Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 239. Dienstag, den 9 Dezember. 38] Helge Bendels Luftfchlöffer. Ein Chikago- Roman von Henning Berger. Lillys Briefe muß ich verbrennen, fiel es Helge plöẞlich ein. Und die Photographien. Alles. Er hatte die Schwestern nicht mehr gesehen seit der Nacht, als er sie auf dem Dach zurückgelassen hatte. Reuter hat.e mit keinem Blick, mit feinem Nicken an ihr Zusammensein erinnert. Es war, als wäre es nie gewesen, und als eriſtiere Bendel überhaupt nicht. Eines Morgens fand er einen dicken parfümdurchtränkten Brief mit der wohlbekannten, großen, fast senkrecht stehenden Schrift der Fanchetti vor. Er wog ihn in der Hand, und sein Herz hämmerte in schnellerem Takt. Dann aber nahm er rasch eins der großen Firmakuverte, steckte den uneröffneten Brief hinein, schrieb die gewohnte New Yorker Adresse eine Chiffre darauf und übergab Burke sofort den Brief zum Befördern. Daraufhin kam einmal eine Ansichtskarte aus Ostende, mit dem Gewimmel am Strand vor dem Badehotel. Herzlichen Gruß und alles Gute wünscht Lilly Hanchetti!" stand quer über dem Bild geschrieben. Ein paar Tage lang ließ er das Bild auf dem Ronnossementen- Tisch stehen. Es war immerhin eine Art Sommerbild. Helge ließ den Laternenpfahl los, dessen Eisenrückgrat er eine halbe Stunde lang umflammert hatte. So elend, hoffnungslos, einsam und unlustig hatte er sich noch nie gefühlt. Früher war alles voll blauer Flecken, goldener Ränder und rosiger Perspektive gewesen in der schwarzblauen Gewitterwolfe. In dieser Atmosphäre tödlich drückender Hiße und Fäulnis, in der Enge und dem Druck der Kontorkatastrophe, mit dem Entbehrungsgefühl der paar verlebten Feiertage und der nach jeder Richtung hin zunichte gewordenen Illufionen glaubte er das Ende vor sich zu sehen. Und wenn dem so war: worauf wartest du? So einfach! Wie vorhin mit dem Pferd. Da tönte ein Gong. Es war nicht die Polizeipikette der Klang war feiner und schriller. Helge blickte südwärts und sah, wie auf beiden Trottoiren in der Ferne schwarze Menschenkeile dahinstürzten. An den Seiten des Fahrdamms stürmte ein langes Band von Radfahrern. Und mitten auf dem Asphalt kam in rasender Fahrt ein wohlbekanntes Gefährt der kleine Bankwagen der Daily News mit dem Doppelpaar schwarzer Pferde. Drei oder vier Reporter saßen im Innern des schlingernden Rumpfes festgeflammert, und auf dem Bock, neben dem Kutscher, hing Frank Holme; mit der einen Hand hielt er die Müße über die im Wind flatternden dunkeln Haarsträhnen gepreßt; die andere umspannte mit frampfhaften Griff das große Skizzenbuch. 913 In dieser Aufregung, die die erstickende und sachte kochende Ofentemperatur gleichsam noch unterstrich, überkam Helge ein unnatürliches Verlangen, das Gratisschauspiel des Brandunglücks mit anzusehen. Es war das Verlangen des Pöbels nach Zirkusspielen, aber auch das stumme Begehren des Massentiers nach etwas Erlösendem, Zerstörendem. Wenn eine Feuersbrunst aufs neue die ganze Stadt in Asche legte er selbst würde, wie die Mehrzahl, nur wenig davon be rührt, im Gegenteil, ihm würde es geradezu Vorteil bringen. Bestürzt über seine eigenen Betrachtungen blickte er in die Höhe. Ueber die Dächer quollen dicke Rauchwolfen, und die obersten Fenster der Wolkenkrazer auf der Ostseite der Straße waren wie mit Blut gefärbt. Der Himmel sah aus wie aus Backstein gemauert. Jezt merkte er, wie die Leute aus den Läden und Haustüren famen und emporstarrten. Barhaupte Männer und Frauen traten weit auf die Trottoire vor und deuteten. mitten auf dem Fahrdamm standen Menschen, die Pferde wurden angehalten, während die Kutscher einander mit den Peitschenschäften die flammenden Reflexe am Himmel wiesen. Drüben auf der Westseite brennt es am westlichen Flußufer- es muß ein Elevator sein... Und schon wußte auch jemand Ort und Stelle: Es sind Reuters Getreideelevatoren! Von Mund zu Mund wiederholte sich der Name: Reuter Reuters Weizen! Und unentwegt hörte man an den Straßenkreuzung.n die Brandwagen rättern, Pferde schnauben, eilende Füße und Trompetenstöße. Plötzlich begann Bendel zu laufen die die übrigen. Er geriet in eine Menge, die an der Madison Street abbog und darauf westwärts stürmte. Lange eh sie die westliche Tunnelbrücke erreicht hatten, sahen sie Flammen in dem dicken Rauch, der in einer ungeheuren Spiralsäule meilenhoch emporzuwachsen und sich dann in Regelform auszubreiten schien. Helge stellte sich vor, der Ausbruch eines feuerspeienden Berges müßte aussehen wie dieser Brand. Die Brücke war von der Polizei gesperrt. Helge folgte ein paar Männern, die jetzt quer durch einen Sohlenhof sprangen, von wo aus fie auf die Strandgasse des westlichen Flußarms, ein mit schwarzem Kohlengestübb und verfaulten Holzabfällen bestreutes, von einem zermorschten Bretterzaun eingefaßtes Gelände kamen. Ez war dicht gedrängt voll Menschen, und auf den Dächern der Holzbaracken, auf Baun und Pfählen, in den Flußprahmen und sogar auf den Ketten standen, saßen, lagen, wie Fliegen sich festklammernd und-haltend, Tausende von Neugierigen. All diese Gestalten leuchteten, als brenne jede einzelne aus sich selbst heraus. Der Riesenbrand auf dem andern Ufer illuminierte die ganze, hier sich senkende östliche Stadthälfte, als sei sie mit roter Farbe unterstrichen. Wie eine Salfwand sieht er aus im Gesicht! Das war alles, was Helge zu denken vermochte. Dann waren sie vorüber. Das Klappern der Hufe verstummte. Es war wirklich Reuters Getreide, das in einem blenAber in der Kielspur des raschen Reportergefährts folgten denden Feuerwerk, in Form von glühenden Sternen, gen jezt die Feuerwehrwagen der ersten Abteilung des Süd- Himmel sprühte, un darauf in einem prächtigen Funkenregen viertels. Drei schwere, von Messing, Kupfer und Nickel als schwarzer Rußkörnerschwarm in den spiegelnden Fluß blizende Feuersprigen lärmten tutend und glockenschmetternd zu fallen. Aber es waren nicht seine Magazine, sondern ein vorüber. Zinnoberrote Feuerleitern, fleine Kabriolette und ganzer Komplex von Elevatoren, hoch wie Bergfesten, häßlich Gigs, zwei lange, flache Wagen mit Mannschaften in Del- wie Gefängnisse, der der großen Nord- West- Eisenbahnlinie röcken und Feuerwehrhelmen, nebst Polizei- und Ambulanz- gehörte. Mit einem sarkastischen Lächeln horchte Bendel auf wagen strichen wie grade Linien die Straße entlang. Und die Bemerkungen der Zunächststehenden. Sie meinten, daß von Norden, Osten und Westen ertönten dieselben Signale, dasselbe Rädergetöse und Werkzeuggerassel. Großfeuer. Gleichzeitig klapperten ringsumher Sohlen, gleich Hufen einer Viehhofherde. Keuchend in der schweren Abendluft stürzten die Mengen von der Clark Street in der Richtung der Wagen dahin. Sie liefen wie eine Koppel schnaubender Hunde, mit Augen und Zungen, die aus ihren Höhlen heraushingen, ohne Hüte, mit aufgerissenen Hemden und flatternden Krawatten. Die Tuberkellungen pfiffen, und zwischen den widerhallenden Laufschritten vernahm man unartikulierte. Ausrufe, herausgezischt wie aus Dampfpfeifen; Es brennt! Es brennt! Feuer Großfeuer! hier der Spekulant große Kapitalien verlöre, und daß die Feuersbrunst als eine Art Strafe anzusehen wäre für seine vermessenen Versuche, sich zum Alleinherrscher über das Brot des Volkes zu machen. Aber so war es gar nicht; nicht einen Cent verlor Reuter; alles, Getreide, Wagen, Mauern und Maschinen waren versichert, und wenn irgend etwas, so gewann er noch dabei, weil überhaupt nicht Fahrzeuge genug da waren, um in vertragsmäßiger Zeit seinen ganzen erhofften Weizenreichtum zur Ausfuhr zu bringen. Von der Strandgasse aus sah man die Feuersbrunst bloß wie ein großes Panorama. Das brennende Getreide bildete Feuer! wunderbare Rauchformationen, die ein schwacher Wind von Süden nordwärts fegte. Aber Einzelheiten sah man nicht, 954 nicht einmal die Flußsprißen, deren arbeitendes Stampfen Staaten fein Land mit deutscher Sprache und Kultur geworden sind, über dem Wasser her dröhnte. Die Feuerwehr versuchte oder wenigstens doch, warum der Einfluß der deutschen Raffe auf augenscheinlich den Vulkan nur zu begrenzen, nicht zu löschen; Staat und Gesellschaft so überaus gering war und ist. Die deutschen Einwohner wurden Amerikas Tagelöhner, wurden zu seinem Kulturdenn die Dampfwolfen, die in weißen Ballen erst zwischen dünger, ohne dafür irgend welche Anerkennung zu finden. Das war dem Rußrauch aufgezischt waren, hatten aufgehört. Das weniger die Schuld der deutschen Einwanderer, sondern die Folge Wasser wandelte sich durch die Hiße zu Dunst, noch längst des politischen Elends ihrer Heimat. In den Vereinigten Staaten eh es die Mauern erreichte, und so brannte, scheinbar ohne hat das Deutschtum hundertfältig büßen müssen, was die herrschenden Klassen Deutschlands am Volke verbrochen haben. Widerstand, das gewaltige Weizenopfer gen Himmel. Die Menge verfolgte stillschweigend die ganze Entwickelung. Die Einzelpersonen schmolzen immer mehr ineinander, wurden stumm, gestikulierten nicht mehr, erstarrten, als würden sie von den Flammen drüben zu einer Schlackenmasse zusammengeschweißt. Manchmal hob sich eine vereinzelte Hand, und dann sah sie aus wie eine Fahne vor einer Schlachtfront, rot, als brennte sie. Wenn eine Mauer fiel oder ein Dachgiebel zusammenstürzte, ging ein langgezogenes Murmeln durch den Volkshaufen. Dann wieder tiefes Schweigen. Weder Hize noch Geräusch gelangte bis hier herüber. Nachdem Helge lange Zeit auf den Brand hinübergestarrt hatte, kam es ihm vor, als flössen Wasser und Luft ineinander. Der Fluß war eine blanke Flamme, und die großen, brennenden Häuser die Rize eines Tors, aber nicht zum Himmel, sondern zur Hölle. * Der zahlenmäßige Niedergang des Deutschtums in Amerika wird durch natürliche Ursachen, durch Rüdgang der Einwanderung, bestimmt. Wo der Tod eine Lüde reißt, tritt zumeist fein Ersatzmann ein. Der Verlust müßte und kann nur durch den deutschen Nachwuchs ausgeglichen werden. Dieser aber zeigt dazu auch nicht die ge ringste Neigung. Er steht der Sitte und Sprache der Väter mit vollständiger Gleichgültigkeit gegenüber, die vielfach umschlägt in Feindschaft gegen alles Deutsche. In Amerika wird das Deutschtum von seiner eigenen Nach tommenſchaft verleugnet, nein, noch mehr, von ihr ins Grab gejdjagen. Diese Tatsache ist zu bestürzend und zu betrübend, als daß man wortlos daran vorübergehen könnte. Nach ihren Ursachen haben Angehörige aller Bolfsschichten und sämtlicher politischen Richtungen gesucht. Keinem der Forscher ist es, soweit ich zu sehen vermag, gelungen, den Urquell des Uebels zu entdecken; fie fonnten ihn auch gar nicht entdecken, weil sie ihn, anstatt in Europa, in Amerika suchten. Hallo, Bendel! sagte eine breiige Stimme. Helge wandte sich um. Neben ihm stand Hastings, einer haben, von der breiten Volksmasse getragen werden. Diese ewige Eine große Bewegung muß, soll sie Straft und langes Leben der Kontoristen aus der Zweiteklasse- Abteilung. Der Feuer- Wahrheit gilt selbstverständlich auch für das Deutschtum jenseits schein färbte sein für gewöhnlich blaffes, hageres Gesicht. Er des Weltmeeres. Wäre es von der unteren, der zahlreichsten Schicht war unverheiratet und kleidete sich mit einer gewissen Prä- der deutschen Einwanderung, von der Arbeiterschaft, fräftig untertention. Aber dieser Anspruch auf Eleganz war an diesem stüßt worden, es stände heute besser da. Das war jedoch nicht der Abend traurig abgeschwächt. Sein Hemd war so zerknittert Fall. Die Arbeiter standen gleichgültig beiseite. Wie hätten fie und verfleckt, als hätte man darauf herumgestampft und-ge- deutsche Sache gewedt worden? Hat das deutsche Baterland durch anders handeln können? Ist bei ihnen das Verständnis für die trampelt, und der gestärkte Kragen war geschmolzen wie ein irgend welche Wohltaten Anspruch auf ihre Zuneigung erworben? Stüd Stearin. Sogar die Kleider sahen ganz abgetragen Sind fie in der Heimat mit den Fähigkeiten ausgeftatet worden, aus; voll Straßenstaub und Asphaltschmuz waren sie. An deren es bedurfte, um ihre Kinder mit deutschem Geist zu erfüllen? Knien und Ellbogen saßen eingetrocknete Mistreste und Stroh- Mit nichten. halme. Hallo, Hastings! gab Bendel zurück. -Ich bin verflucht betrunken! jagte Hastings mit einem Aufstoßen. Wie der Satan hab' ich getrunken, Bendel! -Recht so! sagte Helge. Ja, freilich ist es recht so! schrie der Kontorist. Und jetzt jetzt haben wir ein Großfeuer. Das ist das das das ist auch recht! - Ganz gewiß. Aber weshalb bist du nicht auch besoffen? Was? Am die Kerls von der Kennyon Linie sind besoffen heut' Nacht. Ja, Herr. Wir feiern unsere Entlassung. Meinst du, ich scher' mich drum? Ich fürcht' mich davor? Ich könnte nicht jederzeit einen andern Jobb kriegen? Was? Nein, Herr. Ich werd' diesem verdammten H. Maitland Wolsey Esquire schon zeigen, daß ich in zwei Jahren der Leiter der größten Linie der ganzen Welt bin, Herr. Ja, Herr. Hören Sie? Der größten Linie der Welt! Ich bin Amerikaner. Nicht so ein verdammter Engländer oder Schwede. Verstehen Sie? Geboren im Lande Gottes- im Lande Gottes! Unser Land ist unser stolzer Adler, Herr! ( Fortiebung folgt.) Das deutsche Elend in der neuen Welt.*) Gaffon sagt, Dntel Sam habe etwa fünfeinhalb Millionen Deutsche in seine Familie aufgenommen, und eine forgfältige Schäzung zeige, daß das Sternenbanner zurzeit über zwölf Millionen Deutsche, Männer, Frauen und Kinder wehe. Man mag diese Zahlen übertrieben nennen, immerhin, so viel ist gewiß, das Land der Dichter und Denker hat mehr Söhne zu Ontel Sam gefandt, als irgend ein anderes. Und unter den deutschen Auswanderern befanden sich die besten ihrer Rasse und ihrer Klasse und ihrer Zeit. Diese Tatsache heißt einen fragen, warum die Vereinigten *) Im Verlag von Alexander Schlicke u. Cie., Stuttgart, erscheint demnächst ein Buch von Frit Kummer: Eines Arbeiters Weltreise. Das Werk ist reich illustriert und mit einer Karte versehen. Vorzugspreis bis 1. Februar 1914 3 M., später 4,50 M. Aus dem uns vom Verlag zugestellten Aushängebogen drucken wir obiges Kapitel ab. Politisches Elend oder wirtschaftliche Not trieb die Arbeiter über das weite Meer. Was ihnen der Steuererheber oder der Gerichtsfür die Reise im Zwischended. Im Goldlande Amerika tamen fie mit vollzieher von ihrer färglichen habe gelassen hatte, langte gerade leeren Händen und vielem Weh in der Brust an. Mit dem Vaterland waren fie fertig. Gewiß stellte sich bei den meisten bald ein Klemmen in der Brust, eine Sehnsucht nach einem Etwas, kurz das Heimweh ein. Allein ein Blick auf die Wasserwüste und auf den Barmittelbestand drückte es wieder nieder. Dann ließ der Kampf ums Dasein ohnehin nicht viel Muße zur Beschäftigung mit solchen Gefühlen. Das rauhe Proletarierleben ist ein schlechter Boden für ihre Entfaltung. Die Not trieb zur Suche nach Arbeit, noch ehe der Mond im neuen Lande einigemal gewechselt hatte. Allzu wählerisch durfte und konnte der Antömmling nicht sein. Selbst wenn er daheim der besten einer in seinem Fade gewesen, hatte das jetzt zumeist feine Bedeutung. Vor allem wurde Brot gebraucht und auch einige Dollar für neuen Hausrat. Der Fremdling durfte sich nichts verdrießen aber jedenfalls schanzte er von früh bis spät. So tat seine Frau. lassen. Vielleicht feufzte, murrte er, schludte den Aerger hinunter, ure starken Arme, ihre Nüftigkeit und Arbeite lust kamen dem neu errichteten Haushalt gut zustatten. Sie scheuerte, wusch, nähte, wichste, furg eriegte einer eingeborenen Familie einen Mann und ein Mädchen für alles für übermäßig geringe Ansprüche. Und die Kinder? Diese lagen den lieben langen Tag im Lustpark der Armen, auf der Straße. Die Fabrilpfeifen schreckten sie bom harten Lager, das Tageslicht lockte sie heraus aus dem düsteren Heim, der Straßenlärm begleitete sie, eine gute Vorsehung beschützte fie. Das Einwandererkind gleicht dem Blatt, das der Herbstwind in die Straße weht und weitertreibt. Einsam, fremd, gottverlassen, fucht es und findet es bald Spielgenoffen. Deren selbstbewußtes Auftreten, ihre Sicherheit im Urteil fällt der kindlichen Unschuld vom deutschen Lande sofort auf. Ihre Dreiftigkeit im Verkehr mit den Großen" gebietet Achtung. Von ihnen sieht das fremde Kind verteufelt spaßige Kniffe, hört fremde Laute, die begierig nachgeahmat, zu Worten gemacht, zu Säßen geformt werden. Bald ist ein englischer Wortschatz gesammelt, mit dem nach besten Kräften gewuchert wird. Mit der Sprache ist der Schlüssel gegeben zu dem Schreine, der für Auge und Ohr des fremden Kindes wundersame Dinge bringt. Frei von der schützenden, leitenden, zwingenden Elternhand, plöglich, unvorbereitet hineingeworfen in eine fremde, eigenartige Welt, ringt Herz und Kopf des Einwandererkindes, die sturmartig eindringenden Eindrücke zu fassen. Es läßt sich bescheiden, schüchtern an. Bald wird es mit nicht gerade ehrerbietenden Geberden " Dutch" geheißen. Es vermeidet alles, was ihm als Ursache dieses Spottnamens beucht. Der geschärfte Verstand empfängt von des Dutchman's Country"( Deutschland) himmeltraurigen Bericht und viel, sehr viel Wunderbares, einfach unfaßbar Großartiges von dem " „herrlichsten LiN'.de", das die Sonne bescheint, von Amerika. Bald siebt es den Jim blanke Nirkelstücke für Zigaretten spenden, den Bill Lackschuhe tragen, den John auf Rollschuhen kugeln. Von den Müttern seiner Spielkameraden hört es sagen, dag sie„Fünf- Dollar-Hüte" haben, Ladies sind, die Schwester eine Mig ist, der Vater einen„Vier-Dollar-Job" sVerdienst) hat. Und der fein auf- geputzte Parlor sEmpfangsraum) mit dem schönen Hausrat ist auch schon bewundert worden. Das Einwandererkind denkt an seine kalte, kahle Häuslichkeit, besieht sich seine windigen Trittlinge, stellt sich seine Mutter als alles andere vor, nur nicht als Lady, und es weiß, daß es selbst niemals einen Groschen besaß. Was Wunder, wenn alle Vergleiche zu seiner Ungunst ausfallen. Ueber die Ursachen dieses Standes der Dingo weiß das Kind »och nichts Bestimmtes zu sagen. Aber bald geht's in die Schule. Noch ehe das Abc gelernt, wird gelehrt, daß Amerika das Herr- lichste, freieste Land ist, wo jeder, auch der Aermste, Präsident und Millionär werden kann; daß jeder ein freier Bürger ist, während im alten Lande die Menschen nur Knechte der Fürsten find. Früher, vor vielen Jahren, sei es in Amerika auch so gewesen; aber die Unterdrücker seien davongeschlagen und die„Hessen", die geholfen, getötet worden. Danach sei Freiheit angebrochen, die Gleichheit der Menschen verkündet und Reichtum über alle gekommen. Das Wiste übrigens die ganze Welt, denn von überall kämen Tausende herbeigeströmt, um Schutz und Reichtum unter dem Sternenbanner zu suchen, das über alle schützend wehe. Solch ein edles Banner zu achten, müsse Ehrensache sein, das glückspendende Land zu ver- teidigen, die heiligste Pflicht. Das wirkt. Freilich wird den Kindern die wahre Geschickte jener„Hesten"— die von ihrem vielgeliebten LandeSvater'als Scklacktvieh an den englischen König verschachert worden waren— nicht erzählt, auch nicht, daß die deutschen Bauern in Germantown ihre Unabhängig- keitserklärung schon entworfen, noch ehe die„Väter deS Landes" daran dachten; daß die deutschen Turner in der vordersten Reihe gegen die Sklavenhalter des Südens fochten; daß auf die deutschen Scharfschützen in den dunkelsten Stunden des Bürgerkrieges unbedingter Verlaß war. Noch werden Namen wie Steuden, Siegel,.Schurz genannt. Dafür aber wird aus Washington ein Gott gemacht, aus den„Bätern des Landes" mindestens Halbgötter, und Lincolns Laufbahn wird zur Möglichkeit fiir jedes Kind. Der Vater weiß auf die begeisterten Geschichten, die sein Kind von Straße und Schule mitbringt, nicht viel zu erwidern. Wohl mag er stille Zweifel an der Herrlichkeit, Gleichheit und Freiheit des Landes semer Wahl hegen. Er erinnert sich vielleicht, wie schwer er bei der Arbeit getrieben wird; daß einer seiner Kollegen verunglückte, fich aber kein mitleidiges Auge nach ihm wendete; daß andere Kollegen sofort auf die Straße gesetzt wurden, weil sie einige Stunden zu spät kamen; daß andere keine Arbeit mehr finden können, weil sie 40 Jahre alt sind; daß ein Bekannter betteln gehen mutz, weil er seine Glieder in der Fabrik eingebüßt hat. Aber wenn er an die Heimat denkt, werden seine Gefühle auch nicht rosiger. Hat sich ihm das Vaterland jemals anders als in der Gestalt des Unteroffiziers, des Steuererhebers, deS Gerichtsvollziehers gezeigt? Die neue Heimat mag auch nicht bester sein als die alte, immerhin ist er jetzt den Polizeigeruch los. Zwischen ihm und der preußischen Drangsal liegt das Weltmeer. Seine Söhne brauchen nicht ihre besten Jahre in der Kaserne zu vergeuden. Das Sümm- chcm das ihm bei der Teilerei mit dem Fabrikanten verbleibt, wird nicht noch einmal vom Steuererbeber geteilt. Dann braucht er weder Schulgeld zu zahlen noch Lesebücher zu kaufen. Und vor allem: er kann sich in Amerika doch wenigsten« satt essen, wenn er Arbeit hat. So muß schon etwas Wahres an den Geschichten seines Spröß- lingS sein. Ueber das Wieviel oder WaS zu deuteln, ver- bieten ihm Zeitmangel und Unkenntnis. Uebrigens, wenn er mit seinem Jungen anfangen wollte, Vorzüge des Vater- landeS gegen Amerika zu sieben, würde er nicht weit kommen. Ohne Zweifel wird mancher deutsche Bater in solchem Redegefecht mattgeietzt werden, ohne überzeugt zu sein. Nach eingehender Prüfung wird sein Gefühl immer noch günstig für daS Vaterland abschließen, nur kann er nicht recht erklären, aus welchen Summen fich dieser Ueberschuß zusammensetzt: seine Bildung erlaubt es nicht, sein Sprachvermögen hat dafür keinen Ausdruck. Von den Werten, die den Ruhm des Volkes der Dichter und Denker ausmachen, hatte er sehr wenig erhalten. Dieser Mangel war auch nicht kleiner geworden durch Eintrichterung von Bibelsprüchen, Gesangbuch- versen und durch Einzelbeschreibung des Jenseits. Die Meisterwerke der dentschen Literatur waren für ihn nicht geschrieben, die Werke der deutschen Kunst für ihn nicht geschaffen, die deutschen Sprachmeister hatten für ihn nicht gesprochen. Sein Wortschatz der Muttersprache langte gerade, am Familientisch die Sorgen zu er- zählen, aber nicht dazu, bei den Kindern ein liebevolles Verständnis für deutsche Kultur und deutsche Sprache zu fördern. Mit einer so armseligen geistigen Ausrüstung ist gegen Jungen, die fich an den gleißenden Brüsten der Amerika»« großgesogen haben, nichts auszurichten. Dies alles läßt bei dem Einwandererkind das Bewußtsein keimen und befestigen, daß Amerika da? erleuchtetste und beste Land der Welt ist; daß es sich verlohnt, fein Bürger und Verteidiger zu fein. Es beginnt sich zu schämen, anderswo geboren zu fein; es ärgert sich über den Vater, der in der. Wahl seines Geburtslandes jedes Unterscheidungsvermögen missen ließ. Scham und Aerger iverden zum Haß gegen alles, was nicht Amerika heißt. DaS Ver- brechen, das das deutsche Kind in semer Herkunst sieht, sucht es gutzumachen durch lautes Brüsten mit Amerikas Herrlichkeit. Deutsche Lebensart macht der amerikanischen Platz; mit Aengst- lichkeit wird jeder deutsche Laut vermieden. Die Alten sprechen deutsch, die Kinder annvorten englisch. Aus dem Hans wird ein John, aus den: Lieschen eine Bessy. Und wo immer sich ein patriotisches Geheul hören läßt, heult der deutsche Nachwuchs am lautesten mit. * Das Elend deS Deutschtums in den Vereinigten Staaten ist die Folge des Elends im Vaterland. In Amerika hat die deutsche Sacke das zu büßen, was die herrschende Klasse in Deutschland am arbeitenden Volk gesündigt hat. Das Aleien der Srkältung. Unter den vielen Uebeln der Menschheit wird keins häufiger ge- nannt als die Erkältung, und doch ist lein BegriH für die medizinische Wissenschaft so wenig befriedigend aufgeklärt. Man möchte sagen, daß mit Rücksicht auf die Erküllung jeder einzelne Mensch seine Privat» crfahrungen sammelt, die er für richtiger und wichtiger hält als alles, was ihm der Arzt darüber sagen oder verschreiben kann. Und nicht selten mit einem gewisten Recht. Das mephistophelische Wort:„Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen" erleidet hier eine um so mehr bedauerliche Ausnahme, als es sich um eine Ausnahme handelt, von der wohl kein einziger Mensch verschont bleibt. Vielleicht sängt der Fehler aller Erörterungen darüber schon mit dem Namen der Erkältung an, aber er ist nun einmal nicht auszurotten und wenigstens in der Hinsicht zutreffend, als er darauf hindeutet, daß die Veranlagung in der Erwerbung dieses Leidens eine überwiegende Rolle spielt. Dr. Kchßer, der in der chirurgischen Universitätsklinik in Jena eingehende Forschungen über das Wesen der Erkältung angestellt und seine Ergebniste jetzt in der„Zeitschrift für Balneologie" ver- öffentlicht hat, nennt für jede Erkältungskrankheit drei Gesichtspunkte als wesentlich: einmal die Einwirkung tatsächlicher ErkäliungSeinflüste, an zweiter Stelle die dadurch hervorgerufene Empfänglichkeit für krankheiterregende Bakterien und drittens das Vorhanden- sein solcher Bakterien. Es ist selbstverständlich ein Fortschritt der Neuzeit, daß die Erkältungskrankheiten ein Gegenstand für die bakteriologische Forschung geworden sind. Als ansteckend sind gerade sie wohl mit zu allererst erkannt worden, weil eine fast alltägliche Erfahrung lehrt, wie leicht übertragbar ein Schnupfen ist. Immerhin ist noch nach der Entdeckung der Bakterien geraume Zeit vergangen, ehe man die Kleinwesen auch für diese Leiden der Mensch« heil verantwortlich gemacht und ihnen nachzuspüren versucht hat, und noch jüngeren Dalums sind die Bestrebungen, die den ErkältungS- krankheilen gar durch eine Schutzimpfung oder ähnliche bakterien- feindliche Behandlung beikoinme» wollen. Dr. Keyßer beschäftigt sich naturgemäß auch mit der Ausklärung des Begriffs der Erkältung. Früher wurde, vom alten Hhppokrates an. die Erkältung überall da angenommen, wo eine Erkrankung auf andere Weise nicht erklärt werden konnte, und man kann wohl sagen, daß außerhalb wisten- schafUicher Kreise derselbe Gebrauch auch heute noch herrscht. Mit der Umwandlung der Medizin in eine echte Naturwissenschaft trat dann ein Rückschlag ein, und die Schule Virckows wollte von der Erkältung überhaupt nichts mehr wisten. Damals bedeutete daS nur eine Gegenwehr gegen die Anwendung einer Bezeichnung, der man keine genaue Kennzeichnung geben konnte. Später, als die Bakterienforschung sich entwickelt hatte, kam man von dieser Seite her mit besseren Gründen zur Ablehnung deS Erkältungsbcgriffs. Wenn man jede ansteckende Krankheit auf be« stimmte Erreger zurückführt, so erscheint es zunächst nicht not- wendig oder sogar unzulässig, daneben solche Einflüsse wie die einer Erkältung anzuerkennen. Immerhin erkannte auch schon Pasteur, daß die Entstehung einer Krankheit davon abhängig ist, daß die be- treffenden Bakterien eine bestimmte„individuelle Disposition" vor« ffiiden, mit anderen Worten: einen zubereiteten Nähiboden, auf dem sie sich entwickeln können. Damit Ivar schon die Richtung gewiesen, in der man zu einer wissenschaftlichen Begründung der Erkältung gelangen konnte und da? geschah durch den Nachweis, daß durch Er- kältung die Widerslandsfähigkeit gegen Angriffe auf die Gesundheit deS Organismus insbesondere vonseiten der Bakterien herabgesetzt wird. Auch damit steht man freilich erst am Anfang der Erkenntnis, weil nun erst gezeigt werden muß. worin die durch die Erkältung geschaffene DiS- Position eigentlich besteht. ES gibt drei hauptsächliche Theorien über die Er» k ä l t u n g. Die erste und älteste stammt von französischen Forschern und will die Erkältungskrankheiten durch eine Ilnterdrückung der Hautausscheidungen und die dadurch herbeigeführte Anhäufung schädlicher Stoffe im Körper erklären. Dieie Anschauung ist später widerlegt worden. Die zweite Theorie von Rosenthal geht von der Annahme einer gewissen Lähmung der Hautgesäße unter dem Ein« fluß der Wärme ans. In der Tat würde e? daraus verständ- lich fein, daß der plötzliche Einfluß von kalter Luft zu einer be« sonders starken Abkühlung des BlutS führt, die weiterhin die inneren Organe schädigt. Die Tierversuche, bei denen 956 er Künstlich eine starke Abkühlung des Bluts veranlaßt wor- 1 Wunder zur Wirklichkeit gemacht, ist Prof. Wilhelm Wisser, den den war, haben keine erheblichen innerer wir getrost den plattdeutschen Grimm" nennen tönnen, denn fein Veränderungen Drgane herbeigeführt, so daß auch diese Theorie nicht als bestätigt Märchensammler hat seit der unsterblichen Tat der beiden Brüder so angesehen werden kann. Eine dritte Theorie spricht von einer Ueber- tief und rein und voll aus dem Jungbronnen der deutschen Volks Ladung der Arterien mit Blut. die als Folge und gewissermaßen als phantasie geschöpft wie er. In zwölfjähriger Sammelarbeit hat Wisser Gegenwehr nach der Hautabkühlung eintritt und ihrerseits die Ver- in seiner oftholsteinischen Heimat gegen 1770 Geschichten aus dem mehrung der Bakterien begünstigt. Dr. Kehßer leshit all diese An- Munde des Volkes gehört, die nun die Grundlage bilden für die schauungen ab, da die von ihm betonten Erscheinungen höchstens große wissenschaftliche Ausgabe seiner plattdeutschen Märchen, die eine Begünstigung oder auch eine Folge einer Erkrankung sein dieser beste Kenner niederdeutschen Volkstums" im Auftrage der können. Ebenso aber wendet er sich gegen die aus der Batteorio- Berliner Akademie der Wissenschaften bearbeitet. Den besten, den logie hervorgegangene Behauptung, daß es gar feine Er- dichterisch wertvollen Teil seines Lebenswertes bietet er aber schon fältung gebe, oder daß diese nichts weiter als eine an- jetzt dem Publikum in den Plattdeutschen Volksmärchen" stedende Krankheit sei. Seine eigenen Untersuchungen er dar, die er als einen Band der bei Eugen Diederichs in Jena strecken sich zunächst auf die Frage, welche Schutzstoffe des erscheinenden großen Sammlung„ Die Märchen der Weltliteratur" Blutes durch die Einflüsse einer Erkältung eine Veränderung herausgibt. erleiden können, die als eine Verminderung der Widerstandsfähigkeit Wie er zu dem„ olen Märchenperfesser" wurde, dem die gegen eine eigentliche Erkrankung zu betrachten wäre. Durch zahl einfilbigen Söhne der Nordostecke Holsteins und der Insel reiche Versuche an Kaninchen und Meerschweinchen ist nachgewiesen Fehmarn bereitwillig Mund und Herz öffneten, berichtet worden, daß durch eine Erkältung sowohl die Leukozyten, als auch selbst in der Einleitung zu diesem Wert. Mehrere Jahre suchte Wisser die eigentlichen bakterienfeindlichen Stoffe( Bakterizidine) des Blutes vergeblich; er hatte die Hoffnung, noch etwas zu finden, schon ganz eine Abnahme erleiden. Bekanntlich werden auch die Leukozyten aufgegeben, als er auf eine alte Frau in dem Dorf Griebel aufoder weißen Blutzellen nach der Lehre von Metschnitoff als Feinde merksam gemacht wurde, die Märchen wissen sollte. Das Gerücht er der Krankheitsstoffe und insbesondere der Batterien betrachtet. Wenn wies fich als wahr; Frau Stina Schlör war eine echte MärchenEtwa 240 Erzänler haben Wisser dann nach und nach nun für den Menschen dasselbe gilt, wie es hier für Tiere nachgewiesen erzählerin. worden ist, so kann der Begriff der Erkältung und ihrer Folgen für ihre im Gedächtnis treu bewahrten Schäße mitgeteilt. Die allermeisten Und nicht die Frauen, den Gesamtzustand des Körpers als endgültig aufgetlärt erachtet waren in Ostholstein selbst geboren. werden. Die Erkältung vermindert demnach die Abwehrmittel, die wie man wohl bisher geglaubt, zeigten sich als die besten und das Blut bereit hält, um die Festsetzung und Entwickelung von treuesten Hüter der Märchenüberlieferung, sondern die Zahl der Krankheitserregern zu verhindern, und zwar scheint der Grad der Männer, die gegen 190 beträgt, überwiegt bei weitem die der Beeinflussung des Blutes in dieser Hinsicht ein außerordentlich hoher Frauen. Die Märchenerzähler erwiesen sich den Erzählerinnen in zu sein, so daß man sich über die Häufigkeit von Erkältungskrant jeder Beziehung überlegen; fie wußten auch mehr Geschichten; heiten nicht zu wundern braucht. während von den Frauen nur eine, die Frau Schlör, mehr als Freilich entstehen wie immer so auch hier aus der Lösung einer 40 Geschichten berichten konnte, wußten von den Männern zwei über Frage alsbald neue. Man möchte nun wieder wissen, weshalb jene 60, einer über 50, einer über 40, fünf über 30, sechs über 20. Die Schußstoffe im Blut durch die Einwirkung der Kälte eine so rasche meisten und besten Märchen hat dem Professor ein 80jähriger und bedeutsame Abnahme erfahren. Darauf darf man eine sichere Maurer, namens Johann Hünife, mitgeteilt. Dem Stande nach Antwort noch nicht erwarten. Es kann nur gefagt werden, daß viel gehörten die Personen ganz vorwiegend den untersten Schichten leicht durch den Einfluß der Kälte gewisse schädliche Stoffe im Blut der Bevölkerung an, es waren Tagelöhner und lleine Handwerker, hervorgerufen werden und den Schutzstoffen entgegen arbeiten. sogenannte Katenleute, während die eigentlichen Bauern nur spärlich Andererseits wäre es denkbar und das liegt wohl noch näher bertreten waren. Fast alle waren alte Leute. Die Leute mittleren daß infolge der Erkältung die innere organische Betätigung gestört Alters wußten zumeist wenige Geschichten und die jungen vielfach wird, der die Bildung der Schutzstoffe im Blute zufällt. Dr. Keyzer gar feine mehr. Die Zahl der Geschichten schmilzt mehr und hält das Auftreten von besonderen Giftstoffen im Blute als Folge mehr zusammen und immer weniger davon vererbt sich auf die der Erkältung für unannehmbar und tritt mehr der anderen Auf nachfolgenden Geschlechter. Deshalb war es höchste Zeit, daß ein faffung bei, sieht also das Wesen der Erkältung in einer gewissen Sohn des Voltes, der auf dem Lande geboren und aufgewachsen Störung des gesamten Gleichgewichts der förperlichen Funktionen, war, das Blatt als Muttersprache spricht und mit den Leuten von durch die auch die Bildung oder dauernde Ergänzung der Schußstoffe Jugend auf umzugehen wußte, die legten Garben in die Scheuern beeinträchtigt wird. unferer Literatur erntete. Aftronomisches. Zu den Erkältungsfrankheiten werden meist alle Entzündungen der Schleimhäute und Luftwege gerechnet, also vornehmlich Schnupfen, Halsentzündung und Lungenentzündung, ferner auch die In- Wird die Sonne fleiner? Es ist bedauerlich, aber ein fluenza, deren Begriff freilich auch noch recht willkürlich gebraucht unvermeidlicher Schluß, daß die Sonne allmählich dahinschwindet. wird, in weiterem Sinne noch der Rheumatismus. All diese Krank- Nach der Aufklärung, die durch die neuen Forschungen über die heiten haben ihre Erreger. Für Schnupfen und Halsentzündung sind strahlende Materie erzielt worden ist, fann nicht länger bezweifelt es die sogenannten Eiterbakterien aus den Familien der Strepto- werden, daß die Sonnenstrahlen, die alles Leben auf der Erde ge toffen und Staphylokokken, für die Influenza der gleichnamige schaffen haben und erhalten, eine Abnahme auch der Sonnenmasse Bazillus, für die Lungenentzündung die Pneumokoffen. Dr. Keyßer bedeuten. Freilich braucht der Mensch feine Angst zu empfinden, hat gerade mit diesen Bakterien nachgewiesen, daß der Schuß daß die Sonne eines Tages den Dienst versagen könnte, denn gegen sie durch den Einfluß der Erkältung vermindert wird. die Erde würde wohl weit früher in Trümmer gehen oder durch Dennoch ist er mit diesem Ergebnis nicht zufrieden, und er Erfaltung unbewohnbar geworden sein, ehe eine erhebliche Ab blickt darin auch noch nicht eine Erklärung des eigentlichen nahme der Sonnenenergie bemerkbar werden würde. Immerhin Zustandekommens der Erkältungskrankheiten. Dazu müßte erft ist es von Interesse, die Tatsache der Sonnenabnahme festexperimentell festgestellt sein, wie diese Bakterien in dem durch Er- zustellen und vielleicht sogar zu messen. Dafür hat der tältung in der Abwehr geichwächten Organismus sich entwickeln, Astronom Dr. Bosler von der Pariser Sternwarte eine Formel gezumal fie ja erst in das Innere der Schleimhäute eindringen funden. Danach würde die Sonne jedes Jahr 180 Trillionen Gramm müssen, ehe sie mit den Schußstoffen des Blutes überhaupt in an Masse verlieren. Das flingt wie ein gewaltiges Gewicht und Berührung kommen fönnen. Doch läßt sich annehmen, daß wäre es ja an sich auch, denn es fommt dem Gewicht von die Erkältung auch gerade die Schleimhäute direkt schädigt. 180 Billionen Tonnen gleich. Das geht über die menschliche VorJedenfalls befizen, wie von Bail besonders gezeigt worden stellung hinaus und ist doch geringfügig mit Rüdjicht auf die Ge ist, die Bakterien selbst gewisse Angriffsstoffe oder er samtmasse der Sonne. Würde es doch nach dieser Feststellung werben die Fähigkeit zur Bildung folcher auf einem 30 Millionen Jahre dauern, ebe die Sonne durch die von ihr aus günstigen Nährboden. Man müßte danach vermuten, daß die gehenden Licht- und Wärmestrahlen eine Masse verloren hätte, die Batterien und Kotten. die mehr oder weniger immer in der Mund- derjenigen der Erde gleichfäme. Diese ist auf 6000 Trillionen und Rachenhöhle vorhanden sind, durch die Erkältungseinflüsse die Tonnen berechnet worden. Diese Angabe bedeutet eine Zahl, Eigenschaft zur Entwickelung derartiger Angriffsstoffe gewinnen. Es bei der hinter der 6 noch 21 Nullen stehen. Die Sonnen handelt sich also in legter Linie um Geheimnisse der Lebensvorgänge masse übertrifft übertrifft aber die Erdmasse nahezu 325 000 mal. im Innern der winzigen Bakterien selbst. Es bliebe noch viel zu Die gesamte Lebensdauer der Sonne würde sich danach, wenn erörtern, wenn man das Thema der Erkältung vollständig der Verlust gleichmäßig anhält, auf ungefähr 10 Billionen Jahre behandeln wollte, z. B. das Wesen der Abhärtung, das auf dem berechnen. Wenn man bedenkt, daß der Mensch bisher höchstens ein Wege des Gegenbeweises zu einer Aufhellung der Schwierigkeiten paar Millionen Jahre auf der Erde haust und daß die ganze Erdführen könnte. geschichte vielleicht einige hundert Jahrmillionen umfaßt, so verschwinden die Schicksale der Erde und gar des Menschen gegen die Vorgänge, die an der Bernichtung der Sonne arbeiten. Für eine direkte Beobachtung sind die Verluste der Sonnenmasse überhaupt viel zu klein und Dr. Bosler gibt selbst an, daß die heutigen Wie das plattdeutsche Märchen weiter lebt. Es flingt fast selbst Forschungsmittel etwa 40 000 mal feiner sein müßten, um eine unDie Erdbahn wie ein Märchen, daß noch heute, mehr als hundert Jahre, nachdem mittelbare Messung dieses Vorgangs zu gestatten. die Brüder Grimm den kostbaren Schaß ihrer Kinder- und Haus- muß, wenn die Masse und infolgedessen die Anziehungskraft der märchen gehoben, neue reiche Herrlichkeiten des Volksgemüts im Sonne abnimmt, allmählich eine Veränderung erleiden, aber auch Berborgenen schlummern und der Auferstehung harren. Der dies dafür braucht sich niemand zu fürchten. Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.- Drud u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Kleines feuilleton.