Hlnterhaltungsblatt des Nr. 247. �reitasi, den 19� Dezember. ?na 46] f)clc{e Bendels Luftld�löffer. Gin Chikago-Roman von Henning Berger. Bei Kugel nahmen die Freunde Abschied voreinander. Ter kleine, knödclrunde Wirt stopfte Helge eine Neiseslasche in die Tasche. — Willkommen bald wieder hier! sagte er in über- zeugungsvollem Ton: man bleibt sa dock; nicht mehr in dem alten Land..... — Aber schön war es schon, es einmal wiederzusehen, fügte er hinzu. Einsam wanderte Helge südwärts. Ter Nebel war dichter statt lichter. An den Ströhen- kreuzungen, wo Barfenster und die Glaskugeln der Apotheker gleich Kajütenluken und Vootslaternen leuchteten, hing die schwere Lust meerfeucht und floß der Schmutz auf dem Boden wie Strandschlamm. Hier hatte er seine Zukunft geträumt und gedichtet. Hier hate er auf seinen Wanderungen des Morgens und Abends den Wolkenkratzer von Bendel u. Co. aufgebaut. Hier hatte er auch so nach und nach niedergerissen und ausgelöscht.... Bendel u. Co. Sie- waren verschiedenartig- gewesen, die Konipagnons: aber in einem waren sie alle gleich: sie hatten sich alle mit der Zeit zurückgezogen und waren ver- schwunden. Wolkenkratzer— Luftschlösser.... Er ging langsamer. Ach ja, ja. Zu denken: zehn Jahre! Wie ein Strich lagen sie da hinter ihm. Die Krümmungen bedeuteten so wenig: unweigerlich führten sie zurück zu der geraden Luftlinie. Und wenn er sie alle nun zusammen. sammelte, gleichsam als eine Handvoll, sahen sie so alltäglich und jämmeksich aus: kein Glanz mehr war über ihnen. Sie glichen der Straße, die er zum letztenmal hinunterstapfte. Plötzlich siel ihm die Newberry Bibliothek ein: lind mit einem Ruck blieb er stehen. Ja— bei der stand er in Schuld: daran ließ sich nicht deuteln. Wenn er wirklich ganz ehrlich sein wollte, so mußte er zugeben, daß von den Blättern der Tausende von Bückzern ein Glanz ausgeströmt war. der Tau- sende von trüben Tagen vergoldet hatte. Ohne die Bibliothek, so kam es ihin jetzt vor, wäre es wahrscheinlich nun auch mit ihm zu Ende, wie mit so vielen anderen hier draußen. Resig- niert nannte Griff das. Vielleicht wäre es besser oder dack) ebenso gut gewesen, wäre auf dasselbe herausgekommen: aber, wie es nun einmal war. so hatte man wenigstens noch die Hoffnung auf ein Traumland.... Er unterdrückte einen kleinen Frostsckzauer. Wer weiß, was ihm noch bevorstand? Martell war nach Washington abgereist. Aber Helge wollte doch Abschied nehmen von dem Gebäude, das ihm seine Tore so gastfrei geöffnet und ihm seine Reichtümer geboten hatte. Er wandte um und ging hastig nach Walton Square zu. � Da lag der gewaltige, graue Steinpalast mit der breiten Aufgangstreppe und den geschliffenen Granitkugeln. Tie Glastüren schwangen und er stand in der hohen Halle. Hinter weißen Marmorschranken erblickte er die Mahagonipulte und grünen Schirmlampen der. Lesesäle, die Reihen von Bücher. fächern und die Plakate mit der mahnenden Aufschrift: Ruhe. Ja, da gab es Schätze— Schätze aus Europa, wohlver- standen—, die berühmten Männer, die großen Männer, die höhen Geister, die witzigen, die Lehrmeister, die Dichter, die Denker, die Unsterblichen. Die Gelehrten und die Künstler, die Geistvollen und die Klugen. Erfinder und Philosophen und Poeten,— der unstreitbare Triumph der alten Welt. Tie Kulmr aller Zeiten, Dichtung und Arbeit, Phantasie und Wirklichkeit, der Flug ins Blaue, die Länder der Träume, das Leben nach dem Tod. Hellas' alte Götter und die ideellen Werte neuer Zeiten, alles, was dem Leben Sinn verlieh und Poesie und den Adelsstempel des Geistes: Europa. Boll Demut vor diesem überwältigenden Patitheon. stolz über seine Zusammengehörigkeit damit, krast seiner Geburt und Nasse, entblößte Helge sein Haupt zu ehrfürchtigem Dank. — Mag es biegen oder brechen, dachte er. Ich gehe jetzt heim, dahin, wohin ich gehöre! Und gleich einer imvendigen Tusche fühlte er einen Krampf der Glückseligkeit durch sich hinrieseln. Draußen war der Nebel noch ebenso grau und dicht wie zuvor: aber ihm erschien er leise bordeaurfarben und safrangolden, als bäte er Tokoher getrunken. Reisen? Reisen! sang es in seinen Ohren. Clark Street zum letzten, allerletzten Mal. Tie Baracken» kulissen, die Bretterschlupfwinkel, die Kellerlöcher, die Fall» gruben, die Zellen der Elenden und Gefangenen. Tie bru» talen Schutzleute an den Ecken, die lauernden Halunken der engen Nebengassen, die geschnünkten Hintertürdirnen, der ganze Abschaum des Lasters. Schmuggler, Falschspieler, Sklavenhändler. Leichenräuber und Zuhälter. Durch den Dunst wimmelt es von Chinesen und Negern, es riecht nach Opium und schnaps, es blinkt von Dolchmesseru italienischer Mörderbanden. Es stinkt nach falschem, schlechtem Whisky und saurem Bier, nach Schmutz und alles durchdringendem Moschus. Und der Nebel lastet, wird immer schwerer, stumpft die Empfindungen, die Sinne ab. Da liegen in einer Reihe die Emigrantenhotels. In dem feuchten Nußdunst vom Fluß, der die Mauern schwarz färbt, sieht er grob gemalte Floggen und Wappen, die die Embleme der skandinavischen Länder vorstellen sollen. Unorthographisch geschriebene Anzeigen versuchen das Auge mit Lockrmgen auf Schwedisch, Norwegisch, Dänisch uird Finnisch zu fangen. Knäckebröd, Saucrbrot, Hering. Ziegenkäse, Aquavit, Tabak, Porter, Geldwechsel, niedrigster Kurs... liest er. Und unter gelben und blauen Streifen, roten und weißen Oner- bolken, die den Papieren um Knallbonbons gleichen, prahlen Hotelnamen: König Oskar, König Christian, Svea, Göta, Dannebrog. Snomi. Alte Nummern von skandinavischen Zei- tungen sind zwischen Schnupitabak- und Anchovisbüchsen an die Fensterschechen angeklebt. Unter den Türen hängen lange Pfeifen und Schmierlederstiefel. Auf den versaulten Bretterplanken der Trottoire und bis hinaus auf die unebenen Holzdielen des Fahrdamms liegen Gepäckstücke aufgestapelt. Helge betrachtete den wohlbekann- ten Anblick mit demselben Mitleid, mit dem man einen umgestürzten Umzugskarren betrachtet, um den das alte, arm» jelige Hausgerät im Oktoberregen daliegt— den Hohnblicken der Menge preisgegeben mit all seinen Sckiäden und Mängeln. die stumm die Leidensgeschichte vieler, langer Jahre erzählen. Alle Arten von Kisten und stasten, Truhen und Kosfern gab es da. Bauernmöbel mit abgcblichenen Herzen, Jahreszahlen und Blumenkränze» da'rauf, alte Ledertaschen, steif, wie aus Eisen, selbstgezimnicrte Holzsoffer, die so umbunden und umwunden waren mit Stricken. Seilen. Lederriemen und zu- saunneugeknoteten Schnüren, daß sie fast aussahen wie lebende, gefährliche Tiere, die immer im Begriff sind, sich loszureißen und auszubrechen. Aber auch Hausrat war da. den alte, unerfahrene oder vielleicht pietätvolle Hände mit über das Weltmeer in das moderne Land geschleppt hatten, und der in all seiner Grotesklieit einen rührenden Anblick bot. Kaffee- mühten und Spinnrocken, ein blau angemaltes Butterfaß, Eimer und Bütten, sogar ein paar dreifüßige Schemel. Alle diese Stücke, auf der langen Fahrt brutal umhergestoßen und rücksichtslos auf Kranen, Lastkarren, in Wagenwinkeln und Frachträumen, auf den eiscnbeschlagenen Wagen der Zoll- Häuser und in den bodenlosen Abgründen der Riesenschiffe nmhergeschleppt, wirkten in dem Zwielicht der Kinzie Street niederdrückend und beklemmend wie ein Gemälde, das einen Transport von Verbannten nach Sibirien darstellt. Die Aus- Wanderer saßen auf ihrem Gepäck oder standen daneben, und die Gruppen, die sie bili�ien, erinnerten unwillkürlich an Zwangsversteigerung und Austreibung, au Brandunglücke und Begräbnisse. Jedes Alter war vertreten. Ta waren die Alten, abge- arbeitet, inüdegeschunden, krummrückig und gichtkirochig. Greise mit Messingringen in den Ohren und wie aus Baum- rinde geschnitzten Gesichtern. Alte Weiber mit Hüten und Kopftüchern und grauen Haarsträhnen, plattbrüstig, aber de» Unterleib immer vorgeschoben wie in unaufhorli.cher Schwangerschaft. Alle, Männer und Weiber, waren sie einge- wickelt und ausgerüstet wie zu einer Nordpolfahrt— in Schafspelze und Mäntel, in Tücher. Gurte, Pferdedecken. Sie starrten grade vor sich hin oder blickten mit blinden Augen die schwarze Straße hinab. Alle hatten sie ein Bündel oder ein Paket in der Hand: eine trug, in eine rote Wolljacke ein- gewickelt, sorglich eine blmckgeschcucrte. kupferne Kaffeekanne. Und da waren junge, lange, kräftige Burschen und hochge- wnchsene starke Dirnen. Auf ihren Wangen lag noch die Sonnenbräune der Klippen und Berge, und die blauen Blicke schienen einen Widerschein des nordischen Himmels mit sich zu führen. In langen Röcken und klotzigen Schuhen, noch im- gebrochen von des Lebens Mühsal, standen sie da wie Sockel- statucn germanischer Muskelkraft. Die Mädchen hatten Pro- viantsäckc und Spankörbe neben sich stehen, und ein paar der Burschen trugen Geigenkasten in der Hand. Einer von ihnen versuchte mit seiner Ziehharmonika eine Tanzweisc zu spielen. Und Kinder waren da. Verwundert starrten sie auf diese ucbelhohc«tadtstraße, in der alles«tein und Feuchtigkeit und unheimliche Laute und Gesichter war. Alte, grabreife Greisinnen hielten sie auf dem Schoß oder zwischen den Knien; die kleinsten lagen an der Brust der Mutter. Und die halberwachsenen standen stnmm an der Seite der Männer. Es war der letzte Herbstimport. Und Helge zog bei sich einen schwachen Vergleich zwischen dem dahinebbenden Monat des Jahres und den kleinen, eingesührten Frühlingspflanzen, die da mit buttergelben Locken und lcnzblauen Augen noch den Rausch des schaukelnden Meeres hatten und nichts von der Zukunft ahnten. Um diese gelagerte Karawane schwärmte, trotz aller Bc- wachnngsversnchc der Agenten, eine Menge zweifelhafter Exi- stcnzen, die den Einwanderern ihre Dienste und Vermittelung anboten. Es waren polnische Juden mit Korkzieherlocken aus dem unteren Elark-Ghctto, die kaufen und verkaufen, Geld wechseln und Arbeit verschaffen wollten. Das war der Ab- schrmin der Einwaudererschast. die Schlamm- und Morasttiere der romanischen Rasse, die gleich Fliegen um die Nordländer her krabbelten und krochen und mit schrillen Stimmen ver- suchten, die Männer mit falschem Geld zu betrügen und die Weiber zu überreden, ihre schweren, blonden.Haarflechten oder überhaupt ihren Körper ganz und gar zu verkaufen. Und einheimische Rwubvögel, die wie auf einem Viehmarkt umherschlendcrten, den Leuten Stücke Land in Sumpf- und Morastgegenden aufschwatzen oder Arme zum Holzfällen, Eisen- bahnban oder Grubenbetrieb in wilden, unbewohnten Strecken auwerben wollten. Und alles das, während sie gleichzeitig verächtlich auf die Bündel und altmodischen Gepäckstücke der Bauersleute deuteten. Es Nxire» Szenen, wie sie Bendel seit Jahren kannte. bei denen er seit Jahren selbst mitgespielt hatte; aber erst jetzt, im Augenblick des Abschieds, kam es ihm vor, als sähe er sie so, wie sie wirklich waren.» Da gingen die Agenten und Führer mit den kleinen Flaggen der verschiedenen Linien am Rockaufschlag: da lagen die Vagabnndenbars mit ihren Sägmehlfußböden und Blechgeschirren und ihren zinnernen Hähnen, ans denen Ixis gefälschte Bier und der Gistwhisky wir Spülwasser herausliefen. Ueberall versuchte man den Reisenden ihren letzten Pfennig abzulocken. Und das ist schließlich ganz gut, seufzte Helge; denn vorher geht ihnen doch der Blick für dos Land nicht auf! An den Schwindclbureaus mit Fahrscheinheften zu er- mäßigten Preisen, mit Lotterriclosen und Erfolganpreisungen vorüber gelangte er über die Nordbrücke und in die Citg hinab. Vor Wilckens Bicrkeiler stand der alte Andersson ans Geländer angeklammert. Sein Kragen war schmutzig, die Krawatte ausgegangen, er hatte Striemen im Gesicht, wie nach einer Prügelei oder als hätte man ihn mit Gewalt an die Lust befördert, und sein vertragener Gehrock hing bis in den Straßenschmutz herunter. Die runden Brillengläser glühten wie zwei Radlatcrnen. lFor'.Ietzalig folgt.) Oer bleckend Strauß. „Sich' nur, Manu, der Bogel bort, der Strauß mit dem Wägelchen, das war' was für unfern Fritz— so was zum Auszich'u," sagte die rundliche Frau Ruckdäschel und wies mit dem Zeigefinger an gedrängten Zuschaucrhälscn vorbei in das blitzblanke Lochau- fcnstcr. Botet Rnckdäschel brummte vcrächtlick, aber sein unwirscher Blick spielte wie gebannt über den lockenden Reichtum der Spiel- Warenauslage hin. Was so ein Warenhaus doch alles fertig brachte! Eisenbahnen, Omnibusse, Autos, Aeroplanc, die unterschiedlichsten tÄeschoptc der Tiernwlt, bewegt, lausend, springend, hüpfend— Stück für Stück(38 Pfennige! Konnte das ein reelles Geschäft sein? „Alles Ramschware!» lautete der Sckiluß, den Gottfried Ruck- däschel räuspernd und halblaut von sich gab.„Billiges Zeug! Bruch? Ramsch! Bei solch'nein Juden kauf ich nieb. Ich nich." Der Acrger kroch ihm:ot auf die Stirnc und wurde noch einen Schein dunkler, als die Frcru unerschütterlich im alten Ton weiter drängle:„Sieh' nur, Mann, der Strauß mit dem Wagen, wo fo von allein« im Kreise'rumläuft— das wäre was sür'n Fritz. Wollen's uns drinne wenigstens mal anfeh'n. Anseh'n kostet doch nischt" Und als ob es der Warenhaustemel gerade aus Gottfried Ruckdäschel abgesehen hätte, warfen plötzlich aufzuckende Glühlampen eine märchcnrote Lichtflut über all den beweglichen Krimskrams des Anslagesensters, eine Menschenwelle flutele zur Tür hin und spülte Bater Rnckdäschel am Arme seiner schiebenden Frau davon. Spülte ihn wie einen tänzelnden Kork durch große Portale, an majestätischen Portiers vorüber, mitten in das surrende Kaufhaus Lewinsohn hinein-- So kam's, daß ein Ehepaar namens Rnckdäschel am Abend dieses Tages mit Paketen beladen in der Borstadt draußen landete und daheim die zwei untersten Fächer der Kommode gut verschloß. Dann pflanzt« sich Batcr Ruckdäschel vor dem ehrwürdigen plumpen Möbel wie ein Wachtposten der Landwehr ans, rief seinen Sohn Fritz, machte große sachliche Augen, wies aus die zwei verschlossenen Schubfächer und befahl in einem Tone, der jeden Einwand im Keime erstickte: „Fritz, die unteren Fächer bleiben bis zur Bescherung ver- schlössen! Den Schlüssel behalte ich. Daß Du mir nich an der Kommode'rumwürgst I" „Nee," versicherte Fritz und in seiner Kopfhaltung lag bereits etwas Nachdenkliches.„Nee, nee, Bater..." Man muß den Fritz gekannt haben, um fein„Nee, nee" richtig zu würdigen. Bon der Art, wie er Hühner mit fchuapsgeträukieur Brot betrunken machte, wie er durchnäßte Sperlinge jagt« und in Nachbars Garten halbreife Birnen fand, von all dem soll hier nicht die Rede fein. Betont muß jedoch werden, daß Vater wie Mutter Ruckdäschel tagsüber im Kolonialwarenladcu festgehalten wurden, und daß Fritz seine schulfreie Zeit meist mit Lippolds Karl verbrachte. Mit Lippolds Karl! Es gab viele Leute, die dem Karl irgend einen Streich nach- trugen. Die behaupteten, Lippolds Karl sei ein schlimmerer Schlingel als Ruckdäschels Fritz. Andere meinten, es sei umgekehrt. Und wirklich es war Fritz, der schon am Tage nach Vater Ruckdäschels Warnung an der schläfrigen Kommode wie ein Sturm- wind rüttelte, von unten her zum Karl aufsah und unbeirrbar verkündete:„Irgendwie muß der Kasten aufgehen!" Schweigen. „Wenn man einen Schlüssel hätte!" Schweigen. Und in dieser Schweigsamkeit wurde das alt« Möbel beklopft, gerüttelt, geprüft, gestoßen. Ein Treiben, das die alte Kommode mürrisch ächzend über sich ergeben ließ, ohne nachzugeben. Was sich bewegte, war nur das oberste Schubfach. Mutters Strickstrumpf war drin, Garn, Nähzeug, Zwirn, Bänder, langweiliges Zeug.„Raas mit dcin Kasten," kommandierte Fritz und Karl griff zu... Ein großer Schlund gähnte in der Kommodenfront und vier begehrliche Jungcnaugen stierten in den Kommodcnhals. „Wenn man von oben——" setzte Fritzens helle Stimme wieder ein,— da tastete Karl schon in der Oefsnnng herum und im nächsten Augenblick wühlten zwei Jungenarme von oben her im mittelsten Kasten. Was Fritz knapp mit den Fingerspitzen erfühlen konnte, war Wolle, Tuch, Stoff. Bittere Ahnungen malten sich ans seinem pfiffigen Gesicht: Praktische Sachen wollte man ihm schenken; Zeug zum Anziehen, Dinge, die er dach sowieso kriege» mußte... Da— ein Klirren! Karl war aus eine Pappschachtel gestoßen. Sie stand oben aus. „Festehaltcn," flüsterte' Fritz,„halt, langsam. Achtung, ans- passen, daß der Krempel nicht wieder fällt---" Vorn im Laden klirrte die heisere Türklingel scheltend, nn- entwegt und regelmäßig. Gottfried Ruckdäschel scheuerte mit seinem gelinden Bäuchlein eifrig am Ladentisch entlang, zeigte den Leuten sein strahlendstes Gesicht, redete mit feiner Frau recht manierlich, freute sich Über das flotte Weibnachtsgefchäft und erzählte einer Käuferin gutgelaunt:„Ja— ein bißchen Spielzeug müssen die Kinder zu Weihnachten haben. Unser Fritz— Frau, gib mir doch 'mal die Gewichte her— unser Fritz kriegt einen Strauß, der immer vor m Wagen rundum jagt. Wird das eine Ucberrafchimg werden..." Die Rede bewegte sich um dasselbe Gefährt, das Fritz und Kafl ächzend aus der Kommode geangelt hatten lind hinten in der Stube hurtig über die Diele rasseln ließen. „Fein," sagte Fritz und Karl hatte leuchtende Augen. Das war aber auch«in Fuhrwerk, wie man's selten sah: Vorn ein Strauß mit reichlichem Halse und schönem vollem Schwänze, in allen Farben schillernd und sprühend; hinter dem bunten Wüsten- tier ein zweirädriges, flottes Gefährt- mit einem satanischen schwär- zen Kutscher aus dem Bock. Leierte man am Bauche des Straußes, dann ratterte das blecherne Gespann mit vielen Gesten, Getöse und Getu« von bannen: der Strauß stelzte laut davon und wiegte den laugen Hals beschwerlich, während der Kutscher die Arme wichtigsnchtclnd durch die Lust warf. So mußte der Strauß unter dem Kommando der zwei Knaben im Kreise lausen, mußte geradeaus marschieren, Hindernisse nehmen, Rctordc verbessern. Erst als es in der Stube dunkelte und ein Bein des Wiistenvogcls verbogen war, besann sich Karl, daß daheim icin Abendbrot lauerte. DaZ blcchcrnc Spielzeug vcrichwand wieder in der Pappschachtel, die Pappschachtel in Fritzens«Pidtiste, die Spielktst« unter Fritzens Ben. Denn in der Kommode sei der Strauß auch nicht gesünder ausgehoben, sagte Karl. Andern Tages waren Fritz und Karl in der Schule beim besten Willen nicht recht zu gebrauchen. Sic mußte schon während der Religionsstunde dafür sorgen, daß sich alle Jungens der Klasse eine lebhafte Vorstellung von Fritzens Siraußcnfuhrwerk machen konnten. Und weil der kleine Meier an der ganzen Sache zweifelte, schmuggelte Fritz den stolzen Vogel im Ranzen zur Schule. Der Vogel mußte unter dem Gejohle der Klasse über die Bänke laufen, daß die«traußcnsohlen Blutblascn kriegten und das Tier un- erwartete Mucken heraussteckte. Es zog manchmal ein Bein stör- risch unter die Flügel und konnte von Lippolds Karl erst nach wildem Geleiere in«chwung gebracht werden. Wobei der Junge ab und zu mit einem rostigen Taschenmesser im Vogelleibe umherstach und dazu prahlte:„Ich tverde den Strauß schon auf den Trab bringen— mein Bruder ist Schlosser.. Auch sein Großvater habe schon geschlossert. Es tvar eine Schande, wie der Bogel mißhandelt wurde. Immerhin muß zu Fritzens Ehre bemerkt>verden,.daß er dies Treiben nicht bis Weihnachten fortsetzte. Nein, einige Tage vor der Bescherung lag die blecherne Unterhaltung wieder brav im gleichen Kommodenfach, an gleicher Stelle, in gleicher Lage, wenn auch nicht in gleicher Verfassung, wie ehedem. Rein, in einigen Kleinigkeiten hatte sich das Spielzeug verändert. Der linke Arm des schwarzen Kutschers war ausgekugelt, der rechte bewegte sich nicht, der Strauß hinkte mit einem Beine und zog das andere unter die Flügel. Kaput!— wie Karl mit leiser Wehmut im Tone erklärt hatte.„Futsch", verbesserte Fritz kleinlaut und sah der Bescherung mit regem Interesse entgegen... * Auf den Straßen flockte der Schnee zur Erde, tanzte mücken- gleich im Lichte der Gaslatcrncn, hüllte den Weihnachtsabend in weiße Decken ein. Die Vorstadtgassen lagen still, verödet. Da und dort flammten hinter Fcnstcrgardinen gelbrotc Ehristbaumlichter auf und Ruckdäschels ließen die Rolladen über die Gcschästsfenstcr sausen, um Christbaum und Bescherung für den Morgen des ersten Feiertages vorzubereiten. Herr Ruckdäschcl lächelte gutgelaunt. Man freut sich, ivenn man Ruprechts Geschenke im Kasten hat und nur auszupacken braucht... Fritz lag schon im Bette, die Decke bis zur Nase empor- gezogen, wie alle Jahre um diese Zeit. Er hörte die Elter» in die Stube kommen, hörte durch die dünne Kammerwand, wie der Chrisrbaum klimpernd auf den Tisch gestellt, wie die Kommode aufgeschlossen und Pakete ausgekramt wurden. Hörte Nüsse klappern, vernahm den To» einer Mundharmonika undjwrsank in schillernde Träumereien, in denen Trompeten, Spielgeräte, Jndianerbücher die Hauptrolle spielten. Nebenbei lvaren Nüsse, Äepfcl, Pfefferkuchen, Marzipanschweinchen zu sehen. Zwischen diese schönen Gaukelbilder hinein schob nur manchmal ein Strauß störend den anklagenden Kopf, lviegtc den Schnabel drohend hin und her, wollte nach dem Fritz schnappen, ivolltc ihn beißen— da fühlte sich plötzlich der Junge durch ein blechernes Rasseln aus dem Halbschlummer gerissen... Durch ein blechernes Rasseln... Ter«irauß! Fritz starrte ins. Dunkel, hörte sein Herz unter der Decke pumpern und seinen Vater in der Stube draußen hämmern, leiern, brummen. Er hörte, wie der Väter das Fuhrwerk in Gang zu bringen suchte, sah im Geiste, Ivic der Strauß störrisch das linke Bein unter die Flügel zog, vernahm wieder ein Knarren und Brummen— und fuhr mit der Nase erschrocken unter die Bett- decke. Denn draußen erhob sich ein Krakeel, der nicht zur Be- scherung gehörte! Draußen flog etwas Blechernes auf den Tisch, und die Stimme des Vaters räsonnicrtc:„Herrgottsackerment! Verfluchter Ramsch, vermaledeiter!" „Aber Mann," sang beschwichtigend aus der Küche her Frau Ruckdäschcl,„fluch doch»ich so. Am heiligen Abend! Hast dochs ganze Jahr Zeit dazu. Was ist denn los?" „Ach was, Ramsch verfluchter!" dröhnte Vater Ruckdäschels Organ.„Hab ich Tir's»ich gleich gesagt! Aber ihr Weiber wißt natürlich alles besser! Der gottcwigte Strauß geht natürlich»ich! lind dem Kutscher baumelt schon der Arm! Eh' man den Ramsch nach Hause bringt, ist er schon hin... Alles Schwindler, diese Judenbande! Mit unserm Heiland hab'n sie's auch so gemacht." Der Blcchstrauß krachte noch einmal auf den Tisch.„Bis jetzt Hab' ich mir den Spektakel gefallen lassen— aber wehe, wenn Du mir noch einmal bei einem Juden kaufst, Ivehc! Ein Kind so um sein Spielzeug zu bringen! Judcnbandc elendige..." __ Robert G r ö tz s ch. Bücher über Kunft, DaS Entscheidende an den Kunstverössentlichungen von heute ist die Technik der Illustration. Die photomechanischcn Methoden ge- währen eine solche Leichtigkeit und Billigkeit der Bildreproduktion, daß der Text fast in den Hintergrund zn treten beginnt. Mußte man noch vor 2"» Jahren über den Mangel an Anschauungsmaterial klagen, so sind heute schon eher Bedenken darüber am Platze, ob nicht da? Jllnstralive das Buch vcrgeivaltige. In der Tat werden vielfach große fünft* und kulturhistorische Bilderbücher von Vcr* leger» nur der Abbildungen wegen in Auftrag gegebe». Um die Illustrationen herum werden dann Texte geschrieben, die wenig oder nichts damit zu tun haben. Tie TextkuliS nenne» sich aber trotzdem Leuchten der SpezialWissenschaft oder die bedeutendsten Kultur» Historiker der Jetztzeit— was sie um so eher könne», da niemand ihr Füllsel liest oder nachprüft. Zur Kunst aller Zeiten hat dann dieser technischen Fortschritte das große Publikum bequemen Zutritt. Wenn nur die Fähigkeit und die Kunst zu sehen, in gleichem Maße entwickelt ist lvie die Möglichkeit zn sehen, so ist keine Zeit kunstverständiger gelvesen als die unsere. Wir haben jetzt gleicherweise das Werk einzelner Künstler wie das ganzer Zeiten und Völker vor Augen. Was früher der Reichste nicht erschwingen konnte, kann sich heute jede Bibliothek leisten: für 8 bis 10 M. sämtliche Gemälde Dürers oder Rembrandts Radierungen in großen schönen Reproduktionen beisammen zu haben. Diese Klassiker der K u n st, die die Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart herausgibt, sind zuletzt um eine Feuerbach- ausgäbe vermehrt- worden. An den ganz kleinen Kunst- konsumenten wende» sich W e i ch e r ö K u n st b ü ch e r tVerlag Bernhard Thalacker, Berlin). Nach dem Muster deS schon lange beliebten englischen Vorbildes werden da in kleinenr Format jeweilig 60 Bilder eines Meisters zu einem Bändchen zusammen- gesaßt, und der Liebhaber kann eine hübiche Auswahl irgend eines alten Meisters(eS sind 50 Bändchen erschiene») zu 80 Pf. in der Tasche mit sich führen.(Ein treffliches Gegenstück dazu sind die Naturbücher, die ebenfalls nach englischem Muster im gleichen Verlage erscheinen.) Neuerdings wird in einer neuen Serie auch das 19. Jahrhundert bedacht. Uns liegen vor die Meisterbilder von de» englischen Maler» Watts und R o s e t t i. Aber die dürftigen Daten, die der Leser ans den Einleitungen erhält, können ihm keinen Einblick in das Schaffen und Streben dieser eigenartigen Künstler geben. Man erfährt z. B. nichts von dem symbolischen Gehalt der Watischen Gemälde, die sonst frenidartig genug wirken können, nichts von dein Humanitären Slrebcir dieses sozialdcnkenden Mannes, der seine Werke nicht verkaufte, sondern seinen Volksgenossen schenkte. Die Büchlein sind daher wesentlich als Erinnerungsblätter zu nutzen für die, die irgend einem Künstler schon näher gekommen sind. Den vollen Genuß am Kunstwerk wird«ins erst die farbige Wiedergabe erschließen. Run sind freilich für den Wandschmuck schon solche farbige Reproduktionen geschaffen, die wirklich dem Original nahe kommen. Aber diese sind dann verhältnismäßig teuer. Wer aber doch etwa von dem Leuchten und Schimnicrn des Kolorits und von dem farbigen Jneinanderwebcn von Licht und Dunkel bei Rembrandt sich eine Vorstellung machen und einige der schönsten seiner Wunderwerke zum vertiefenden Genuß im Wechselrahmen in seine Stube hängen will, der mag sich an die Rembrandt- mappe des durch durch die Herausgabe der Meister der Farbe be- kannten Verlages E. A. Seemann lLeipzig) halten sPreis der zehn farbigen Bilder 3 M.). Der einleitende Text von A. Philipps führt gut ein und die Auswahl ist zu loben<»ian findet u. a. die zu gelb geratene Anatomie, die Nachtwache, dies hohe Lied auf das Licht, die warm- intime Holzhackerfamilie und den Mann mit dem Goldhelm, der rein aus der Freude am Funkeln und Gleißen hervorwuchs.) Eine andere Mappe init acht farbigen Bildern ist S p i tz w c g gewidmet. Und auch eine Sammlung seiner Zeichnungen liegt vor. lDie gute alte Zeit. 50 Zeichnungen von Karl Spitzweg. München. Holbein-Verlag, im Pappband 6 M.) Die aus dem Nachlasse stammenden Blätter, zu- meist mit seinem Bleistift umrissen, sind vortrefflich in der Re- Produktion geraten. Spitzweg ist recht geeignet, wahre Augenlust zu spenden, und gern ist man bereit, diesem prächtigen Schilderer und Humoristen der Biedermeierzeit zum Vertrauten zu erküren. Seine Welt ist eng, aber mit ivclcher Lust an der Sache ist sie ersaßt und mit welch' malerischer Feinheit geschaut I Diese Bildchen, in denen Köstlichkeiten der Farbe lvie bei keinem anderen der Zeit auftauchen, halten Zwie» spräche mit uns; die schnurrigen Originale erzählen zlvar keine Geschichten swie die Düsseldorfer schlechten Angedenkens), aber sie kommen in Fühlung mit uns, und besonders die Zeichnungen sind voll reizender Züge und feinen Humors. Das intime Gelvinkel der Kleinstadt und die stets andächtig belauschte Natur vermittelt» uns glcize, die, mit den Augen eines Spitzweg gciehen, uns in vielein eine Bereicherung und einen beschaulichen Genuß gewähren. Die verdienstliche Sammlung der Kunstgeschichte einzelner Länder und Völker, die gleichzeitig in verschiedenen Sprachen und Länden» erscheint— in Deutschland bei Julius Hoffmann in Stuttgart— ist im letzten Jahre wieder um einige Bände vermehrt worden. DaS Ziel dieser Bände, die immer 600—700 Abbildungen enthalten und dabei gebunden nur 6 M. kosten, ist eine sachverständige Führung durch die Kunstentwicklung je eines Landes. Es sind die Architektur wie die Plastik und Malerei berücksichtigt. Da anerkannte Kunst- Historiker, die ihren Stoff beherrschen, das ihnen vertraute Gebiet behandeln, kann man sicher sein, gute wissenschaftliche Leistungen vor sich zn haben. ES sind Enzyklopädien der Kienst Aegyptens, Spaniens und Portugals und Flanderns, die Heuer hinzukamen. Die über- aus zahlreichen, kleinen aber scharfen Abbildungen— eS sind auch einige farbige darunter— sind fihc das orientierende Studium oder für Nachschlagezivecke durchaus geeignet; als bieisebegleiter und Mnseiimsberatcr empfehlen sich die handlichen Bände besonders. Künstler im Ortsregister erleichtern die Beuuyung. Litcraturüber» sichten tv eisen den Interessierten weiter.— Die durch 4000 Jahre zu verfolgende Kunst der A e g y p t e r bat der vielerfahrene Aeghptologe M a s p e r o bearbeitet; er bemüht sich mit Erfolg, die grohen Züge dieser Kunst klarzulegen. Er entwickelt sie ans der religiösen und iozialen Grundlage und führt die beiden Hauptgruppen der Tempel- und Grabkunst auf ihre Nützlichkeitszioecke zurück.„Die Kunst ist nur eins von den Mitteln, deren sich die Religion be- dient, um den Wesen auf der Erde ein glückliches Leben ohne Ende zu verleihen." Wie der Charakter der ägyptischen Kunst, ihre monumentale Geschlossenheit, ihre Größe und Dauerbarkeit, ihre Realistik und Typik sich aus dieser Bestimmung ableitet, ist überzeugend dargelegt.— Die blühende Kunst Flandern? wird von Max Nooses mit erprobter Kennerschaft behandelt. Mit Erstaunen sieht man den Reichtum tsor sich aus- gebreitet, den dieses kleine Land auf allen Gebieten der Kunst— dankenswerterweise ist auch die hochentwickelte Miniaturmalerei be- sonders berücksichtigt— in üppiger Fruchtbarkeit hervorgebracht hat. Die älteren Perioden sind, wie zumeist, besser gelungen ais das IS. Jahr- hundert, das aus Raumrücksichten zu kurz abgetan wird. Auch vcr- mißt man Hinweise auf wirtschaftliche und kulturelle Zusammenhänge, die selbst in solchen Handbüchern nicht mehr fehlen dürfen. ' Auch die billigen Sammlungen, die in populärer Form wissen- schaftliche Ergebnisse vermitteln wollen, haben die Kunstgeschichte in ihr Programm aufgenommen. Die Kollektion„Aus Natur und Geisteswelt" sVerlag Teubner, Berlin und Leipzig. Preis des ge- bundenen Büchleins 1,25 M.) hat zuletzt eine gute Einführung in die niederländische Malerei im 17. Jahrhundert von Dr. H. Jantzen und eine die Probleme des Impressionismus erörternde Darstellung von Prof. B. Lazar gebracht. Sehr begrüstenswert ist, dast jetzt auch„die deutsche Malerei d e S 19. I a h r h u n d e r t s" behandelt worden ist. lZwei Doppelbände zu je 2,50 M. oder ein Halbpcrgamcntband zi- 0 M.) Eine zusammenfassende Orientierung ist gerade hier dringend erwünscht. Der Verfasser, Pros. Richard Hamann, hat sich folgendes Programm gestellt: Er will zeigen, wie sich nach dem Zusammen- bruch der aristokratischen GcsellschaftSauffassung im 18. Jahrhundert auch die höfische und kirchliche Monumentatkunst immer mehr auflöst und eine intime Naturauffassung sich entwickelt, ditz eine beständige Vervollkommnung des malerischen Stiles mil sich bringt. In drei Perioden geht diese EntWickelung vor sich—: Aufklärung und Nomantik, die Malerei der Biedermeierzeit und der Slimmungsimpressionismus der 50er Jahre, Naturalisinus und Impressionismus der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Jede dieser Perioden wird abgelöst von einem Versuch, die verfallende Monumentalknnst neu zu beleben, wie in der Kunst der Razarener oder der der Gründerzeit sBöcklin, Feuerbach. H. v. Marees). Zusammenfassende Kapitel über den Stil der sich folgenden Kwistrichtungeu werden abgelöst durch die ausführliche Be- trachtung einzelner führender Künstler. Die Verbindung allgemeiner kultureller Betrachtungen mit ein- gehender künstlerischer Würdigung einzelner Meister und Werke ist in der Tat mit Erfolg versucht. Die Bewertungen werden natürlich nicht immer auf Zustimmung rechnen dürfen. Ganz vergriffen scheint uns der Versuch, die Gründerperiode der siebziger Jahre mit den großen Malern dieser Zeit in direkten Zusammenhang zu bringen. Böcklin, Fcuerbach, Marses, Leibi und Thoma sollen von dem Geiste dieser Zeit befruchtet sein! Aus der Gleichzeitigkeit ist hier mit bösem Trugschluß eine Gleich- artigkeit gefolgert. Umgekehrt: diese Künstler, die gewiß zu den stärksten des Jahrhunderls gehören, schöpfen aus Quellen, von denen der stürmische, skrupellose Erpansionsdrang des Kapitals nichts weiß.- Der künstlerische Ausdruck der Gründerzeit ist Makart. Auch die Einflüsse der ausländischen Malerei, besonders der tonangebenden französischen, kommen in dieser Darstellung nicht zu ihrem Recht. Gewiß ist die deutsche Malerei auch in den Zeiten größerer Ab- hängigkeit von fremden Einflüssen national bedingt, aber dieser impressionistische und naturalistische Kampf hat doch seine stärkste An- regung von den Franzosen bekommen. An 300 Abbildungen, von denen manche freilich etwas verschwommen ausgefallen sind, stellen reiches AuSstellungsmalerial zur Verfügung. Wer nicht bloß eine gewisie Kunstbildung, d. h. Kenntnisse über Meistcrwerle sich aneignen, sondern tiefer in die Werke der Kunst eindringen, sich mit ihren Problemen auseinandersetzen oder schließ- lich seelisch bereichern will, wird immer gut tun, nicht mit dem Studimn allgemeiner Kunstgeschichte zu beginnen. Die verwirrende Fülle von Namen und Dalen, die in solchen Werken notgedrungen angehäuft werden, silist nur zu geeignet, den Kunstenthusiasten ab- zuschrecken. Besser Ivirl er fahren, wenn er sich zunächst in eine bestimmte Zeit, in einen bestimmten Künstler vertieft. Als solch- Werke, die" zu solchem Vertrautwerden geeignet sind, können hier 'Berhaereus Rembrandt und Rubens empfohlen werden lbeide im Jnselverlag, mit guten Abbildungen, geb. 3 M.). Hier langweilt nicht ein Historiker mit dem ganzen Material, das seine Wissenschaft zusammengetragen, sondern ein Künstler deutet daS Wesentliche, dringt in den Kern des Schaffenden und holt das Menschliche heraus. Die Bücher sind ganz elementar, sie ber-chten da« Notwendige von der Zeit und dem Leben, sie führen zu dem, was uns wertvoll und bedeutend ist, und gebejj. ein gutes Bild von der Persönlichkeit. Roch leichter wird man den Zngaiig zur Kunst finden, lvenn Bcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: man mit der Kunst unserer eigenen Zeit beginnt. Denn schließlich sehen wir auch die vergangene Kunst immer mit den Augen der Gegenwart. Das Sehen allein freilich tuts nicht; wer wirklich in die moderne Kunst eindringen will, wird auch hier das Buch als Ge- fährten begrüßen. Glücklicherweise wächst denn hier auch die Literatur über die führenden Menschen und Kräfte der Kunst, die wir selbst erleben. Der Verlag Paul Cassirer, der diese Seite der Kunst- literatur besonders pflegt, hat eben zwei Werke herausgebracht, die beide von starkem Interesse sind. Das eine mal spricht ein Maler über einen Maler: Karl Hagemeister schildert das Leben und die Werke seines Freundes Karl Schuch lPreis des vortrefflich ausgestatteten Bandes 7,50 M.). Die tonschönen Stillleben und Landschaften dieses Malers stehen seit der Jahrhundertausstellung 1900 in ihrem Werte für die deutsche Kunst fest. Den Entwicklungsgang SchuchS, der zum LeiblkreiS gehört, zu zeichnen, war keiner mehr berufen, als sein langjähriger Gefährte Hagemeister. Was dem Buch seinen besonderen Wert gibt, ist die anschauliche Darstellung der spezifischen malerischen Probleme, mit denen Schuch und die ganze Lciblschule gerungen. Der Laie bekommt hier einen rechten Begriff, welch' eine Rolle das Handwerkliche und rein Technische in der Kunst spielt. Die Benutzung von Briefen und Tagebüchern führt mitten hinein in diese Kämpfe eines modernen Malers. DaS Leben Schuchs im Atelier und im Freien, in München und Venedig und in dem uns benachbarten Ferch und Kähnsdorf, wo sich ihm als Jäger und Waldläufer die Natur erschließt, ist frisch und lebendig geschildert— großenteils aus der unmittelbaren Anschauung des Miterlebenden und Mitstrebenden. Dieses Malerbuch ist uns daher als Dokument wertvoll und teuer. Das andere Malerbuch ist Max Liebermann gewidmet sMax Liebermann von Erich Hancke, ebenfalls Verlag Paul Cassirer, mit 303 Abbildungen. Preis 30 M.j Man sollte meinen, Liebermanns Bedeutung und Individualität wäre literarisch erschöpft, so viel Bücher sind über ihn geschrieben. Aber doch war keines darunter, das mit solcher Liebe und Versenkung seinen Spuren ge- folgt war. das intimste Biographie und eindringendste Analyse der- einigte. Dies Buch ist auch von einem Maler geschrieben, oder wenigstens von einem, der von der Malerei ausging und selbst Schüler von Liebermann gewesen ist. Man hat daher nicht nur einen treuen und zuverlässigen Biographen, sondern auch einen Mann vom Handwerk vor sich, der wohl nicht immer den weiten Blick, aber dafür das solide, sachverständige Urteil hat. Sein Werk wird voraussichtlich als Biographie das abschließende sein, und es kommt auch sonst als gewichtiges Verständigungsbuch. Der Im- pressionismus, dessen bedeutendste Ausprägung Liebermann in Deutsch- land gewesen, ist zu Ende. Es ist gut, daß wir eine Inventur aufnehmen, uns klar werden, was er uns an Werten gebracht und hinterlassen hat, ehe wir uns den Wirbeln der neuesten Kunst- entwicklung anvertrauen. Wir lernen hier den hohen Respekt vor der Arbeit an der Natur, wir begreifen den Wert einer Augenzuchr, die die Dinge darstellen lehrt, wie wir sie unmittelbar empfinden, die die Phantasie entthront und die Naturwiedergabc zum Angelpunkt der Kunst macht. Liebermann wird auf diesem Gebiet immer ein klassischer Meister bleiben Freilich mehr der Liebermann der mittleren als der Spätzeit). Seine Leistungen erschöpfend vorzuführen, die Psychologie seiner klaren Natur zu entwerfen, die Kraft seiner Werke vor uns hinzustellen und das ganze Detail seiner EntWickelung vor uns auszubreiten, ist ein Verdienst, das Erich Hanckes schönem Buch Danerwert und zudem die aktuellste Bedeutung verleiht. Druck und Ausstattung sind vorbildlich, das AbbildungSmaterial ist in der sorgfältigsten Art reproduziert. II. v. kleines Feuilleton. Technisches. Die B a r t m ä h m a s ch i n e. Vor einiger Zeit kam über den großen Teich die Nachricht, ein Amerikaner habe eine durch Maschinenkraft angetriebene Rasiermaschine erfunden. Das war zur Saurengurkenzeit, und so wird man dies wohl kaum ernsthaft genommen haben.„Elerirical World" berichtet nun eine tatsäch- liche Erfindung. Der Rasiermotor hat nach diesem Fachblatte eine gewisie Aehnlichkeit mit der bekannten Rasenmähmaschine; aller- dings greifen seine Klingen an dem abzumähenden Haar etwas anders an, als die Messer der Rasenmähmaschine an dem Gras. Tie sind nämlich quirlig zu der Achse sidie gleichzeitig Handgriff ist) des Maschinchens angeordnet und liegen, damit keine Ver- letzungen möglich sind, zwischen zwei Metallringen. Sie sind nicht so scharf, wie Rasiermesser sonst, und sie sollen das einzelne Haar auch nicht abschneiden, sondern augenscheinlich durch heftigen Stoß .abbrechen. Rasicrseife ist bei der Anwendung� der Bartmäh- Maschine, die von einer Firma in Chicago demnächst auf den Markt gebracht werden soll, nicht nötig: es genügt, die Haut anzufeuchten, dann soll der ganze Bartwuchs in überraschend kurzer Zeit schmerz- los und ohne Verletzungen entfernt werden. Es heißt, man habe nach dem Rasiere» mit der Maschine in der Haut ein Gefühl, als ob man sanft massiert worden sei. Der Antrieb der Maschine erfolgt durch den elektrischen Strom: sie ist mit einem Ttechansckluß versehen, sodaß jede elektrische Lichtleitung ihr die nötige Arbeits- kraft liefern kann.____________ ; Vorwärts Buchdrnckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer 3cTo..Berlin ZWt