AnterhattMgsblatt des Horwärts Nr. 233. Sonnabend, den 29. November.?9I3 8a] k)elge Bendele Luftfchlörrer. Ein Ehikago-Roman von Henning Berger. Als er sich, eine Stunde zu früh, eingestellt hatte, fand er. daß sein Platz eine Loge war; nicht die vorderste, aber doch nahe der Bühne. Er tvar schon einmal im Dachvariet6 ge» Wesen, und die Palmen, in deren Blättern Sterne angezündet wurden, überraschten ihn nicht weiter. Aber das Publikum, das so nach und nach den riesigen Saal oder vielmehr das Dach zu füllen begann, erregte Staunen in ihm. und später Ent- setzen. Es war die reichste Gesellschaft der Stadt, in aus- gesuchtester Toilette; die der Damen von Paris; die der Herren von London. Sämtliche Herren ohne Ausnahme waren im Frack. Er kam sich vor wie ein Wurm in einem Ameisenhaufen. Rund um ihn her knallten die Cbampaguerpfropfen aus den Silberbehältern auf allen Tischen, und ihm war, als ver- schlängen ihn tausend Augen. In seiner Gürteltasche hatte er ein Zweidollarstück; das reichte nicht einmal zu einem Trinkgeld— nach dem Maßstab, in dem hier gegessen und getrunken wurde. Zweimal kam ein Saaldiener und ver- langte sein Billett zu sehen. Mehrere Male deuteten Herren mit den Spazierstvcken zu ihm und seiner Loge herauf und erkundigten sich, ob sie tatsächlich besetzt sei. Zuletzt sah er, guer über das Parkett weg. Reuter, und in seiner Gesellschaft Mr. Roth, Gomez Bradford und mindestens ein Dutzend an- dere bekannte Makler und Lebemänner. Er erschrak und ver- steckte sich hinter einer Portiere. Wenn man ihn hier entdeckte, so würde man denken, daß er die Frachtkasse des Kontors bestahl. Ohne Genuß sab er das bunte Band der Vorstellung sich abrollen. Er hörte Negermelodien und Walzer, er sah ge- schmeidige Glieder, raschelnden Tüll, schwingende Trapeze, straffe Trikots und nacktes, rundes, weißes Fleisch. Das flackernde Licht des Kinematographen, die Laute der dressierten Tiere, der Geruch von Farbe. Sand und Sägespänen, von Blumen und Parfüm berührte nur oberflächlich sein Bewußt- sein, das in einer Art Betäubung an der Mittelnummcr de? Programms hing. Aber als sie endlich kamen und in ihren kecken Kostiimen, begrüßt von brausendem Jubel tind eineni Blumenregen, in dem von ihm nicht eine einzige Blume war, ihre gewagten Couplets sangen, war es eine Desillusion. Sie tanzten und zeigten ihre wohlgestalteten Körper; aber darüberhinaus ging ihre Leistung nicht. Es war lediglich das Fleisch. das hier bezahlt wurde. Verstohlen hatte er in einem Winkel des schmalen Korri- dors— buchstäblich eine Dachrinne—, der zum Bühneneingang führte, gewartet. Es wimmelte von schwarzen Frack- rücken, und Negerjungen trugen Bukette und Kränze mit Visitenkarten hinein. Schließlich schlich er sich während einer Akrobatennummer auf die Bühne, und im selben Augenblick kam Lilly heraus. Sie sah merkwürdig gereizt, fast böse aus, und sagte hastig: — Wie bist Du denn angezogen? Tu siehst ja aus wie ein Ladensckrwengel an einem Feiertag! Hast Du keinen Frack? Und als Bendel vor diesein unerwarteten Ausbruch ganz gelähmt dastand, stampfte sie mit dem Fuß auf:� — Du bildest Dir doch nicht ein, daß Du in diesem Anzug mitkommen kannst zu einem Smiper? Unter einer ganzen Gesellschaft in Eveningdreß... Aber als sie seine tief bestürzte Miene sah. die die Krön- kung und Oual, die er in diesen wenigen Sekunden erlitten hatte, nicht verhehlen konnte, sagte sie in verändertem Ton: ,— Helge— wir sehen uns morgen. Das ist auch viel Mser... Was scheren mich all die Narren— diese Varietö- Johnnies I Das weißt Du auch. Aber es muß nun einmal sein... Koinm nun, sei mein verständiger �funge... Aber was sich in Bendels Antlitz widerspiegelte, und was die Fanchetti auf sich bezog, war etwas ganz anderes, etwas, das ibn von Kindheit an verfolgt hatte. Es war die Oual der Armut. Es war das Gefühl, wie wenig doch im Grund das ganze Lebe» bedeutete, da alles einzig darauf ankam, wie gut oder wie schlecht die Tastlse gefüllt war. Seit diesem Abend hatte Helge Lilly oft abgeholt, lKttte auch ein paarmal von einem verborgenen Platz aus ihre Nunc- mer mit angesehen. An einem Sonntag hatten sie einen Spa- ziergang miteinander gemacht und in einem kleinen Vor- stadtwirtshaus zu Mittag gegessen. Und da war das Ver« hältnis natürlich gewesen; aber nicht so, wie damals in, Hotel. Jetzt waren sie zwei Landsleute, zwei Verwandte, ja, vielleicht Bruder und Schwester. Aber sogar unter dieser Form lauer- ten Steine des Anstoßes, und das Gespräch verstummte. Sie hatten brieflich alles ausgegeben, was erst viel später hätte kommen müssen, und nach dieser zur unrechten Zeit vergeude- ten Anstrengung empfanden sie beide dieselbe Unlust wie nach einer zwecklos durchwachten Nacht. Im übrigen sah er nichts von ihnen. Fräulein Nilison, die er einmal im Kabelwagen von Norden her traf, beklagte sich bitter. Nicht ein einziges Mal hatten Lilly und Elin sie aufgesucht. Und als sie von ihrem Mantelgeschäft aus an- telephoniert liatte, war tags darauf ein Brief von den Schwestern gekonimen mit einem Variei�billett. Sie schrieben, sie wären immerfort in Anspruch genommen, Tag und Nacht, und es täte ihnen selbst leid, aber es wäre notwendig,»mi ihren Ruf in Chikago zu befestigen. Später wollten sie sich dann Ruhe gönnen— vielleicht nach Hause reisen. Sie sollte ihnen nicht böse sein... — Sie festen sich zu Tode, das kommt dabei heraus! hatte die Probiermamsell in indigniertem Skanisch geschlosien. Heute abend wartete Helge nun zum letztenmal. Jeden Abend hatte er sich das vorgesagt, während er sie zum Hotel begleitete, um am Portal verabschiedet zu werden. Aber heute würde er es Lilly sagen, und dann sollte diese Maskerade. in der er, wie gewöhnlich, bloß der Zuschauer war, für ihn ein Ende haben. — Platz! Platz! riefen noch immer Türhüter und Schutz- leute, während die Lichtreklamen des Gebäudes aufflammten und erloschen, leuchteten und erstarben und aufs neue wieder- auflebten und ihre Lichter und Schatten beständig über die bleichen Gesichter der Menge tvechseln ließen. Zu allerböckst schimmerte ein Sternenkranz um den Dachgarten, wo da? Variets lag. — Jetzt ist der zweite Teil vorüber, rief jemand. Das Gedränge verminderte sich. Die Liftkörbc kamen leer vom zweiundzwauzigsten Stockwerk herunter. Helge fuhr zusammen. Aus dem Mosaikeingang sah er den kleinen McKenzie, in Schwarz und Weiß, wie eine Schattenspielsigur, unter dein Bogenlampenschein einher- kommen. Am Arn, hatte er ein in einen weißen Abendmantel gehülltes Ballettkind; der Schtvanenpelzbesatz war hoch empor- gerafft über hellblauseidcnen Strümpfen, die so dünn waren, daß die goldene Kette am linken Knöchel durchschimmerte. ES war gerade Mode, diese Fußbänder, und statt eines Armbands schenkte der intimste Freund eine juwelenbesetzte Kette, deren heimliches Versteck der Fußknöchel war. Mit einent Läckielu dachte Helge daran, wie Lilly ungeduldig gesagt lwtte, sie könne doch nicht zwanzig tragen. Der Schotte, der in dem starken Licht aussah, als hätte er sein Gesicht mit Mehl gepudert, half seiner Dame in ein Cah und flüsterte dem Kutscher eine Adresse zu... Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern; denn die Ballettnummer kam gleich hinter den Fanchettis, und Helge sah. wie immer mehr der kleinen Tanzvögel mit eifrigen oder blasierten Kava- lieren aus den Lifts flogen. Und richtig— da kamen sie beide. Lilly und Millie. Er sah nach der erleuchteten Uhrscheibe an der Ecke. Seine eigene billige Elginuhr, die zum Versetzen nicht wertvoll genug war, hatte er eines Tages, als er einen Dollar brauchte, an Burks verkauft. Es war halb zehn. — Wir gehen nach Hause, sagte Lilly. Ich habe Kops- schnierzen und gehe Heute nicht aus. Wenn Du lieb bist, darfst Du eine Stunde bleiben. Ich nehme ein Pulver und lege mich, und Du setzest Dich neben mein Bett und hältst meine Hand? Er lachte. Tie.Kopsülunerzen, von denen sie sprach. Ivaren recht launisck)?'.- Art. Sie kamen und verschwanden ganz vlötzlich, und kein Pulver oder Rezept half dagegen. Sie hatte erzählt, daß die berühmteste» ausländischen Aerzte ihr die verschiedensten Mittel angegeben hätten, aber ohne Erfolg. Es ist iic Strafe für mein Leben, hatte sie ein bißchen weh- mutig hinzugefügt. Ich geh' auch nach Hause, sagte Millie. Sie sah frisch und unverdorben aus, und alle ihre Wangengrübchen lachten. Die starke Schminke der Augen- Wimpern hob sich aber doch seltsam ab von den hellen Brauen und dem blonden Stirnhaar. — Wollen wir fahren, fragte Helge, während ein Schutz- mann sie über die Straße geleitete. — Nein, nein, ich will gehen. Es war gar keine Luft da droben heul' abend. Und die Fanchettis schnupperten mit geweiteten Nasen- löchern. (Fortsetzung solgt.)' Oer Sonnenwt-VicKter. Von Hermann Kurz, dem letzten der fünf Bedeutenden in deutscher Kunst, die das Fahr 1813 geboren hat, ist die Rede. Sie sind alle fünf Menschen gewesen, die das Leben hart hernahm, ihr Weg führte durch dornige Verhaue, und nur zweien gelang es, ihn zu Ende zu schreiten, ins Freie: Hebbel und Wagner. Aber Otto Ludwig, Georg Büchner und nun Hermann Kurz haben das Märtyrer- dasein voll auf sich nehmen müssen. Und die Tage, wo die Werke der Fünf den Sieg errangen, hat gar nur einer groß herauf- kommen sehen. Sie waren alle das Opfer ihres Fahr- Hunderts, in dem sich soziale Unreife und politische Unduldsainkeit dein Neuen in einem Bündnis von Gleichgültigkeit und Todfeindschaft entgegenstellten. Das hat auch der Rcutlinger Hermann Kurz, der prächtige schwäbische Erzähler, erfahren. Am 80. November 1813 war er geboren, und er starb 1873, zwar als ein Sechziger, aber doch schon seit einer Reihe von Jahren ver- braucht. Mit drei Namen läßt sich von außen her seine Art bezeichnen, aus dem Verkehrskreise her. Er war der Schüler U h l a n d§, der den Dichter zeitig in ihm erkannte, er war der Freund von Ludwig Pfau, der in der Märzjahrzeit und später in seinem Hause immer ein sicheres Asyl fand, und zu den Freunden, die bei ihn» aus und eingingen, gehörte in den sechziger Fahren auch der Tübinger Student Edouard Vaillant, der spätere Kommune kämpfer, unser französischer Genosse. Hermann Kurz war, ivaS diese Namen sagen: ein aufrechter, zäher Demokrat, der durch sein Handeln bewiesen hat, was der Kern seines Wesens war: Kraft, die als klare Tat ins Leben wollte. Zwei große Romanwcrke bezeichnen die Höhe seines dichterischen Wollens. Beide wurzeln in der Begeisterung seiner Jugend, und ihr Werden begleitete ihn tief in sein Leben hinein. Er gab darin die beste Lust seines Lebens, das Innerste seines Wesens, den eigenen Charakter. Die Helden beider Werke sind Menschen, die mit der Widrigkeit einer hemmenden, kleinlichen, engen Ilmwelt ringen. In dem Roman„Schillers Heimatjahre" sind zwei starke Naturen in solchem Kampfe geschildert: der Herzog Karl, der sich von dieser Umwelt nicht frei machen kann und moralisch darin ver- krüppelt. und Schiller, der den Bann flüchtend abwirft und so den freien Weg zur Größe gewinnt. In dem Näuberroman„Der Sonncnwirt" aber ist der Held ein wilder, im Grunde jedoch guter Kerl, der an der blöden Starrheit und Schlechtigkeit der Umwelt verdirbt. Nach diesem tragischen Roman, geschöpft aus Ereignissen der württembergischen Geschichte, muß Kurz benannt werden. Denn mehr als ein anderes feiner Werke ist dieses berufen. sein Schaflen lebendig wciterzutragcn. Mit Schillers Heimatjahren fetzte der Dichter an, und der Tragik seines Lebens wurde mit diesem Werke der Grundstein gelegt. Der Eottasche Verlag ermunterte ihn anfangs, sich dem Werke hinzugeben, und er wagte es, die Theologie hinter sich zu werfen und dem Dichter das ersehnte Recht zu geben, aber als der Roman vollendet war, lehnte Cotta den Verlag dennoch ab. Cotta erkannte die Be- deutung der Arbeit durchaus an, aber an der Zeichnung des württem- belgischen Herzogs nahm er Anstoß. Sie war ihm— nicht loyal genug, er verzichtete also aus„HöflingSbedenken". Kurz mußte den ge- zahlten Borschuß zurückerstatten und sein Werk erschien in einem Verlage, der dem Buche keine Verbreitung verschaffen konnte und der dem Dichter überdies das vereinbarte Honorar schuldig blieb. Die gründlichen historischen Studien, die dieser Roinan erfordert hatte, führten den Dichter auch an den Sonnenlvirt-Stoff heran. Vollendet wurde dieses zweite große bedeutendste Werk in einer Zeit des DarbenS, die sich anschloß an eine Zeit hingebenden MitkämpfenS in den Zeiten der achtundvierzigcr Bewcgmig. Kurz war in die Redaktion eines kleinen politischen BlatteS, des oppositionelle» „Beobachters", eingetreten und ließ, der Forderung des Tages mit ganzer Kraft gehorchend, die dichterischen Pläne in zweite Linie rücken. Er war aus anderem Holze als sein Freund Eduard M v r i k e, den kein Sturm aus dein behaglichen Hinleben in dem Idyll von Clcversulzbach aufschreckeir konnte. Die neue Zeit zerriß sogar diese Freundschaft. Isolde Kurz, des Dichters Tochter, erzählt, Ivie ihr Vater in den stürmischen Togen mit Mörike in Stuttgart zusammentraf: Hermann Kurz im ersten Feuer seiner politischen Tätigkeit begrüßte den Freund mit den Gedanken der neuen Zeit auf den Lippen, Mörike. der Unpolitische, Zeitlose, äußerte sich kühl und ablehnend, und es scheint sich nun zwischen der jugend- lichen Begeisterung und der Skepsis des kühleren Alters eine Szene enisponneii zu haben wie zwischen Tasso und Antonio, nur ohne persönliches Motiv. Nach einer unverbürgten Ueberlieferung hätte Mörikes Verstocktheit endlich den anderen zu dem fassungslosen Ausruf getrieben:„Wer heute keine Partei ergreift, von dem heißt es: Pfui über dich Buben hinter dem Ofen". Kurz hat über die Form des Bruchs nie gesprochen, aber er hat als scknväbischer Volks- porleiler so temperamentvoll gehandelt, wie dies Wort, das er zu Mörike gesprochen haben soll, gestimmt ist. Auf'UhlandS Wegen gewachsen, forderte er einen Staat des Rechtes, der aus dem Volke herauf seine Geradheit und Festigkeit und bürgerliche WohlfahrtSkraft erhalten sollte. Und er hat die Leiden des Volkspolitikcrs jener Jahre durchgekostet. Spät erst— im Beginn der sechziger Jahre— wurde ihm ein schmales, gesichertes Brot zu teil: als man ihm das Pöstchen eines Bibliothekars an der Tübinger Universität übertrug: ein kupferner Heller für das reiche Gold, das seine in Stoff und Sprache echt schwäbische Art in all den großen und kleinen Erzählungen seines Schaffens gegeben hatte. Wie seine dichterische Art. die auf realistische Lebendigkeit aus- ging und damit, zumal auch in der Behandlung historischer Stoffe, auf neue Wege trat, beschaffen war. läßt sich mit eigenen Worten sagen. In dem Schillerroman schrieb Kurz:„ES ist die schönste Aufgabe der Poesie, den Menschen über sich selbst zu� erheben, das Wahre in der Wirklichkeit aus dem mannigfaltigen Schein heraus- zulösen und das schwankende, verworrene Dasein auf das ruhige Maß der Schönheit zurückzuführen.... Jeder vollendete Dichter wird ihn einschlagen, und wenn seine Zeit, mit ihrer Not und ihren Leidenschaften im Gedränge, nicht Zeit hat, aus ihn zu hören, so werden die folgenden Geschlechter mit dankbarer Vergütung zu ihm zurückkehren; denn nichts Echtes kann auf die Dauer verloren sein. Was aber das Wohl und Wehe seiner Zeit im Herzen bewegt, ihren ganzen Zwiespalt ungelöst ausspricht, der herben Gegemvart ihr herbes Bild im Spiegel zeigt und mit der Stimme von Tausenden und Abertausenden redet, dem wird im gleichen Augenblick ein tausendstimmiges Echo des Beifalls entgegentönen. Ein Tag wird ihm vollere Kränze bringen, als jener sich in Jahrhunderten er- wirbt, und auch die Späteren werden ihm seinen un- bestrittenen Platz unter den Lenkern der Geschichte zugestehen. Sein Ticherkranz vielleicht wird welk auf die Nachwelt kommen. aber der mächtigste von allen Herrschern, der so reich belohnt, weil er nur einmal lohnen kann, der Augenblick, hat ihm gehuldigt." Der Dichterkranz, den Hermann Kurz inmitten starker Kämpfe voll treuen AuSdauernS in der Werkstatt, wo die Hämmer der Volks- Politik aufs Eisen schlagen, erwarb, er ist nicht welk aus die Nach- wclt gekommen: seit zehn Jahren scheint er erst zur rechten grünen Frische zu gelangen. Wir wollen Hermann Kurz zu unseren besten Volksdichtern zählen. freL • Die dichterischen Werke Hermann Kurz' können heute in wohl- n Ausgaben gekauft werden. Eine gute Gesamtansgabe der Gedichte, Romane und Novellen bearbeitete Hermann Fischer für den Klassikerverlag Hesse u. Becker in Leipzig, wo das Wertvollste auch in billigen Einzelheften erschienen ist, einiges auch bei Rcclam, darunter die vortreffliche Erzählung„Die beiden TubuS". Politisches ist in der Fischerschen Ausgabe leider nicht aufgenommen. Auf den Abdruck der Schrift von 1848:„Die Fragen der Gegenwart und das freie Wort, Abstimmung eines Poeten in politischen An- gelcgcnheiten" hätte des Charakterbildes wegen nicht verzichtet werden sollen. Isolde Kurz hat vor einigen Jahren die Lebens- g e s ch i ch t c ihres Vaters geschrieben, die im Verlage Georg Müller, München, erschien._ Sergeant Scbuftick. Eine Erinnerung an die Soldatenzeit von E. Schubert. Ein feiner Regen rieselte herab und hüllte den Kasernenhof in nebeliges Grau. Einzelne Windstöße verfingen sich in den Licht- luken des Pferdestalles und vollführten ein knatterndes Geräusch, dazwischen erklang in verschiedenen Tonlagen das Geklirr der Halfter- ketten der Pferde. Im Stall war es mollig warm. Mit einer Blechmulde in den Händen ging die Stallwache auf dem Stallgang auf und ab, um die Abgänge der Pserde aufzufangen. Das war militärische Vor- jchrift, damit die Streu immer sauber blieb. Von der Stalltiir her ertönten einige kurz hervorgestoßene Kommandoworte:„Halt Weggetreten!" und etwa 15 bis 20 Mann, die Fahrer der Batterie, stampften in den Stall, dem eintönigen Stallbild ein leb- haftereS Gepräge verleihend. Den Beschluß machte der Sergeant Schustick, ein mittelgroßer, stark unterfetzter Mensch mit rötlichem Haar und Schnurrbart. Die wasserblanen Augen lagen unter den vorspringenden Stirnbogen tief vergraben und hoben sich merk- würdig von den robusten Zügen des von Sommersprossen besäten Gesichtes ab. In Ostelbiens gesegneten Gefilden hatte Schustick das Licht der Welt erblickt. Als Sohn eines ZieglerS hatte er bis zum zwanzigsten Jahre sein Ltben in««er Ziegelei verbracht, war unter seinen Kollegen einer der Rohesten gewesen— und trug jetzt die Abzeichen als Sergeant und Futtermeister der Feldartillerie. Sein Ehrgeiz war immer gewesen, dereinst befehlen zn können, Menschen um sich zu haben, die auf seinen Wink gehorchten. Das Leben eines Unter- ofnzierS war ihnr immer wie das eines kleinen Königs erschienen, und jetzt hatte er sein Ziel erreicht. Nach unten hin von rückstchts- loser Brutalität, nach oben kriechend und ein steter Denunziant auch seiner Unteroffizierskollegen, war er einer der schlimmsten Menschenschinder im Unteroffiziersrock. Nicht seine Befähigung, sondern Streberei hatte ihm den Posten als Futtermeister der Batterie eingetragen; als solcher waren ihm die Pferdewärtcr und Fahrer der Batterie vollständig ausgeliefert. Nur wenige Mann, die gleich ihm charakterlos waren, standen bei ihm in Ansehen. Wer auf jeden Wink von ihm herbei« gesprungen kam und ihnr zu schmeicheln verstand, war in seinen Augen ein tüchtiger Soldat und wurde auch gelegentlich beim Hauptmann in ein helles Licht gerückt. Dazu war Schustick auch feig. ES gab einige Mann in der Batterie, die seinen Quälereien be- harrlichen passiven Widerstand entgegensetzten und auch sofort Mel- dung erstattet haben würden, wenn sich Schustick an ihnen vergriffen hätte. Dieser in ein gewisses System gekleidete Widerstand kam auch den anderen mit zugute. Eine andere Form der Abwehr war nicht möglich. Gewöhnliche Beschwerden beim Hauptmann wären nutzlos gewesen und hätten die Lage des Beschwerdeführers nur noch verschlimmert. Um dieses Menschen willen sich unglücklich zu machen, fiel keinem von uns ein.... Nur mit unsäglichem Widerwillen denke ich an diesen Menschen. Um ein Haar— und er hätte mir mein Leben zertrümmert. Infolge des strömenden Regens war der Fntzdienst auf dem Kasernenhofe an diesem Nachmittage unmöglich geworden, und die übrige Zeit sollte im Stall niit Instruktion über Pfcrdewartung aus- gefüllt werden. Bei dieser Gelegenheit verübte Schustick immer seine tchlimmsten Quälereien an uns. Alle, die auf seine meist konfusen Fragen nicht die richtige Ant- wort geben konnten, liest er Kniebeuge machen und die Stallgasse auf und ab laufen bis zur Erschöpfung. Bei diesen Quälereien wurde folgende Form der Abwehr geübt: Man markierte nach Verlauf einer kurzen Zeit Schwäche, fiel bei Kniebeuge um oder konnte beim Laufen plötzlich nicht mehr weiter. Dast diese Art der Abwehr schwere Gefahren in sich barg und nur von Einzelnen unternommen werden konnte, ergab sich von selbst, übte aber zuweilen eine gute Wirkung auf die Gesamtheit aus. An diesem Tage hatte sich Schustick einen besonders verwerf- l i ch e n Trick mit mir auSgefonnen. Er wollte meine körperliche Standhaftigkeit auf die Probe stellen und mich als Simulant ent- larven. Plötzlich befahl er mir aus ganz nichtiger Ursache, vor dem Stand des„Zar"', eines als Schläger bekannten jungen Pferdes, Kniebeuge zu machen mit dem Rücken nach dem Pferde zu. Ich leistete dem Befehl Folge, durchschaute aber sofort, was der Mensch mit mir vor hatte. Eine teuflische Freude malte sich auf dem Geficht SchustickS, als ich hart hinter dem„Zar" in Kniebeuge stand.. „Jetzt falle man!" höhnte er. Nun wustte iib genau, worauf eS hinaus lief. Auf den Gesichtern meiner in zwei Gliedern vor mir stehenden Kameraden malte sich lautlose Spannung. Hier mustte etwas geschehen. Ein jeder fühlte es. Dieser Menschenschinder durfte nicht triumphieren, und wenn eS um Tod und Leben ging. Auch ohne dast der„Zar" besonders gereizt wurde, konnte er jeden Augenblick hinten ausschlagen und mich schwer verletzen; vor« läufig dachte er aber nicht daran, sondern suchte auf der Krippe liegengebliebene Heureste zusammen. Da über diesen Vorgang Jahre vergangen sind, vermag ich über meine Empfindungen in jenen Augenblicken nicht mehr Rechenschaft abzulegen. ES mag wohl eine ungestüme Aufwallung von Wut und ein riesiger Trotz gewesen sein, das mich in jenen Augenblicken das wn liest, was mir daS Leben kosten konnte. Dieser Mensch durste nicht über mich triumphieren und wenn ich zehnmal zu Grunde ging oder ein Krüppel wurde. DaS mag wohl in jenen Augen- blicken meine Stimmung gewesen sein.... Ich hatte schon längere Zeit in Kniebeuge zugebracht und meine Beine begannen zu zittern, lieber das Gesicht des Menschen- schmderS zuckte ein teuflisches Grinsen. Jetzt hast du ihn, mochte er denken. Plötzlich wankte ich und fiel rücklings in den Stand des„Zar". Die rauhen Haare des Pfcrdeschweifes berührten meinen Nacken, in, Rücken fühlte ich die knochigen Teile des Sprunggelenkes des Pferdes und dann fiel ich auf die Streit. Im Moment des Hinfallen? sprang das Pferd vor und zog die Hinterbeine ein wie beim Galoppsprung. Dann trat es schnaubend zur Seite und wandte den Kopf um nach mir. Offenbar war das Tier auf das heftigste erschrocken und ver- gast dabei die Unart des Ausschlagens. DaS alles ging blitzschnell vor sich. AlS ich rücklings in den Stand fiel, nahm daS Gesicht des Futtenneisters jählings eine gelbgrüne Färbnng an, er stand da. unfähig einen Laut hervorzubringen oder eine Be- wegung zu machen. Einzelne meiner Kameraden stiesten Rufe des Schreckens aus; denn jeder glaubte, dast mir der„Zar" im nächsten Augenblick mit einen, Hufschlag den Schädel zerschmettern würde. Aber nichts dergleichen geschah. Das Tier hatte sich, soweit eS die Kette zulieh, guer in den Stand gestellt und schnaubte weiter. Vielleicht empfand daS sonst so ungestüme Tier Mitleid mit einem gequälten Menschen! Als sich die Spannung einigermahen gelöst hatte, sprang ein Einjährig-Freiwilliger— eS war ein Theologe— hinzu und zog mich aus dem Bereich von des Pferdes Hufschlägen. Kaum lag ich auf der Stallgajse, als sich der„Zar" wieder auf seine Wildheit besann, denn zwei bis dreimal pfiffen seine gelcnken Hinterbeine über mich hinweg, ohne dast mich die Hufe Hütten be- rühren können. Auch jetzt fand Schustick noch keine Worte. Ich lag regungslos da. Er stierte mich an; ich wustte nicht, ob es Hast oder Furcht war, was aus seinen Augen glühte. Endlich löste sich die Spannung und mit dumpfer Stimme befahl er:„Schafft ihn weg! Schafft ihn w e g I" Dann verliest er den Stall und ver- gast für diesmal, die JnstruktionSstunde fortzusetzen. Ich wurde auf die Stallpritsche getragen. Von meinen Kameraden sprach keiner ein Wort zu mir. Alle fühlten, dast sich hier ein Stück menschlicher Tragödie abgespielt und ich mein Leben für sie alle aufs Spiel gesetzt hatte, um einen Menschen, dem wir willenlose Werkzeuge sein mutzten, zur Vernunft zu bringen. Ich hatte an diesem Tage über Schustick einen entscheidenden Sieg errungen. Von jetzt ab fürchtete er sich vor nur. Ob er mich für einen Simulanten hielt, weist ich nicht; er ging mir aus dem Wege, und eine Zeitlang schien eS wirklich, als existierte ich nicht inehr für ihn. Ich hatte aber im ganzen durch diesen Vorgang doch nicht viel gewonnen. Denn von jetzt ab kamen alle gegen Schustick verübten Streiche auf mein Konto. So hatte er eines Tages sein Schlüssel- bund in der Tür des Futterraumes stecken lassen. Die Schlüssel verschwanden auf Nimmerwiedersehen in der Düngergrube. Obwohl ich an diesen und ähnlichen Streichen unschuldig war, fiel der Ver- dacht der Täterschaft auf mich, und ich hatte kein Mittel, inich da- gegen zu wehren. Mich beherrschte in dieser grauenvollen Zeit immer nur dereine Gedanke, den Kopf hoch zu halten, koste»S was es wolle. Mir durch daS unmenschliche System der Kasernenkultur mein Leben zcr- brechen zu lassen, dafiir hielt ich es doch für zu wertvoll. Ich ertrug alles mit Gleichmut und eine unendliche Verstocktheit ergriff mein Wesen. Arreststrafen und Nachexerzieren wechselte» miteinander ab, und es kam soweit, dast sich einige meiner Kameraden, da sie unter meiner„Führung" mitzuleiden hatten, ividerwillig gegen mich wandten. DaS schmerzte mich tief und oft war ich der Verzweiflung nahe. Gedanken an Selbstmord und Desertion kamen mir stündlich. So oder so mustte eS ein Ende nehmen. Aber immer, wenn eS zum schlimmsten kommen wollte, schreckte nnch die Erinnerung an meine Mutter von dem Aeustersten zurück. Wäre die nicht gewesen, hätte ich dem qualvollen Zustand irgendwie ein Ende bereitet. Eines Tages hatte es mich ganz hart angepackt. Es war wieder ein regnerischer trüber Tag. Der Regen platschte auf dem Kasernen- Hofe und in der Dachrinne vollführte das abfliestende Wasser ein eintöniges Geräusch. Ich ging loie geistesabwesend herum. Am Tage zuvor hatte ich wieder eine dreitägige Arrest- strafe vcrbüstt, die auf eine Meldung Schusticks hin aus ganz nichtigen Gründen über mich verhängt worden lvar. Nachmittags rückten wir zum Revolverschiehen aus. Jeder Mann hatte sechs scharfe Patronen bei sich, die nach der Scheibe verfeuert werden mutzten. Da reifte in mir der feste Entschlutz, Schustick zu er- schießen. Ein unwiderstehliches Gefühl trieb mich: du mutzt eS tunl Daß ich selber dabei zu Grunde gehen würde, war mir ganz gleich. Dumpf toste es mir im Kopfe, und alle Gegenstände vor meinen Augen verschtvammen. Meine Kehle war trocken, und immer mustte ich schlucken, wie wenn ich tränke.... Jeder Mann mustte einzeln aus dein Glicdc treten, die vor- schriftSmästigen Bewegungen des LadenS und des AbfeuernS der Waffe vornehmen. Schustick stand dabei als Schietzleiter und notierte die Schietzresultatc. ' Ich wurde aufgerufen und trat vor. Jetzt mustte eS geschehen, wenn es überhaupt geschehen sollte. Eine schnelle Halbrechts- Wendung, Heben der geladenen Waffe, Losdrücken und das Ge- fchoh der großkalibrigen Waffe hätte Schustick den Schädel zer- rissen... ... ES geschah nicht. Denn vor meine brennenden Augen trat plötzlich ein ivundersameS Bild. Ungerufen war es gekommen, um mich von einem Verbrechen zurückzuhalten: Meine Mutter! Ihre Augen waren in Todesangst auf mich gerichtet und flehend schienen sie zu sagen: Tu es nicht! Tu eS ni H t! Ich sah nichts anderes inehr, ich sah nur sie. Nein, um meiner Mutter willen durfte ich es nicht tun. Es iväre ja doch ein Wt o r d gewesen, wenn ich abgedrückt hätte. Allein um ihretwillen durfte ich es nicht tun, mutzte ich stark bleiben, mochte kommen, was da wollte; denn ich war ja ihr Ernährer. Alles vor mir erhielt ein anderes Bild. Ich sah im Hinter- grund die graue Leinwandscheibe. Haarschars zeichneten sich die schwarzen Ringe daran ab. Ringsum der Wald und darüber die Luft voll stinkenden Nebels. Mechanisch knallten meine sechs Revolver- schüsse hinaus und riffcn Löcher in diese Neb:lhülle, die Scheibe traf keiner. „Schlappschwanz, elender! Weg!" Unsäglich widerwärtig llangcn diese Worte aus dem Munde meines Peinigers. Ich trar wieder in Reih und Glied und befestigte mit zitternden Händen — 932— war mich »ne!i?e Waffe in der Revolvertasche. Die furchtbare Spannung von mir gewichen und die Besinnung zurückgekehrt. Ich hatte wieder gefunden.--- ES gibt Ereignisse im Leben, die sich mit nie verwischender Schärfe dem Gedächtnis eingraben. Jahr« gehen darüber hin, aber die Bilder bleiben basten, als wären sie gestern an den Augen vorbeigezogen. flüssige knoble. Wieder einmal ist der Wissenschaft, und zwar einem deutschen Forscher, eine jener großen Entdeckungen geglückt, die über den Rahmen der Einzelsorschung hinausgehen und von weittragender Be» deutung sind. Das Problem der Schmelzbarkeit de« Kohlenstoffs galt bisher als unlösbar: alle Versuche, die in dieser Richtung gemacht worden sind, schlugen fehl, und die Physik betrachtete infolgedessen den Kohlenstoff seit langem überhaupt als unschmelzbar. Nun ist eS Professor L u m m c r in Breslau gelungen, in einer Bogenlampe bon 220 Volt Kohlenstoff in flüssigen Zustand zu überführen. Diese Entdeckung eröffnet ganz neue Ausblicke und un- geahnte Möglichkeiten. Kohlenstoff ist bekanntlich ein nichtmetallisches Element, ein chemisch einfacher Körper, der in drei Modifikationen auftritt. Zwei davon kommen in der Natur in freiem Zustande vor. lind zwar kristallisiert als Diamant und als Graphit. Die Diamantkristave sind, wie man weih, teils farblos, teils farbig, entweder ganz durchsichtig oder doch durchscheinend. Der kristallinische Graphit dagegen ist stets undurchsichtig und schwarz. In einer dritten Modifikatlon kommt der Kohlenstoff mnorph sunregelmähig angeordnet) als Kohle rein in der Natur frei nicht vor: er kann nur künstlich hergestellt werden. Die Ueberführung von Kohle in reinen Kohlenstoff ist sogar äußerst schwierig. Die wertvollste, weil in der Natur seltsamste Form des Kohlenstoffes bildet die im regulären System kristallisierte Form, die wir als Diamant kennen. Begreiflicherweise hat man seit der Er- kennung des chemischen EharakterS des Diamanten mit größter Hart- näckigkeit versucht, diese wertvollste Modifikation aus den beiden anderen herzustellen: aber wenn diese Versuche theoretisch in neuerer Zeit auch zum Ziele geführt haben, so ist daS Problem doch noch für die Praxis als ungelöst zu betrachten. Denn die erzielten Diamantkristalle waren nicht nur so winzig klein, daß mit ihnen nichts anzufangen war. ihre Gewinnung war auch weit kostspieliger als der natürliche Diamant selbst. Der Entdecker de? Verfahrens zur Her- stellung künstlicher Diamanten war der berühmte französische Chemiker Moisson. Namentlich er war eS, der. um zu seinem Ziele zu ge- langen, umfangreiche Versuche anstellte, um den Kohlenstoff zum Schmelzen zu bringen. Er wendete dazu Ströme bis zu 2000 Ainpöre und Temperaturen von mehr alS 3000 Grad Celsius an, fand aber kein Resultat und glaubte damit bewiesen zu haben, daß der Kohlenstoff eben überhaupt unschmelzbar sei. Auch Profeffor O. Lehmann in Karlsruhe kam zu diesem Ergebnis gelegentlich von Versuchen, die er vor etwa 20 Jahren angestellt bat. Nun ist eS eigenartig, daß schon vor rund 6ö Jahren die physikalische Welt durch die Behauptung überrascht worden war, der Kohlenstoff lasse sich verflüssigen. ES war der französische Physiker Cösar DeSprrtz, der im Jahre 1849 mehrfach Vorträge in der Akademie gehalten hatte, in denen er behauptete, beim Arbeiten mit Koblenstiften einen Schmelzprozeß wahrgenommen zu haben. Von anderer Seite wurde das bestritten, und da eS später auch nicht wieder gelang. daS Experiment zu wiederholen, so galt seine Behauptung schließlich als das Resultat einer irrigen Wahrnehmung und alS abgetan, namentlich seit MoiffonS Versuchen. Der Umstand, daß Professor Lummer bei dem Schmelzprozeß der Kohle als Siedcprodukt Graphit erhalten bat, bietet den un- umstößlichen Beweis dafür, daß eS sich tatsächlich bei dem Schmelz- Prozeß um reinen Kohlenstoff und nicht etwa um Zusatzbestandteile der Kohle handelte. Bisher gewann man Graphit auf künstlichem Wege unter anderen, durch die Lösung von Kohlenstoff in schmelzendem Eisen, wobei beimErkalten kristallinischerGraphit entsteht. Dieser bisher natürlich gleichfalls als unschmelzbar bekannt, wird sich nunmehr sicherlich auch verflüssigen lassen, und Professor Lummer denkt ja sogar daran, � auch den Diamanten auf die gleiche Methode zu verflüssigen. Inwieweit da» neue Verfahren nach der crforder- lichen technischen Durchbildung geeignet ist, der Methode zur Her- stellung künstlicher Diamanten neue Wege zu bahnen, ist vorläufig nicht abzusehen. ES ist ja überhaupt sehr fraglich, ob man dabei mit flüssigem Kohlenstoff weiter kommt als bisher. Und so lange über die Lummersche Entdeckung genaue Einzelheiten nicht vorliegen, läßt sich in dieser Hinsicht nicht einmal eine Vermutung aussprechen. Sicherlich dürfte man aber im Laufe der Zeit für die technische Herstellung von Kohleprodukten die neue Erfindung nutzbar machen tonnen. Vielleicht wird man dabei dann auf die Hinjluführung von Bindemitteln zur Pressung verzichten und zum Beispiel Kohlenfiiste künftig gießen statt pressen. Es darf auch nicht vergessen Iverden, daß die gesamte Heizung und Beleuchtung vom Kohlenstoff und seinen verschiedenen Erscheinungsformen unttennbar ist. Eine nicht zu ferne Zukunft vermag möglicherweise auch hier der Technik neue Wege zu weisen und die flüssige Kohle zu einem bedeutungsvollen Jaktor zu gestalten. ScKacb. Unter Leitung von S. Alapin. Unser Turnier: Motto„Rebellion'. ab ede tgb abcd&fgh 2+(cq— 8»a q) Rachstehend die zwei letzten, am 18. und 19. November spielten, Berliner Partien CapablancaS gegen MieseS. ge- Skandinavisch in der Borderhand. 1. Kleies. I. Capablanca. 1. v2— st, e 7— sS; 2. 62— 64 2.... 65X64; 3. D 61X44, Sb8-c6; 4. D64— e3. 4...... Sg8-f6! 5. Sbl— c3..... Oder 5. 65?, Sg4; 6. De2(De4, 65; e6t, Le6; 6c, Ddtfl) 6____ 66; 7. f3(edf, Le6 mit großem Eni« uiickelunaSvorsprung für den Bauer) 7.... Z-XeS: 8. 14, 864; 9. De4, c5; 10. iXe5, 65; 11. Dd3, Ick5 jc. 5...... Lf8— b4 Vorsichtiger ist: 5..... Le7l z. B. C. Ld2, 65! Oder 6. 1X4, 0-0; 7. Ld2, Sg4: 8. Dg3?, 65 nebst et». Lh4 jc, 6. Lei— 62 0—0 7. 0—0—0 Tf8— e8 8. De8— g3..... Eine beachtenswerte Neuerung. 9. 8cSXe4 TsSX64 10. 1/12—£41 Dd8— f6? Gesünder ist: 10.... 66!- ll.Ld3, Te8; 12. Lg5, Dd7; 13. Dh4, h6; 14. LXhö, Dg4 jc.(15.Lg5?, DXT+I) 11. Sgl—US..... 11. LXc7, 66; 12. LX66?, Tff4JC. 11...... 67-66 12. Lfl— 63 ScO— 64 12...... Te8; 13. I,g6, De6; 14. Dh4 jc. mit starkem Angriff. 13. Lk4— eS! Lc8— g4 Tg4 scheitert an LX8. 14. Sß— g5: T64XeS 15. Dg3Xg4! S64-e2t 16. L6SXe2 17. Sgö— e4! 18. vg4X«4 19. 12— f4 20. c2— c3 21. Tlil— el 22. Tdl— 65 23. f4— f5 Stärker De7 oder Thr». Te3Xe2 Te2X®4 DfO-göf Dg5— b6 Lb4— c6 Db5— c6 Dc6— 67 23...... c7— c6 24. Td5— 62 66-65 25. De4— f3..... In Bewacht kam kö— kS! 25...... Lc5— e7 26. T62-e2 1*7-16 27. Df3— h5..... Besser g2— g4 nebst cvenl Dg3 27...... 1,7-1.6 28. g2— g4 Kg8— KT 29. Kol— bl..... K2—b4? ist wegen g-7— g6 untunlich. 29...... Ta8— 68 80. Tel— dl c6— c5 31. Dhö— h8 DdT— a4 32 Te2— 62 Da4— elf 33. Jtbl— al b7— b5 34. Db3— g2 De4— a4 35. Kai— bl..... Auf TXd5? folgt DXTf I 35...... b5— b4 36. cSXbi..... Um die Linien nicht szu öffnen, tan, in Bettacht: 36. e4 l z. B.: 36...... de; 37. TXT, b3; 38. b3. c3; 39. bc, LXcS(I>X»3: T8d8i; 40, Tld3, Lf6; 41. Dd5, drohend DXn und DXbB. 36...... Da4Xb4 37. a2— aS?..... Gefährdet die Partie. Weit besser war b2— b4! 37...... Db4— a4 38. T 62X65?..... Der enlscheidende Jehler. Mit 38. To2 war noch Widerstand zu leisten(z. B. 88...... Vb3; 39. Dg3, Db5; 40. h4, Tb8; 41. DgC jc.) 88 8«! Tdl— 62 40. Dg2-g8 41. Dg3— 66 42. Td2-e2 43. Td5— 63 44. Td3— 61 Aufgegeben. Td8-b8 c5— c4 Tb8— b3 c4— c8 e3Xb2 r)a4— e4! Th8— c8 D a m e n b a u e r n e r v f f n u n g.(Weiß— I. Eapablanca, Schwarz— R. Teichmann.) 1. 62—64, 67—65; 2. Sgl— 18, Sg8—£6 (c6!) 3. r2— c4, e7— e6(c6!) 4. Lei— g5(Sc8!) 4�..... L£8— e7 (In Bettacht kommt: 4...... h6; 5. Lh4, g5; 6. Lg3, Se4; z. B. 7. Dc2, Sc6, drohend h6— h5 oder g5— g4) B. Sbl— 08, Sb8— 67; 6. e8, 0—0; 7. Tel, b6; 8. cXd5. eX65; 9. Lb5 (Ld3!), 9...... Lb7; 10. 0—0, a6; 11. La4, Tc8; 12. De2, cf. (Zu erwägen: b5! nebst S©4, um ein st weilen dem Gegner da» Feld 64 für den Springer und die 6-Reihe für den Turm nicht zu befreien. 13. 6X06, SXeb; 14. T£61, SXL; 15. SXS, b6 sJn Betracht kam TXT); 16. TXT, DX?! i7. Sc8, Dc4(Besser I>£6 oder Td8); 18. S64!, VXV; 19. Sc3Xe2, Tc8; 20. 815. Kf8; 21. SXL, KXS; 22. S64, g6?(verhältnismäßig besser: Te7: Sföf, ia8; LXS, gXfO; S64. Lc8 je.; 23.£3, h6!; 24. LXh6, Sd7; 25. h4, Sc5; 26. Lf4, Se6; 27. SXS, KXS; 28. Td2,|Th8; 29. Tc2, Tc8; 80. TXT, LXT; 81. Kf2, 64?; 82. 6X64, Kd5; 33. Ke3, Le6; 84. K63, Kcö; 35. a8, Lc4t; 86. Ko8, Le6; 87. Lh6, Kd5; 38. Lg7, Aufgegeben.(Z. B.: 88...... Kc4: 89. Kk4 nebst Kg5 oder Ko5 nnd g2— g4 mit h4— hS x.) Lerantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck iu Verlag: Vorwärts Buckchr'.rckerei u.VerlagsanstallPaul Singer ScCo.,Berlili SN'."