Attterhaltungsblatt des Horwärl Nr. 223. Freitag, den 14. November. S IiM3 22] T>c\qc ßcndcls Luftfcblörfer» Ein Chikago-Roman von Henning Berger. Er schob Helge durch die Tür in einen ganz kleinen Raum, der nichts anderes enthielt als einen großen Schreib- tisch, ein Paar Stühle und einen Schrank. Eine Tiir führte in ein anderes, inneres Zimrner, in dem Fächer mit Kisten, Flaschen, weißen Tiegeln und Retorten zu sehen waren. Alles roch stark nach einem exotischen Balsam. — Ich wollte eigentlich in den Palette- und Meißel- Klub", murmelte Helge. — Palette...— Was sagst Du? Was ist denn das fiir ein Lumpcnklub? sagte Chevelli voll Verachtung.— Nein— gestern war ich als Gast im„Union League Club"— nur Millionäre— und hielt später einen Vortrag über die italie- Nische Renaissance. Und heute abend bin ich zum Ball bei Mrs. Potter Palmer— also allzulang darfst Du mich nicht aufhallen. Bendel brach in Lachen aus. — Nein, sagte er. Ich gehe schon gleich. Aber was ist das eigentlich für ein Hokuspokus, den Du hier treibst? Schieß' einmal los mit Deinen Schwarzkünsten! Augenblicklich war Chevelli verwandelt. Er sank schwer in den Schreibsessel, ließ das Monokel fallen und stützte sein durchfurchtes� vergrämtes und sorgenvolles Gesicht in die Hage» Ten Hände. — Eine Holle ist es! stöhnte er. Bendel setzte sich und hob die Masse von Briefen auf, die in einen Korb lagen. Sie schienen sämtlich aus Skandinavien und Finnland zu stammen, mit schlechter Schrift und Ortho- graphie, und die Unterschriften wiederholten endlos die Namen Swanson, Nelson, Johnson, Peterson, Olson usw. Chevelli schüttelte den Kopf. — Ja, sagte er. das ist nun augenblicklich mein Geschäft. Ich besorge die ganze skandinavische Korrespondenz für einen Quacksalber, der sich Sweeney nennt. Gesehen Hab' ich ihn nie; ich glaube, er lebt in San Franzisko. Aber er hat ein paar tausend Bureaus in sämtlichen Staaten, und einen ganzen Haufen von Deutschen, Franzosen, Russen, Italienern, Schweden— alle nur möglichen Nationen—, die die Briefe ans seine Annoncen beantworten. So wird das gemacht, siehst Du-- Er brach ab und reichte Helge einen Zeitungsausschnitt. Es tvar ein großes Inserat aus einer schwedisch-amerika- uischeir Zeitung, in dem gewöhnlichen marktschreierischen Ton gehalten, das für alle nur erdenklichen Krankheiten Heilung versprach, wenn man sich bloß an die Skandinavische Abtei- lung in Lister Building wandte. — Aber weißt Du, fuhr Chevelli fort und heftete einen seltsamen Blick auf Bendel— das ist noch nicht das schlimmste. Erst erhält der arme Teufel, der darauf antwortet, ein Frage- sormular, das er ausfüllen muß. Der abgedankte Mediziner, der dafür angestellt'ist, weiß auch gleich, wie die Dinge liegen. Ein heruntergekommener Pharmazeut, der sich ebenfalls auf all seinen Geschäftsstellen vorfindet, besorgt die Apotheker- waren. Dann mischen diese Schufte eine Mixtur von Patent- Heilmitteln zusammen und schicken zuerst etwas, was den Kranken ein bißchen belebt. Voller Hoffnung setzt er die Kur fort, und nun gilt es, nicht ihn gesund zu machen, sondern sein Elend solang wie möglich hinauszuziehen, um ihn recht gründ- lich zu rupfen. Darum bekommt er, in angenehmer Abwechse- lung, die scheußlichsten Gifte, und wird kränker oder gesünder, ganz nach unserem Belieben. Zuletzt stirbt er oder ist für immer ruiniert, hat kein Geld mehr: und dann bekommt er noch eine Dosis richtige Medizin und dann— adieu! Chevelli lachte ein gespensterhaftes Lächeln. — Aber das ist ja entsetzlich! rief Helge und schlug mit her Hand auf den Briefstapel. — Freilich, sagte Chevelli. Und zu denken, daß ich bei etwas derartigem mitmachen muß— um nicht zu verhun- gern—, ich, der ich mit einer russischen Fürstin verheiratet ivar... — Was glaubst» Du, sagte Helge, daß Dein Vater, der selber Apotheker war, dazu sagen würde, wenn er noch lebte? Aber Chevelli starrte geistesabwesend vor sich hin. Und die Briefe, die ich beantworten muß! sagte er. Gedruckt könnte man sie gar nicht wiedergeben. Aber das Schlimmste ist, wenn z. B. so einer kommt— Er griff in den Hansen nach einem Brief und las laut: — Hochgeehrter, lvstcr, barmherziger Herr Doktor!— Du solltest die Orthographie sehen, unterbrach er sich. Das ist von einem Bauern ans Manistre in Michigan. Aber ich les' ihn Dir, als wäre er korrekt geschrieben, sonst verstehst Du es gar nicht.— Also: — Jetzt sind alle Mittel wieder zu Ende und es wird immer schlimmer und schlimmer mit mir. Ich kann kaum mehr gehen und tveiß nicht, was ich anfangen soll. Bester Herr Doktor, Sie sind ja mein Landsmann und können ja nicht wollen, daß ein Landsmann ganz zugrunde gehen soll! Um Jesu Christi willen retten Sie mich und schicken Sie mir etwas, was bald hilft! Morgen verkaufe ich zwei Kühe, denn ich habe kein Geld mehr, und dann schicke ich gewiß morgen, wenn ich i» der Stadt bin, Geld. Meine arme Frau begreift nichts von dem ganzen Elend und meint, es sei Rheuniatis- mus, und ich schäme mich, ihr die Wahrheit zu sagen. Bester, barmherziger Herr Doktor, ich will es Ihnen in Ewigkeit danken-- — Hör auf! rief Helge und sprang in die Höhe. Ich kann nicht weiter hören! Wie kannst Du auch nur eine Minute lang— Chevelli lachte ein leeres, klangloses Lachen und ant- wortete nicht. Es war auch nicht notwendig. Sein ganzes müdes, verzweifeltes Aussehen verriet deutlicher seinen Unter- gang, als hätte er ihn von den Dächern herab ausgerufen. Und der ausgeplünderte Briefschreiber war nicht näher dem Abgrund, als der, den er um Hilfe anflehte. Bendel verabschiedete sich hastig und ging, während Che- velli von einem Kassenschrank schwatzte, dessen Schloß verdreht sei und weswegen er sich gezwungen sähe, ihn um ein Darlehen von zehn— nein fünf— oder dann wenigstens einem, einem einzigen Dollar anzugehen. Oder einem halben wenigstens— ha ha, mein Gott— eS war ja lächerlich— fünfzig Cents.,. .Helge fand den Winkel, Ivo die schmale, steile Eisentreppe fast senkrecht emporführte, mehr wie eine Leiter, und kletterte noch vier Stockwerke weiter hinauf, was trotz der Beschwerlich. keit schneller ging als mit dem Lift. Im obersten Stock fiel aus ein paar großen, staubigen Dachsenstern ein flaschengrünes Licht auf die ausgetretenen Planken des Korridorbodens. In einer Ecke standen alte, zer- brochene Staffeleien, Blendrahmen und Gestelle. Eine schwarze Katze saß regungslos neben einem zersprungenen Majolika- krug, aus dein sich die vertrockneten und mit Spinnweb um- sponnenen�Reste eines Makartbuketts hoben. Sogar die Katze war mit Staub überzogen, und tuen die Lust anwandelte, ihr einen Fußtritt zu versetzen, der entdeckte, daß sie aus Guß- eisen war. Auf einer grünen Tür stand in roten Buchstaben der Name des Klubs und das Zeichen der Palette mit Pinsel, Hammer und Meißel gemalt. Ein chinesischer Gong hing statt der Klingel an einem Haken neben der Tür. Die Eingeweihten schlugen zwei lange und drei kurze Schläge. Die Tür stand halboffen, und ein starker Lichtschein, fiel ans dem Spalt. Mitten im Saal stand Frank Holme und malte in der vollen Beleuchtung zweier starker elektrischer Reflektoren. Auf einem Podium, einem gewöhnlichen, rohen Modelltisch aus Holz, der mit Kreidestrichen und Reißnägeln bedeckt war, um die Fußstellungen der einzelnen Modelle zu bezeichnen, stand ein junges Mädchen in Lanzstellung. Ihr Gesicht war in der Beleuchtung und vor Müdigkeit kreideweiß. Das Klublokal bestand aus zwei in eines verwandelten Ateliers und ein paar kleinen Räumen. In dem großen Saal wurde gearbeitet, studiert und ab und zu ein Fest abge- halten. Die Wände waren mit Skizzen und Studien in Kohle, Kreide, Tusche und Oel bedeckt. Die Mehrzahl bestand aus Croquis. aber auch einige Aetzungen und ein paar Monotvpen fanden sich darunter. Die meisten Mitglieder waren an Zei- tungen oder lithographischen Anstalten angestellt, was Holz- schnitte und Reklameplakate bezeugten. Steinlens Katzen und Gassendirnen. Lautrecs Arbeiterhefe und ein paar Jini- tationen alter Stiche mischten sich unter die eigenen Werke. Schemel, Stühle,(Staffeleien, Leinwand- und Papierrollen. Drehfchcibeil mit nassen. Lappen darum, Tonmassen, ein paar Pressen, einige Mannequins und Unmengen von Flaschen, Tuben, Behältern waren in allen vier Ecken und den Winkeln und Zwischenräumen sonst, die Dach und Wände bildeten, aus- gehäuft. Eine Wasserleitung tropfte eintönig, die Dachvor- hänge und Zuggardinen waren schief und windverzogen wie in einem Photographenatelier, und das Blech der Lampen lvar verbogen und da und dort nahe am Herunterfallen. Tie kleinen Nebenräume lagen im Dunkel, aber Fächer mit Ge- rümpel, Mappen und Handwcrksgrräte aller Art schauten durch die Türöffnungen. Ein dreiteiliger Schirm verbarg nur zur Hälfte den Stuhl luit den Kleidern des Modells, den heruntergetretenen Rock, den zerknüllten Hut, die schiefen Halbschuhe und das zerschlitzte und schmutzige rosaseidene Kor- fett. Am Hemd sah man die Schweißringe der Armlöcher. — Guten Abend, Frank, grüßte Bendel. Holme rieb die Leinwand mit einem Stofsetzen ab; da er den Pinsel im Mund hatte, vermochte er nicht zu antworten, sondern nickte nur zerstreut. Er war lang, hager, hektisch. Sein Jndianerprosil milderten ein paar schwarze, sanfte Augen, die, bereits vom Tod gezeichnet, träumend irgendetwas Kouinlendem cntgegenblickten. lForeictzuiig folgt.) Unnütz I Eine Schirmflickergcschichte. V o» H e r»i n»» S t c n z > Schluß., Die Schirmflicker hotten behördlich vier Wochen Aufenthalts- erlaub» is bekommen.'Das mar immer so, in großen Städten durften sie länger bleiben. Arbeit gabs die Menge. Der junge Reiner flickte die Schirme und Körbe, welche sein Weib und der ältere fünfzehnjährige Bub zusammentrugen. Der jüngere Bub kochte, schleppte Holz herbei und stöberte den Hamstern noch. Mit Sack und Spaten zog er auf die Felder und botle einmal in einer Woche drei Ho inst erbauten mit seinen vogclscharsen Augen entdeckt und ausgegraben. Zusammen oir onderthotb Zentner Getreide holte er heraus und lauschte es gegen Mehl um. Hie und da brachte er auch manches in seinem Sock mit, dos sickicr nicht in einem Hamsterkessel gelegen hotte. Große Kartoffel», dicke Rüben und Kraut köpfe. Der alte Reiner saß den ganzen Dag am Feuer, schürte immer ein weniges nach und fluchte und Brummte dazu. Er hatte einige- male versucht zu arbeiten. Jedoch erwiesen sich seine Hände als zu zitterig und sein Sohn riß ihm unwirsch die Arbeit aus der Hand. Er solle dos sein lassen, denn er verderbe doch mehr wie er gut mache. Da hotte der Alte lauernd geantwortet. Dan» begreife et nicht, worum man ihn noch füttere, wenn er doch nichts mehr schaffen solle und könne! Sein Sohn hotte kein Wort darauf erwidert: Der alte Reiner aber grübelte wieder noch, worum sich die Jungen seiner nicht schon längst erledigt hatten. Er Begriff das einfach nicht! lim Neujahr herum sollte cr's erfahren. Der Fabrikant, dessen Wohnhaus neben der Fabrik stand, hatte bei der Behörde Be- schwerde wegen der Schirl» flicker geführt und auf Räumung des Platzes durch diese gedrungen. Solche Nachbarschaft war ihm lästig. Es schlug ihm auf die Nerven, von seinem Platz am Tische des Speisezimmers aus, ständig diesen Haufen brannhäutigcr Armut, diesen Klumpen arme Arbeit vor sich sehen zu müssen. Das Essen schmeckte ihup nicht mehr, seit er von seinem Sitze aus, mit dem silbernen Besteck hantierend, bei jedem Blick, der ins Freie siel, zuschauen mußte, wie diese Gesellschaft, inedalrächtigerweise gerode immer um die gleiche Stunde, ihre Suppe pfompfte. Er wechselte mit seiner Frau den Tischplatz, so daß er dieses hätzliche Bild im Rücken hotte. Aber dos unangenehme Gefühl blieb. Zur Bekräftigung seiner Beschwerde hotte er angegeben, daß er sich in seinem Eigentum bedroht fühle und— die Sittlichkeit seiner beiden zwanzig- und ochtzchnsährigcn Töchter gefährdet sei. Erstcrcs entkräftete der junge Reiner durch ein sauberes Leu- nuindszeugniS, das er aus dein Wagenkasten, ganz zu nnterst, hcrouskromte. Aus der Rocktasche zog er ferner ein Papier, welches bescheinigte, daß er den Ackcrzipsel zum Preise von drei Mark und auf die Dauer von drei Monaten vom Eigentümer des Grund- stückes gepachtet und bar bezahlt habe. Also bercchtigterwcisc auf gemietetem Boden sitze. Dagegen ließ sich nichts einwenden. Der zweite Grund jedoch wurde als stichhaltig anerkannt. Tic beide» Buben balgten nämlich jeden Morgen noch Togwerdcn, quasi bar- fuß bis an den Hals, eine Zeitlang um den Wagen herum. Das war ja nun für die beiden Bengel gesund und auch recht schön von ihnen, daß sie so auf ihre Abhärtung bedacht waren. Aber die Frau Fabrikant hatte die schrei hafte Entdeckung gemacht, daß ihre beiden Töchter um dieselbe Zeit immer eine besonder« G«- schästigkeit am Fenster ihres Schlafzimmers entwickeltem Dieser Grund hatte dem Herrn Amtmann, welcher den Fabrikanten nicht ausstehen konnte, zuerst ein Schmunzeln und dann ein anerkennen- des:„Donnerwetter, die Teufelskerle I" ausgelöst. Er mußte aber der Beschwerde nachgeben und verfügte auf Räumung des Platzes. Nun plötzlich begriff der Alte, warum man ihn fütterte! Hier am Orte ließ sich gut sein. Aller Umstände halber. Die Gesellschaft hatte gleich zu Anfang beschlossen, am Platze zu über- wintern und alle Mittel in Bewegung gesetzt, um das zu crmög- tichcii. Hatte aber nicht mit der Sittlichkeit von Fabrikanten- töchtern gerechnet. Ihnen kam nicht zum Bewußtsein, daß ein paar nackte stramme Buben, die in der Dezembcrkälte herum- tollten, noch irgend jemand anderem wie sich selber warm machen konnten. Aber die Schirmflicker räumten nicht und der Fabrikant schrieb eine neue Beschwerde. Daraufhin erschienen eines Tages zwei blitzblanke Gendarmen, um die Gesellschaft zu eskortieren. Diese schrie und lärmte zum.Gottbrechcn: Do drinnen im Wogen, da liege der todkranke Großvater. Wenn die Gendarmen die Vcr- antwortuug tragen wollte», daß der alte, arme Mann auf dem Transport im schütte rigen Karren sterbe, dann würden sie auf- brechen. Aber sie würden sofort alle Zeitungen der Stadt von dem Vorfall in Kenntnis setzen und die Oberbchörde anchl Der Alte im Wagen spielte seine Roll« vortrefflich. Er stöhnte und röchelte und winselte zum Erbarme». Die Gendarmen starrten sich mit frostblauen, verlegenen Gc- sichtern gegenseitig an und zogen dann verdutzt ab. Der alte Schirmflicker im Wagen wußte nun, warum ihn die Jungen noch fütterten, wußte, daß er noch zu etwas nutz sei und war froh deshalb. Er erhielt jetzt sogar ei» Glas Schnaps pro Dag. Aber aus dem Sinnieren kam er doch nicht heraus. Was dann, wenn die vier oder sechs Wochen herum waren, wenn das Schlimmste des Winters vorbei>var? Dann ließen sie ihn sicher irgendwo liegen und er konnte langsam verenden, wie ein krankes Tier. Das war es. wovor ihm graute, nicht vor dem Dod. Er wußte, seine Zeit war um. . Aber vorläufig war es noch nicht so weit und er hatte fleißig aufzupassen, daß er im Karren lag und jammerte, wen» der Gendarm erschien und nachschaute, ob er noch nicht bald transport- fähig sei. So ging der ganze Januar drauf. Der Gendarm kam weniger oft und befahl»l>r, daß die Buben ihre Promenaden cinzustelleii hätten. Was aber ziemlich überflüssig war, denn mittlerweile hatte eine wirklich grimmige Kälte eingesetzt. Der alte Reiner schlief trotz Schnee und Kälte noch immer unter dem Wagen und befand sich dabei nicht schlimmer wie sonst. Auch in der ersten Februarwochc>var die Kälte sehr stark. Aber die Jungen hielten bereits fleißig Ausschau»ach Wind, Mond und Vögeln. Da eines Nachts unter dem Wagen liegend, hörte er, wie sein Sohn zum Weibe sprach:„Nächsie Woche bricht das Wetter. Uebermorgen packen wir auf»nd fahren gegen die Bergstraße am Odenwald. In vier Tagen leiste» wiüs. Dort ist am ehesten Frühling und die rauhe» Winde können nicht bei!" Wie ein Blitz überkam es den Alten unter dein Karren. Er wußte nun plötzlich, was er zu tu» battc. Denn jetzt war er wirk- lich unnütz geworden, war den andern nur ein Hemmnis. Leise zog er den alte» Mantel vom Leib und legte ihn bei- scite. Sofort spürte er kälter werden. Nach einer Weile schob er den dicken Teppich lnnweg und legte ihm zum Mautetz Grimmig schlug der Frost auf de» alten Körper ein. Dann wieder nach einer Zeit zog er den Rock aus und warf ihn ein Stück weit fort. Soweit c? die kraftloscn'Armc erlaubten. Alles schön langsam, nach und nach. Dann schob er die Lumpen unter sich weg und warf sie unter dem Wagen hinaus. Er tvar dabei müde geworden und sank auf de» nackten Boden. Sein Körper krampfte sich zusammen, es sing ihm leise in den Ohren zu klingen und zu singen an. Dieses Klingen wurde immer stärker und verdichtete sich zu einer Melodie, welche er als junger Bursche oft am Lagerfeuer auf der Mundharmonika gespielt batte. Es wurde ihm ganz leicht zumute, gerade ivie wenn er schwebte. Ein paarmal nock, bewegte er den Mund und zog die knöchernen Finger zusammen. Das Klinge» wurde leiser und verlor sich wie in der Ferne.——— Ander» Tags fanden sie ihn tot unter dem Wagen. Unweit von ihm lag winselnd der Hund und hatte sich in den alten Mantel eingegraben. l-- puy-dc~D6mc, Nach Tage und Ruf der„Brocken" Frankreichs, erdgeschichtlich an Rhön- und Fichtelgebirge erinnernd, historisch Teutoburger Wald — dem Meteorologen als erster Versuchsort der dein Barometer zugrunde liegenden Luftdruckerscheinung heilig, den Mineralogen und Geologen eine lvahre Zanberkammer— daS ist der Puh-de-Düme. Kulminationspunkt Frankreichs und seines ZentralinassivS, auf einem Urboden, einet Ntinsel gebaut, auS einem eigenen Material gebildet, das man nach ihm benannte, ein einzig geartetes KriegSseld der Erdkräste(Petroleum) bedeckend— das sind erst einige der Titel, die dieser Berg trägt, dem wir entgegenschreiten. Römiiche Künstler arbeiten Jahrzehnte, um auf seiner Kuppe einen Kolost von Gott zu baue», der bis zun, Rhein seine Anbeter und Pilger findet z um einen Tempel aufzurichten, zu dein alle Teile des NömerreicheS Materialien liefern. l5äsar, der Unbesiegbare, findet in diesen Berghängen seinen„Arminius", der den Glauben an die Uniiberlvindbarkeit der Römer und Casars zerstört und die zänkischen Gallierstämme erstmalig gemeinsames Handeln lehrt. Welcher besonderen Art der hohe schöne Bergkegel ist, der sich dort in einer so eigenen edlen Kopfform über seine breit hin- geworfene» Nachbarn hebt, welche Schrecken sich in diesen harmonischen Landschaften bargen, werden ivir bereits an den Wegen geivahr. Schon in der Hauptstadt der Auvergne, in Clcrmont-Ferrand, fallen »nS die porösen düsteren Bausteine auf. aus den Kirchen, öffentliche und pribate Bauten bestehen— es ist Lavatuff.— Lavabrocken rahinen die Strasten und Aecker, Brunnen und Dorfiiiaiiern sprechen von dem Ueberreichtuin des Puli-de-Deime-DepartementS an dieser uiigemntlichen Steinbildiing. Schon bald hinter der Stadt sehen wir uns stärker an krirische Perioden der Gegend erinnert; in mächtigen Höhenzügen lagern Basaltschichten, ausgerissen und in Teufels-Würsen über und durch tirächtige Felder geschlendert. In- mitten und zwischen solchen Adern des Todes einer der reichsten Gärten Frankreichs, die üppige Limagne. Versuchen wir, im Anstieg über ein wüstes Lavafeld ain�Sockel des Puh-de-Düme uns über das Gelände und seine Art zu unterrichten. Im Wege und mehr noch im Ausstieg seben wir Kuppe an Kuppe gereiht, in langer Kette bis zu der hohen Mauer der Montd'orgruppe laufend, aus und ab von kleineren Erhebungen, ine sich direkt aus der Ebene heben, bc- gleitet.»Das Zentralplateau", sagt mit umfassender Armbewegung ' der Begleiter. Was versteht er darunter? Er geht mit dein Bild weit zurück in die Geschichte der französischen Erde, in eine Zeit, in der Europa und mit ihm Frankreich vom Ozean überwogt war und nur mit den härtesten Nrgesleiiibergen, als Inselgruppen, daraus hervorsah. AuS solchem Urgestein iGranit, Feldspath, Quarz, Glimmer) besteht aber der gesamte Pockel dieser Gruppen deS Puy-de-Dvme, während alle olle anhängenden Lande jüngeren Ursprungs sind; da diese Auvergne also de» Kern des Landes darstellt, heistt sie„Zeiitralplatean". Der Weg geht nun durch hohe Farne, denn wir verschmähten die Autoinobilbergstraste und ziehen quer über den Sockel aus den ersten Bergabsatz. Das sind merkwürdige Prärien. Groste fette Goldkerzen stehen mannshoch, hart und gries sind die Farne— weder die Erdbeere, so häufig an den zurückliegenden Hängen, noch die Brombeere findet sich in diesen starken Büschen von Ginstergrün. Ermüdend oft stöstt der Fus; aus einen slachlichen eisenfarbigen, eisenharten Block-Lava. Das ist ein breite? Feld, steril für die Bodenbearbeilnng, geringwertig selbst als Weide. In der Sonne steigen Erdpechdünste auf, AnSfiblvitziingen des vulkanischen Gesteins. Ans jeden Schritt schlagen die Büsche zu- sanmien und. imnier im Anblick des platten hohen BergschafteS, haben ivir fast eine Stunde Arbeit, um den rückwärts heransührenden Fahrdamm zu gewinnen. Die Kuppe trägt im moosigen Fell einen fleifchrot schiinmernden schräg verlaufenden Schnitt, das ist der Damm der Bergbahn, die in einer Spirale hinausführt. Die grüne Bekleidung des Puy ist sonst gleichmästig, kein KraierauSbruch ist sichtbar, nur in der Höhe des eng angebauten Nachbarvulkans sind Aufbrüche und Lavastürze zn sehen. Die Fahrstraste geht nun zur Nordseite, und nordischer Wald, mit Tannen und Fichtendunlel mit seinem glatten moosigem Grund umfängt uns. Wie„hinter den Kulissen", ist die Szenerie ver- ändert. Grob und unbekleidet, chaotisch liegen die grellen Blöcke in ihrer fleischroten Färbung. Die Fahrstraste hört auf. Der Weg führt nun in schnellen Wendungen durch diese Felsenbauleii. Immer merkwürdiger mutet 11118 in der abfallenden Ebene diese schnurgerade Kette von Kuppen an, auf denen wir teilweise Wasser- spiegel blinken sehen. Die Mehrzahl ist abgefchnilteii und ausgehöhlt; gleich der Nachbarberg zur Linken zeigt einen tiefen Kraler- grund. Man zählt inSzesamt vom Pny-de-Dame 70 solcher vulkanischer Erhebunge», von denen bl> einen Krater besitzen. Also gab es hier eine langgezogene AnSbruchstelle des Erdimiereii? Derlei gibt eS auch anderen Orts.— Die Vulkane deS Puy-de-DQme-GebielS sind etwaS komplizierteren Ursprungs. Die meisten sind verhältnismästig jungen Datums. Man nennt sie„moderne Vulkane". Also gibt es hier auch ältere? Darin liegt in der Tat der groste Reiz dieses ZentralplateauS für den Geologen, der aus der Zusammensetzung der Schlacken und Laven ganz genau bestimmt, welche Schicksale der Boden erfuhr. Hier ist z. B. ein solcher vulkanischer Kegel, der im unteren Teil aus geschmolzenem Urgestein gebaut ist und darauf Lagen mit jüngeren EruptionSmasfeu trägt, so dast also die Laven zweier verschiedener Krisen durch eine dritte Krisis aufgestosten wurden. Andererseits finden sich junge und alte Ausbrüche ver- wachsen, über- und untereinander. Man hat die deutlichsten Zeichen, dast hier Vulkane auf älteren Vulkanen stehen, dast auch diese, deren Krater im Sockel der gegenwärtigen aufzustöbern sind, nur eine Spanne Zeit in einer Periode grösterer Katastrophen einnahmen. Dast eS sich nicht um eine verhältnismästig bescheidene Erd- wunde handelt, sondern dast ein ganz getvaltiger Brandherd hier lag, wird uns aus den Mengen der Lavafliisie verständlich. Dl« Lava des Puy-de-Düme lästt sich auf 12— 15 000 Meter Länge ver» folgen. Die Masse, die der Vulkan deS Montsineire auswarf, wird auf 447 Milliarden Kilogramm angegeben, während der Aetna in der bedeutendste» Eruption von 1609 nur 364 solcher Milliarden von Kilogramm auswarf. 148 Milliarden Kilogramm warf auch der Krater des Gravenire-VulkanS aus. Die Auswürfe der alten Vulkane aber liegen uns in ihrer Mächtigkeit in wahren Höhenzügen von Basalt vor Augen. Bemerken wir, zum Verständnis jener AuS- wurfmafseii, dast die größte Pyramide, deren Sockel 4 Hektar um- sastt, deren Höhe dabei 145 Meter ist, erst 6 Milliarden Kilogramm an Gesteinsmasse darstellt— so dast nur eine dieser Eruptionen im Puh-de-D>>iiie-Gebiet die Masse von 72 solcher Pyramiden ausstiest. Leeog, der der Erforschung dieser Vulkane sein Leben weihte, glaubte in seinem Vortrag vor der Pariser Akademie der Wissen- fchasten die Zahl der Eruptionen in diesem Gebiete ans mehrere tausende beziffern zu können. Der vulkanische Charakter deS ZentralplateauS ist erst seit 160 Jahren bekaniU; daher sind die Ereignisse nur in sehr grosten Zügen markierbar. Waren die Ilrgebirge vielleicht von Macht und Höhe der Alpen, deren höchste Gipfel, z. B. Mout- blaue leicht mit seinem weisten Körper vom PuY-de-D ome zu sehen ist und deren Massiv nicht zu fern liegt? ExplosionSkrater finden wir selbst in diesen„modernen" Bulkaiieii, bei denen Wassereinbrüche die Berge zersprengten und sich ans dem Krater ein Seebassin bildete. Danach aber inust das Meer weit zurückgetreten sein, denn nur Süstwasser-Riederschläge sind am Boden jüngeren Datums beteiligt. Tie fruchtbare Lämagne bildete dann im Wechsel von Tropen- glut und Eiszeit wiederholt einen grosten Binnensee i der Wechsel tropischer Vegetation und ihrer Fauna— mit der Glazialzeit ist durch Kohlenflötze und sehr charakteristische Landtiereinbettlingen im Kallstein bekundet. Der mittelländische Elefant befindet sich in den Ablagerungen der einen Periode, Mammulreste, Renntiere und Spuren deS ihn jagenden Menschen in der anderen. Panther, Löwen, Flustpserde, Eidechsen mit Schuppen wie Krokodile, Zibet- katze und die bekamilen„Vorsinislnilichen" sind in Mengen auf- gesunden. Die Arbeit dieser Binnengewässer ist es, die die Zerstörung und Vertragung der Eruptivmassen besorgte und die Bildung aller jener neuen Verbindungen der Gesteine verursachte, die den Mineralogen wundert und erfreut. Den letzten Ausbrüchen, denen im letzten Stadium bereits der Mensch beiwohnte, verdankt der Puy-de-Düme und seine Umgebung seine Entstehung. Da er selbst keinen Krater zeigt, wie kam er zu seinen 1800 Metern, mit denen er die ganzen übrigen Gipfel überragte? Noch acht andere der Kegel sind ohne Krater; alle sind aber darin gleich, dast sie einem anderen, mit Krater versehenen Kegel eng zu- geiellt sind. Von der Kuppe blicken ivir aus den Gesellen des Puy» de-Düme, den„kleinen" Puy-de-Düme, mit seinem mächtigen Kraler de Ja Ponle"(Nest der Hernie). Alle diese sind durch enorme Eruptionen als aktiv tätig kenntlich. ES ist auch gut ersichtlich, dast ihre Ausbrüche den Unterbau des Nachbarberges durchbrachen, und so ist der Schlust zu ziehen, dast der Puy-de-Düme eine durch vul- klinische Kraft erfolgte Erhebung des Urgesteins mit den auf ihm lagernden älteren Eruptivmassen und jüngeren Ablagerungen dar- stellt, alle durch Feuersglut verschmolzen zum„Damit", wie man nach dem Puy-de-Düme diese Trachytart nannte. Ob sie in»! Ruhe geben? Leeog glaubt, dast wir keinerlei Garantie haben, dast ihre Ruhe nun ewig währt und die Krisen, die diese Berge bildeten, die letzten waren. Wir sind mm lange aus der Kuppe, die ein ausgedehntes Platean darstellt. Das Obiervatoriuni trägt eine Erinnerungsplatte an jenes berühmte Experiment Blaise PaSealS, über die gesetzmäßige Veränderlichkeit des Luftdrucks in verschiedenen Höhen und ihre Verwendbarkeit zur Höhenmesiung. Weit anziehender ist ein Trümmerfeld, nicht sehr geschmackvoll eingegittert und als Nationaltigeiitum bezeichnet. Es sind die Reste jenes Tempels der römiich-gallischeit Periode. Der Tempel stand in noch erkennbaren mehrsätzigen Terrassen auf jonischen Säulen in Iveisteni Marmor. Die Marmorarten Italiens, Griechenlands, Aegyptens und Syriens, roie und grüne, Porphyre, Syenit, Granit und Mosaik waren in tausend Farben darin verarbeitet worden. Man hat noch Friesbruchstücke gerettet, die Genien zeigen, mit Löwen und Delphinen spielend. Die Zerstörung des Merkurlempels ist durch germanische Einbrüche erfolgt, die angeblich unter der Wirkung der Christenlehre Handellen. Dem heidnischen Tempel folgte ein christlicher, diefein aber ging eS noch schlimmer; er kam in den Ruf, den Heren zweimal wöchentlich als Sammelplatz zu dienen; zahl« reiche Hexenprozesse beziehen sich dementsprechend auf den Puy-de- Düme und brachten ihn für einige Zeit in Verruf. Hatte unS schon von unten die gleichmästig ebene Senkung de« Berges gelockt, direkt aufzusteigen, fo wollten wir wenigsten« diese Linie vom Gipfel zum Spckel abwärts erproben. Wir winden uns durch allerhand abiatende Galter und Verbote, und noch lockender liegt die mit dichtem Grün gedeckte Felswand vor uns, wie die Seiten eines Napfkuchens abgehend. Im Anblick der zahl- reichen Blüten merkwürdigster Fülle und Farbe erinnern wir uns, dast ivir über der 1590 Meter-Zone sind, die die Alpenpflanzen zu Bewohnern auch dieser Kuppe macht, so die Flora des Puy-de-DSme, die an sich schon exotische Glieder, selbst solche des„Toten Meeres" hat, noch um 100 Arte» vermehrend. ES ist doch ganz erstwmlich anstrengend, das ganze Gewicht de« Körper« so behutsam von Fust zu Fast zu balanzieren, zumal ein .Laufenlassen"' rapiden Sturz bi» zum Autz de« Berge«, also Ge- ni�bruch bedeutet. Unversehens Legt man doch rücklmg«. zufällig auf der Reisedecke, und das Ganze setzt sich automatisch in Bc tvegung, worin man, nach anfänglichem Erstaunen, einwilligt. Glatt geht es über die weichen Kräuter, will aber der Zaubern, antel zu schnell gleiten, so liegen schon einige Steine bereit, ihn zu hemmen, und einige Blöcke, zu geruhsamer Betrachtung deS Berghange« zu laden. Hcidclbecrkraut steht in dickten Gebüschen bi« zur Tiefe. Wir sind nun in der Zone der Nustbäume, ändern den Kur«. diese als Rückendeckung nehmend, und unser Zeugrodel kommt in dem Lavageröll des BerguntersatzeS von selbst zum Stehen. Wie unbedeutend diese großen Höhen in der Nähe auch wirken— mit jedem Kilometer Distanz stadtwärtS wächst der Eindruck von Größe und Bedeutung und von der Stadt aus gesehen ragt er doch, edel und von der zarten Dunsthaube umgebe», die ihn.wolkeiifern' thronen läßt.* P. G. Kleines f euilleton. M»s». W i e Weber»„Freischütz" entstand. Webers.Frei« schütz" ist die volkstümlichste aller deutschen Opern. Keine andere ist dem deutschen Volke so ganz aus den, Herzen gesungen, wie dies innige Meisterwerk deutscher Romantik. Wer erinnerte sich nicht aus Heines amüsanten Schilderungen, wie die Volkstümlichkeit der Weberschen Oper schließlich beinahe zur Plage wurde, wie man. al« sie in Berlin neu und allerletzte Mode war, nirgends dem Jungsern- kränz aus veilchenblauer Seide entgehen konnte! Menschenalter sind seitdem dahingegangen, der„Jungfernkranz" ist leine musikalische Landplage mehr, aber der„Freischütz" blüht in nnverwelNicher Frische. Oskar Bie läßt in diesen Tagen bei S. Fischer in Berlin ein umfängliches Werk über die Oper erscheinen, worin er auch die Entstehung de« Weberscken Meisterwerkes schildert. Weber hat bereits seine Jugendopern hinter sich. Er fitzt in seinem idyllischen Winzerhäuschen zu Klein-Hosterwitz bei Dresden, das unter seinen Spalieren die meiste Musik zu„Freischütz",„Eurhanthe" und „Oberon" hat entstehen sehen. Aus einer schöngeistigen, sehr ge- mischten, literarischen Gesellschaft, genannt der„Dichtertec", besucht ihn bisweilen ein Schriftsteller Friedrich Kind, so angesehen, wie er heute belächelt ist, der. man weiß nicht wie. ein„Landleben van Dycks" gedichtet halte und der unfreiwillige Vater der romanlischcn Oper wurde. Die Sache war früher schon augeregt, jetzt wurde sie sprach- reif. Den Grundstoff nahm man aus einem Gespensterbuch Apels, wie so oft solche Schmöker in der Hand von Komponisten Träume geweckt haben. Kind tat, was er konnte. Weber strich ihm die ersten Szenen, in denen Agathe den Eremiten besucht, und stimmte ihm dafür zu, den Schluß persönlich zu machen, während bei Apel der arme Freischütz im Jrrenbause stirbt. Man bekam schließlich eine Dialogoper fertig, die Weber recht zu lieben begann und Graf Brühl in Berlin endgültig bestellte. Weber nahm ganz naiv zunächst die Szenen vor, in denen Aenuchen austrat, denn das war gleichsam seine Frau, dann daS Uebrige außer der Reihe und fügte in verlin noch die Arie Nr. 13 hinzu. Und dann fand in dem neuerbauten Schinkelschen Schauspiel» hause zu Berlin am 13. Juli 1821 die Erstauiführnng statt. Es war ein Ereignis in der deutschen Kunstgeschichte, das deutsche Volk gewann an diesem Abend seine erste ganz deutsche Oper, und eine völlige Umwälzung ging in den musikalischen Köpfen jener Zeit vor sich. Doch fand der„Freischütz" auch manchen Widerspruch: bei E. T. A. Hoffmann und bei Spohr, die vor ihm versucht hatten, so etwas wie romantische Opern zu machen, bei Zelter aus Konservativismus— aber er setzte sich gegen Neid und Reaktion durch. Beethoven sagte:„Das sonst weiche Mauncl, ich hätt'S ihm nimmermehr zugetraut. Nmr muß der Weber Opern schreiben, gerade Opern, eine über die andere und ohne viel daran zu knaupeln. Der Kaspar, das Untier, steht da wie ein Haus. Ueberall, wo der Teufel die Tatzen reinstreckt, da fühlt man sie auch." Heilkunde. Ein Jubiläum der Wissenschaft. Wenn am 14. No- vember das berühmte„Institut P a st e u r" unter Anteilnahme der wissenschaillichen Kreise aller Länder sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert, so geht dies Erinnerungsfcst keineswegs allein Frankreich an. In der Tat ist das seit dem Jahre 1838 bestehende Institut eine internationa le Gründung, an der sämtliche großen Kulturstaaten, nicht in letzter Linie Deutschland, beteiligt gewesen sind. Nachdem Louis Pasteur durch feine aussehen- erregenden Versuche die Wirksamkeit der Schutzimpfnug gegen Tollwut nachgewiesen, nachdem seine medizinischen Theorien in der antiseptischen Behandlung bei chirurgischen Eingriffen und der Besiegung deS gefährlichen Äindbettfiebers sich glänzend bewährt hatten, eröffnete die Pariser„Akademie der Wissenschaften" eine internationale Subskription, deren Ertrag setwa 2'/, Millionen Frank) zur Errichtung einer„Versuchsanstalt zum Studium der an- steckenden Krankheiten" unter Leitung Pasteurs verwendet wurde. Berankw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Drucket. Verlag? Der damals schon hochbetagte Gelehrte konnte dem mit allen modernen Hilfsmitteln ausgestatteten Institut bi» zu seinem am 28. September 1895 erfolgten Tode vorstehen. Bon seinen direkten Mitarbeitern sind ihm Duclaux, Chamberland, Nocard, Grancher in die Gruft gefolgt, Emile Roux und Metschnikoff, Gelehrte von Weltruf, leiten noch heute die Arbeiten. Den Umfang und die Schwierigkeit dieser wisienschastlichen Versuche vermag man ungefähr zu ermesien, wenn man die seit 1887 herausgegcbenen 27 voluminösen Bände der„�nnalo» cko llnstitut Pasteur" sowie die zahlreichen Mitteilungen durch- blättert, die das Institut den gelehrten Gesellschaften des In- und Auslandes hat zugehen lassen. Mehr als ZOVY Schüler sdarimter Hunderte von anerkannten Gelehrten) haben im verlauf der fünf- undzwanzig Jahre in der Anstalt der Rue Dutot und dem nahebei in der Rue de Vaugirard errichteten„Hopitnl Pasteur" ihren bakteriologischen Studien nachgehen können. Von den praktischen Resultaten der Arbeiten seien erwähnt: Borbcugungs- bezw. Heilserum gegen Diphtheriti», Starrkrampf, Gesichtsrose. Kind- bettfieber, Durchfall, Pest, Hirnhautentzündung, Vergiftung durch Schlangenbiß, Rnckfallfieber, Schlafkrankheit, ansteckende Krankheiten der Haustiere(z. B. der Schafpockcn). Sodann sind die Nmwälzungen zu nennen. die das Studium der antisepiischen Substanzen und der chemischen Arzneimittel in der Chirurgie sSterilisalion der Luft und des Wasser«, Aieptisation der Haut und der Schleimhäute) hervorgerufen hat. Schließlich sei darauf hingewiesen, wie die bakteriologischen Forschungen ein« ganze Reihe von Industrien fBrauerei, Destillation, Lohgcrberei usw.), ferner die Milchwirtschaft und den Ackerbau mit neuen Methoden ausgestaltet und damit weit ertragreicher gemacht haben. Es ver- steht sich von selbst, daß die hervorragenden Forschertaten, durch die sich ans all diesen Gebieten gleichzeitig die nichlfranzüschen Gelehrten, vor allem die deutschen Mediziner, auszeichneten, hier nicht geschmälert werden sollen; aber was die bahnbrechenden Arbeiten PasteurS für sie als Anregung und Leitziele bedeuteten, haben Männer vom Range eines Robert Koch, Gaffky, Behring, Löffler, Ehrlich, Waffermami u. a. oft genug neidlos anerkannt. Erinnern wir schließlich an die zahlreichen wissenschaftlichen Expeditionen, die vom Jnstiwt Pasteur speziell in die Tropen- gegenden zum Studium der verheerenden ansteckenden Krankheiten lPest, Cholera, Malaria, gelbe? Fieber, Lepra, Schlafkrankheit) ent- sandt worden sind und deren Mitglieder nicht selten mit wahrem Heroismus um die Durchführung ihrer schwierigen Aufgabe zu kämpfen verstanden. Großmütige Spenden beweisen, daß der Wert der Anstalt gebührend gewürdigt wird. Ihre Arbeiten befasien sich g e g e» w ä r ti g hauptfächlich mit der Bekämpfung der Syphilis. des Krebses, der Lepra, der Tuberkulose. Wenn man erwägt, daß der letzteren von hundert Personen, die zwischen dem 29. und 40. Lebensjahre sterben, allein 42 Menschen zum Opfer fallen, so wird man abschätzen köimen, was die Forschungen des Instituts Pasteur für da» Wohl der gesamten Kultnrwelt bedeuten. Technisches. Die Tragweite des Eiffelturms. Hat das groß« artige Bauwerk des Eiffelturms schon früher der Wissenschaft manch wichtigen Dienst geleistet, so ist seine Bedeutung gleichzeitig für die Wipeiischaft und für den Berkehr erst durck die drahtlos« Telegravbie zu voller Entwickelung gebracht worden. Er bot für diesen Zweck einen vorzüglichen Posten dar, wie er in anderen Ländern erst hat geschaffen werden müssen. Der Eiffelturm ist jetzt mit mehreren Borrichtungen für die Entsendung elektrischer Wellen ausgestattet. Die älteste, mit Funken von 19 Kilowatt, reicht nur 1999 Kilometer bei Tage und 2999 Kilometer bei Nacht. Dann wurde eine zweite mit Funken von 49 Kilowatt 19 l9 errichtet und leistet 2599 Kilometer bei Tage und 4999 Kilometer bei Nacht. Das find jedoch Mindestziffern, denn die Signale sind gelegentlich auch bis zur mexikanischen Marincstatton nr Arlington bei Washington 6899 Kilometer weit übertragen worden. Dazu kam 1911 ein Apparat mit mnfikalischen Funken von 19 Kilowatt, deren Reichweite ebenso groß ist wie die de« vorigen, jedoch auch 6990 Kilometer weit bis zu dem großen transatlantischen Posten an der EiSbucht in Kanada hinübergegriffen hat. Jetzt ist eine vierte Station auf dem Eiffelturm im Bau begriffen, die noch weit mehr leisten soll. Sie wird mit 159 Kilowatt arbeiten und einen reget- mäßigen Dienst Tag und Rächt bi« auf wenigstens 6999 Kilometer Abstand durchführen. Dadurch würde also eine ununterbrochene Verbin- dung mit Kanada und wohl auch mit den Bereinigten Staaten gesichert sein. Hie weit die Signale der neuen Station nachts reichen werden, muß erst die Erfahrung lehren. Bisher bedeckte die Herrschast deS Eiffelturm? ein Gebiet von 5999 Kilometern im Durchmeffcr. Depeschen über 4999 Kilometer sind nachts regelmäßig übertragbar gewesen, oft sogar bis 7999 Kilometer. Die Leistungsfähigkeit hängt sehr von der Witterung ab. Zuweilen ist die Verständigung mit Arlington tadellos und dann plötzlich wieder ganz unterbrochen oder durch das Ausbleiben einzelner Worte gestört. Die neuesten Apparate sollen nun eben diesem Uebelstand abhelfen und durch eine vierfache Energie die transatlantische Tclegraphie ohne Draht von der siauzösischeu Hauptstadt aus zu einem absolut sicheren Verkehrs- mittel machen.' Vorwärts Buchdruckerel u.VerlagSansraIr Paul Singer s-Co.. Berlin LW.