Zlttterhaltungsbtatt des vorwärts Nr. 231. Donnerstag, den 27. November. >tN3 80] f)eU$e ßcndels Luftfcblörfcn Gin Chikago-Roman von Henning Berger. Helge war jetzt immer morgens der erste auf dem Kontor, um die Post durä�usehen. Da lagen die dicken Kuverte wie kleine Pakete und dufteten ihm entgegen. Sein Herz hüpfte, die Finger zitterten. Manchmal war es wirklich ein Paket. Er besaß bereits über zwei Dutzend verschiedene Kabinettauf- nahmen von Lilly und ihrer Schwester. In allen möglichen Kostümen und Stellungen, auf dem Podium und auf der Promenade, im Straßenanzug und im intimen Negigls. Kopf, und Brustbilder, halbe und ganze Figur. Als Madonna und Heilige, als Königin, als Unschuldsengel, als ernsthafter Typ und als Verführerin und Nachtschmetterling, als Sappho, als Thais, als Hetäre der Antike und Kokette der Gegenwart, als Schauspielerin und als Nana. Uird alle diese Photo- grapbien trugen ihren Namenszug und lange Dedikationen, kosende oder schalkhafte Worte, versteckte Anspielungen oder geheime Chiffrcsprache. Aber die Briefe waren doch das Ueberwältigendste, und zuletzt hafte Helge nicht mehr Raum für sie in seinem Pult. Den letzten trug er immer bei sich, und brachte so nach und nach die zuletzt Angekommenen nach Hause in sein Zimmer. Beim Schlafen hatte er stets ein paar von ihnen unter dem Kopfkissen und bildete sich ein. was er träumte, müßte etwas bedeuten oder voraussagen. Auf dem Kontor konnte er sie nicht offen lesen, sondern mußte die unglaublichsten und wenigst poetischen Orte aufsuchen, um den Inhalt ein erstes Mal ungestört zu verschlingen. Manchmal trug er den Brief uneröffnet einen ganzen Tag mit sich herum, um abends in irgendeinem Kneipenwinkel ein Fest zu feiern. Oder er öffnete den Umschlag und sah bloß nach, ob Jier Brief wieder mit einem Meer von Umarmungen, einem Sturmwind von Küssen schloß und der angebetene Name sich ihm einzig und allein zuschwor. Das weitere schob er dann auf bis zur Frühstücks- pause. Auf allen Arten von Papier, in allen Farbentönen waren diese Brirfe geschrieben. Dickes, quadratisches Format, un- beschnittener Rand, im Wasserstempel eine Krone, ein Löwe mit einer Axt. ein Einhorn oder irgendein anderes heral- disches Wahrzeichen. Perlgraues Papier mit Silbermono- gramm, hyazinthfarbenes mit violetten Initialen, elfenbein- weiß, moosgrün, lila: Japanpapier mit Goldarabesken wie ein Drache: indisches Binsenpapier mit Kobraschuppen im Wappen auf der rechten Ecke. Alle rochen stark nach Parfüm, und Helge fürchtete, man könnte es merken. Seit er eines Tages einen Brief in der Tasche herumgetragen hatte, war der Duft in seinen Kleidern hängen geblieben. Sogar die Kuverte hatten ihren eigenen Charme: sie waren mit Seidenpapier in den verschiedensten Farben ge- füttert, und ihm war, als erinnere dies raschelnde und duftende Innenfutter an Frauenunterkleider, diese Hüllen, die nur vor dem Begnadeten fallen. Aber noch anderes kam außer Briefen und Telegrammen, Zeitungen und Ansichtskarten. Auch Geschenke kamen. Er war darüber erschrocken: denn er konnte ja nichts dafür wiedergeben. Nach langem Ueberlegen schrieb er ihr das auch. Und trotz ihres Protestes beharrte er bei dieser Idee, bis sie den Grund einsehen mußte. Zu seinem Geburtstag im April hatte sie ihm ein Paar goldene Manschettenknöpfe mit kleinen Brillanten geschickt. Er bettete sie sorgfältig in die Watte zurück— tragen würde er sie sicher nie. Dann, ohne Anlaß, schickte sie plötzlich ein Toiletteetui aus Ebenholz, mit Silber eingelegt. Er legte es in seinem Koffer, damit es nicht- allzu sehr mit seiner Boarddinghauszelle konftastieren sollte. Schließlich, in einem Anfall von Aberglauben, sandte fie ihm ein kleines Medaillon, das nach französischer Sitte ein paar Haare von ihrem Körper enthielt. Sie waren dunkler als ihre Kopfhaare und sollten, wie die Silberlaterne. Glück bringen. Und diese kleine Kapsel trug er in der Westentasche bei sich. Bendel fühlte sich abwechselnd gerührt und gereizt durch diese Einfälle, die ihr— wie ihm sein Versland sagte— allen gegenüber kamen, zu denen sie in freundsckxiftlicher Beziehung stand. Wohl vermißte er ihre persönliche Nähe, aber noch niehr ihre geistige. All diese Aeußerungen von höherem oder niederem Interesse erschienen ihm banal und ftivol in Ge- danken und Worten sowohl wie in Handlungen, und in einer unklaren Jdeenverbindung brachte er ste in Zusammenhang mit dem unangenehmen Eindruck, den die Reihe der Luxus- schuhe droben in dem Hotelzimmer auf sein Gemüt ge- macht hatte. Fehlte aber auch nur ehien einzigen Tag der wohlbe- kannte Briefumschlag auf dem Posttisch, so war er ganz außer sich. Tann hatte er das Gefühl, als stürze die ganze Stadt zusammen und er stünde einsam zwischen den Trümmern. Ihm war, als verlöre er das einzige Glück des Lebens, ja, das Leben selbst. Er ward bleich und krank vor Verzweiflung, Spannung und wahnwitzigen Vorstellungen. Es war ihm unmöglich, auch nur die einfachste seiner täglichen Aufgaben zu erledigen, und bizarre und unausführbare Pläne, wie z. B. Urlaub nehmen und nach New Zfork zu fahren, tauchten in feinem verwirrten Hirn auf. Wenn die letzte Post ein- lief, schlich er sich heimlich zur Hauptpostabteilung hinüber, log— im Namen des Geschäfts— allerhand Geschichten zusammen von wichtigen Briefen vom Osten her, die erwartet würden, bloß um sich zu überzeugen, daß wirklich nicht etwa ein Brief aus Versehen beim Austragen vergessen worden war. Und in der Nacht nach solch einem Tag konnte er weder schlafen noch überhaupt im Bett still liegen. Dann suchte er Griff auf oder Hannover, schleppte sie in irgendein Nacht- caf� und entwickelte eine ganz unnatürliche Lebendigkeit, bloß um sie so lang wie möglich bei sich festzuhalten. Wenn dagegen die Briefe regelmäßig, wie von einem Uhrwerk getrieben, sich in seinem Pultdach häuften, war die Reaktion gerade umgekehrt. Tann konnte er einen stumpfen Ueberdruß fühlen, über den er sich selbst wunderte, und über den er sich reuevoll Vorwürfe machte. Aber es half nichts. Das Ganze kam ihn? falsch und unmöglich vor: er fragte sich selbst, wie er sich hatte in etwas so Schimärisches stürzen können, und ärgerte sich über ihren Widerstand und ihre z??- rechtweisende Weigerung damals, als er begehrte, was Dutzende von andern— dessen war er ganz sicher— genossen hatten. Unerfahren m?d männlich egoistisch erhitzte er seine eigene Phai?tasie, stellte sich unwahre Ungerechtigkeiten vor, dichtete Szenen, spielte sich selber Komödie vor und genoß eine Art Wollust in dieser kindischen Selbstquälerei. Aber arich nur der entfernteste Gedanke daran, daß er sie im Ernst nie wiedersehen könnte oder die Hoffnung aufgeben müßte, sie zu besitzen, führte sofort einen Urnschlag herbei, und er weinte und glaubte dabei, daß seine Tränen aus leidenschaft- licher Liebe flössen. Das Hin und Her, zwischen diesen beiden Polen füllte den April aus. Noch nie n>ar Helge Bendel seinen Pflichten schlechter nachgekommen, hatte nachlässigere und lintüchtigere Arbeit geliefert, hatte sich so glücklich oder unglücklich ge- fühlt. Im Koirtor besorgte er die laufenden Arbeiten rein mechanisch, überließ es dem Instinkt, zu entscheide??, was notwendig war und was nicht: lud einen Teil a??f Burkes Schultern ab und holt« ab und zu das Versäumte durch ein paar Stunden hastiger, forcierter, konzentrierter Nachtarbeit wieder ein. Die allgemeine Geschäftsnervosität, die dilrch Reuters Manipulationen und Wolseys unbegreifliche Ili?* sichtbarkeit jetzt bis auf die Spitze getrieben war, half die Lücken verdecken. Im Mai veränderte sich die strategische Lage insofern, als Lilly Fanchettis Briefe seltener wurden. Erst kamen sie nur noch jeden zweiten Tag, dann jede.? dritten, und zuletzt nur einmal in der Woche. Sofort begann Helge �— entsprechendermaßen— öfter zu schreiben— ein-, zwei-, drei- ?nal die Woche, zuletzt jeden Tag. Und da die Telegramine jetzt gai?z aufgehört hatten, geschah es, daß— wenn er nicht schnell genug Antwort auf einen Brief erhielt— er telegraphisch Fragen und Vorwürfe vom Stapel ließ. Alles war jetzt von sei?ier Seite lächerliche Uebertreibung. Er dachte nicht mehr über dies Verhältnis nach, das doch bloß ein Schein war. Jetzt bedeutete ihin plötzlich die Sängerin alles, wie während des kurzen Momentes an? Tag ihres ge- ???einschaftlichen Tiners. Sie war ihin Gattin, M?lfter, Schiriester, Freundin— alles, nur nicht Geliebte. Er wurde physisch krank bei dein Gedanken, sie zu verlieren, und ihm war, als hätte er sie weit intensiver und höher besessen, als wenn ihm ein einziges Mal eine Umarmung zuteil ge- worden wäre. Eines Sonntags nahm er sich vor, eine Skizze seines Zinmiers zu malen, in der Absicht, sie ihr zu schicken. Aber das Bild wurde so schlecht, daß er es gleich vernichtete. Statt dessen tauchte in seiner Erinnerung ein Aquarell von Egon Lundgren auf, das ihm, unter vielen andern, in den stillen Stunden nach Schluß der Säle in dem alten Museum daheim lieb gewesen war. Und mehr in wehmutvollem Spiel malte er es aus dem Gedächtnis. Er besaß nur Wasserfarben die andern standen Verlanen im obersten Stockwerk der Lister- baracke— und einen Whatwan-Block von zehn zu sieben Zoll: und diese Größe stimmte just mit dem Original überein. Es war ein Stückchen Indien— eine schimmernde Pagode in saftigem Grün, mit der ganzen Breite und Bravour des Malers hingeworfen, und Helge schmierte unverzagt drauf los, mit Deckfarben und allem, und fand die Kopie gelungen. Er ließ sie einrahmen und schickte sie Lilly als Andenken. Ihm war, als habe er ihr damit ihre Geschenke zurückbezahlt. Sie freute sich auch wirklich, und zum erstenmal seit langer Zeit fand er zwischen den Zeilen einen innigen und echten Ton, gleichwie ein reiner Akkord in der Luft stehen bleiben, mit ihr eins werden und unsichtbar in ihr ruhen kann, nur hörbar für das innere Ohr. lForUetzung folgt.> Die ZmlUftc, Ein gänzlich unmöglicher Dialog. Der König. Der Minister. Der König hat gut gefrühstückt, ist sehr aufgeräumt und es ist ihm über Nacht etwas eingefalle». Das kommt selten vor, aber es ist diesmal so. lind er hat einen Entschluß gefaßt. Der König: Sagen Sie mal, mein lieber Herr von Troltelmann, weshalb zahlen mir meine Untertanen— hm— das Volk— weshalb zahlt es mir eigentlich die Zivilliste? Der Minister: Weil— ja— Majestät— weil es immer so gewesen ist— und— aber natürlich! weil Euer Majestät diese Einkünste verfassungsmäßig zustehen! Der König: Ich bin nämlich, mein lieber Herr von Trottclburg— D er Minister: Verzeihung, Majestät— Trottelm a n n— Der König: Nichtig! Richtig! Sie wechseln so schnell, die Herren Minister. Ich weiß da manchmal nicht— Also— hm — was ich sagen wollte, ich habe mich entschlossen, auf die Zivil- liste zu verzichten. Der Minister: Ich verstehe nicht recht— Der König: Ja! Ja! Verzichten! lieber Trottelfcld. Ich habe da so'n Buch gelesen. Heimlich natürlich, heimlich, lieber Trottelberg. Na. der Mann gibt es uns armen gekrönten Häuptern ordentlich. Dem Manne soll geholfen werden.— Will modern werden.„Erster Diener meines Staates." Und so weiter.— Sagen Sie mal, wieviel Mammon kriege ich eigentlich so im ganzen? Der Minister: DreimillionenvicrhundertsechSundsiebzig- tausendvierhundertsünfundfünfzig Mark und einunddreißig Pfennig. Ganz genau. Majestät. Der König: Pro Monat? Der Minister(sehr erschüttert): Hin, pro Jahr allerdings. Pro Aitno gewissermaßen, Majestät. Der König: So, so. Na ja, man weiß das nicht so genau, was der ganze Krempcl eigentlich kostet.— Wieviel kriegen S i e eigentlich, lieber Trottelheim? Der Minister: Dreißigtausend Mark, Majestät. Der König: Na, d a S verdienen Sie auch nicht ab!— Wir wollen also erst mal die Millionen von meiner Zivilliste streichen. Wenn ich mir's recht überlege, wird doch das meiste durch meine Jagden und Reisen und durch die blödfinnig vielen„Wohn- sitze", die ich habe, verpulvert. Weg damit! Ich habe doch auch ein ganz hübsches Privatvermögcn. Wieviel eigentlich? Der Minister: Es dürften, Majestät, so etwa fünfzig Millionen herauskommen. Der König: Zum Donnerwetter! Das ist doch recht an- ständig! Da reichen doch die Zinsen wahrhastig zum Amüsieren. Run erklären Sie mir bloß, lieber— Öh— Trottelfcls, wozu zahlen mir dir Untertanen noch vier Millionen dazu?? Der Minister(steht sprachlos und überlegt krampfhast). Der König: Also weg damit! Will bezahlt werden, wie jeder andere Beamte. Wie lang arbeite ich täglich Regierung? Der Minister: Aber, Majestät, ich bin... Der König: Zwei Stunden! Im Durchschnitt, nicht wahr? Torträge, Unterschriften. Schluß. Dann noch Besuche und Empfänge. Schön. Sagen wir also vier Stunden im ganzen, täglich. WaS bekommt ein höherer— hm— also gut— ein sehr hoher Beamter pro Stunde? Der Mini st er: Majestät— Der König: Sie arbeiten fünf Stunden pro Tag, nicht wahr? Macht etwa 1500 im Jahr. Sie kriegen 30 000 M. Macht 20 M. pro Stunde. Ist doch sehr anständig, finde ich I Also soll man mir meinetwegen 25 Mark zahlen. Damit ich was Besonderes habe. Wie sagen doch unsere braven Blätter so schön?„Nation sich selber schuldig" usw. Der Minister(verblödet allmählich): Majestät— Der König: Wenn ich Geld brauche, kann ich ja U e b c r« stunden machen—. Der M i n i st e r: Majestät— Der König: Wo könnten Sie mich denn etwa noch be- schäftigen? Der Minister: Majestät—II! Der König: Man könnte mir vielleicht noch eine Zulage bewilligen. Für die„Repräsentation". Obgleich ich, im Vertrauen gesagt, diese sogenannte Repräsentation für Unsinn halte. Ich muß mich fortgesetzt umziehen,„leutselig" sein und Sprüchelchen hersagen, die ebenso überflüssig sind. Der Minister(erholt sich langsam): Ich bin geradezu fassungs- IoS, Majestät— Der König: Jetzt sind Sie fassungslos? Warum denn? Wieso? Weshalb? Ich will auch mal Mensch sein! Ich will auch mal modern sein! Ich will wissen, wozu ich da bin I Ich will etwas leisten und dafür mein ehrliches Geld kriegen! Ick will lesen, was ich mag, und denken, was ich will! Das sagen Sie der Volksver- tretung I Das schreiben Sie in unsere braven RegierungS- blätter— Der M i n i st e r(hat sich ermannt und beginnt ernst, fast be- leidigt und voller Hoheit): Majestät! Nie werde ich zu diesen Ungeheuerlichkeiten meine Hand bieten! Die Regierung, das Parlament, daS Boll hat das verbriefte Recht, Ihnen diese Millionen zu zahlen! Majestät geruhen an die heiligsten Güter der Nation zu tasten! Die verheerende Seuche der Vernunft macht, so scheint es, selbst vor der bekrönten Stirn nicht mehr halt! Ich aber gestatte mir, Majestät, es auszusprechen, daß, wenn diese grassierende Krankheit siegt, wenn sie selbst die Stützen von Thron und Altar infiziert— so bricht die von Gott gewollte Ordnung von Arm und Reich, von Macht und O h n- macht, von Genuß und Plage krachend und donnernd zu- sammenl Ich bin auch überzeugt, daß auch Eurer Majestät aller- getreuste, nationalgesinnte Ovposition fich heldenmütig weigern wird, diesen U m st u r z zu sanktionieren.— Ich bitte um meine Entlassung, Majestät. Der König(nach einer Weile. Resigniert.) Also nicht.— Sie bleiben, Trottelwitz— Der Minister(mit Haltung. Unnahbar.) Trottel mann, Majestät. Der König: Richtig! Ja!(Versonnen.) Sie wechseln so oft, diese Minister... Sie bleiben im Anit, Trottelmann. Ich werde mir die vier Millionen weiter gefallen lassen— ein bedauernswertes Opferlamm der heilig st en Güter der Nation! K n a x. Arbeit am Panamakanal. Tiefbauarbeiten sind keine Feinmcchanikcrarbeitcn. Wie man aber beim Bau des Panamakanals mit den Felsmasseu verfährt, das wird jedem als recht grobschlächtig erscheinen. Eine anschau- liche Schilderung davon gab der Regierungsbaumeistcr Schinkel aus Kiel, der die Arbeiten beim Kanal mit Unterstützung der Bau- leitung eingehend besichtigen und studieren konnte und darüber im Berliner Bezirksverein Deutscher Ingenieure einen durch zahlreiche anziehende und lehrreiche Lichtbilder unterstützten Vortrag hielt. Ueber den großartigsten und schwierigsten Teil des Baues, den Culcbra-Durchstich, Ivo das anstehende Felsengebirge durchschlagen wird, berichtet er folgendermaßen. Das sehr harte Gestein muß überall durch Sprengen gelockert werden, zu welchem Zwecke viele Bohrkolonnen arbeiten. Die Bohrmaschinen werden durch Preß- luft angetrieben. Im Abstand von etwa 3 Meter werden die Löcher über die ganze Kanalbreite etwa 7 Meter tief gebohrt, zu- nächst durch eine kleine Sprengladung unten erweitert und dann abends nach Feierabend durch eine Ladung von 50 bis 100 Kilo- gramm Dynamit gesprengt, so daß es wie eine gelvaltige Kanonade weithin ertönt. Jeden Monat wurden etwa 120 000 Meter Bohr- loch gebohrt und etwa 225 000 Kilogramm Dynamit verbraucht. Die Förderung des gelösten Materials besorgen die Dampf- schaufeln, der Stolz des Panamakanals. Etwa 60 bis 70 der schwersten Bauart, die bis 1 Kubikmeter, d. h. bis 7 Tonnen, fassen, sind allein im Culebra-Durchstich tätig. Die normale Leistung einer Schaufel beträgt dort etwa 1200 Kubikmeter pro Tag in 8 Stunden. Doch durch Prämien werden Rekordleistungen bis zu 3000 Kubik- meter in 8 Stunden erzielt. An Transportwagcn sind zwei Sorten vorhanden, eiserne Kipp- wägen von rund 20 Kubikmeter Inhalt, die mittels einer Preßluft- leirnng selbsttätig durch Kippen entladen werden, und hölzerne Wagen von rund 25 Kilometer Fassungsvermögen, die nur ein- seitig beladen und durch einen Pflug entladen werden. Von den Dainpsschaufcln werden ganz gclvaltige Felsblöcke gepackt und auf die Wagen geladen. Tie größten Schwierigkeiten waren beim Transport der Ge- stcins- und Erdmassen zu überwinden. Zur Zeit der stärksten Arbeit verließen täglich 175 Züge zu je 22 Wagen den Eulebra- Durchstich, d. h. durchschnittlich alle 2'/* Minuten ein Zug. In- solgedessen mußte eine ausgedehnte Gleisanlage gescharfen werden. Bis zu 120 Kilometer Gleise haben im Culebra-Durchstich gelegen, von dem täglich mehr als 1,5 Kilometer umgelegt werden mußten. Man glaubt wirklich, einen großen Rangierbahnhof vor sich zu baben beim Anblick eines riesigen Eisenbahnbetriebes, der dazu mit schweren Gütcrzugslokomotivcn bclvältigt werden muß. Das Entladen der hölzernen Transportwagcn geschieht mittels des Stahlpslugcs. Zu dem Zweck sind alle Wagen durch eiserne Klappen verbunden. Der Pflug wird von hinten an einer Trosse, die über den ganzen Pflug gelegt wird, durch eine vorn befindliche Dampfwindc vorgezogen und dadurch in wenigen Minuten die ganze Ladung seitlich abgeschoben. Durch diese mechanische Ent- ladung werden die Wagen fast vollständig entleert. Die eisernen Wagen werden der Reihe nach mittels Preßluft ebenfalls sehr rasch durch Kippen entladen. Das Material aus dem Culebra-Durchstich wird auf die Ablagerungsflächc bei Ancon in der Nähe von Panama entladen. Alle Wagen sind mit einer durchlaufenden automatischen Bremse ausgerüstet, wie es in Amerika überhaupt für Güterwagen gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Räumung und Säubcruno der Gleise von den herab- gefallenen Bodenmassen wird durch einen kräftigen Stahlpflug mit 2 Schneiden mechanisch ausgeführt, indem unmittelbar nach der Ausfabrt des Leerzuges eine besondere Maschine den Pflug über das Gleis drückt. Das Verschieben der Gleise wird ebenfalls mechanisch durch die Dampfschaufeln oder an den Ablagcrungsplätzcn durch besondere Dcrrikkrane ausgeführt, die von Maschinen auf den Fördergleisen verfahren werden. Alles vollzieht sich spielend leicht und einfach: in loenigcn Minuten ist das Gleis wieder frei für einen neuen Bodentransportzug, und aus diese Weise ist es erreicht worden, daß trotz aller Schwierigkeiten und trotz des harten Fclsgcsteincs monatlich bis zu 1,2 Millionen Kubikmeter aus dem Culebra-Durch- stich gefördert wurden. Daß es dabei nicht ohne Unfälle abgeht, ist selbstverständlich: Bei einem Zusammenstoß wurden mehrere Wagen aus den Gleisen geworfen und die Lokomotiven umgekippt: zwei auf den Gleisen fahrbare Dcrrikkrane werden in den Magazinen für derartige Un- fälle bereitgehalten, um Wagen und Lokomotiven wieder aufzu- richten und auch größere Schäden zu überwinden, so daß der Betrieb nicht allzulange gestört wird. Bei einer anderen Gelegenheit sah ich eine durch einen Bergrutsch verschüttete Dampfschaufel. Dies Unglück ivar verursacht durch einen ganz geringen Abrutsch weniger Gesteinsmassen. Weit unangenehmer und wohl neben dem Gatun- Tamm die größte Gefahr für die Bauarbeiten und den späteren Kanalbetrieb sind die umfangreichen Rutschungen, wie sie von Be- ginn der Arbeiten an, schon während der französischen Periode, sich von Zeit zu Zeit ereigneten, und die besonders in der Presse noch im Anfang dieses Jahres zu Scnsationsberichten ausgenutzt wur- den. Die Bauverwaltung hat von Ansang an mit diesen gewaltigen Rutfchungen im Culebra-Durchstich gerechnet, und die außcrgcwöhn- lich große Sohlcnbrcite von 02 Meter ist zum großen Teil mit Rücksicht auf die Wahrscheinlichkeit gewählt, daß auch später wäh- rend des Betriebes immer noch Gesteinsmassen nachfallen werden. Bedingt sind diese Rutschungen durch das weiche und vertoorsene geologische Gcfügc der Gebirgsmaffcn mit zahlreichen Toneinlage- rungsmafscn und durch die Zunahme der Baggerarbeiten selbst. Das beweist die Zunahme des infolge abgerutschter Bodenmassen entfernten Materials, das von 1006 bis 1000 rund 3,2 Millionen Kubikmeter oder 8 Proz. betrug, 1010: 15 Proz., 1911: 26 Proz., 1012 aber 5 Millionen Kubikmeter oder 35 Proz. der gesamten Bodenbcförderung, insgesamt also bis 1012 16,7 Millionen Kubik- meter. � Man kann nicht sagen, daß diese Rutfchungen immer einen plötzlich eintretenden, unvorhergesehenen Unfall darstellen. Es sind im Gegenteil ganze Rutschfelder vorhanden:»mn zählt etlva 18 bedeutendere, wo mit dein Fortschreiten der Baggerarbeiten immer einmal wieder eine mehr oder weniger große Masse in Be- wcgnng gerät, und die solange noch Material nachstürzen lassen, bis sich der natürliche Böschungstvinkel eingestellt bat, der aver an dcn verschiedenen Rutschstelle» Wege» der Verschiedenartigkeit des (örsteinb stark wechselt. Das Gelände ist an diesen Stellen häufig vollständig eingerissen und von einer Menge bis% Meter breiten Spalten durchzogen. Nach meinen eigenen Beobachtungen und Feststellungen sind alle noch bis zum Sommer dieses Jahres regelmäßig wiederkehren» den phantastischen Zeitungsnachrichten über wesentliche Verzöge» rnngen der Fertigstellung infolge neuer Rutschungcn ausgebauscht und übertrieben. Bis jetzt mußten fast 20 Millionen Kubikmeter Fels und Erde aus Rutschungen beseitigt werden, und es ist wohl anzunehmen, daß man noch lange Zeit nach der Eröffnung des Kanals abgerutschtes Material aus dem Kanalprosil wird entfernen müssan, ohne daß dadurch aber eine Betriebsstörung einzutreten braucht. Diese Rutschungen bilden sicherlich eine große Gefahr, und Oberst Gocthals, der unumschränkte Chef des Baues, ein hervor- ragender Bauingenieur, steht aus dem Standpunkt, daß er jetzt, Iva nach der Bauausführung die ischwicrigkeitcn zu beurteilen stich, nicht die Verantwortung für das Leben der Arbeiter hätte auf sich nehmen können, den Culebra-Durchstich noch um 26 Meter tiefer auszuschachten, wie es für einen secspiegelkanal erforderlich gc« Wesen wäre� Er würde jetzt eher dafür sein, noch�einc Schleuse aus beiden Seiten mehr einzulegen, um dadurch die Diese des Ein- schnittes um rund 8 Meter zu verringern: aber schaffen werden es die Amerikaner auch so und eine genügende Betriebssicherheit wird gewiß erreicht lverden. kleines feuilleton. Das Zeitalter der Riesentiirme. Keiner der vielen Utopisten, die uns das Zukunstsbild der Erde im 20. Jahrhundert ausmalten, ist auf den Gedanken geraten, daß nach dem mittelalterlichen Traum von dcn in die Wolken ragenden Kirchtürmen eine Aera kommen könne, in der zu Ehren der Wissenschaft die ganze Erde init himmelhohen schlanken Türmen „geschmückt" wird. Wir erleben gegenwärtig dcn Anfang einer solchen Acnderung der lange liebvertrauten Stadt- und Landschafts- bilder im Dienste der alleinseligmachenden Elektrotechnik. Wie die „Elektrotechnische Zeitschrift"(1913) in ihren jüngsten Heften aus- führt, arbeitet man derzeit aa der Fertigstellung einer Reihe von Türmen, die man mit Recht bergehoch nennen kann, weil eine sich 150 Meter über der Ebene erhebende Erhöhung schon einen recht ansehnlicher Berg darstellt. Nachdem der zusammengebrochene„Funkenturm" von Nauen bei Berlin ncuerrichtet ist, wurde er auf deutschem Boden durch den Ricsenmast von Wilvesc bei Hannover überboten, der eine Antenne von 250 Meter Höhe darstellt, von der aus man sich auf drahtlos tclegraphischcm Wege durch die Luft mit dem„Nachbar- türm" zu Tuckcrton im Staate New Uerscy der Vereinigten Staaten, also über ganz Frankreich, England, dcn Atlantischen Ozean und einen guten Teil des amerikanischen Festlandes hinweg, unter- halten kann. Der Turm zu Tuckerton, der bloß für den Verkehr mit Europa bestimmt ist, mißt 270 Meter, ist aber angesichts der in dcn Oststaaten Amerikas so yäusigen Wirbclstürmc mit besonderen Anpassungen an dcn Winddruck versehen worden. Ucbrigens versucht jetzt auch Nauen bei Berlin seit Januar dieses Jahres eine unmittelbare Verbindung mit Long-Jsland bei New Aork aus die Entfernung von 6500 Kilometer anzubahnen. Daß der 300 Meter hohe Eiffelturm erst durch die drahtlose Telcgraphic seine nachträgliche Rechtfertigung erhalten hat, ist in weiten Kreisen bekannt, seitdem die europäische llhrenkontrollc von ihm aus aur drahtlosem Wege besorgt wird und jeder europäische Uhrmacher sich auf Wunsch mit einem nur zur Aufnahme von Zcitsignalcn eingerichteten Huthschcn Empfänger an dcn Signal- abncbnicrkreis anschließen kann. Der Eiffelturm mußte aber seinen Ruhm, das höchste Bau» werk der Erde zu sein, seit diesem Jahr an Brasilien abgeben, wo zu Belem ein 390 Meter hoher Eiscnturm zu Zwecken der drahtlosen Telcgraphic errichtet wurde, der zugleich mit Licht- quellen von der Stärke einer Million Kerzen ausgestaltet, auch den gigantischsten aller Leuchttürme darstellt. Und schon plant man in England auch diesen eisernen Riesen- obeliskcn zu übertreffen, denn man hat zu London das dringende Bedürfnis, mit allen englischen Kolonien auf dem Erdenrund un- mittelbar zu verkehren und Depeschen auszutauschen. So hofft man auf diesem Wege auch R o a I d A m u nd s e n auf seiner Polarcxpcdition im Jahre 1014 zu begleiten, um sich jederzeit, bielleicht bis zum Nordpol, nach seinen Resultaten, Erlebnissen und seinem Befinden zu erkundigen. Ter Mensch von 1914, der in der Eiswüste einer aufgerichtete» Eisenstange das Telegramm an die„Times" aufgibt:„Habe soeben den Nordpol erreicht!"»— das ist gewiß ein Zukunftsbild, das sich kein Jules Verne träumen ließ! Jugendichriftcn. Robert Grötzsch: Muz der Riese. Ein heitere? Abcntcurermärchen. Mit zahlreiche» Bildern von Georg Erler. Verlag Kaden u. Co.. Dresden. Preis 2 M.— An dieser Gabe wird das Arbeiterkind, das sich bis zur Lust am Buchlesen entwickelt hat, einen guten Freund gewinne». Sie birgt die erste bis zum größeren Buch ausgesponncne Kindercrzählung, die daraufauSgeht, Grundclement« sozialdemokratischen Empfinden? und Anschauen? in dem lesenden Kinde zu erwecken, und für die man aus diesem, aber nicht bloß au? diesem Grunde eintreten kanm Denn Robert Grötzsch ist mit seinem Helden Muz und den höchst abenteuerlichen Begebenheiten seiner Fahrt nach Grohwinzig und in? Land der Wunderbarier so von Herzen eins gewesen, dafi etwas zutage gekommen ist, was alle Frische des Erlebten hat. Und darauf kommt es bei einem Bücke für Kinder an. In Grötzsch sprudelt ein voller Quell finnreich- lustiger Einfälle,— das wissen die Leser der deutschen Arbeiter« blälter seit einer Reihe von Fahren; aber in diesem Buche vom Riesen Muz lägt dieser Quell seine Kraft so lebendig hervorspringen, das; man eine helle Freude daran haben kann. Was Grötzsch hat, ist an eine größere Aufgabe gesetzt, und was er gab, darf als ge- glückt gelten. Da? Muz-Buch ist eine Art Gulliver-Gefchichte. Aber nur das Motiv der alten Erzählung vom Lande Liliput ist aufgenommen, entwickelt ist eS im Muz durchaus selbständig. Muz ist ein Schul- junge, kein braver Fridolin, sondern ein Frechdachs, Freßsack und Dummbax. der eine« Tag? in ein Flugzeug schlüpft, an dem Apparat herumfingert und, ehe er sichs versieht, in die Lüfte hinauf- knattert. Irgendwo jenseits eines Meeres geht er nieder, natürlich unfreiwillig und und holterdipolter, und als er unter den Trümmern des Flugzeugs erwacht, steht ein Volk von Zwergen staunend ,im ihn her. Er ist im Lande Winziganien, wo die Klasse der armen Schmalhänse von den Zahlhänsen beherrscht, bedrückt und ausge- beutet wird. Bei den Sckmalhänsen geht die Sage, ein Riese werde durch die Luft daherfahren und sie von ihrer Not erlösen. Nun hoffen sie auf Muz. Aber Muz hat dafür natürlich kein Ver- ständnis. Er läßt sich von den Schmalhänsen füttern und ihre hoffende Willigkeit macht sie noch ärmer, als sie schon sind. Als aber die bedrohten Zahlhänse merken, wie es mit dem Niesen steht, überlisten sie ihn, und eines Tages liegt er, unschädlich gemacht, in ihrem Kerker. Die Sckmal- hänse, gegen ihn aufgereizt, versöhnen ihn und fallen schließ- lich mitsamt Muz auf ein schlau angezetteltes Kriegsgelchrei hinein, das sich gegen den Erbfeind der Wnnderbarier richtet. Muz wird gepanzert und soll den Feind vernichten. Der Zwerg Buz, ein von den Zahlhänsen verfolgter SchmalhanS, den jetzt auch der Kriegs- furor betört hat, sitzt auf der Schulter feines Freundes Muz, be- waffnet mit der Keule Tummledich, einem echten Bruder von Knüppel- auSdemsack, und die beiden sind freilich eine gefährliche Macht. Aber die Wunderbarier wissen sich zu wehren, und plötzlich sind Muz und Buz gefangen. Zu ihrem Heil. Denn nun erfahren sie. daß der Haß der Zahlhänse gegen den Erbfeind sehr merkwürdige Gründe hat: die Wundeibarier sind ein freies Volk, das von keiner ausbeutenden Oberklaffe beherrscht wird, sondern sich selbst regiert und in Gesund- heit und Freude schafft und genießt. Wären sie anderer Art, so wäre Muz schwerlich wieder aus ihrer Gewalt entronnen, denn er kann immer noch nicht ans seiner Jungenhaut hevu>s. Jude? die Wunderbarier merken, wie's mit ihm bestellt ist, und sie rütteln ihn mit offenem, geraden Wort und etlichen Selbstproben zurecht. Als Muz und Buz zuletzt das Wetk der Befteiung der Schmalhänse vollbracht und die armen Zahlhänse enteignet und verjagt haben, wird Muz von den Wunderbariern, die sich als freie Geschöpfe selbstverständlich aufs Fliegen verstehen und also arck mit den Vögeln gut Freund sind, mit dem wegkundigen Storch Schwarzfrack bekannt gemacht, der ihn ins Elternhaus heimträgt. Das ist in schnellen Umrissen der Gang dieser in 23 Abschnitten erzählten Geschichte. Reizt sie schon dadurch, so nur noch mehr durch den Einzelinhalt der Abschnitte. Denn hier tummelt sich die un- erichöpfliche gute Laune des Erzählers mit ausgelassenem Selbst- ergötzen. Es steckt sicher eine Fülle von Kindheits-Erinnerungen in diesem närrisck-erfinderischen Treiben der Grötzschscken Phantasie, die ihr Feld so beweglich mit zwerghaften Käuzen sehr drollig gezeich« neter und zugleich sehr ernsthaft gemeinter Art zu beleben weiß. Man muß dem Buche vom Riesen Muz weitbin in der Arbeiterschaft offene Türen wünschen. Den Kindern zuliebe. Und für die hat unser Dresdener Parteiverlag auch in der Einkleidung des Buches und der Ausstattung mit Zeichnungen mit Glück ein übriges getan, lrä. Naturwissenschaftliches. Ein deutscher Vorläufer Darwins vor Hundert Jahren. Ein großer Fortschritt, wie die Lehre Darwins von der Fortentwickelung der Lcbewelt und von der natürlichen Zucht- Wahl, springt nicht plötzlich aus einem einzelnen Gehirn wie die gewappnete Athene aus dem Kopf des Zeus, sondern gedeiht ge- wöhnlich erst, wenn der Boden dafür seit langem gründlich vor- bereitet ist. Dvß dies auch auf die Grundlehren des Darwinismus zutrifft, zeigt ja schon die Tatsache, daß der erst jetzt verstorbene Wallacc gleichzeitig mit Darwin und unabhängig von diesem die- selben Gedanken entwickelt hatte. Wer die Geschichte der Natur- Wissenschaften kennt, kann die Geburt und das Wachstum der Eni- Wickelungslehre schon vom Ende des 18. Jahrhunderts an von Stufe zu Stufe verfolgen. Wenig bekannt ist die Rolle, die ein deutscher Zoologe, Friedrich Tiedemann, in diesem Ab- schnitt der Naturwissenschaft rechtmäßig spielen sollte, und es ist beachtenswert, daß ein Engländer in der Londoner Wochenschrift „Nature" darauf hinweist, daß ein Teil der Verdienste Darwins diesem deutschen Gelehrten zuzuerkennen wären.__ Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Tiedemann war eigentlich Mediziner und wurde schon im 25. Lebensjahr Professor der Anatomie und Zoologie in Landshut, einige Jahre später in Heidelberg. Im Jahre 1814 deröffentlichte er im Alter von 88 Jahren eine mehrbändige Anatomie und Zoologie der Vögel, und in diesem Werk finden sich mehrere Stellen, die den Nachweis liefern, daß Tiedemann vor genau IlXI Jahren und 45 Jahre vor dem Erscheinen des Hauptwerks von Charles Darwin den Gedanken der natürlichen Zuchtwahl erfaßt und ent- wickelt hatte. Von besonderem Interesse sind folgende Stellen auS dem deutschen Werk: „Sehr oft entstehen Kämpfe zwischen den Männchen um den Besitz der Weibchen ld. h. bei den Vögeln). Diese Kämpfe, die auch bei sehr vielen Säugetieren stattfinden, scheinen von größter Wichtigkeit für die Erhaltung einer gesunden Nachkommenschaft zu sein, da nur die stärksten und kräftigsten Männchen die Rasse fortpflanzen, während die jungen und die zu alten Individuen wegen ihrer Schwäche besiegt und von dem Akt der Fortpflanzung ausgeschlossen werden." Außerdem hebt der englische Naturforscher noch folgende Stellen heraus:„Es gibt eine Metamorphose, die sich über das ganze Leben der Vögel erstreckt, von dem Augenblick des Ausbrüten? bis zu ihrem Tode. Es gibt ferner eine jährliche Metamorphose, die ihren Höhepunkt mit der Periode der Fortpflanzung erreicht, und eine weniger bedeutende tägliche Veränderung. Schließlich gibt es auch eine Metamorphose der aufeinanderfolgenden geologischen Epochen. Mit jeder größeren geologischen Epoche(Erdrevolution) sind einige Tiere zugrunde gegangen. Aber es scheint auch, daß nach jeder solchen Revolution neue Tiere gebildet worden sind, hauptsächlich, wie ich annehme, durch eine allmähliche Metamorphose, und Ver- änderungen der überlebenden früheren Tiere in neue Tierformen, auf Grund neuer klimatischer und physischer Einflüsse.— Die fossilen Reste von Vögeln bezeugen das Alter der Vogclklasse. Da aber all diese llebcrbleibscl zu ausgestorbenen Vogelarten zu gehören scheinen, können sie als Beweise dafür betrachtet werden, daß im Lauf der Zeit die Art ebenso sehr einer Metamorphose unter- warfen ist, wie das Individuum." In der Tat sind in dilffen Sätzen die Grundlehren de? Darwinismus sowohl über die natürliche Zuchtwahl wie über die Entstehung der Arten bereits enthalten, und das ist um so bemerkenswerter für eine Zeit, in der die Katastrophentheorie von Cuvier, wonach mit jedem neuen Abschnitt der Erdgeschichte die ganze bisherige Lebewelt zugrunde gegangen sein sollte, die natur- wissenschaftlichen Anschauungen noch ausschließlich beherrschte. Kampf ums Dasein und gegenseitige Hilfe. Ueber dieses Thema hielt Dr. Paul Kammerer, Privatdozent an der Wiener Universität, in der Berliner Ortsgruppe des Deutschen Monistenbundes einen Vortrag. Selbst unter Naturforsckern ist die Ansicht verbreitet, Kampf sei die einzige Quelle des Fortschritts, da er das Ueberleben der Tüchtigsten bewirke. Als Urheber dieser An- sckauung gilt Darwin; doch leitete er in der„Abstammung des Menschen" gerade unsere höchstbewerteten geistigen und ethischen Eigenschaften entwickelungSgeschichtlich aus den Hilfsinstinkten der Tiere ab. Kammerer zeigte nun auf zahlreichen Lichbildern, wie Kampf und Hilfe in der Gesamtnatur überall nebeneinanderbestehen und untrennbar ineinander greifen; er geht von charakteristischen Schulbeispielen aus, die unter dem Namen„Symbiose"(Zusammen- leben) recht allgemein bekannt geworden sind,— wechselseitig nutz- bringenden Genossenschaften zwischen Tier und Tier, Pflanze und Tier, Pflanze und Pflanze. Vielleicht den höchsten Rang unter diesen Sckutz- und Trutzbündniffen im Daseinskampf behaupten die- jenigen Fälle, wo mikroskopische grüne Pflänzchen, die Algen, sich mit tierischen oder pilzartigen Lebewesen vereinigt haben: nur auf engstem Raum zusammengedrängt, spielt sich bei ihnen derselbe Kreislauf des Stickstoffs. Kohlenstoffs und Sauerstoffs ab, der sonst nur durch langwierige Transporte in Luft, Wasser und Erde, also durch Schaltmedien, von denen die stofftauschenden Lebewesen ge« trennt sind, und mannigfachen Zwischenhandel bewerkstelligt werden kann. Laut Schimper und Lankester sind die Blattgrün- körnchen, denen die Fähigkeit zukommt, aus mineralischen Stoffen lebende Substanz aufzubauen, nichts anderes als Ueberreste ehe« maliger Algenzellen, und somit die gesamte Vegetation das Ergebnis einer ungeheueren Symbiose. Aber auch die EntWickelung der höheren Tiere hat Hilfsvorgänge zur unbedingten Voraussetzung: die Urtiere unterscheiden sich von jenen hauptsächlich dadurch, daß bei ihren Zellteilungen jede? Teil- Produkt sich von anderen trennt und selbständig seines Weges geht, während Geschwister-, Tochter-, Enkelzellen usw. bei den höheren Tieren beisammen bleiben und dadurch unvermeidlich in ein Geselligkeitsverbältnis treten, verbunden mit wechselseitigem Schutz und Stoffaustausch. Indem wir dem Kampf- Prinzip als Triebkraft der Entwickelung daS Hilfsprinzip an die Seite stellen, überwinden wir zwei Schwierigkeiten, die man der Abstammungslehre bisher entgegenhielt: erstens das Sprung, hafte vieler Entwickelungsschritte, die durch Zwischenglieder scheinbar nicht überbrückt werden können; zweitens die Entwickelungsrichwng vom Einfachen zum Zusammengesetzten, zu deren Erklärung man oft einen geheimnisvollen Vervollkommnungstrieb heranzog, während es sich in Wirklichkeit um eine relativ simple Komplikationserscheinung handelt. Darin beruht der wissenschaftliche Erklärungswert der Lehre von der.Daseinshilfe".___ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer SrEo..Berlin SW.