Mnterhaltlmgsblatt des vorwärts Nr. 242. Freitag, öea 12. Dezember. lvt! 41] k>elge ßendels Luftrchlöfren Ein C h i k a g o- R o m a n von Henning B e r g e r. Aber noch wunderbarer tvar es mit H. Maitland Wolsey Esqu. Auck er hatte ganz plötzlich sein Amt nieder- gelegt und. wie es hieb, seine großen promotischen Interessen einer andern Hemisphäre zngetoandt. Es sah fast parodistisch aus nach der Rolle, die er gespielt Hatte. Aber dies beruhte — wie auf die höflichste und undurchdringlichste Art, die nur möglich»var, erklärt wurde, darauf, daß die Tochter eines Millionärs, mit der er eine längst geplante Verbindung zun? Abschluß zu bringen sicher gehofft hatte, ganz unerwartet er- klärte, sie wünsche ihre Wahl innerhalb ihrer eigenen Nation zu treffen. Dieser ziemlich seltene Patriotismus hatte ab- kühlend gewirkt auf Herrn Wolseys frühere Sympathien für das Land des stolzen Adlers. Auch er hatte sein Entlassnngs- gesnck eingereicht. Inzwischen betrachteten alle Herrn I. D. Rotli�als tat sächlichen Parallelchef des Cbikagokontors. Sämtliche Passagierdokumente wurden mit seinem Namen unterschrieben und wurden Unit pon Mr. Fay. als einer Art Minister, vor- gelegt. Aus sämtlichen Stempeln und Siegeln wurde nach seinem Namen ein W. A.— Agent des Westens— hinzu gefiigt. Im übrigen war mehr als die Hälfte der Kontoristen würdig und tüchtig befunden tvorden, zn bleiben. Diejenigen dagegen, die Herr Ranch auf eigene Hand angestellt hatte, wurden am ersten August unbarmherzig gestrichen. Ihre Plätze waren sofort durch neue besetzt worden; aber die meisten von ihnen waren ans New Jork oder England, und Helge knüpfte keine neuen Vekaniitschatten an. Er selbst stand vor seinem eigenen Schicksal ebenso abwartend, wie irgend ei» Bär oder Stier der Börse vor der Lage des Marktes. Er hatte ganz offen mit Herrn Roth gesprochen. Erst hatte er eine Gelialtsaufbesscrung gefordert. Die war ihm auch gewordein aber sie war lächerlich klein; eine Anfrundung seines Monatsgehalts, so, daß die Hauptziffer gleich blieb, nicht höher wurde. Also die Zulage bedeutete eigentlich nichts. Dann kam die Frage nackt der zukünftigen Gestaltung seiner Aussichten. Daraus hatte der Agent ehrlich erwidert, daß er selber kaum so lange im Dienst der Gesellschaft zn bleiben gedächte. Alles deute ans Trusts, auf sämtlichen Gebieten des Geschäftslebens: in Amerika herrsche bestimmt die Dezemnms macht. Damit würde das neue Jahrhundert beginnen, und dann wolle er, Roth, nach dem Süden, von dem er übrigens auch gekommen sei. Das war klarer Bescheid. Ilnd Helge bedankte sich. Jetzt, wußte er, hieß es toarten und zusehen, was geschehen würde: und die ganze Lage erweckte in ihm den Gedanken, der sich bis zur Gewißheit steigerte: daß etwas geschehen müsse. Nachts lag er wach und grübelte darüber nach, ob er denn dabeiin nicht einen einzigen Menschen hätte, an den er schreiben konnte. Wenn er schlief, träumte er oft, er sei daheim, trard im Traum von Entsetzen gepackt über all das Ungewisse, das Unit dort bevorstand. Wenn er erwachte, kon- statierte er mit Erleichterung, daß eS bloß ein Traum gewesen tvar. Aber wenn er träumte, er reise nach Amerika, so er. füllten ihn Angst und Qual vor dem, was ihn da envartetc. Und tvachte er nach einen« derartige«? Traum an«, so gc- tvährte ihm das keu«e Zufriedenheit, sondern brachte nur eine brenneilde SelinsiickN nach Schweden. Manchmal träumte er. er sei noch klein und doch schon groß und gebe in die alte Elementarschule. Das«liar Marter und Tortur. Gr U>ar sitzen geblieben, und aus den unteren Klasse» kamen kleine Jungens in Kniehöschen, die mehr wußten als er, trotzdein er in Amerika gewesen und lang ans- geschossen und erfahre«««var. Der verabscheute Lehrer. Doktor Söller, trat mit seiner sronnnen Hcuchlerinicne ein»ndjprach über Naturkunde und Englisch Und Helges englische Sprach- kenntnisse waren«nie weggeblasen: er konnte nicht einmal das Hilfszeitwort to do konjugieren.— Aber ich bin doch zehn Jahre in Amerika gewesen] dachte er berzNviselt und ängstigte sich ab im Traum. Und Kollers Miene war heuchle- risch streng: er tlopste mit zwei Fingern auf die Innenfläche seiner Hand.— Komm her zu mir, Bendell sagte er. Hab ich Dir nicht gesagt. Bendel: zum letzten Mal warne ich Dicktl Der Lehrer glich dem Apostel Markus auf dem Dürersche«« Gemälde in München, das Helge als Kupferstich auf der Newberrybibliothek gesehen hatte. Aber es»var ein grau- blonder Markus,«nit einem Pfeffer- und Salzbart. Dan«« erwachte er und sab den Tag grauen, drehte sich«in und bohrte den Kopf ins Kissen. Zuletzt kam der letzte Morgentrauin. der sich häufig an Bord eines Ozeaiidampfers abspielte: ob dieser aber Heimwärts fuhr oder fort von Hause, das wußte er nicht. Es war der Ozean— ein Ozean ohne Land, und er hörte das Rollen der Wogen. Es brüllte, es rollte. Das Tosen Wae so stark, daß er erwachte. Die ersten Kabelwagen glitten gen Süden, und die Gongs hallten wie verrückt. Jetzt waren Griff und Hannover zurückgekehrt. Hugo loar über Deutschland gereist, um die Erinnerungen an seiue Studienjahre aufzufrischen. Aber er hatte keinen von den früheren.Kameraden getroffen. Und so war er cji«es Nachts einsam von der einen Bier- oder Weinstube zur andern ge- toandert, bis er betrunken war, nnd war dann wieder davongefahren. Bon Schweden redeten sie ivenig nnd niit Zurück- Haltung. Machten da und dort kleine Aninerkmigen zugunsten Amerikas, als wollten sie sich selber und Bendel überzeugen, daß es hier am besten für sie wäre. Aber nach ehier Weile saßen sie stnmin und starrten in Gedanken versunken vor sich hi». Bis Mauritz mit einem Fluch ans den Tisch schlug und nach dem Aufwärter schrie. — Die haben natürlich Erinnerungen an Verwandte und Eltern, Geschwister... backte Helge. Abends hockten sie bei Kugel und tranken Weißbier mit einem Scknß.Kümmel drin. Ein Viertel nach Zehn kam Martell. Klein und fein, ernsthaft,«nit scharsein Gesicht und kurzem Schnurrbart, der wie ein Schnitt über die Lippe strich. ergänzte er Griff durch seine Energie. Aber beide waren gleich verschlossen und diskret. Die Hitze bielt an. Die Nachtluft hing gleich einem schwarzblauen Vorhang vor den geöffneten Türen. Sie zöge» die Rocke ans, legten die Beine auf die Stühle und drehten die Auerbrenner ab. Die Glut ans den Pfeifen beleuchtete dam« nnd wann ein Gesicht. So konnten sie stundenweise sitzen, in einsilbigen« Gespräch. Eines Abends sagte Griff: — Die Bank hat mir so leise meine Entlassung an- gedeutet. Bendel fuhr zusammen, und alle nahmen schweigend die Pfeife ans dem Mund. Dann rief Hanliover: — Nn— zun« Teufel...? Hugo zuckte die Achseln. — Tja. — Tja— tja! Was soll denn dies iveichliche Getue! eiferte Mauritz. � Helge aber fragte mit vor Eiser zitternder Stimme: — Na, Hugo, fährst Du dann beim, nach Schweden? — Nein, sagte Grift. Dort Hab ick nichts zn schaffen. Ich geh nach den« Süden— nach New Orleans hinunter: twu dort Hab ick ein gutes Anerbieten. — Das stimmt, sagte der Doktor. Auch Martell nickte Beifall. Helge stellte sick im Geist die Stadt vor. Fieber aller Art. eine Hitze über jede Besckreibnng. Neger, Baiiiuiwlle, Alligatoren und Schlangen. Aber jedenfalls— neues Leben. Interesse. Nachfrage, Tüchtigkeit. Zukunft. Später, als der kleine, dicke Böhinjake Kugel eine«teile Auflage großer, eisgekühlter Gläser ans dem größeren Bar- raun« gebracht hatte, sagte Martell: — Ich reise auch bald. Diesmal drehte der Masseur die Anerflanime auf. Und in dein weißgriincu Licht starrten alle den Bibliothekar an. Der nickte lächelnd: — Jawobl, ick Hab' auch einen Wink bekommen, daß ich überflüssig bin. Und er berichtete, daß er. seitdem er in Gen«einschaft mit ein paar andern gebildeten Europäern die neuen Samm- lungcn geordnet und katalogisiert hätte, dem auicrikanischen Öberdibliothekar lästig geworden sei. Dieser, der kein Fach- mann twu', hatte keine Ahnung von Büchern, und seine un» glaubliche Unwisscvheit rief Situationen hervor, die der Würde des Instituts zu schaden drohten. Bei einer Inspektion hatte er mit einer Menge von Fachfragen um sich geworfen, die er jedoch sämtlich in unrichtiger Reihenfolge vorbrachte. Dabei hatte er sogar Autornamen erdichtet und Büchertitel erfunden.— Wir sind Kleine und Große(hatte er beispiels- tveise lächelnd und mit geläufiger Zunge zu den Mitgliedern der Kommission geäußert); aber Große sowohl wie Kleine müssen so zusammenwirken, daß alles ein einziges Großes wird, wie der französische Klassiker Dutoisois 1772 im zweiten Teil seiner„Moral und Geschichte" so treffend sich aus- drückt... Und die Inspizierenden, die ungefähr auf dem- selben Niveau staiiden wie der Bibliochekar, hatten seine Gelehrsamkeit bewundert. Der kleine Schweizer flammte in Empörmig und Zorn hoch auf. — Idioten sind es, Analphabeten! rief er. Alle mußten lacken. — Aber er ist verwandt mit den Erben des Testators, fuhr er fort, und sitzt fest auf seinem Platz. Und ick geh gern. l>ch habe ein Angebot von der Kougreßbibliothck in Washington. — Bravo! rief Hannover. Und Helge dachte bitter— bitter gegen sich selber und für sich selber: — Ja, alle haben sie Angebote und taugen zu irgend etwas nnd kommen los und vorwärts.,. Bloß ich— bloß ich... — Ich gehe mich! sagte er plötzlich. � Er erklärte, wie er sicks gedacht hätte, sich ein Freibillett bis nach Stockholm zu verschaffen. Natürlich unter der Ver- sichernng, daß es sich nur um einen Urlaub handle.— Roth übrigens sage ich ganz offen, wie es ist. Griff nickte Beifall. Hannover aber brummte: — Und was Teufels willst Tu in Stockholm anfangen? Helge schloß die Augen. Ja, was sollte er da wohl an- fangen? — Ich kann es ja für den Anfang auf einem Kontor versuchen. Ich kenne das doch jetzt von hier draußen— ick weife eine Menge— und dann die Sprache... Ich bin nicht der Mensch von damals... Das war wahr. Er war nicht mehr derselbe. (LorUcvung folot.) Der Leiermann. Bon Erik I it c I. AIS er aus dem Krankenhaus, Ivo man ihm beide Beine amputiert halte, entlassen worden n>ar, perschasste» ihm gute Menschen einen Leicriaikc.ii, damit er sich auf ct?r!ichc Weise sein Brot Derinrnen könne. Tas war nun viele Jahre her. Selten nur dachte er zurück an die Zeit, da er wie andere aus relativ wohlgcformtcn Beine» umhergegangen war. Der Mensch, der er damals gewesen, erschien ihm nun fast fremd. In Gedanken sah er sich als einen kräftigen jungen Mann, so groß und wohlgcwachsc», daß er seinen Mitmenschen über die Köpfe hinwegsah, und er empfand eine gc- wisse Bewunderung uno Ehrerbietung für sein früheres Ich. Aber er halte keinerlei Verbindung mit sich selbst ans jener;scit, er nwr gleichsam umgeschaffcn, ein ganz anderer geworden, seitdem er aus dem Krankenhaus gekommen, ciucn halben Meter,— nein siebenundfünfzig Zentimeter kürzer als früher, denn sei» früheres Ich maß bundertzweinndachtzig und sein jetziges nur hundertfünf- nutzzwanzig. Er erinnerte üch genau, wie die Menschen von oben her ausgesehen hatten, während er sie nun von unten her, von seinem niedrigeren Standpunkt aus sah. Er selbst und die ganze Welt Ivar wie umgcschafse». Ter einst so kräftige, ausdauernde Arbeiter war nun ein verträumter, philosophierender Krüppel ge- worden, der auf der Landstraße, zwischen der Stadt und dem Park seinen Leierkasten drehte. Im Laufe der Jahre hatte die Großstadt ein Stück»ach dem anderen von der Landstraße verschlungen. Tie Häuser hatten sich immer weiter hiiiauSgezogeii, und hinter dem Park breitete sich NUN der große neue Kirchhof aus. Es imu ein feierlicher Anblick, als der erste Leichenzug sich auf dem Wege zeigte. Ein wichtiger Moment für den Leiermann — die Einleitung zu einer neuen, blühenden Zeit. Der Ernst der Situation ergriff ihn. Er suchte nach einer geeigneten Willkommensmriodic für den stillen Zug, der auf ihn zukam. Aber er war nicht vorbereitet. Schweigcno ließ er den Zug passieren. Den Hut in der Hand, den Kops gcsenkt�bcgegncie der Krüppel der Einweihung zu der neuen Aera, die nun für ihn beginnen sollte. Viele Jahre vergingen, viele Leichenzüge folgten diesem ersien — Tag für Tag, Leichenzug nach Leichenzug, Gefolge nach Gefolgs aus der großen Stadt nach dem'Kirchhof, der sich immer weite: ausbreitete über die Felder und Wiesen hinter dem Park. Ein Fünspfennigstück wurde zu dem anderen gefügt, von dem Leier- mann in Silber und in Papier umgewechselt und auf Zinsen gc- geben, denn der Strom der Passanten wnchs mit jedem Jahr. Witwen und Waisen, Frauen mit schwarzcn Schleiern und Männer mit Trauerfloren zogen am Alltag und Feiertag scharenweise vor- über, und am Wege stand der Krüppel und drehte seinen Leier- kästen. Ter HochzcitSmarsch aus„Lohcngriu" lockte Tränen ans den Augen der Witwen. Chopins Trauermarsch ergriff das Gemüt starker Männer, Integer vitac rührte groß und klrin, und vermag man die Herzen zu rühren, so offnen sich die Hände leicbt zu kleinei» Tpeiwen, und„viele Körnchen machen einen Haufen", sagen verständige Leute. Jeder hat seine llcinc Eitelkeit, seine Wünsche und sein Ziel hier im Leben. Auch der Leiermann hatte ein solche?, und zwar eine, wie er es nannte, rechtschaffene Beerdigung. Er wollte als Leiche erster Klasic zu Grabe getragen werden. In all de» Jahren, während er in Rege» oder Schnee oder in stechendem Sonnenschein, den Hut in oce Hand am Wegrand gesessen, hatte er die Leichenzüge studiert, die vorüber kamen. Hatte gesehen, wie man die Tote» ehrte durch Kränze mit Bän- der» und Flor. Die in Traner gehüllte» Pferde nickte» mit ihren federgeschuincklen Kopsen, und in den silbervcrzicrtcn Wagen stan- den oic Särge auf versilberten Löwcnsüße». Langsam und seier- lieft kamen die Züge heran. Wagen mit Blumen folgten den Leichen, darauf Landauer, einer nach dem andern, in langen Reihen, während die Borüberkommenden bewundernd und entzückt dem feierlichen Zuge nachblickten. Eine solche Beerdigung war das Ziel seines Lebens. Langsam und würdig wollte er zu Grabe geführt werde», bewundert und womöglich beneidet von denen, die seine letzte Fahrt sahen. Voller Mitleid folgte sein Blick einem Leichenbegängnis zweiter oder dritter Klasse, das in hastigem Tempo über die holprige Land- straße rasselte. Tas vergnügte Gesicht des Kutschers, das ewige Knallen der Peitsche, die mageren braunen Pferde vor dem ein- fachen Leichenwagen ohne Fransen und Draperien erfüllten ihn mit Entsetzen und Abscheu vor dem Tode, der bei einer Beerdigung erster Klasse in so scierlichcr, ehrwürdiger Form auftrat. Und dann sollte der Sarg groß und lang sein— innen mindestens hundertzweiundachtzig Zentimeter. Es war doch wunderlich mit den beiden Beinen, die er nicht mehr hatte. Der Pastor im Krankenhaus hatte ja gejagt, daß er am jüngsten Tage als ein vollkommenes Geschöpf tvieder auferstehen würde, sofern er sich nicht hier aus Erdeu schlecht und»»christlich gezeigt hätte, lind dazu hatte er keine Veranlassung, wenigstens nicht während der vielen Jahre, da er Krüppel war. Aver wie es zugehen sollte, daß die armen zerschmetterten und amputierten Beine wieder zurccht kamen, das ivar eine Sache, die ihm Angst und Kopfzerbrechen bereitete. Neben ihm, in demselben Stockwerk wohnte Frau Olsen, hilfs- bereit uns freundlich von früh bis spät, weshalb die Nachbarn viel darüber zu reden ltattcn, daß sie bei dem Leiermann ei»- uno ausgehe. Doch sie wußte es besser— nie war er ihr mit einem Wort, einer Miene oder einer Gebärde zu nahe gekommen während all der Jahre, in denen sie Wand a» Wand wohnten. Sie ivar Wiilve, kinderlos und also ihr eigener Herr, soweit sie nicht von morgens bis abends bei fremden Menschen für zwei Krone» täglich und freie Kosr scheuerte und wusch. Zwei Kronen und freie Kost, das war die Taxe für des Tages Arbeit im Kampf mit Schmutz und Unrat bei fremden Menschen. Doch Frau Olson hätte sich das Leben nie anders gewünscht, noch darüber geklagt, wenn nicht das mit der Kost gewesen wäre. Mit der Kost in den Familien, zu denen sie kam. In den ersten Jahren, da sie noch jung und unerfahren war, treckte diese Kost ihr Erstaunen. Sie kam zu Generalen. Grafen, Baronen, Bürgermeistern, Großkauf- lenten, Redakteuren— zu allerlei Menschen, aber bei allen bekam sie Schweinefleisch. Gerade an dem Tage, da sie kam, um reinzu- machcii oder zu Ivascheu, gab es stets das gleiche fette, derbe Essen. und Frau Olsons Magen vertrug das viele Fett nicht. Sic ver- suchte es mit Milch»nd Kaffee, wurde Begetariancrin, aber da verlor sie die Kräfte, und ihre Kunden verloren das Vertrauen— und so gav sie den Kampf auf, aß Schweinefleisch, Bohnen, Rüben, Erbsen, Kobl und all sie derben Speisen; denn wenn sie nicht kräftig aß, konnte sie sicherlich auch nicht kräftig arbeite», erwogen ihre Kunden, die eben deshalb alle an dem betreffenden Tage für nahrhafte Kost sorgten. Frau Olson wollte cS dem Leiermann gern so behaglich wie möglich machen. Deshalb kochte sie an ihrem freien Tage, dein Sonntag, für ihn das Essen und bereitete ihm seine Lieblings- speisen Kohlsuppe und Schiveineflcisch auch am Sonntag! Ilud sie zählten gemeinsam seine Schätze, und Frau Olson träumte bou Myrtenkranz und Brautschleier, von Ehebett und eigenem Haushalt, von seiner Küche: Fisch, Kalbfleisch, Bouillon, Eier, Omelette und nur am Sonntag Vaters Leiftgencht— fettes Schweinefleisch mit Kohl und Erbsen. Frauenwille ist(Sollc&tinEe, aber der Tod ist stärker als oäc Frau. EL war ja nicht möglich, da st der Leiermann nasse Füße de- kommen hatte, während er im Herbst bei Schmutz und Regen btwnsicii am Wegrand stand und seinen Leierkasten drehte; das konnte also nicht die Ursache sein zu der Erkältung, dem Husten und den Schmerzen im Rücken, zwischen den Rippen und in der Brust. Frau LI so» ließ ihn zwei Jacken anziehen, und er trabte mit seinem Instrument hinaus zun, Kirchhofsweg, denn der Herbst war seine beste Saison, und es ging nicht an, sich auf die Bären- haut zu legen, wenn man sein Ziel erreichen wollte, einmal im Galawagen mit Silberfchinuck zu Grabe gefahren zu werden. Zum zweitenmal mußte das Krankenhaus sich seiner an- nehmen. Bon der Landstraße aus wurde er hingebracht— er fiel auf seinem Posten, sagte Frau Olson später, denn lange Zeit der- ging, che sie sich von ihrem Schmerze zu erholen und ein so der- nünftiges Wort zu sprechen vermochte. Auf der schwarzen Tafel über dem schmalen Eisenbett im Krankenhaus stand eine Nummer und wunderliche mit Kreide gc- schriebe»« Buchstaben und Zahlen. Pleuritis 33— 40—- 41 stand da— und die Schwester saß am Bett des Kranken, seine Hand tu der ihren, und hörte geduldig seine Phantasien mit an von einem Sarg mit Engelsköpfcn und Löwenfüßcn in einem Leichen- wagen mit Draperien nno Fransen und schwarzen Pferden mit Schabracken und Fedcrbüschcn— und sie muhte lächeln bei der letzten Bitte des armen Krüppels, daß der Sarg innen hundert- zivriundachtzig Zentimeter lang sein sollte. Am nächsten Morgen wurde die Tafel abgewischt und das Bett erneuert, um den nächsten Patienten in Empfang zu nehmen, der wohl auch sein Lebensziel erreicht hatte. Ständig passieren viele Leichenzüge die Stadt— über die Landstraße zu dem großen Kirchhof— seine Leichen, Leichen zlvcitcr und dritter Klasse. Der Leiermann ist nicht unter ihnen. Er war ein Krüppel ohne Familie, nnd die Acrzte fanden ihn interessant. Die Dozenten, Kandidaten, Studenten— jeder nahm cttvas von ihm, und sie tragen die Verantwortung, wenn er am Tage des Gerichts seine Glieder sammeln soll, sagte Frau Olson, die zu spät kam mit dem ein Meter zweiundachtzig Zentimeter langen, mit Engclsköpfen und Lötvenfnßcn geschmückten Sarg. lind das Gericht mußte eingreifen, nnd es nahm alles, mit Haut und Haar; der Leierkasten, das Bett, die Sparkassenbücher, alles wird nun von der Behörde aufbcwahrk, die nach den Erben sucht. Aber Frau Olson steht draußen und kann singen:„Ach du lieber Augustin, alles ist weg." lind sie trocknet sich die Augen, gebt wieder in die Familien, scheuert und Iväscht und ißt Schweine- fleisch, Kohl und Erbsen— bis zu dem Tage, da sie denselben Weg gehen wird wie der Leiermann. (llebersctzt von Rhca Sternberg.) 8trmäbergs„frauenKaK". Bei Gelegenheit der Besprechung Strindberglcher Werke ibc- soudcrs Dramen) ist von Slrindbcrgscher Frauenpssschologic, vor allem aber von seinem Fraucnhaß gesprochen worden. Immer wie- der hat Strindberg Frauencharaktere geschildert. Am meisten in seinen Dramen. Die Art, wie es oft geschah, hat ihm den Titel eines Frauenhasscrs eingetragen. ES verlohnt somit vielleicht, die Frage nachzuprüfen, ob St. dieser große Hasser auch gewesen sei; es verlohnt sich jedenfalls, auf dies interessante pssschologische Problem das Augenmerk zu richten. Ja, ich möchte sagen, daß St. Fraucnhasscr gewesen sei, erscheint den meisten so evident, daß der Kunst- nnd Kulturpshchologc daraus die Mahnung ziehe» dürfte, nun einmal genau nachzuprüfen, wie es sich daini.t verhält. Slrind- bcrgs persönliches Leben kann hierbei ruhig ausgeschaltet werden, einmal, weil nicht sein persönliches Leben- zur Tcbaltc steht, son- der» seine Kunst-, Lebens- und Mcnschenanschauuna; zum zweiten, weil Strindberg gerade zu den Menschen und Dichtern gehört, die ihr Leven ganz furchtbar, tragisch ernst nahmen, denen die Kunst aus ihrem schmcrzcnrcichcn Leben floß sund nur daher)— kurz: deren Kunst im wesentlichen nichts anderes ist als die Darstellung ihres Lebens, oder: als die in der Darstellung sich manifestierende Ilcbcrtvindung des Lebens. Wir brauchen also als Unterlagen wirklich nichts anderes als die betreffenden Dichtungen. Ilnd da muß man ja sagen, vcr- ständlich ist es schon, daß die Meinung von Strindbcrgs fanatischem Wcibcrhaß aufkam; denn wie er das Problem der Frauenpsychc sowie das Problem der Ebe anfaßt in seiner Dichtung, vor allem in einer Reihe Dramen iTer Vater, Kameraden, Fräulein Julie, Gläubiger usw.), das zeigt sowohl geniale wie einseitige Psychologie. Das zeigt aber auch den gewaltigen Dichter, der bei aller Ein- scitigkcit groß bleibt, lind vor allem: wenn man nicht siebt, was dahinter liegt, hinter diesem scheinbaren Fanatismus, mit dem er imit unerschrockener unerbittlicher Hand)' die Seele der Frau, feine eigenen Wunden, seine eigenen SclmMchtc und die immer wieder>ius dem ehelichen Zusammenleben ausbrechenden Kon- flikte des Mannes wie der Frau bloßlegt— ich sage: wenn man! nicht sieht, was dahinter liegt, gewinnt man weder vom Dichter> Strindberg noch von den zur Rede und Debatte stehenden Prcblc-- mcn das rechte Bild. Strindberg war nicht im mindesten der Mann, der aus„Haß" seine Werke schrieb. Wenn er also die Eheprobleine, die Probleme de? Zusammcngeschlossenfeins von Mann nnd Frau in der Ehe behandelt, so bedeutet das eben, daß er lals echter Forscher und Pst)chologe) diese Probleme und Phänomene als ungeheuer wichtig ansah, mit denen er als Kulturpsychologe nnd Dichter sich aus- einandersctzc» mußte. Das Interesse Strindbcrgs an diesen Tin- gen lag natürlich verankert in seinem persönlichen Leben; aber das bedeutet wenig; er fühlte, sah, erlebte hier Weltkonsliktc, Welt- tragik. Seine Psychologie in den- in Betracht kommenden Dichtungen ist ganz furchtbar scharf, wahr— nnd einseitig. Das bringt vor allem den Eindruck hervor, er hasse das andere Geschlecht. Versteht man hier das Wort Haß in üblicher Weise, wird die ganze Mei- nung über Strindberg falsch. Im tiefsten Grunde, meine ich hat kaum je ein Dichter die Frauen mehr geliebt, als gerade Strindberg. Er log nur sich und den Frauen nichts vor. Er wollte keine Abgründe mit dünnen Brettern überbrücken. Er riß vielmehr die Bretter, die Konden- tion und Gcscllschajt darüber gelegt hatten, niit kühnen Händen fort und zeigte, selbst schaudernd, andere schaudernd machen, hinab in die gähnenden Tieien der Mcnschcnseele. Cr liebte die Frauen mehr als sie sich selber liebten— er hatte ein Ideal vom Weibe, und er liebt den höheren Typ Weib. Man könnte ja fragen, ob ein Mann gerade am meisten befugt sei, das Ideal des neuen Weibes aufzustellen, lind ich will die Frage hier auch nicht lösen. Wir stehen aber vor der unabweisbaren Tatsache, daß die Männer aus Urantrieb ihre Ideale von der Frau nun einmal machen, und umgekehrt die Frauen vom Mann. Hier aber, bei Strindberg, spricht für St. die in der Tat bohrende, tvcnn auch quälende, so doch wahrhcilsdnrftigc Pssichologic der Frau. Folgert man nun aus der Tatsache, daß die Frau bei St. so oft„schlecht wegkommt", er sei ein Fraucnhasscr gewesen(und nur das), so ist das nicht weitblickend genug. Denn hinter all diesen Werken, in denen scheinbar der Haß wütet, steht, ungcschric- ben, die große Liebe und vor allem die gewaltige Sehnsucht Strind- bcrgS»ach dem lieben und gütigen Weibe. Steht auch in andere» Werkelt direkt geschrieben. Er wollte sich nicht, weltmännisch lächelnd, mit cineiii„so sind sie nun einmal" mit der Frau abfinden; er hatte den brennenden Blick in die Zukunft. Er lechzte nach Erhöhung und Vervollkommnung. Und darum ist es so vcrtchrt, beim Worte vom„Haß bei Strindberg" stehen zu bleiben! welcher Haß nur scheinbar ist) und nicht zu sehen, wie er sich sehnt nach dem neuen Weibe und seiner Liebe... Einseitig war er in seiner Psychologie, in der Bewertung der Ehevcrhältnisse und-Probleme. Das ist ein Manko bei ihm. Er berücksichtigte nicht, wie viel den Konflikten der Ehe, dem ans- lodernden Gegensatz zwischen Mann nnd Frau— aus Rechnung der ganz einfachen banalen Tatsache zu setzen ist, daß Mann und Frau ja eben zusammen leben müssen. Daß sie so verkettet sind. Zog nicht in Erwägung, ob nicht, wenn zwei Frauen oder zwei Männer ebenso unlöslich zusammengebunden wären, dann nicht cbeniolchc Konflikte herauskommen würden?— Hier liegt meines Erachicns der Kern der Frage. Hier hätte psychologische Forschung� anzusetzen, wenn sie etwa darüber Klarheit schassen will, ob die./.schuld" an den Ehekonflitten vorwiegend die Frau oder den Mann trifft. Aber die Frage wird kaum zu lösen sein. Der Begriff des „SchuIdscinS" sollte hier ganz iortgctan werden(sollten Eheleute auch gar nicht kennen). Es sollte ganz einfach der(vorhandene) Gegensatz der Geschlechter scharf ins Auge gefaßt, tief erlebt werden. �Das iit die Aufgabe und das Problem dcS Künstlers (auch bei Strindberg). Tic Praxis des Lebens sucht das Kompromiß des tatsächlichen und möglichen Zusammenlebens zu finden.— Ein genialer Dichter wie Strindberg, ein so unerschrockener Dichter dann fordern, daß er i:n m c r gehört wird; denn groß ist er immer, auch dort, wo er(selten) cinseilg wird. Karl Nötiger. kleines Feuilleton. Weihnachtsmarkt. R. Boigtländcrs farbige Sieinzeichnungen. Will ein Wandbild gute Frenndschafl mit uns Halle», so muß es sich neben uns mit eigener Kraft behaupten können. Es genügt nicht, daß cö sich unseren Stimmungen und Gedanken fügt: es inuß mit uns harmonieren, aber zugleich stärker sei» als wir selbst, so daß eS uns mitzwingen kann imd wir ihm willig folgen. Wer möchte ein Bild in seine Stlibe hängen, das ihm ärgerlich ist? Wie kann der bildnerische Wandschmuck in Gastwirtschaften uns die gesuchte Ruhe beeinträchtige», oder loenigsienS: wie gleichgültig bleibt er»nS oft! Und dort» brachte der Wirt die Bilder an die Wand, lim seinen Gästen die Gemütlichkeit und die Lust zum Bleiben z» erhöhen. Der Knciplvirt, der für viele sehr venchieden geartete Menschen sorgen muß, hat's freilich besonders schwer. Aber in tlnscren Wohnstuben sind wir selber Herr. nnd liier iverde» wir nnS, sollen wir unS gegen daS Aergerliche und Gleichgültige auslehnen wie Faust gegen den ungebärdigen Pudel:» Soll ich mit dir das Zimmer teilen, Pudel, so lab das Heulen, So lab das Bellen! Solch einen störenden Gesellen Mag ich nicht in der Nähe leiden. Einer von uns beiden Muß die Zelle meiden. DaS Wandbild mich also unsere Stube durch eine für uns persönlich lvcrtvolle Gabe bereichern. Das kann geschehen durch die Mittel der Farbe und durch seinen gegenständlichen Inhalt. ES kann unserem Bedürfnis nach Ruhe iiüsjen, ober eS soll unS nicht schlaff machen. Staub und Schlacken soll eS von unserer Seele nehmen, so daß sie ihre Kraft frisch zurückgewinnt zu neuem Wollen »md Handeln. Deshalb verdiene«', einige Bilder, die der Verlag Voigtländer, Leipzig, in diesem Jahre geschaffen hat. Anerkennung. Sie gehen auf wuchtige, man mufe sagen: monumentale Größe aus. Da? Gewaltige der Statur kann auch im einzelnen ihres schöpferischen Zeugens verstnnlicht werden. Bäume, die frei und wild tvachsen, unumschränkte Herrscher über Licht. Lust und Bodcit. können zu mächtigen Jndimdualitäteu werden. Zwischen den Aeckeru. in den Heideir. an Uubufern und Seeküsteu gedeihen solche Geschöpfe. Karl Kahser- Eichberg hat auf seinen« Bilde„Aus märkischer Heide"(S M.i zivci Föhren dargestellt, die sich «nächtig gegen einen Himmel voll grauer, schwerer, giebcnder Regenwolken abheben. Zackig ist ihr llmrib, von im* gefüger Urwiichsigteit. Echte_ Wetterzeugen sind sie in vartein Kampfe getvorden. in trotzigem Widerstande ge- wachsen, hoch über flaches Land und niederes Buschholz hinaus. HanS Hartig geht in seinem ,. H« n e n g r a b e an« Meere" lS M.i aufs Gigantische auS. In einer Gruppe uralter, aber lebenS- starker Eichen, die ein graniineS Steingrab umschützen und in Vellern, eindringendem Sonnenlicht stehen, packt er die unverwüstliche Natur und die ewige Zeit in eins. Der Teubnersche Verlag hat vor bald anderthalb Jahrzehnten ein von Biese gezeichnetes Hünengrab auf ftünnifcher nächtiger Heide herausgebracht, das sehr be- kannt geworden ist« dies Hartigfche Bild ist ihm ebenbürtig. In seiner Gesamtidec. die in den« Dnnstblick zwischen den mächtig über dem Grabe sich wölbenden Eichen gegen den blauen Meer- Himmel hin gipfelt, ist»s sehr glücklich und so auch im einzelnen, besonders in den« Bordergrimdbaume, der seine Wurzeln wie klammernde Pranken auf dem Boden ausstreckt und wie Riesen knie ausstützt. Steden diesen Bildern voll knorriger Kraft gibt Voigtländer eine Anzahl Blätter, die auf die friedliche, lichlfarbigc Schönheit der Natur ausgehen. Der �Frühling in der E a m p a g n a de«« Fritz Genutat gezeichnet hat(ö M.i, opfert der Lust am Jdbll der Berge« auf saftig grünein Berghange. durch Steinblöcke und einen aufgesträubten Ginsterbusch schräg gegen den blauen, weistbewölktcu Himmel abgegrenzt, lagert in groß ge- gebener Figur ein ftischgesunder. starker Bube mit zerkletterten. geflickten Hosen. Die Bildidee ist nicht neu, aber dei«� Stein- z eich nungen fehlte sie bislang, zumal in dieser guten Ausfühnlng. Reu ist aber die Reihe kleiner brcitgchaltcner Städte- und Land- schaftSbilder, die unter den« Titel ,. A«« S deutschen Landen" eingeführt werden.(Jedes Blatt I.A.« M.j Sie eignen sich sehr gut für den Platz unter größeren Stciiizeichn«lngen. WaS«ins vorliegt, ist meist in kräftig- flüssige,« Farben gegeben: besonder? W. Schwalles Altfriesisches Bnuerngehöft, Plontkes Kreuz- kirche und Dom in Breslau, MaierS Schlotzburg an der Wupper. Das Lübecker Holstcutor von Linde hält sich in der Farbe zurück und will mehr die architektonische Eigenart wirke» lassen. EngclhartS Gartenhaus Goethes in Weimar verliert leider bei künstlichen« Licht, weil die duftig blaue Laubfarbe des Hintergrundes weggefogen wird: tagS aber»nutet da? Bildchen farbig höchst reizvoll an. In größerem Format ist NikutowSkiS Stadtbild„Lauffen- bürg an, Rh ein" gehalten(4 M.). ein bräunlich abgetönte? Blatt, da? die alten Häuser der Rhcinstadt nahe der Brücke in herbstlicher Stimmung zeigt und auf blauem oder grauem Wand- gründe als farbiger Fleck einen Zweck haben mag. Darüber hinaus dürfte allerdings eine Wirkung nicht zu spüren sein. loci. Erziehung und Uuterricht. Dt o d e l l i c r c II, eine nützliche B e s ch ä f t i�g u n g. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wieviel Freude das Formen und Umbilden knetbaren Stoffes hcrcitct. Wie gern benutzen Kinder feuchte, lehmige Erde oder Ton. um die verschiedensten Dinge daraus zu bilden. Leider siebt diese Beschäftigung bei den Müttern nickt in bestem Rufe. Die Hände werden schmutzig, und das angeborene Reiiilichkeitsgefühl veranlaßt das.Kind, jede Un- saubertei« seiner Hände durch Abwischen an den Kleidern zu be- seiligen. Ein Stück alten Stoffe? hätte demselben Zweck weit besser gedient. Welches.Kind dei'.kt aber daran, zuerst einen alten Lappen gu holen,«venu der Stoff zum Schaffen lockt?„Einmal und nicht wieder!" bat schon manche Mutter zu ihren, Kinde gesagt, da? diese reizvolle Beschäftigung auch in der Stnbc fortsetzen wollte. Mit betrübter Miene wurde der edle Stoff beiseite geschafft. Wie sein lieben sich allerlei Dinge für den Gemüse- oder Bäckerladen. Hänsel und Grete!«nit der Hexe. Reiter und Rost. Hauö und Hof daraus formen. Es ist ein Jainuierl Nur in der oder der Schule gib! k» Modellierftunden? Aber man muß sie besonders bezahlen! Veranlw. Redakteur: Alfred Wietepp, Neukölln.— Druck u, Verlag: Wenn doch lieber die Schreibstuiiden extra bezahlt werden mühten? — Das Modellieren unterbleibt. Nicht jeder weih, dast das Modellieren nicht nur für die Be- seitigimg der Langeweile gut sei. Es gibt kauin eine andere Be- schäftigung, die den Geist in gleichen« Mahe zum Nachdenken, Be- schauen, Borstellen, zum Bergleichen und Urteilen anregt. ES ist »och etwas ganz anderes, ob man einen Mann«nalt oder formt. Viel deutlicher erscheinen die Mißverhältnisse, viel zwingender for- dcrt jeder Fehler seine Beseitigung und Verbesserung. Wie oft und wie genau muß man eine Frucht von allen Seiten ansehen. ehe die Nachbildung ihrer Form in natürlickcr. oder veränderten Größenverhältnissen gelingt. Es gibt kein besseres Mittel, das Auge zum genauen Sehen zu erziehen. Leider kostet das Formen viel Zeit, so viel, daß die ischule sie nicht aufivenden zu können glaubt. Und doch, wieviel Zeit könnte erspart werden, wenn die Kinder besonders in den ersten Schuljahren ihre Augen, besser ge- brauchen lenten! Noch etwas anderes gibt es zu bedenken. Bei dem Formen muß uiit beiden Händen gearbeitet werden, auch die „linkische" Linke»miß helfe««. Das ist nicht nur deshalb wichtig. weil diese Hand auch geschickter wird, sondern hat, wie Acrzte nach- getviesen haHen. noch den Vorteil, daß das Nervensystem vor ein- seitiger Belastung und Ueberanfirengung bewahrt und dabei ge- sunder bleibt. In jede Schule, jede ftinderstirbe gehört ein Klumpen knet- barer Masse, mit der sich die Kinder nutzbringend beschäftige«, tön- neu. Dafür, daß die Stuben nicht mehr schmutzig werden, ist ge- sorgt. Die Industrie bringt eine Modelliermasse, Plastilina oder Plastizin genannt, in den Handel, die vor dem gewöhnlichen Ton den Borzug hat, daß sie nicht erhärtet, sondern immer wieder ver- wendet»verde» kann. Sie schmutzt nickt wie jener, wenn man die Kinder anzuhalten versieht, daß sie ieei der Arbeit an einer Stelle bleiben, die angcfettcte Masse nur auf einer Unterlage von Lino- leum, einer allen Schiefertafel oder einem Breit verarbeiten und sparsam jedes abfallende Teilefien an den BorratSklumpeu an- drücken. Plastilina ist billiger als Wachs und in den verschieden- sten Farben käuflick'. Besondere Werkzeuge sind nicht«rforderlick. Für Kinder reicht ein zugespitztes oder schncidesönnig zurecht geschuittenes, hartes Holz zur Behiindlung der Oberfläche, ei«: baarnadelartig gebogener Draht zum Ausarbeiten von Hohlräumen vollständig aus.■" TBK. Naturwissenschaftliches. D i e Pflanze als Ofen. Unter diesem Titel behandelt Dr. O. Damm ii« der»Siatur" die eigentümliche und lvenig bekannte Tatsache, daß auch die Pflanze gleich den Tieren und de«, Mensche«« eine AtmungSivärme besitzt, die i«ur deshalb wenig auffällig ist, weil die dünnblätterige, vielzergliedcrte Pflanze die Wärme sebr leicht ausstrahlt. In gewissen Blüten, so in deucn de? in jedem Frühling in Auen und Laubiväldern blühenden Aron?- stahcS. speichert sie sich aber so merkbar, daß man jederzeit durch ein kleines, in die Blüte eingeführtes Fieberthermometer wahre ..Fiebcrtemperatnren" bis zu SV Grad Celsius nachweisen kam,. Ii« italiciiischei« Verwandten dieser Pflanze hat mau sogar an 50"ch gemessen. Neuesten? hat c? sich mm auch heranSgestellt, daß Banmblätter (Birke««-, Linde»-, Weißbuchen- oder Nußbaumblätterj durch ihre Atmung sich beträchtlich bis zu 43 und 69 Grad CeljiuS erhitze«« können, wenn man sie in größeren Massen bcisammenliegend vor Wärmeabgaben schützt. Auch in das praktische Leben greift diese Frage hinein durch die sogenamrte S c l b st e n t z ii>« d n n g des H e n e s, die schon oft Brände verursacht«md Brandsiisterprozesie heraufbeschivoren hat. Jeder Landarbeiter weiß eS. daß man feuchtes Heu iiicht einfahren darf, weil schon nach einigen Tagen sich im Innern de? Heuhaufen? solche Hitze entivickelt, daß man die Hand nickt mehr hineinstecken kann. 70 bis 80 Grad Celsius find da keine Seltenheit. Diese ge- fürchtete Selbstentzündring de? Heue? hat aber,«vie lliitersnchungen von Miehe endgültig zeigten, nicht? mit der Atmung der Gräser, wohl aber mit der von Bakterien und mikroskopischen Pilzen zu tun. die auf ihnen leben«md von denen eine Forin, der llaoiUus callactor erst bei 60 Grad Celsius anfängt gut zu gedeihen. Solche Bakterien finden sich in der Luft ständig, c? ist also überall durch diese Heizenben Psiänzchei« die Möglichkeit einer Brandstiftung im Heu gegeben. Unbegreiflich ist hierbei jedoch noch iminer, wie durch sie die Entzündung des trockenen Grafts bewirkt wird, da dieses doch erst bei zirka 300 Grad Celsius aufflainmt. »vährend keiner dieser Pslanzenofen mehr alö 80 Grad erzeugen kann. Man hat sich hier mit der Annahme helfen müssen, daß sich bei dieser Temperatur in« Heu langsam flüchtige Gase bilden iind die Pflan«enmagc sich in efne feinporöse Kohle um- wandelt, die ganz den Eharallcr deS sogenannten„PlatinmohrS" in den««enerdiiigS wieder in Mode gekommenen Feuerzeugen besitzt. Sie gerät leicht ins Glühen und so entsteht ans rein chemisch-phpfio- logischem Wege ein Brand, dessen Möglichkeit mau so lange bestritten hat. bis durch diese Uiitersiichungen die soeben in Kürze geschilderten Tatsachen ganz unzweifelhaft geivordeu sind. E? erscheint sogar nicht umnöglich. daß sich nun die Technik auch dieser Wärme eWeugenden Pflanzen annehmen und im? viel- leicht schon bald lebende Fußwäriner oder sich selbst heizende Kleider bescheren wird. chrwäNs Buchdrucierei u.Bertag«cmstalt Paul Singer ScCo., Berlin