Anterhaltungsblatt des Dorivarts Nr. 238. Sonnabend, den 6. Dezember. 1913 371 r>elge Kenciels I�uftfcdlösfer. Ein Chikago-Roman von Henning Berger. — Ay, sagte Wolsey und trat durch eine der Abteilungs- schranken, so daß er jetzt zwischen den beiden Kontoren stand — ich l?abe jetzt nicht Zeit, das ganze Personal zu begrüßen. Ich hätte sonst gern jedem einzelnen besonders gedankt sür treue und anerkennenswerte Arbeit im Dienste der Linie. Leider nmß ich unverzüglich Weiterreisen. Und leider muß ich auch in aller Kürze mitteilen, daß das Hauptquartier in London einschneidende Veränderungen bestinimt hat, Be- stimimmgen, für die ich bloß ein außerhalb stehender Dol- metscher bin. Die Linie soll neu organisiert werden. Unser Herr Curtiß(und hier heftete er einen funkelnden Monokel- blick auf Mr. Ranch, der nach einer Schreibinaschine als Stütze griff) hat leider in seinen Berichten einen Niedergang anstatt eines Aufschwungs in den— ja, wie soll ich mich ausdrücken? — in den Büchern und Rechenschaftsablegungen des Cbikago- kontors konstatiert. Das heißt einzig in der Passagier- abteiliTug. Was die Fracht betrifft, so steht ihre Tätigkeit über jedes Lob erhaben da. Aber die Zeiten haben das eben so mit sich gebracht. So daß niemand denken soll, die Linie .hätte Mr. Ranch auch nur das Geringste vorzuwerfen. Im Wegenteil. Unsere Sachverständigen in London lwben bc- schlössen, seine eminente Tüchtigkeit als Gcschäftsleiter und Rechenschaftsführer an anderer, schwierigerer und höherer Stelle zu verwerten. Wo, das ist noch nicht bestinimt. Für die nächste Zeit, bis neue Anordnungen getroffen werden können, wird Mr. Roth der Fracht- und Passagierabtcilung vorstehen. Mr. Ranch wird,— wie die Londoner Direktion bestimmt hat — sofort seine Demission eingeben und aus weiteres ehren- volles Avancement tvarten. Es tut mir leid, daß diese Aende- rungen ohne Zweifel eine stufenweise Ausmusterung des ge- samten Personals bedeuten. Alles soll mit neuen Kräften organisiert werden. Aber das hat noch Zeit; und ich bin nicht eingeweiht in die Einzelheiten. Hier im Bureau bleibt Mr. W. K. Iay, als Assistent von Mr. Roth. Ay. Diese ganze, lange Rede hatte Herr Woliey tonlos und unnuanciert abgelesen, wid eine Rede bei einem öffentlichen Bankett. Jetzt sah er sich um, und ein.Herr in grauem?ln- zug. mit typisch englischem Portweingesicht und dtinnem, kurz- geschnittenem Backenbart kam auf ihn zu. — Mr. Fay. stellte er vor.— Mr. Ranch. Mr. Roth. Beiden Agenten fiel es schwer, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben; aber die Gegentvart dieses Wolsey wirkte wie ein Zauberbann. Erst ging er in die Frochtabteilung und saß fünf Minuten lang in leisem Gespräch mit Mr. Roth zu- saminen. Daraui schloß er sich zehn Minuten lang mit Mr. Ranch in dessen Privatkontor, ein. Inzwischen unterhielt sich .Herr Fay mit Herrn Swansou, und die beiden übrigen Herren promenierten umher und besahen sich die Bilder und Schiffs- modellc. Schlag halb drei fuhren die Besucher, nach sekundcn- schnellen: Händeschütteln, wieder ab. Die rein handgreifliche Zeremonie der so lange erwarteten Umwälzung hatte genau eine halbe Stunde Zeit in Anspruch genomnreu. Die be- treffenden offiziellen Dokumente waren jedenfalls schon unterwegs. Nack Mr. Wolseys Verschwinden fiel über das ganze Kontor ein Druck, den nieniand zu verhehlen oder zu hebe,: versuchte. Sie waren allesamt entlassen �oder wenigstens hatten sie das Gefühl, als wären sie es. Sogar Mr. Roth saß gedankenvoll, mit müder Miene und gerunzelter Stirn, da. Herr Ranch hatte ihn beglückwünscht, aber mit einein Blick hinter dem goldenen Kneifer, der deutlich besagte, auf- geschoben sei nicht aufgehoben, falls die Jahre ihn: günstig wären. Darauf hatte Herr Ranch sein Pult zugeschlossen und sich auf den Zug nach Evaustou begeben. Auch Helge saß völlig stumpf an: Konossementtisch. In großen Stapeln lagen auf der breiten Platte Kopien von Frachtbriefen im Wert von Millionen. Alles war da, tvas zur Notdurft, zu Eleuuß und Lurus des Menschen diente. Speisen, Kleider, Moschiueu, Feucrgetränke zum Wärmen, Beleben. Betäuben. Eisen- und Stahlwerkzeuge, um die Erde zur Saat zu bereiten. Apparate, um die Pflanze zu behandeln und Vertvaudeln. Andere niechanische Erfindungen, um das verschiedene Material weiter zu entwickeln und zu bearbeiten. Alles war da, auf den dünnen Papierblättern mit Nummer und Namen und Zeichen, Adressen und Gewicht und Wert und Anzahl. Nur nicht ein einziges bißchen Trost oder Hoffnung oder auch nur Tank für gute Behandlung. Er schielte zu seinem Chef hinüber. Roth saß nock) immer wie zuvor. Seine Zigarre war aus- gegangen, und eine kleine Nschenpyrainide war auf seine Linie gefallen. Das semitische Profil war verschlossen und ernst, fast streng. Bendel wagte kein? Frage an ihn zu richten. Es war, als weile H. Maitland Wolseys Schatten mitten in: Kontor. Jeder der Anwesenden trug noch in der Netzhaut das phantastische Bild in Schwarz und Weiß, und hätten sie an die Decke emporgeblickt, so wäre der Mann sicher auf der gegipsten Fläche in natürlicher Größe hervorgetreten. Bendel kam es vor, als sei der ganze Blitzbcsuch unwirklich gewesen. Entlassen! War es möglich, daß diese dreißig Minuten möglicherweise den Ruin aller, die da rund um ihn her saßen, in sich schlössen. Und all derer, die von ihnen abhängig waren? Alles in allen: mehrere hundert Individuen? — Aber es ist ja unmöglich! rief er ganz laut. Roth wandte hastig den Kopf. — Was ist, Bendel? sagte er. Helge stand auf. — Ich möchte wissen, ob ich mich auf meine Entlassung gefaßt machen oder als entlasten betrachten soll, Mr. Rothl Ter Agent schob die Lippen vor. — Na, noch ist ja nichts in: einzelnen bestimmt. Aber daß ich Sie behalte, Bendel, solang' mein Wort etwas gilt, das ist ja klar. Helge wurde kühner. — Aber wenn Mr. Wolsey jemand hat, dem er eine Stellung verschaffen möchte, oder eben jemand anders— denn ich kenne doch das System bei einem Wechsel... — Ich habe doch auch ein Wort mitzusprechen sagte Herr Roth kurz. So nach und nach niachte da? Personal sich wieder an die Arbeit. Aber das Rattern der Schreibmaschinen klang sonder- bar leblos, in: Tippen. Klingeln und Signalisieren war etwas Totes, und selbst das Kratzen der Federn schien inhaltslos. Nur wenn in einem der großen Folianten in der Buch- führungsabteilung ein Blatt umgedreht wurde und im Wenden mit einem kleinen, scharfen Laut knackte, hörte das Geräusch sich sorglos und unbekümmert an. Aber das war auch ein ganz ungewöhnlich harter und kalter Knall— fast wie das Abdrücken eines Revolvers. Jeder einzelne beeilte sich, die notwendige Tagcsarbeit, die, der Kontrolle wegen, nicht auf morgen verschoben werden konnte, zu erledigen. Aber dam: entfernte sich ohne weiteres einer um den anderen, lang vor Kontorschluß. Tie Ver- l?eiratcten sahen blaß und ernst aus; die Unverheirateten bc- gaben sich in Gruppen zu den nächstliegenden Bars, um Mög- lichkeiten und Aussichten zu bereden. Tic Stenographiunei: schwatzten ziemlich unbekümmert über das Ereignis des Tages, und die noch jungen und hübschen unter ihnen lachten sogar über die ganze Sache. Un: fünf Uhr ging Helge. lieber den nordwestlichen Teilen der Stadt schwamm ein roter Rauch, und in diesen: Wolkendunst senkte sich die Sonne wie ein Feuerrad. Schlächtereigeruch schien aus der Erde zu steigen, sich von den Mauern zu lösen; es ivar, als ob der saule Atem der Stadt den Sonnenuntergang anhauchte. Die müden, stadtsommerschlaffen Gesichter der Fußgänger, ihre verschwitzten Kleider, ihr bummeliger Gang, alles, die ganze:: Gestalten, erschienen wie ausgewunden, ausgepreßt, wie durch eine Wäschemaschinc gezogen. Und man konnte fast glauben, daß es die Ausdünstung dieser armen, halbtoten Geschöpfe war, die die Abendluft verpestete. — Wohin soll ich geben? Wohin soll ich gehen? Götter und Teufel— wohin soll ich gehen? Bendel stand an einer Straßenecke und hielt sich an einem Laternenpfahl. Stumpfsinnig starrte er auf eine Stauung von aufgeregt klingelnden Trambahnwagen und las mechanisch am Dach eines uingestürzten Omnibusses: ParinelSes Erpreß Co — Griff und Hannover sind fort, Martcll hat Urlaub «nd ist auch fort�bei Kug�l ist kein Mensch, und außerdem Hab' ich da noch Schulden.... Er ia?) die Freunde daheim in Schweden', und es ward zu einer langen, kühle» Meeresbucht, in der sie badeten. Schöne, kalte Wellenschläge. Tannenduft. Schwedisches Essen. Er hörte den Masseur lachen und jauchzen wie einen Triton, daß es durch die tvaldigen Hügel schallte. Auch Griffs feine Züge zeigten einen Schimmer von Frieden und Glück— er hatte seine Mutter, dort, auf der Veranda der weißen Villa. Jetzt tutete ein Dampfer. Die Wellen plätscherten im«chilf- rohr. — Platz da!— Aufgepaßt!— Hin ist der Gaul! Tie Klinaeln der Trambahnwagen läuteten schrill, und die Flüche und Verwünschungen der Führer ergossen sich wie knatternde Hagelschauer. Einem der Omnibuspferde, einem elefantcngraucn Kentuckyhengst, war ein langes Gabelstück vom Sicherheitsnetz eines Trambahnwagens in die Flanke gedrungen, und es blutete stark. Auf zitternden Beinen, schnaubend vor Schmerzen, stand es nun, noch üniner vor dein Wagen gespannt, mitten auf dem Gleise. Ter Schutzmann zog seinen großen Colte- revolver aus der Tasche. Ter Menschenhaufen wich einen Schritt zurück. Ter Mann setzte die Mündung der Waffe an eine bestimmte Stelle auf der Stirn des Pferdes, ungefähr mitten zwischen die Augen. Ter Menschenring zog sich dichter zusammen, und Augen und idiotisch aufgesperrte Mäuler schienen alle starr auf die Stelle zu blicken, wo der Revolver- lauf ruhte. Ter Schutzmann drückte ab. Ein scharfer 5knall. Das Pferd sank in die Knie, dann fiel es um und streckte, schon erstarrend, alle Viere von sich. Die Hufe schlugen auf das Gleise. Ter Schutzmann steckte den Revolver wieder ein und lüftete den Helm, von dessen Schweißband braune Tropfen rollten. Die Zuschauer sahen einander stillschweigend an, mit einer Art blassem Lächeln, als sagten sie: So einfach ist es! Eine Stimme sagte laut: — Ich glaube, ich geh nach Hause und mach es ebenso! Bloß ganz wenige lachten Tas Riemenzeug wurde deni Pferd abgenommen, und ein paar Männer packten Mähne und Schwanz und schleppien den Kadaver zum linken Rinnstein hinüber. Die Menge löste sich auf und die Trambahnwagcu wickelten sich aus der Blockade heraus. iForttcxung folgt.! ZäfarQ 6rwachen. Eine Skizze aus dem Boheinclebcn von Carl Mosburgcr. Treppauf, treppab war er gepilgert, von Tür zu Tür, von Freund zu Freund, bis er endlich den Krösus gefunden, der ihm etwas leihen konnte. Und dazu gleich fünf Gulden. Das Geld in den Händen, eilt er zur Tür hinaus. Vergessen ist im Nu die dreitägige Qual, vergessen die Müdigkeit, vergessen die Bitterkeit, die in, ihm angehäuft gewesen— alles ist aufgesaugt von dem Bewußtsein: fünf Gülden zu besitzen. Fünf Gulden I Nun rasch etwas Warines in den Leib! Wohin? Ins Easel Da kann man dann noch eine Stunde bei Zeitungen sitzen. Hm, ja: immer das Angenehme mit dein Nützlichen vcr- binden. Scheffels Kater Hidigeigei könnte nicht klüger, praktischer und welterfahrcner sein! Also in das nächste Cafe. Da ist eins! Hm— er kann diese prunkenden, überladenen Cafes eigentlich nicht leiden. Da ist es so ungemütlich, da fühlt er sich gar nicht heimisch. Aber sein Stammcase ist zu weit, draußen regnet» und seine»chuhe... ah, hol'» der Teufel, hinein! Er tritt hastig ein, hängt den Hut an die Wand und ruft: „Kellner— eine Melange!" Dann läßt er sich in einen Stuhl nieder und sinnt. Ter Kellner mißt den Gast mit einem prüfenden Blick. Hm,— Kleider schofel, ohne Schirm und Uebcrrock in diesem Wetter— Kategorie: drei Kreuzer Trinkgeld— hat Zeit! Der so Taxierte aber sinnt: Hm �— fünf Gulden— das wird ja für die nächsten vier Tage reichen— freilich, natürlich! Da kann er sogar den Bojaren spielen! Fünf Gulden— ja, da» reicht! Und nach vier Tagen ist wieder ein Honorar fällig. Das ist ja herrlich— vier sorgenfreie Tage— famos I Ter Kellner stößt ini Vorübergehen an seinen Sessel. Das macht ihn ausfahren. Toniierwetler, er hat doch eine Melange bestellt. Wo bleibt die? „Sie Kellner— wo bleibt meine Melange?" Ein kurzes..Sofort!" und der Kellner enteilt. Hm— vier sorgenfreie Tage, grübelt er weiter. Da kann er ja eigentlich das Zeug, das er begonnen hat, vollenden. Natürlich, damit wird er fertig. Und wenn's gut geht, kann er sogar die Novelle beginnen, die er schon acht Tage guter Hoffnung mit sich herumträgt. Natürlich— da» geht auch! Ucbermorgen kann er mit dem Zeug fertig sein, und dann sofort an die andere Arbeit geschritten. Das ist großartig— vier sorgenfreie Tage— vier Tage der Arbeit.— Eine Gesellschaft tritt laut und lärmend ein. Der Kellner eilt entgegen, nimmt allen Schirm und Stock und Hut ab und bringt diese in Gewahrsam. Dann fragt er, ivas die Herrschaften wünschen und eilt fort. Aber— was ist denn das?! Ter Tisch vor ihm noch immer leer? Zum Teufel hinein— er hat doch eine Melange bestellt? Ja, was glaubt denn der Kellneri Meint er vielleicht... ab, natürlich, der rechnet nur aus zwei, drei Kreuzer Trinkgeld und deshalb... Ist das auch so einer, der die Leute nach dem Rock einschätzt? Denn nur das ist es... o, die Lcut' hat er g'fressenl Es passiert ihm manchmal— aber, Herrgott, wenn mau kein Geld hat, heißt es still sein und vieles herunterschlucken. Der leichte Sack drückt so schwer... man wird ganz eingeschüchtert, man läßt auf sich herumtreten, aber heut'— Herrgott, Donnerwetter, das läßt er sich heute nicht gefallen! Absolut nicht! Er hat schon zu vielem geschwiegen— hm, aber ist denn unsereins ein Hund?— Hui, Kerl, du sollst spitzen, du sollst die Augen aufreißen! Beleidigt weggehen? Nein, just nichtl Er bleibt, und er wird dein Kerl zeigen, was los ist. Das wär' nicht schlecht, daß diese» Volk einem alles bieten darf! Er soll an ihn denken� Und sein ganzer Stolz bäumt sich aus. Er rückt den'Sessel zurück, erhebt sich und ruft in mehr" künstlichem als echtem Zorn, daß es durch das Lokal dröhnt: „Zum Teufel, ich Hab' doch eine Melange bestellt! WaS ist das für eine Wirtschaft!"* Die Gäste und der Kellner blicken auf den Schreier, doch den überkommt jetzt wirklich die Wut. Er reckt sich empor, schlägt aus den Tisch und schreit weiter: „Das soll ein Kaffeehaus sein? Wo ist der Zahlmarkör? Her mit ihm! Oder rufen S' mir den Herrn!" Der Kellner enteilt eingeschüchtert, der Markör kommt, bc- schwichtigt den Erzürnten und bittet um Entschuldigung: es sei nur ein Versehen. Aber alles umsonst. „Larifari!" grollt er>veitex.„Mir machen Sie nichts vor! Ich weiß, was ich weiß. Was ist das für eine Mode, Unterschiede bei den Gästen zu machen? Ist mein Geld weniger wert? Hm— oder ich selbst? Ja, schau'» S' nur! Schau'n S' nur! Alle, wie sie da sind im Cafe— keiner ist mehr als ichl Eher weniger— aber stark weniger! Und wenn s' auch mehr Geld hab'n— dann hab'n s' auch weniger Verstand!— Sie, nehmen Tie den Kaffee nur wieder zurück!" ruft er dem Kellner zu, der mit dem Be- stellten herbeieilt, und zu dem Markör gewendet:„Von dem da will ich nicht bedient sein. Schicken Sic mir einen anderen Kellner her, und der soll mir bringen— hm— einen Tee— und einen Ausschnitt— hm— und dann.. dann.. na.. eine Flasche Vöslauer! So— jetzt wissen Sie's! Und das mit dem die Gäste behandeln ... das lassen Sie sich vergehen, „Aber, bitte.. „Geh'n S', geh'n S'! Hör'n S' ans mit den vielen Reden und schau'n S', daß ich lieber bald meine Sachen bekomm'!" Der Kellner enteilt dienstfertig und bald stehen die bestellten Herrlichkeiten vor ihm. Er schmunzelt vergnügt. Hm— eigentlich ist das komisch, wie er zu den Sachen komint. Aber dein Kellner hat er cs gezeigt— der wird sich das hinter die Ohren schreiben. Na, und ob! Ter Tee ist nicht schlecht— aber trotzdem— Bojaren spielen— Hälfte stehen lassen— und vom Aufschnitt nur einige Scheiben— sodann den Teller von sich schieben. Nur den Wein trinkt er zur Gänze— ah— Vöslauer! Und wie ihm der durch die Adern rinnt, wird er vergnügt glnd heiter. Ah— dem Kerl, dem Kellner, hat cr'S gegeben! Das war famos— das war präcbiig. Wie der geschaut hat! Aber noch einen Spaß, noch einen Hauptspaß gönnt er sich! Hol's der Teufel, das ist schon alles eins! G'hupft wie g'sprungenl „Zahlen!" Er bezahlt die Zeche und ist mit dein Trinkgeld so freigebig, daß ihm noch zwei Gulden übrig bleiben. Tann sagt er langsam: „Holen Tie mir einen Fiaker!" Man holt ihn herbei, er besteigt den Wagen und ruft dem Kutscher die Wohnung zu. Dann lehnt er sich behaglich auf dem schwellenden Sitze zurück und ist kreuzfidel.—— Am Abend reckt und streckt er sich in seinem Zimmer. Mit der Arbeit und den vier sorgenfreien Tagen ist cS freilich nichts, aber darüber grämt er sich nicht. „'s Geld is pfutsch!" tröstet er sich.„Aber dem Kerl Hab' ich es gezeigt! Und dann— da d'ri», in der Brust, lebt noch der Zäsar— den machen sie mir nicht kaput— und das ist auch Geld wert! Das ist Geld wert!" tflktmlUs" aus alten Zeitungen! In einem überaus verdienstlichen Werke„Das Neueste von gestern", das im Verlage von Albert Langen in München erschienen ist und im ganzen fünf Bände umfaßt, hal Eberhard Buchner eine unendliche Fülle von kulturhistorisch bedeutsamem Material aus den deutschen Zeitungen deS sechzehnten, siebzehnten und acht- zehnten Jahrhunderts zusammengetragen. Wer ein wirklich lebendiges Bild von jenen Zeiten bekommen will, wird künftig an diesen Bänden Buchners nicht vorübergehen können. Es steckt in ihnen«in ungeheurer Sammler, und Sichterfleiß, und wenn man alle diese Dokumente, die da zusammengetragen sind, nicht nur durchblättert, sondern wirklich durchstudiert, so wird tnan dem innersten Wesen jener vergangenen Zeiten viel näher kommen als durch die Lektüre so manchen dickleibigen Geschichtswerkes. Denn hier wird nicht über die Zeit berichtet— hier spricht die Zeit selbst zu uns in all der lebensvollen Unmittelbarkeit, wie sie vor der Erfindung des Kinos nur die Zeitung späteren Geschlechtern zu überliefern vermochte. Doch wir wollen hier keine Rezension schreiben. Wir wollen heute nichts anderes, als aus der überwältigenden Masse des in Buchners Bänden aufgestapelten Materials auf gut Glück ein paar Notizen herausgreifen, die uns Menschen des zwanzigsten Jahr- Hunderts verblüffend„moder n" anmuten, die, wie es in der Zcitungssprache von heute heißt, durchaus den Reiz der „Mtualität" haben und die uns zeigen, daß so manches, auf das wir heute mit mehr oder weniger Recht stolz sind, seine Wurzeln in längst vergangenen Tagen hat. Auf was z. B. sind wir wohl stolzer als auf unsere„Eroberung der Luft"? Wie sehr man sich aber vor bereits 125 Jahren mit Fragen der Luftschiffahrt befaßte, zeigt uns— um nur diese eine herauszugreifen— die Nr. 102 der Berliner„Bossischen Zeitung" vom Jahre 1784. In dieser einen Nummer finden wir nicht weniger als 5 B c r i ch t e aus verschiedenen Städten über Versuche, die man mit Luftfahrzeugen gemacht hat. So'wird aus Bordeaux berichtet, daß dort zwei Erfinder Versuche„mit einer großen aerostatischen Maschine" gemacht hatten, die„70 Fuß im Durchmesser" hatte. Sechs Stunden lang sind die Herren auch wirklich in der Luft herum- geflogen, dann aber ist lgaiiz wie so oft auch heute!) ihre Maschine verbrannt,„da sie eben die Erde berührte". Ein in Chelsea er- bauics Luftfahrzeug, das hundert Fuß im Durchmesser hatte, wurde von den bei seinem ersten Aufstieg angesammelten Volks- niasscn(über 30 000 Menschen sollen zusammengelaufen sein!) zerstört. Äuch bei Cöln fiel ein Luftfahrzeug nach seinem ersten Aufstieg der Zerstörung durch die Bauern anHeim, in Mainz wiederum verbrannte ein Luftballon, an dessen Herstellung der Er- bauer fünf Monate gearbeitet hatte, beim ersten Versuch, und in Rom wurde zu gleicher Zeit die Luftschiffahrt überhaupt ver- boten! Alle diese Berichte bringt, wie gesagt, eine einzige N n m m e r der„Bossischen Zeitung". Im ganzen hat Buchner aus deutschen Zeitungen allein aus der Zeit von 1750 bis 1787 (d. h. im dritten Bande seiner Sammlung) nicht weniger als 45 zum Teil sehr interessante und ausführliche Artikel über Luftschiff- fahrt zusammengestellt, wobei Mitteilungen wie jene erwähnten 6 aus einer Zeitungsnummer immer nur als ein Artikel ge- rechnet sind. Neben der Luftschisfahrt sind wir Menschen von heute besonders stolz auf die Erfindung des Automobils. Auch da macht uns Büchner bescheiden, indem er uns, gleichfalls aus der„Vossischen Zeitung", und zwar unter dem 20. Mai 1709, die Nachricht mit- teilt, daß zu London jemand„eine Art von Fuhrwerk erfunden hat, welche? ganz von selbst gehet und wozu man keine Pferde oder sonst etwas, dasselbe zu ziehen, gebraucht". Also: ein Automobil! Auch die Stenographie halten die meisten Leser gewiß für eine Errungenschaft zwar nicht des zwanzigsten, wohl aber des neunzehnten Jahrhunderts. Demgegenüber sei festgestellt, daß nicht nur die alten Römer schon ein« Art von Schnellschrift kannten, über deren Einzelheiten wir allerdings nicht mehr unterrichtet sind, sondern daß auch im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts wieder — hundert Jahre vor Gabelsbcrgcr!— eine Schnellschrift erfunden worden ist. Wenigstens meldet im Jahre 1725, in seiner Nr. 78, der„Haniburgische Korrespondent" aus London, den 4. Mai, das Folgende: „Für Herrn Jacot Westen wird ein Patent ausgefertigt, kraft dessen er allein befugt ist, von der Tachygraphie lKurzschrift) was im Druck zu geben und zu zeigen, wie man durch einen oder gar wenige Charakters(Schrijtzeichen) ganze Wörter exprimicrcn (ausdrücken) könne, welches dem Publiko großen Vorteil bringet, im Falle man sich solcher Methode bedienen will." Auch sonst mutet uns sehr viel aus diesen alten Zeitungen überaus modern an. In Berlin und wohl auch in manchen anderen Großstädten grassiert z. B. seit Jahr und Tag der grobe Unfug, daß sich gewisse Kaffeehäuser allerlei Abnormitäten engagieren, die dort als Kapellmeister oder Musiker austreten müssen. Das sind dann immer besonders große„Attraktionen". Auch dieser Unfug ist schon einmal dagewesen— vor fast ei» h u n d e r t n n d f ü n f- zig Jahren! Es berichtet nämlich die„Bossische Zeitung" in ihrer Nr. 120 des Jahrganges 1771: „Die Kaffeehäuser in Paris werden seht wenig oder gar nicht besucht, und die Caföticrs sind darüber sehr verlegen. Einer von ihnen hat sich zu helfe» gewußt. Er hat ein Konzert aus laut e r blinden Musik a u t c n e i n g e r i ch t c t und zu dem Ende(Zwecke) viele blinde Bettler, die singen und spielen, von der-traße genommen, sie grotesk gelleidet und nebeneinander auf ein besonders gebautes Orchester hingestellt, vor jedem ein Licht, auch am hellen Tag«, hingesehet, und«inen Bogen Noten hingelegek. Hier singen sie wechselweise Gassenlieder, und wenn einer singet, so accompagnieren(begleiten) ihn die anderen alle... ... Ein anderer Casetier hat diese Erfindung nach an« wendbaren Lösungsmethode. In den Prcßberichten spiegelt sich je- doch eine noturgeinäße Enttäuschung des Publikums ab, da es sich herausstellte, daß es sich nur um die Lösung einer einzigen „Endspielstudie"(also ohne Einschränkung der Zügezahl) handelte, die, von einem gewtsten Lococq herrührend, wie folgt aussieht: „Weiß— Kai; BB d5, e4 und g3. Schwarz— Kg8; BB 67, d6 und g4. Weiß am Zuge soll"(angeblich)„gewinnen können". Die Lösung besteht nach Dr. Tarrasch in:„1. KM. KU8*(?i; „2. Kb2, Kg8; 3. Kb3, Kg7; 4. Kc3, KIT; 5. Kc4, Kg6; 6. Kd3, Kf(3; 7. Kd4 liebst o4— e5 und Gewinnstelllmg". Soweil wir c i n st- weilen sehen, scheint uns diese Lösung mindestens lückenhaft, viel- leicht gar überhaupt inkorrekt?... Denn nach«1. KM", Kg8— g7! sehen wir noch keinen Gewinn für Weiß. Z. B.: 2. Kb2, Kh8! oder 2. Kc2, Kh7! oder 2. Ka2, Kh7 oder 2. Kai, Kg8 uflv. Im weiteren Verlauf des immerhin interessanten Tempospieles der beiden Könige sind folgende Feldergruppen zu merken: 1. al. a3, c3, und g7; 2. a2, c2 und hT; 3. dl. dZ und g»; 4. b2 und h8; 5. 62 und b6; 6. c4, e3 und entsprechend k7. gö; 7. 44, e2 und entsprechend i6, llö; endlich 8. 63 und gO._ Ilm nicht in Verluststellung zu geraten, muß Schwarz trachten, seinenKönig immer auf einem Felde derselben Gruppe zu postieren, da? sein Opponent einnimmt und, kann er eS nicht, so wenigstens eine Feldergruppe zu betreten, die momentan für den Gegner noch nickst erreichbar ist. (Selbstverständlich unter fortwährender Verhinderung von e4— eö oder Ko3— 54.) Diese Methode der Einteilmrg des in Frage koin- inenden Terrains in einzelne Gruppen nnrcreinandcr korrespon- dierender Felder ist schon längst von O. T. Blntty in Budapest nnd I. de Oueylar in Marseille für g e iv i s f e Tempospiele entdeckt und zuletzt von D. Przepiorka in München, der hierauf selbständig gekommen war, genau beschrieben worden. Er nannie sie die Methode der„eindeutigen Beziehung", ein Aus- druck, der auch in der Motheniatil vorkommt. Nur dieser„Ans- druck" veranlaßt? Dr. T.. in die Bctitelmig seine? Vortrages den angeblich„mathematischen Weg" einzuführen. waS von den Bericht- erstattern der Presse gerügt wird. Denn mit der Mathematik bat die Sache innerlich wirklich nichts zu tun!... Im übrigen müiicir wir noch bemerken, daß wir selbst schon längst, am 25. Februar und 4. März 191 t(!) nämlich, unseren Lesern über das Thema berichtet haben und zwar unter Vorführnng zweier korrekter, illustrierender End'pielstudien von O. T. Blatttz und Dr. Em. LaSker, während die Korrektheit der obigen Lococqschen Stellung uns noch mindestens zweifelhaft scheint. Vorgabepsrtie. Weiß gab die D a m e(1) vor. Dr. S. Tarrasch, Amateur. 1. o2— e4 2. 52-54 3 62-63 4. SM— c3 3. d3X®4 «. 54"«5 c/— eo 67— 66 57— f5 f5X®4 a7— a6 66Xe5 7. Sgl— f3 LfS— b4 8. Ixsl— p5.».. Bisher bat Schwarz verhält- nismößig zurBorgabe ganz gut gesvielt. Run tommc» aber die rechtfertigende» FeHtzüge. 8...... 1)68—66? 9. Tal— 61 DdC— g6? 10. Tdl— dSf Ke8— 57 11. Lfl— c4t Dg6— e6 12. UaXeürsi Vorwärts Buchöruckerer u.VertagSanstattPaut Singer LrEo., Berlin S>V.