Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 231. Donnerstag, den 23. Dezember. 1913 Festsprüche der Bedrängten. öeduldige Armut. Es ist kein Mensch so arm geboren, Dah er der Armut ging verloren, Sie lag auf Stroh vor zweitausend Jahr. Dort liegt sie noch und immerdar. Wer hat's besser? Reicher und armer Wann gingen jeder auf sein Feld, Sie zählten beide Halm um Halm wie gutes, goldnes Geld, Armer Mann brauchte sich nicht lange zu quälen. Reicher Mann muß noch immer und immer zählen. Der Aermste. Ein Blinder kann die Armut sehe». Ein Lahmer kann zur Armut gehen. Sie schreit aus den Stummen, es hören sie die Tauben. Der Reiche nur kann an die Armut nicht glauben. £>(Ul s SHj f c v. Die Weihnacht meiner Kindheit. Gibt es überhaupt ein anderes Weihnachten als das der Kindheit? Für mich jedenfalls nicht, und ich entsinne mich auch nicht gesehen zu haben, daß andere Erwachsene für eigene Nach- nung Weihnachten feiern. Am Heiligabend will man am liebsten bei Kindern sei»! wer das nicht kann, möge sich glücklich preisen, wenn er auf eine gut« Kindheit zurückzublicken vermag. Man beachte den Weihnachtsabend der Erwachsenen. An ihrem Wesen und Benehmen kann man leicht sehen, ob die Kind- heit für sie licht oder düster gewesen ist. Kinder vergießen ja von Tag zu Tag so manche Träne— und lachen im nächsten Augenblick; aber die Kindertränen, die Heiligabend geweint wer- den, werden spät getrocknet— für so vieles hastet das Weihnachts- fest den Kindern. Viele von ihnen sind später zu schlechter Aus- saat geworden, und vielleicht wird der Menschheit darum zur Weihnachtszeit so weich mns Herz. Wer zieht wohl freiwillig Disteln für seinen eigenen Acker groß? Sich mit Weihnachten beschäftigen, heißt die Kindheit von neuem heworgraben. Waren die Schneehügel damals wirklich höher, war die Kälte strenger, das ganze Dasein um einen Grad schlimmer für die unteren Stände? Oder besteht der Unterschied zwischen einst und jetzt nur in der Phantasie des Kindes? Ick glaul>e, es ist so manche Aenderung erfolgt— wenn nicht in den äußeren Verhältnissen, so doch i» der Fähigkeit der Menschen, ihnen entgegenzutreten. Die Häuser erheben sich jetzt mehr von der Erde: nick» ohne weiteres deckt ein Schnecbügel das Fenster und reicht bis ans Vordack— auch bei der Hütte. Die kleinen Leute drängen sich nicht mehr im Dunkeln zusammen um eine Sputgeschickte— um Licht zu sparen; sie nehmen an mehr Dingen teil und haben mehr Wider- standst rast. Darum bedeutet daS Weihnachtssest nicht mehr dasselbe. Das Jahr bat jetzt andere Festtage, darunter Tage, die der Arme selbst hat schaffen helfen: der Feierabend ist hinzugekommen und bat Bedingungen für ein Zusammenleben daheim hervorgebracht. Für immer mehr Menschen trägt jeder Tag ein Fünkchen vom Feste des Lebens in sich. In meiner Kindheit war Weihnachten die Oase in der Wüste deS Jahres. Eine Begrenzung der Artwitszeit kannte man nicht, und dem Gesinde war e?— fast bei Todesstrafe— verboten, das Bereich des Brotherrn ohne seine Erlaubnis zu verlassen. Nicht einmal die Nacht gehörte einem; man war, praktisch gesprochen, »ein Leibeigener. Aber von Heiligabend bis zu Dreikönige hörte die Arbeit bei Anbruch der Dunkelheit auf, und man sagte bloß: ..Ich geh beut abend auSI" In diesen vierzehn Tagen suhlte man sich al» Mensch. In alter Zeit strahlte dt# Weihnacht ja einen kurzen Frieden über alle Friedlosen, aus: die Ausgestoßenen wagten sich aus dem Waldesdickicht hervor und näherten sich den Wohnungen der Men- schen. Noch in meiner Kindheit War Weihnachten die Freistatt für so mancherlei Menschliches, das sonst schonungslos von der Zeik "srjagt ward, und das dann von diesem notdürftigen Zufluchtsort aus gewachsen ist und den Alltag erobert hat. Darum dehnten wir Weihnachten so lange wie möglich aus und wünschten, da? Fest möge gleich bis Ostern dauern. Was es aber an Handgreiflichem brachte, war häufig nicht viel wert. Nicht nur das Jahr geht ja um Weihnachten zu Ende: für die Vielen fällt das Fest ans schlechte Ende des Dasein?, Damals begann der arme Mann schon im November an den Fingern zu saugen, wenn der Winterschlaf unser Hasenstädtchen befiel. Mit der Wohlbeleibtheit des armen Mannes ist'S nie weit her; er eignet sich nicht dazu, einen Winterschlaf zu halten; wenn Weibnackien kam, war die Not oft groß. Die wichtigste Frage konnte leicht werden: Wollen Kaufmann und Bäcker Kredit geben, noch einmal? Ter Weihnachtsmann von damals war nicht sentimental; brachte er etwas zu Weihnachten, so hatte er dafür getreulich daS ganze Jahr gebrandschatzt. Nach Weihnachten wurde der Winter ja strenger; aber das Jahr führte trotzdem auswärts, und der kleine Mann ist wie ge- schassen für den Aufstieg. Für ihn war Weihnachten auf eigentümliche Art mit der Sonnenwende und der Geburt des Heilands verknüpft. Die karg- lichen Freuden de? Festes bauten sich ans aus allen den Eni- behrungen des Jahres; aber dafür brachte Weihnachten auch—■ wenn es einigermaßen gut ablief— die Erfüllung des Traume? von menschlichen Lebensbedingungen, der in einem jeden wohnt. Das 5tind brauchte nicht zu arbeiten, sondern durste spielen—> an allen Weibnachtstagen und obendrein vielleicht in den guten Kleidern. Es kam Besuch oder man ging selber aus— Weihnachten wurden die Kinder immer mit eingeladen. In den Bersammlungshäusern wurden bei Anbruch der Dunkelheit die großen Weihnachtsbäume angezündet und ließen Hunderte von Kinderaugen erstrahlen, so daß die ganze Stadt in Glanz gehüllt war.— So vergingen die Tage, und wenn Gott und der Schlächter dem Schweinebraten ihren Segen gaben, kam es bor, daß er nicht nur Heiligabend und an den Feiertagen reichte, sondern Neujahrs-- abend mystisch wieder austauchte. So verknüpfte sich innerlich das Ganze zu einem langen Gastmahl, und Weihnachten wurde, was es werden sollte: ein« Verheißung des Daseins aus bessere Zeiten, eine?lrt Mustersendung aus die Zukunft vom lieben Gott. O, wie verstand man es, daß der Erlöser gerade damals gekommen war — und wie verstand man, was er auf dem Herzen hatte! Wie gesagt, nicht selten schlug es fehl, lind dann war Weih- nachten selbst wohl nichts anderes als das schlimme Ende eine» schlimmen Jahres, das letzte schwere Stück des Hügels. Aber da- hinter lag jedenfalls das neue Jahr als sichere Tatsache— und welche Hoffnungen birgt jedes neue Jahr! Eins leuchtet hervor durch jede Weihnachtserinnerung und macht sie noch heute festlich: Mntters unermüdlicher Kampf, uns Kindern die Freude unversehrt zuteil werden zu lassen. Fast jede» neue Weihnachtssest sah einen Mund mehr: aber so reich an Kindern sie nach und nach auch wurde, reicher war sie immer noch an Auswegen für sie, und um Weihnachten verdoppelten sich ihre Fähigkeiten und ihre Fürsorge. Ich gehöre nicht zu denen. die sich die entschwundene Zeit zurückwünschen; auch das habe ich von meiner Mutter. LebenSmutig, wie sie ist, hat sie ein für allemal meine» Sinn der Zukunft zugewandt. Aber im Schutze ihrer Fürsorge möchte ich trotzdem die Weih- nacht meiner Kindheit noch einmal erleben. Martin Andersen Zi e x S, Ich will mitzählen. Eine Predigt, die gut zu Weihnachten paßt. Weihnackten ist das Fest deS kommenden Lebens. Es ist das Fest der Heiligung des Kornes, das in der Frucht keimend lsbendig wurde. Es verherrlicht die Hoffnung auf die werdende Kraft der Zukunft. Das Kind ist das Smmwl dieser Kraft. — 1002— Ihm wcndct unser Auge sich zu. ihm wollen wir Freude geben, und wir leide», wenn wir diese Freude nicht geben löiuicn. Aber über dein Kinde sollen wir nicht vergessen, daß wir selber Werdende, daß wir Teile, Träger, Kinder eines Werdenden sind. Die Zukunft braucht das Kind, aber wir wollen uns nicht in Rebeln der- liercn, wollen nicht vergessen: die nächste Zukunft braucht erst einmal uns. und das Kind wird um so sicherer ernten, je mehr wir fiir unS vorwegnehmen, was ihm beschert werden soll. Wir wollen uns nicht winzig erscheinen; wir wollen das Gefühl und Bewußtsein nähren, daß wir einen Wert verkörpern, der das Recht hat zu gelten wie alles Lebendige. Ich will mitzählen! ruft Horaoe Träubel, der ameritanische Kommunist, in seine» weckenden Ansprachen an die proletarischen Kämpfer, und seine Worte dürfen in den Weihnachtstagen als eine gute Predigt gelten. Was die christliche Legende dein einen in Dürftigkeit geborenen Kinde an höchster Verehrung zulvciidct, ist symoolisch jür alle bedrängten und bedrückten Erdenkinder bestimuit. Der Stern, den sie über dem schlichten Feldstale des einen Wesens strahlen läßt, schimmerte ein lichtes: Du giltst! Licht fällt aber nicht nur auf die eine Hütte, wo das Kind auf Heu und Stroh liegt, sondern es tenchtet weit in alle Welt. Jeder soll den Stern über sich strahlen fühlen und soll den Jubel seines Lichtes hören: Du sollst mitzählen I Aus diesem Gefühl strömt Träubels bekennender Gesang: Ich will mitzählen. Ich will nicht abseits stehen. Ich bin gerne bereit, unter der Menge zu bleiben. Ich bin bereit zu dienen, ohne daß jemand mich kennt. Die bescheidenste Arbeit in der Sache ist nicht zu hoch für mich. Die höchste Arbeit in der Sache ist nicht zu bescheiden für mich. Hier stehe ich. Ich bin bereit. Ich will mitzählen. CG er früh komme oder spät, ich werde den Ruf hören. Ertönt deine Stimme, so wird sie mich aus dem tiefsten Schlaf wecken. Durch das Getöse des lärmenden Tages wird sie zu mir dringen. Gott wartet nicht irgendwo in der Ferne, daß man ihn anbete. Gott ist in der Sache. Und in der Sache bete ich Gott an. Die Zähler sind unterwegs. Sic machen ihre Runde und schreiben feierlich ihre Verbündeten ein. Ich will mitzählen. Glaubst du, du möchtest übersehen werden? Glaubst d». du wärest ftoh, wenn in der Liste dein Name fehlte? Wir find alle gleich. Wir sind gut und schlecht geschaffen. Aber trotz uiisrcs Durcheinanders kann jeder Mensch atS Einer zählen. Mehr will ich nicht zählen. Aber als Einer ganz. Und dieser Eine soll etwas bedeuten. Diesem Einen soll die ganze Ehre seines all- gemeinen Amtes zuteil werden. Ich kann meine Eins gemein machen oder heilig. Ich kann sie zu einen, Sonnenstrahl inachen oder zu einevl Schatten. Meine Sache ist es, sie zum Inhalt der edelsten Triebe zu machen. Wohin gehörst du, lieber Bruder? Zählst du auf feiten der Liebe? Bist du ein erlöstes Wesen, das zur Göttlichkeit der Zahl Eins erweckt ist? Oder bist du noch an einen Pfahl gebunden als eine Null im Nichts eines gleichgültigen Herzens? Ich glaube, auch du willst mitzählen. Mitzählen zugunsten der Kinder des nächsten Frostes. Zugunsten des größten Glaubens. Zugunsten der Menschheit, nicht gegen sie. Auf feiten des Fort- fchrittS, nicht auf feiten des Stillstands. Auf feiten der Unter- drückten. Ans feiten des allgemeinen Glücks. Auf feiten des Wachstums, nicht auf feiten der Entartung. Was ist das Lebe» nütze, wenn es am Leben Verrat übt? Was ist das Leben nütze, wenn es mit dem Rückschritt gebt? Die Entscheidung ist da. Du mußt vorwärts oder zurück. Tu kannst nicht bleiben, wo du bist. Du mußt einen Entschluß fassen und dich auf den Srroul der Geschichte hinauölvagen. Die Menschheit rechnet die Herzen zusammen. Wird dein Herz mitzählen? Wird dein Wille zerfallen? Wird er zerteilt werden in Narrheit und Glauben? Oder wird dein Wille als eine Einheit für den Tempel gesalbt werden? Wenn du nicht Eins zählst, was zählst du dann? Du bist hohl. Du hast dich als ein leeres Gefäß zum Fest der Zu- kunft gebracht. Du hast den Bund gebrochen. Ich weiß nicht, wo die nächste Wegbiegung kommt. Aber ich weiß, daß wir nahe dabei find. Ich weiß, daß wir daS Licht schauen, wenn wir dort sind. Und ich will bei der Schn e bleiben. Sind meine Füße auch wund, meine Augen müd; komme ich auch in Versuchung zu verzagen: Ich will doch bei den Pilgrimen ausharren. Ich weiß, wie das Lebcu, das wir hinter uns lassen, lockt. Aber ich weiß auch, daß vor uns die Gerechtigkeit ist. Das Lcbcil von gestern lebten wir für die Wenigen. DaS Leben von morgen wird für alle gelebt. Das Leben von gestern galt dem Besitz. Das Leben von morgen gilt der Meirfchhcit. Wir fordern nicht mehr Nahrung und � Kleidung. Wir fordern mehr Leben. Leben wollen wir. Ein Leben so voll, daß es von Leiben überschäumt. Wenn wir Nahrung brauchen, nm u»S Leben zu schaffen, dann wollen wir Nahrung. Aver! Leben ist es. waL wir wollen. Leben für alle. Jeden Becher voll. Keiner soll darbe» und dürsten. Ich will mitzählen aus feiten des Lebens. Tyltyl und Mytyl. Ter Holzhauer und seine Frau waren ftüher als sonst aus der Arbeit heimgekommen. Gleich brachten sie ihre Kinder zn Bette, damit sie den Weihnachtsabend verschlafen sollten, da sie ihnen nichts schenken konnten. Die Kinder lagen eine Weile ruhig in ihren Betten, die Eltern waren in der Küche. Schläfst Du, Tyltyl? Und Tu, Mhtyl? Aber nein, wie sollte ich denn schlafen, da ich doch mit Tie spreche... Es ist Weihnacht, gelt?... Noch nicht, ich glaube erst morgen. Aber das Christkind wird uns Heuer gewiß nichts bringen... Warum nicht?... Ich hörte, wie Mutter sagte, daß sie nicht hätte in die Stadt gehen können, um ihm zu sagen, daß es auch zu uns kommen soll.,, Aber im nächsten Jahre wird es kommen... Das ist aber noch lange bis zum nächsten Jahre; höret Kurz ist es nicht,., Doch es kommt heute nachts zu den reickicn Kindern.., Ach?... Wart', ich Hab' eine Idee.». Mutter hat die Lampe vcr- gesscn... Was denn? Wir werden ausstehen,-., Das dürfen wir doch nicht... Aber was schadet's, niemand ist da... Siehst Du die Fenster- lüden?... Ja, wie es licht hindurchschimmert! Das find die Lichter vom Feste drüben, Was für ein Fest?... Drüben bei den reichen Kindern; da ist doch der Weihimchts- bäum. Wie wollen die Läden aufmachen.,. Darf man das? Natürlich doch, warum nicht?,,, Hörst T» die Musik?.,» Stehen wir aufl... Die beiden Kindcr stehen auf, lausen ans Fenster, klettern ans einen Schemel und stoßen die Läden auf. Eine große Helligkeit dringt plötzlich ins Zimmer; sie find wie geblendet. Alles sieht man!... sagte Tyltyl, doch seine Schwester Mytyl, die kaum Platz auf dein Schemel hat, findet, daß sie nichts sehen kann. Es schneit! O, da sind zwei Wogen mit sechs Pferden!,,, Zwölf kleine Knaben steigen aus! Du bist zu dumm!... Tos sind doch Mädchen,,» Aber sie haben Hosen an... Was verstehst Du... Puff' mich doch nicht so?,,. Dummes Mädel. Ich Hab' Dich nicht angerührt, aber Dil willst ganz allein deck Schemel bcnützcn. Du nimmst mir allen Platz weg.,, Aber ich steh' doch überhaupt nicht drauf!,., Sei still, man sieht den Baum! Was fiir einen Baum?... Den Weihnachtsbaum doch! Du starrst ja die Mauer gegen- über an!... Ich schaue auf die Mauer, weil ich keinen Platz Hab'... Na, rück' näher, so, bist Du jetzt zufrieden? Jetzt hast Du aber de» besten Platz. Sieh' doch die vielen Lichter?... Weshalb machen die da so viel Lärm?... fragte die Schwester. Die machen Musik... das ist doch kein Lärm! Sind sie böse?... Nein, aber das ist langweilig, frag' nicht so viel! Noch ein Wagen mit weißen Pferden?..« Sei still!... Schau doch hin!... Was ist das Goldene, das der hinter den Zweigen baumelt?... Das sind doch die Spielsachen, Tu Dummkopf... Säbel, Ge- wehre, Soldaten, Kanonen... lind Puppen, sag', sind keine Puppen da?..« Puppen? Rein, das war' zu dumm, das ftcut sie nicht«,, Uni> rund um den Tisch herum, was ist denn das?... Das sind Kuchen und Früchte und Torten mit Schlagobers«,, Ich Hab' einmal so was gegessen, als ich noch klein war. Ich auch; es schmeckt besser als Brot, aber es gibt zu Ivcn,� aus... Aber die haben genug davon... der Tisch ist gestopft voll..- werden die es essen?..« Natürlich, was sollten sie sonst wohl damit machen?.., Weshalb effen sie es nicht sofort?... Weil sie keinen Hunger haben... Sic haben keinen Hunger? weshalb nicht?..« Weil sie immer essen können, wann sie wollen.., Alle Tnge?..« Man sagt so..- Werden sie alles aufessen oder werden sie etwas lktichcufniV Wem?... Uns... Sic kennen uns ja nicht... Wen» man sie bitten würde. Das geht doch nicht... Warum nicht?... Weil sich das nicht schickt. iMjt wie sind sie doch hübsch!.. sagte das kleine Rädchen. lind sie lachen und lachen!.., lind die Kleinen, die tanzen!... In, ja, wir wollen auch tanzen. Wir wollen es gleich versuchen. .Ich, wie lustig ist das!... Schau, jetzt bekommen sie von den Kuchen!.«. sie dürfen sie anrühre»!... sie essen! sie essen! sie essen!... Auch die ganz Kleinen! sie haben zwei, drei, vier!,-, O, wie gut daS schmeckt! wie gut! wie gut!... ?ich Hab' zwölf Kuchen, sagte Mythl. lind ich Hab' viermal zwölf bekommen?... Komm', ich geb' Dir welche, rief Thltyl. Run hören sie, daß der Bater schlafen gehen will, rasch schlietzen sie den Fensterladen, kriechen in ihre Betten. Bald find fie ein- geschlafen und träumten von dem wunderbaren Weihnachtsabend «der anderen"... Maurice Maeterlinck. Der bechlehemitische Kindermord. Sic standen ztocifcliid nin Herodis Thron, Der Prophctic erlesne Professoren. Wie man vertilge jenen Gottessohn, Der wo in Bethlehem jetzt sei geboren, Das war das Thema ihrer Konferenz. Doch konnte» sie mit keinem Plan noch dienen; In einem Vorschlag nur lag Konsequenz, Und leider zu gewaltsam schien der ihnen. Auch war's«in General, der ihn gemacht, rrin schwerer Herr und hart dabei wie Felsen. Mit harter Stimme halt' er vorgebracht: ..Was liegt an vierzig- fünfzig Bubenhälscn? Ob man sie erst im Krieg dereinst durchsticht, Ob jetzt bereits man schneidig sie behandelt, Den Unterschied, bei Gott! ich seh' ihn nicht." Doch jene hatt' ein Grausen angewandelt. ..Rein, nein! es muh ein sanfter Mittel geben!" 00 riefen sie. lind auch Herodes schielt Dem strammen General zu widerstreben Und blickte streng und vorwurfsvoll auf ihn. Drum standen sie mit krause» Denkerstirnen Und dachten nach und fanden immer nichts. Wie Jeuer glüht' es schwül in den Gehirnen; Doch sprang heraus kein einzig Jünkchen Lichls. Bis ganz zuletzt und aus den hintern Reihn -2 ich ein Privaldozenttein schob nach vorne, Ein junges Männlein, schmächtig, blast und fein, Ter früh getrunken vom Prophetenborne. Söslick begann er und ganz leis':„Wie hcisti? Wer ist's denn, den wir zu bescil'gen haben? cht) denk doch: ein Genie; ich denk' doch: Geist. Weshalb da täppisch schlachten so viel Knaben? Im höchsten Grade würd'3 unpopulär lind würde sicher der Regierung schaden, Dieweil mein Mittel ganz unschuldig war', Ja! uns mit Ruhm und Ehre» ioürd' beladen. Wenn Sic gestalte», leg' ich'S Ihnen vor." Er sah die Ungeduld in aller Mienen. lind auch Herooes selber war ganz Ohr. „Wohlan", fuhr jener fort,„so will ich Ihne» Enthüllen, was ich durch Prophetenkunst Als ein geivist noch Kommendes erschaute. Und als ich'S sah durch ferner Rebel Dunst, Ein Werk, an dem die künst'gc Menschheit bauic, Da sagt' ich mir: Warum nicht lieber gleich? Warum nicht jetzt— statt blut'gem Mcfferwetzen— Dies Mittel ivählen? Schützen Thron und Reich Vor zu viel Geist mit weisen— Schulgesetzen? Fürs erste gilts: rnchi auf Entwicklung warten Der Kinder, ihnen Freiheit früh eatzkhn. Schon mit drei Jähret, in den Kindergarten! Das»st der erste Griff!— Wir haben ihn» Wir haben ihn, den levensfrischen Jungen, Der nun die blöden Berslem singen must. Nicht länger wird da frei herumgesprungen; Geregelt werden zeitig Hand und Fuß. Was er auch tut, von Worten wird's begleitet, Die überflüssig machen, dast er denkt; Sein kleiner Geist wird tvie ein Schaf geleitet,' Das man, auch ohne dast es dürste, tränkt. Die Schule folgt. Es schlüpfet, drein die Kleiner« Rur durch des strengen Impfzwangs niedres Tor. Was Impfen sei? An Armen oder Beinen Ein gist'gec Stich. Doch gibt man Iveislich vor, Dast dicsre Stich vor schlimmer Krankheit schütze, Dies ist auch richtig. Rur passiert dabei—' Und unsrer Absicht, denk' ich, ist das nütze— So ab und zu ein bistchcn Mörderei. Tic andern aber, die es überwinden Die graste Mehrzahl ist's—, die sitzen jetzt Auf der Galeere fest, und Stricke binden Sie aus die Bant, auf die man sie gesetzt. Die Bank natürlich ist so zu gestalten, Dast man die Geistcsfolter fast bequem Zehn, fünfzehn Jahr' imstand ist auszuhalten, Drum stets ein neu Modell! ein neu System! Und nun geht's loS, das graste Gänsenudeln. Man stopft sie voll mit vorgekautem Brei. Aus neuem Krimslrams tvie aus alten Hudeln schleppt man in Körben Wissenschast herbei. Ihiö da man ihnen nach dem Leben trachtet, Sind tote Sprachen namentlich am Platz. Ihr physisch Auge wird zuerst umnachtet; Es bieten Gläser trefflichen Ersatz. Fürs geist'ge werden Rebenstunden sorgen, Zum Beispiel: Unterweisung, Kinderlehr', Ausgaben spät am Abend, früh am Morgen Und immer jtärkre Dosen, immer mehrt Damit die letzten sreiei. Stunden schwinden Dem jungen Volk, ihm gänzlich dorrt das Mark, Must man ei» Instrument„zum Spiel" erfinden, Ein Uebungsinstrument: das Leisestark. Ein Kasten ist's, in den, zivar Engel wohnen Boll süstcn Sangs, doch für die Jugend mcht. Die spielt darauf im Zwange von Schablone»,, Bis diese Lust auch wird VerHatzte Pflicht. Roch eines endlich bleibe nicht vergessen: Frühzeitig wird fürs Militär gedrillt, Dast steif gerate, wer sich mürb gefesfen. So dann: geimpft, gestopft, gesinnt, bebrillt» Auch als Rekrut beziffert noch mit Roten, Wird, den der Staat als Säugling schon gepackt, Der cdlc Jüngling zu den geistig Toten Endgültig und unschädlich eingesackt. Das ist's, was ich jür Bethlehem empfehle; Ich hosse, dast mau mich verjtanden hat. Unabgeschnitten bleibe jede Kehle; Ein Schulgesetz biet' ich an Schwertes Statt." Ee schwieg und sah sich um mit scheuem Zaudern, Die Herren alle fasten totcnblah. So auch Herodes. Jetzt— ein schüttelnd Schaudern Ersastte den, schier ward sei» Auge nast. Dann sprach er bebeiw:„Lieber General! Jetzt seh' ich erst, wie so human Sie'S meinen. Gehn sie nach Bethlehem, vor solcher Qual Endgültig zu bewahren jene Kleinen." Jvjcj Bictvr Widme. nn. Der Weihnachtsapfel. AiS ich noch Lehrer an der Strafanstalt in O. war, habe ich dort ein WzUhnachtsfest erlebt, das unauslöschlich in meiner Erinnerung steht, grausig und rührend zugleich. Die Anstatt umfastt Zuchihauö und Gefängnis; beide waren in jener Zeit, in die mein Erlebnis fällt, zicmttch voll besetzt; worüber sich viel sagen liestel„Verbrecher" aller Art büsttcn dort ihre Sünden, vom Rausbold bis zum Raubmörder, vom armen Stromer, der eine alte Hose gestohlen, vis zum internationalen Hochstapler. Es war eine höchst interessante Gesellschaft, und ich baüe dort viel gelernt, tvaö ich nichr»lissen möchte. Das hatte ich hauptsächlich der Eigenart meiner Stellung zu verdanken. Mein Vorgänger, ein Charakter von unanfechtbarer Lauterkeit, war drei- undzwanzig Jahre an der Anstalt als Lehrer tätig gewesen; er hatte das edelste Herz und war ein wahrer Vater seiner Zög- linge; sie achteten und liebten ihn auch alle. Diese Achtung und Liebe übertrugen sie auf mich, sobald sie merkten, daß ich ihrem tinglück Verständnis entgegenbrachte; ich konnte mir das Ver- trauen der„Sträflinge" um so eher erwerben, als der Direktor ein harter und despotischer Mann war. der bei der geringsten Kleinigkeit Dunkelarrest bei Wasser und Brot verhängte. Und der Pastor? Na, wie die meisten Pastoren wollte er die räudigen Schäflein mit Hilfe frommer Bibelsprüche und Gesangbuchverse „bekehren". Ja, und das geht nun mal nicht; darüber sind die vielerfahrenen, mit alle» Hunden gehetzten Insassen der Straf- anstalten längst hinaus; sie lachen höchstens, wenn jemand ihnen mit der frommen Weisheit imponieren will. Aber das merken die salbungsvollen Herren in ihrer hartnäckigen Kurzsichtigkeit nicht. Unser Anstaltspastor merkte es auch nicht; er war auch viel zu oberflächlich dazu. Da war es kein Wunder, daß die Leute weder zum Direktor noch zum Pastor Vertrauen hatten. Und doch hatten auch sie das Bedürfnis, sich mitzuteilen, und dieses Bedürfnis war um so berechtigter, als in O. Einzelhaft herrschte. Einzelhaft! Nur die wenigsten können wissen, was das bedeutet. Tagaus tagein in einer kahlen Zelle allein sitzen und kein freundliches Menschenwort hören, zu niemand sprechen dürfen; nur immer Korsetts nähen, Rohr putzen, Kaffeebohnen verlesen und der- gleichen! Das ist eine unerträgliche Folter. Darum bekamen die meisten Insassen auch bald nack ihrer Einlieferung eine Art Raptus, in dem sie törichte und schreckliche Dinge vollführten. Der Erfolg war dann in der Regel die— Dunkelkammer bei Wasser und Brot. In solchen schwere» Zeiten, wenn sie sich von aller Welt ausgestoßen sahen, bin ich dann, wenn irgend mein sehr anstrengender Dienst es zuließ, zu ihnen gegangen, um ihnen Gelegenheit zu schaffen, sich einmal aussprechen zu können. Nur einmal aussprechen! Es ist mir unmöglich, zu schildern, wie dankbar sie waren für jedes beruhigende Wort. Für mich waren das schöne, aber auch häufig schwere und aufregende Besuche.— Der erste Weihnachtstag war herangekommen. An diesem Tage hatte ich dreimal den Gottesdienst auf der Orgel zu begleiten: im Zuchthause, im Gefängnis, und in der„Weiberanstalt"; da blieb nicht viel Zeit übrig zu Zellenbesuchen. Damit die Gefangenen au diesem Fest der Liebe auch in ihrer Zelleneinsamkeit nicht ohne„Gottes Wort" blieben, mußte ich das„Haimoversche Sonn- tagsblatt" in die Zellen tragen, llui nun nicht jede einzelne Zelle aufschließen zu müssen, wartete ich. bis die Predigt begann, und schlüpfte dann in den Zuchthausflügel, warf in jede während des Gottesdienstes offenstehende Zelle ein Sonntagsblatt und saß nach einer Viertelstunde wieder auf der Orgclbank. Das hatte ich immer ganz glatt erledigen können; nur am heutigen Weih- nachtstage sollte mir ein unerwartetes Hindernis begegnen. Als ich auf meinem Eilgange bei der Zelle Nr. 17 im dritten Stock de? Zuchthauses anlangte, war sie verschlossen; das war nicht weiter auffällig; denn es kam häufiger vor. daß Gefangene sich krank nieldeten. Sie wurden dann vom Kirchenbesuch entbunden und durften auf ihrer Zelle bleiben. Also Nr. 17 krank. Im Augenblick kam mir nur der Gedanke: Wie kann ein solcher Hüne krank werden? Aber er hatte seinen Raptus; denn er war noch nicht lange hier. Ich öffnete also den dreifachen Nachtver- schlutz und trat ein. Aber entsetzt prallte ich zurück. Er hatte sich erhängt! Was nun folgte, kann ich so schnell nicht erzählen, wie es sich ereignete. Im nächsten Augenblick sah ich. daß er noch lebte, und stürzte hinzu, um die Schlinge zu lösen. Ich Tor! Es ging natürlich nickt. Er hatte sich an seinem Hosenträger an der eisernen Bettstelle erhängt. Messer heraus und abschneiden! Hart fiel der schwere Körper an? den Gipsboden der Zelle. Jetzt löste ich die Schlinge, riß ihm das Zeug auf und rieb und schüttelte, was ich konnte; er war im Gesicht blaurot. Nach fünf Minuten angestrengtester Tätigkeit fingen Bauch und Brust erit schwach, dann in mächtigen Stößen an zu atmen. Nun legte ich ibm den Packen Sonntagsblätter als Kissen unter den Kopf und benetzte ihm das Gesicht mit dem Wasser aus seiner Zellenkannc. Es dauerte auch nicht lange, so schlug er die Augen auf und blickte mich verzweifelt an; dann richtete er sich halb auf, und nun geschah etwas Schreckliches. Er fuchtelte wild mit den Armen umher, stieß mich plötzlich heftig zurück und tastete nach dem zer- schnittenen Hosenträger, um sich von neuem aufzuhängen! Ich suchte ihn zu hindern, und nun entstand ein kurzes, verzweifeltes Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiclrpp, Neukölln. Für den Ringen. Bei ungeschwächter Kraft hätte er mich sicher über- wunden; denn er war trotz seiner neunzehn Jahre hünenhaft ge- baut; aber heute gelang es ihm nicht. Schon wollte ich auf den Knopf der elektrischen Glocke drücken, um einen Aufseher herbei« zurufen; doch seine Kräfte ließen nach. Wozu also noch Zeugen herbeirufen. Der Nnglückliche war ganz erschöpft; ich strich ihm das zerzauste Haar ein wenig zurccht und redete mit leisen und hastigen Worten auf ihn ein: Was soll das? Warum solche Dumm« heitenl Sie sind Vater eines Kindes! Und sind noch so jung! Es wird noch alles gut usw. Er sah mich völlig hilflos an; dann setzte er sich mit meiner Hilfe aufs Bett und schluchzt« unaufhörlich. Ich sah nach der Uhr; gleich mußte die Predigt zu Ende sein; ich mutzte zurück in die Kirche. Da kam der wacht« habende Aufseher, der trotz meiner Vorsicht aufmerksam geworden war. Er übersah sofort die Sachlage. In aller Eile versprach ich meinem Zögling, nach beciwigtem Gottesdienste wiederzukom» men, und ließ ihn dann mit dem Aufseher allein. Doch hatte ich in der Kirche keine Ruhe und eilte, als der letzte Ton ver- klungen war, sofort wieder nach Nr. 17. Er hatte sich etwas beruhigt und hörte geduldig an, was ich ihm von seinem Kinde erzählte, das klein und hilflos des Vaters bedürfe. Er kömi« noch ein tüchtiger Mensch werden; denn er sei noch jung und ich wolle ihm helfen und hätte nun das feste Vertrauen zu ihm, daß er keine Dummheiten wieder begehe usw. Er hörte mich zerknirscht an; aber er sagte kein Wort.„Also, D..., das machen Sie nicht wieder!" Er drückte mir die Hand. Dan» verließ ich ihn. Der wachthabende Aufseher war verpflichtet, den Vorfall so« fort zu melden, und der Gedanke, daß der hartherzige Direktor den unglücklichen Selbstmordkandidaten in den Dunkelarrest schicke» würde, ließ nnr keine Ruhe. Nachmittags war Konferenz der Oberbeamten über den Fall; ich stellte ihn so milde wie möglich dar und bat dringend, von einer Bestrafung abzusehen usw. Zu meiner großen Freude wurde meine Bitte erfüllt. Versuchsweise? D.... war ja ein„frecher Straßenräuber" und war dem trans- portierenden Gendarmen ans dem in voller Fahrt(!) befindlichen Eisenbahnzuge entsprungen. Also er blieb straffrei, ja noch mehr; ich erreichte es bei dem Direktor, der besonders guter Laune sein mochte, daß Rr. 17 sogar die übliche Wcihnachtsbescherung erhielt: einen Teller mit Aepfeln und Nüssen.—— Am näcksten Morgen war mein erster Gang nach Nr. 17. „Guten Morgen, D... Gut geschlafen? Das ist schön. Wie geht es Ihnen denn sonst?" Er antwortete nicht und sah mich auch nicht an.„Kann ich Ihnen noch irgendwie gefällig sein?" Er antwortete wieder nicht und blickte zu Boden.„Fehlt Ihnen etwas, D....?" Da sprang er mit plötzlichem Ruck auf seinen Brettschemel und längte vom kleinen Wandspind, wo er seine Weihnachtsäpfel der Reihe nach aufgestapelt hatte, den schönsten herunter, drückte ihn mir stumm in die Hand und weint« wie ein Kind. Nie habe ich mich über ein Weihnachtsgeschenk mehr gefreut als über diesen Apfel. Jürgen Brand. Christbaumnüsse. Kehrt der Weihnachtsabend wieder, Friedvoll und verheißungShold. Schmückt man viele tauben Nüsse Festlich mit dem Flittergold. Und die gold'nen Nüsse leuchten Herrlich in dem Lichtermeer, Wundersame Märchcnfrüchte—- Innen aber sind sie leer. Und wie reich die schönen schiunnsrn, So von außen, so von fern, Höher wären sie zu schätzen, Bärgen sie den süßen Kern: Dienten sie nicht bloß den Bäuine» Eine Stunde oder zwei. Gäben sie auch brav zu zehren, Wenn das FriedenSfest vorbei. Hanns von G n m P P e n b e r g. VorwärtsBuchdruckereiu.VtrlagsanstaltPaulSingerchCo.,BerlinLVl?