Anterhallmigsblatt des Vorwärts Nr. 223. DieuStag, detr 18. November.>913 l�ampflpruck. Siege oder Niederlagen: immer gilt eS, neu zu wagen. kick»!'«! Vekrnel. 2i] r>elge ßcndclö LuftfchlölTer» E i» C h i k a g o- R o m a ir von Henning B e r g e r. Er zog neue Zeichnungen und Photographien heraus und fing unverzüglich an, sie zu demonstrieren: — Sehen Sie hier— im Längsdurchschnitt, meine Herren— wenn wir uns nun den einen Schornstein des neuen Dampfers— eS sind übrigens zwei do— platt auf die Erde gelegt vorstellen, so ist er merken Sie Wohl, was ich Ihnen sage, meine Herren— so grob, dab, wenn mau ein Doppcl- gleise von Eisenvabnschieuen darin legte, zwei PullniaMvagei» aneinander voriiberfahren könnten, meine Herren, wie in einem Tunnel... I —- Ahl sagte der Frachtagent, wunderbar! In Wahrheit ein technisches Meisterstück... Die beiden Herren murmelten zustimmend: Wunderbar— ein technisches Meisterstück... Wie ein Kruiuinhecht zusammengebogen stieb U'Ht Herr Swanson fast unter den Nockschöben des Chefs hervor: — Und der Mast! — Ja, ja bellte der Agent und tanzte auf und ab— der Mast, der Mast! Passen Sie auf, Gentleme», passen Sie nur auf! In früheren Zeiten kletterten die Matrosen in Sturm und Brand— ich meine Kampf— oder»ein, nein— Nebel meine ich, in Schnee und Regen und dem wilden Brausen der Elemente empor an schwankendem Takel und Tau... Und heute, sehen Sie. meine Herren— hier, der Mast der„Oceauic" ist aus Eisen und hohl. Und wenn ein Matrose hinaufgeschickt wird in de» Mastkorb oder um Aus- schau zu halten oder so was, sehen Sie— so brailcht er blob eine Tür aufzumackwu und eine Wendeltreppe inwendig im Mast hinaufzuklettern. Was sagen Sie dazu, meine Herren? Was? Und Herr Rauch trocknete sich, völlig ermattet, die Stirn. — Fal>e lhaft! sagte Herr Roth. Die fremden Herreu schüttelten die Köpfe, wie zweifelnd und gänzlich überwältigt, und der eine murmelte: — Es klingt wie ein Märchen! — Am ersten Mai soll sie zum erstenmal auslaufen, fuhr Herr Ranch fort und blickte bilfelieischend auf den krummen Herrn Swanson, der sich in Verrenkungen wand, als hätte er Bauchgrimmen. — Am ersten Mai, um zwölf Uhr, von Liverpool... sagte er. — Das wird sicher eine Rekordfahrt, nickte Roth. — Wir nehmen Billette. Herr Ranch, verlassen Sie sich drauf, sagte jetzt einer der Herren. Aber den Tag können »vir nicht bestinimen. Sie»vissen ja— dieser verwünschte Reuter! In diesem Augenblick öffnete sich die Tiir und ein Herr trat ein. Er trug einen schwarzen Anzug und einen Trauer' flor um den Hut. Unter dem Arm hatte er eine dürre Mappe, so wie Rechtsanwälte sie zu tragen pflegen. Er sah einfach und anspruchslos aus: bei näherem Hinschauen aber bemerkte man, dab der Stoff seines Anzugs auffallend fein»oar und dab die Augen zugleich forschende und unheildrohende Pu- Pillen aufivieseu. — Was die Eisenbahnbillette»ach New Aork betrifft, sagte Herr Ranch, ohne den Fremden zu beachten, so denke ich— — Wir dachten an die Wabash, unterbrach der eine Herr. — Wabash! rief der Agent. Aber, meine Herren, Sie werden dock» nicht Ihre Reise mit einem Selbstmord anfangen »vollen? Der Mann mit der Aktenmappe war vor der Abteilungs- schranke stehen geblieben: aber niemand schenkte ihm die gc- ringste Beachtung. Eine Sekunde lang zeichnete sich eine senk- rechte Falte ztvische» seinen schU>arzeu Augenbrauen ab: aber sie verschwand sogleich»vieder, und er schien plötzlich sein ganzes Interesse Herrn Ranch zuzuwenden. — Nein, meine Herren, sagte jetzt dieser und bohrte seineu Blick vielsagend einen: der Börsenmäuner in die Nase (er sah de» Leuten nie in die Augen)— die Grand Trunk ist das einzige für Sie— glauben Sie mir, ich bin ein alter Eisenbahner und»veib, was ich sage: Die Grand Trunk allein ist die Linie, für die es sich lohnt, Billette zu nehmen! Es»var auch buchstäblich»vahr: Herr Rauch erhielt von der Grand Trunklinie eine Privatprovision, die er ohne Wissen der Keunyoulinie in seine eigene Tasche steckte. Haben Sie nie, fuhr er in scherzhafterem Ton fort—> die kleine Anekdote— sie soll übrigens»vahr sein— von der Wabash-Bahn gehört? Sämtliche Herren schüttelten erivartungsvoll die Köpfe. — Wirklich nicht? sagte lebhaft der Atzent.— Ja, also, da»var ein Herr, der, wie alle anderen hier in der Stadt, viel Böses von der Wabashroute gehört hatte, aber doch be' schlosz, mit ihr zu fahren. Als sie ein paar Stunden unter- »vegs»varen, sagt er zum Schaffner, der eben vorbeikam:„Ich habe immer nur Schlechtes von Ihrer Bahn gehört, und ich miib sagen, die erste Stunde lang»var der Weg abscheulich... Aber seither ist er bedeutend besser geworden und stöftt lang nicht mehr»vie im Anfang!"——„Ja, sagt der Kondukteur, da»vird der Herr ganz recht haben. Seit ungefähr einer Stunde sind»vir vom Gleise herunter und fahren neben den Schienen.. Herr Ranch gluckste vor Lachen über diese alte'Geschichte, die er der Reihe nach allen Eisenbahnlinien aufhängte, je nach- dem die Extra-Provisionen flössen: und die übrigen Herren versuchten miteinzustimmen in seine Heiterkeit. Nur der Fremde, der ebenfalls zugehört l»atte, zeigte einen seltsamen Gesichtsausdruck, der jedoch gleich»nieder»>ersch>vand. Jetzt schritt er langsam nach dem Hintergrund des Kontors zu, und da immer nock» niemand ihn irgend»velcher Aufmerksam- keit»vürdigte, öffnete er selbst eine Schrankentür und trat in den Bureauabteil ein. Bendel, der aus der Entfernung das Gespräch in der Salonabteilung verfolgt hatte, empfand einen Stotz in der Herzgegend: erschrocken starrte er den Fremden an, der höchst unbefangen Mappe, Stock, Hut und Handschuhe auf den nächst- besten Tisch niederlegte. Die Maschiueuschreiberinnen hielten ihn für einen Börsenbekannteu von Herrn Roth und fuhren gleichmütig in ihrer Arbeit fort, — Das ist Mr. Wolse»), dachte Helge, und der Sck>weist drang ihr» zu den Haarwurzeln heraus. In einem eigentiimlich leisen, kalten Ton sagte der Freinde: — Sie, junger Mann, das ist Mr. Nai:ch, vermute ich, der dort redet? — Ja, Herr! erwiderte Helge. — Und wer ist der andere? Der mit dem jüdischen Gesicht? — Das ist Mr. Roth. — Ah. Mit auffallender Neugier betrachtete er einen Augenblick den Frachtagcntcn. Darauf sagte er: — Und der kleine Blondhaarige? Was ist das für ein Wesen? — Herr Swanson, der Kabinenbeamte. — So. Swanson. Ein Schlvede? Ja. — War nicht auch der vorige Agent ein Schlvede— ein Landsmann von Herrn Swanson? — Doch, sagte Helge. — Aber er— er zog es vor, einen anderen Chef anzil- stellen? Bendel schlvieg. — Nun? sagte der Freinde. — Es scheint so. Der Fremde sah eine Weile nach der Gruppe hinüber, die jetzt mit Händeschütteln auseinanderging. — Was»nacht denn dieser Herr Swanson da unten auf dem Fußboden? fragte er plötzlich. Es sieht auS, als hocke er bloß so da. Ist er krank? Oder verkrüppelt? In Helge stieg trotz des Ernstes der Situation ein Lachen aber er beherrschte sich. — Und das ist der Nachhall und der Kassierer?— Er deutete mit dem Kopf auf beide. — Ja. — Da war auch vorher ein Schwede. Aber er hat auch den Laufpaß gekriegt? — Ja, sagte Helge hastig,— alle Schlveden— sechs an der Zahl— erhielten ihren Laufpaß, als der alte Andersson entlassen wurde. — Wie heißen Sie? fragte unvermittelt der Fremde. — Bendel. — Dentschcr? — Nein, Schwede. — Hin. Was sind Sie? — Mr. Roths Assistent. .In einem um eine Nuance freundlicheren Ton sagte der Fremde: — Da können Sie nur froh sein. Damit wandte er sich und ging langsam der Passagier- abteilung zu. Helge siihlte, wie sich von seiner Brust eine Zentnerlast hob. Sein Hinterkops wurde ganz warm, und eine ganz un- vernünftige Freude feuchtete seine Augen. Er glaubte vor sich eine bevorstehende Umwälzung zu sehen, die die Bösen de- strafen und die Guten belohnen würde, und obgleich er in keiner Weise, außer ,dnvch Stillschweigen, gegen die Un- gerechtigkeit sich empört hatte, die Herrn Andersson wider- fahren war, so rechnete er sich doch zu den letzteren. Jetzt ward Herr Ranch des Fremden ansichtig. Ver- wundert starrte er ihn an und wandte sich zu Herrn Swanson. Dieser starrte ebenso verwundert wie sein Vorgesetzter, und selbst Herr Roth riß die Augen auf. Die Schreibmaschinen verstummten, die Buchhalter hoben Köpfe und Federn, und in einem allgemeinen Stillschweigen näherte sich so der Fremde der Agentengruppe. Auf Bendel wirkte es wie eine vom Schicksal arrangierte dramatische Szene. — Guten Tag, Mr. Ranch, grüßte sehr ruhig der Fremde. — Wie gehts Ihnen— darf ich fragen, init wem— stammelte der Agent. — Ich komme vom New Aorker Kontor, sagte der Mann lairgsam und deutlich, aber vollkommen unbefangen, während er eine Visitenkartentasche herauszog— mit der- Wabashbahn, übrigens eine ausgezeichnete Linie. Jedenfalls weit besser als die Grand Trunk. lForttetzung folgt.) Richard DchrncL Richard Dehme! vollendet heute sein siinfzigstes Lebensjahr. ES ist sicher, daß sich eine hohe Woge von Würdigungen seines dichterischen Schastens, seines WollenS, seiner Art ergießen wird. Ihre Vorboten haben sich schon eingestellt, und wenn mau sie mit anderem zusammenstellt, wnS in letzter Zeit über Dehme! gesagt wurde, so scheint es nun tühler an diesen Menschen und Künstler heranzuwehen als vor zehn und zwanzig Jahren. Man scheint ihm mm beibringen zu wollen: Deine Bedeutung ist unbestritten, aber der dichterische Ertrag deines Lebens ist. wenn nur das Bolleudetc gelten soll, nicht eben groß, er reicht etwa für ein schmales Bändchen, aber daö gehört dann rechtmäßig neben dicKlassiker deutschen Dichtens. Aber ist es nicht verfrüht, solche Endurteile zu fällen, die über die Masse seines Schaffens gleichsam zur Tagesordnung übergehen? Ist der ringende Dehme! nicht mehr wichtig? Denn das ist leine Frage: die Vedeutung, die er für alles, was seit 1890 jung gewesen ist, gehabt hat, fällt vor allem seiner ringenden Gewaltigkeit zu. Daß er neben dem sinnfrischen Greifer und Genießer dcS Lebens, neben Detlev v. Liliencron, der eiufluß« reichste Lyriker des jungen Deutschland tourdc, hängt mit der leiden- schaftlichen Wucht seines Grabens und Fragens und PrüfeuS und AuitrotzcnS zusammen. Er hatte die garende Durchbruchskrast, die erlösend lvirkte in einer Zeit, in der ein Wust von Hemmungen das Leben unerträglich einengte und weggespreugt «verde»«nutzte. Das Maß der geschichtlichen Bedeutung solcher Kämpfe richtev sich nach den» Umfange, in dein sie als Massenbewegung sichtbar werden. Für die Kraft dieser Massenbewegung aber spielt die Spannung der einzelnen eine große Rolle, und wie groß sie war, davon zeugt gerade auch DehinelS Dichten. Als ein Element neuer, ungestümer Kräfte empfand und erging dieser Dichter sich, als ein Schrei in, seelehungernden Aufschrei von Millionen, und hier liegt denn wohl auch das Bleibende seiner Bedeutung. lieber den Wert Dchmels wird kaum entscheiden, was etwa der Dichter in neuen Jahre» schaffen wird. ES wird nicht das wichtigste fein, ob dieser Dichter in letzter Lebenszeit ein anderer, als er auf der Höhe seiner Jugend war. geworden ist. ob sein Jchdrang ihn aus Hörweiten der Millionen weggeführt hat, ob fei» Ringen heute gesättigt schweigt und nun cinein leichteren Weltausschlürfen Raum gc° geben hat, daS an einem mehr ruhend aufnehmenden Er- ganzen des persönlichen Reichtums ein Genüge findet. Als fünfzigjähriger Dichter hat er ein natürliches Recht, zu fordern, daß«nan sich vor allem an das hält, waS er bisher in seine Speicher gestillt hat. und da liegt gehäuftes Brot für viele, für die das Kampsmühen Lebensbedürfnis ist. Es fragt sich nur, in welchen« Kulturkreise diese vielen wachsen. Für die Matten««nd Satten hat Dehinel nicht geschaffen, und ein Anrecht auf fein Werk fehlt all denen, die da meinen, die Er- schüttcrungen des Kampfes, den er geführt, entwichen schon ins Historische, vom Taglebendigen hinweg. Dehmcl spürt diese Blinden und Lahmen noh genug. In jungen Jahren schrieb er cininal:„Die Kraft eines Menschen zur Entwickelung der Menschheit, das ist sein Werk," und weiler:„Auch Kulturgcwisseu muß im Kiniftgewissen stecken." Er ivollte als Dichter eine Macht sein, die eine Aufgabe der Entivicke- lung bewußt leistete. Keii« einzelner kalter Stein unter Steinen, sondern ein Mensch für die Mensckiheit. Aber ivaS fühlt er nun als Erlrag seines Wollens? Eimnal sagt er:„Wer kennt uns? Eine schmale Oberschicht. Was kann die bedeuten, wenn sechzig Millionen die delitsche Sprache spreche««. Da liegen die vielen Orte und überall neue und überall Schicksal,— und«nan denkt: diese alle ahnen garnichts von dem, was man macht... Und fühlt doch iinincr: für alle!" Man muß bei Dehinel immer— auch bei diese««« Bekenntnis seiner Sehnsucht— auf den Beginn seines Ringens zurückgehen. Er setzte in einer Zeit ein, die ihre Jugend in ein GeWoge gesell- schaftlicher Unordnung und Auflösung warf und ihre Krart vor die stärksten Anforderungen und Prüfungen slellle. ES führt zu einer ganz falschen Wertung seiner Persönlichkeit und seines Dichtens, an- zllnehinen, sein Widerstand, sein Herauswollen aus den Strudeln ««nd Wirbeln der jungen Tage habe sich von sozialen, etwa gar sozialistischen Zielen leiten lassen. Er ist einzig der Dichter, in dem der zeitcntfachte Widerstreit der Gefühle sein Auf»«nd Nieder in wildester Leidenschaftlichkeit durchkämpft, un« zu einem Ausgleich zu gelangen.„Aus dumpfer Sucht zu lichter Glttt!" Und in diesem Kampfe reißt ihn alles in«einen Bann, ivas durch Krafteutfallung oder Kontrast gelvaltig erscheint. Also daS Gegenüber und Zu- fammenströmen von Mensch und Menschheit, von Einzelwesen und Naturallmacht, von EinzelloS und Weltjchicksal. Dehme! war nicht der erste Dichter, der sich im Zusammenspiel dieser Gegensätze dichterisch beivegtc. Aber seine„erzgründliche In- brünstigkeit" war neu und eigen. Sie gehört zu den Merk- «nalen der Geschichte der achtziger und neunziger Jahre, und ihr verdanken wir die Gedichte, die Dehme! unter den, Eindruck des Kampfe? der deutschen sozialistischen Arbeiter schuf. Die Kraft, die er da gclvahrte, gab seiner eigenen Kraft Bild und Sprache ein. Und dem Eindruck dieser Kraft ist er zugänglich geblieben bis heute. In» Beginn seines Dichtens steht die Ballade von den» Märtyrer, der die roten Wahlzettel in stürinendcr Nacht über daS Eis trägt und init seiner Last einbricht und versinkt: in der„Berliner Bolkstribüne" von 1899 wurde dies Gedicht zuerst veröffentlicht. Ii» der Mitte seiner SchaffenSzcit steht dann das Lied vom ArbeitS- inann, daS überall im deutschen Proletariat bekannt getvordeir ist, «ind in« letzten Jahrzehnt schrieb Dehme! sein schlichtfestes Maifeier- licd: daS beste, das wir besitzen. Man darf auS diesen Balladen und Liedern nicht schließen, politische Mitstrciterschaft habe sie den, Dichterherzen eingegeben. Bei Dehme! gilt der Satz:„Erst wenn die Welt von jedein Zweck genefen und nichts«nchr iviffen will als ihre Triebe." Diese Triebe zu ergründe««, zu erfühle««, ist der volle Jnhatt und Lebeitsdrang feiner Dichterschaft. �>ie reizen ihn, wo immer sie hervorbrechen. Im nicnschlichen Dasein sieht Dehmel„unendlich»«ehr als eine Laufbahn zum Wohlbefinden, zmn Vorilehint«ln oder Nenmnalklugsein": es ist ihn«„ein steter gründlicher Antrieb zur Steigerung aller schaffende«» Kräfte, ob für, ob gegen, ob durcheinander". Die so gearteten Seelen, sagt er.„sind in jeder Volksschicht zu finden,«venn auch am meisten«vahrschcinlich in jenen Schichten, die an» eifrigsten für die Zukunft kämpfen". Und seine Dichtung rühmt die Tat dieser Seelen, die er die inenschcnwürdigeu»cimt, überall, in allen Klaffen der Gesellschaft. In einem iieucrcu Gedicht, geschrieben auf den Stapellauf des „Imperator", treibt der Eindruck der Weltyafenarbeit Dehmcl zu dithyrambischem Schauen und Werten empor, das dem Arbeiter Gefühle andichtet, wie sie ihm freilich daö politifcheGelüstdesBourgeoiSwünichen mag. Er läßt sie in der Arbeit zu einer Einheit zuiammenwachien, in der die desteu die sind, die, wie er sagt, ihr Loö nicht beklagen und auch kein künstiges Glücksland herträumen, fondern die Vcsricdiguug ihres Levens im Hingeben ihrer Kraft finden:„Sie Ivisseir, Kraft ist Lust, die aufschluchzt vor Begehr, opfergroß sich Hiuzugebeit, wie der Strom dein Meer". Iii» Grunde ist das der uralte Rat, aus der Not eine Tugend zu machen und an Zufriedenheit zu sterben. Ein anderes Wort diese« Gedichtes gefällt uns viel bester als Torspruch der Arbeit:„Unruhe heißt die Schöpferkraft." Aber eiuS ist doch so echt dehinelisch wie das andere. Und ein drittes Wort, in dem die Beivegung des Dichters heute sich kristallisiert, lautet: „Tatkräfte fainmelnl" Auch das ist der Dehmel, dem der stete glündliche Antrieb zur Steigerung aller schaffenden.strafte als das Wichtigste und Höchste des Lebens gilt. Die AnsanaSstrophen drS Gedichtes Hafenfeier mögen bezeugen, wie inbrünstig der Dichter fich in die Stätten einfühlt, wo Welt- arbeit groß am Werke ist. Wonach fein Leben in stärkstem Begehren verlangt, dort ist eine Stätte, wo er's findet: Vom stillen Hafen fingt nianch kleines Lied; Hafen der Weltstadt, bist du jemals still? O großer Braus der Unruhe, wenn schrill werktags die DampfbootsSwärme, Fähren, Schlepper, Jollen Signale kreischend durchs Sprühwasser tollen, Rauchwolken durchs Gestarr der Mäste rollen, durchs Möwengetümmel um Schlot und Spriet. Etcmdcr, dann stehst du zuerst wie irr, ckrst nicht das Werk, das da wachsen mag, nicht von den Werften herüber den Takt im Hammerschlag, nur das Gekrach und Gerassel, Geklirr, Geschwirr, und ziellos fragt dein Blick in-Z Gewirr: wird je auf Erden noch Feiertag? Bis du erschüttert vermeinst, daß eisenhart die ganze Menschheit im Arbeitskleid von allen Brückengeländern dir Antwort schreit; und vor dem starken Schall der Gegenwart verstummt dein Ruf nach ewiger Seligkeit. OaimnUe der Statlft. Von Kurt M o r e ck. Wir saßen aus der Terrasse eines weißen Hauses und ruÄchten. In den dumpfen Dreiklaug unserer verhaltenen Stimmen brach das sommermatte Singen der Vögel des Gartens. Mit heißem, schweren« Leibe lag der Tag auf den turzgeschorencn Rasenfläche». Er wälzte sich gegen die gedrängten Baumgruppen und durchwühlte ihr Duuke!. Schlaff und unbewegt standen sie da. Wie schmelzendes grünes Wachs hingen die Blätter und als könnten sie in der schweren Luft nicht abtropfen. Man konnte nichts tu» als still dasißen und allenfalls ein paar Erinnerungen aufwecken, während man sich mit Eiswasser ständig kühlte. Das.Haus warf einen breiten Schatten über Uns hin. Es war sonderbar, so beinah von seinem ikörper getrennt eine fast unwirkliche Existenz zu führen. «üailm einer von uns hob einmal zu einer scheuen Gebärde die.Hand, die in« schattenden Bkauviolett schmalcr und weißer erscheinen mußte. Die weißen Korbsessel blieben kühl und trugen behutsam und beinah zärtlich das Ruhen de? schlaffen Körpers. Die Stimmen dunkelten unwillkürlich nach in dieser schwer- mütigen Stimmung eines Rachmittags; die?lngen ruhten halboffen aus von der unstäten Sehnsucht des Schanens. Alle Farben draußen lvaren versponnen in das mächtigbreit sonnende Licht. Der Garten hatte nur ein vielfältiges Grün und dazwischen wanden sich gelblveiß die Wege. Allein die Schale mit Rosen auf dem weißen Tische zwischen uns brannte lebhaft aus ans dieser müden Feier der Stille, als sei in ibr unser Blut zusammengeflossen. Es war still geworden zwischen uns. Blaugrau gewölkt lag der Rauch über .uns in der schweren, bewegungslosen Luft, langsam sich lösend. Der Wastberr sog durch den langen Halm das kalte Getränk, und sein Auge hing verliebt an dem alten Ringschiuuck seiner der- wohnten Hand. Vau Koorlen, der Holländer, der neben ihm saß, bereitete sich in der flachen Hand eine Zigarette aus goldblondem Tabak. Ich sah über den Garten, wo das Lichr langsam zusamnienrann und jenen vrauncn Glanz von altem Golde, wie man ihn an Kirchen- geraten findet, annahm. Von drüveu strich ein Lichtvlitz Heiniber. Am Gelvächshause war eine Tür geöffnet worden, lieber de» Weg dort hinten schlich eine Gestalt. Sonderlich in ihrer Haltung, lvie ein unglücktich gcivachse- ncr Bauin, zog sie durch einen eigentümlich abgehackten Rhythmus des Ganges das Auge auf sich. Langsam näherte sich der Mann, dessen Alter unmöglich zu schätzen>var. Grotesk spielte sein Schatten aus dem hellen Wege. Vor der Terrasse zog er den breitkrempigen Sönnvlhut van der Stirn und wir sahen in ein besremdcnd bleichcs und zerstörtes Knabengejicht, in dem ein paar schmerzhastc Augen stände». Crainville!" sagte van Koorlen deutlich und scharf, als wolle er de» Mann da unten mit diesem fremden Raine» anrnsc». Er» staunt und ein ivciüg erschrocken klang seine Stimme, und in dieser Plötzlichkeit hart. Der Mann unten ivar schon vorbei. Wir sahen über van Koorlrns Gesicht ein leichtes Lächeln zucken, das ihm selbst zu gelten schien.„Crainvillr?— Wer ist Erainville k" fragte unser(Ristgeber.„Erainville?" forschte ich selbst «nid mußte den Ramcn wiederholen, seincii Klang prüfend; «Crainvillr..." «Ein Statist—" Das erklärt nichts...Run— und.. Van Kvorle» rückte in seinem Sessel und legte das starke, glattrasierte Kinn in die Hand.„Vom Thelltre Antoinc... Ein kleiner, armer Statist in allen Komödien. Trauerspielen und Groteske» diesseit und jenseit der Rampe.... Und in dem Manne eben glaubte ich ihn wiederzusehen. Aber ich weiß wohl, ich irrte »lich.* «Dieseß Mann ist mein Gärtner", erklärte der(tzastherr. „Er gleicht meinem Erainville". sagte van Koorlen,„wie kaum ein Mensch dem andern gleichen kann; doch ft ist es nicht. Da» habe ich wohl gleich gewußt. Aber ich hätte nicht geglaubt, daß ich diesem Gesicht je an einem andern Menschen begegnen würde... Ich war eben in Erinnerungen verstrickt, da traf mich dieses lebende Gesicht sonderbar, wie eine Vision aus naher Vergangenheit." Unser Gastgeber blies den Rauch seiner englischen Zigarette in die Luft und griff an den bauschigen Seidenknotcn seiner orange- gelben Krawatte.„Aber was ist denn mit diesem— Erainville— i diesem Statisten?" fragte er. Van Koorlen entgegnete:„Das ist eine lange Geschichte, und ich weiß nicht, ob Ihr sie anhören wollt..." Aber der Gastgeber bat ihn, zu sprechen:„Mein Lieber, Du siehst, wir können nicht anders. Wir wollen aus Deine Geschichte nicht verzichten, und Du hast bereits zu viel gesagt, um nicht alle» sagen zu müssen. Wir bitten also." „Seltsam", sagte van.Koorlen,„wie uns oft daS Schicksal eines fremden Menschen erregen kann. Jahre haben mir sein Geficht nicht verwischen können. Durch wieviele Erlebnisse hindurch bin ich ungerührt gegangen; sie haben mich dies eine nicht vergessen lassen; sie haben seine trüben Farben nicht blassen und nicht über- stauben können. Dieser Mensch,— Ihr könnt mir's glauben— Erainville, dieser Statist in erhaben schreitenden Tragödien- dichuingen, wie in der niedrig kriechenden AlltagSkomödie seines Daseins, hat mich einmal zutiefst erschüttert. Da kommt hier ein Mensch, der seine bleiche, schmerzliche Maske trägt, und spielt mir unbewußt mit armseligen, unwillkürlichen Gebärden die traurige Wiederholung jener Existenz vor, und ich schreie ihm seil»» Na inen ins Gesicht wie einem Nachtwandler, als zerschnitte ich damit den mitleidlosen Draht, der ihn zlvingt, das unerbittliche Lebeil der Marionette zu Ende zu spielen. Ich weiß nicht, ob Erainville noch lebt; aber sein Leben war so, daß es sich nur d irch den Tod erfüllen konnte. Es kommt ja nicht darauf an, waS Glück ist(dieser goldene Vogel, den wir alle glauben einmal gesehen zu haben), nur darauf, was wir so nennen. Für Crainville hießen auch die glänzenden Scherben feiner Sehnsucht, die in sein Leben zurücksielen, so. Er lveir bescheideu, aber lvie ein Unglücklicher; er ivar zufrieden, aber sein Dasein war doch traurig und arm... Bei Autoine bereiteten wir damals, noch im engen alten Hause am Boulevard de Strasbourg, den Lear vor. Er selbst leitete die Proben und spielte den greisen königlichen Pelikan, der so von Liebe überfließt, daß er fich vor dem Ende ausgibt und selber arm bleibt wie sein drittes Kind. Ans einer dieser Proben sah ich in der ersten Reihe der Statisten cincn� jungen Menschen, dessen Geficht mir zum Mittelpunkt der ganzen tozene wurde. Ich saß fast allein im vcrduufeitcn Parkett. Die kleine elektrische Regielanipe vor mir war abgestellt. Allem Geschehen unendlich fer i. saß ich zusammen- gezogen in dieser schwarze» Stille. Drüben, über den undeutlichen Reihen des Gestühls, ging das Spiel, in einem unklaren Lichte. Die Schauplätze waren nur eben angedeutet. Graue Knliffenwände ragten unvermittelt in die fahle, nüchterne Geräunrigkeit der Bühne. Licht lvar»pärlich verteilt. Vereinzelte Lampen brannten, und ein Oberlicht beleuchtete die Bühne. Gelb, ölig bestrich der Schein die Dinge und Menschen und legte diesen sonderbar dunkle Schatten an, die ihnen beim Schreiten kurzbeinig nachhüpsten wie Vögel. Von oben traf das Licht die Gesichter, daß die Augen in einer schwarzen Maske lagen und das Relics der Mienen seltsam vertieft ivar. So sah ich diesen Menschen, der sich für mich ganz nnwilltiir- lich aus der Gemeinschaft der anderen loslöste, der aus ihrer Gruppe leise und ohne Gewalt herausbrach, und dessen Schicksal mir mit einem Male nahe trat. ES war in jener Szene, wo der Narr der. unglücklichen König mit seinen Bitterkeiten speist. Da stand dieser junge Mensch, als hätte er selbst seinen.Körper vergessen; stand wie angenagelt an ein uujicklbarcS Kreuz. Kein Leben schien in diesen Gliedern, die sich nicht rührten und nur in dieser einen starren Gebärde der Hilflosigkeit verharrten. Verwirrt stand das Haar über der Stirn, glanzlos und grau, als sei es nur die Asche seines srühcrcn Haares. Aber dann lvaren diese Augen, diese unheimlich gütigen Augen, diese-Augen, die aussahen, als ob sein ganzes Leben sich in ihnen verzehre. In der dunkel» Schatten maSke unter der Stirn tief ein» gesunken, über den ausgehöhlten, steinfarbenen Wangen lagen sie und lebten. Noch war der bildhafte Reiz dieser Gestalt größer, noch vermochte er mehr über mich als da» fremde Schicksal, das mich aus ihr heraus anrührte. Tie Szene» wechselten. Die Tragödie schritt tiefer in das Labyrinth der Schicksale, und LearS Wahnsinn trug die Strohkrone de? Elends. Aber immer wieder wartete ich darauf, daß jener fremde Mcnich in das Spiel der Szene treten werde. Sein ge- ahntes Schicksal gab Lears Wahnsinn erst Relief. Ich war nicht da, um mich der Wirkung eines Schauspiels hinzugeben; aber ich konnte es mir nicht versagen, den eigenen, schauerlichen Reiz dieses Spiels, das nur für mich zu sein schien, auszukosten. Heute verletzt diese Brutalität meine Empfindsamkeit. Ich sage mir. ich hatte lein Recht, die Tragödie jenes mir stummen, hilflosen Menschen dem großen spiele von Lears blutender Menschlichleit zu ver- flechten, ihm ahnungslos das Geheimnis seiner Seele zu entweihen. Es kam die Szene, wo Regan dem geblendete» Gloster ihren > Haß ins Gesicht speit. Regan war eine Schauspielerin von übelm > Ruf, Gabriele Blichon, ein fchlankhüftigeS Weib mit brandrotem Haar und dem schönen Äesicht einer Schwindsüchtigen, darin krank- hast glänzende, hysterische Äugen, dunkelnmringt. Äls Diener stand der jilnge Mensch in der Tür. Ich habe me einen Menschen fb dastehen sehen. Seine Hände hingen tvie Welte»neide Blumen an ihm herab. Seine Äugen hafteten an den geschminkten Lippen der Blichon, die Regan war. SS war, als lechze er nach der Gemein- heit i'nd Niederträchtigkeit ihrer Warte, als sammle er sie ans sich herab, und dabei lächelte er mit diesen seltsamen Augen ihr in das zerstörte, berbranchte Gesicht. Ich ging hinaus und betain einen Hilfsregisseur zu fassen. Ich hielt ihn an und fragte ihn nach jenem Mensche», der seht im dunkeln Hintergrunde der Bühne gegen die Wand lehnte und un- Vertvandt tvie ein Huird nach der Blichon hinüberstarrte, deren roter. Haarknoten in einer Gruppe von Kollegen aufbrannte. Der Regisseur blickte flüchtig hinüber.„Der da?— Sie kennen ihn nicht?— Das ist doch Crainville..." Es schien ihn ßn wundern, dasi ich diese,» Menschen, de» er mir init einer verächtlich nach- lässigen Handbewegnng»vies, nicht kannte. Ein höhnisches Lächeln kräuselte sich um seinen Mund. Er schien mir irgendeine Anekdote, wie sie»virklich oder erfunden bei den Theaterleute» beliebt sind und jedem zu kosten gegeben»verde», von Crainville erzählen zu »vollen. Aber ich hörte schon nicht mehr hin. Crainville! So hiesi dieser Mensch; ich zeichnete mir den Namen in mein Gedächtnis a»»h Crainville... Einige Tage wurde ich von den Proben ferngehalten. Eine der letzten»var auf einen Abend angesetzt. Sie»vürde Voraussicht- lich bis tief in die Nacht hinein dauern. Der Eifer des Regisseurs ermüdete so leicht nicht, und er verlor dann ganz das Gefühl für die Zeit. Den ganzen Tag halte ich mit einer Freundin in St. Gerinain zugebracht, und ich hatte keine rechte Lust nach der Stadt und ins Theater zurück. Aber ich durfte nicht fortbleiben. Auch lockte es mich, Crainville lviederzusehen. Meine abgespannten Nerven lechzten nach irgendeiner Sensation des Gefühls. Ich nahm meinen Platz ein, im Dunkel angenehm geborgen. Der»vundervolle»varine Spälherbsttag hatte mich erschlafft, die reife Schtvere der Luft lag mir im Blute. Meine Augen hingen noch voll von de», vielen goldenen Lichte da draußen, und der billige Glanz der Bühnenbeleuchtung schien mir lächerlich arm dagegen. Antoines Lear war ohne Plastik und ohne Gewalt, es fehte ihm die Größe ins Mitleidlose hinaus. Mir blieb seine schmerzvolle EchicksalSprophetie flach und klein neben Crainvilles stummen, Leidensbekenntnis. Während einer Pause ging ich auf die Bühne. In einen Winkel lehnend fand ich Crainville. Seine Blick« tasteten»,ich an-, ich fühlte diese wunderlichen Augen groß auf mich gerichtet. Wie z>vei seltsame La», Pen brannte» sie mir einen Augenblick und erhellten mir eine umdüsterte Ticke seiner Seele. Ich ging auf ihn zu und sprach ihn an. llnd mit einer unendlich»nüdeu, bis zur Ton- losigkeit erschöpften Stimnie antivortete er mir. Es»var, als sei seine Stiinme an'dem brennenden Leben seiner Augen versengt. Er kannte mich. Mühsain sprach er meinen Namen aus. Manch- mal losch ihm eines-seiner leise» Worte auf den Lippe» aus. llnd ich nickte ihm zn und ging. Lears Leben verflackerte in die unheiinliche Lautlosigkeit des Raumes, der weit, leer und dunkel hinter mir stand; Albaniens inilde Worte senkten sich versöhnend, tvie ein Bahrtuch, über seine und Cordeliens Leiche. Crainville staild da und neigte die Spitze seiner Standarte auf den Boden; aber»vie er das tat, das»var's. Wie ein Todesengel feierte er den lautlose», Augenblick, und dcr Schaft in seinen bleichen Häiiben»var die erloschene Fackel, von der das Fahnentuch breit und rot blutete. Polternd rollte der eiserne Vorhang über das stille Bild des Todes, während es sich in die groteske Szene eines Koinödien- ausgangs auflöste. Ich blieb noch eine Weile in, finster» Räume sitzen, bevor ich mich hinaus tastete. Die Bühne»var fast auf- geräumt, als ich sie betrat. Im Halbdämmer hantierten noch einige Arbeiter. Sie huschte» fast lautlos in ihren Filzschuhen. Am Ausgang, unter einer Laterne, stand Crainville. Er grüßte mich. Ich trat auf ihn zu.„Herr Crainville," sagte ich,„ich habe beobachtet, daß»vir denselben Heiiniveg haben;" sund ich schämte mich in, selben Augenblick, daß ich log!„»venn eS Ihnen recht ist, gehen»vir zusammen." Er sagte leise, daß ich es kau», hören konnte:„Es»väre»nir sehr lieb, mein Herr." lind er ging neben mir her. kleines Feuilleton. Länderkunde. Auf den Gipfeln des Himalayas. Frau Bullock-Work- mann, die sich bereits durch frühere Himalaha-Expeditionen ciiien bedeutenden Namen gemacht hat, veröffentlicht soeben in einer fran- zöfischen Monatsschrift eine inlcressante Schilderung ihrer letzten, achten Reise in die unbekannten Schneeregionen des Himalaya. Sie hat mehr als sechs Wochen durchschnittlich in einer Höhe von 4!»V0 bis zu 5800 Meter, bei einer Kälte von durchschnittlich 20 Grad Celsius in den Eisgebieten dieses Hochgebirges auSgehalten, Der Tod hat ihr mehrinals gedroht und i» der Tat zivei Mitglieder der Expedition verschlungen; sie hat Klettereien und Anstrengungen Vrrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: schlvierigster Art ansgehalten und Hunger irnd Kälte mit Erfolg getrotzt, Die Expedition bestand aus ihr und ihren, Gatten, dem Topo- graphen Peterkin und einem indischen Feldmesser, vier savoyische», Bergführern von Courn,al>e,ir und ungefähr IVO indische» Trägern. Der Einstieg erfolg»« von Srinagar, dem.Jnterlaken des Himalaya", aus in den»vcstlichen Teil des KarakorumgebirgeS, in den Grenz- gebieten von Kaschmir»>nd Chinesisch-Turkestan. In de»»interen Regionen begegneten sie noch häufig»vilden Tieren, Wölfen, Füchsen, Hasen, Berghühnern und einer bisher»mbekaimten Steinbockart, die in ihrer Siißere» Form a» den Dack erinnert. Diese schonen Tiere, die noch nie von Menschen beunruhigt oder getötet worden»oaren, zeigten keine Furcht. Sie blieben ruhig in der Nähe der Karalvane und betrachteten sie mit Neugierde. Die Expedilion führte, so Iveit eS ging, 15 Ziegen mit. um so lange wie möglich frische Milch zu haben, und 25 Schafe, die als Nahrung dienen sollten. Es sind init diese», ivandelndei, Nahrungs- Iransporte ganz gute Erfolge erzielt worden, besonders, da sich die indische» Träger an den Übrigen Vvrräien in arger Weise vergriffen. tleberrascheud war die Widerstandsfähigkeit dieser Leute. Sie, die an den tropischen Ufern deS Ganges nnigewachseil waren und für die HochgebirgSreise mit Schuhen und Strümpfen versehen wurden, Verzichtelen freilvillillg darauf und»vandelten barfuß über Schneefelder und Gletscher. Die Hauptaufgabe der Forschungsreise bestand darin, den„große», Siache»" oder den.Rosengletscher" zu erforschen und topographisch anfzunehmeu. Mit seiner Länge von 75 Kilonielcrn und seiner Breite von 4— S Kilometern ist er der größte Gletscher der Welt außerhalb der Polarregion. Der Aletschglclscher, der größte Gletscher der Alpen, ist nur 23 Kilometer lang. Die Forscher lebten über sechs Wochen auf dem Gletscher, den sie bis ins kleinste erforschten. Von diesem Stützpunkte aus wurden dann die umliegenden Berggipfel de- stiegen und geniessen. ES sind eine ganze Reihe bedeutender Gipfel von rund 7000 Metern Höhe entdeckt»vorden, die mit dem Saminel« namen. die„Gruppe Königs Georg V'.". bezeichnet»vurden. Besonders verdienstvoll ist die Entdeck»»« des Gletscherursprungs, der sich in einer Höhe von 3400 Metern, direkt an der Wasserscheide zlvischen JnduS und Tnrkestail befindet. Einmal»väre beinahe die gange Expedition von einer»»»geheuren Lawine verschiittel»vordei». Die rlesigen Schneemassen sausten direkt an der Karalvane, die eben eine»» Gletscher überschritt, vorüber. Alle kainen heil davon. Der Gletscher»volltc aber doch sein Opfer haben. Plötzlich versank einer der italienischen Führer in einer Spalte; er»vnrde zwar»och lebend herausgezogen, verschied aber bald darauf. Ferner� fiel ein indischer Träger in einen Bergstrom. Außer dem Siachen-Gletscber lvurde noch der Kabery-Gletscher u»ld da»„Siala-Defilo" erforscht, lleberaus sckwierig gestaltete sich die Besteigung des Pik Tawiz, 6400 Meter hoch. Die Expedition kehrte m»f einem anderen Wege zurück. Ans der Physik. Das Lesen bei Tageslicht und bei künstlicher. Beleuchtung. Man hat vielfach geineint, daß das Lesen mrd ähnliche Arbeiten, die mit Augenanstrengnng verbünde»» sind, bei künstlicher Beleuchtung insofern leichler von statten geben, als dabei die Lichtstärle kleiner z» sein brauche als bei dem natürlichen Lichte.� Der Amerikaner Cravath rückte dieser Frage mit den Mitteln der exakten Messung auf den Leib, und hat. lote es so öfters geschieht, die gewöhnliche Meinung siegreich vernichtet. Au» den Versuchen mit mehreren Personen stellte er fest, daß die künstliche Beleuchtungsstärke beim Lesen mindestens 10—20 Ein« heiten beträgt.(Als Einheit der Beleuchtungsstärke nimmt inan jene Belenchtirng an. die von einer Normalkerze in einer Entfernung von 1 Meter allsgesandt wird). Nur»venige Per« sollen könnten sich mit 5 Einheiten begnügen. Ein bemerkens- Iverler Umstand, den sich übrigens die Herren Papierfabrikanten und BuchheranSgeber zu Herzen ziehen mögen, stellte dabei Cravath fest. Je glänzender das bedruckte Papier war, desto größere Stärke der Beleuchtung wurde verlangt. Ganz andere Zahlen haben nun die Versuche mit dem Leset, beim natürlichen Licht ergeben. Sie wurde» am frühen Morgen bei Sonnenaufgang und abends bei Sonnenuntergang ansgesührt. An, Abend ging das Lesen bei einer Beleuchtungsstärke von 10 Einheiten sehr gut von stalten. Sogar bei 2,2 Einheiten ließen sich noch die Lesevcrsnche durchführen, allerdings»»r mit großer Anstrengung. Noch besser ging die Sache am frühen Morgen. Da? Auge, an da? nächtliche Dunkel gelvöhnt, begnügie sich bereits mit 1.5 Be- leuchtungseiiiheiten, und als die Lichtstärke 0.2 erreichte, empfand sie da? Auge ebenso intensiv tvie eine künstliche Beleuchtung von mindestens 30 Einheiten. Woher dieser auffallende Unterschied? Das Tageslicht ist ein diffuses, zerstreutes Licht. Die Papierfläche wird da durch Strahlen von allen möglichen Richtungen her beleuchtet. In gleicher Weise erfolgt auch die Lichtspiegelung: selbst beim glänzenden Papier nehmen wir keine UncKelchinäßigkeiten der Beleuchtmrg Ivahr? Ganz anders bei», künstlichen Licht, das von einer bestimmten Lichtquelle kommt. ES rust, insbesondere beim Glanzpapier, jene lästigen Spiegelflecke hervor, die da« Lesen so beschwerlich machen und die nur durch Steigerung der Lichtstärke wettgemacht werden können. Borwärts Buchdruckerei u.Vcrlag»anstaltPaul Singer&Co..Berli» SW.