Ä-Ak..f-A ,%ft, ja*$ Jl A A A-SS ytar iCg, S A-, A %■ eryaztunAs Nr. 1. Donnerstag, den 1. Januar. 4/1 fn ch Z 10.14 Im neuen Jahre Glück und 5, eil! ?luf Weh und Wunden gute Salbe! ?luf groben Klotz ein grober Keil! ?luf einei» Schelmen anderthalbe! Goethe. Das MLnsch!ein Matthias. 11 Er ä h l u n g v o n P a u l I I l. .1. D i e Einkehr zum(tz n p f. Die verwunschene Hütte unter dein bewiinpelteii Fels kegel,..Gupf" genannt, lag schon im kühlen Abendschatten, N'ähreud jenseits des Rickentobels das Licht noch verlockend auf allen Matten spielte und die niederen Berghäuechen mit den glühenden Scheiben aussahen wie trunken von Sonnen- schein. Vor der Schwelle, nur mit Hemd und Hosen bekleidet, kauerte ein sauberer Knabe, der ein rostbraunes schartiges Messer zückte, womit er das Gras zwischen den klobigen Pflastersteinen abtat. Das gemeine, mühselige Geschäft schien ihm fuchsteufelswild zu machen! er stocherte tückisch an dem Unkraut herum und wetzte die Klinge am Gestein, daß es knirschte. Die Augen mochte er bei dieser Arbeit schon gar nicht brauchen. Er starrte und horchte lieber hinab in das„Loch", wo der Vach unterm Blätterdickicht von Tag zu Tag mächtiger rauschte, oder hinüber ans die jenseitigen WeilX'ii, auf das von langer Winterhaft rammlige Vieh, dessen tolle Sprünge bei abgerissenem, windverwehtem Ge- bimmel den Beschauer wider Willen ergötzten. Auch den Hüterbuben konnte er erkennen. Der sprang und hüpfte wie ein Kobold zwischen den Kühen umher, schlug Purzelbäume vor Uebcrmut, jodelte trotz einem erwachsenen Senn oder ließ seinen schnurrigen Lockruf erschallen:„Ehoom wädli, wädli, wädli— hoi. Bläß, hoi, hoi!" Von Zeit zu Zeit schrie er ans Leibeskräften durch das Schallrohr der Hände: „Matthias Bö— ht,— a bi che," worauf sich dann jedesmal über des Jäters Haupt ein kleiner Mädchenkopf am Fenster zeigte und mit ebenso durchdringender Stimme herrisch hinunterbot:„Ehä nöd cho!" Der Gerufene selbst gab keine Antwort, er stieß nur eine üble Verwünschung über Frida, das Bäschen, aus, die seine Knechtschaft so schadenfroh in die Welt hinauskreifchte. Bei- nah hätte er einen Kotklnmpcn ausgehoben, um die äffische Fratze zu zeichnen. Das wäre dann für ihn auch nickst gut abgelaufen. Er mußte den Zorn verbeißen. Bald blickte er nur noch durch Tränen hinüber, wo sich die vielen Weißen und braunen Flecke der Herde im Goldiggrüncu bewegten, oder hinunter ins Tal, wo die Häuser bis zuin Giebel in ein Blütenmeer versunken schiene». Was mochte das für ein lieblicher Frühling sein unten im Traube m und Kirschenland, zumal weiter vorn am See, von dem hinter Hügelrücken gerade noch ein flußbreites, alle Sehnsucht aufreizendes Band zu sehen war. Wenn dann gar noch ein Segelschiff drüber glitt, so hielt eS das Herz in der Brust nicht mehr ans. Matthias hauste wie ein Gefangener in dieser Berg- einsamkeit. Aber seine Gedanken konnten sie nicht in Ketten legen. Darum führte er, trotz seiner Jugend, ein richtiges Doppelleben. Zehnmal am Tage schreckten ihn scheltende Stimmen von heimlichen Talfahrten auf oder seine Hüterin fuhr ihm ungestüm in die Haare, um den Zwiespalt zu schlichten, Leib und Seele wiederordentlich zu versammeln. Wozu mußte er jetzt Gras jäten, das doch gleickl wieder nachivuchs? Er sollte bloß nicht in der Stube sein, nicht sehen und hören, was sie drinnen trieben und tuschelten. Alle waren sie wieder gegen ihn. Daraus konnte er am besten merken, daß ein Besonderes im Schwange war. Als Konrad, ein weit übers Maß hinausgeschossener Zwölfer an der Schulgrenze, den alle den„Großen" nannten, mit einem Riickentragkorb, ebenfalls barfuß und nur um eine Flickenwestc reicher als Matthias, ans dem Hause kam, stieß diesen die Neugier, daß er schüchtern fragte:„Was mußt Du holen?" „Den Sonntggsbraten, was sonst!" entgegnete jener unwirsch, unsäglich erhaben. Dann pfiff er im Vollgefühl glück- sicher Losgebundenheit zuerst etlichemal schneidend, mark- erschütternd durch die Finger, wie um das Echo zu uzen und da? bißchen Welt da unten auf sein Kommen vorzubereiten. Ferner rnnßt? da? für allerlei Einkäufe erhaltene Geld nachgezählt und ausgetiftclt werden, wo sich etwa ein Fünfer zu Eigenzwecken abzwacken lasse. Dazu brauchte er all seine Grütze. Die Mutter rechnete gut und scharf. Der mißvergnügte Jäter hingegen spionierte behutsam weiter:„Hei. Du, so sag's doch: was gibt's denn morgen z» Mittag?" Er lauerte vergebt ich, der Große ließ sich aus nicht? weiter ein. Mit eiligen fiillenhgften Sätzen war er schon fort, frisch, federleicht wie ein Pfeil von Schöpsers Boge» geschossen, und lachend kam der Bescheid zurück:„Ge- bratene Mückenfüßle und Maikäfer am Spieß!" Der Kleine verzog das Gesicht zu einer wüste» Grimasse; da jedoch nickst.- im Bereich seiner Rachsucht lag, überließ er sich bald wieder dem bitteren Gesicht der Verlassenheit. Wer i!m jetzt gesehen hätte, wäre gewiß erschrocken vor diesem Spiegel kindlicher Verzweiflung.. Welcher Stachel saß in der schmächtigen Brust, tvelchcr Wurm nagte an der bläß lichen Blüte? Er fuhr ans seinem schmerzlichen-Sinnen erst wieder auf, als vom Loch her ein Stiinmcngemnrmel an sein Ohr schlug. Im Nu war er an der Hausecke. Schreckhast große Augen starrten hinunter. Doch beim Anblick der Leute, die auf dein holperigen Fußweg hin und her schwankten, schien er schwer enttäuscht. Ein beleibter Mann i» Hemdgrmeln, dem die letzten Schritte bis zum Rastort ordentlich sauer fielen, rief das Biirschlein an, was es da oben um gutes Geld zu trinken gebe. Antwort besinn der ebensowenig. Weder durch einen Laut noch durch ein Zeichen verriet der Junge, ob er boren und sprechen könne. Eine Weile gaffte er die Ankömmlinge feindselig au. Diese fetten Leute, die keuchend, schweiß- triefend, mit aufgeknöpften Westen und Hemden da oben an- langten, wie Fiebernde nach einer» Trunk gierten und dann mit hüpfenden Halszäpfchen fürchterlich schluckte», machte er sowieso nicht leiden. Warum konnten solche nicht lieber unten bleiben? In seinem Zorn dachte er, den Berg müßte da? Fell jucken, daß er sie abschüttle wie lästiges Ungeziefer. Endlich verschwand er hurtig in dein kleinen, an der steilen Halde nur so klebenden Schiudelhaus, vor dem zwar in Sommerszeiten mancher fragend stehenblieb:„Was für ein Halbnarr bat Dich, elende Baracke, in diese Wildnis gestellt?" aber nicht cbensoviele verleitet wurden von dem bunten Schild, darauf ein üppige? Stilleben gemalt und zu lesen war:„Ein kehr zum Gupf." Drei schmale Fenster zogen Licht und Lust hinein, zwei Lucken belebten das niedere, branddürre Dach, das den brausenden Föhustürmeu, vor denen das HanS ge- schuht lag, schwerlich widerstanden hätte. Ein ängstlicher Be- trachtcr mochte dann den Blick noch hundert Meter höher schicken, wo der Gupf mit brüchigen Steinmassen grimmig hernnterdrohte, so bcschlich ihn vollends ein Grauen vor dieser Ansiedlung. Vor der Hütte weitete sich der vom Dörflein Weihnachten ausgehende Weg, ähnlich einem Bachbccke», zu einem kleinen Rundplatz, dessen obere Hälfte ein bemooster Pnmpbrunnen beherrschte, während die untere mit einigen arg verwitterten spaltigen Tischen und Bänken besetzt war. Hinter diesen stürzte sich ein wackerer Krautgartcn gleichsam kopfüber in die Tiefe, und ein felbstgefertigter Stab- und Lattenzann schützte ihn vor dem gefräßigen Hasenvolk, dem die Vorsehung zum Glück alle Klettercüuste versagte. Mit einem bescheidenen Hühnerstall und zwei derzeit an Pflöcken grasenden Ziegen war die ökonomische Seite des Anwesens vollkommen erschöpft. Das bißchen Wicscngriin rund hernin schien wie mit einer Schere ans Wald und Wildnis an-: geschnitten. „Basgottc-- Leute!" rief Matthias mürrisch, fast al? wolle er sagen:„Schelme, Landstreicher!" in die Stube Hindu, wobei er einen neugierigen Blick auf den Tisch warf, an dem Frau Angehr, die Wirtin, unt ihrem Töchtern Marie und Frida Vorbereitungen znni sonntäglichen Mittagsmahl traf. Die Mädchen schälten Kartoffeln, die Mutter verlas Kopf- salat Daran war nun rein gar nickst? Besondere?, und doch kani ihm die Sache verdächtig vor. Solche Schüsseln voll? Oder n.:5 cS nur nach viel ans? Ja, wenn er wenigstens ge- !oi> r hätre, ob C o mocgou Gesottenes oder Gebratenes gab; daraus konnte er dcum leicht selber merken, ob der ersehnte Besuch IVu.i ober nicht. Aber ach! Tie Basgotte durste er danach erst recht nicht srageie, sie wäre ganz' anders a»s- gesahren.'Ten Lohn fiir die gute Meldung bekam er ohnehin in-harten Worten. Warum er nicht gleich nach denn Begehr. der Leute gefragt habe? , Jedesmal, wenn ein fremder Mensch vors Hans kommt, läuft der alte Lalle wie ein Narr davon. Du bist fast nenne nnd unsere Krida kaum scchsc— aber die weis;, was sicki ge» hört. Mach, das; Du heut noch mit dem Jäten fertig wirst, Du Leinisieder, sonst jag' ich Dich morgen um viere ans dem Beil!" schalt die Gefürchtete uu Ausstehen, streckte biernach aber gleichwobl ein heiteres Willkonnnensgesicht zum Fenster hinaus und erkundigte sich saust, treuherzig, was den Herr» schatten gefällig sei. Es gab Birnciisaft von der schönsten Goldsaroe, der im Geschmack keinem Flaschenwein nachstand, für das McÄN'.svolt Trenstädter Flaschenbier, für die Damen Zitroneulimonade. Wollte man dazu einen gusligen Bissen essen, so konnte sie iin Handunidreyen mit echtem Emmentaler, schön durchzogenem Räucherspeck, dürren Landjägern und frischgelegte» Eiern aufwarten. Im Wirtshans zum Gnv'i, obgleich es am Ende der Well lag, wo Füchse nnd Hasen sich Gnsnacht.sagten, war noch keiner Hungers ge- storben. Derweilen schlich der„alte Lalle nnd Leinisieder" bedrückt hinaus nnd nahm, olnie den Gästen weiter einen Blick zu gönnen, sein Fiistrnment wieder zur Hand. Er hörte mir, das; der Dicke in Hemdärmeln Wasser pumpte, sich das Gesicht lvnsch und dabei die Wege, die Berge sowie den Höbendrang der Weiber laut vermaledeite. Die zwei Frauen sprachen ihm Mut zu, schilderten in höchsten Döllen die Pracht der Aussicht vom Gnpf vei Zonnemüitergaiig und. hielten dabei dock, verstohlen Rat, wie sie sich retten könnten, wenn sich eben ein Block von dem überbäng�chen Felnm lösen sollte. Dann kam die Wirtin mit den Getränken. iZie tat wie beim Anblick eines schweren Unfalls ganz entsetzt, als sie die Waschanstalten des Fremden bemerkte nnd stampfte»ist dem Fuße:„O herjeinine, Bub', hast Du keine Augen? Lauf schnell, hol dem Herrn ein sauberes Handtuch lieraus!" Matthias rührte sich jedoch nicht vom Fleck, denn er ivußte, das; der Auftrag nicht so ernst gemeint war. lieber- dies winkte der erhitzte Mann gleich ab:„Nicht nötig, gute Freit. Aber sagen Sie, wie tommt es den», das; ans der aanzen Strecke von Weihnachten bis hierher keine Sitzgelegen- heit zu finden iit. ausser einer traurigen Ruine, von der nur noch die Pfähle stehen? Das ist ja eine Barbarei ohne» gleichen l" Auch die hübsch rot angelaufenen Weibsbilder in schweren Lodenröcken beklagten diesen gemeinen Uevelstand. Es waren von jener Art deutscher Touristen, denen mehr Wanderlust im Herzen liegt, als die Beine erschwingen könne». Frau Angehr breitete ilire Labsale andächtig ans, ver- schwieg aber dabei wohlweislich, was sie ans die Beschwerde zu sagen wnsjte. Sie hätte sonst bekennen mülsen, das; die er- wähnte Ril'hebank weder von einem abgestürzten Felsblock, noch von einer anderen Naturgewalt zertrünimert worden, der Schaden vielmehr nur durch ruchlose Menschenhände entstanden sei. Aber sie fühlte sich doch recht peinlich an einen dunkeln Augenblick erinnert, Ivo sie in Gegenwart ihres Aeltesten auf den Guggisaner Knrverein geochste, der ihr mit seiner übertriebenen Fürsorge mir die Gäste fernhalte. Wieso dann just in selbiger Nacht die beide» Bänke ober- und nnterbalb der Wirtschaft znsammengehanen wurden, hatte sie nie erfragen mögen. lFor'.Ieyuna soigt.) Richarö Wagners �arsifal. 8 u IN u ebergange vo», Monopol in den freien A e r t r i e b. Das Jahr 1014 wird daS Parsifal-Jahr werden. In Posennickel nnd in Roscnhcim werden sie das allnheiligste, allerchristlicbste Bnhncnweihfestipiel des alten Wagner miinihren; die gut gebonten Wagncrtcnöre von Auf werden s.ch Rundreisekokser für ganz Europa bauen lassen, ivorin der„heilige Speer" Platz findet, denn sie iniislen jeden Monat N1— 2V mal als«reiner Tor" gastieren; die stets fixe und sindige Wagner-Jndustric wird cincn schwiinghasten Handel uiit „GralS- jtelckieir" als Schlip-nadel nnd„Kundrh-Broschcn" anheben: die Tbeeterdirektoren, mit möglichst billigen An�siaitnngS« und Ein- studieruligSkoslcn deS kostspieligen ErlvsungSdrainaS vollauf bc- fchästigt. haben einen neuen plausiblen Porwand, die zeitgenössischen anS Warten nnd Abgerisienwerdei» gewöhnten Opernkomponisten wiederum nicht zu berücksichtigen. Tic Gründe fiir diesen plötzlich laut werdenden Parsifal-Rummel sind»cnijrlich nicht innerlicher, sondern nur kalendarischer und ge- schästliclier Natur. WagnerS Werke sind am 1. Januar 1014„frei", damit ist auch die bis dahin als rentables Ai o n v p o l Bayreuths sorglich gcbüicte„Krönung des Wagnerichen Lebenswerkes", ist das .Bilhnenweihsest'piel" dem öffentlichen Versckileis; durch die höfischen nnd städtischen GcschäslSlheater überlassen. Und Lalzreulh verliert seine Hanptanzsehungökrast. vielleicht sogar seine Ex>stcnzberechtiguug als knnsileriicher Kntturfaklor im deusichen Geistesleben. Denn es erscheint mehr als fraglich, ob das Hänslein orthodoxer Wagnerianer, baS bisher neben dem iiilernalionalen seidenen Amüsier-PlebS als einzige Rechtgläubige zum«lieblichen Hügel" am roten Main zu pilgern pflegte, ob dieses nicht besonders kauflräslige Häuflein die BemebSlosie» der Festspiele weiterhin ausbringen kann, wenn ein- iiiat die Engländer, Amerikaner und Franzosen den Parsjpal in gleich guter ckufmackmig in Berlin, Dresden. Wien oder Muncheir lehrn tviiiie». Aber da soll;a der staatliche Baiirculb-National- Fonds helfend eingreifen, für dcir jetzt die Kchlgläubige Presse mobil niackr. Wagner, der stets der belle Organisator seiner Erfolge war, mnfjie genau, was er tat, als er einen niystischen Nebel um sein levieS Bühnenwerk ausdampsen lieh»ild dem christlichen Mtzsterimn Mil Cl örc» eine uncrhörle Sondelstellnng schuf, uidem er c-Z aus» 'chlicstlich für Bayreuih reservierle. 1882 vor der ersten Ausführung de» Parsifalr dachte. Fanden hieran konberiicrte Inden, von denen mir ckristlicherieilS versickert wurde, dast sie die unduldsamsten Katholilen abgäben, vorgeblichen Anstöst, so hatte ich mich dagegen allen denen niirt Wei er hierüber z» erklären, welche im Sommer dieses Jahres zur Aufführung meines Werkes fick um mich versammelten." Ebenso dekorativ ivic witzig proklamiert also der«Z9, übrige Weltmeister die ganz besonderen Weibe» für sein im Zeichen der karitativen Drei-- cin'gkcit: Glaube, Liebe, Hoffnung stehendes Drama der Weltstucht und der Erlösung ans allen irdischen Anfechtungen im Sckoste der ckristlichen Kirche. Wie sein löniglicker Freund und romanliichcr Schivärmcr Ludwig II.. angectelt vom Lärm und den«Fliegen des Marktes", einsam nnd versonnen in die Stille der oberbayerischc» Berglvälder binansslieg und sich in Neuschwansiein ei» stolzes, mittelalterliches Rtilerschivst mit Türmen und ginne». Zugbrücken nnd liefen Ab- glünden baiilc, so wandle sich auch Wagner nach einem stürmischen und liebereiche» Leben zuletzt von seiner Zeit an, verleugnete die Ideale seiner künftlerischen Mannesjahre, ward wellflüchiig und kon- stüiiertc sich denGraU aus unreinen Händen und überninnitt seldst die Würde des Gralslönig- tu»,S. Dcr Gral leuchtet auf. Ans der höchsten Kuppel schwebt eine weihe Taube nieder. Die Ritterschasl liegt i» Anbetung. Knabenstimmen aus der Höhe:»Erlösung de», Erlöser I" Ter Zauber Ivirlt. Das Tbealer wurde wieder Herr über die Künste; die Musik zu einer Kunst zu lüge». Dcr Vorhang fällt. Die Symbole schmiiike» sich ab... Der greise Musiker Wagner, der mit einem Lob auf die Keuschheit sich aus dieser verkehrten Welt zurückzog, iu der er vor- de», dcr Siuueiiliebe viele lodernde Altäre errichte, halte, ist auch in seinem der Weltanichanung nach senilen»nd reaktionären AlterSwcrk noch der groye Zauberer, der die grohe lriiiklosc Masse mit alt' den groharlig klingenden Mitteln der Weihe und der Verklärung, der Feierlichkeit und deS»AhncnmachenS" in Bann schlägt. Die Kraft seiner »»usikalischen Erfindung ist freilich sehr geschwächt. Die Toniymbole noch die Leltnionve haben nicht mehr die zähe, gesühlSbestimmendc Kraft seiner vorangegangene» grohen Tondramen. Sie sind mehr Reminiszenz als Inspiration. Aber die Aufmachung wirft um. Der grohe gewaltige Klangapparat, dcr bei den GralSritlerchören, bei der Abendmahlsszene verwendet wird(Orchester, Orgel, Glocken, Doppelchor, Solostimmen, Knabenchöre), zeigt die alte technische Meisterschaft in, Ausbau dcr Szenen, und wenn die Stärke de, Empfindung beispielsweise auch weit hinter ähnlichen Szenen bei Vach, Palestrina, Beethoven zurücktreten niuh, so ist die Wirkung im Verein mit de»»ngeheurei, Hilfsmitteln der Szene doch äuherlich eine sehr starke. Man muh eS in Bayrcnlb niiterlebt habe», wie „abgebrühte Heiden" sich diesen mächtigen Zaubermitteln szenisch- »nusikalischcr Künste nicht entziehe» konnten. Das Gralsglockcmnotiv, da? das ganze Werk durchzieht, ist das wörtlich bemiyte sogenannte „Dresdener Amen", zwei verschränkte Quart«»: AK. Zwei Naturszene» hat Wagner komponiert: KlingsorS B l n», c n- garten— man hörte das schon im Vemisberg— und der berühmte Karfrei tagSzanb er, ein elegisches edles Tousiück, die beste Eingebung im Parsifal. Stilistisch entdeckt man alle Elemente von Lohciigrin bis zu», Tristan in frohe», Verein wieder. Die exotisch gefärbten Kmidry-Szeiien zeigen am dcullichstci, das Nachlasse,, der musikalischen Eufindmig. Die Gralschöre aber ziehen tveihevoll in geschlossener Fahlichkeit am Ohre vorüber. Sie werden vielleicht in die protestantische Liturgik übergehen und am Karfreitag in den Kirche» erklinge». Vielleicht das Einzige dann, was von den, Mysterium übrig bleib,, wem, erst der Rausch des Parsifal-JahrcS verflogen ist. Nebenbei gesagt, ver laugt wie keine der Wagner-Open, der Parsifal dem Kolorit seiner Jnstrinnentation nach das„unsichtbare Orchester", das bisher nur iu Bayreuth»ud München existiert. Die„Entweihung" des BühirciilveihfestspielS durch beutegierige Theatcrdirektorcu Ivird unwiderleglich den musikalisch Gebildete» aller Stände die iicsgeheiidci, moralischen und künstlerischen Schwächen des Werkes enthüllen. Es is, nach der pietistischen Konjunktur ge- . tvisicr Kreise möglich, dah Parsifal eine Zeitlang als„galvanisierte Leiche" ein künstliches Leben führen ivird. Aber»iemals wird von ihm dcr Strom deS Lebens, der Kraft und der alten tragischen Leidenschaft ausströmen können wie von den drei»reu schlich gröhien Meisterwerken Wagners: de» Meistersinger», Siegsried und Tristan. W. M. Der Dkeöcrmann. Von Ludwig T ho m a. Der alte Buch berger Hans sah auf der HauSbank und lieh sich so behaglich wie die Katze neben ihm die ,vc,r,»e Märze,«sonne aus den Pelz brennen. Ans de», Dache zerging der letzte Schnee, und eintönig plätscherte cö von der Rinne auf die Kieselsteine. Drüben am Waldrande lag schon ein grüner Schimmer über den Sträuchern, und dem Hans kamen fröhliche Gedanken bon schönen Tage» und Wiedcrerwachen ans langem Schlafe. Zufrieden patschte er sich auf das linke Knie und rieb ein wenig daran. Das war auch wieder gut geworden; biel besser, als er ge- glaubt hatte„ach dem bösen Fall im vorigen Jahr. Hätte leicht steif bleiben können, und das wäre ihm hart ge- falle» in seinen alte» Tagen, und weil er ja auch»och arbeite» wollte nebe» den Jungen i» de», tleincn Haushalte, dcr jede Bei- Hilfe brauchen konnte. Aber so war es nun wieder recht geworden. Der Unfall zahlte ihm fünfzehn Mark alle Monate, und loeih Gott, wie wohl ihnen das Bargeld tat, wenn es„och so wenig war, und faulenzen brauchte er deswegen doch nicht. Er schlenkerte mit de», Fuss und streckte ihn wieder geradeaus. Es ging schon, jawohl, und vor ein paar Tagen war er mit dem Jungen auch auf der Bcrgwicse droben gewesen und war recht- schassen müd geworden. Aber es ging und wurde alleweil besser. Alleweil besser. Da schau her! Tri, soiuiigcn Hang herauf kam ein Spazier- gängcr, ein städtischer Herr, drr oft stehenblieb»nd ausschnaufte. Tat halt einem jeden wobl. Wärme und Sonnenschein. Jetzt nahm der Herr den Hut ab und trocknete sich die Stirne. Ter sah beinahe ane Ivie der Bezirksarzt mit seinem langen Bollbart, lind so gross und breitschultrig war er auch. Richtig, da fiel dein Bumberger ein, dass die Leituerbäuenn krank war, und vielleicht ging jetzt der Doktor zu ihr... lind war schon so. Von weitem schon lachte dcr Bezirksarzt freundlich, wie er de» Alten erkannte, und de. Haus stand auf und grüßte höflich. ...Das is ja der Vuchbeeger? Grüß Gott! Darf ich mich a Vissel hersetzen?" „Ja frcili. Herr Bezirksarzt! Oder soll i an Sessel anssa hol',,?"... „Nal I sitz gut g'nug." „Gengan's girstss zum'Leiiner aufi?" „Ja... nihil,...»o, wie geht's Ihnen?" „Guat... Herr Bczirksarzt... Bin wobl z'sried'n.. „Das hört man gern... ja! so ein alter Veteran laßt nicht aus!" Der keutseligc BezirkSarzt klopfte dem Ha»S auf die Schulter und schaute ihm mit herzlichem Wohlwollen in die tzlugen. „Sie sind ja„och einer von Anno siebzig?" fragte er. „Siebazgi und sechsasechzgi." „Und.sechstindsechzig! Allen Respekt! Da haben Sie was durch- g'macht im Leben!" „Ja.. dös lo ma wohl sagst,!" „Fürs deutsche Voterlandl" Und der freundliche Mann tätschelte wieder den braven alten Soldaten auf die Achsel. „No, von sechsasechzgi kann i„et viel prahlst,," sagte dcr Ha»?. „Da san ma de mchra Zeit rciaricrt, weit sie koa Mensch„et aus- kciint Hot und überHaupts..." „Ja... ja... der Bruderkrieg!" sagte der Arzt lächelnd. „Ava... siebazgi I Salera Hosenzwickt! Da haimn'S as in? dafür ei'kockil! I bin bei Wörth dabeig'wc» und bei Sedan... und„acha bei Orlcauß hinten! Bei Kulmirö Hamm an Major Gruaba ncbci, meiner aufi g'schosssti, und i und da Hage Pauli, mir Hamm mi im prößtst: Feuer z' ruck bracht... und hob aa'S Eiserne Kreuz kriagt für dös und bin l-elobigt lvor'i, vorn ganz',,!>!cga- ment.. „Ja, lvaS Sic sogen!" Der Bezirks,, rzt streckte de», eifrigen Alten seine Hand hin. „Respekt— Buchberger! Ein deutscher Ritter des Eiscriien Kreuzes! Da»lüsscn wir Jüngern den Hut ziehenl" „No ja! ES hätlcn's cigcntli alle vadcant, denn ieos mir selbigsmal dnrctzg'mochi Hamm, dös war a Weng! hart... und i sog's oft. de junga Lau achte»'? nnnmer a so, aba es. hat scho»ras braucht!" „Ja, die jungen Leute! Tie w-crdcn von den sozialdeinokra- tischen Zeitungen vergiftet. Das findet man nicht mehr liste früher... diese... diese Einfachheit... ah... diese... diese Bgtcrlandslicbe...." st, Gel? I sog'S aa'r allaweikl De Patriot'» san»unnier gar so viel! I!»d iveiü, ma was sagt, wurd ma glci auSg'Iacht von de GräStepfll „ES ist schlimm, Buchberger! Schlimm I Aber ein alter Sol» dat, wie Sic, der laßt nicht irrmachen.. «J», W-7S mat denn net dös? I net o'.is.- „Eiiier der eilten Garde! Ha a?" „Und de Erinnerung gad i nei l>er... dös derfcn S' g'wifi glaad'n, Herr Tolta... Eakera Hosenzwick!... wia mir ein- niarschiert san.. „In Pari-Z? Was?" „?n Paris net; da bin! net dabeig'wen. lveil inser Regamcnt beraub bleib'n bat müass'n... ada in Müiüii... da bin i nabl mit.. «Bor dem Kronprinz'»?" „Und an Kinn;>»or der Feldherrnbakke san ma NN eahin bor- bei.. «Parademarsch?..." «Dös glaab i! Reig'haut, das, d' Stoa g'wackelt bann»!" „Eins... zwei I Eins... zwei...! Ob's heut noch ging, Bnchberger?" „Probier ma's!" lachte der?Utc und sprang von der Bank auf und nahm die Hände an die Hosennaht. Augen links! nach dem Bezirksarzt, und eins und zwei... eins und zwei... und es ging»och. Freilich nicht mehr so stramm, das; die Steine ioackelten, aber ganz passabel, das; der joviale Arzt in die Hände patschte und herz- Haft lachte. „Bravo, Buchberger!" rief er, als sich der Hans wieder sehte, und patschte ihm urträftig auf das Knie..... ja, Fht alten Veteranen. Jbr seid ans einem andern Stahl als wir!" «Woas; net," sagte der Hans,„i g'spüret's glei im Hax'n..." „J wo! Sie sind ja marschiert wie ci» Gardeleutnant... also, seht musz ich aber gehen... es bat mich recht g'frcut..." „Mi scho aa, Herr Bezirksarzt, und kehren S' lvicdcr ainal zun! Adjes!" „DöS is a liaba Mol" sagte er noch bor sich bin, als sich der Doktor langsam entfernte— ,,a ganz a g'fübriger Mo!" » Eine Woche später, und es ivar schlechtes Wetter, regnete und schneite durcheinander, brachte der Postbote dem Buchberger ein Schreiben, das sich der Länge und Breite nach amtlich ausnahm und auch einen Stempel trug. „Geh, Alte, hol mir uici Brill'«!" Als er sie bedächtig auf» gcscht und das Schreiben geöffnet hatte. laS er langsam die Mit- teilmig, daß ihm die monatliche Untersmhnng bon fänfzebn Mark entzogen werde... entzogen werde... indem das; der Königliche Bczirksarzt Dr. Stierkinger sich persönlich davon überzeugt habe... das; genanter Buchberger von den Folgen dcZ Unfalls gänzlich geheilt sei rmd nicht die geringsten Beschwerden... Bc- schwcrdc» am Fuße mehr verspüre... Ahl Ja... Himmel.,. Herrgott... Kleines IsuMeton. Musik. Eine Ansprache an die Arbeite r. Von der Freien Volksbühne, die bor kurzem bor viertausend Menschen ein Konzert gab, war Alfred Kcrr ersucht worden, zwischen zwei Symphonien eine kurze Rede zu halten. F» der soeben erschienenen Dezeml«r-N»iminer der Keilschrift„Pan" teilt Kcrr im Wortlaut mit, was er sprach. Folgendes: Es ist gut, dasz Sie nun die neue Musik in Ihren Lebens- kreis aufnehmen. Auch in ibr steckt ein Empor und ein Vorwärts. Die neue Musik ist kein Ausdruck der Sattheit: sondern ein Ausdruck der Sehnsucht. Sie ist kein Ausdruck de? Besitzes: sondern des Ringens. Sie sind Ringende. Sie bedeuten das stärkste Ringen der Zeit. Noch in dieser, vorhin gehörten, slnnphonischcn Dichtung von Richard Strauß ist ci» Ringen— obgleich Don Juan kaum un- mittelbare Beziehungen zum„ehernen Lohngesetz" hat oder zum Wachstum des Kapitals. Ein Ringen erleben Sie dann in Gustav Mahlers Wald- symphonie. Nicht bloß Ratnrschildernug: sondern durch den Wald geht ein Mensch— der nicht zufrieden ist.(Ein Mensch, der nicht zufrieden ist.) Sie stoßen zuletzt— nach Strauß mit seinem bunten Glanz, nach Mahler mit seiner heiligen Eutrücktheit— Sie stoßen ans das Ringen, zuletzt, iin Erntelied von Tchmel, durch Fried in Klänge gebracht. Aber Fried hat schon ein unmittelbares Ver- bältnis zur Bewegung der Zeit; er kommt mit strahlender Agi- tationsmusik. Sie nähern sich neuen Harmonien. Mir scheint: etwas Zu- kunstsvolles läge darin, wenn es gelingt wesentliche Teile der modernen� Musik ans den starken Grund Eurer Masse zu stnbi- lieren. Eurer Masse. Nicht bloß weniger Bevorzugter. Was find manche Konzerte von West-Berlin beut? Für drei Viertel: gesellschaftliche Veranstaltungen. Drei Viertel suchen Ge- sichtseindrücke, nicht GebörScindrücke. Äebersliegt man den Schwärm, so kommt die Frage:«Wo ssb-m die Kenner?" Die Antwort heißt: Die sitzen überhaupt nicht, die sieh». Tausend Musiken würden lieber ihre Musik einer Hörerschaft von geringerer Aeutzerlichkcit schenken. Tausend Musiker möchten es... Die Kunst geht nach Brot. Heute noch. Aber sie braucht es nicht immer; und wen» jemand hierfür sorgen wird: so werden Sie es sein. Staunen Sie nicht.... über vielleicht fremdartige Har-> monien. Im Beginn jeder neuen Epoche hat man geglaubt: die? ist das. Ende der Musik. Es ist nicht das Ende der Musik, sondern: ein Ansang neuer