MnlerhaltlmgsUM des vorwärts Nr. 226. Mittwoch, den 19. November.>Nt3 263 neige Bendels Luftrd�löfrer» E i n Chikago-Roman von Henning Berger. — Zweifellos, zweifellos, sagte Herr Ranch gänzlich ver' wirrt und starrte angstvoll auf die Ecke einer Visitenkarte, die mit nnerträglicher Langsamkeit aus dem Ledcrtäschchen her- vorkroch und die rote Flagge der Linie aufwies. Mit einem Mal wurde er leichenblah und stützte sich mit zitternder Hand auf das Pult. Sein Mund verzerrte sich zu einem Lächeln und er sagte: — Haben wir— haben wir endlich die Ehre— Mr. H. Maitland Wolsey--? — Nein, sagte der Fremde. Er kommt erst später. Ich bin der Bücherrevisor der Linie und bereise alle Erdteile, um von Zeit zu Zeit die Bücher durchzusehen. — Ah so! sagte Herr Ranch mit dein Ausdruck eines Idioten im Blick. Ja, gewiß— sie stehen ganz zu Ihrer Ver- fügung. — Selbstverständlich, fuhr der Revisor lächelnd fort. Bitte— hier ist meine Karte. I. H. Curtiß. Der Agent wollte Herrn Roth vorstellen: aber Herr Curtiß hatte auch ihm schon eine Karte hinübergereicht, und eine uiisichtbare telegraphische Verbindung schien augenblicklich zwischen diesen beiden Gehirnen aufgesprungen zu sein: denn sie tauschten verständnisvolle Blicke und Händedrücke ans, als kennten sie sich seit Jahren. Herr Swanson, aschgrau im Ge- ficht, drückte sich unruhig um die Pulte herum und schob zer- streut ein und denselben Briefhaufen von einem Platz zum andern. Helge fühlte sich ungeheuer enttäuscht: alle die alten Qualen und widerstreitenden Fragen, Erwartungen und ner- vofen Ahnungen kehrten mit erneuter Macht zurück, und mehr als je wünschte er, alles möchte ein Ende haben und er selbst U>eit, weit fort sein. Dieser mystische Wolsey ward zu einem Begriff, an dessen tatsächlicher Existenz man wirklich bald ztveifeln mußte. Burke, der irländische Laufjunge, fliisterte ihm im Vorüberhasten zu, daß der Kassierer— ebenfalls ein Jrländer— insgeheim drei Kreuze geschlagen hätte. Jetzt rasselten aufs neue alle Maschinen und ein fieber- Haftes Hasten entwickelte sich. Die Kontoristen klingelten in den Telephonzellen, als gälte es Großfenersignale: aus dem Kellerstock stürzten bleiche Gestalten mit Armen voll Doku- menten, Mappen und Rollen. Die Kopierpressen wurden auf- und niedergeschraubt, die Hektographenkasten wurden herum- gerissen, und die auf Beute ausgeschickten Schakale der Trottoire, die man sofort verständigt hatte, kamen und brach- ten fingierte Passagieropfcr angeschleppt. Aber nichts von all dem schien Herrn Curtiß auch nur im mindesten zu be- rühren. Er erklärte, er brauche keinerlei Hilfe irgendwelcher Buchhalter des Kontors: er hätte sein eigenes, anderen un- verständliches System: und alles, was er wünsche, sei, daß sämtliche Bücher nach Schluß des Kontors ihm zugänglich seien: dann arbeite er, seiner Methode gemäß, allein. Was die Einladung zum Frühstück beträfe, so müsse er sie leider— für heute— ablehnen, da er Herry Roth versprochen habe, auf die Börse zu kommen, um sich das merkwürdige Schau- spiel ein bißchen anzusehen, das dieser berüchtigte Reuter dort in Szene setze. Und damit nahm er seinen Stock, seinen Hut, seine Hand- schuhe und seine Mappe und verschwand wie ein schwarzer, dämonischer Vampyr. Herr Ranch sank tiefermattet in seinen großen Mahagoni- stuhl und trocknete sich die Stirn. — Swanson, stöhnte er— ich werde verrückt, wenn das so weitergeht... Swanson schnitt ein paar stumme Grimassen, wie eine galvanisierte Leicfy?. — Famos I murmelte Helge, der für den Augenblick seine eigene Unruhe vergessen hatte und bloß noch an die Angststunden des armen Andersson dachte, nachdem dieser ein- gesehen hatte, daß ihm das Todesurteil gesprochen tvar. Aber als das Gesurre der Arbeiten weiterging und sich mischte mit dem Lärm der benachbarten Kontore, stieg und fiel wie das ferne Geräusch einer Waldsäge und sich schließlich vereinte mit dem Straßengetöse, unter dem die großen Schei- ben in ihren eisernen Rahmen erzitterten, da packte ihn aufs neue eine erstickende Beklemmung. Gedanken an Selbstmord stiegen auf gleich Visionen und entschivanden wieder: er sah ein Meer mit schwellenden Wogen, deren Häupter auf und nieder tauchten: dann war es ein Sumpfland mit schmast stämmigem Wald, und giftige Pilze hoben ihre Schirme zwischen den Moorhügeln und zogen sie wieder hinab. Ein Morast war der Boden, auf dein er wanderte, und niemals, niemals im Leben würden seine Füße festen Grund, sein Hirn Ruhe, sein Gemüt Frieden finden. Das Sinnlose und HoffmingSlose seines jetzigen Daseins hatte ihn nach und nach gelähmt und seine Energie abgestumpft, und wenn wirklich eine.Katastrophe eintrat,— er würde kaum mehr die Kraft besitzen, sich in eine neue Rinde einzubohren. Er würde auf den Grund des Schlammes sinken wie ein Stein: denn seine Kräfte und— was schlimmer war— sein Ehrgeiz— waren verbraucht im einförmigen Nichts der Jahre. Ein gleich. mäßiges, graues Dämmern über einem großen Sninpf---- braune ErdNx'llen ins Unendliche. Ein schweres, wogendes Meer unter wolkendichtem Himmel. Ein Leben,— eine Straße— ohne Stern... Das ivar das Traumland. * Durch eine veilchenblaue Glasscheibe in Blumenmustern von großen Lilien in Milchweiß, dicken Blättern in Saftgrün und einem Rahmen mit Ranken von Topasgelb und Rubin- rot fiel ei» buntsarbenes Licht durch die offene Tür des Bade- zimmers in den Salon. Schwere Portieren verhüllten nur halb den Alkoven, der ein Stück der Ovalscheibe des französi- scheu Betts und die blauseidene. Steppdecke sehen ließ, die sich gleich einer Welle zwischen einem Meeresschauin von Spitzen und Stickereien zeigte. Ein leichter Dampf von war- niem Wasser schwebte gleich einer Amorwolkc. über dem Rand des Marmorbeckens, das weiß war wie eine Franenschnlter, und die Luft duftete wie eine frisch gemähte Wiese nach Mandel und Reseda, nach Iris und Violette de Madame. Auf einem niederen Diwan, der mehr einem Kissen als einem Sitzplatz glich, saß Helge Bendel. Teils weil er so lang war und der Diwan so kurz, weil er im geschliffenen Glas des Spiegelschranks so unbarmherzig seine schlechtsitzcnden, fertiggekauften Kleider, den zu niederen und zu weiten Stehkragen, die abgenützte Krawatte, die spitzigen Knie und mehr als verbrauchten Stiefel wieder- gespiegelt sah, teils auch um des ganzen Ungewohnten und Ueberwältigenden der Situation willen fühlte er sich ver- ängstigt, verwirrt und unglücklich. Es half nichts, daß er das linke Bein im Winkel unter das rechte legte— oder umgekehrt— und die eine Hand in die Seite stemmte. Er sah immer gleich fremd und lächerlich aus. Erst hatte er seinen Hut auf den Diwan gelegt: aber da glich er einer schmutzigen Kellerkatze, die an einen verbotenen Platz geraten ist: und er legte ihn in den Schatten auf den Fußboden. Aber der Spiegel zeigte ihm, daß das bettler- hast demütig aussah, und also mußte er sitzen und ihn in der Hand halten wie ein Laufjunge. Das Haar war an den Ohren und im Nacken lang und stieß gegen den Kragenrand. Ihm ward abwechselungsweise kalt und warm: und er sah, daß seine Fingernägel zu kurz und schlecht geschnitten waren. Wenn er sich streckte, sank er zu tief hinunter, und wenn er sich rückwärts lehnte, mit dem Kopf gegen die Wandbekleidung, so schob sich seine Weste in die Höhe und unter den Beinkleidern sah man die wollenen Socken. Er blieb auf dem Diwanrand sitzen, in einer unnatürlichen, unbequemen, qualvoll künstlichen Stellung. Zu betrachten gab es genug in diesem Raum, und Bendel kannte alle die einzelnen Gegenstände schon auswendig. Ein halb Dutzend gelbe Ledertaschen von ungleicher Form und Größe, mit aufgemalten Initialen und blinkenden Messing- beschlägen zwischen Bambusrahmen hatten zuerst seine Ans- merksamkeit gefesselt. Hotel- und Reiseroutenetiketten in grellen Farben waren dichtgedrängt übereinandergekleistert. Der größte Koffer stand offen und zeigte eine Einrichtung gleich einer Kommode, mit Schiebladen übereinander, die herausgezogen werden konnten. Die oberste Lade stand offen: sie enthielt bloß Hüte. Sie glichen großen Blumen, in Blau, in Rosa, in Weiß und Tecrosengelb, Eine Reihe Tamenhaiidschuhe stand da in Reih und Glied, Wie zur Parade: und Helge blickte wie in einer Art Schauer auf die ungeahnten Farben und Materialien, aus denen sie bestanden. Lackleder. Kalbleder. Goldleder, Braun, Grau, Weist, Violett. Alle sahen sie aus wie neu, glänzend, frisch geputzt, mit hohen Absätzen, großen Rosetten, Spangen mit Nheinkieseln, Bändern, chreit wie Handgelenke. Alle staken sie sehr ordentlich über Leisten aus Mahagoni, Metall oder Ebonit. Und alle hatten sie— so kam es ihn: vor— etwas so Menschliches— ob es nun an der Schmalheit der Zehen, der Fasson des Absatzes, der Rundung des Spanns oder der Biegung des Knöchels lag. Sie sahen grausam, heiter, kokett, herausfordernd, leichtsinnig, pervers, verführe- risch, spöttisch aus.— Aber auch nicht ein Paar konnte man ernst nehmen, wie ein paar Arbeiter oder Wanderer: sondern alle glichen sie eleganten Luxustieren, für die der Schrmch der Strast« etwas Unbekanntes ist. tForÜctzuug solgt.x 'Cropcnfabrt* Wir waren soeben vor Fernando-P6 vor Anker gegangen. Wäbrend wir auf die Boote zum Ausschiffen warteten, bot sich uns ein intcressauter Anblick: Unheimlich ruhig umircist« eine Menge von Haifischen den Schisfsrumpf, sie kamen herauf an den Wasserspiegel, tauchten wieder hinab, schtvammen unter dem Schiss hindurch, ohne uns, die wir mit gemischten Gefühlen dem Treiben drunten zusahen, anscheinend die geringste Beachtung zu schenken. Da gab es ein Geräusch, ein dreifaches Gcplumpse im Wasser. Drei spielende Fcrkelchen hatten sich, nichts Böses ahnend, dem Rande zu sehr genähert und waren ins Wasser gefallen. Unten änderte sich urplötzlich das Bild. Acht Haie waren wie der Blitz auf die armen Tierchen zugeschossen: eines wurde von einem der Raubsische erfaßt, die anderen zwei von je zwei von ihnen auseinaudergeschnitten. Das Wasser färbte sich rot, die Haie nahmen gemächlich wieder ihre ruhigen Bewegungen um das Schiff auf und alles war, als ob nichts geschehen wäre. Aber bald änderte sich wieder das Bild. Der Koch, erbost über den Verlust seiner Schtvcinchen, meldete es dem Kapitän und erbat sich die Erlaubnis, einen Hai zu angeln. Ter Kapitän gab, um den Passagieren etwas Zerstreuung zu verschaffen, seine Ein- willigung und der Koch begann seine Vorbereitungen. Er brachte einen Angelhaken herbei, etwas größer als sie bei unseren Anglern üblich sind, nämlich'ä Meter lang und 2 bis 3 Zentimeter dick. Das niedliche Dingelchen wurde an die Kette angeschlossen, mit der die Güter herauf und hinab gewunden lverden; dann wurde ein Stück rohes Fleisch daran befestigt und die Angel über Bord gelassen. Kaum hatte das Fleisch das Wasser berührt, da kam Leben in die Tiere; von allen Seiten kamen sie dahergcschossen, ein großer Kerl schnappte zu und hatte sich fejtgebiffen. Auf einen Wink des ersten Offiziers begannen zwei Matrosen die Winde in Bewegung zu setzen und der Fisch wurde aus dein Wasser gezogen. Das vor«chmerz wütende Tier gebürdete sich wie toll und ge- wältige Schläge fielen gegen die Schisfswand. Aber unbekümmert darum wurde oben gedreht und bald erschien das Ungeheuer über dem Verdeck. Es hätte uicht erst der Mahnrufe des Kapitäns de- dürft, die Passagiere zogen sich von selbst eiligst respektvoll zurück; denn über ihren Köpfen peitschte das rasende Tier wild die Luft. Der Kran machte eine Wendung, die Männer an der Winde drehten etwas zurück und nun begann der Hai seinen Tanz auf Deck und schlug alles, was ihni erreichbar Nxrr, kurz und klein. Inzwischen war der erste Offizier»ach seiner Kajüte geeilt und kam mit einer geladenen Flinte zurück. Er liest den Hai erst noch einige Zeit toben und als er durch die Ermattung ruhiger geworden war, da krachten zwei Schüsse: ein Sprung und ruhig lag das Tier da. Run näherten sich vorsichtig einige Matrosen mit spitzen Eisenstangen und stießen sie ihm in den Leib. Die Vorsicht war Wohlde gründet, denn der Hai war noch nicht tot. Mit einem gewaltigen Schlag warf er einen Matrosen, der ihm zu nahe gekommen war, wie leblos zur Erde; er mußte mit ge- brochcnem Bein weggetragen werden. Aber es waren die letzten Zuckungen des Tieres, und mit Texten und Eisen- sta ngen gab man ihm den Rest. Die Passagiere der ersten Kajüte erhielten dann je einen der scharfen Zähne, die, weiß wie Elsen- dein, spitz und gezähnt, sehr niedlich aussahen: jetzt, wo sie auf neutralem Boden ungefährlich geworden waren. Inzwischen waren auch die Boote der Behörde, des Dampfcrageiiten usw., angekomiucn und die Passagiere für Fernando Pö verließen das Schiff. Es war srüh morgens. Die Anker wurden gelichtet und das Schiss begann aus seinem Schlaf zu erwachen. Ter Riese reckte sich und gähnte. Schwarze, dicke Ranchwolken entströmten seinem Schlund und langsam, wie schlaftrunken, drehte sich der gewaltige Leib. Ein Stampfen der Maschinen, zischender Tamps drang ans dem Schiffskörper, die Schraube wühlte das Waffer auf, und nun nahm das Schiff majestätisch seinen Lauf seeioärts. Durchdringend klangen die Töne der Sirene über den stillen, von der Morgen» sonne überfluteten Meeresspiegel als Abschiedsgruß nach dem Land« hinüber. Kleiner und kleiner wurden die Häuschen am Strand, dünner und dünner die stolzen, hohen Palmen, bis die schlanken Stämme in nichts zerflossen und nur noch die Kronen, gleich schwarzen Vögeln in der Luft schwebend, fichtbar waren. Dann verschwand auch das, die Häuser waren in den Erdboden»er- funken und endlich sah man nur noch weit in der Ferne ein« dünne Linie, uis auch sie in nichts zerrann. Verschwenderisch sandte die Sonne Licht und Wärme auf uns hernieder. Die unermeßliche Wassermenge, die uns umgab, konnte uns gegen diese sengenden Strahlen leine Kühlung bringen. Ständig rann der Schweiß. Die Nacht senkte sich herab, ein Teil der Passagiere verbrachte sie an Deck. Wer in der Kajüte schlief, fiel in einen bleiernen Schlaf und erwachte morgens schweiß- durchnäßt und schweren Kopfes. Denn wir waren unter dem Aequator. Sehnsuchtsvoll eilte man nach oben, der frischen Luft entgegen. Aber soweit man blicken konnte: blauer, von keinem Wölkchen getrübter, heiterer Himmel, glühende Sonne und atem» beklemmende überhitzte Luft. Die Glocke rief wiederum zum Essen. Schweißtriefende Kellner servierten nicht endenwollcnde Folgen von Speisen. Die geeisten Getränke machten das Mahl noch einiger- mästen erträglich. Eilig ging man wieder an Deck. Es begann zu dänimern. Die goldenen Strahlen, die die untergehend« Sonne über den Horizont versandte, vermengten sich mit der beginnenden Dunkelheit und erzeugten seltene Farbentöne, di« schwer auf die unermeßliche, toellige Wassermenge fielen und hier neu« Reflexe gebärend, Farbengebilde hervorbrachten, wie sie wohl keines Künst- lers Pinsel je wiedergeben mag. Jetzt verdichteten sie sich, nahmen Form und Gestalt an, und nun zeigten sich dem staunenden Auge Ufer, die, keine zwanzig Meter vom Schiff entfernt, so zum Greifen deutlich sichtbar wurden, daß wir uns bang die Frage vorlegten, ob das Wirklichkeit oder Täuschung sei. Und wohin wir blickten, überall sahen wir dunkles, von den letzten Strahlen der untergehen» den Sonne beschienenes festes Land. Wir wußten nicht mehr, ob wir fuhren oder stillstanden. Wir empfanden keine Bewegung. Nur wenn wir zurückblickten, so sahen wir, gleich einem Kometen, die metallisch leuchtende Spur des SchiffrS ini Waffer. Und vom Himmel herab zog es sich wie eine Flammensäule und ergoh sich über das Wasser und die Erde vor uns: dann tauchten andere Farben auf: violett, gold, blau, silbern, während das Wasser unter uns wie im Brand stand. Tie Farben vermengten sicb mit den gelbroten Flammen und erzeugten ein Bild, als ob die P antaste eines überreizten Traumes am Werke wäre. Alle standen wir stumm vor dem Wunder dieser niegesehenen, märchenhaften Pracht, die di« tropische Sonne im Spiel mit der überhitzten Luft und den Wassermengcn des Ozeans geschaffen hatte. Die Dunkelheit nahm rasch zu. Tie Farben zerflossen ineinan- der und kaum eine Bieridstunde nachdem er begonnen, war der Zauber verschwunden und die Nacht da. Gegen Abend des folgenden Tages wurden weit vor uns am Horizont, erst undeutlich und bisweilen wieder zerrinnend, feine Streifen sichtbar. Nach und nach nahmen si« Gestalt und Form an. Es war Land, das deutlicher und deutlicher wurde. Jetzt erschienen, wie von der Erde soeben gezeugt, erst ganz klein, her- nach ständig wachsend. Häuser und da und dort, gleich Vögeln in der Luft, dunkle Punkte, die größer und größer wurden; dann, wie ein bc rabhängender Faden, eine dünne Linie— wir dachten an Papierdrachen—. aber die Pögel wuchsen, die Fäden verdickten sich und als wir näherkamen, erkannten wir Palmen. Wie der Gruß aus dem Munde eines Riesen ertönten jetzt die Sirenentöne über den stillen, schläfrigen Ozean. Das Schiss hatte seinen Lauf gemästigt und fuhr langsam, als wäre es müde von der langen Reise. Schwarze Rauchwolken entströmten seinem Kamin, und als die Dunkelheit fast übergangSlos hereingebrochen war, stand es still. Rasselnd gingen die Anker in die Tief«. ES war dunkel. Oben glänzten im magischen Glanz die Sterne. Rundum erhabene Stille. Der Riese schlief wieder. Carlo« Helasco. Oaumüe, der Statift. Bon Knrt M o r e ck. < Schluß.) Die Nacht war sehr klar und besternt. Wie eine bestickte Samtsojitte hing der schwere Himmel in die Straßen hinab. Unter einer Laterne blieb Erainville plötzlich stehen und blickte mich an:„Sagen Sie, bitte, nicht immer Herr Erainville... Sage» Sie einfach: Erainville.. Ich sagte:„Wenn Sie es wünschen, Erainville, gern," und er ging weiter neben mir her. An der nächsten Straßenecke legte er seine Hand zaghaft an meinen Arm. �Wenn es�Jhne» nichts ausmacht, mein Herr, so gehen wir dies« Straße. Sie bringt uns ans Seine-Ufer. Ich kann vom Theater aus nicht sofort nach Hause gehen. Immer muß ich noch zuvor einen kleinen Gang durch die Nncht machen, sonst schlafe ich nicht. Aber wenn es Ihnen nicht angenehm ist, will ich Sic gern erst nach Hause begleite»; sagen Sic mir nur bitte Ihre Wohnung." Aber ich hatte keine Lust, ihn loszulassen. Ich wollte in seine Ber- schlofscnheit eindringen. Er konnte sich mir nickit lange mehr ver- schließen, das fühlte ich. Ich wußte, daß die Beichte seines Lebens sich ihm bald auf die Lippen drängen würde. Ein solcher Gang durch die Nacht schafft Gemeinsamkeiten, denen eine weiche, empfindsame Seele sich nicht wohl entziehen kann. Bekenntnisse steigen auf und wollen gesagt sein. Damit rechnete ich.� Wir gingen die Seine entlang. Der Fluß trug sein schwarzes Wasser träge durch die Stadt. Wie schleichende Tiere, die mit ae- bogenem Rücken über dem Spiegel lagen und tranken, waren die dunkeln Körper der Brücken. Crainville schaute vor sich hin in die Nacht, deren Schwärze um die Laternen herum schmutziggelb zer- schmolz. Eine Weile sprach er nichts; ich ließ ihn in Ruhe. Hilf- los blickte er mir ins Gesicht, die Augen zitterten ihm vor Bewegung seines Gefühls. Er empfand das Schweigen zwischen sich und mir. Ich wartete. Aber da redete er auch plötzlich und sprach unver- nüttelt von seiner Jugend, sprach hastig und stockend, als bange er, daran zu ersticken, und sein aufgeregtes Herz zerklopfte ihm die Rede mit wilden Schlägen. Er war immer ein Einsamer gewesen, mit einer von Sehn- stichten zerrissenen Jugend. Einer, der mit den Füßen durch den Tag ging und mit der Stirn a» die Sterne stieß. Er wollte Schau- spieler werden. Es gab zu Hause darum Kämpfe. Sein Vater hatte eine kleine Buchhandlung. Ueber stockfleckigen Chroniken und schweinsledernen Folianten war er für das Leben und die sehnsüch- tige Kraft, für den stürmischen Willen der Jugend verständnislos und unempfindlich geworden. Und er führte den Kampf mit dem starren Eigensinn des Alters. Aber wenn der Knabe endlich auch Sieger blieb, er hatte seine heimlichen Wunden davon mitbekommen und blutete daran. Er kam weit fort ins Land, in die Provinz, an ein kleines Theater. Wie war da alles anders, klein, schmählich, nüchtern. Und die Einsamkeit schloß sich wieder auf an neuen Hoffnungen: es loürde besser werden, vielleicht bald. Und er ergab sich der Arbeit; er arbeitete an sich, studierte das Instrument seines Körpers aus, erprobte es. Den nächsten Winter kam er an eine bessere Bühne in einer Stadt Südsrankreichs. Er konnte zufrieden sein; aber er blieb gleich unernlüdlich in seinem Eifer. Er spielte viel, aber er brauchte das auch. Seine Seele erlebte sich nur in fremden Gestalten, in erdichteten Schicksalen, und in diesem vielfältigen, gewaltsamen Da- sein zehrte sie sich auf wie ein Wachslicht, heftig und brennend und flackernd. Mit den Kollegen hatte Crainville immer nur wenig Gemein- schuft gehabt. Es ivar daS Anderssein seines Wesens, das ihn von jenen natürlich abschloß. Sie mochten auch wohl fühlen, daß er sie um des Leichtsinns ihrer Gefühle willen verachtete. An der selben Bühne war eine junge Schauspielerin, Gabriele Blichon. Crainville bewunderte sie. Er fühlte sich durch ihre Kunst entzückt. Sie schien ihm die Erfüllung dessen, was er erstrebte. Seine eigenen Fähigkeiten erschienen ihm hilflos und klein neben dieser Kunst, die seine Seele zwang und knechtete. Er glaubte ml sie. Mehr noch, sie blendete ihn, und er glaubte auch an den Menschen i» ihr. Er dichtete hinter diese Kunst einen edeln, schönen Menschen, eine starke, erhabene Seele, lind er trug eine Sehnsucht nach diesem Menschen, nach seiner Größe, nach seiner Schönheit. Er verlor ganz das Gefühl, daß nur in seiner Einbildung dieser Mensch groß, schön und erhaben war. Die Grenzen Verivischten sich. Was Traum lvar, erlebte er als wirklich. Er liebte die Schauspielerin und sehnte sich unbewußt nach der Frau in ihr. Er suchte ihre Nähe, ihre Freundschaft. Seine Einsamkeit wollte er um sie preisgeben. Aber er täuschte sich, seine Einsamkeit ließ ihn nicht los; sie lag ihm hart und herb»ms Herz und schattete auch über seinem Lächeln. Er nicht, aber die anderen fühlten sie. O, die Blichon gönnte ihm gern ihre Freundschaft. Sie bedurfte der Menschen wie der Spiegel um sich. Crainville wurde glücklich, er durste da sein, und sie beachtete ihn zinveilen. Aber was er liebte, war im Grunde doch nur der Mensch, den sein Geist sich zur Anbetung geschaffen und dem die Blichon ihre Gestalt lieh. Ich weiß nicht, zu welchem Ende das hätte kommen sollen, aber Crainville erwartete jedenfalls daS Beste. Er war bereits Februar geworden. Die Blichon und Crainville hatten verabredet, ein- ander zu treffen, um einen freien Abend zusammen zu verbringen. Crainville war zeitig zur Stelle. Ich nehme an, daß er eine Stunde vor der Zeit bereits da war. Aber sie ließ ihn warten. Es lvar kalt und regnete. Crainville stand traurig bis tief in die Nacht. Er hatte sich nicht entschließen können, fortzugehen, weil er dachte, sie möchte im selben Augenblick den Platz betreten, während er iha zur anderen Seite verließ. Durchnäßt und erfroren kam er nach Hause und warf sich aufs Bett. Er blieb schlaflos. Die Brust: schmerzte ihn, der Frost riß ihn, daß ihm die Zähne schlugen. Am> andern Morgen mußte er ins Hospital. Die Blichon besuchte ihn: ie erinnerte sich nicht, daß sie sich hätten draußen treffen wollen; ie habe zu Haufe vergebens auf ihn gewartet.—„Die Gute", sagte Crainville,�,.sie machte sich Vorwürfe und schalt sich, und sie hatte doch keine Schuld daran. Gewiß hatte ich mißverstanden, und die Arme wachte meinetwegen umsonst..."— Crainville hatte dann die Besinnung verloren und erwachte nach vier Tagen erst wieder. Aber er wurde langsam gesund. Er wartete ungeduldig auf den Augenblick, wo er wieder hinausdurfte. Aber der wurde kein Glück für ihn. Er ging, sorgsam geschützt, durch den schönen alten Park des Krankenhauses i» der Mittagsonne und schlug in, einem ruhigen Winkel sein Buch aus, um sich laut lesend des Sprechens wieder zu gewöhnen. Da ivußte er mit einem Male, daß er keine Stiuim« mehr hatte. Heiser und zerbrochen kam eS aus seinem Munde, wie Mech fiel es vor ihn hin. Angst kroch ihm ocn Rücken hinauf, und vor Angst wollte er schreien. Aber seine Stimme blieb ibm erstickt und tot in der Brust liegen. Cr wurde ohnmächtig, uns man trug ihn inS Bett. Die llutersuchung bestätigte, daß die Krankheit ihm die Stimme zerstört habe. Ihm blieb nichts übrig, als zu seinem Vater nach Paris heim- zukehren. Aber kaum dort, benutzte er alles Geld, das er aus- treiben konnte, die Agenten, die die Engagements der Schauspieler vermitteln, zu bestechen, um so Gabriele Blichon nach Paris zu ziehen. Ihre Briefe eiferten ihn an und versprachen ihm viel, Und im nächsten Herbst schon war die Blichon am Theater am Boulevard de Strasbourg. Crainvilles Vater— eine Mutter hatte er schon lange nicht mehr—, starb kurz darauf, und der junge Mann bekam das Geschäft, das er mit einem Gehilfen leitete. Crainville arbeitete ,m stillen unermüdlich au den Trümmern! seiner Stimme. Er sprach stundenlang mit äußerster Anstrengung in der Hoffnung, den Ton zu stärke». Aber es gelang nickt. Sein Hals schmerzte, und er bekam Hustcuanfälle. Mit der Zeit gab-r eS erschöpft auf und brach die Hofnfungcn aus seine in unglücklichen Herzen. Jeden Abend, wenn die Blichon spielte, war er im Theater., Rachher stand er am Ausgang der Künstler und wartete auf sie, Er drückte sich ins Dunkel und grüßte sie, oder er berührte ihr Kleid. Manchmal durste er sie bis an ihre Wohnung begleiten. Meistens aber hatte fie Verabredungen und konnte ihn nickt brauchen. Oft stieg sie auch am Theater in einen Wagen, der sie erwartete. Crainville beteuerte mir:„Sie müssen verstehen, dem können sich Künstler nicht entziehen. Die weitgehende» Vcrbindun» gen bringen immerfort Verpflichtungen mit; fie bedingen einen aus- gedehnten Verkehr, von dem fich niemand ausschließen darf. Gabriele wäre oft lieber mit mir gegangen. Aber fie durfte doch nicht"andres. Ich habe ihr oft zureden müssen, daß sie fich dem füge. Sie mutzte doch ihre Stellung hier sichern. Sic war ja noch so junc; und so beneidet. Da muß man eben auf der Hut sein; allen liebenswürdig..." Und die Blichon war liebenswürdig, sg wie ich fie gekannt habe; des kann ich euch verfichern. Dann lvar Crainville plötzlich auf einen neuen Gedanken ae- kommen. Es genügte ihm nicht mehr, fie von feinem fernen Platz aus abends still ansehen zu dürfen. Er sehnte sich nach ihrer Nähe, danach, gleichsam unter ihrem Atem leben zu dürfen, wie früher neben ihr zu stehen unter den tausend heißen Augen einer Menge. Er war ein Schauspieler ohne Stimme, aber er hatte doch noch das stumm-beredte Instrument, aus dem er Leidenschaften zu spielen verstand: seinen Körper. Jetzt verehrte er ihn mehr als ehedem; und er ging hin und wurde Statist. Statist an dem Theater, wo die Blichon war. Das war die Kette der Gcschehnijje, die seine Worte schlössen, das waren die äußersten Umstände seiner Existenz, deren halbdunkle Hintergründe ich durch seine Rede hindurch offen sah. Und er verheimlichte mir nichts als das ewige, tiefe Leiden um diese Frau» diese Schauspielerin. Ein Leiden, aus dem er selbst vielleicht nur eine schmerzliche Süße zög; die Qual des im Innersten zur Ein- samkeit Bestimmten. Sie betrog>hu, aber er wußte nichts davon, obschon sie daraus kaum eine Heimlichkeit machte. Er blieb mir unbegreiflich. Er hatte den unerschütterlich starren Glauben der Bekenner, den Fanatismus der Liebe. Es gab für ihn über dieses Weib hinaus keine Welt, und er litt nur daran, daß er sctbst nicht immerfort in dieser Welt sein durfte.... Als er schivieg, gingen wir beide eine Weile stumm neben- einander her. Wir waren weit hinausgekommen, in Stadtteile, die mir fremd schienen. Ich bat ihn umzukehren und lud ihn in eine Weinstube, die ich kannte. Aber er schlug mir's ab. Er möge keinen Wein trinken, und es sei wohl sehr spät geworden. Wir gingen zurück, sprachen fast nichts.— Ich möge ihn. wenn ich Zeit und Lust habe, in seinem Geschäft besuchen, bat er. Unter seinen Büchern würden sich wohl Stücke finden, die«8 zu sehen lohne. Er habe wundervolle alte Drucke, und er möchte eS von mir als Gunst ausbitten, mir einen alten Stich schenken zu dürfen,— als Tank für diese Nacht und als Erinnerung an ihn. Ich würde kommen. sagte ick.— Wir waren so weit zurückgegangen, daß ich mich fclbst zurechtfinden konnte, und ich verabschiedete mich von Crainville. Als ich mich umwandte, trollte er schmächtig nnd hüstelnd durch die Nackt. Ans den Proben sprach ich noch hier und da ein paar Worte mit ihm. Aber er wurde nicht mehr gesprächig. Was hatte er mir wohl auch noch zu sagen? Hatte ich doch die Beichte seines ganzen Lebens ■ empfangen., Eines Abends» nach der Borstelliiiig,— ich hatte mich noch bei Herren der Presse mifgehalten, sah i» am Bühnenansgang Crain- ville stehen. Er schaute mir erwartend cntgcg.n. Ich ging zn ihm und gab ihm die Hand; er ging nebe» mir her.„Ich habe ans Sie gewartet und dachte schon, Sie seien sortgcgang n", sagte er.„Gc- loartet?" fragte ich verwundert, und er bestätigte:„Ja, geivartet; denn ich babc Ihnen etwas zu erzählen. Ich dars es keinem außer Ihnen sagen. Die andern... sund er tat eine verächtliche Hand- bewegung), und dann dürfen auch Sie es nur wissen, weil Sic nicht darüber sprecken werden. Gabriele hat mir das Versprechen ab« genommen, keinem Meuschen davon zu sagen. Ich tue ihr ja ! nurecht, aber zu einem muß ich doch sprechen.— Gabriele hat den ! Ring angenommen von mir. Sic hat ihn heute abend getragen..." Das Herz klopfte dem Armen in den Hals und seine Stimme ging fast unter dabei..Ich habe ihr heute gesagt/ sprach er töeiter, ..daß ich sie heiraten wolle.— O, sie soll nicht» entbehren nriissen. Nicht» soll ihr genommen sein. Sic soll Schauspielerin bleiben, sie soll tun und lassen fönnen.»oa» sie will. Aber sie soll bei mir wohnen und meine Frau sein.— Ich bin nicht arm. Sie zweifeln? — Ich habe gespart und mein ganze» Vermögen in bare» iSelb umgesetzt i cS ist eine schöne Summe herausgekommen. Da» habe ich ibr gesagt. ES soll bleiben, alle» bleiben wie eS ist. Und sie hat nicht nein gesagt.— Ich solle noch etwa» warten, ein wenig noch... C, ich werde warten... Wir sind ja noch beide jung,— und dann, eine» TageS, wird sie kommen und sagen: jetzt... So hatte ich eS mir ja auch gedacht. O, e» wird schon werden..." Mir war, als träume Crainville neben mir, und ich tnagte nicht, ihn zu stören. Er schaute mich an:„Sie wundern sich?— Sie staunen über mein Glück."— Ich sagte:„Ich freue mich so für Tie..." Dann fiel mir ein:„Aber Sie wollen gewiß Gabriele erwarten, und ich halte Sie auf, Crainville?"—„Sie ist schon fort", sagte er traurig-,-e» tat ihr so leid um mich, daß ich heute, gerade heute abend allein sein werde. Aber eS ließ sich nicht ändern. Sie war zu einem Souper geladen. Einflußreiche Persönlichkeiten kommen bin. Sie hatte zugchagt. Denken Sie nur, sie wollte einfach fort- bleiben I— Ich mußte sie bewegen, hinzugehen.— Sie wissen, man kann nicht anders in solchen Fällen. Gabriele wäre imstande ge- Wesen, meinetwegen eine Dummheit zu begehen..." Ich haßte in diesem Augenblick die rothaarige.Komödiantin um dieses armen Menschen willen, dem sie die Seele zerstörte. Er ging lächelnd, in seinen Traum verstrickt, neben mir her. Ich bangte nur, daß seine Blindheit nicht tief genug sei, um alles zu verbergen. Ich glaubte, mich vor Crainvilles Blick stellen zu müssen, wenn ein Wagen an uns vorbeifuhr. Konnte drin, neben einem Liebhaber, doch das rote Haar aufbrennen, das schwindsüchtig bleiche Gesicht lachen. Ich führte Crainville durch ein paar Straßen, die ich kannte. Ich sagte:„Heute müssen Sie aber mit mir auf Ihr Glück trinken." Er widersprach nicht. Und ich machte ihn trunken. Sollte der dunkle Schinerz, den er nicht verstand und sich nickt eingesteben mochte, doch einschlafen und nur das falsche, gefährliche Glück ihn erfüllen. Dann mochte er schlafen und weiterträumen.... Crainville bekam ich nach dieser Nacht lange nicht zu sehen. Später wich er mir fast scheu aus, als zöge die Einsamkeit und ihr stiller Schmerz immer engere Kreise»m ihn, daß sie ihm selbst jene iilierquellenden Bekenntnisse an mich verwehre. Ich verließ im Frühjahr Paris, ohne Crainville noch einmal gesprochen zn haben. Als ich die Blichon zuletzt sab, hatte sie ganz daS Ausseben einer Schwindsüchtigen im letzten Stadium. Sie hustete heftig und viel: aber sie sog sich mit ihren geschminkten Lippen noch fest an das große Leben in Glanz und Licht, nach dem sio ihr ganzes Dasein lang unersättlich Sehnsucht getragen. Ich kam erst wieder nach Paris, als Antoine im neuen Hause seinen..Julius Cäsar" herausbrachte, und zwar erschien ich zur letzten Probe. Wundervoll betvegt tvar die Szene um Marc AntonS Rede, das Getümmel des Voltes auf dem Forum. Die tiefgelegten Stufen der breiten Treppe hinan zu Cäsars verhüllter Leiche und zu Marc AntonS großer, überredungsstarker.Klagegebärde um seinen Toten strömte die Masse des Volkes, zu einem einzigen erschütterten Körper gebunden. Aber unter des Kaiserfreundes ausbrechender Leidenschaft lösten sich aus ihr die einzelnen Menschen, formten sich die Gebärden ihrer eigenen Leidenschaften: ihres Hasses, ihrer Rache, ihrer Liebe. Und mitten auf der Treppe, von den Gruppen gesondert, vor dem purpurn zerfließenden Mantel des Cäsars als Hintergrund reckte sich ein dürrer Mensch auf in Schmerz und Haß. Die hagern Anne warf er hoch, die Finger krampften sich in die Luft, der Körper krümmte sich wie ein Bogen. Jetzt schmiß er sich herum und zeigte ein schmerzzerfetztes Gesicht, fahl wie Asche, nur Schatten und ein paar unvergeßliche Augen: dann lief er die Stufen hinab und verschtvand in der Tief«. Es war Crainville ge- Wesen. Crainville war wieder da,— der Gedanke beherrschte mich von da ab—, und wie sah er aus. Ich ging auf die Bühne und suchte ihn. Im Hin- und Her- gerenne"der vielen Menschen, in dem fiebernden Aufruhr des Um- bans fand ick ihn nicht gleich. Er lag mit dem Rücken gegen eine Wand und starrte vor sich ins Dunkle.„Crainville I" rief ick, und er sah mich an, als habe ich ihn aus dem Schlaf geweckt.„Crain- bille," sagte ich.„wie geht es Ihnen?"— und er entgegnete:„Sie ist tot..." Nichts als das; als ob er ein Tuch von der Toten wegzöge, sagte er das.—„Sie ist tot?" Ich war betroffen durch dieses fremde, schwere Wort inmitten der Theaterbuntbeit, inmitten des Lacheiis und Scheltens um uns herum. Crainville aber sprach, als sei er allein mit mir.„Sie hatte eine Krankheit in sich. Es gab keine Heilung, keine Rettung. Der Tod, der schon lange um sie war, stieg im Frühjahr wie der Fluß, und er flutete über sie hinweg. Es war schlimm geworden; zu Hause konnte sie nicht bleiben. Sie kam ins Hospital. Ich bin immer bei ihr gewesen. Sie war müde, furchtbar müde und schlief viel, so schwach tvar sie. Aber dann kam immer der Husten und riß sie auf. Dann sagte der Arzt mir eines Tages, daß es dicht vorm End« sei. Ich hatte ein Versprechen von ibr, das noch nicht eingelöst tvar. lind ich bat sie, als sie erwachte, daß sie meine Frau werden möge. Sie nickte mir: Ja.— Der Hospitalgeistlicke bat uns getraut.... Aber am Abend ist sie gestorben..." Crainville stand starr an der dunklen Wand Perantw. Redaktestr: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck n. Verlag: als et endete: sein Gesicht war grau wie Stein. Alles an ihm tvar tot, bis auf seine Augen. Ich habe nie wieder zlvei solcher Lichte gesehen, die um eine Tote brannten.. Van Koorlen stand auf und machte ein paar Schritte über die Terrasse. Noch lagen die letzten Worte still in der scftfperen Lust und gaben einen Schatten über unsere Gesichter. Der Himmel war dunkel und matt, und die Schatten flössen lang aus. Unser Gastgeber trat an den weißen Tisch und legte seine Handflächen um den purpurnen Rosenkegel. Er sagte:„Ein wunderlicher Mensch, Dein Crainville... Er tvar als Gefäß für den Schmerz bestimmt. Auch das ist eine Bestimmung, für die man geboren wird..." Und er wandte sich wieder zu uns, die hinter ihm standen und über den Garten sahen, und sagte:„Kommt, wir wollen ins Hau? gehen. Es will Nacht werden und unser Gefühl verträgt heute nicht das fahle Zwischenlicht." Und wir traten durch die weiße Tür inZ HauS, Ivo die Lichter angezündet wurden. kleines feuilleton. Der Schloßberg im Spreewald, lieber dieses Spreewaldheiligtum bei Burg, da? jetzt vom Kreistage angekauft und mit einem Bismarck« Denkmal bepackt werden soll, spricht Max Bittrich. Den„Berg" darf man sich nicht al« weitblickende Höhe vorstellen: er ist ein vor« geschichtlicher Rundwall und gilt als der Rest der Nationalopferstätte der S e m n 0 n e n. Daß in den Jahrhunderten um die Geburt Christi die Gegend durch Germauen besiedelt war, haben zahlreiche Funde gezeigt; weitere Funde lehrten, wer nachher erschien, nach der Völkerwanderung: der slawische DolkSstamni der Serbe» oder Sorben. Doch wohnten, nach dem Ergebnis der Ausgrabungen zu schließen, die Menschen dieser„wendischen" Zeit hier viel weniger dicht als die der germanischen Jahrhunderle. Die urivaldartigen Zustände der weiten Wasierwndschaft änderten sich erst im 18. Jahr- hundert. WaS der Schoß der Erde wiedergegeben hat, läßt den Schloß« berg als eine Schöpfung Vorslatvischer Zeit erscheinen, als eine Kultus-, wenn nicht auch befestigte Zufluchtsstätte während germani- scher Herrschast, weiter als Gebiet der Sammlung in Kriegs- und Hochwassergefahr nach der Einmistung der Sorben- Wenden. Auf ein Schloß, das hier gestanden habe, weist nur die Sage hin. Sie weiß farbig und abwechselnngZreich zu erzählen von dem ver- snnkenen Bau und seinen Bewohnern, und am sonnigsten plaudert sie, sofern einsach- menschliche Verhältnisse die Grundlage der Märchen bilden, während alle mit Staatsaktionen, mit.Herrscher«, Fürsten- und Feldberrnnamen arbeitenden Berichte völlig in unklarer, nebeliger Luft schweben. Denn von dein Räubersiirsten angefangen, der über eine lederne Zugbrücke ritt und mit den, Satan im Bunde war, bis zu dem vielerwähnten heimlichen König der Wenden sder so heimlich tvar, daß ihn sogar die Wenden nicht zu Gesicht bekamen) ist nichts, wofür man durch die Geschichte eine feste Hand« habe erhielte. So fehlt auch für den schauerlichen Fürstenmord durch Markgraf Gero im Spreewald, den man sogar bildlich dargestellt finden kann, ein sicherer Nachweis. Allein wer jemals in einem Meer von Einsamkeit auf dem Schloßberg gestanden hat, weltverlassen wie die Höhe selber, wenn die Dämmerung niedersank über Feld und Busch, in einer lautlosen Stille, die den Meiischen selber fortzutragen schien auf linden weichen Wogen: wer solche Stunde hier erlebte, der hat vielleicht glauben gelernt an das versunkene Schloß mit den unermeßlichen Schätzen, an Schlangen und Irrlichter, an Reiter ohne Köpfe so gut, wie an die verzauberte Prinzessin, die Heinden nähen müsse bis zur Erlösung. Und daß sich auf dieser Insel in ehemaliger Wasserwüste die Flüchtlinge vor dem Wüten der Elemente und der Freindlinge mögticherweise auch durch Mauerwerk, das zerfallene „Schloß", geschützt haben, daS wird an, wenigsten gerade der nüchterne Sinn bezweifeln. Haben doch nachgewiesenermaßen noch im dreißigjährigen und siebenjährigen Kriege einige durch Wasser und undurchdringliche Wildnis geschützte Teile des Spreewaldes größeren Gemeinden ängstlicher Stadtleute als gesicherter Versteck gedient. So sind noch zu Beginn de» 17. Jahrhunderts so- viel Bürger der wohlbekannten Gurkenstadt Lübbenau in den Wald geflohen, daß in ihrer Zeltkolonie ein Pfarrer wendisch inid deutsch predigte. DaS tvar freilich noch ein anderer Wald als der heutige: ein Wald, der den Leuten sozusagen in den Ofen wuchs und von desien Reichtum man, ohne viele oder irgend« welche Förmlichkeit, nahm, Ivas man brauchte. Und auf. den uner« schöpflich fischreich scheinende» Gewässern fuhr man im ausgehöhlten Stamm eines Riesenbaumes. Heut ist das Spreewaldgebiet zum großen Teil eine von blumigen Wiesen durchträumte Wiesenlandschast, auch wo die Erlen sich nickt zum grünen Dom wölbe», voll eigenartiger Schönheit. Eine» ihrer stimmungsvollsten Gebiete ist der Schloßberg geblieben, eine Strecke Landes von ergreiiendem märkischen Charakter, dürftig und erimieruugsreich, so schwer zu verstehen und zu erobern, wie nachher schwer zu vergessen. Vorwärts Buchdruckerei u.Vertag»ansialtPaulSinaerLcCo.,Berln,81V.