyer meint, gehoben zu werden, die Ge- fühle der Solidarität und der Verantwortung brauchen nicht stärker geworden zu sein). Die Frau ist nun nicht mehr wie früher die Untergebene des Manneö, sie gilt immer mehr als ihm gleich- berechtigt; sie ist eine selbständige Persönlichkeit init freier Willens- berechtigung. Die geschlechtliche Liebe gilt nun nicht mehr als etwas Sündhaftes, wie es die Kirche lehrt; die Ehe ist nun der Gerichtsbarkeit der Kirche entzogen und der des Staates unterstellt, die Trennbarkeit der Ehe ist damit fast überall verbürgt. Die Z w a ng s m o n o g a m i e, loie die Kirche sie im Id. Iaht- hundert einführte, hat damit viel von ihrer Kraft verloren. In der patriarchalischen Familie hatte Vielweiberei geherrscht, auch in der germanischen Familie, in der allerdings fast stets nur eine Gattin als legitim galt, die übrigen als dlohe Konkubinen oder Kebsweiber. Ehebruch konnte nur das Weib begehen, nicht der Mann. Aber jemehr sich die Familie festigte, um so mehr trat die Rottvendigkeit hervor, ihr durch die dauerhafte und unlösbare Ver. bindung zwischen dem Hausvorstand und seiner legitimen Gattin ein festes Rückgrat zu gebe». So fand die Lehre der Kirche, die nur die dauernde Einehe anerkennen wollte, einen willigen Boden. Aber erst im 15. Jahrhundert>var dieses Prinzip zum Sieg, zur allgemeine», auch gesetzlichen Anerkennung gelangt. Jeder außer. eheliche Gcschlccktsvcrkehr galt nun auch beim Manne als Ehebruch, und diese vor dem Priester geschlossene eheliche Verbindung galt als unlösbnr. Diese Strenge der ZlvangSmonogamic ist heute fast überall gebrochen. Gesetz und Sitte anerkennen die Individualität der Ehegatten und ihr Selbstbestimmungsrecht wenigstens inner- halb gewisser Grenze». Doch nicht nur die Frau ist durch die kapitalistiscbe Wirtschaftsordnung emanzipiert worden; auch das Verhältnis zwischen Eltern und K i» de r n hat eine gründliche Aenderung erfahren. Hat in der patriarchalischen Familie die Strenge des Familien- valers über das ganze Hans, besonders aber auch über die Kinder die absolute Herrschaft geübt, wurde» nur Pflichten der Kinder gegen de» Vater anerkannt, aber nicht umgekehrt, so treten heute immer mehr auch die Pflichte» der Eltern gegen ihre Kinder in den Vordergrund, der Vater ist lvcniger der Herr als der Freund der Kinder getvorden oder soll es lpeiiigstens sein.(Gerade aus diesem Gebiete ist übrigens der deutsche Spiehbürger allerdings vielfach noch in der Begriffsivclt vergangener Epochen stecken ge- bliebe».) «o bereitet sich auch anf vcrwandtschastlichei» Gebiete ein radikaler Ilmfturz der bisherige» Verhältnisse vor. Dieser Umsturz wird allerdings nicht so ruhig»nd friedlich verlaufen wie Müller- Lher glaubt, und er lvird nicht von den Intellektuellen ausgeben, wie er annimmt, sondern bo» dem»»> seine inenschcnwürdige Existenz käiiipfendcn Proletariat. Wenn»vir aber anck, wie schon früher gezeigt, Müller-Lyer in seine» Ausblicke» in die Zukunft, in seinen»topistische» Bor- stellniigcn über die Sozial isternng der Gesellschaft durch die Ab- schaffnng des Erbrechts nicht folge»-könne», müssen wir ihm doch für feine ausgezeichnete und lichtvolle Darstellung der Vergangen- yett und feine scharfe Beleuchtung der lapitalistischen Gegenwart vollste Anerlemmng zollen, und so werden wir besonders den L. und 4. Band seines Werkes zu den wertvollsten Bereicherungen unserer wissenschaftlichen soziologischen Literatur rechnen. _ Gustav Eckstein. Scbubmachcr Blank Von Martin Andersen-Rex ö. Er hätte sich recht gut in der eigentlichen Stadt ansiedeln können, hätte eine Werkstatt mit mehreren Gesellen halten und einen kleinen Laden mit Fabriksschuhzeng haben können— nichts wäre leichter gewesen! Denn er lvar tüchtig in seinem Fache mtd ein paar hundert Kronen znr Begründung des Geschäftes wären wohl zu beschassen gewesen.. Aber Blank liebte das offene Land, darum fiedelte er sich am Rande der Stadt in einem der Häuser mit zwei Etagen und Dach- wohnung an, dort, wo der Uebergang von den Feldern zur Gross- stadt sich ganz allmählich vollzieht. Von seinem hochgelegenen Keller au? hatte er bei der Arbeit das Ganze vor Augen: zunächst ein paar trostlose Lehmklumpen, dann Weiden, von denen es bei Nebel herabtropste und die den zerzausten Vögeln Obdach boten, und weiterhin Felder mit richtigem Getreide. Noch weiter drausscn, das wusste er, waren prächtige Wälder mit Seen und Blumen; aber Blank war kein Schwärmer, und dies hier war ihm das„Eigentliche"— daS Land. .Herrjott, is dct alles?" sagten die Kameraden, wenn er sie mit nach Hause brachte, um ihnen zu zeigen, wie herrlich er wohnte. DaS verdross ihn. Seine Liebe verteidigen— dos konnte er nicht. Di« Freude wurde ihm ja nicht durch das Sehen, sondern durch Herz und Atem zuteil. So inied er die Menschen und behielt seine Welt für sich; wenn die andereit doch nur darauf ausgingen, ihm das Beste zu rauben, dann konnte er sie entbehren. Die Folge davon war, dass er schliesslich mit niemand verkehrte. An dem Misstrauen, das in ihm erwacht war, hielt er fest, wie um einen Besitz zu schützen. Wenn die Leute ihm Arbeit brachten und anfingen, davon zu reden, wie frei er wohne, dann gab er ihnen gar keine Antwort daraus, blieb bei der Sache und suchte sie schnell abzufertigen. Er hatte mit den Menschen nun einmal nichts über das rein Geschäftliche hinaus zu besprechen; jede alltägliche Unter- Haltung nmsste ja früher oder später ans den Punkt führen, der sein Geheimnis lvar und blieb. Eine wandernde Unruhe ersiillte seinen Blick und er richtete die Werkftätte— in ziemlich auffälliger Weise— so ein, dass es den Leuten unmöglich gemacht wurde, ans Fenster zu gelangen. Sobald er allein war, befiel ihn tiefer Friede. Die Einsamkeit empfand er nicht. Das Bcwusslsein, dass er das„Eigentliche" besass, erfüllte und befriedigte ihn ganz und gar. Er grübelte nildt, aber sein Sinn empfing seltsame, bunte Eindrücke von dem Wolkenhimmel. Ivo Wolken kamen und gingen, in unendlicher Er- Neuerung. Und die Sonne selbst umfosste das Ganze wie Gottes iibergewaltigcs Herz. Den grvtzten Teil des Jahres über standen seine Fenster offen, und ivenn die Sonne schien, strich sein Pseife», flimmernd gleichsam, über die geborstene Lehmkruste hin. Er pfiff wie ein Halbverrückter, wie im Rausche, pfiff mit ohrenbetäubendem Jubel wie ein Stubcnvogel, dessen Bauer im Sonnenschein an der Mauer hängt. »* » Im Herbste begannen sie, unmittelbar vor seinen Fenster» die Erde auszuschachten. Blank guckte ihnen von seiner Wohnung aus nengierig zu; er lebte Ivie ein Bogel hier draussen, und es lag auch etwas Vogelähnliches in der Art, Ivie er den Hals vorstreckte und sich die Arbeit vor seinem Hause anguckte. Unruhe empfand er nicht: dies alles war etwa?, was in der Landschaft vorging; sie kehrte neue Seiten nach aussen— ihm zur Freude! Im Winter erlebte er das Gaudium, zu sehen, Ivie die Jugend des Viertels sich aus der gefrorenen Erde des Bauplatzes herumtummelte; und im Frühjahr kamen die Handwerker und begannen zu bauen. Wie lustig das war I Denn hier sass Blank mutterseelenallein mit seinen Ge- danken und seiner Arbeit, in die er niemand hineinpfuschen lieh, drausscn aber war ein Gewimmel wie in einem Aineisenhanfen I Dass au§ der Arbeit so vieler Hände etwas Ganzes werden konnte, da? wunderte ihn am meisten. Aber daS Werk wuchs von Tag zu Tag; und drei, vier Ellen weit von ihm erhob sich die nackte Brandmauer und versperrte den Ausblick aufs Land. Eines TageS verschwand der letzte Weidenwipfel und er fragte sich verwundert, wieviel vom Himmel sie ihm denn wohl noch lassen würden. In dieser Brandmauer lvar kein Klang und Blank hörte auf zu finge»; er pfiff nur noch hin und wieder, um die Lust zu reinigen I Aber allmählich im Laufe der Jahre nahm die einförmige graue Mauerfläche allerhand Farben an von der Mrichtigkeit und vom Schatten; grosse Fliegen krochen darüber hin und machten sie lebendig; auch Asseln und zuweilen ein Tausendfiisslcr liehen sich kehen I Sobald Blank ans dein Bette gekrochen war, untersuchte sein Blick die Mauer; an dem Charakter und dem Ton der Flecke konnte er erkennen, wie der Tag war. Ein paar Schritte nach links stand eine zweite, ebenso hohe Mauer mit drei galvanisierten 5deHricht- kästen; und wenn er halb zum Fenster hinauskroch und sich aus tat Rücken legte, dann konnte er gerade hinaufsehen. Oft ließ es sich ja nicht machen; aber das war auch nicht nötig, Denn weit nach rechts hin lieben die Mauern eine schmale Spalt» frei, die alles in sich barg; zu oberst den Himmel, dann ein paar Linden» zweige, die hinter den Mauermasse� hervorkainen, einen drollige» kleinen Ausschnitt aus dem Lande und schliesslich ein Wegstückche» mit seinem unaufhörlichen Verkehr, das quer Über den Grund det Spalte lief. Von seinem Stuhle aus konnte er nichts davon sehen; aber loenn er einen Spiegel aus das Fensterbrett stellte, dann hatte er das Ganze. Mit dieftm Stückchen von GotteS freier Natur im Spiegel machte Blank es sich gemütlich. Er brauchte bloss das Gesicht von der Arbeit zu heben, so hatte er alleö vor Augen: Sonne und Regenwetter und die abgeschnittenen Ecken von einigen Aeckcrn. Und als ein paar Jahre verstrichen waren, vergab er ganz, dass jemals vor ihm etwas anderes gestanden hatte als die graue, fleckige Brandmauer. Als Blank hierher gezogen war, wohnte an der Ecke drüben ein armer Kolonialwarenhändler. Er war es, der die Häuser baute und den Stadtteil ins Leben rief; jetzt war er beleibt und wohlgenährt und wurde Großhändler genannt. Der Schuhmacher versuchte nicht, in die Einzelheiten der Entwickelung einzudringen; er begriff nur, dass dieser Grosshändler eö war, der ihm den freien Ausblick ver- sperrte. Und er brachte das in Beziehung zu dessen Beleibtheit. Er nahm die Verhältnisse wie sie waren. Der Grosshändler war ein braver Mann und ein guter Wirt, und er war freundlich zu den kleinen Leuten. Er hatte bloss de» Fehler, dass er immer mehr anschwoll und den Menschen die Aussicht tvegnahm. So formte» sich die Dinge allmählich für de» Schuhmacher Blank als handgreifliches Phänomen, das ganz offen zutage trat. Wenn er seinen Wirt sah, fiel ihm wieder und wieder dessen Körper- umfang auf und voll Unruhe beobachtete er, dass der Mann unauf- hörlich dicker wurde. Das empfand er als drohende Gefahr sür den Atem; es war, als presste man ihm die Luft aus. Im Frühjahr einmal»ahm endlich das Verhängnis seinen Lauf. Der Grosshändler fand leinen Platz mehr im Alten; und vor dem AuSguck wuchs ein hohes HerrschastSgebäude empor. Der letzte Rest der Erde versihwand, in Blanls Spiegelftückchen standen jetzt fünf Kiichensenster in einer Säule übereinander. Aber das Gebäude hatte die Eigenschaft, dass seine Rückseite die Bormittagssonne ans- fing und im Spiegel wiedergab; und fünf Mädchenlammerfenster konnte Blank ahnen, wenn ein Fenster so weit zurückgeschlagen wurde, dass es von der Brandmauer loskam. Und dann tauchte auch ein nackter, draller Arm auf und fing das Fenster wieder ein; er kam und ging wie der Blitz und konnte zur Not mit einem Sonnenstrahl verwechselt werden. Aber alles in allem hatte das nichts zu bedeuten I DaS Spiegel- stuck fiel eines Tages um und Blank lieh es liegen; er hatte keine Verwendung mehr dafür. Er hatte durchschaut, wie die Sache mit den sperrenden Mauern zusammenhing; nun hielt er seine Augen zurück und übte sich darin, quer durch das Ganze zu sehen. Tr wusste jetzt mehr als je, und sein Wissen ward ihm leichter zuteil. Wenn über den drei Kehrichtkasten die Mückenschwärme tanzten wie drei graue Schattengewänder, dann wusste er, dass da draussen stille, fruchtbare Witterung war. Vom Liegen an der sciichten Wand hatte er sich Rhcuinalismus geholt, und der zeigte ihm den Nordwind an, den guten Freund aller Gicht. Und wenn drausscn vom Hofe ein garstiger Geruch herüberwehte, dann wurde cS»»ehr und mehr Sommer; der Geruch war ihm ordentlich willlomiue», weil er den Sonnenschein in ihn» zum Lcbeir er» Iveckte. Immer zahlreicher wurden die Keimzeichcn; zuletzt waren ihrer so viele, dass ftels Sonnenschein in ihm war. Er war zu seiner Phantasie geflüchtet und konnte die Sonne hervorzaubern, wann er nur wollte. Er pfiff nicht mehr, sondern sah schweigend über seiner Arbeit; die Stille hatte Bedentting für ihn gewonnen. An« der Leere vor seinen Augen wuchsen neue Welie» hervor, so dass er nichts eiitbehrte. Seltsam nnbeholsen war sein Gesichissinn den äusseren Dinge» gegen- über, die öde Mauer hatte sein Sehvermögen gesctnvächt; aber nach innen sah er vortrefflich und fand alles in sich selbst. Seinen Egoismus hatte er allmählich eingebüsst; er verlangte nichts mehr für sich»nd hielt sich, alles in allem, für einen wohl- habenden Mann. Desto mehr talen ihm alle die vielen über und neben ihm leid.„Sie sind eingemauert," sagte er zu sich selbst und schüttelte traurig den Kopf.„Die Sonne kann ja nie zu ihnen hineinschauen." Es war, als habe er alles von sich abgestreift Ivie eine Haut und als sei er nun nackt, als sei sein Anteil ein einziges ivarmeS Gefühl, das dumpfe Mitgefühl mit den viele», die unter dem Drucke schwerer, grauer Mauern litten. Und er allein wusste, woher daS llebel kam: der dicke Grosshändler versperrte ihnen den Blick! Nie- nrand ausser Blank wusste daS; die anderen meinte», die Mauern sperrte», und schimpften darüber, aber Blank kannte das Geheimnis. Wenn dieses Gefühl sehr stark in ihm wurde, dann lieh er die Arbeit liegen und sein« Finger tasteten über den Streichstnhl hin. Alter Aberglaube hastete dein Jnstrnnieiit an. So manchem seiner Vor- gänger im Fache hatte es gehrlfen und Schutz gebracht. Drehte man die Spitze de« Streichstahls richtig, dann hielt sie das Böse ab und rief daS Glück ins HanS. Doch Blank war nicht abergläubisch, er bekam cS nur zwischen die Finger, ohne zu wissen, was er damit / anfangen sollte; e? war eine Handlung ohne Sinn und Zweck. In seiner Not begann er die Spitze de» Stahle? abzufeilen. Mit der Zeit wurde da« die einzige Handlung, die seiner Seele Ruhe gab. Er wußte recht gut. daß eS zwecklose Zeiwergeudung war; und er schlug zornig nach der» Stahl, wenn die Manie über ihn kam; trotz« dem aber kolinte er ihr nicht widerstehen. ES war die einzige Be« schäftigung, die in ihm daS befriedigende Gefühl erweckte, für andere etwaS ausgerichtet zu haben. Die Sinnlosigkeit seines Tuns entging ihm nicht, aber er beugte sich davor, daß cZ so war. Eines Tages wurde Blank und den andern Bewohnern des alten VororlgebäudeS gekündigt. DaS HanS war ganz von Kasernen eingeschlossen und sollte niedergerissen werden, um einem modernen Hause Platz zu machen. Seltsamerweise hatte Blank nie an diese Möglichkeit gedacht. Wenn er enicS Morgen? erwacht wäre und entdeckt hätte, daß die sperrenden Mauern wieder in die'Erde gesunken seien, so hätte ihn daS ganz und gar nicht gewundert. Es wäre ihm einfach als recht und billig erschienen. Äber daß das Haus hier weggerissen und einer Kaserne Platz mache» sollte, das konnte er nicht aus seinem Kopse bekommen. Es war, als würde die Welt selber fortgesprengt, um Platz für mehr Ersindungen zu schaffen; da? hieß alle Begriffe auf den Kopf stellen. Aber Blank sah der Sache auf den Grund. Nu» war der Groß- Händler so dick geworden, daß er sich nicht mehr damit begnügen konnte, die kleinen Lenie einzusperren— sie mußten aus dein Weg« geräumt werden, um für ihn selbst Platz zu schaffen! Und Blank zog seine besten Kleider an, steckte den spitzen Streich- stahl unter die Jacke und ging hinüber und klingelte an der Tür de? Großhändlers. Sein Blick war in den letzten Jahren seltsam un- ruhig geworden, so das; die Leute Angst vor ihm hatten. »ES ist der verrückte Schuhmacher', hörte er das Mädchen im Zimmer sagen. Nun kam der Großhändler selber herauSgeeilt und sah ihn der- wundert an. „Ich koinme wegen der Kündigung", sagte Blank und trat inS HauS. „Ja, Iva» zum Kuckuck ist denn loS? Meinen Sie, sie wäre nicht gesetzlich zulässig?" „Doch... aber du bist zu dick geworden... die anderen können keine Lust kriegen." sagte Blank stoßweise und setzte ihm den Stahl aut die Brust. Und... tind... nun nmßt du selber aus dem Weg!" «« «- Blank kam ins Gefängnis, aber sein Gedankengang ivar zu Ivunderlich, als daß c? Zweck gehabt hätte, ihn dort zu behalten. Wenn jemand eine Brandmauer mit einem dicke» Großhändler ver« wechselte, so konnte man ihn nicht mehr als deiikendeS Wesen bc- trachten und an den normalen Gütern der meiischlichen Gesellschaft teilnehmen lasten. Er wurde bald in eine Irrenanstalt gebracht. Dort sitzt er im Augenblick und glaubt, er habe die Mauern mit seinem Streichstahl gesprengt. Die Tiefe hat sich ihm offenbart, er sieht den großen Zusammenhang und hängt sich nicht an gleichgültige Kleinigkeiten. Darum behält man ihn in der Anstalt. Zuweilen hat er seine lichten Augenblicke, dann schöpft er seine Worte auS dem großen gemeiniamen Zuber. Und zu solchen Zeiten erörterte man, ob es angehe, ihn noch länger zu behalten oder ob er wieder der Gesellschaft zu übergeben sei. Aber glücklichetweise fragt er dann auf einmal, ob die Sonne jetzt nicht in seinen kleinen Keller scheine. Kleines feuilleton. «Völkerkunde. Sin Volk, das keinen Weißen kennt. Im Auftrage der Bereinigten Staaten hat D. D. Streeler eine große Afrika- und Oricntreise unternommen. Streeler hat bei dieser Gelegenheit Borner durchkreuzt»nd ist in Gegenden gekommen, deren Bewohner noch nie einen Weißen gesehen balten. Tief im Innern der Insel kam er zu einem Bolke von Kopfjägern, daS im dichtesten Dschungel seine seltsamen Wohnungen hat. Streeler bahnte sich mit Axt und Messer feinen Weg durch daS dichte Gestrüpp und kam plötzlich aus ein« Lichtung. „DaS erst«, was ich hier sah." so erzählt er,„war em langes, grotesk aus- sehende» Gebäude, das aus siiiif Meter hohen Holzpfähten stand. Dies war, wie ich später erfuhr, eine Sicherheilsvorkehrung gegen Ueberschwemmungen, ivilde Tiere und die Angriff« feindlicher Kopf« jäger. Die meisten Dörfer entHallen nur ein einziges solches HanS, in dem an die 300 Menschen wohnen; ungewöhnlich große Dörfer mit 1000 Einwohnern haben zwei oder drei solcher Häuser. Da» ganze Gebäude ist von einem Gang durchzogen; jede Familie haust in einer besonderen Abteilung, Man erreicht daS Innere auf einem leiterartig zugefchnitienen Bauinstamme. Die Holzstützen sowie die Türen sind übrigens reich geschnitzt. Die Bewohner dieses merkwürdigen Gebäud«? kümmerten sich um StreeterS eingeborene Begleiter gar nicht, ftarrteu ihn aber an wie ein Wundertier. Offenbar hatten sie noch nie einen Weißen gesehen. denn sie betastete» ihn neugierig und fuhren mit den Fingern durch sein Haar. Sie brachten ihm Früchte, Hühner und andere Geschenke Berantw. Redakteur: Aisred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: dar, und in der Folge ergab sich ein ganz gutes BerhältniS zwischen dem„weihen Gott" und den Kopfjägern. Streeler beschenkte das merlivürdige Boll und da» beste Geschenks da? er ihnen brachte, waren die Arzneimittel, die er in großen Mengen mit sich führte. Die Bewohner der Dschungel im Herzen von Borneo leiden nämlich an vielen Krankheiten, an Malaria, lepraähnlichen Erscheinungen usw., ja Streeler gibt an, dreiviertel der Kopsjäger, Männer, Weiber und Kinder, seien krank. Ein anderer Stamm von Kopfjägern, der ganz in der Nähe angetroffen wurde, zeichnete sich durch seine fürchterlichen Giftwaffen aus. Diese Kopfjäger schießen aus Blasrohren von zwei Meter Länge mit ganz kleinen, streickiholzdicken, etwa spannenlangen Pfeilen mit vergifteter Spitze, und das Gift soll Mensch»nd Tier innerhalb von sieben Sekunden unbedingt löten. Dabei schießen diese Kopfjäger mit ihren Pfeilen auf dreißig Meter oder mehr mit solcher Sicher« heit, daß sie selbst fliegende Böge! treffen. Die Kopsjagd, nach der man diese Einwohner BonieoS häufig bezeichnet, hat Strecter auch einigermaßen gut kennen gelernt, denn gerade am Tage vor seiner Ankunft waren verschiedene Menschenköpfe erbeutet worden, und er konnte sehe», wie sie getrocknet werden. Keiner dieser Kopfjäger, so erzählt er, darf sich verheiraten, wenn er nicht wenigstens einen Menschenkopf erbeutet hat. Hauswirtschaft, Der K w a ß. Wenn man den AlkoholiSmn» mit Erfolg be» kämpfen will, muß man der dürstenden Menschheit, die nick: immer klares Wasier trinken kann und mag. wohlschmeckende unschädliche und billige Ersatzgetränke für Bier und Wein zugänglich machen. Die Industrie der alkoholfreien Getränke hat bisher noch nicht diel Brauchbares geliefert; die meisten ihrer Produkte sind auch für den Genuß in größeren Mengen— bei Feld», Bau- und anderen Arbeilen, die in sehr heißer und staubiger Luft verrichtet werden— nicht wohlseil genug. Da lenkt Prosesior Rudolf K o b e r t. Direktor de» Instituts für Pharma» kologie und physiologisch« Chemie in Rostock, in einer neuer» dingS in zweiter vermehrter Auflage erschienenen Schrift„Der A w a ß"(Halle a. d. S., Verlag von Tausch u. Grosse. 1S13. 32 Seiten.) die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf daS altbekannte russische Rationalgetränk, den schäumenden, säuerlich schmeckenden Kwaß, der alle Anlprücbe erfüllt, die nian in bezug auf Billigkeit. Bekömmlichkeit und Wohlgeschmack an ein alkoholarme? Getränk stellen kann. Ganz alkoholfrei ist der Kwaß nicht, der Alkoholgehalt ist jedoch geringer als der unserer Dünnbiere und Weißbiere— er beträgt beim BolkSkwaß eiwchjsi/z Proz.—, so daß solcher Kwaß nach dem deutschen Brausteuergesetz als alkoholfreies Getränk be« handelt werden müßte. Der Kwaß wird entweder auS verschiedenen Mehlarten oder auS Malz von Roggen oder Gerste oder a»S Brot, oft auch au» einem Gemisch aller dieser Stoffe mit Wasier gesotten, mitunter ge- znckert, häufig auch mit Psefferminzlraut gewürzt und an einem Warmen Orte zum Gären gebracht. Auf Flaschen gefülll ist der Kwaß nach wenigen Tagen der Nachgärung bereits trinkbar. Die Bereitung kwaßähnlicher Getränke ist übrigens uralt. In Rußland kennt man den Kwaß bereits seit tausend Jahren. Er ist dort in vielen Gegenden das tägliche Getränk der Bauern, des Soldaten, auch der Oisiziere, ja, der Kwaß wird sogar Kranken in den Spitälern verabreicht. Erst neuerdings ist man auch zu fabrikmäßiger Herstellung de» KwasieS übergegangen. Kobert teilt mehr al? siebzig verichiedene Vorschriften zur Be- reitung von Kwaß mit. Da gibt eS Brotkwaß, Malzkwaß. Hospital- kwah. Soldatcnkwaß, Birkenkwaß, auch einige nicht schäumende Kwaßarten, ferner Pfefferminzdvaß, Obstkivaß und Bccrenktvaß. Eine besondere Art ist der Koblkwaß, so genannt, weil früher der Sauerkohl die Bakterien der Milchsäuregärung de-Z Getränk» lieferte. Heule verwendet man statt Sauerkohl Sauerteig, aber der alte Name Kohlktvaß hat sich bis heute erhalten. Die chemische Untersuchung verschiedener Kwaßarten ergab außer Spuren von Alkohol, Milch» und Kohlensäure sowie Ameisen» säure einen EPraitgehalt von 5—7 Proz. Danach kommt dem Kwaß auch ein nicht unerheblicher Nährwert zu. Einige russische Unter» suchungen zeigten, daß der Kwaß infolge seines Säuregehaltes nur sehr unbedeutend« Menge» von Bakterie», noch dazu harmloser Art, enthält. Für die Bakterien de» Unterleibstyphus und der Cholera bietet ei nicht nur keinen günstigen Boden dar, sondern er tötet diese sogar ziemlich schnell ab. Bcrdorbener Kwaß kann natürlich— wie alle verdorbenen Nahrungsmittel— Darmstörungen verursachen und dadurch in Epidennezeiten gefährlich werden. D>« Prüfungskommission der Petersburger Ausstellung-gnr Bekämpfung de-Z Alkoholismus im Jahre 1910 erklärte nach eingehender Untersuchung aller alkoholarmen und alkoholfreien Getränke ein- stimmig:„In der Reih» der alkoholfreien Getränke gebührt dem Kwaß. diesem alten russischen Nationalgelränk, die erste Stelle". Nach allem wäre« Versuche, den Kwaß fabrikmäßig herzustelle» und in den Kleinhandel zu briugen, wie sie in Zürich. Thorn und München bereits gemacht tvurde», m größerem Maßstabe in Deutsch- land dringend anzuraten. Die Einführinrg eines solchen billige» und gesunden BolkSgetränkeS wäre im Interesse der BolkSgesundheit mir warm zu Uegriißc».____ m. kt. Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer&Co..Bcrlin SW.