Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 224. Sonnabend, den 13. November.«viz 28] kielge Bendels Luftfchlörfer, Ctn Chikago-Roman von Henning Berger. Das Mädchen stieg herab und setzte sich ans einen Schemel. Sie zog das eine Knie bis unter das Kinn empor und kratzte sich müde am Fuß. Holme malte aus dem Gedächtnis weiter, fortwährend verbessernd und mit dem Lappen einen zu starken Wert vertonend. — Gut, sagte er endlich, während er den Kopf aus die Seite gelegt, zurücktrat und über die Masse am Boden liegen- der, ausgedrückter Tuben wegtrampelte— Gut, alter Knabe, wie geht es? � Zum Teufel geht's, antlvortete Bendel. Und er warf sich, so lang er war, auf einen verblichenen, fleckige» Diwan, der im Schatten einer Tür stand, und dessen orientalische Decke kein anderes Muster mehr aufwies als ein paar große Achtecke, ähnlich den Fußbodenplatten in einem öffentlichen Toilettekiosk. In diesem Saal hatte er gehofft und unzählige färben- leuchtende Phantasien geträumt. Wie hatte ihm nicht das Herz geklopft, als Holme ihm mitteilte, daß er in den Klub aufgenommen sei und daß seine eingesandten vier Proben tauglich befunden worden wären. Oder als seine erste Zeick>- uung in Holmes Leitung reproduziert wurde— bloß ein nach einer Photographie gezeichnetes Porträt; aber standen nicht in der rechten Ecke die Initialen H. und B. künstlermäßig hingeworfen? Und all die Sonntagvormittage, an denen sie Aktmodell in Tagesbeleuchtung hatten, und an denen er und Frank ausgemacht Hatten, sie wollten nur vier Farben auf die Palette nehmen— schwarz, weiß, rot und gelb—, um sie besser beherrschen zu lernen! Und dann, wie ihm mehr und mehr die eigenen Mängel und Unbeholfenheiten zum Be- wußtsein kamen, wie er sich selbst dabei ertappte, daß er wie ein Detektiv sein Gehirn bei ganz anderen Gedanken und Grübeleien überraschte, als was die Hand vor hatte. Und ivie er trotzdem sich darauf versteifte, blindlings mit den tech- nischen Schwierigkeiten zu ringen, mit allerhand Aufgaben zu kämpfen, immer aufs neue die widerwilligen Umrisse und Linien zu zeichnen. Je mehr Zeit verrann, desto mehr neue Vorspiegelungen fand er, um eine innere Unruhe zu über- täuben, die immer wacher auf das horchte, was er selber nicht hören wollte: Du taugst nicht! Er sah manche der Kameraden tvie spielend kleine Meisterwerke in Farbe und Form hin- werfen. Und wenn er erbittert seine recht« Hand betrachtete, als hätte er sie am liebsten abgehauen, oder machtlos den Stift sinken ließ und die Augen schloß, die alles sahen und doch der Leinwand ihre Auffassung nicht mitteilen konnten, da dachte er an das Wort der Schrift vom Auge, das aus- gerissen werden sollte, wenn es zum AergerniS war. Vor allein zwei Brüder waren es. deren Namen schon im ganzen Land bekannt war um ihrer eleganten Plakatentwürfe willen, die sein Staunen und seine Verzweiflung bildeten. Persönlich erschienen sie ihm nicht nur unbegabt, sondern oberflächlich bis zur Idiotie, Snobs und Lassen in Kleidung, Rede und Auftreten, ohne Interesse für irgend etwas anderes— nicht einmal Kunst—, als die Läden der Boulevards und den Ver- kehr in reichen Familien. Aber unter ihren raschen Fingern entstanden di« entzückendsten Kunstwerke, schmetterlingsleicht und konsettimutwillig, ein Karneval von bunten Ideen, vor denen er wie vor einem Rätsel stand, und nicht begreifen konnte, woher sie stammten. Bendel seufzte. Er war heute gekommen, um Holme geradeheraus zu fragen, ob er nicht meinte, es wäre das Beste, wenn er aus dem Kreis ausschiede und nicht einem anderen den Platz versperrte. In einer Ecke sah er eine zerrissene Papierlaterne hängen. In ihre zerriebene Hülle bohrte er seinen Blick fest, als müsse er sich an irgend etwas anklam' uiern, und wäre eS nur ein Strohhalm: dann sagte er mit einer, trotz allen Bemühens seltsam schwebend klingenden Stimme: — Du. Frank, sag mir mal ganz aufrichtig— ick bin mir ganz klar darüber, daß ich nie ein Künstler werde. Wäre es nicht am besten, weoN ich ans dem Klub austräte und meinen Platz einem andern überließe? Es sind ja so viele, die darum einkommen. Es dauerte vielleicht eine halbe Minute, eh Holme ant- ivortete. Aber diese dreißig Sekunden erschienen Bendel un- endlich lang, und während er den Atem anhielt aus Furcht, seine Erregung zu verraten, hoffte er, als handelte es sich um ein Todesurteil, daß der Freund ihm widersprechen sollte. Jetzt hörte er Holme sagen: — Wenn ich aufrichtig sein soll— ja! Ich glaube, eS sind manche da, die Dein Hiersein unnötig finden. Bendel ivagte kein Wort zu sprechen. Das Blut stieg ihm in die Wangen, und mitten in der Brust verspürte er einen Schmerz, der brannte. Er hatte doch nicht geglaubt, daß die Antwort just so ausfallen würde. Er blickte stetig nach der Laterne, bis ihm zuletzt bar. als drehe sie sich und nehme die Gestalt des scheußlichen Fisches drunten im Aquarium- laden an. Dann hörte er Frank wieder reden, langsam und klanglos: — Meine Lungen sind ja auch kaputt— das weißt Du ja. Aber ich muß darum doppelt arbeiten. Was soll ich sonst anfangen? Es ist das Einzige, was mich aufrecht erhält. Nicht ums tägliche Brot— dazu reichen die Zeichnungen für die News. Aber wenn ich nicht malte, so wär's aus mit mir. Und s o fühlst D u doch wohl nicht? Helge schwieg.' Nein, so fühlte er es nicht; und das eben»»ar das Fürchterliche. Wo war sein Platz? War er ein Ueberflüssiger? Das Mädchen war aufs neue auf den Tisch gekrochen und paßte ihre Füße in die Kreidestriche ein. Helge erhob sich stumm und schlich nach der Korridortür. Frank konnte er in diesen Tagen einmal in der Redaktion aufsuchen. Dort drinnen standen noch ein paar von seien Sachen— aber was tat's! Er würde nie mehr einen Pinsel in die Hand nehmen. Zum letztenmal überflog er das Atelier mit einem langen Blick, als würfe er einen Lasso ans und ließe die Schlinge einfangen, was da lvar, zum Abschied und zur Er. innerung. All die unvollendete» Entwürfe und Versuche von nackten Körpern in Schwarz und Weiß und Farbig, die sich in den verschiedensten Stellungen wanden und bogen. Das Mädchen auf dem Modelltisch, das jetzt die hageren Arme aus- streckte, als wolle es fliegen, und dann regungslos stand wie eine Bildsäule. Und Holme, mit seiner Hektischen Glut unter den Backenknochen, der wieder eifrig zu malen begann und sich abmühte, auf der Leinwand diesen unbeweglichen Flug wiederzugeben. Die Tür fiel leise zu hinter Helge. Der Aufzug war gerade im dreizehnten Stockwerk oben. Jim griißte mit einem Augenrollen und der Aufforderung: — Immer vom Himmel hinunter in die Hölle. Herr! In jedem folgenden Stockwerk stieg ein Passagier in den Zug ein. Seltsame, schäbige Gestalten, bleich, mit matten oder merkwürdig glänzenden Augen. Als sie unten ankamen, war der Lift gedrängt voll. Jim schrie: — Chikagol Nacheinander gingen sie hinaus, während Jimmy sich seine Zigarette ansteckt« und sein Halstuch umband. — Leben ist ein Kampf! sagte er und machte ein paar Tanzschritte. Die zwei Gespensterläden waren geschlossen. Unter der Tür stand Tom. Zum erstenmal sah Helge, daß sein Gesicht Aehnlichkeit hatte mit einem kummervollen Clowngesicht und daß er keine Augenbrauen hatte. Wie große Insekten stiegen die Lebewesen aus dem Lister- Haus»inter van Buren? Mauern dahin. Sie zerstreuten sich nach allen Himmelsrichtungen und verschwanden hinter steilen Steinwänden. Helge hatte das Gefühl, als säße ein kleiner Mensch, ein Kind, in seiner Brusthöhle. Und dies Kind tveinte bitterlich und unaufhaltsam, als wolle sein Herz brechen. Er selber sagte in seinem gewohnten Ton: — Gute Nacht. Tom. Und der Maschinist erwiderte mit seiner toten Stimme: — Nacht. Darauf ging er in sein Kellerdnnkel und Bendel stand einsam auf der Straße. Dann verschwand auch er um die nächste Ecke. Der schwarze Türrahmen des Hauses gähnte wie ein offenes Grab. Und aus der Tiefe des Ganges hörte man den alten Ans- zug traurig stöhnen und seufzen. 5. Herr S. Tenney Ranch gestikulierte und grimassierte eifrig. Schwarzblau iin Gesicht vor Anstrengung, mit großen Schweißtropfen auf der gelben Leichenstirn, wiederholte er immer aufs neue dieselben Agentenphrasen, während er in Albunis, Karten und Plänen nachschlug und blätterte. Herr Swanson stelzte um ihn he'.nn wie eine gackernde Henne und murmelte Erklärungen uiw Nebenbemerkungen, die ihm in seinen falschen Zähnen stecken blieben. Herr Roth lag, mit wohlwollendem Läck>cln, halb über dem Pult, und ein paar fremde Herren, die bei ihm waren, stiitzten sich auf die Ab- teilungsschränke und versuchten, interessiert auszusehen, indem sie die Brauen in die Höhe zogen und wieder senkten, während ihre Stöcke ungeduldig gegen die Bügelfalte des Beinkleids und die ballonähnlichen Lackspitzen der Stiefel schlugen. Das Geschwätz des Agenten sprudelte wie eine Sodatvasserquelle: — Und sehen Sie, meine Herren, sehen Sie— hier haben wir vier Rauchsalons in Mahagoni und Juchten— echten: Juchten— und dann weiter, Gentlemen, hier— sehen Sie— eine selbstrotierende, drehbare Doppeltreppe, die in den Bade- raun: führt— mit großen: Schwimmbassin in pompejanischer Jayence, Marmor und versilbertem Nickel, mit Ventilatoren, Massageapparaten usw... Dann weiter, meine Herren— pneumatischer Aufzug durch alle acht Decks zu einen: Tennis- Platz mit automatischen: Sonnenzelt und Diwanen, Hänge- matten und Palmen. Der Balkon, den Sie hier sehen, ist für das Orchester bestimmt— fünfzig Mann, alles Solisten! Und hier, meine Herren-- — Großartig! Gigantisch! Ueberwältigendl fiel hier Herr Roth ein und erhob sich. — Ueberwältigend, großartig, gigantisch I murmelten die beiden Fremden und richteten sich auf. Herr Ranch fuchtelte mit den Armen und griff sich in die Armlöcher, um seine Manschetten hochzuziehen. — Einen Augenblick, Gentlemen, einen Augenblick! rief er. Bitte, folgen Sie mir... — Der Schornstein! flüsterte insgeheim Herr Swanson und krümmte hinter den: Rücken seines Chefs den Rücken wie ein Kater. — Gewiß, ja, rief entzückt Herr Ranch,— der Schornstein!... Sehen Sie bloß.., lLortsetzung folgt.l Das fjexcnlund.** Bon Ricarda H u ch. An einem dunklen, feuchten Vorfrühlingstage des Jahres 164? kam in Aachen ein Schöffe in den Turm, wo die Gefangenen ver- wahrt wurden, um die Rechnung zu begleichen, die der Turmwart für Beköstigung der Gefangenen und andere Auslagen eingereicht hatte. Er war neu in seinem Amte, runzelte die Stirn und rügte die Verschwendung des Turmwarts, die zumal in so bösen Zeiten gefährlich sei. Die Malefikanten wären nicht eingesperrt, um mit Haferbrei und sauberer Wäsche ein Freudenleben zu führen, son- dcrn um durch Kreuz und Elend gebessert und womöglich dem Höllenrachcn entrissen zu ivcrden. Der Turmwart entschuldigte sich, er sei über die Vorschriften der alten Zeit nicht hinausgegangen, wonach den armen Leuten Haferbrei und auch hie und da ein sauberes Hcmdlein oder Bett gestattet wäre. Vorschriften aus alter Zeit! rief der Schöffe. Die Menschen würden täglich frecher und boshafter und würden zuletzt rauben und morden, nur um ein Plätzchen im Turme zu bekommen. Die Stadt könne es nicht erleiden, so viele gottlose Bäuche zu füllen. Der Turmwart erwiderte, das könnten die Herren draußen leicht sagen, aber wenn man mitten darin säße und das Winseln und Jammern hörte, so könne man sich des Erbarmens nicht immer entschlagen. Da gleichzeitig aus einem Nebenraume durchdringendes Ge- schrei ertönte, öffnete der Schöffe die Tür, um zu sehe», was das wäre, und stand erstaunt vor einem seltsamen Schauspiel, dessen Bedeutung er sich nicht sogleich zu erklären wußte. Vier bis fünf Kinder umtanzten ei» blasses, mageres Geschöpf, das nur mit einem Kittel bekleidet war, und hielten ihm eine Brotrinde hin, *) Aus dem dritten Bande der historischen Dichtung„D e r große Krieg in Deutschland", der demnächst im Insel- Berlage erscheint. nach der es haschte, soweit die Kette ihm Spielraum gab; stolperte oder fiel es etwa gar, von der Kette im Laufe zurückgehalten, so brachen die Kinder in ein triumphierendes Geheul aus und ver- schlangen die hingehaltene Lockspeise selbst. Auf die Frage des Schöffen, was das vorstellte, und was für eine verwilderte Kreatur das sei, erklärte der verlegene Turmwart, das sei das Hexenkind, das vor vier Jahren zum Feuertode verurteilt, aber dazumal nicht verbrannt worden sei, weil die Richter geurteilt hätten, vor dem zwölften Jahre dürfe ein Kind nicht als Zauberer oder Hexe justifi- ziert werden. Es sei also beschlossen, daß es im Turme verwahrt werden solle, bis es zwölfjährig und damit zur Strafe heran- gewachsen wäre. Wie es dann im Winter bei der großen Külte so jämmerlich geweint hätte, habe seine Frau sich des Waisenkindes erbarmt, und sie hätten es in ihre Wohnung genommen, was auch vom Rat gestattet worden sei. Der Schöffe sagte, er müsse sich sehr verwundern, daß ein guter katholischer Christ eine schädliche Hexenbrut bei seinen Kindern leiden niöchte; sie könne ja seine Kinder die Hexerei lehren oder sonst unversehens dem Teufel überantworten. Nein, das sei nicht zu befürchten, sagte der Turmwart. Das arme Kind sei scheu wie ein Böglein, tue keinem was zuleide, seine Kinder vertrieben sich die Zeit damit, und er habe kein anderes Bedenken, als daß seine Rangen es oft zu arg mißhandelten. Bei diesen Worten versetzte er seinen Kindern schnell ein paar kräffige Maulschellen, was sie bewog, sich schreiend unter das Bett zu ver- kriechen. Wann denn das Kind das zwölfte Jahr erreicht haben würde, erkundigte sich der Schöffe. Der Turmwart sagte, er wisse es nicht genau, glaube aber, es möchte bald so weit sein. Dem Aussehen nach, meinte der Schöffe, könne es nicht mehr als sechs zählen. Es sei an der Kette nicht so recht fortgekommen, sagte der Turmwart. ..Der Teufel wird auch seine Hand im Spiele haben," sagte der Schöffe und ging fort, um deni Gericht anheimzugeben, daß der Fall in Ordnung gebracht würde. Es zeigte sich, daß das Kind das zwölfte Jahr kürzlich erreicht hatte und daß also der Exekution nichts mehr im Wege stand; die Richter zweifelten nur, ob dieselbe sofort vorgenommen werden oder eine nochmalige Untersuchung vorhergehen sollte. Da aber das Urteil damals schon gesprochen und nie aufgehoben war, auch bei Kindern von Hexen, da das Früchtlein gemeiniglich nicht weit vom Stamme falle, das orimen(Verbrechen: als angeboren vorausgesetzt werden könne, einigte man sich dahin, dem Kinde nur noch ein paar schickliche Fragen vorzulegen und es dann ohne Federlesen auf den Scheiterhaufen zu expedieren, da es der Stadt ohnehin schon soviel gekostet hätte. Einer der Herren meinte, das arme Wurm könne nicht viel Unheil anrichten; allein, da man ihm entgegenhielt, wenn man es freiließe, würde doch nur eine Betteldirne aus den: Kinde werden, da es ja keine Mutter hätte und die Verwandtschaft nichts von ihm würde wissen wollen, beschied er sich. Gleich am folgenden Tage begaben sich zwei Richter in den Turm, setzten sich vor das angekettete Kind und fragten, ob es wisse, daß seine Mutter eine Hexe gewesen sei. Das Kind sah die Herren eine Weile groß an, allniählich zog ein Lächeln über sein Gesicht und es nickte, worauf die Herren sich einen bedeutsamen Blick zuwarfen und spöttisch auflachten. Ob seine Mutter es oft mit zum Tanze genommen hätte? fragten sie weiter. Das Kind nickte mit glänzenden Augen. Als einzige Erinnerung von den Verhören, die vor Jahren stattgefunden hatten, war ihm das nächt- liche Tanzen geblieben, von dem so viel die Rede gewesen war, und in ihrer langen dunklen Einsamkeit hatte es sich ein liebliches Bild von der Mutter gemacht, wie sie auf duftender Wiese einen Reigen mit ihm tanzte. Jetzt hätten sie den Braten gerochen, sagten die Herren zu dem unruhig wartenden Turmwart, mehr bedürfe es nicht, seine Frau solle das Kind für den folgenden Morgen her- richten. Als das aufgehende Licht in das Turmstübchen fiel, nahm die Frau das Kind auf de» Schoß, zog ihm ein sauberes Kittelchen an und kämmte ihm die Haare, wobei sie zuweilen eine Träne weg- wischte, die darauf fiel. Das Kind streichelte ihre tätigen Hände und ihr trauriges Gesicht und warf zuweilen einen ängstlich er- staunten Blick nach de» Kindern, die heute so still waren.„Komme ich jetzt zu meiner Mutter," fragte es,„und werden wir zusammen tanzen?" Die Frau legte ihre Hand auf des Kindes Kopf und sagte, ja, es solle nur getrost sein, es werde jetzt die liebe Sonne fehen, und seine Mutter erwarte es im Himmel. Als sie ins Freie traten, schauderte die Kleine zuerst und bc- deckte die Augen mit den Händen; aber allmählich, während sie zwischen den Turmwartsleuten sitzend auf dem Karren durch die Stadt fuhr, gewöhnte es sich, hielt die dünnen Hände in das Licht und sah zu, wie die frische Luft ihre Haare hob. ES waren nicht viele Zuschauer in den Straßen; denn seit mehreren Jahren hatten keine Hexenbrände mehr stattgefunden, und dieser vereinzelte Fall war nicht recht bekannt geworden. Auch von der Richierschaft waren zur Ersparnis der Tagegelder nur wenige da, und die Holzhütte, in der das Kind verbrannt werden sollte, war klein, weil das Holz teuer war, und die Stadt die Kosten tragen mußte. Beim Anblick der Wiesen, die sich vor dem Tore ausbreiteten, stieß das Kind einen schwachen Frcudcnruf aus; denn es glaubte den Schauplatz seiner schönen Träume vor sich zu sehen. Voll staunenden Entzückens deutete es mit der Hand auf die gelben Blumen, die wie Strahlenbüschel aus der Erde schössen, auf eine Schafherde, die am Rande des freien Platzes hinging, und auf die Holzhütte, an die ein paar Männer Feuer anzulegen beschäftigt ivaren.„Ist da meine Mutter?" fragte eS. Der Turmwart und seine Frau weinten und vermochten nur zu nicken; laut schluchzend sahen sie der kleinen weihen Gestalt nach, wie sie unsicheren Schrittes, zaghaft und feierlich, über das Gras hinging und in der qualmenden Hütte verschwand. Huq der MrtfcKaftsgefcKicKte der Oper. Die Oper ist kein Volksgewächs wie das Drama, sondern das verwöhnte Luxusgeschöpf freigebiger Fürstenlaune und einer üppigen Kultur. Daher spielt das Geld hier eine höchst wichtige Rolle. Nicht wie in de» alten Mysterien« und Fastnachtsspielen treten ein paar wackere Bürger zusammen, um ohne viel Kosten ihr Stück zu agieren, sondern dieser blendende Zwitter aus Gesang, Musik und Tanz, diese Feerie von Ausstattungspracht und Dekorationswundern, dieser Tummelplatz größenwahnsinniger Kastraten, leidenschaftlicher Prima« donncn und berühmter Tänzer macht ungeheure Aufwendungen not- wendig, verschlingt Millionen. Den»metallischen Unterklang" der Operngeschichte, der in diese»Kunst der Widersprüche" nicht selten die grellsten Disharmonien hineingellt, betont Prof. Oskar Vie in seinem großen Werk»Die Oper", das er im Verlag von S. Fischer, Berlin, soeben erscheinen läßt und in dem er die Entwickelung und die Hauptwerke dieser faszinierendsten aller Theaterkünste an uns vorüberziehen läßt. Die Fürsten und die Höfe waren es, die zuerst dem späten Kinde des Dramas, der Oper, diesem glänzenden Phönix, Pracht- volle Rester bauten. Nur in Italien, in ihrer Heimat, war fie und blieb sie eine eigentliche Vollsliebhaberei. Nach den ersten Ver« suchen in den Palästen der Adligen wird im alten Venedig schon 1S37 das früheste Opernhaus San Cassiano gegründet, 1639 folgt die Oper S. Giovanni e Paolo, 1641 S. Mosö; sie werden immer nach den naheliegenden Kirchen benannt. Bis 1699 werden 18 Opern« theater errichtet, wovon 8 mitunter gleichzeitig bestehen. Die Leute sitzen mit Wachskerzen über den schön gedruckten Textbüchern, die heute— mit ihren Wachsflecken— bibliophile Kostbarkeiten ersten Ranges sind, und fühlen sich im Theater ganz zu Hause. Diese enge Beziehung führt dann zu den ersten Abonnements. Die Mailänder Oper, die berühmte Scala, hat im 18. Jahrhundert einen Stamm von 39 Edelleuten als Sub- flribenteu; die übrigen Plätze werden vermietet. In Deutschland entsteht eine solche bürgerliche Oper mit Abonnenten in Hamburg; der Subskribent zahlt dort 1727 25 Taler. Aber die Hamburger wollen mit den Fürsten wetteifern; fie geben 15(XX) Taler für die Dekoration eines Salomotempels aus— ihr angestellter Komponist, der berühmte Telcmann, erhielt nur 360 Taler— und so ist der Krach bald unvermeidlich. Wie die Oper ihre Kinderstube in den italienischen Adelspalästen gefunden hatte, so bleibt auch weiter hauptsächlich ihre Pflege dem aristo« kratischen Mäcenatentum vorbehalten. Auf Priattheatern wird sie bis ins 19. Jahrhundert hineingegeben. Auch reiche Grandseigneurs können sich solchen LuxuS leisten; so fand z. B. beim Fürsien Lobkowitz 1809 eine italienische Aufführung von Paers.Camilla" statt, bei der der Fürst selbst den Schlohvogt gab und sein eigenes Orchester spielte. Im allgemeinen aber war die Oper die eigentliche Liebhaberei der Herrscher. Leopold I. komponiert fast zu jeder seiner Wiener Opern ein paar Nummern hinzu; sein Sohn Karl VI. stellt sich an die Spitze des Orchesters und dirigiert die »Elisa" von i|ux. Friedrich II. von Preuhen begleitet die zu enga« gierenden Sänger häufig beim Probesingen, fitzt bei der Auf« führung hinter seinem Dirigenten uitd verfolgt mit ihm die Partitur. Solche Opernfreunde waren denn auch bereit, die größten Opfer jju bringen. In Dresden betrugen 1713 die Ausgaben für die italienische Oper über 45 000 Taler, wovon ein Virtnosenpaar, Letti und seine Frau, 10(XXI erhielten. Der berühmte Hasse und seine Gattin, die große Sängerin Faustina Bordoni, werden mit 6S(X1 Talern Jahresgehalt und Reiseurlaub nach Dresden berufen. Der Glanz des gesellschaftlichen Lebens, den der Fürst in den Opern« Vorstellungen konzentriert, mutz einen kostbaren Rahmen haben. DaS Berlmer Opernhaus ist das bestbeleuchtete. I» Pest kommt auf den Platz 40(X) M. Baukosten. DaS Wiener Opernhaus kostet 10 Millionen, daS Pariser 30 Millionen. Auch als»ach einem langen Kampf gegen den Fülsteneinfluß im 19. Jahrhundert das zahlende Publikum in der Wirtschaftsgeschichte der Oper der ent- scheidende Faktor wird, opfert es für keine andere Schaustellung so große Summen. Bei den Hossestspielen war zunächst die B ü h n e n a u s st a t t u n g mit ihren Maschinen und verblüffenden Szenenwundern das teuerste gewesen. Dann folgt die Steigerung der A u s g a b e n für S ä n g e r und Dirigenten. Eine altitalienische Primadonna erhält ungefähr 1000 M. für die Karnevalsaison. Der Kastrat Farinelli wird von Philipp V. von Spanien sür 50 000 Ar. jährlich angestellt, ihm jeden Abend zur Erheiterung seines Gemüts dieselben vier Arien vorzu« i. Der Kastrat Caffarelli, der Ludwig XV. Vorschriften Wer die Geschenke machen durste, die er ihm zu geben habe, kaust sich von seinen Ersparniffen ein Herzogtum. In den Zeiten der Paris- Londoner Glanzoper steigen die Gagen ungeheuer. Rubini, der erst ein Schneider und dann der berühmteste Tenor, der Caruso seiner Zeit war, erhält in London 156 000 M. die Saison. TitienS in Neapel 1862 für 8 Ausführungen 16 000 M. Die Giulia Grift bekam schon für einen Abend 4000 M. und Caruso erhält heut« mehr als 10 000 M. Sehr laugsam stiegen die Dirigenten. Noch 1853 hat der erste Kapellmeister von Drurylane 160 M. monatlich, Costa bezieht 1875 schon 1000 M. und Richard Strauß bekam für die Leitung der.Elektra" in Covent Garden ein kleines Vermögen; die füns Londoner ,Elekwa"-Ausführungen kostete» über 150 000 M. Am spätesten setzen sich die Autoren an den reich beladenen Tisch der Oper. Nach einer alten Statistik über das Theater in Bologna belief sich da» Verdienst des Komponisten Jommelli bei 27 Aufführungen seiner Oper„Eumene" auf 900 Lire, das deS Sängers Appiani auf 3400. Es galt schon als ein Riesenhonorar, wenn das altvenezianische Theater S. Cassiano Cavalli sür eine Oper ungefähr 2500 Frank zahlte. Der große Metastasio erhielt als Hospoet in Wien 600LoutS- d'or. Gluck jährlich 2000 Gulden. Als der Opern-Großunternehmer Barbaja dem Rossini für zwei Opern 12 000 Lire versprach, galt daS für ein ungeheures Angebot. Doch Meyerbeer setzte dann die Tanfiemebeteiligung durch und nun wurde daS bisher übliche Opern« Honorar von 50 bis 100 Talern lächerlich. Richard Strauß' Verlags- einnähme, die Tantieme nicht miteingerechnet, beträgt das Fünf« fache. Während man 1700 die Pariser Oper mit einer Ärmenabgab« belastete und ihr dafür die Einnahmen der Opernbälle gab, bedarf heute wohl jedes große Operninstitut trotz der gewaltig gestiegenen Billettpreise namhafter Zuschüsse. kleines feuilleton. Orchideen-Ausstellung. Seit dem Freitag find im Abgeord- netenhause in der Prinz-Albrecht-Straße abermals Tausende von Orchideenblüten zu einer Schau vereinigt, die am Sonntag zum letzten Male besichtigt werden kann. Diese Ausstellungen, die die Deutsche Gartenbau-Gesellschast veranstaltet, folgen einander, und sie gleichen einander auch nicht wenig. Immerhin bietet die gegen- wärtige Schaustellung etwas Neues, denn fie zeigt nicht bloß, wie diese Tropenkinder blühen, sondern auch, wie sie werden. Aeußerst unscheinbar find die Samen dieser Pflanzen, die wir hier in Glas- röhrchen(aus der Sammlung des Geheimrats Hammerschmidt) wie ein feines Pulver vor uns liegen sehen. Aus den Standorten dieser exotischen Pflanzen, die in der Regel auf der Borke von Bäumen hoch über dem Erdboden loachsen(ohne aber Schmarotzer zu sein), vermag der Wind diese feine» Samen weithin zu ver« breiten. Daß diese Pflanzen trotzdem nur selten in Menge auf« treten, hängt nicht bloß mit ihren besonderen Ansprüchen an den Standort, sondern mit noch weitergehenden an einen bestimmten Lebensgefährten zusammen. Die aufgekeimten Pflänzchen entwickeln sich nur dann weiter, wenn sie mit bestimmten Pilzen zusammen- treffen. Beide gehen dann eine enge Lebensgemeinschaft ein, und sehr wahrscheinlich sind es in erster Linie die benötigten Stickstoff- Verbindungen, die der Pilz der Orchidee fabriziert. In der Ausstellung kann man verfolgen, wie diese Entdeckung verwertet wird. Ganz wie bei Bakterien wird der Pilz in Rein- kulturen gezüchtet, und auf dem mit dem Pilz infizierten Unter- grund werden die Orchidecnsamen ausgesät. Mau kann alle Stadien bis zur blühenden Pflanze verfolgen, ohne die Mühe zu erkennen, die der Gärtner hat, bis diese teils bizarren, teils wunder- vollen Kinder Floras sich ihm lohnend entfalten— oft vergehen viele Jahre darüber. Neben dem Gros der Cattleyen, Cipripedien und anderen häu« figen Formen sieht man, wie alljährlich, auch neue Farben und neue Formen. Wohl die merkwürdigste aller dieser Blüten ist eine, die ganz allein zwischen anderen steht, fast unauffällig verborgen. Sie hat die Form eines fliegeichcn Schnietterlings und auch die langen Fühler fehlen nicht. Sie versetzt den Beschauer in richtig« Märchcnstimmung.... L. L. Volkswirtschaft. Die Herrschaft des indischen Tees. Die Zeiten, in denen der chinesische Tee eine Alleinherrschaft auf dem Welt- markt ausübte, sind längst vorüber, und gar der Karawanentee, der noch vor einigen Jahrzehnten Königsberg zu einem der wich« tigstcu Teehandelsplätze Europas macht«, ist in seiner Bedeutung weit gesunken. Es wäre auch ein Irrtum zu glauben, das alles, was chinesischer Tee heißt, sofern es überhaupt wirk« lich aus China kommt, von besonderer Güte ist. Auch die Chinesen selbst begnügen sich, von den oberen Zehntausend ab« gesehen, mit recht minderwertigen Sorten und gebrauchen sogar mancherlei Ersatzmittel, die voi» anderen Pflanzen stammen. Immerhin ist der Teeverbrauch in China ein so großer, daß schon dadurch der Ausfuhr besfimmte Grenzen gezogen sind. Britisch- Indien, das erst vor 40 Jahren in die Reihe der tecerzeuaenden Länder eingetreten ist, hat China in der für den Weltmarkt»er- fügbaren Produktion bereits weit überflügelt, namentlich wenn die Insel Zehlon eingerechnet wird. Im letzten Jahrzehnt ist di« — 896— Steigerung der indischen Teeerzeugung besunder» aroh gewesen. 8u Anfang des Jahrhundert» lieferte Britisch-Indlen 160 Milanen, die?>nsel Zeyton dazu 1Sl> Millionen Pfund, Thina dagegen nur 220 Millionen. Im Jahr« 1V12 dagegen hat die Teeernte in Brltifch-Jndien ohne die Insel Zehlon schon nahezu 300 Millionen Pfund erreicht, wovon der weitaus gröhte Teil ausgeführt wurde. Seit dem Jahre 188S hat sich die mit Tee bepflanzte Flache in andien mehr als verdoppelt; sie belief sich im letzten Jahre auf rund >0 000 Hektar. Der Gewinn der Pflanzungen ist aber in derselben Zeit noch um einen viel größeren Betrag angewachsen und hat sich mehr als verdreifacht. Nund zwei Drittel der indischen Tee- ernte entfällt auf die Probinz Assam an der Grenze von Hinter- Indien, Ivo allein fast 200 Millionen Pfund geerntet tourden. An t weiter Stelle steht Bengalen, an dritter die Präsidentschaft >!adras. Auch in Birma wird etwas Tee gezogen, aber nur zur Verwendung als Gewürz. Mehr als zwei Drittel der ganzen Tee- ausfuhr Indiens richtet sich nach Großbritannien, der Rest gebt nach Rußland, Kanada und Australien. Physikalisches. Was man an einem Drehkreisel studieren k a n n. Ties in der menschlichen Natur liegt die Nichtachtung des Gelvöhnlichen. Was das Wasser ist. hat man viel später erfahren als die Geheimnisse der Neuen Welt. Und doch ist das Gewöhn- lich« nur scheinbar das Einfache. Unter dem Mantel der Einfachheit birgt es öfters Spiel und Widerspiel der Kräfte, wie es koinpli- zierter nicht gedacht werden kann. Ein derartig verzwickter Geselle ist unser allbekannter Dreh- kreisel, den unsere Jungen so gerne haben und über den ein Eng- länder, John P e r r b. ein ernst-lustiges Büchlein geschrieben hat (John Perrb, Drehkreisel; deutsch von A. Walzel. Verlag B. G. Teubner. 2. Aufl. lSl3. Das prächtig ausgestattete Bändchen kostet 2,40 M.; loir würden gern eine eimachere, dafür aber eine billigere Ausgabe begrüßen). Wer hat ihn nicht tanzen und springen sehen? Ihm hinter die Schliche zu kommen, ist aber eine Aufgabe, der nur die moderne theoretische Physik gewachsen ist. Nur sie. in Berbindung mit der heutigen Technik, hat es vermocht, den Kreisel zur Konstruktion eines verbesserten Kompasses, ferner für eine Vorrichtung zur Verminderung von Schiffsschwankungen und schließlich für die Einschienenbahn nutzbar zu machen. Aber mehr m>ch als diese praktischen Anwendungen des Dreh- kreisels sind die mannigfaltigen Aehnlichkeiten zwischen ihm und ganz andersartigen?taturerscheinungcn der Beachtung und des Nachdenkens wert. Was flüssig und fest, was weich und steif ist, scheint ganz sicher zu stehen. Es sind das gewisse Eigenschaften der Körper, die in der Beschaffenheit des Stoffes selbst wurzeln. Wie sonderbar ist es dann zu erfahren, daß ein dünnes Papierblatt durch Drehbewegung hart, ein weicher Hut steif, ein rohes Ei starr wird. Rauchringe in heftiger Wirbelbewegung gleichen geschleuderten festen Kugeln. Was Wunder dann, daß die theoretische Physik den Spieß umdreht und die Wirveltheorie der Materie konstruiert, nach der die gesamte materielle Welt auS sich heftig drehenden Kreiseln besteht? Ebenso sicher wie in die unendlich kleine Welt der Atome, führt uns der Drehkreisel in die astronomische Welt der Sonnen und Planeten. Unsere Erde ist ein Riesenkrcisel. und ein Kreisel ist es wiederum, der uns die Tatsache der Achsendrehung der Erde mit unerschütterlicher Sicherheit beweist. Dank seiner wunderbaren Eigenschaft, die Lage der Drehungsachse unverändert zu erhalten, zeigt der Kreisel die Drehung des Zimmers, in dem er frei auf- gehangt ist. an. Eine andere Aufstellung de? Kreisels läßt seine Achse sich beharrlich gegen den Nordpol wenden. In dieser Eigen- (chaft als Kompaß spielt er bereits eine große Rolle in der Schiff- ahrt. Ans den modernen Schiffskolossen, wo große Mengen von Eisen und Stahl die Anwendung des gewöhnlichen Magnet- kompasseS sehr erschweren, ist er bereits unentbehrlich geworden. Ganz wunderbares Licht verbreitet das Studium des Dreh- kreisels über jene Erscheinungen in unserem Planetensystem, die unter dem Namen der Präzcssion(Borrücken) und Nutation(Nicken) der Erde bekannt sind. Die allgemeinen Erscheinungen des Vor- rückens der Erdachse in einer keg>lförmigen Fläche während eines Zeitraumes von 26 000 Jahren, sotvie der Schwankung der Erd- achse während einer Periode von 19 Jahren— beide für die Mechanik des Himmels so unendlich tvichtigen Tatsachen lassen sich mit größter Bequemlichkeit an einem simplen Kreisel studieren. Aber nicht nur die Bcwcgungserschcinungen sichtbarer wie im- sichtbarer Körpermassen beleuchtet uns die Theorie des Kreisels. Sie dringt in das Gebiet des Lichtes, des Magnetismus und der Elektrizität ein. Die Erscheinungen des magnetischen und elektri- schen Feldes, der Lichtpolarisation werden durch die Analogie mit den Kreiselsprüngen anschaulich, gewinnen Fleisch und Blut. Ja, es ist zweifellos, daß eine inechanische Deutung dieser Erscheinungen ohne Kreiseltheorie überhaupt unmöglich ist. Wir haben hier bereits eine Menge von Tatsachen genannt, die sm Zusammenhange mit dem Drehkrciscl stehen. Das Büchlein von Perrv bringt noch mehrere. Und, was das wichtigste ist: es schildert mit unnachahmlicher Klarheit die Experimente, wodurch dieser Zu- sammenhang anschaulich vor Augen tritt. In dieser Art des Er- zählenS. das Belehrung mit Genuß verbindet, reiht es sich lviirdig ven berühmten populären Vorträgen von Faradah und Tyndal an. V. Th. Itcrantw. Redakteur: Alfred Wirlepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Schacb. Unter Leitung von T. Alapi», Unser Turnier: Motto.Karo'. 2�([«»-Sia T) Dchachnachrichten. Der Berliner Arbeiter- S ch a ch l l u b Heranstattet vom 16. November, vormittags 10 Uhr an in den.Königssälen', Neue Königstr. 26, ein kostenlose» Schach« turnier für NichtMitglieder. Für den Sieger sind Bücherpreis« vor« gesehen. Meldungen sind an die Turnierleitung(ebcndort) zu richten. Im gleichen Lokal beginnt am 26. November unter Leitung de» Vorstande» ein Unterrichtskursus, der von 10 Uhr vormittag« bi» 1 Uhr nachmittags stattsindet. Als wir vor kurzem die Organisation des bevorstehenden Meister« turnier» in Havanna 19l4 mit der üppigen Dotierung erwähnten, die au» Steuergeldern von der kubanischen Regierung be« willigt wurde, ließen wir eine weitere Mitteilung derselben Quelle außer Betracht. Diese besagte: Um ihrem Günstling, Schachmeister Jos« llapablanca die Kosten der weiten Hin« und Rückreise »ach Petersburg zu ermöglichen, woselbst noch vor dem Havanna-Turnier auch ein großes internationales Meisterturnier (allerdings au« Privatmitteln!) 19U abgehalten wirb, soll die kubanische Regierung Herrn Schachmeister Capablanca extra zum B i z e k o n s u l in Petersburg ernannt haben I Weil Herr Jose Capablanca nur etwa 23 Jahre alt ist, weil eS in Rußland fast keine Kubaner gibt und weil die Handelsbeziehungen sich höchsten? auf Import von echten Havannazigarren für die oberen Zehntausend Rußlands beschränken, hielten wir diese Nachricht für eine einfache Uebertreibung und Zeitungsente. Mr müssen jedoch unser Ver« säumni» nachholen, denn die Schachspalte der„PeterSb. Ztg.' vom 10. November meldet, daß die obige Mitteilung sich vollauf bestätigt. Nachstehend bringen wir eine gut gespielte Partie de» Korvettenkapitäns Max B e H n i s ch, der bei der Katastrophe de» MarincluftschiffeS vor kurzem verunglückte. Er war ein starker Kieler Schachamateur(Haupiturnier B. 1912 in Breslau). Es war die einzige Partie, die Weltmeister E. LaSker bei einer Simultaiivorstellung von 80 Partien am 17, November 1912 in Berlin verloren hatte. Skandinavisch. Dr. Em. Litker. M. Dehnltch s. 1. e2— e4 d7— d5 Ungilnstlg.(e6!) 2. o4Xd5 Sg8— 16 Auch 2..., DXd5; 3. So3, DaS; 4. d4, 8f6; 6. 8f3, Lgi-, 6. h3l (LaSker) 6... Lh5; 7. gi, Lg«; 8. Se5 jc.(Droht Sc4) ist»Ich« günstiger. 3. o2— o4..... Angrisssrcicher ist 3. d41, SX<15; 4. c4 je. mit EntwilkclungSvorspriiiig. 3...... o7— c6! 4. d5Xc6..... Auch hier ist d2— d4: stärker. 4...... Sb8Xc6 5. Sbl— c3 e7— e5 6. d2— d3' L{8— c6 7. Lei— e3 Sc6-d4 8. Sgl— f3 Sf6— g4I 9. Lv3Xd4..... In Betracht kam mit S. Le2, SXSf; 10. LXS, BXL; lt. fXe3, I,Xe3; 12. De2 jc. den Bauer für Tempi herauszugeben. 9...... e5Xä4 10. ScS— e4 Lc5— b4f 11. Sf3— d2 0-0 12. Lfl— e2..... Vorzuziehen war a2— a3. Der Simultanspieler übersieht die seine Entgegnung de» Partner». 12...... Sg4-e3 1 13. f2Xe3 d4Xe8 14. 0-0 e3Xd2 15. Se4Xd2?..... Hier war a2— a81 geboten. 15...... Dd8— d4f 18. Kgl— hl Dd4Xb2 17. Sd2— 64 Db2-d4 18. Tal— bl 19. Tfl—{4 20. Ddl-b3 a7— a5 17-15! Lc8-e6 Nicht 20____ IXel? lvegen 21. c5f nebst event. TXT. 21. Se4— g5 22. Sg5Xe6 28. 866X18 24. Sf8— d7 Auch Ta8— d8 genügte. 26. c4— c5t Kg8— h8 26. h2— hS~""" 27. Khl— h2 28. Tbl X«! I 29. d3— d4 Auf 29. DXb7 folgt 29.... DgSf; 30. Kgl.TeS; 31. Se5, Delf undOX«. 29...... Dol-gSs- 30. Db3Xg3 f4Xg3t 81. Kh2Xg8 Ta8— d8 _ Aufgegeben.__ Dd4Xf4 D{4— eB DeöXe2 Lh4— el De2— flf 15—£4 De2Xel VorwärtSBuchdruckeret u.Berlaglanstalt Paul Singer«cCo..Berlins VI.