Interhaltungsblatl des Horwürls Nr. 250� Mittwoch, den 24. Dezember. 1913 49] k)e!ge ßcndcls Luftfchlöffer. Ei n Chikago-Roman von Henning Berger. »Schlutz.) — Aber, lächelte Seastrom— er ist Amerikaner und wird sich zu bergen wissen. — Und H. Maitland Wolsey, Esq.? — Der Schwindler! Helge fuhr unwillkürlich zusammen: � Schwindler? Herr Seastrom lachte: — Ja, Herr. Allerdings ein Schwindler! Er trug den Namen tatsächlich mit vollem Recht; aber er war nicht der Maitland Wolsey, der feine Londoner Klubmann, sondern sein Vetter. Dieser hier war ein schwarzes Schaf, den die Gesellschaft in einem kritischen Augenblick als Tecfung vorschob— als Promotor, wie wir sagen. Eigentlich kam er hier herüber, um sich eine reiche Heirat zu verschaffen, und das wäre vielleicht auch geglückt in dem großen Schafstall von New Aork, wo die Schafe begehrlich nach den europäischen Böcken schlecken, deren Hörner ihnen die aristokratische Krummbicgung der„Gesellschaft" zu haben scheinen. Die Vergoldung liefern sie. Es wäre auch, wie gesagt, dazu gekommen, wenn er sich nicht eines Nachts im Manbattan- Klub auf Falschspielerei hätte ertappen lasten. So war er überall verfemt, und die Kennyon-Vcrwandten schickten ihn zum Teufel, nachdem sie ihm noch tausend Pfund ausbezahlt hatten, damit er seinen Namen ändern sollte. Jetzt soll er in Yokohama oder Singapore oder Kalkutta sein und eine Art Spiclklub errichtet haben— Prosit! Helge Bendel dachte: — Und der hat über uns zu Gericht gescstenl Ohne weiteres alte, verheiratete Männer, ganze Familien auf die Straße gesetzt. Das ist eine Phase des freien Landes. Europäische Abenteurer, die das Schicksal der Eingewanderten lenken. — Und S. Tenney Ranch— wie geht's dem? — Tenney, sagte Seastrom und verschlang eine gebackene Auster— ja, der war ja Amerikaner und setzte einen Gold- grubenschwindel ins Werk— auf dem unteren Broadway. Verkaufte mastenhaft Aktien— ohne Goldminen, selbstverständlich. Zuletzt wurde es aber doch zu arg, und da er die Polizei nicht genügend bestach, mußte er nach Kansas Eity flüchten. Aber irgendwie kam er wieder zurück, und da faßten sie ihn ab. Jetzt sitzt der spanische Affe, wie ihn der arme, alte Andersson zu nennen pflegte, in Sing-Sing eingesperrt. — Unsere Richter! murmelte' Helge. Lange saßen sie beieinander und plauderten bei einer schwarzen Flasche und ein paar Siphons. Und in dem blauen Rauch begannen vor Helge neue Luftgebilde zu schimmern. Am frühen Novembcrmorgen gleitet still ein großer Dampfer durch den Hafen von New Jork. Wie eine Reihe von Monden spiegeln sich die'Ochsenaugen der Ventile in dem grauen Wasser. Achterwärts kreisen Fisch- möwen um die rote, rauschende Union Jack. Es ist starker Nebel, und der Koloß schwimmt langsam, mit dumpfen Zylinderschlägen, längs der Ufer des Hudson dahin. Dann und wann stößt das Nebelhorn ein mark- erschütterndes Geheule aus. Die frischgescheuerten Dielen des Verdecks sind feucht und es tropft von der lackweißen Reling, von den gefirnißten Bords, von Messing und Segeltuch. Rettungsboote und Bojen tragen das Flaggwappen der Kennyonlinie übers Kreuz. Helge steht einsam auf dem Ueberbau des hintersten Decks und blickt nach dem Land zurück. Er ist über Tauabsperrun- gen hinweggeklettert und steht nun und sieht zu, wie die Knotenleine in dem schäumenden Kielwasser zuckt. Er packt die Leine. Sie zuckt wie lebend. Es ist, als wolle sie ihn zurückziehen. Ein schlanker Offizier in englischer Uniform— denn das Schiff gehört während der Kriegszeit als Kreuzer der Ma- rtne— kommt herauf und stellt ein Fernglas ein. Dann geht er wieder. Die Schraube vibriert sachte. Das Horn tutet. Aus dem Nebel riecht es nach Steinkohlen, Tangluft und Meersalz. Da verschwindet Bedloe Island mit Bartholdis' Göttin. Der erhobene Arm mit der Freiheitsfackel ist von Nebel um- hüllt. Die Spitzen des Strahlendiadems um das Haupt wer- den abgestumpft von den Wolken im Hintergrund. Es läutet das zweitcmal zum ersten Frühstück. Helge geht hiunntcr. Die mit grünen Plüschläufern belegten Gänge strahlen im Licht der Deckenlampen, das sich in den MalMgon.itüren wiederspiegclt. Eine parfümierte Wärme strömt ihm ent- gegen. In einem Korridor begegnet ihm eine Stewardin. Sie ist jung, mit schwarzen Haren und schwarzen Augen; im Haar trägt sie eine große, weiße Rosette. Ihre Wangen sind frischrot. Helge tritt zur Seite, und sie lächelt und sieht ihm gerade in die Augen, mit einer Aufforderung in den schwarzen Blicken. — Sie glaubt, ich sei ein reicher, junger Mann, sagt Helge zu sich selbst, weil ich erster Klasse fahre... In dem großen Speisesaal mit seiner Säulengalerie in Weiß und Gold sitzen nur ein paar vereinzelte Passagiere. Die meisten schlafen noch in ihren Kabinen. Er hat seine Nummer erhalten und setzt sich an seinen Platz. Der Tee duftet, die frischen Waffeln duften, das Silber strahlt. Die Kellner bewegen sich lautlos. Ein Oberaufscher verteilt die Mcnükarten zuni Lunch. — Französische und englische Küche, liest Helge. Oberköche von Paillard und Carlton. Er geht in seine Kabine. Sie ist so blank und zierlich ge- putzt wie ein Ausstellungsstück. Alles Lack. Mahagoni, grüner Plüsch. Und eine rote Reisedecke leuchtet festlich. Die elektrische Halbkugel schiinmert wie ein Opal. Das warme Wasser perlt aus vernickelten.Kranen in den Fayence- Waschtisch. Die Seife riecht nach Mandeln. Ein unendliches Wohlbehagen erfüllt ihn. Er stopft sich eine Pfeife, hüllt sich in seinen Ulster und gebt hinauf. Die Maschinen atmen stärker. Aus den? Innern der Ka- binen tönen Lachen und Morgengrüße. Im Badezimmer plätschern die Duschen. Offiziere gehen grüßend an ihm vorüber. ES ist noch immer neblig, aber unter dem astrachangrauen Fell ahnt man die Küste. Dort hinten versinkt Coney Island, und gleich einem prähistorischen Niesentier der Sage zeichnen sich die phantastischen Konturen des berüchtigten Elefanten- Hotels am Badestrand ab.,__ Von einer Sandbank aus blitzt ein Tag-Lenchtfeucr her- über. Die Wogen wallen milchweiß unter dem Wolkenschleier. Die Flagge ist gesenkt. Die Knotenleine zuckt und zerrt. Jetzt ist der Schaum flaschengrün, und wo er weiß siedet, bricht die Tiefe ausein- ander und wird augenblicklich zu wirbelndem Schwarz. Und Weiß und Grün spiilen glättend darüber hin. Einige Herren promenieren in regelmäßigem Takt über das lange Promenadendeck. Durch die Türöffnungen sieht man die Diener die Salonkoffer auspacken. Helge wittert. Welch eine Luft— welch eine Kraft! Tie Kneifergläser sind mit Salzkristallen beschlagen. Plötzlich heulen die Pfeifen der großen Schornsteine so laut, daß er erschrocken zusammenführt. Eine ganze Weite schreien sie schrill. Das Trommelfell schmerzt. Auf der obersten Brücke wandern fünf oder sechs Männer umher; ihre Mützcnborten blinken. Nach vorn zu ist es, als wäre der Nebel durchsichtig, als würde er von der anderen Seite her beleuchtet. Aber man kann kaum die Mastspitzen unterscheiden. Helge fängt an, sich nach Gesellschaft zu sehnen. Tie ele- gante Passagierlistc ist noch nicht fertig; er hat erst die elegante Einbanddecke erhalten können. Und erst von morgen ab drucken sie die tägliche Schiffszeitung. Aber er weiß, zum Nachbar bekommt er einen Holländer— van Duus, hatte der Steward gesagt. Ein einsamer Herr bleibt vor ihm stehen und lüftet eine karierte Reisemütze. � — Mein Name ist van Tuus, sagt er; der Steward sagte mir... Sie grüßen beide verbindlich im Gedanken an ihre Plätze erster Klasse. Van Duus ist ein junger Mann, blond und ein bißchen behäbig. Bendel sieht, daß er kostbare Ringe und in der Krawatte eine Perle trägt. Vielleicht reist er in Juwelen. — Jetzt sieht man die Küste nicht mehr, sagt Mynheer van Duus. — Nein, Gott sei Tank! entschlüpft es Bendel. Der Holländer sieht ihn an; dann sagt er: — Ein großes Land, Sir; ein hervorragendes Land. Ein junges Land. — Ja. sagt Helge. — Sie sind nicht Amerikaner? — Nein. Von Nordwesten her erhebt sich ein leichter Wind. Van Duus schlägt den Rockkragen in die Höhe. — Ich ebenfalls nicht, äußert er.— Ich glaube, man muß sich ein bißchen Bewegung macheu, fügt er hinzu, als Helge nichts sagt. Bendel lächelt artig. Er blickt nach Westen, wo alles in blaugrauem Nebel in- einandcrläust. — Leb' wobl, du gelobtes Land Gottes! sagt er laut. Der Dampfer hat seine Geschwindigkeit gesteigert. Er stampft sachte, und es brandet gegen die Flanken. Jetzt sieht mau keinen Streifen Landes mehr. Tie HorU zontlinie rundet sich und sinkt gleichsam hinter die Wogen- kämme. Aber das Nebelband, das zuunterst die schwerste Für- bung hat, etwas zwischen Erdbraun und Moosgrün, gemahnt in der Zeichnung an einen fernen Strand. Und wenn der Blick an der Wand aufwärts gleitet, so wechselt es in dem grauen Gewebe und spielt in weißen Streifen und Linien. Ja, wenn man eine Weile auf dem gleitenden, sich hebenden, schaukelnden Teck gestanden und durch das nasse Glas nach dem Nebelhintergnmd hingestarrt hat, so kann man fast alles nur Erdenkliche aus den Spektruinfarben hcrvorwachsen sehen. Es entsteht eine lichte Ritze im Tuch, und tief darunter zittern Achterrelinge mit hämmernden Haken und Splinten, und es spritzt Tropfen und Schauin. Dehnt sich nicht die Ritze zu einem weiten Portal in einer Weißen Mauer? Blickt er nicht in eine breite Straße, die zu einem großen Platz führt? Und da liegt ein seltsames, 'ckönes Schloß. Es ist ebenso schön wie das Schloß in der Luftspiegelung über dem Strom, damals, vor langer Zeit, und die Stadt ist ebenso festlich und flammt zuni Willkomm mit offenen Toren und wunderbaren Farben, und alles, Platz und Tum und Brücke und Schloß und Wasser kennt er gar wohl wieder; aber noch nie zuvor hat er es so schön gesehen, so wie aus lauter Edelstein. gemacht, und nie ist es ihm so erschienen wie jetzt, hoch in der Luft in den Wolken und mit dem rollen- den Ozean zum Teppich. Mit ausgestreckten Armen hätte er hinüberwanderu mögen.> Er richtet sich auf und trocknet feinen Kneifer ab. In der Luft fängt es an zu singen, und es rüttelt und stampft. Mit jedem Stoß wird er näher getragen. Näher. Heim. Er gebb langsam hinab ans das Vorderdeck, bis zum äußersten Ende ani Steven. Eine Kaskade sprüht gegen die hohen Bugwände. Er sieht die Wogenberge sich beben und mit zerbrochenen Kämmen in die schwarzgranen Täler hinabrollen. Es braust aus der Tiefe. Ueberall Nebel. Das Foghorn tutet. Das Schiff geht stetig gradaus gen Osten und verschwindet in den Nebel hinein, der noch die Sonne verbirgt. Ans dem Dunst klingt über die Schaumflaggen stocken drS Propellerwassers her ein Echo vom Ruf des Nebelhorns. Nebelweiße. Grüne Weiten von stürzenden Wogen. Ein letzter, langgedehnter Ton der Sirene. Nebel. Oer Meiknacbtggeclanke im Volksempfindeu. Von H. Falkenfels. Uralt, älter als Kirche und Chrifteiituin ist im deutschen Volks- empfinden der Gedanke, daß die Jahreswende der Sonne, die zum aufsteigenden Leben führt, wahre.Weihnächte" in sich birgt, in denen rnehr boin Nalurgeheimnis offenbar werden mag, als sonst im Abrollen des Sonnenjahres. Im altgermanischen Empfinden war diese Drehung des Sonnenrades, wie so anschaulich die alten Quellen den stels gleichmätzigen Wechsel der Jahreszeiten nennen, ein Symbol des Wcltenbaues selbst, von dem sich der Deutsche, be- vor ihm die römischen Mythen bekannt wurden, folgende Vorstellung machte: Ursprünglich war nur der Baum. Gimmungagap nennt ihn die Edda, das älteste Denkmal, in denen sich der Weihnachtsgedanke un- abhängig von seinen späteren Deulungen findet. An seinem nörd- lichen Teil entsprang die Quelle der Kälte. Sie hüllte ihre Um» gebung in frostige Nebel. Dort war das Nebelheim sNifelheim), von dort strömten die nebelgrauen Kältewogen hinaus in die Welt und irachleten, sie mit Grauen und ewiger Leblosig- keit z» erfüllen. Daran aber wurden sie gehindert durch die Wärme, die sich dem Kältetod entgegenstellte und aus Ruds Brunnen, dem Wärmequell im Süden des Raumes kam. Wo sich die beiden Slrömungen trafen, keimte das Leben in tausendfacher Gestalt, als Gölter, als Riese», als Mensch und Tier und Pflanze. Alles das ist verkörpert im Sinnbild der Wellesche Dggdrasil, die ihre Wurzeln sandte zum Wärme- und Källequell, ihre tiefste dritte Wurzel aber in den Brunnen senkte, aus dem die lebenerhaltende Weisheit floß. Diese Vorstellung von, Weltcnwerden und Sein hat man nicht umsonst die schönste aller Mythologien genannt. Denn sie vereinigt wirtlich in seltener Weise Wirklichkeiten, echtes Wissen mit einer Vor- stellung von den tosmischen Gesetzen, die eigentlich nur in anderer Sprache, in dicdterischeil Bildern dasselbe sagt, was sich heute wissenschaftliche Weltanschauung nennt. Wäre im Ablauf deutscher Entwickelung aus jenen Vorzeiten in natürlichem ungestörleni Wachs- tum die Gegenwart entstanden, nie hätte sich die tiefe Kluft zwischen Volksempfinden und Wissenschaft aufgetan, unter der unsere Kultur heute leider. Die altdeutsche Schöpfungssage ist nämlich, wie man leicht erkennt, vor allem eine geographisch richtige Beschreibung der Naturvcrhältnisse des Erdteiles zwischen dem nördlichen atlantischen Ozean und Afrika-Nifelbeim gibt es wirklich. Es ist der Teil zwischen der Küste von Labrador und Island, nicht ivcit von dem Punkte, wo die.Titanic" auf dem Meeresgrund langsam zun» Fossil wird. Dort braut ewiger Nebel, fast ununterbrochen gehen feine Sprühregen nieder und um die von Norden heranlreibenden Eisberge brodelt eisiges Waffer, das aus der Baffinsbai, dem wahren Kältebrunnen der Welt, langsam herausströmt. ES ist jene Welt- gegend, aus der die täst jede Woche im europäischen Wetterbericht wiederkehrende isländische oder allantische Depression ihren Aus- gang nimmt und wie ein Dämon der EiShölle, begleitet von Stürmen, Regenböen und Wetterstürzen langsam über Europa hin- zieht, wo sie schon viel von ihrer ursprünglichen Macht verloren hat, bis sie, etwa an den Südostgrenzen Deutsch-Oesterreichs endgültig von der trockenen Lust der Steppen aufgesogen wird. Den Dichtern der Edda war diese Quelle alles Naturheils, die für den Naturmenschen nur zu oft Tod und Weltuntergang bedeutete, nur zu wohl bekannt, ist doch die'Edda in Island ausgezeichnet worden. Viel weniger bekannt war ihnen dagegen Urbs Bronnen, von dein nur ferne Sendboten und Sagen nach deulscheni Land herüberkoinen vom afrikanischen Süden, nach dem alle Sehnsucht ging, die aber nur von Ostgoten und Vandalen. und von denen nur zu ihrem Un- heil, verwirklicht wurde. Der Südwind, die dem Nordländer am südlichen Himmelsrand dahingehende Sonne, seder Wanderer vonr Süden brachte Kunde, datz der Quell der Wärnre am anderen Ende der bekannten Welt wieder jenseits eines Meeres z» silchen sei. Solche Wanderer aus dem Süden aber gab es oft, denn reichlich sind uns ihre Spuren erhallen in altgermanischen und vorgeschichtliche» Grabdenkmälern als Nephrit- und Jadeitschmuck und Waffe. Beide Gesteine kommen in Europa vor; sie finden sich„gewaschen" im südöstlichen Asien und die wenigen Fundorte in Skandinavien kommen gar nicht in Betracht angesichts der iveiten Verbreitung von Nephriibeilen»r der prähistorischen Welt. Wandernde asiatische Händler haben sicher das meiste davon nach der Ultima Thüle gebracht, gleich wie die Griechen und Phöniker schon in Urzeit hinaufzogen nach Nifelhein» au die Bernsteinküste», um den hochgeschätzten.Elektron" zu holen, dessen Name erst drei Jahrtausende später so ungeahnte Bedeutung für den Menschen erlangen sollte. Solche Boten aus der hcitzen Welt ober bestätigten dem Deutschen der Vorzeit die Richtigkeit seines Weltbildes mid die Talsache einer südlichen Wärmequelle. Wie richtig war aber erst der Sag von der Weltenesche, die in der Weisheit, in der höchsten Kultur wurzelt, just in richtiger Mitte zwischen dem Kälte- und Wärmeland. Wie sinnvoll, daß das Leben gerade dort entstehe, wo sich kalte und helße Strömungen mischen l Deutschland, Mitteleuropa war damit als die Wiege der Menschheit und der Kultur gekennzeichnet. DaZ ist eine Anschauung, zu der die Wissenschaft sich erst iu unseren Tagen durchgerungen hat. Sie ist heute zu der UeLerzeugunz geftmitnett, daß Mitteleuropa immer eine führende Stellung hatte, und die prähistorischen Skelettfunde na- mentlich der Cro-Magnon-Zeit haben den alten Irrtum endgültig zerstört, als sei der Europäer nicht Eingeborener seines Landes, son- dern ein Einwanderer aus dem fernen Indien. So besteht denn das schöne dichterische Bild der Edda auch vor dem wissenschaftlichen Bewußtsein von heule zu Recht und damit auch der WeihnachtSgedanke, der nichts anderes als eine Projektion dieser geographisch-entwickelungsgescknchtlichen Behauptungen auf den KreiS- lauf des Jahres ist. Was unsere Vorfahren in der horizontalen Er- strerkung des ihnen bekannten Weltteiles sahen, erlebt jeder von ihnen auch im Ablauf eines Jabres. Die Kälte- und Wärmequelle wurde jedem fühlbar und jeder merkte, daß in dem Augenblick, da beide miteinander stritten, daS neue Leben aufblühte, als entstunden dadurch die Grundstoffe des lebendigen Werdens. Von selbst wurde dadurch das Sinnen nnd Grübeln auf den Be- ginn dieser jährlich wiederkehrenden lebenserzeugenden, schöpferischen Wandlung hingelenkt, und rasch hatte der scharfsinnige Volksgeist herausgefunden, daß noch mitten im Frost und Eis diese Wandlung sich vorbereitete, in einer Woche, die als die lebensheiligende zauberisch-unverständliche nnd doch so sichtbar wirkende Zeit aus dein ganzen Jahresablauf hervorgehoben wurde als die Woche der Weihnächte. Was der Urmensch in einfachste Begriffe kleidend, unbestimmt aber doch mit unbeirrbar sicherem Gefühl empfand, ist auch für den Kulturmenschen von heute gültig geblieben. Wenn er nicht ganz entartet und abgestumpft ist für die natürlichen Bedingungen seines Seins, wird ihn ein inneres Gefühl immer dazu treiben, die Weih- nachtswoche bedeutsam zu empfinden und auch festlich zu begehen. Aus tiefen, im Wefen der Natur begründeten Ursachen hat sie ihm etwas zu sagen, einen der ewigen und alle Menschen gleicherweise berührenden Gedanken, die daS Volksempfinden stets mit un- gemein feinem Gefühl zu erfassen und auch mit höchster Kunst und Innigkeit in sinnige Formen einzukleiden wußte. Auch in aller Zu- kunft wird daS Volksgemüt stets eine herzbewegende Form dafür finden, so oft auch noch das Symbol des Weihnachtsgedankens wechseln mag. Oer Kraubotticb. Von Selma Lagerloef. Vor langer, langer Zeit, als die Wölfe noch mächtig und ge- fürchtet waren, überfielen sie einmal einen Bauern aus Aefdal, der mit einer Ladung Böttchergesäße umherfuhr. Sie jagten eines Abend hinter ihm her, als er eben über den Soljansce und Rättvik fuhr. Es waren ungefähr dreißig Stück, und der Bauer hatte kein gutes Pferd, so daß er nicht viel Hoffnung hatte, ihnen entwischen zu können. Die Wölfe überfielen den Mann nicht sogleich, nachdem er aufs Eis hinausgefahren war, sondern erst, als er sich mitten auf dem See befand. Da stürzten sie von einer kleinen Landzunge aus auf ihn zu, gerade als ob sie dort auf der Lauer gelegen und auf ihn gewartet hätten Das Eis war nicht glatt und glänzend, sondern mit einer dünnen Lage von hartgefrorenem Schnee bedeckt, Menschen und Tiere konnten mit Leichtigkeit darauf gehen; und die Wölfe kamen mit solcher Geschwindigkeit auf den Bauern zu, daß er nicht mehr Zeit halte, das Pferd zu wenden; schon war der erste Wolf neben ihm und schnappte nach dem Aermcl seines Pelzrockes. In wilder Hast beugte er sich vor und hieb mit dem Peitschen- stock auf das Pferd ein, so daß es mit aller Macht davonjagte und die Wölfe weit hinter sich ließ. Darauf nahm der Bauer sein Fell- eisen heraus, worin er seinen Mundvorral hatte, und warf es aufs Eis. Während die Wölfe den Sack durchwühlten und die leere Butter- dose und die abgenagte Hammelkeule herauszerrten, konnte der Bauer ein wenig aufatmen. Er hatte eine rechr große Ladung Daubengefäße auf seinem Wagen, und das natürlichste wäre gewesen, daß er jetzt eiligst die Stricke, mit denen die Kübel, Bottiche und Wannen feit- geschnürt waren, durchgeschnitten und die Gefäße aufs Eis ge- warfen hätte. Wenn er dann davongejagt wäre, als sei der Leib- hastige hinter ihm her, so hätte er doch noch eine Möglichkeit gehabt, sein Leben zu retten. Aber der Mann war vor Schrecken ganz verwirrt. Ein so einfacher Ausweg wie dieser fiel ihm gar nicht ein, er blieb im Gegenteil ruhig vorne auf seiner Ladung sitzen. Man darf aber nicht meinen, daß er überhaupt keinen Ge- danken gehabt hätte, im Gegenteil, es drängten sich so viele Ge- danken in seinem Gehirn, daß er keinen festhalten konnte. Während er so wie gelähmt dasaß, sah er, daß sich zwischen den Tannenbüschen, die auf dem Eis aufgepflanzt waren, um den Weg zu bezeichnen, etwas bewegte. Und als er sah, was es war, wuchs der Schrecken, der ihn schon vorher erfaßt hatte, inS Ungeheure, Aber nicht Wölfe waren es, die ihm da entgegenkamen, fondern eine alte, arme Frau. Sie hieß die Finneu-Maliu und war eine rechte Landstreicherin. Sie hinkte ein wenig nnd hatte auch einen kleinen Höcker; er konnte sie schon aus der Ferne erkennen. Die Frau ging gerade auf die Wölfe zu. Offenbar verdeckle sie der Schlitten vor ihr, und der Bauer wußte sogleich, wenn er an ihr vorüberfuhr, ohne sie zu warnen, dam» fiel sie den wilden Tieren unwiederbringlich zur Beute, und während diese die Alte zerrissen� tonnte er entkommen. Ja, wenn er sie nur ruhig ihren Weg fortsetzen ließ, dann Iva* er sicher gerettet. Davon konnte nicht die Rede sein, daß die Finnen« Malin den Jsegrimmen entrinnen könnte. Langsam, auf einen Stock gestützt, kam sie daher, sie war alt und schwach und hatte nichts, wo» mit sie sich hätte verteidigen können. Es war also ausgemacht, wenn er ihr nicht half, dann kam n davon, er und das Pferd. Aber, wenn er ihr half und sie auf den Schlitten nahm, war er durchaus nicht sicher, daß sie gerettet wurde, ja, wenn er dies tat, war es fast sicher, daß er eingeholt wurde, und dann fielen den Raubtieren vielleicht drei Leben zur Beute. Er hatte Frau und Kind daheim, die niemand anders zur Stütze hatten als ihn. Die Finuen-Malin dagegen war eine einsame Person. Sie war nur ein altes böses Bettelivei'b. Auf der ganzen Welt würde niemand um sie trauern. Er konnte wahrlich schnell denken, wenn er wollte. All die> stand fast in demselben Augenblick, wo er die Finnen-Malin erblickte, klar vor ihm.— Und damit war es noch nicht genug, er mußt« zugleich daran denken, wie es ihm wohl nachher selbst gehen würdet Ob er Gewissensbisse bekäme, weil er dem Weib nicht geholfen hatte, ob die Leute erführen, daß er ihr begegnet war und sie im Stiche ließ. In seiner Brust entspann sich ein großer Streit, nnd«r sagte sich schließlich: Es wäre mir lieber, ich wäre ihr gar nicht be« gegnet. In diesem Augenblick stießen die Wölfe ein lautes Geheul aus. DaS Pferd schreckte zusammen, fuhr wild davon und jagte an dem Bettelweib vorüber. Sie hatte daS Wolfsgeheul auch gehört, und als der Bauer an ihr vorübersauste, las er in ihrem Gesicht, daß sie wußte, was ihr bevorstand. Sie stand da, den Mund zu einem Schrei geöffnet und die Arme um Hilfe ausgestreckt, aber sie hatt« weder geschrien noch einen Versuch gemacht, sich auf den Schlitten zu werfen. Sie war wie versteinert von irgendeiner Erscheinung. „Ich habe wohl wie ein böser Geist ausgesehen, als ich an ihr voriiberfuhr", dachte der Bauer.„Es ist gut, daß es jetzt getan ist", dachte er, während das Pferd weiterjagte, und er versuchte, sich jetzt, wo er seines Lebens sicher sein konnte,' zufrieden zu fühlen. Aber in demselben Augenblick begann e« in seiner Brust zu arbeiten nnd zu brennen. Er hatte noch nie etwas Böses getan, und nun hatte er in einein einzigen Augenblick sein Leben verdorben. Um sich zu be- ruhigen, fing er an, mit dem Pferde zu sprechen. „Du, Rappe, es gab ja keinen anderen Ausweg," sagte er.„Wir wollen uns das Spiel nicht verderben, iudeni wir die Reue auf» kommen lassen." Aber plötzlich hielt er das Pferd mit einen, ge- wältigen Ruck an.„Ja. was ich gesagt habe, ist ganz richtig," sagte er in einem ganz anderen Ton,„wir ivolleu uns das Spiel nicht verderben. Was würde das für ein Leben geben, wenn wir uns jeden Tag schämen müßten i" Nur mit großer Mühe gelang es ihm, das Pferd zu wenden; aber schließlich brachte er es doch zustande, und er hatte die Finnen- Malin bald wieder erreicht. „Steige schnell auf meinen Schlitten!" befahl er ihr, und er sagte es so hart, als sei er wütend. Und das war er auch. Auf sich selbst war er böse, weil er das Weib nicbt ihrem Schicksal über- lassen konnte. Als sie wieder auf der Flucht waren, dachte er:„Der liebe Gott mußte es jetzt von Rechts wegen so einricdteu, daß mich die Wölfe in Ruhe ließen. Jetzt klammerte sich das Weib an seinen Arm und wimmerte.„Du tätest besser, daheim zu bleiben, Du alte Hexe, anstatt Dich imnier herumzutreiben. Nun werden wir beide Deinetwegen umkommen, der Rappe und ich." Das Weib erwiderte kein Wort, aber der Bauer war jetzt in einer so verzweifelten Stimmung, daß es ihm geradezu Vergnügen machte, sie zu quälen.„Der Rappe ist heute schon sechs Stunden gelaufen, und alt ist er auch, da wirst Du begreifen, daß er bald müde sein wird. Und die Last ist nicht leichter geworden, seit Du dazu gekommen bist." Der Schlittenkufen knirschte auf dem Eis, aber trotzdem vermeinte er zu hören, wie die Tatzen der Wölfe hinter ihm auf- schlugen, nnd er fühlte, daß die Raubtiere ihn eingeholt halten. „Jetzt ist es aus mit uns," sagte er.„Daß ich Dich zu retten versucht habe, ist weder Dir noch mir gut bekommen, Finnen- Malin." Erst jetzt sprach das Weib ein paar Worte. Vorher hatte sie nur geschlviegeu, wie jemand, der an Schellworte gewöhnt ist. „Ich kann nicht verstehen, warum Du Deine Gefäße nicht ab- ladest nnd die Last erleichterst." sagte sie.„Du kannst ja morgen früh wiederkommen und sie zusammenlesen." Was es nun auch sein mochte, ob es daher kam, daß das Weib so klug sprach und die Hoffnung hatte, daß er morgen wieder hier- herkommen könnte, oder ob es von etwas anderen, herkani, aber gerade da gewann der Bauer etwas von seiner Ruhe wieder. „Wirf sie doch ab," sagte das Weib.„Du kannst Dir denken. daß sie Dir niemand stiehlt. Du wirst sie alle wiederbekommen." Der Bauer entgegnete nichts, unbeweglich und unverwandt be- trachtete er seine Bottiche. Mitten drin stand ein großer schwerer Braubottich. Auf ihn waren seine Augen gerichtet, als lönne er sich nichr entschließen, diesen abzuladen. Aber in Wirklichkeit waren seine Gedanken von etwas anderem in Anspruch genommen.„Pferd und Mamr, denen nichts fehlt, sollten doch eigentlich nicht geopfert werden/ dachte er.„Es mutz einen Weg zur Rettung geben. Sicher gibt es einen. Der Fehler ist nur, daß ich nicht herausfinden kann, »oas ich tun mutz." .Probier es nun damit, die Bottiche abzuladen/ drang die Frau in ihn..Wenn da« nicht hilft, dann werde ich mich selbst- verständlich den Fretzsäcken überliefern, damit Du entkommst." Während sie dies sagte, hörte sie ihn ein Gelächter aufschlagen. Er lachte über sich selbst, weil er so dumm gewesen war. Jetzt war ihm das Richtige eingefallen. Er wutzte, was er tun mutzte, um alle drei zu reiten. Es war ganz leicht und einfach. Er mutzte laut lachen, datz er nicht früher daran gedacht hatte. „Du kannst wohl fahren, Malin?" fragte er. „O ja. das kann ich schon/ antwortete das Weib. „Pah nun wohl auf, Maliii. Was Du da gesagt hast, datz Du Dich selbst den Wölfen vorwerfen wolltest, war wirklich nobel von Dir. Und gewitz deshalb hat mir Gott jetzt einen so guten Ge- danken eingegeben, datz uns allen dreien geholfen wird. Du mutzt jetzt nur tun, was ich sage. Du nimmst die Zügel, und was ich auch danach tue, Du bleibst ganz ruhig sitzen und fährst geraden Weges nach Rättvik auf den Posthof. Dort weckst Du die Leute auf und sagst ihnen, datz ich hier mit dreitzig Wölfen allein auf dem Eise sei, und bittest sie, mir zu helfen." Während er dies sagte, war er auch schon eifrig beschäftigt, die Bottiche abzuladen. Tie Wölfe sprangen um den bepackten Schlitten her, und er schleuderte den vordersten Bollich und Kübel an die Köpfe, datz sie zu Boden fielen und der Rappe wieder einen Borsprung ge- wann. Nur mit grotzer Mübe konnte der Bauer den grotzen Brau- boltich aufs Eis hinunterschaffen, aber schlietzlich gelang es ihm doch und in demselben Augenblick sprang er selbst vom Schlitten. „Tu nun, wie ich Dir gesagt habe I" riek er der Allen zu. „Jawohl," antwortete sie und fuhr weiter, ohne sich umzu- sehen. „Diese Finnen-Malin ist bester, als ich geglaubt hätte," dachte er. Doch schon halte er alle Wölfe um sich ber. Das wollte er gerade. Er lief eine kleine Strecke quer übers Eis hin, damit der Schlitten entkommen konnte. Dann eilte er mit einer jähen Wendung zu dem Bottich zurück, kippte ihn um und kroch darunter. Es war ein grotzer, schwerer Botttch, dazu gemacht, einen ganzen Weihnachtsvorrat an Bier fasten zu können. Die Wölfe sprangen darauf zu, hüpften auf den Boden hinauf, bissen in die Reifen und versuchten, den Bottich umzustürzen. Aber er war zu stark und zu schwer, sie konnten nichts ausrichten. Sie heulten vor Wut, datz der Bauer ihnen so nahe war und sie ihn doch nicht erreichen konnten, und sie versuchten, ihre Tatzen unter dem Bottich hineinzuzwängen, um ihn umzustürzen. Aber da zog der Bauer sein Messer heraus und hieb nach ihnen. „Tatzt ihr nur! Tayt ihr nur l" rief er. Er wutzte, er war sicher, die Wölfe konnten ihin nichts anhaben, und er lachte unter seinem Bottich. Aber plötzlich überfiel ihn ein merkwürdiges innerliches Beben. ES verbreitete sich über seinen ganzen Körper; Hände und Kopf zitterten, und Tränen traten ihm in die Augen. Aber dies kam nur daher, datz er sowohl der Lebensgefahr, als auch der anderen Gefahr, unrecht zu tun, entgangen war. Nur Freude war es, die ihn packte und schüttelle. Der Gedanke, datz er sich unter dem Braubottich retten konnte, kam ihm sehr merkwürdig vor. Es batte so nahe gelegen und doch war es ihm so schwer gefallen, ihn zu finden. aber dann war er gerade noch im rechten Augenblick gekommen. ES war nur ein kleiner, kleiner Gedanke, aber er hatte die Kraft ge- habt, ihn zu retten. Wenn er ihm nicht gekommen wäre, wären sie jetzt alle drei, er und der Rappe und das Finnenweib von den Wölfen zerrissen. Er war ganz autzer sich vor Rührung; er legte seine Lippen an den Bottich und kützte ihn.„Sobald ich wieder in irgendeiner Ge- fahr bin, werde ich an diesen Braubottich denken", sagte er.„Gott macht eS doch nie so schlimm für uns, datz es nicht noch einen Aus- weg gäbe. Man mutz nur Grütze genug im Kopfe haben, ihn zu finden. Ich werde jetzt immer überlegen, ob nicht die Rettung hinter mir auf dem Schlitten sitzt, wenn ich sie auch nicht sehe." Liemes feuiUeton. Weihnachten beim englische» Bolle. In seinem„Christmas Carol" läßt Charles Dickens den Neffen dem alten Geiz- halse und Menschenfeinde Scroogc sagen:„Aber ich habe die Weih- nachtszeit, wenn sie gekommen ist, stets als eine gute Zeit de- trachtet: als eine Zeit der Freundschaft und Vergebung, der Frei- gebigkcit und des Vergnügens, als die einzige Zeit, die ich in dem langen Kalender kenne, zu der die Männer und Frauen einstimmig einander die Herzen öffnen. Und deshalb, Onkel, glaube ich, daß sie mir, obwohl sie mir nie ein Körnchen Gold oder Silber eingebracht hat, gut getan hat und gut tun wird, und ich sage: „Gott segne sie!"" Worauf ihm Scrooge bissig erwidert:„Du bist ja ein ganz gewaltiger Redner. Ich wundere mich, weshalb Du Dich nichts ins Parlament wählen läßt." Und der alte Gries- gram schließt das allen englischen Kindern genau bekannte Inder- View mit den Worten:„Guten Tag! Da ist noch ein Kerl.... vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: mein Schreiber, der 15 Schilling die Woche verdient. Frau und Kinder zu ernähren hat und von fröhlichen Weihnachten redet. Ich werde mich ins Irrenhaus zurückziehen." Wer in der darauf folgenden Nacht wird Scrooge gründlich kuriert. Der Weihnachtsgeist erscheint ihm im Traume und läßt ihn seine Vergangenheit und seine schreckliche Zukunft sehen. Ein neuer Mensch stürzt Scrooge des Morgens aus dem Haus«, kaust den feistesten Truthahn in der Stadt und stürmt mit dem Geschenk in die Wohnung seines Schreibers, dem er auch noch eine Gehalts» erhöhung verkündet. Worauf der Schreiber Bob Gratchet erschrocken zur Kohlenschaufel greift, da er glaubt, der alte Knicker sei Plötz- lich wahnsinnig geworden. Mit seinem„Christmas Carol" hat Dickens seinen Namen unauslöschlich in die Herzen aller englischen Kinder geschrieben» denen der alte Scrooge, Bob Cratchet und der kleine Tim weit wirklichere und wichtigere Personen sind als die langweiligen Wilhelm der Eroberer und Heinrich der Fünfte.„Christmas Carol" gibt ein anschauliches und heiteres Bild von der englischen Weih» nachtsfeier. Doch dem Ausländer wird es kaum gelingen, sich an der Hand dieses Leitfadens rn die englische Feier dieses uralten Festes hineinzuleben. Weihnachten bedeutet dem Engländer vor allen Dingen ein« grotze Schmauserei. Das war wohl auch der Hauptinhalt des Sonnenwendefestes bei unseren germanischen und keltischen Vor» ahnen. Aber in keinem anderen Lande hat das Christentum den alten Heiden so wenig bezwungen wie gerade in England. Der große Schmaus zu Ende des Jahres ist den Engländern etwa» Selbstverständliches, eine vicltauscndjährige Lebensgewohnheit, die alle Regierungs- und Wirtschaftssystcinc überdauert hat. Man ver- dirbt sich den Magen, weil sich die Vorfahren zur selben Zeit den Magen verdorben haben. Auch die ärmste Familie fängt schon früh im Jahre an, einige Kupferstücke die Woche für das.große Fest zurückzulegen. Entweder bringt man das Geld zum Spar» verein oder zum Weihnachtsklub des Krämers, der einem dafür vor Weihnachten die zu einem Weihnachtspudding nöttgen zahlreichen Bestandteile liefert. Denn wer zu Weihnachten keinen„Christmas Pudding" hat, dem mutz es geradezu jämmerlich gehen. Millionen Familien müssen sich das ganze Jahr hindurch kümmerlich durch- schlagen; aber zu Weihnachten wollen sie wenigstens einmal da» wohltuende Gefühl genießen, einen vollen Magen zu haben. Vor zwei Jahren hat sich ein Londoner Schneider mit seinem Sohne am Weihnachtsfest zu Tode gegessen; die beiden hatten nicht weniger als 14 Pfund Schweinefleisch in einer Sitzung verzehrt I Vieles hat das englische Weihnachtsfest mit den Feiern in anderen Ländern gemein. Der geschmückte Weihnachtsbaum ist all- gemein verbreitet. Man schickt einander Karten und gibt Geschenke lChristmas boxeSl. Der zweite Weihnachtstag heitzt„Boxing Day" (Geschenktag). Einige Wochen vor der Feier ziehen bei anbrechender Dunkelheit Kinder und Musikanten durch die Strotzen und singen und spicken Weihnachtslieder(Christmas Carols). Doch wir wollen hier bei den Eigentümlichkeiten des englischen Weihnachtsfestes ver- weilen, wie es vom Volke gefeiert wird. Das grotze Werk des Weihnachtsschmauses ist zweifelsohne der Weihnachtspudding. Ueberlaffen wir dem Geschichtsforscher die Suche nach dem Stammbaum dieses ehrwürdigen Knödels und wenden wir uns der wichtigeren, praktischen Frage seines Dasein? zu. Die Mutter, die einen Sohn in den Kolonien hat, das Mäd- chen, dessen Schatz jenseits der Meere weilt, schicken ihren Lieben einen Weihnachtspudding. Gar feierlich geht es in der Küche zu, wenn einige Zeit vor dem Feste der Weihnachtspudding in Angriff genommen wird. Tann erscheint der grotze Hcnkcltopf der Familie, der nur diesem Pudding geweiht ist und ohne den kein Haushalt vollständig ist. Die Mutter steckt bis über die Ohren in der Arbeit und will sich nicht stören lassen. Dewn beim Aufbau diese? ver- wickelten Meisterwerkes der englischen Kochkunst gibt es viel zu denken. Und den Pudding, für den man das ganze Jahr lang gespart hat, will man auch nicht verderben. Hat die englische Hausfrau das Puddinggemisch zubereitet, so mutz jeder Hausgenosse den Brei einmal umrühren, damit das Werk gut gedeihe. Man verbirgt auch wohl Geldstücke oder Ringe in dem Pudding. Wenn dann nach dem reichlichen WeihnachtS- mahle der mit einem rote Beeren tragenden Zweiglein der Stech- palme geschmückte Weihnachtspudding als Pfropfen für den vollen Magen aufgetragen wird, so gibt es eine neue Zeremonie. Ist der Vater kein Temperenzler, so nimmt er die Whiskeyflasche zur Hand, begießt den Pudding, zündet den Whiskey an, und noch brennend wird das Kunstwerk in Stücke geschnitten und verzehrt. Einen ähnlichen Feuerkultus treibt das junge Volk später, wenn eS de» Schmauscns und Singens müde ist. Man spielt„ensp-dragon" (Schnapp den Drachen). Eine Schüssel Rosinen wird auf den Tisch gestellt, mit Kognak begossen und angezündet. Die Umhersitzenden müssen dann die Rosinen aus dem blauen Flammenmeer mit den Fingern holen und zum Munde führen. An die heidnische Vor- zeit erinnert auch der allgegenwärtige Mistelstrauch. Auch der Aermste leistet sich am Weihnachtstage einen Mistelstrauch, der über die Tür oder dort aufgehängt wird, wo jedermann vorbei mutz. Unter dem Schutze der heiligen Mistel darf man am Weih- nachtstage jedes Mädchen küssen. Dis Sitte gibt natürlich zu vielen Spatzen Anlaß. Manch andere Gebräuche aus den alten Zeiten haben sich daneben erhalten....... Vorwärts Buchdruckerei».VerlagSanstaltPaul Singer LcTo., Berlin sW".