Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 237. Freitag, den 5. Dezember. l!N3 363 k)elge Bendels Luftfd�löffer. Gin C h i k a g o- R o n? a i: von Henning Berge r. In Reiben standen die Männer dann an den Hautwänden entlang, wo nur ein Sclxlttenfleck sich bot. Das intensive Sonnenband der Strasze. wo der Verkehr auf dem Fahrdamm wimmelte, brannte in ihre stontoraugen. die stets unter käust- licher Beleuchtung arbeiteten: und sie verspürten ein Cchwin- delgcfühl unter dem Hutrand. Zuletzt kamen dann Ztvcrch- fellkrämpfe und Magenschmerzen, und stöhnend hasteten sie in Hotels und Wolkenkratzer. Später mußten ein paar Glas trockenen Whiskys mit Pepsin, Cbinin, Absinth oder Hcidel- beerextrakt ihnen über den Nachmittag tveghelfen. Und die Abende,»venu die ganze Stadt nach saurem Bier rock, ver- brachteii�sie auf einer HauSstaffel, mit einer Maispfeife oder einem �.tuck Kautabak und einer großen Wasscrkanne voll Bier. Drinnen im Kontor surrte über jedem Pult ein kleiner elektrischer Ventilator, daß kleine, blauweiße Springfunken um die Kontaktachse hüpften. An der Decke schwangen eben- falls Ventilatoren, und der Mosaikfußboden wurde mit Essig- Wasser angefeuchtet. Aber wenn auch die Luft abgekühlt tvar, so drangen die Verwesungsdünste herein, im Süden aus dem Blutsumpf, im Westen von den Fabrikabfällcn, dem Schmutz der Armeleutehöhlcn und den Abfallhäufen der Prärie. Von Norden her kamen die Kloaken.gestänke des Flusses, und von Osten Oer Schlamnigerüchc, wie aus einem Delta: denn der größte Teil des Michiganufers lnar nicht eingepfählt. Und tveim man diese schreibenden, rechnenden, lesenden und auf- zeichnenden Gestalteil betrachtete, so wandelten sie sich nach kurzer Zeit vor dem Auge zu Skelette». Die ungesunde Ge- sichtsfarbe, die schlaffen Ziige, die stumpfen Augen oder hektisch glühende Blicke, die Hände mit einem Gewimmel von blauen Adern in einer loeiße», feuchten Haut, die knochige» Achseln und eingedrückten Brustkörbe sagten ein baldiges Ende vor- aus. Und dann würden sie ebenso rasch aus dem Weg ge- schafft, ersetzt und vergessen sein wie iiberfahrene Straßen- Hunde und totgeschlagene.stutzen, an denen die fetten Natten und Millionen von Aasfliegen der reichen stompoststadt Lcicheiiorgien feierten. Ein gewaltiges, staubweißes Automobil, mit Laternen, Sckieinnvrfern und sorgsam eingehüllten Ersatzteilen, mit Reisekörben und wachstuchüberzogenen Seidenpolstern, mit heruntergeschlagenen und aufgerollten Verdcckledcrn hielt vor dem Hauptportal der.stennyonlinie. Das langgestreckte Vorderteil, das nach Norden wies, trug über dem Schild der Fabrikmarke zwei in den Messingbcschlag eingehämmerte, gekreuzte Flaggen— das berühmte, imutische Wahrzeichen der Firma. Es tvar zwei Uhr. Sämtliche Schreiber, Chefs und auch die zwei Agenten waren vom Lunch zurückgekehrt. Mr. Ranch setzte tu einer etwas nebelhaften Rede auseinander, daß, da alle anderen größeren Linien, einem stillschweigenden Ueber- cinkonimen nach, ihre Schiffe mit Namen tauften, die sie so- gleich von denen der Konkurrenten unterschieden, auch eine solche Niesenlinie wie die stennyon Klangähnlichkeiten ver- meiden müßte, besonders in den Endungen. — Nehmen Sie z. B.. sagte er zu Herrn Roth, der zer- streut zuhörte, nehmen Sie Cnnard: alle enden sie auf ia: White Star auf ic und die American Linie hat Städte~ City of New Aork, City of Paris. Da nun die Guion Linie aufgehört bat, so meine ich. die Keunyon könnte alle ihre Namen auf on enden lassen— oder wie, Mr. Roth? '— Es wäre eine Idee, sagte der Frachtagent. Herr S. Teniiey Ranch schien seltsam erhitzt, ja, gerade- heraus gesagt, ein bißck>eii betrunken. Er kante an ein paar Pfefferin inzpastillen: aber ein warmer Whiskyduft mischte sich nichtsdestoweniger in das stonfcktaroma. Seine Nasenspitze war gerötet, und die Augen glühten wie zwei starfunkel. Ze mehr Blätter von dem Block des Wandkalenders abgerissen wurden, der— in einer Aetzung nach Wytie. Royal Academy — das neue Schiff der Linie zeigte—. desto mehr Verdau- nngsschuäpse führte Herr Raiich sich schon zum Frühstück zu Gemüte. Und die übrigen Agenten der Linie fingen au, sich zu scheuen, in ihrem gemeinsamen Klub mit ihm zu dinieren. — Ein großes Auto! sagte Herr Ranch und sah zum Fenster hinaus. Vermutlich reiche Leute aus dem Süden, die sich ihre Billette schon hier vorausbcftefleu wollen.— Swan- son! Sorgen Sic dafür, daß die Fahrpläne bereit liegen! Herr Roth sab durch die Tür in die Halle. Er batte von seinem Platz aus einen besseren Ueberblick: und plötzlich fuhr er zusanimen. Er nickte dem Passagierchef lächelnd zu und ging langsam in seine eigene Abteilung. Die Schranken- Pforte öffnend, sagte er: — Bendel, stellen Sie die Ventilatoren ein. Sie machen zu. viel Lärm. Helge drehte die Hähne ab und das Gesumme in dem großen Raum verstummte. Ein ersterbendes Sausen wie von Zugvogelschwingen schwand mit der letzten Schranbendrehnng dahin. Vorn war die Tür weit aufgerissen worden von einem Diener in Reise-Halbzivil: man hätte ihn ebensogut für einen Privatdetektiv halten können. Durch den hohen Eingang kamen vier Herren. Drei von ihnen waren in gewöhnlichem, hellem Sommeranzug und fesselten die Aufmerksamkeit weiter nicht: sie erschienen wie stainmerherrn de? Vierten. Der eine von ihnen stürzte vor und löste den Diener ab. indem er selbst die Tür offen hielt. Die anderen bildeten Spalier. Der- jenige, der auf diese Weise seinen Einzug hielt, war dafür um so aufsehenerregender. Es war ein Mann von etiva füiifunddreißig; vielleicht etwa? mehr: aber so ungewöhnlich hochgewachsen, lang und schlank, daß allein die Figur auffiel. Trotz seiner Magerkeit war er breit in den Schultern, und etwas Sportmäßiges tag über der ganzen Erscheinung, das au Tennisplätze und Golf- felder gemahnte. Seine 5tleidung war ebenso ausfallend. Es war eine raffiniert ausgedachte Studie in Schwarz und Weiß. Die Beinkleider waren ans dünner, cremeweißer Wolle, hock» über den Lackschuhen aufgekrempelt: ein dünner, schwarz- seidener Strumpf war dazwischen sichtbar, Sic waren so gut gepreßt, daß auch nicht die Spur einer Falte imch der langen Reise zu sehen war, und saßen, wie alle übrigea Teile des Anzugs, wie angegossen. Das schlvarze. doppelreihige Jackelt hatte etwas Jachtmäßiges in Schnitt, stragenumschlägen und Sitz der Knöpfe. Ans einer Brusttasche ching ein langer, schncevx'ißer Taschcntuchzipfel mit breiter, dnnkelblaner staute. Aber das Auffalleiidste war das Hemd, das tiefschwarz war, bis hinab zu dem sehr breiten, doppcltgeschlungcncn. schwarzen Hüftengürtcl ans gewässerter Seide. Der hohe, gestärkte Um- legekragcn war ebenfalls schwarz und glänzte wie Jet, hatte aber einen fast unsichtbaren, schneeweißen Oberrand. Die tveißfeidenc ftraivatte ging in eleganter Vogelschweissonn bis unter den Gürtel hinab, und in dem breiten Knoten steckte eine goldene Nadel, mit einer Perle, so groß wie ein Schwalbcnei. Der weiche Hut war aus. weißem Filz, creme- iveiß, wie die Beinkleider: das Band tvar von derselben Seide wie die Krawatte. Um das linke.Handgelenk bing eine gol- dcnc Kette, und im rechten Auge saß. ivic festgewachsen, ein großes Monokel mit Goldrand und biegsamem Bügel, aber ohne Band. Die steif gestärkten Manschetten waren schwarz wie der Kragen, und gleichfalls umgelegt. Die Knöpfe be- standen ans Perlen au dicken Goldkotteii. Das Gesicht, das zu dieser Ausstattung gehörte, gab der ganzen stontrastwirknng in nichts»ach. Das Haar war rabcnschwarz, selbstverstäudlich äußerst gut geschnitten und gebürstet, an den Ohren wie mit dem Lineal gezogen. Der kohlschwarze, fast viereckig gestutzte Schnurrbart ließ einen weißen Hantrand über der Oberlippe frei. Die Augen. schtvarz und unheimlich matt, hatten große, vorstehende, glockenförmige Lider, wie die des Prinzen Edward von Wales, und die große, glänzende Glasscheibe des Monokels gab ihnen einen noch starreren Ausdruck. Aber die Haut in diesem niage- reu Gesicht mit dem glattrasierten, zu schwächlichen Kinn tvar von einer seltsamen Blässe, fein, wie die einer Frau, und die Sonitenbräune über den Wangen tvar so leicht, daß der Teint wie durch ein Glas verbrannt schien. Es war ein arrogantes und reizvolles Gesicht, unzuverlässig und unruheerregend. Im ganzen Kontor war auch nicht ein Angestellter, vom ersten Buchhalter bis zum geringsten Laufjungen, der nicht, mit einem Stoß in der Brust, gleichzeitig denselben Namen gedacht hätte: — H. Maitland Wolsey! Und trotz der Hitze draußen brachte sein Eintritt eure Kältewoge mit sich, unter>«r einige Sekunden lang alle Hände wie im Frost erlahmten. Einer der Hofherren, in gelbem, khakiartigem Jackett- anzug, beugte sich über den Schaltertisch und sagte anmeldend: — M. Wolsey... Herr Wolsey legte einen sehr dünnen, schwarze»� Ja- karandastock mit einer großen, goldenen Krücke ans den Tisch. Darauf sagte er mit starVeiil Londoner Akzent: — Mr. S. Tcnney Ranch, wie ich vermute? Ich freue mich sehr, Sie zu sehen, Herr S. Tenney Ranch. Wirklich, ich freue mich außerordentlich... Die übertrieben akzentuierte englische Aussprache weckte mit ihren Vokalen und abgehauenen rs ein rollendes Echo im ganzen Lokal. Es war eine klangvolle, schöne Stimme: aber etwas Kaltes, Stolzes, Hochmütiges lag in der Betonung. Herr Ranch eilte hastig hinter der Schranke hervor und der- beugte sich: — Wir warten seit lange... — Ar, sagte Mr. Wolsey. Es war seine Art, das Adverb sowohl wie die Interjektion Ja auszusprechen. — Und es gereicht dem Chikagokontor der Linie— der ehrenvollen Linie— zur großen und ausrichtigen Freude, endlich ihren ersten Repräsentanten in den Staaten— im Land der Länder!— begrüßen zu dürfen! Seien Sie uns willkommen. Sir! — Av, sagte Mr. Wolsey. — Wir haben, fuhr Herr Ranch fort und heftete einen unschuldsvollen Blick auf Wolsey, ini Lauf eines ungewöhnlich schivercn Jahres so manchen Kampf gekämpft, so manchen harten-- — Ay, ay, ay! ertönte es jetzt aus Mr. Wolseys Mund, so kräftig' und Schweigen gebietend, daß Mr. Ranch er- schrocken verstummte. Er blickte den Londoner unsicher an, und ein unangenehm krischendes Gefühl stieg ihm um den Hals und die Nackenhaut empor. Je länger er schaute, desto unheimlicher erschienen ihm Mr. Wolseys Mienen, und er begann zu zittern wie ein Schaf vor einer Tigerschlange. — Ayl Wo ist Mr. Roth? Roth rührte sich nicht ans seinem Sessel. Er hatte sich eine Zigarre angesteckt und wühlte sorglos in einem Bündel Briefe. — Mr. Roth! schrie Ranch, Mr. Roth? Hier ist Mr. Wolsey. — So? sagte der Frachtagent und erhob sich langsam. — Ay, Mr. Roth, grüßte der Generalbevollmächtigte mit einem Lächeln, das seine elegante Maske durchleuchtete und von großer Wirkung war. — Ay— ich freue mich— ganz persönlich und im Interesse der Linie,— Sie zu treffen I Rauchs Gesicht loard erst aschgrau und dann grün. Auch Roth wechselte die Farbe. lLortsetzulig solgt.1 Die Rettungsboje. Von I. W. N y l a n d e r. Jeder Schiffer in der ganzen Schifferflouille draußen rei den Riffen östlich von Island merkte, daß Sturm und Unwetter ernstester Art im Anzüge war. Um diese Jahreszeit ist auch in diesen Gewässern kaum etwas anderes zu erwarten. Es war gegen Weihnachten, oder um genau zu sein, der Sturm begann am 18. Tc- zembee und dauerte fünf volle Tage und Rächte. Lange wird man sich in mancher Fischerhütte dieser Tage er- inner», und alle, die selbst im Sturm draußen waren, vergessen ihn nie, ausgenommen vielleicht die Zweihundert, die»icbt zurückkamen und jetzt seit einem Jahre den ewigen schlaf schlafen, um einen alte» Ausdruck zu gebrauchen. Vielleicht ist für sie Friede und Vergessen auch über die Erinnerung an diesen letzten, schwersten Kampf ihres Lebens gefallen. Wir wissen ja nichts darüber. Wie gesagt, alle Zeichen eines nahenden Sturmes waren da. Das Barometer fiel tiesee und tiefer fünf Tage lang. Machte� es zuweilen einen kleinen Sprung aufwärts, so war es»ur, um sofort um so tiefer zu sinken. Drohend standen die Wolfen am Himmel, und jsie see ging schwer mit starker Unterdünung. Selbstverständlich hätte man schon früher an Land gehen müssen. Aber jedermann tveiß, wie schwer cs ist, gerade dann abzubrechen, wenn eine Sache eben anfängt, gut zu gehen. Und der Fischfang, der den ganzen Monat schlecht gewesen, war jetzt ungeheuer lohnend. Das Schleppnetz war übervoll, wenn es am Schluß der Wache ein- gezogen wurde, und es Wae ein Vergnügen, zu sehen, wie es seinen Reichtum aus Deck ausleerte. Da läßt mä» cs dann natürlich »och einmal herunter und versucht noch eine Wache durchzuarbeiten, und dann abermals cine, bis es endlich zu spät ist.— Da rollt die See herein. Sie zerdrückt und zerbricht Skylight und Luken, wälzt sich hinunter in den Maschinenraum, löscht das Feuer unter dem Kessel aus, wirst das Fahrzeug um, drückt es nieder und geht endlich siegesstolz über die Stelle hin, wo ihr Opfer sank, während die Kämpfenden aus den Wracksplittern rings umher einer nach dem andern zu Gott gehen. Der Trawler Grimsby von Geestemünde war der erste, der Land suchte. In der Abenddämmerung zogen sie des Schleppnetz ein und konnten glücklich vor Tagesgrauen Anker werfen, d. h. glück- lich im Vergleich mit vielen andern. Ein Mann war über Bord gegangen. Es mußte in dem Augenblick geschehe» sein, wo das Retz heienigeschwungcu wurde. Niemand hatte gesehen, wie es zu- ging. Es war, wie erwähnt, schon dämmerig, und bei dem schweren Rollen und den überstürzenden Seen hatte jeder genug mit sich selbst und seiner Arbeit zu tun. Vielleicht hätte man ihn auch noch lange nicht vermißt, wenn nicht ganz zufällig der Schiffer, der am Rade stand, einen Menschen auf einem der schäumenden Wogenkämme dicht in Lee gesehen hätte. Im nächsten Augenblicke hat er die Rettungsboje losgerissen, die an der Barriere neben dem Ruderhäuschen befestigt ist, und wirft sie aus. Er glaubt auch zu sehen, daß der Mann sie ersaßt, und signalisiert Stopp zur Maschine. Unter seinen kräftigen Händen fliegt das Rad herum. Das Fahrzeug dreht sich gegen den Wind und nimmt eine See ei», die das Teck von vorn vis achter über- spült, während die elenden Segellappen knallend in Fetzen aus- einanderspringen, und der Dampf zischend aus dem Ventil gepreßt wird. Man stürzt»ach dem Boote. Man steht klar mit Tauenden und Bojen, man starrt und späht. Alles, was nur möglich ist, tut man. Und endlich läutet der Telegraph: Volle Kraft vorwärts. Das Fahrzeug fällt ab in seinen Kues. Es ist entsetzlich, dieses„volle Krast vorwärts", während er dort kämpft, ruft, ruft, bis die See ihn fast erstickt. Er hält sich fest an der Rettungsboje. Sie ist groß und neu und trägt ihn leicht. Sicher ist noch Hoffnung.— Das Fahrzeug manövriert wohl nur, um wieder zurückzukommen. Ein anderes Schiff war ihnen ja nahe gewesen, als sie ansingen, das Netz einzu- ziehen. Die ganzen Sandbänke liegen voll von Fischen.—— Noch einmal sieht er das Licht von der Laterne im Geoßtopp. Nur für einen Moment blinkt cs auf, und das ist das letzte, was er sieht. Aber noch fühlt er nicht die eisige Kälte im Waffer. Er merkt nicht, wie in jeder Minute die See über ihm zusammen- schlägt. Endlich fangen die Oelkleider, die bis dahin wie eine einzige Luftblase gewesen waren, an, ihn zu beschweren. Vergeblich sucht er sich davon zu befreien. Tie Finger vermögen nichts mehr aus- zurichten, sie sind gleichsani erstarrt bei dem Griff um die dünne Leine an der Boje. Könnten nur die Hände festhalten, da wäre vielleicht Hoffnung! Tie Boje würde ihn lange oben halten. Aber nun will sie einmal über das andere ihm entgleiten. In einem Riemen um die Oeljacke hat er sein Messer. Er zieht es heraus und schneidet eine Oesfnung in den Rand der Rettungsboje. Er bohrt die linke Hand in die Korkfüllnng hinein. Das ist eine Erleichterung, statt des Haltens von dem Taustropp, der in die Haut einschneidet. Tiefer gräbt er die Hand hinein. Als er auch einen Schnitt für die andere Hand machen will, gleitet ihm das Messer aus dcn erstarrten Fingern. Jetzt fühlt er, daß er kalt ist. Wie entsetzlich schwer werden ihm auch seine Kleider! Er sinkt immer tiefer, sinkt. Krampfhaft hält die eine Hand noch den Stropp an der Boje. Es ist, als der- möchte keine Gewalt mehr diese Hand zu öffnen. Tie Rettungsboje legt sich ans die Kante, indem sie herab- gezogen wird. Bald aber schießt sie wie befreit herauf an die Oberfläche. Tee Sturm erfaßt sie, wirbelt sie herum auf dem zischenden Kopf einer Welle, hebt sie auf gegen die Wolken und wirft sie endlich tief hinab in ein Wellental. In Schaum gebettet wird sie hier gewiegt, dann abermals in die Höhe geworfen, von einer neue» Woge erfaßt, und so geht es in wirbelndem Sturm von Welle zu Welle tagelang. Endlich erfaßt ein kräftiger Strom sie, und nun wird �'ie Wochen hindurch bald nach Norden, bald nach Osten getrieben. Sie hätte in einem der herrlichen norwegischen Fjords landen können. Aber noch ist sie leicht genug, um einem Sturme Windsang zu geben, der sie nach Westen schickt. Bald begegnet sie dem Treibeise. Eine Welle hebt sie ans einen Eissnß, und als die schölle unter Krachen und Tosen mit einer andern zusammenprallt, ist die Boje nahe daran, zu zerbröckeln. Tie weiße Farbe wird abgescheuert. Geestemünde, waS in großen, roten Buchstaben gemalt ist, wird fast unleserlich, und Grimobb bis auf den letzten Buchstaben aus- gelöscht. Es wird eine gefährliche und grausige Fahrt zwischen entsetzlichem Eisscheanben unter flammendem Nordlicht.— Endlich ist die Polarnacht vorüber. ES wird Frühling, und wieder kommt Leven in die Eisgefilde. Alken. Möwen und Labben lassen sich neben der Rettungsboje nieder, und als sie merken, daß es ein toter Gegenstand ist, hacken sie neugierig hinein. Eines Tages streift sie während ihrer Fahrt eine große, alte Klapp mäfce, die auf dem Wasser ihr Mittagsschläfchen hält. Schlaf- trunken bohrt diese ihre scharfen Zähne hinein, aber als sie merkt, dah es kein Eisbär ist. taucht sie beschämt unter. Allmählich ist die Boje immer weiter ins Treibeis hinein- gekommen. Grönlands schimmernde, cisbckleidete Küstenbcrgc steigen ans dem Meere ans. Aber die, die so lange die schwere Last eines Mannes mit seiner Not und Angst getragen hat, fängt an, selbst schwer zu werden. Jetzt hebt sie sich gar nicht mehr über das Wasser. Und da geschah es, daß eines der Fangboote von der guten Eismecrfchute Polaris sie eines Tages im Mai, fast bereit zu sinken, findet und mit an Bord nimmt! Da liegt sie im Sonnenschein auf der Grotzlnkc, als meine Wache auf Deck kommt. Fast mit Ehrfurcht betrachten wir_al!» sie. Tief beklagen wir sein Geschick und denken auch an die Sei- nigcn, vielleicht eine Frau und viele Kleine,- vielleicht eine Braut! Roch glauben>vir die Merkmale seiner linken Hand zu sehen, die ein tiefes Loch in die feste Korkfüllung gegraben hat. Der Schnitt, den er mit der anderen Hand hat machen wollen, ist nur ein paar Zoll lang. Hier fiel ihm das Messer aus der Hand.— Wir sehen, wie das Eis die Boje in seine entsetzliche Umarmung geschlossen hat, wie es feilte und schavte, um die Farbe auszu- löschen; sehen, wie die gefräßigen Eismccrvögcl in die roten Buch- staben hackten, die sie wohl für geronnenes Blut hielten. Da sind auch die Spuren von den Zähnen der Klappmütze. Ohne Frage war es eine solche und nicht ein gewöhnlicher Seehund. Kein anderer Seehund auf der ganzen Welt würde diese Zeichen seiner Zähne hinterlassen. Da stehen sie deutlich, diese vier kleinen Grübchen zwischen den Löchern der grausamen Eckzahne des Oberkiefers, und zwei kleine Vertiefungen zwischen den Merkmalen der Eckzähne im Unterkiefer. Es ist, als läse man zierlich mit Feder und Tinte geschrieben auf der Etikette in einem Museum:„Klappmütze, Cvsto- phora cristala." „Es ist doch gut, zu wissen, daß er es nun schon lange über- standen hat," sagt der Schiffer, der mit uns anderen davorsteht. „Und für die daheim," füge ich hinzu. „Vielleicht war es für sie am schwersten, ja." sagt er ernst. „Ich entsinne mich noch, wie es war, als»rein Vater und zwei »reiner Brüder eines Jahres fortblieben bei der Winterfischcrci. Das war ein trauriges Weihnachtsfcst.— Aber mit der Zeit wird ja alles leichter," fügt er hinzu.„Man vergißt."— J�eue erzählungsliteratur. H a n L H tz a n: Lehrer M a t t h i c s s c n.(Deutsches Ver- lagshaus Bong u. Eo.. Berlin.) Hhan gehört zu den sympathischen Kämpfern gegen die schreienden Mißstände in unserer glechlspsiege und Strafverfolgung. Er sieht, wie alle tiefer Schauende», den Ver- brecher in erster Linie als ein Produkt unglücklicher wirtschaftlicher Zustände und Zusainmenhänge. als Opfer der Gesellschaftsordnung, als Verirrte oder Abnorme, llnd er betrachtet das moderne Folter- werkzcng der Untersuchungshaft als Klassenjustiz, unfähig, auch nur einen Verbrecher der Gesellschaft zurückzugewinnen, wie daS Zucht- hanS auch der zweckloseste Aufenthalt für Abnorme ist. Hans Hhan ist somit gewissermaßen ein deutscher Miniatur-Galsworthv. Im Lehrer Matthiesfen versucht er einen Schnlfall eines Justizirrtums, der beinahe einen edlen Menschen gebrochen hätte, zu schildern. Dieser Lehrer ist Idealist vom reinsten Wasier, ein treuer Pslichtcnniensch mit weicher Kinderseele und dazu bewußter Märtyrer seiner sittlichen und sozialen Ueberzengungen. DcS LebcnS schwarze Stunde kommt über ihn. Er Ivird verdächtigt, die Scheune seiner Frau, die ein ordinärer Ehorakterr, eine ver- schlagene Lügnerin ist, angezündet zu haben, um die kurz vorher erhöhte VersichernngSsiimme einzustreichen. Die Indizien sind gegen den Unschuldigen. Durch ein Alibi könnte er sich retten. Aber leider lag Klans Matthiesen in der fraglichen Nacht im Arm der Frau seines besten Freundes. Die einzige Sünde seines sonst so reinen Lebens. Um der Geliebten willen also schweigt er, eis fein Alibi gefordert lvird. Er wird verurteilt und schmachtet unschuldig ein sjahr in dem furchtbaren Hanse, bis ihm endlich die Befreinngsstunde schlägt. Die Verwirrungen des Lebens versucht Hhan neben dem vernichtenden Komplex: Justiz bloßzulegen, und wäre ihm nicht bei der Schilderung des humanen AnstallSdircktorS und des Geistlichen zu viel Sentimentalität ciitfahrcn, so dürfte schon um der guten, freien Prosa willen, das nachdenkliche Buch eine starke Wirkung ans- lösen mit seinen scharf umrissenen Kontrastthpcn aus dem sozialen Kampslebc» tu, serer Zeit und den seelischen Jniperalivcn, die den Menschen der Pein, in diesem Falle dem Gericht überliefern. Gustav M e y r i n k: Des deutschen Spießers Annderhor n.(Verlag A. Langen, Münchm. 3 Bde.) Die vorliegende Geiamtausgabe der Meyrinkstiien Novellen umfaßt außer einigen iteuen Arbeiten die frühereit Rovellensammlungen: Wachs- sigurenkabinett, Orchideen, Der heiße Soldat, dazu die beiden fa- moscn Parodien Jörn tthl und Hilligcnlei auf den weidlich über- schätzten niederdeutschen Pastorcn-Marlitt-Frensse». Man überblickt also Melmnks bisheriges Schaffen und hat an diesem originellen Philisterschreck und phantastischen Kopf reinere Freude, als etwa an H. H. EwerS oder Scherbart, seinen geistesverwandten Kopisten. Schon weil Mehrin! reicher und unifassciider ist und seinen Visionen cnisthaft gegenübersteht, dicwejl die anderen mit ihren exzentrischen Gesichten spielen. MeyrinkS Muse ist gewissermaßen Weltanschaiuing. In der Literatur steht er gestempelt da als eine Art mo« derncr Pol. Aber das Grausig-Dämonische� sein be- kamites Wachsfigurenkabinett, angefüllt mit Mördern, Selbstmördern, gigantischen Berbrechern, Rosenkrcuzern, Leichen, Sadisten, Indern, Fakiren, Brahmanen, Sterngnckern, Na-btwandlern. Albinos, Ana- lomen, Magiern, Sezierlen und künstlich belebten Gespenstern, seine Freude am Exzentrischen, Verruchten, Grauenvollen ist ja nur eine Seite, die Nacktseite seines künstlerischen Wesens. Mit sprungbereiten Sinnen durcklönst er die Geheimnisse unseres von Rätseln umgebenen dunklen Lebens. Er sucht überall Schatten, wie um gewisse Nacht- stunden die seelenlosen Schemen der abgestorbenen Himmelskörper lebeusgierig sich in das Reich der Sichtbarkeit schleichen und durch fremdartig zögerndes Gebärdenspicl, da? ein unbestimmtes Grauen weckt, Verständigung tauschen. Diesseits gerichlete Menschen wird der Hoffmannesle, Poehafte transzendental-phantastische Meyrink weniger anziehen, als die„Tagseite" seines Talenies: seine glänzende Begabung im Jronisch-Humorvollen. Hier hat er eine ebenso starkeper- söntiche Art. Es ist ein galliger Bodensatz in seiner oft sozialen Satire, ge- wiß, aber die komisch-trockcne Art des Vortrags, seine kühl-verächtliche Skepsis in der Karikierung gewisser Kasten, Bonzen und Snobs lassen doch stets bei seinen witzigen Ein- und Ausfällen, bei seinen scharfgeschliffenen Pointen ungemischte Heiterkeit auskommen. So z. B. wenn er in einem schauerlich grotesken Rahmen plötzlich die nach Barchent und Wochenbett duftende, von Th. Th. Heine und Gnl- bransso» so oft mit klassischem Stift festgehaltene Pastorenweibche als eine glattgesckeitelte sächsische Betthäsin mit blauen Gänseaugen erscheinen läßt usw. Neben den köstlichen Satiren und tollem Ge- speiisterspnk stehen ein paar pessimistische Reisebricfe über Montreux und Prag, an denen Heinrich Heine, der immer noch unerreickte sati- rische Rciscbriefichreiber, sicherlich seine helle Freude gehabt hätte. Gerhard O u ck a m a Knoop: II 11 t e r K ö n i g M a x. Münchener Roman.(Egon Jleischel n. Co., Berlin.) Gott sei Dank einmal kein moderner Münchener Maler- und Literatnrroman, Marke Schwabing, sondern Lebensbilder aus dem vormärzlichen München der KOer Jabre. Vermochte Knoop in seinem vielgeleieuen Roman „Die Hochmögenden" das Weltbild vergangener holländischer Zeiten ans starker Innerlichkeit wieder aufleben zu lassen, so bleibt er hier äußerlicher und arbeitet ans Alt-Miinchener Boden fast mit den kunstlosen Farben und Fingern Alt-Münchener Bilderbogen. Ein ge- sckickter Genremaler, der aus lauter Episoden und Kleinkram dennoch sickcr die ganze Zeitcpoche deS„guten Bürgerkönigs Max II." zusammenschiebt, unter dem die baumwollenen Bürger- tugenden bekanntlich im höchsten Flor standen und die alt- bajuvarischen Vanernschädcl im großen Bierdorf an der Isar zu rumoren begannen über die imbequeme Invasion der„Nordlichter". Die iiorddeutiche Geistes- kultur, vertreten durch Maler, Architekten� Musiker, Philosophen und Dichter hatte an der schrägscitigcn, Sanssouci nachgeahmten „Tafelrunde" des Bürgerkönigs ihren einflußreichsten Sitz. Dieser „Mnseuhof" und die„Triasidee", die Einigung der demicken Mittel- staateu unter Bayerns Führung war das kimstlerisch-poliiischc Steckenpferd, auf dem sich Max IL nach Herzenslust tummelte, bis der „Romantiker auf dem Thron" ihn 1861 ablöste. Knoop schildert diese ganzen nicht nur für Münchcucr intereisanten Verhältnisse, bei aller Nüchternheit des Chronisten, doch recht anschaulich, wobei ihm eine von allem Schwulst freie Sachlichkeit der Sprache unterstützt. Gibt informierende Einblicke in die damaligen verschiedenen Münchener GesellschaftSschichten,>vie der dem demökratelndcn König mißgünstig gesinnte Adel, die Beamtenschaft, die Pschorr- und Leistbräuphilister, die Handwerksgesellen usw. das Steckenpferd- Spazierenrciten deS dicken Max kommandierten. Mit unverfälschter Plastik, die zuweilen an Josef Rnedercr er- innert, Iverden die Typen der Nach- Biedermeierzeit lebendig und der Leser hat wieder einmal, was er so gern tut,„durchs Schlüsselloch" geguckt und eine Weile ganz unterhaltsam und orientierend eine abgelebte Zeit mitgelebt. Walter v. Molo: Im Titanen kämpf. Ein Schiller- ronian.(Verlag Schuster n. Löffler, Berlin.) Ein WeihnachtL- buch möchte ick diesen Ronian nennen, der das Chronistische durch ein eigenes Ich sieht. Walter Molo brachte im ersten Teil seines SchillerromanS„UinS Menschentum" deS Dichters Jugendcrlebnisic bis zu seiner Flucht. Aber cS waren auch hier meist die Begeben- Helten, daS Konkrete, was fesselte, cS war das Abstrakle, möchte ich sagen, daS Erfühlen, Begreifen und Darstellen psychischer und geistiger Faktoren im Leben Schillers, womit der feurig in seinem Stoff lebende Autor mit Schwung und einer Art Prophctenrausch seinen geliebten Dichter dichterisch verkündete. In gleicher Gchobenheit, man könnte es ganz gut Ekstase neuue», geht der Verfasser hier im zweiten Teil, im Titanenkampf Schillers Wegen nach, des HeroS' Stolz und Menschenwürde in jeder Situation und Kon- frontation in einem Leuchten spiegelnd. Wir treffen Herder, Margarete Schwan, die begehrliche Charlotte von Kalb, die Familie Lengfeld, jede dieser Gestalten in einer Kristallisation, in der das Wesentliche ihres Menschentums verdichtet ist. Das Wort verdichten ist auf Walter von Molo in mehrteiligem Sinn anzn- wenden. Er verdichtet, das heißt konzcnlricrt und kondcnfiert seinen Swff nicht nur auf die Spiirbarkeit einer Atmosphäre hin, er ver-- dichtet ihn auch, indem er die eigene Poetenseele mit Hinzugibt und so vielleicht im Dichterischen zu subjektiv Ivird und Schillers Jiineii- leben nach seinem persönlichen Empfinden ummodelt, umdichtet oder verdichtet. Dieses rasilo'c Steigern jedweden Geschehens ins Er- leben bedingt Wohl auch die Superlative der Sprache Molos. nur diese Hingabe an Schillers AdelSmenschentu»! bedingt wohl auch die leise'Parteilichkeit, mit der der Autor Goethe sieht. Bis gur Bekanntschaft Schillers mit dem grohen Altmeister auf Weimarer Boden geht da? Buch. Der Olympier wurde noch nicbt von den Flammen Schillers entzündet. Der dritte Band: Den Sternen zu wird die weiteren Phasen im Leben Schillers behandeln. S t r o b l: E l e a g a b a l K» p e r u s.(Verlag Georg Müller, München. Wohlfeile Ausgabe in einem Bande.) Diese neue Arbeit Strobls bat viel Beachinng gesundei!. Die 5tritik, gern überschwenglich. pries den Roman als.ein Dichtcrwerk vonInleS Vernes Phantasiekühnheit". ja als den �phantastisch�ntopistischen Roman des Maschinenzeitalters". Strobl, der seinen Nietzsche ebenso gut kennt wie Maeterlinlk und Verhacren. hat den Kreis seines Wollens hier allerdings mit rasendem Zirkel nnqebener weit geschwrmgen. Was ihnr vorschwebte, war ein grotzeS Wellspiegelbild aller anfbalienden und zerstörenden Kräfte in phantastischer Romanform. Und ans den beiden Crtrcmen, den idealen, wellfreinden.Sternguckern" und Lickt- suchern bier nnd den mantmonistischen Bampyren und Ausbeutern des Menschengeschlechts dort, sollte der Sieg des reinen Menschen- tum? auf der Basis des gezüchtete», der befreiten Ordnung im Gefellfchafts- und Einzelleben dienenden Individuums als letztes Ziel alles Seins, aller Arbeit und alles Genusses hervorgehen. Rur ergeht eS eben Strobl wie vielen vor ihm und mit ihm: die Höllen und Tiefen des Menschseins malt er mit aller Kraft und Glut eines erzentrisch überschäumenden DämoniSmuS ans. Beim reinen, schlichten Menschentum koinmt er nicht über Phrasen und Klischees, Konvention hinaus. Der Bluthauch, der vo» dem Un- geheuer Bezug— eine Art mensckenfressender Moloch, das Symbol der Kapitalkoiizeuiration in einer Perlon— ausströmt, packt den Nor- mallescr ebenso sicher, wie die geschlechtliche Raserei seiner sauberen Tochter ihn kitzelt, die zuletzt als erschöpfte Tribade im Tigcrkäfig öffentlich Selbstmord begeht. Der eigentliche Held aber bleibt ein nebelhafte? mit Theorie belastetes Schemen und wird nie eigentlich Gestalt. Bleibt immer eine Worlfigur. So wird man Strobl? Roman mit atemloser Hast dilrchpeitschen. wird mitschwimmen in der bunten Fülle von sensationellen Geschehnisse», aber da? innere Gc- ficht deö erhostieii Weltbildes zerfließt in der Brandung exzentrischer Bisionen und es bleibt die Wirkung etwa eines— Films. J- V. Kleines-peuiUeton. Mntgeiisrrahleu nud Struktur der Materie. Für den Physiker ist cS jetzt eine Lust zu leben. Dinge, um die man sich seit Jahrtausenden müht, finden ihre Lösung. Bor zwei Jahre» überraschte uns der junge deutsche Bhysiker Laue durch den strikten experimenlellen Beweis, daß die Magerte, der Stoff, tatsächlich aus Atomen besteht. Er bewies es au solchen Stoffen, die einen besonder? regelmäßigen Bau besitzen, an Kristallen. Aber nicht da? allein war die Frucht seiner Arbeit, er koste vielmehr gleich- zeitig eine ganze Reihe phynkalischer Probleme, darunter auch die Frage nach der Natur der Röntgenstrahlen und die nach dem Vau der Krislalle. Der sranzösische Physiker Bravais hatte vor lechzig Jabrcn die wissenschaftliche Vernmtmig aufgestellt, die Kristalle seien in ganz bestimmter, auch in ihrer äußeren Gestalt zum Ausdruck kommenden Weise gebaut. Er schrieb ihnen einen netzförmigen Aufbon zu: in den Maschen des Netze? sollten die Moleküle, die kleinsten chemischen Teilchen des Körpers liegen, zwischen ihnen nicht?. In dieser Bernintung steckten zwei Voraus- setzungen, einmal die. daß die Kristalle wie der Stoff überhaupt ans kleinsten isolierten Massenteilchen zusammengesetzt seien �Mole- kulartheoric), und zweitens die. daß sie die erwähnte Anordnung besäßen. Die Molekularthcorie fand in zahlreichen physi- kaUschen und chemischen Erscheinungen eine feste Stütze, bewiesen wurde sie ersr durcb Laue, als er die Kristalle mit Röntgenstrahlen durchleuchtete und diese Bilder photographiich aufnahm. ES ergab sicb, daß die Kristalle cineii gittcrsörmigeu Aiifban besitzen, au denen die Röntgenstrahlen physikalische„Beugung" erlitten. Wie der Schall, so geht bekanntlich auch da? Licht um Ecken. nur um entsprechend kleine Ecken, und die dabei auftreteudeu Er- schernungcn werden als„Benqungserfcbeinun gen" bezeichnet. Man hat ehemals durch die Lichtbeugung den Beweis geliefert, daß das Licht eine Wellenbewegung ist. und derselbe Schluß ergab sich aus Laues Versuche». Die Röirtgrnstcahleu verlausen in Welle« von allerdings so seiner Ralnr. daß sie nur rund den tauserrdsien Teil so lang sind wie die Lichtwelleu. aiso nach Zehnmillionstclu Millimeter messen' Dieser Nachweis ließ sich bisher auf andere Weise nicht führen, und allein diese Feststellung wäre eine ltdeutende physikalische Leistung. Laue hat diesen ganzen Komplex von Pro- blemen ,nit einem Schlage gelöst und es beginnt sich eine nene physi- kalische Disziplin auszubilden, die eine ähnliche Stellung einnimiur ivic die Spektralanalyse de? Lichts. Diese hat uns bekanntlich zu den wichtigsten Erkenntnissen und praktischen Ernmgeuschaften geführt. Wir verdanken ihr nicht bloß die sabelhafle Entivicklnng der Farben- industrie, sondern eine fruchtbare Rückwirkung aus alle möglichen Gebiete. Di« Mctalltechnik bat davon ebenso profitiert wie die verantw. Redakteur: Ätsreb Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Astronomie nsw Man wird auch von der Röntgenspekralanalhse eine wahrhafte Befruchtnnz der Wissenschaft wie der Technik erhoffen dürfen. ES ist nicht möglich, im Rahmen eines kurzen Referates über den Vortrag, den Laue am Mittwoch in einer Veranstaltung des Wissenschaftlichen Vereins in der Urania hielt, die hier auf- tauchenden hochinteressanten Fragen zu erörtern, noch auch eine richtige Darstellung der Probleme zu vermitteln.— Laues Vortrag war inhaltlich sehr gut, er zeigte aber schlagend. wie man solchen Vortrag vor einem Läienpubliknm nicht halte» darf. In übergroßer Bescheidenheit nannte sich Laue nicht einmal als Urheber der neuen Erkenntnis, so daß den meiste» Zuhörern gar nicht zum Bewußtsein kam, warum gerade Herr Laue diesen Vortrag hielt. Worauf cS ankam, konnte nur der erkennen, der den Stoff vcherrscht, und das darf man eben in einem öffentlichen Vortrage nicht allgemein voraussetzen. l1. L. Technisches. Die Talsperre de? Mississippi. Di« Zahl der Wasser- krastanlagen großen Umfanges, die in den letzten Jahren in allen Teilen der bewohnten Well gebaut wurde», ist so groß, daß eine technische Zeilschrift kürzlich bemerken konnte. eS müßten heutzutage schon 150 000 Pferdekräfte.erzeugt und mit einer Spannung von 100 000 Volt übertragen werden, ehe ein derartiges Unternehmen internationales Interesse beanspruchen könne. Die im folgenden be- schriebene Anlage erfüllt und überschreitet mit einer Leistungsfähig- kcit von 300000 Pferdekräften und einer Fernleitungsspannung vo» 110 000 Volt diese Grenzen ganz erheblich. Eigcntlicb ist eS merkwürdig, daß bis jetzt der Mississippi seine gewaltigen Masserniengen dem Atlantischen Ozean znwälzen konnte. ohne daß die darin enthaltene ungeheure Energie irgendwie aus- genützt wurde. Die Projekte von Talsperren im Mississippitale sind freittch alt und zahlreich, ober sie scheiterten alle an der Ungunst der topographischen Verhältnisse. Da? Gefälle des Flusse? ist meistenteils sehr gering und daS Gelände de? TaleS so niedrig, daß jede Erhöhung de? Wasserspiegels durch eine Sperrmauer'die lieber- schwcmmung einer großen Fläche landwirtschaftlich äußerst wertvollen Landes zur Folge haben würde. An einer einzigen Stelle fallen beide Schwierigkeiten weg. das ist kurz oberhalb der Ein- Mündung des Des-Moines-FlusseS, bei der Stadt Klokuk im Staate Iowa. Das Gefälle beträgt bier auf einer Strecke von 20 Kilo- meter eltva 7 Meter,»»d das Tal ist auf beiden Seilen vo« Hügel- reihen ziemlich eng begrenzt. Hier ist denn auch im vergangenen Monat die nunmehr größte Talsperre der Erde fertig geworden. Ouer über den Flnß zieht sich der aus Ilst Bogen bestehende Stau- dämm, der mit seinen Userverankenlngen fast 1.5 Kilometer lang ist. Um einer Nnterwaschuiig vorznbeiigen. ist er etwa 1 Meter tief in da? au? harten Kalkselsen bestehende Fknßbelt cingelaffen, in den: er überdies noch alle 4— 6 Meter durch Slahlstangcn verankert ist. Durch den Damm, der eine Höhe von zirka 8.1 Meter über dem normale» Wasserstand hat, wird das Wasser de? Flusses auf etwa 100 Kilometer bin aufgestaut. Die im Gefälle enthaltene Energie wird durch 30 Turbinen von von je 10 000 Pferdekräften in elektrische Energie verwandelt. die bis jetzt zum größten Teil mit 110 000 Volt Spannring nach St. Louis iransvorliert wird. Die Welle der Turbinen steht. wie da? bei solche» Anlagen gcwöbnlich ist. vertikal, während die Maschinen, die wir sonst in Elektriziiätswerlen zu sehen bekommen. meist horizontale Wellen haben. Die erstere Ausführung bedingt. daß das ganze Gewicht de? rotierenden Teils— zirka 360000 Kilo- graimn!— von einem einzigen Lacker. dem sog. Spcrrlagcr, ge- tragen wird. Die eigentliche Trägerin diese« riesenhaften Gewichtes ist aber eine dünne Oelschicht, die nnter einem Drucke von 645 Atmo- sphären steht mid sich zwischen dem feste» und dem beweglichen Teile de? Lager? besindet. Dadurch wird eine allzu große Reibung und Erhitzung der Lager vollständig vermieden. Der Bau der Anlage ist in typisch amerikanischer Weise an?- gezeichnet organisiert, in« möglichst an Menschenarbeit zu spare» und die Fertigstellung der Zentrale nach Kräften z» beschleunigen. Ganz in der Nähe der Anlage waren für die Bauzeit große Bureau? er- richtet. Für Telephon- und Telegraphenmischluß' war im iveitesteu Maße gesorgt, Stenographen und Schreibmaschine standen überall zur Verfügung, umfangreiche Werkstätten wurden errichtet, in denen nirgends Kranbelrieb und Eisenbahn fehlte. Beim ganze» Vau ist kein einziges Pferd verwendet worden. Ebenso benierkeuSwel t wie die Ausführung ist auch die Gründung und Fiiianziemng de? Niilcruehnien«. Mit wissenschaftlicher Sorgfalt sind alle sür da? Gelingen in Betracht kommenden Faktoren berücksichtigt worden. Namentlich»nlürlick die Möglichkeil, den erzeugten Strom zu verkaufen. Die Lage der Zentrale in der Nähe so großer Städte tvie St. LouiS und Ehicago. in der Mitte des reichen Mississippitale« ist dafür ja äußerst günstig. Es wird versichert, daß der Verwaltung von jedem Industriellen in m-hrere« buiidcrt Meilen Umkreis bekannt gewesen sei. ob er als künftiger Konsument von Strom in Frage kommen und wie groß sein Bedarf sein»verde. Vorivärcs Buchdruckerei u.BerlagSaustaltPaul Singer LcEv.BerlmSV.