Anterhaltungsblatl des Horwärls Nr. 244. Dienstag, bell 16. Dezember.>�13 � Helge Bendels Luftfcblörrer, ©in Chikago-Roma» von Henning Berger. — Ich fürchte, Bendel, sagte er im Vorbeigehen— jetzt hat's geschnappt mit Reuter! Und lächelnd bis? er mit seinen tveißen Zähnen die Spitze von einer üppigen, schwarzen, dick- bauchigen Havanna ab. Alles im Verlauf dieses Nachmittags nahm eine sonnige Stimmung an. Mr. Fay ging umher wie ein schmunzelnder Priester, der stillschweigend seine Gemeinde segnet. Friede schien zu herrschen in dem großen Kontor, und die Arbeit glitt still dahin. Kein Zuschlagen von Buchdeckeln und Pult- fchlössern, kein zorniges Kratzen von spitzen Federn. Der Wind kam kühlend von Norden und reinigte die Luft, die Augustsonne schien herein ans die Schiffsmodelle, die mit ihren polierten Flanken und gefirnißten Tecks auf fröhliche Reisende zu iwarten schienen. Bei Geschäftsschluß nickten alle einander heiter zu, scherzten mit den Mädchen und gaben sich wie Mitglieder einer großen, glücklichen Familie, deren Kreis sich niemals würde lösen können. Unter dem Eindruck dieser Sonntagsruhe und im Ge- danken an das bevorstehende angenehme Mittagessen beging Helge Extravaganzen. Er ließ sich im Luxusfrisiersalon des Hotels rasieren, die.Haare schneiden und schampouieren, als wäre das die natürlichste Sache von der Welt und er einer der täglichen Kunden. Er genoß die frischen Duschen, die Massage, die Essenzen, und— in dem großen Sessel ausge- streckt— empfand er in einem Halbdämmern ein neues Wohl- behagen, das ihn mit köstlicher Müdigkeit erfüllte. Er hätte einschlafen mögen unter den vibrierenden Fingerspitzen und bei dem sachten, schtvebenden Sausen der großen Ventilatoren, das dem leisen Rauschen zwischen kühlen Zweigen glich. Im Sherman House saßen halbschlummernde, alte Herren in den Lehnsesseln des Vestibüls, und dicker Tabaks- rauch schwamm wolfengleich über ihren kahlen Köpfen, während sie von Zeit zu Zeit einen raschelnden Zeitungs- brachen beiseite schoben, um bequemer ausspucken zu können. Jeder braune Sessel hatte seinen bräunlichen Herrn, und aus dem Mund dieses Herrn— der braun war statt rot— schoß in bestimmten Zwischenräumen ein brauner Strahl Speichel abwärts in einen großen, braunen Spucknapf. der vor jedem Stuhl stand. Alle diese rauchenden, kauenden, spuckenden und zeitungsleseude» Männer waren Politiker, die scheinbar quer über der Straße in der City Hall angestellt waren, aber ihre Bureaustundeu auf diese Weise zubrachten. Mitten in diesem Schwindlerhaufen hob sich Herr Björck ab wie eine Nelke in einer Schnupftabaksdose. Er flog aus dem ganzen eingeräucherten Nest, in dem selbst die Zeitungen die Farbe alten Meerschaums annahmen, auf und eilte Helge entgegen. — Um Gotteswillen, rief er. nur hier heraus! Ich komme mir vor wie eine iibel zugerichtete Prieme Tabak: aber ich wagte nicht, die Halle zu verlassen, eh' Sie kamen. Was sind das hier für Tiere? — Die Väter der Stadt, antwortete Bendel: dieberüchtig- ten, sogenannten Aldermen von Chikago. Die waren es, die vor ungefähr einem Jahr, als der Vorschlag erging, einige zwanzig venezianische Gondeln in die Kanäle von Lincoln Park zu stiften, dafür stimmten, aus Sparsamkeitsrücksichten bloß zwei kommen zu lassen— eine Er- und eine Sie-Gondel, hie sich dann vermehren könnten... Das Restaurant Bismarck lag bloß eine Viertelstunde weiter westlich, in der Randolph Street, und bald saßen die beiden Schweden an einem der großen, massiven, grünen Pfeiler, die den getäfelten Plafond der deutschen Bierstube trugen. Es war ein fröhliches Mahl, und Herr Björck er- klärte, man könne fast glauben, man sei in Berlin. Rund um sie her wurde deutsch gesprochen, und die großen Stein- gutseidel, eiskalt, schäumend, waren mit den besten bayerischen Biersorten gefüllt. Der Zahnarzt hatte einen schwedischen Butterbrottisch mit Genevcrbranntwein zusammengestellt, und nach kurzer Zeit plauderten sie so gemütlich miteinander, wie alte Schulkameraden. Sie waren es ja auch— von der alten Schule von Oestermalm her: bloß daß Herr Björck die I Lateinklasse besucht hatte. Jedenfalls brachte es sie zu- saniuien und sie tranken Brüderschaft auf ihre nationale Weise. — Komm' bloß heim aus diesem fürchterlichen Land, sagte Björck und erhob sein Rheinweinglas: Du wirst schon sehen, wie alles anders geworden ist. Und darauf ivollen wir anstoßen— Prost! Und sie begannen von einzelneu Typen der Vaterstadt, der Schule, der Heimat zu sprechen. Während all diesen„weißt Tu noch?" und„erinnerst Du Dich?" ging Helge sozusagen zwischen den Zeilen ein ganz neuer Blick, eine neue Uebersicht über seine alte Stadt auf. Manches war überaschend, geradezu unfaßbar. Vor allem schien es, als wehe durch das ganze schwedische Geschäfts» leben ein völlig neuer Atem, eine— soweit er es zu verstehen vermochte— ziemlich kühne und amerikanische Wiedergeburt. Einige Fachausdrücke, Titel und Bennenungen mußte Björck ihm buchstäblich erklären: aber zuletzt glaubte Bendel doch einigermaßen die Bedeutung gewisser Aklienpapiere. Börsen- makler und Kommanditgeschäfte zu begreifen und unterein» ander verbinden zu können. Unleugbar— es war interessant. — Es ist viel zu machen zu Hause. Viel, sehr viel! sagte der Zahnarzt. Bendel war nachdenklich. Ein paar Namen von der Schule her hatten ihn mit Stauneu erfüllt. Also ver- hältnismäßig ganz Junge spielten daheim die Rolle von Finanzmänncrn?— Jawohl.— Und wie es schien in großem Stil?— Na, und ob. Du! — Man müßte heimreisen. Die reichliche Mahlzeit hatte ein Gefühl der Schlappheit mit sich gebracht. Mit demselben Wohlbehagen, mit dem er im Sessel im Rasiersalon hingedämmert hatte, ließ Bendel sich vom charakteristischen Geräusch des Cafäs einlullen. Zwischen halbgeschlossenen Augenlidern durch sah er in einem feinen, blauen Rauchnebel das reine, gepflegte Profil seines neuen Bekannten.— Er gleicht den Malern der achtziger Jahre, dachte er, so wie sie aussahen, nachdem sie Pariser ge- worden waren. Und er sah vor sich Hugo Birgers Vernissage- Frühstück bei Ledoyen, das er einmal in irgendeiner Zeit- schrift abgebildet gesehen hatte und nie vergessen konnte. Björck blies langsam kleine Rauchpuffe aus seiner Zigarre und zwirbelte geistesabwesend an seinem Spitzbart. Seine Augen blickten zufrieden und voll milder Mattheit ins Leere. — Wenn ich ihn um zweihundert Dollar bäte— gegen Unterschrift! dachte Helge ganz plötzlich, so plötzlich, daß er unwillkürlich errötete, als hätte sein Gedanke laute Form angenommen und wäre dem anderen vernehmbar gewesen. Tabletts und Gläser klirrten am Büfett. Einen Augen- blick lag Helge die Frage auf der Zunge: dann verschluckte er sie.— Niemals! gelobte er sich stumm. Aber wenn er es mir von selbst anböte... Und er malte sich alles aus. Sämtliche Schulden be- zahlt, eine neue Ausrüstung, Kleider und die notwendigen Kleinigkeiten, und dann heim, mit einem Freibillett. Mit der neuen Zeitströmung schien ja auch daheim eine neue Aera einporznsteige», in der er sich vielleicht geltend machen könnte... Sie standen auf und gingen. Björck wollte gern ein paar der berüchtigten Bars sehen, die Akerblom ihm beschrieben hatte, und sie trieben sich kreuz und quer in allerhand Seiten- straßen der Clark Street herum, rmichend und leise plaudernd. Es war spät, als sie um die starren Steinmauern des wölke«- hohen Monadnock bogen und auf den nachtdunklen Custom House Place gelangten, die schmale Unglücksgasse zwischen dem Neger- und Chinesenvicrtcl, wo in unabsehbarer Reihe, Haus an Haus, wie Raubtieraugen Lichter leuchteten hinter roten Gardinen. — Das ist die Straße, sagte Helge, die der Ellenreiter in Seusationskitsch, Mr. William T. Stead. in allen Einzel- Heiten in seinem Buch während des Ausstellungssommers be- schrieben hat.„Wie Christus nach Chikago kam". Und nicht zufrieden mit Worten, fügte er einen Plan sämtlicher Stadl- teile bei, numerierte die Häuser und beschrieb, was sie ent- hielten, die verschiedenen Nationen, Namen usw. Er erreichte auch seine Absicht. Jeder Reisende kaufte sich ein Exemplar als Führer durch die Stadt. — Ist es nicht gefährlich hier? fragte Björck und sah sich unsicher um. In der mattroten Beleuchtung auf den Platten der Trottoire huschten schwarze Schatteii�die, sobald eine Tür sich haftig auftat, sich in dem grellen Schein in geschminkte und beflitterte Weiber oder schwarze Negerinnen mit Korallenohrgehängen und Glasperlenhalsbäudern verwände!- ten. Aus deir Häusern klang Musik und das Stampfen tanzender Füße. — Hier floriert der weiße Sklavenhandel, sagte Helge. Aber Du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe das Börsenabzeichen der Kennyonlinie bei mir. und das respek- tieren sie. Im übrigen Hab' ich oft, als ich in der Passagier- abteilung war, versuchen müssen, verschwundene Einwanderer hier in diesen Häusern aufzuspüren. Ich kenne die Sache. — Ich möchte gern etwas ganz Typisches sehen, von dem Sven erzählt hat... murmelte der reiche Bier- braucrssohn. (Fortsetzung sotgt.) Die Clrfacbc der Gntwichclumj. Von H. Falkenfels. Sellen hat ein Gedanke mit solcher Schnelligkeit und lieber- zeugungSkraft Besitz ergriffen von der geistigen Welt, wie der, daß der Mensch, daß alle lebendigen Wesen, die Erde, ja das ganze Weltall in ständiger Aenderung, in einer Entwickelung begriffen seien. Die Ueberzeugung. daß cS ein Naturgesetz der Entwickelung gebe, ist letzten Endes die treibende Ärast aller gesellschaftlichen und politische» Aenderungen in den letzten drei Menschenaltern und hat fiir die Menschheit in ihren tausend Qualen und Daseins- kämpfen schon bisher gewiß nicht weniger Tröstung gespendet als die anderen großen Menschheitsgedanken der Nächstenliebe oder der Menschenrechte. lim so merkwürdiger berührt es, zu sehen, daß ein« so well« bewegende Idee, trotzdem sie in eine Epoche von dermaßen gesteigerter geistiger Regsamkeit sälli, wie es die letzten hundert Jahre find, bei weitem nicht die Zergliederung, die Durchdringung mit wissen- schaftlichem Denken gefunden hat, wie fie etwa irgend einer ganz untergeordneten Frage der Theologie zu teil wurde. Außer einem ganz engen Kreise von Forschern und Philosophen berührt der Eni- wickelungsgedanke das geistige Leben des BolkeS gar nicht, und auch unter den„Fachmännern" besteht eine Art Scheu, sich gewissen und zwar gerade den wesentlichsten Fragestellungen, zu denen es herausfordert, zuzuwenden. Solche Gedanken drängen sich zwingend ans, wenn man beachtet, wie dünnlcibia ein soeben erschienenes Werl�). in dem ein ange- schener Naturforscher unserer Tage, Pros. H. Tr i e p e l in Breslau, vie Frage nach den Ursachen der Entwickelung einer scharfsinnigen Prüfung unterwirft. Man möchte annehmen, daß über diesen Kernpuntt des Ent- ivickelungSgedankens Tausende von Forschern eifrigst bemüht sind und ihr Wifien und Meinen in abertausend Schritten niedergelegt haben — und man ist erstaunt, aus der fleißigen Zusammenstellung Triepels zu ersehen, daß die letzten vierzig Jahre Forschung hierüber nur 133 Schriften hervorgebracht haben sollen in allen Kulturländern, zu Zeiten, da iin Lande der„Dichter und Denker" allein im Jahre mehr als 30 Ovo Druckwerke die Presse verlassen. Solches ist gewiß ein Kulturmesser und wird dem Beurteiler unseres Jahrhunderts mehr sagen über den eigentlichen Kern unserer Kultur, als die noch so dickleibigen„Jubiläumsbücher", die jetzt be- liebt sind, um die„deutsche Kultur" zu Vegiim des 20. Jahrhunderts so recht breit und selbstgefällig aufzutischen. Und was ist der Kern dieser 133 Versuche, der wahren Ursache der Entwickelung nahe zu kommen? Sie leiten hinein in eine niaßlos interessante Welt der Tatsachen, gewissermaßen in daS Welträtsel selbst und zeigen unS so recht, auf welch verfahrenem Gleise der Dünkel ist, der da glaubt, wir hätten bereits den unumstößlichen, richtigen Begriff von dem Wesen des Lebens, die„Wahrheit" über die Natur ersaßt, und de» Geschlechtern nach unS bleibe nur mehr die Bewunderung vor unserem Scharfsinn und eine armselige Nachlese.... Erfaßt haben wir von der Eirtwickelung mit Sicherheit eigent- lich nur das eine, daß es Aenderungen gibt. Im beschränkten Aus« schnitt ihrer Linie muten diese Aenderungen so an. als führten sie von dem Einfacheren zu dem Verwickelten, mit al»deren Worten, als sei die Entwickelung der Erde und deS Lebens aussteigend. Da die Natur aber gegenüber der Endlichkeit uusereS Urteilsvermögens unendlich erscheint, werden wir nie sagen können, ob die uns zu- gänglichen Keilen von Entwickelungsstadieu der Dinge nicht Teile *) H. Triepel, Die Ursachen der tierischen Entwicklung. Jena. (G. Fischer, 1Sl3. eines Kreises sind l Für da? Weltall selbst drängt unS manches Erforschbare und unser logisches Bedürftris, einen Kreislauf auf- zunehmen. Jedenfalls können wir üher eine aufsteigende oder absteigende Entwickelung des Weltalls gar nichts aussagen. Relativ am besten belehrt sind wir über die Enlwickelung deS Lebens. Namentlich ein Gesetz hat sich iinmer wieder bestätigt. Nämlich daß die Enlwickelung des lebendigen Einzelwesens mit der des ganzen Lebens zusammenfällt. Die persönliche EntWicke- lunq wiederholt die deS ganzen Tierkreise?, dem das be- treffende Wesen angehört, ja die des ganzen Lebens überhaupt. Diese große Entwickelungslinie aber mutet wie eine Eiiifallung von Eigenschaften an. die im Keim schon im ersteig und einfachsten Lebewesen drin waren. So behauptet die eine Schule von Nalursvrschcrn, nach der also alle lebendigen Wesen nur dem Grade nach entwickelt und verschieden find. Ihnen steht eine andere Ansicht der Dinge gegenüber, nach der sich bei den Höberen. d. h. entwickelteren Lebewesen, also z. B. bei dein Menschen, Eigenschaste» finden, die auf seinen Borstufen überhaupt nicht, also auch im Keime nicht vorhanden sind. Die wichtigste dieser Eigenschaften ist das seelische Leben, das den Anhängern dieser Theorie als etwas sonst in der ganzen Natur nicht Vorhandenes, nur dem Menschen Verliehenes erscheint. Beide Meinungen, von denen die erst dargestellte die neuer« ist und daher erst wenig Anhänger zähl», während die letztere auf den Schullern der mittelalterlichen Weltanschauung steht, historisch ge» worden ist und wohl auch deshalb»och die Majorität der Natur- forscher auf ihrer Seite hat. lasten aber die Frage, wie die Heran- bildung neuer Eigeiischosten(was man also Entwicklung nemu) vor sich ging, noch ungeklärt. An diesem Punkt setzen wieder andere Meinungen ein, die zum Teil aus Versuchen abgeleitet find. Wieder stehen sich auch da zwei Lehren schroff gegenüber, die sich um dir Namen Darwin und L a in a r ck gruppieren. Die Darwinisten lassen die Ursache der Eigenschaftsänderungen völlig offen. Sie sagen: wir sehen täglich, daß die Kinder andere, neue Eigenschaften aufweisen, die den Ellern fehlten. Wir nehmen das als gegebene Tatsache und haben min durch unsere Forschungen gezeigt, daß sich die neu aufgetretenen Eigenschaften durch die Ber- rrbung bei den Kindeskindern dann erhalten, wenn sie für das Da- fein irgend einen Nutzen mit sich bringen. Die Darlvinisten im strengen Sinn scheiden also bei der Unter- suchung die Ursache der Entwicklung überhaupt aus; sie tun da nicht mit. Die modernen Darwinisten aber, die sich Mechanisten. auch Entwicklungsmechaniker nennen, fühlen diese Lücke und setzen an ihre Stelle folgende» Gedankengang. Die Eigenschaftsänderung vollzieht sich in, lebendigen Körper so wie in den loten. Das Unterscheidende ist nur, daß der lebendige Körper tätig ist. Er übt Funktionen aus und bildet durch sie, weil eben tätige Teile in ihm besser ernährt werden, seine funktionellen Anpassungen aus. Tätige Teile werden stärker, tüchtiger, untätige verkümmern. So vollzieht sich eine Umprägung der Eigenschaften. Dieser neue Gedankengang ist aber eigenflich von den Lainarckiste» entlehnt. Denn diese haben zuerst die Lehre aufgestellt: die.Ur- fache der Entwicklung ist die ArbeitI Arbeit aber hat ihre Ursache im Seelischen, nämlich in� den Trieben. Daher müsse man überall das Vorhandensein von Trieben annchmen, wo man Arbeit, wo man Entwicklung sieht. Der arbeitende Körperteil„entwickelt" sich, die Hebung macht vollkommener; der Gebrauch der Eigenschaften steigert sie und durch die Vcreibung kommen Nachkommen mit bereits gesteigerten Eigen- schaften zur Welt. Das eigentlich Entwickelnde in der Welt ist also nach dieser Ansicht da? Seelische, das in sie gelegt ist und das nach der Ueberzeugung der Lamarckiste» im Kein schon in den Tieren bis hinunter zu den einfachsten, auch in den Pflanzen, ja in einer uns noch ganz unfaßbaren einfachen Form in der Weltenmaterie überhaupt vor- Händen sein muß, weil wir allüberall Entlvickelungen, d. h. Eigen- schaftsänderungen antreffen. Es bahnt sich hier also aus der Naturforschung und ihrer denkenden Verwertung eine Philosophie der Arbeit an, die, wenn sie erst einnial das Denken allgemeiner erfaßt hat, dann natürlich zu ethischen Wertungen führen muß. Höchst vielsagender Weise decken stch diese nun mit den in der sozialen Bewegung zum Durchbruch gekommenen natürlichen Empfindungen des arbeitenden Volkes, weil sie allein Arbeit als„gut", als fördernd und ent- wickelnd, als das Pfand der Zukunft erkennen lassen, während der „Nichl-Arbeitende" für sie der Schädling, der Entartende, und daher auch sicher der dem historischen Untergang Verfallene ist. Der Alolfgebirgslappe. Von John Falkberge t. Jsok— der Wolfgcbirgslappe— war in alter Zeit geboren. Er cntsauu sich des schwcdcnkriegs, als die Lappen in den Grenz- strichen nicht mehr sicher waren und weitüber zu den Wolfgebirgs- bleichen flüchteten. Und er war ein alter Graukopf in den Schwarz- jähren. Viele Jahre danach kam der Wolfsherbst. Und nun war das über ein Manncsalter her. Er war bestimmt lange über hundert...< — 9 Dcr alte Lappe saß wie ein Eisklunipcn vorn am Herd. llclier das Äaudendach segte das Schneegestöber in reißendem weißen Faß. Das rasselte und donnerte wie Äieselgeprassel zwischen den Hügeln.... In schwerem stöhnenden Gang kam es über die großen Blochen vorwärts. Dann und wann flaute es ab, so daß des Sturms eintöniger Sang in dem gefrorenen Heidekraut über dem ewigen einbischenden Summen zu hören war. Und wieder kam es. Kam ins Unendliche.... Der alte Wolfgebirgslappc saß und ruckelte mit dem Körper zu diesen wilden Tönen. Es>var, als ob er dadraußen stand auf Schneeschuhn über Schneewehen und Eisglätten... Oh heih... Oh höh.... Es deuchte ihm, den mordshungrigcn Graudein irgendwo weit tief drinnen im Schnecrauch heulen zu hören. Hunde belferten. Und Menschen schnalzten. Hui.... Nun rang jemand mit den verdammten Biestern. Zieh ihm eins übers Rückgratweiche zum schwarzen Satan! Hui.... Jsak faß und hauste rein sündig. Drüben an der einen Wand kam ein braunes Lappenmädchen- gesicht zwischen Rennlieriellen vor. Sie hob sich auf de» Ellbogen empor und schüttelte Fcinschnee aus ihrem Haar. „Wo�-rum huiist Du, Großvater?" fragte sie. Der Alte blinzte vom Herd auf. Er war ganz blutrot in den sauren halbblinden Augen. ..Hehl" „Wo— rum hast Du gehuiit, Großvater?" „Och— ich drusselte wohl bloß'n bißchen ein...." Das Mädchen legte sich wieder hin und schlief. Sie hatte heut Ren auf dem Gebirge gehütet und war stocksteifmüde. Und Jsak-Lapp nickte wieder murmelnd mit dem Kops in den Kittel- tragen hinein.... Er lvar wieder weit draußen auf der Bloche, da, wo Menschen und wilde Tiere rangen.... 's war'ne große Wolfsherdc. Häßliche, zerstruppste Russen- Wölfe. Tie Schneeschuhstäbe zischten in der Luft und fielen schmetternd gegen harte Wolfszähne. Und es lefzte von gierigen jappsenden Mäulcrn rings umher im Schneegestöber. Das Huicn und Heulen scholl dumpj.... Tie Lappen schlugen rasend um sich. Zum Saiau! Da barst Jsaks langer Birkcnstab glatt durch gegen eine Wolss- zahnmauer. Er stieß blitzschnell den splittrigen Stumpen, den er zurückbehalten hatte, recht hinein in den Bauch des Untiers. So zur Hölle! Nun könnte das da liegen und sich in Pein räkeln, bis es von selbst krepierte. War ihm recht so! I>ch.... War nicht ein zweites Tier hier und jappste ihm in die Waden. Er riß sein Messer aus der Scheide und stach es ihm in die Brust, daß das Blut ihm warm die Handgelenke umspülte. Schlag's nach' in Rücken, Nils-Oiai! Du bist'n Scheißkerl... Rein, nun glaub ich ist der Teufel in den Wolf gefahren! Er haut nach allen Seiten mit dem Grifsmesscr. Schwarze Sünde! Und er rast bis zum Schritt im Schnee nach einen langhaarigen Russenwols.... Der Schweiß damvfte von Jsaks schwarzzerzaustem Haar, wie er da beim Herd saß und von seinem Kampf mit Graubein träumte. Isch! Jsssch?---- Eine labbrige weiche Zunge leckte ihn am Hals. Er focht mit den Armen und schlug eine Faust in den Herd hinein, daß die Asche stob. Da ivachte er auf und rieb sich schnurksend über die Nase. Schlimm, wie Müdigkeit mit dem Altern mitkam. Er war sicher sehr alt nun.... Das Feuer war am Erlöschen.... Tie speckige Bergbirkc brannte schlecht, wen» sie nicht richtig aufgestellt lvar. Das lvar jetzt eigentlich sein Geschäft in den letzter» Wintern, hier zu sitzen und den Herd zu bestellen. Die jünger waren, hatten ihr Teil im Gebirge auszurichten. Der Wolf war in diesem Jahr immerzu da. In diesem ständigen Unwetter scheute er weder Menschen noch Köter. Das Mädchen drüben zwischen den Renntierhäuten kehrte sich gegen die Wand und schnarchte. Es war so gut im Sturmsaus zu schlafen.... So gut.... so gut.... sie träumte, daß sie ans dem Jahrmarktstanz war. Und sie tanzte mit dem Hüte- jungen Nils-Olai. Die Fiedel sang.... Ein grauer Lappenhund schmiegte sich zur Kauentür herein und schüttelte sich so, daß es bis zum Herd hinüberstob. Er schno- derte tappschend herum nach Fraß. Fand einen Knochen und schmatzte ihn in sich hinein. Kroch dann knurrend zum Lappalien hin und kuschte sich. „Sssieh— sssieh— bist Du's!" Der Lappalte tätschelte mit krummen Fingern über seinen Pelz. „Du bist zum Deibel'n guter Hund, Garrackchcn!" Jsak erhob sich. Er humpelte zum Holzhaufen hinüber und grapschte sich etwas Tcharfkienrautzc und legte es in die Feuerglut. Es rauchte pechschwarz.... Da zog das Mädchen das Renscll enger um den Kopf. Groß- — Vater war nicht ganz richtig mit seinem vielen Rautzenholzbrenncn. Aber der Lavpalte saß im Rauch und murmelte im Halbschlaf. Er war da bloß'n dummer Junge.... Diente für Essen und Fellkittel mit zwei Renricken dazu im Jahr beim alten Lappen. Kleiner Lohn war das.... Reichte nicht weit für den, der mit der Zeit selbst was ereignen wollte. Und als armseliger Lauselapp wollte er doch nicht all seine Tage leben.... Aber der at:e Lappe war steinreich. Er besah nicht bloß die unbändige Menge Rentiere rings herum im Gebirge. Man sagte, daß er auch einen Schoppen mit Silber in Felsen versteckt hatie. Und das wußte er: war der alte Lappe erst aus der Welt, so sollte er bald der Gc- waltige im Wolsgebirge werden. Keinem andern erwies Malla, die Hausmutter, solche Güte wie ihm. Ahxr der Alte war garstig häßlich wie die Erbsünde selbst.... Da war's im Winter vor Weihnachten mit all dem Unwetter, als die sündigen Gedanken wie Unkraut in seiner Seele wuchsen; dem alten Lappen mußle man ein Ding drehen, saians ränkevolle List war das, und er wußte es wohl und bekreuzte sich voller Eni- setzen. Stritt gehörig mit des Geistes Schwert, wie es sich für einen Christen ziemt, wenn sich der Anfechtung Finsternis einem dicht um die Seele lagert. Aber da eines Nachts bei lindem Wetter. O diese Nacht.... Da bekam der Böse Macht über ihn.... Er und der alte Lappe lagen vom Wetter festgehalten in einer Schneefirn nördlich in der Skaarhammerkkippc. Sic waren grade unter der Eulenbcrgwand, da wo die Schnccrutsche am gefährlichsten ist. Ter alte Lappe war ganz wirr diese Nackt. „Wir sind doch nicht unter der Eulcntltppc!" rief cr. „Nein, wir find hinter der Wolfhöhe, Altert" antwortete Jsak. Er dachte auch mit dieser Antwort nicht sowas besonders Böse». Gott verzeihe ihm die Worte.... Gegen Morgcndümmern schlug das Wetter um, und der Wind blies südlich von den Höhen. „Wir sind doch nicht in der Eulenklippe?" fragte der alte Lappe wieder. Er hatte wohl eine schlimme Ahnung.... „Nein, wir sind hinter der Wolsshöhe, Alter!" Jsak war gerade dabei, sich fortzuschleichen. Es war, als ob er diesen Morgen iui Graulicht nicht über sich selbst gebot. Er war noch nicht ordentlich fortgekommen, als der putsch ging. Er hörte einen gellenden Schrei. Und sah ein Paar Schnee- schuhstumpen herausstecken und im Schnccgetümmel verschwinden. Aus dem Berghauimer kam ein eiskalter Frosthauch.... Da riß er seinen Hut ab und rief in seiner Bedrängnis zu Gott um gnädige Vergebung für seine jchlvarze Missetat. Der Hund stieß ein langes Geheul aus, so daß das Mädchen jgck aus dem Schlafe aufschoß. Es war stockfinster iu der Kaue. Uno sie schimpfte aus den Hund. „ Großvater 1" rief sie. Nichts antwortete. Nur.da» Unwetter kam rasselnd, und es sang eintönig in dem gefrorenen Heidekraut draußen vor de» Torfwänden. „Großvater, Du!" Sie bekam ein Todcsschreck und fuhr aus. In des Herren Namen, hier war was nickt in Ordnung. Sic tappte iu Eile um sich, tricgte einen beschneite» Fellkittcl zu fassen und ließ ihn wieder los. Drang dann ins Unwetter hinaus, auf den Hacken von dem knurrenden Lappenhund gcsoigt. Das Schnee- gestöber fegte reißend im Dunkeln. „Der Großvater ist toi!" weinte sie. Sie hatte ihn so sehr lieb....> Aber keiner antwortete.... Weit fort heulte ein anderer Hund Es knisterte von den Hufen eines einsamen Rentiers, das loshetzic. Und ein bleicher Stern blinkte hoch über ihr in der Wintcrnacht...» kleines feüiileron. Weihnachtsmarkt. Beschäftig nngsbücher für Kinder. Wer das Spiel der Kinder beobachtci, iveiß, wie sehr der kindliche Sinn die Grenzen seines Spielzeugs sprengt und erweitert. Rege dichtet die Phantasie des KindeS die Formen des Spielzeugs um. Aus einem Klötzchen schafft sie sich in der Vorstellung eine Welt von Leben? Das muß man sich gegenwärtig hallen, wenn man den Wert des fertig gc-- kauften Spielzeugs bestimmen will. Es wird dem Kinde mehr, als seine Form dem Erloachsenen sagt. Dies Mehr aber verrät, daß das Kind die Gabe und den Trieb hat, sich schöpferisch zu betätigen, und diese Fähigkeit müssen wir pflegen. Gerade hier zeigt sich das Wesen des Spiels als Arbeit, die zur Selbständigkeit erzieht, und auf diesem Gebiete wird heute eifrig gewirkt. Die letzten Jahre haben eine ganze Reihe von Schriften auf den Markt ge» bracht, anS denen die Erwachsenen lernen können, wieviel sie der Spiellust der Kinder in dieser Richtung geben können, und weil fertige Spielzeuge, die da? Kind locken, oft viel Geld kosten, liegt eS für den Arbeiter nahe, jenen Natschlägen und Anleitungen besonders aufmcrksani zuzuhören. — 9 Ii, neuen Aufllagen erschienen vor kurzem in Lili DröscherS .Kleinen Beschäftigimiisbüchern siir Kinderslube und Kindergarten", die bei Teubnec in Leipzig verlegt sind, die Bände von Klara Zinn: Kinderspiel und Spiel- zeug(1 und von Hildegard Gierke und Alice Davidsohn! Allerlei Papierarbeiten, st.20 M.> In diesen reichhaltigen Büchlein betätigt sich erzieherischer Sinn sehr liebevoll und praktisch. Er geht von dem Grundsatze aus, dem kind- lichen Spieltriebe Freiheit zu lassen, mutet ihm nichts Unmögliches zu und knüpft au ein Spielmaterial an, das sich in jedem Haushalt findet und oft als unnützer Abfall beiseile gefegt wird: Papier- schnitzel, Pappstücken, Streichholzschachteln, Paketknebel, Holzklötzchen, Federn, Korkstöpsel und vergleichen mehr. Von einfachsten Finger- spielen bis zum Kartofseltheaterspiel breitet eine Fülle von Anregungen sich aus. die in dem besonderen Büchlein über Papierarbeiten zu er- staunlicher Vielseitigkeit anwächst. Papier lägt sich falten und schneiden, und veranlagt die Hände und Finger zu unendlich vielen schulenden Bewegungen, in denen sich geistiges Regen in dingliche Tat um- setzen will. Was die zumeist ängstlich den Kleinen vorenthaltene Schere für das Kind bedeuten kann, schildert neuerdings E r n st W e b e r in einem wiederum im Teubnerschen Verlage erichienenen Mappenbuche, da? bezeichnend.Lebendiges Papier" genannt ist(2.S0 M,). Für Weber ist die Schere ein ungemein lvichtigeS Mittel, die Eigentätigkeit des Kindes anzuregen. Er erzählt aus eigenen Erinnerungen, wie gut sie sich der Lust am Erfinden helfend gesellt. Vorgezeichnetes ausschneiden ist nur ein Anfang, das Beste zeigt sich erst, wenn die Schere sich daranmacht, ohne vorgezeichuete Bilder Bildhaftes auszuschneiden. Die flächige Papierfigur ist das erste Ziel, aber darüber hinaus liegt das graste Reich der Figuren, die durch Knicken und Biegen zu einer Art plastischen Gebilden werden: zu Menschen, Tieren, Pflanzen, Gegen- ständen, die aufgerichtet frei stehen können. In seinem ermunternd geschriebenen Texte, den 24 graste Vorbildtafeln begleiten, erörtert Weber an einer Menge von Beispielen. lvaS alles hier geleistet werden kann. Ohne Zweifel, der Gewinn kann für das Kind grast sein, Ueberlegen und Wollen werden zugleich geübt, und waS sie schaffen, ist kein totes Spielzeug. Kindliche? Erleben steckt darin. Dem Bereichern dieser Spielbeschäftigung aus anderen Fertigkeiten, die das Kind erlangt, sind Möglichkeiten genug gelassen. Zum Beispiel daS Bemalen der ge- schnittenen Sachen, wenn erst das Kind mit Farben umzugehen weist. Den ersten Schritt leiten die Malbücher an. Die ein- fachen, wohlfeilen Postkartenmalbücher.Frohe Feste" und „Wir malen", die der Verlag Schreiber in Estlingen in diesem Jahre vorlegt, sind gut. Sie üben elementar in der Verwendung ungemischter Grundfarben, halten sich an kindlich-beitere Motive und sorgen dafür, dast die Augen deS Kinde? nicht nur in der Beobachtung der Farben, sondern auch in der Be- wegung geübt werden: bald liegt das Vorbild rechts, bald links neben dem Ausfüllbilde und bald liegt es über ihm. Auf diese Weise wird einer einseitigen Sehgewöhnung vorgebeugt, die nicht? als Gebundenheit und llnfreiheit ist. Den Postkarten- malbüchern von K. Feiertag, die der Nürnberger Verlag von Ströfer vorlegt lje 1 M.>, gehen diese Vorzüge leider ab. Sie werden da? Kind nicht befriedigen, weil sie seinem Anschauen und seinem Pinsel zu viel zumuten und erschweren die Malbeschäfiigung durch die für die Druckherstellung der Bücher allerdings bequeme, für da? Kind aber störende Art der Verteilung von Muster und Malblatt. Auf Farbensinn und plastisches Anschauen wollen die Bauhefte einwirken, die der Dresdener Lehrer?h. Göhl im Verlage Schreiber- Estlingen herausgibt. Sie reichen dem Kinde zum Au?- schneiden, Zusammenkleben und Aufstellen mit gutverftändlicher Anleitung eineAnzahl heimatlich zusammengehöriger Häuser und erfüllen so schon der Menge nach ihren Zweck bester als die altbekannten Modellierbögen. Bruno Schmidt hat diesmal ein..Nord» deutsches Städtchen" gezeichnet: er gibt zwölf Häuser, einen Marktbrunnen und mehrere Laubbäume in prächsiger Ausführung jl M.j, und wer sie nun einzeln aufklebt, hat die Möglichkeit, vielerlei erfreulich wirkende Bilder zu stellen. Diese Schreiberschen Bauhefte haben also das, wa? ein gute? Spielzeug kennzeichnet: da? Kind stellt selber her. und wa? es geschaffen hat, lästt sich, der Phantasie freien Raum gönnend, im Spiele verwenden, ohne durch Eintönigkeit zu ermüden. Austerdem aber lernt da? Kind ein Stück Umwelt näher kennen, auch in seiner Schönheit. krä. * Bor allem: die Subordination! Es gibt in Deutsch- land einen ganz merkwürdigen Literaturzweig, den man Seekadetten- oder auch Fähnrichs-Literatur zu nennen geneigt ist. Diese Tausende von Büchern sind nun durchaus nicht für Kadetten oder Fähnriche geschrieben, sondern sie handeln von solchen. Und sie sind mit einer so eigenartigen Technik hergestellt, mit einer so in jeder Beziehung gräulichen Tendenz aufgemacht, dast es sich lohnt, sie näher zu betrachten. Sie heisten alle„Seiner Majestät Kadett" oder„Fritz, der Ehinesenfälmrich" oder„Si M. S. Möwe" oder dergleichen,' und sie sind ganz anständig gedruckt und mit vielen Bildern und Photo- graphien aus dem Seemannsleben verziert. Aber ist das ein merkwürdiger Ton in diesen Büchern! Sie arbeiten alle mit Kraft- >76— ioorteu: Mutig unierdrückt der junge Kadett Heimweh und Schluchzen, wenn er das feste Land verlästt, und markiert den Mann. Alle markieren alles: der Vorgesetzte Strenge(denn in Wirklichkeit ist er ein herzensguter Mann), die Kadetten unbedingte Ergebenheit iund in Wirklichkeit schimpfen sie wie die Rohrspatzen). Die ganze Geschichte steht allemal unter der sieghaften Idee, dast der Wille des Vorgesetzte» Himmel. Hölle und alle überirdischen Reiche bedeute. Aus ihn tommts an. um ihn dreht sich alles, der militärfromme Bürger begreift: welch ein Unglück, wenn der Fock- mast nicht nach Vorschrift IIb gekappt ist. Himmel, Herrgott, Donnerwetter noch einmal! Da soll doch..." Die Kadetten ducken sich, der„Alte" flucht, und der Leser im Lehnstuhl schmunzelt behaglich über unsere frische Jugend und weil«rö nicht mitzn» machen braucht. Was sich allda sonst noch ereignet, ist Schema F, und wenn es hoch kommt, eine andere Schablone. Heldentaten deutscher Jünglinge im Ausland, frischer Mannesmut, überhaupt Heidi und vor allem: die Subordination. Und wenn man diese» deutschen Idealen eine Nadel in den Hintern piekt, gemuckt lvird nicht! Achtung! Stillgestanden I Präsentiert das... Durch dieses Zeug, das massenhaft verschleitzt wird, werden unzählige junge Menschen, die von der Welt nichts wissen als da?, was sie sich aus den Büchern zusammenlesen, total verschroben. Sic glauben am Ende wirklich, diese falsch angebrachte Schneidig- keit an Wehrlosen, dieses Sichducken seinem Leutnant gegenüber— das sei etwas Rechtes. Sie halten vielleicht für Gradlinigkest, wa» Borniertheit ist: diese Fähnriche, diese Kadetten, diese ganze Gc- scllschaft mag auf der Welt hinkommen, wohin sie will,— sie lernen nichts dazu, werden immer beschränkte junge Leute mit einiger- mästen gutem Benehmen bleiben und sich einbilden, sie seien zur Herrlichkeit und die anderen nur zur Staffage geboren.„Und da trat Werner von Lüdinghausen dem schwarzen Scüust ins Gesicht, daß er..." Was seinen Leutnant anging, so bemühte er sich bei diesem mehr um das zweite Gesicht und liest sich gern einen krummen Hund schimpfen, weil man nur auf diesem Wege er». reichen kann, ipälerhin auch andere so zu beneiiueii. Jetzt zu Weihnachten scheint das wieder aktuell. Sie werden es sich gegenseitig unter den Weihnachtsbaum packen und mit glühenden Köpfen wird es eine Knabenschar verschlingen, die ein» mal berufen ist, durch ihre Anschauungen lind ihr Verhalten die Deutschen im?lusland um ihr bißchen Reputation zu bringen, tu Luftfahrt. Senkrechte L u f t st ö st e. Schon ehe die Luftschiffahrt durch den Aufschwung der Zeppeline und der Aviatik ihre heutige Be» deutnng erreicht hatte, waren die Meteorologen von der großen Wichtigkeit der Aufklärung über senkrechte Strömungen in der Luft überzeugt. Erst jetzt aber ist der Anfang zu ihrer möglichst schnellen und vollständigen Erforschung ganz gewürdigt worden, insbesondere nachdem das große Marincluftschiff durch einen senkrechten Luftstost vernichtet wurde. Die Messung vertikaler Luftströme ist schwieriger als irgendeine andere im Lustmeer. Dr. Peppler hat in der„Deutschen Luftfohrerzeitschrift" alles zusammengestellt, wa» bisher in dieser Richtung geleistet worden ist, und zwar nach eigenen Erfahrungen am äronautischen Observatorium iu Linden« berg bei Berlin. Er hat daraus ein bestimmtes Gesetz abgeleitet. Dies lautet dahin, dast die Luft in senkrechtem Sinne immer von Schichten mit geringer horizontaler Geschwindigkeit nach de» Schichten mit größerer Geschwindigkeit fließt. Ein starker Wind in größerer Höhe wird' deshalb immer dazu sühren, die Luftmassen sowohl von unten wie von oben an sich zu reißen, so daß unter ihm ein aufsteigender, über ihm ein absteigender Luftstrom eintritt. Je stärker der Wind ist, desto stärker werden auch die seukrechlen Strömungen sein. Die Feststellung diese» Gesetze? ist naturgemäß für Lnftschiffer von großem Wert, denn sie werden danach ziemlich genau beurteilen können, in wieweit sie auf senkrechte Luftstöße von oben oder von unten zu rechnen haben, ivenn die Windverhältnisse in den einzelnen Schichten bis zu der im allgemeiiien von Fliegern eingehaltenen Höhengrenze zuvor ermittelt worden sind, was durch Flugdrachen oder andere Mittel leicht ge» schehen kann und an manchen Stellen auch täglich geschieht. Eine weitere Folge dieses Gesetze? ist, daß bei erheblicher Feuchtigkeit der nach oben steigenden Luftschicht eine Wolkenbiidung erfolgt. Diese bisher wenig beachtete EntslehnngSmöglichkeit von Wolkenschichten ist in der freien Atmosphäre vielleicht ziemlich häufig. Ferner können durch das Zusammentreffen auswärts und abwärt» gerichteter Luftströmungen starke Sprünge und auch Umiehrnngen der Temperatur veranlaßt werden. Diese Bewegungen sind aber nicht zu verwechseln mit eigentlichen Stoß» oder Fall« winden. die plötzlich auftreten und eine Dauer von weniger als einer Minute besitzen. Diese werden naturgemäß weit weniger leicht vorauszusagen sein, und dadurch bleibt die durch sie bedingte Gefahr, die schon mehrfach zu Katastrophen geführt Hätz leider noch bestehen. Die meteorologischen Feststellungen bestätigen die von allen er« fabrenen Fliegern gemachte Beobachtung, daß der Flug in größerer Höhe weniger gefahrvoll ist als in der Nähe der Erdoberfläche. da deren Gestaltung durch verschiedene Erwärmung und der» gleichen eine erhöhte Lannenbaftigkeit der Luftbewegungen bedingt. Bcraniw. Redakteur: Alfred Gielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: VorwärlsBuchdruckerei u.Verlag»anstaltPaulSu!gerLcCo..BerlinL�V.