0.-« sc » 'Ji ry er �«i i -,•- � öi<•* tr» r�.»-«. --�.- Sk Ä- JX r- V£i» i 5.3�5- Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 4. Mittwoch, den 7. Januar. !!-'.! 4 Dss Mensch!e!n Matthias. 4� E r z ä h l u n g v o n P c> u I I I g. An ein Weiterschlafen dachte keines mehr; auch das Wiegenkindlein war von dem Lärm erwacht und mußte ne stillt werden. So sehten die zwei Faniilienhäupter den Tis� kurs angeregt fort. Das Paar gehörte im Grunde, wie Matthias' Großvater, zum abgesprengteu Bauerntum; es war in dessen Zusammenbruch verwickelt, ans einem statt- lichen Gehöft in diesen stumpfen Erdenwinkel getrieben worden. Obwohl dann der regsame Mann gleich lohnende Arbeit fand und auch die Frau sich in den kleinen Verhält- nissen trefflich ans den Erwerb verstand, konnte diese den schlimmen Wechsel nicht verschmerzen. Sie besaß das den Bauern von Stand und Herkommen eigentümliche schwerfällige Ehrgefühl, welches über den Verlust der eigenen Scholle alle anderen Daseinsmöglichkeiten gering anschlägt. In ihrer Heimat, an der sie mit allen Fasern hing, ließ sie sich deshalb nicht mehr blicken, und trotzdem sie überzeugt war, daß nirgend? in der Welt so saftige Kirschen und Trauben, so schmackhafte Kartoffeln und Kohlköpfe wuchsen, wie dort unten, strebte sie nicht danach, einmal wieder dorthin zurückzukehren. Es war ihr, als müßte die auf ihr Geschlecht gefallene Scfywde im Kreis der Bekannten durchs ganze Leben fortwirken.— Die Heimat, dachte sie, ist nun einmal verspielt, für ewig dahin.— Aber etwas anderes lag ihr fast stündlich im Sinn. Der eine ihrer Brüder, der damals nach Argentinien auswanderte, hatte gute Botschaft geschickt und berichtet, daß tüchtige Leute drüben mit bescheidenen Mitteln ein besseres Auskommen fänden. Seither hegte die Angehrin keinen anderen Plan mehr, als diesen, dem Bruder mit Sack und Pack baldmöglichst zu folgen. Ihr Verlangen nach der neuen Welt war so mächtig, daß sie, um ihn schnell ins Werk zu setzen, sich und den Ihren kein Vergnügen, ja .kaum das tägliche Brot mehr gönnte. Tie Sache hatte nur einen Haken. Der Bleicher Angehr war bei weitem nicht so flügge wie das ehrgeizige Weib. Seine Tätigkeit in der Stickerei Treustadt gefiel ihm recht wohl, auch das Stadt- leben mit seinen Vereinen und vielfältigen Zerstreuungen stieß ihn durchaus nicht ab. Was er dort wochentags der- mißte, war eigentlich nur die Gefährtin, die Familie, welche der Billigkeit halber da oben hauste. Mit dieser vereint, wollte er gerne Stadtbürger werden und all seinen Fleiß auf- bieten, um sich und die Seinen rechtschaffen durchzubringen. Aber die Angehrin mochte davon cinsttveilen nichts hören. Es half auch wenig, daß er ans seinen wachsenden Verdienst pochte:„dort unten wurde bei so viel Köpfen doch nur ein Hungerleben daraus!" war ihre feststehende Meinung.— Diese beiden sich bekämpfenden Lcbensansichten halten zwar insofern einen leidlichen Waffenstillstand geschlossen, als von beiden Seiten ans die Hauptschlacht hin lvacker gespart wurde, was wenigstens dem allgemeinen Wohlstand zustatten kam. Allein der Himmel dieser Ehe Ivar doch stets voller Gewitter- stimmung: von einer Sekunde ans die andere konnte ein Hagelwetter losbrechen, und dann war es fast immer des schwächeren Mannes Weizen, der daniederlag. Das kain eben von seiner größeren Liebe zu dem energischen, unge- bändigten Wesen, dessen Widerstandskraft und zähe Ausdauer er im stillen bewunderte. Sie schämte sich eingestandener- maßen schwer, nur das Weib eines armseligen Taglöbncrs zu sein. Davon sprach si? auch heute, während sie Mühe hatte, des Mannes Zärtlichkeit abzuwehren. „Dir kommt's eben nicht drauf an, was draus wird!" grollte sie, iviedcr im Bett zlvar, aber noch voll des vorigen Aergers.„Und wie ich die geschlagene Woche da oben zu- bringe, schiert Dick ebensowenig. Dn bist wenigstens sicher, daß mir keiner auf die Hacken tritt!" „Wär' ich's mir! Es heißt am End' nicht umsonst„Einkehr zum Gnpf"!" neckte er die Ungebärdige mit einem Hauch von Eifersucht, der nicht so ganz aus der Luft gegriffen schien. „Und ich? Was blüht denn mir derweilen?" Worauf sie ein etwas verstiegenes Gelächter hören ließ. „Ja. beim Donner! Mit Dir wird man noch Bedauern haben müssen. Ich schätze, unter hundert Fabriklerinnen wird Dir das Geschmäcklein wohl nickt ausgehen. Man hört etwa auch, wie'S in denen Lungfernmühlen zugeht und was das alles für leichte Tücher sind. Ich brauch' nur die Gritta anzn- sehen,"— womit sie ihre Schwester meinte—„dann weiß ich schon genug!" Und nach einer Weile, wieder in dein Traum des. neuen Lebens befangen, seufzte sie so schwer:„Ach, wie will ich Gott danken, wenn ich von alledem nichts mehr höre und sehe!" daß er seine Absicht, ihr den Umzug nach der Stadt ans einem neuen Gesichtspunkt verlockend zu machen, einstweilen wieder schlafe» legte. Es war ohnehin ein recht waghalsiges Unternehmen, das ihm da vorschwebte. In Wahrheit hatte er allerdings mir das Wohl der nnglücklicheil Gefährtin im Auge. Er dachte nämlich, daß ihre Eigenschaften einer findigen Wirtin, die sie schon in dem kleinen Berg- pintleiu bewies, unten in der Stadt erst recht Wolle ansetzen und ihr eine ganz andere Befriedigung bringen müßten. Das war sicher kein Fehlschluß. Aber der einsichtige Mann, der dazu eine ruhige Häuslichkeit über alles liebte, ahnte auch die Schattenseiten der„guten Idee". Einmal war da seine Aeltcsie, die herzkranke Marie, der die Berglust bitter noltat. Seiner Natur gemäß hing er an diesem Kinde weit mehr als an den gesunden. Es gab aber auch noch andere Gefahren. Mit ihren fiinfunddreißig Iahren konnte die Wirtin znnr Gnpf noch allerlei Begehrlichkeiten erregen und wohl auch selbst in Versuchung geraten. Hatte er in dieser Hinsicht hier oben wenig zu fürchten, so war hingegen die Stadt ein recht gefährlicher Herd, wo leicht ein ungattliches Feuer aufflackern. konnte. Trotz alledem hoffte er nun wenigstens sein bißchen. önntagsgliick herauszuschlagen, indem er ihr diese Ein- gebung mit etlichen Anlänseii offenbarte. Ucberrmnpeln konnte er sie nicht. Als sie jedoch merkte, wo hinaus der Mann wollte und wie es gemeint war, kam ihr Widerspruch weniger schroff wie gewöhnlich: sie sank bald in ein ab- gründiges Sinnen, während er den bunten Faden mit siibl- barer Wärme wciterspann. Vlind und taub hätte sie sein müssen, um in diesem Falle seine Opferliebe zu verkennen. Sv befiel sie plötzlich eine seltene Rührung. . Ein Guter bist Du doch, das muß man Dir lassen. Aber ich weiß halt nicht, was ich sagen soll!" schluchzte sie ans, ohne ihm länger zu widerstreben. Ihre Weiblichkeit glich_ darin einem Steinbruch: nur mit Gewalt oder unendlicher Hingabe war ihr dcizukommen. Der Bleicher Angehr kannte jedoch» nur das eine Mittel, und deshalb war seine Ehe ähnlich einciil ewigen Brautstand oder einer Schule der Enthaltsamkeit. So gut wie an diesem Morgen hatte er es wahrlich schon lang nicht mehr getroffen. Nicht nur ließ sie ihn anständig zu Worte kommen, sie zeigte auch ein ehrliches Interesse für seine Berechnungen. Besonders gefiel ihr sein Urteil, daß sie noch zehnmal das Zeug zu einer zünftigen, unterhaltsamen Wirtsfran besitze und ihr wohl niemand von selbst die vier Kinder anmerken werde. Um den Zulauf brauche sie sich füglich nicht zu sorgen. Halb war ihm bei diesen Reden znmnt. sich Jahren........... denklickkeit gesehen. Sie machte bereits selber Voranschlags. sann ans neue Ersparnisse und sah sich im Geiste schon mit einer von Silber strotzenden Geldtasche gegürtet hinter cincut kristallbesetzten Ausschank stehen.— Das Weihnachter Kirchlein hatte längst zur Frühmesse gerufen und die zu einem peinlichen Frieden gezwungenen Widersacher in der Dachkammer harrten auch schon ungeduldig ans ihre Sonntagskleider sowie den besseren Morgenimbiß. Aus einer wilden Furie in eine gütige Fee verwandelt, stieg die Angehrin endlich wieder Hinauf, brachte sonntägliche Seife und de nd Handtücher, wonach das befreite Völklein seelensfroh in ..sn göttlichen Morgen hinanssckwirrle. Der Pmnpen- fchwengel flog, hohle Hände schöpften das- kaltklare Wasser, und in zwei Minuten war die ganze Toilette beendigt. „Mach Dn mir jetzt keine Stempeneien mehr, Bub. wenn Tu nicht willst, daß ick, heut der Mutter klaren Wein ein- schenke!" warnte die Gestrenge den verheulten Matthias, der aus dem milden Ton ihre freundlichere Gesinnung spürte. Allein die so schwer erlangte Gewißheit, das; die Ersehnte wirklich kam, erhob ihn schnell über die Schmach der letzten Stunde. Er schwenkte die Brust zuerst noch von einem be- trächtlichen Tränenvorrat aus und hielt dann tapfer still, als ihm die Basgotte in merklicher Pönitenz einen besonder» geraden Scheitel durch das lzelle Kranshaar zog. Welche Wandlung I Die plotjliche Jjutunlichfeit empfand er mit einem anderen, aber nicht geringeren Grauen als vorhin die harte Strafe. Sonst dachte sie nie daran, ihn zu kann neu. Wollte fie verhüten, dast feine Mutter ihm etwas annrerke? Sie fasste den Kleinen, nachdem das Haar ordentlich hoch- stand, kraftvoll unter den Armen, hob ihn fpielend leicht hoch und fühle ihn wie ergriffen von feinem Leidensblick, die schmerzlich bewegten Lippen. „Kannst Du mich denn nicht auch ein bistchen gern haben, Tu Mordskerle, der Du bistl Warum tust Du alleweil so, wie wenn ich des Teufels war'?" flieh sie in einer un- finnigen Reuewut hervor und drückte den verstörten Knaben, den eine ohnmachtähnliche Schwäche befiel, gewaltsam an die Brust. Matthias wnhte nicht, was ihm da geschah, und wie er wieder auf die Erde zu stehen kam. Er zuckte zufanimen unter ihren Habichtsaugen, fchivankte auf seinen zittrigen Beinen, feine Sinne lvaren minutenlang völlig getrübt und kämpften heftig gegen einen betäubenden Geruch, den ihm die Basgotte eingehaucht hatte. Bestürzt lieh diese ihn wiederum fahren und machte sich leise jammernd an der jüngeren Tochter �u schaffen. „Herr, du meine Güte, ivaö ist das für ein Rätsel von einem Bub!" Wenig fehlte, so hätte sie die Rührung über- wältigt. Sie erschauerte selber über die dunklen Abgründe ihrer Natur, vor denen sie die Augen schlichen mußte, ohne sich retten zu können. Allzu häufig erlitt fie solche Anfälle, erkannte sie jedoch immer erst hinterher und vergoß viele Tränen, weil sie du-, Hebel stets wieder so hilflos unter- liegen muhte. Auch der Vkisserstand des Bleichers hatte, wenngleich ans anderer Ursache, einen ungewöhnlichen Grad erreicht. In seinen Augen spielten alle Regenbogenfarben. Der gute Mann belauschte vom Stnbenfenstcr das fröhliche Treiben der Kinder am Brunnen, sowie das vermeintlich friedsame Ge- müt der Hausfrau, tauchte dazu fei» Pfeifchen in den leeren Magen hinein und sah das Daiikopferränchleiii gottwohl- tesällig und blau wie die Lust zum Himmel steigen. Eine llorgcnseier wie diese, dachte er, war mit sechs Arbeits- tagen nicht zu teuer erlvorbsii. Obendrein genoß er das prächtigste Naturfchanspiel, zu dem heute die Städter scharen- weife aufwärts pilgerten. Bei diesem Blick über die traute Heimatwelt im Sommersonntagsstaat erkannte er vollends, wie stark sein Gefühl einer Austvandernng widerstrebte. Diesen Gedanken mußte er zeitig einen Riegel stecken. Alles andere däuchte ihn besser, als solche Flucht in die Fremde. In seiner Einfalt suchte er einen würdigen Sinnspruch, der zu seiner gehobenen Stimmung paßte, und so fand er das alte gute Wort, ihm als Kind i» der Schule schon eingeprägt: „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich anl" Lange schaute er so ans das blühende Land und hinüber ans die wunder- sam besonnten Schnecbcrge. Einen anderen Gottesdienst als diesen kannte er nicht. lForUetzung to!«,., Die goiöenen Treffen. Von Karl Soorenscn jSlagcn). c Schluß.) „Willkommen also an Bord, und Dank, das; Ihr Ench hinauf bemüht habt, um mich zu begrüßen. Herrgott, seid Ihr es denn Ivirklich V„Ja, zun, Teufel," sagte Schiffer Kristenscn,„wir sind'S". „Ganz gewiß," sagte Schisser Jensen.„Willkommen an Bord," sagte Kapital» Hansen und schüttelte ihnen noch einmal die Hand.„Wollen wir ein bißchen in die Kajüte runter gehen und einen Kleinen nehmen?" Auf dein Weg zur Kajüte stierten sie ans den Steuer- mann, einen schmucken jungen Mannn mit wohlgcpflegtem Schnurrbart. Er hatte ja allerdings nur zwei Gold- trcsfcn an der Mütze, aber er trug Manschetten bis an die Fingerspitzen und leuchtete über und über wie ein Glanzbild. Kristensen»nd Jensen konnten gar nickt an ihm vorbei kommen und zogen nnwilllürlich die Mützen ab, als der Kapitän die Tür zur ikajnte vssncte.„Ja," sagte der Kapitän,„hier wohne ich." lind er wohnte schön. Da war ein Mahagonitisch und Mahagouistiihle lind ein Plüschsofa. Die Wände waren mit prächtigem Ahorn gc- täfelt und große Spiegel in vergoldeten Nahmen hingen ringsum in der Kajüte. Schiffer Kristensen und Schiffer Jensen drückten sich auf eine Ecke ihres Stuhles: es war deutlich zu sehen, daß sie sich in dieser Situation etwas gedrückt fühlten.„Na, was wollen wir trinken?"„Jaa", sagte Kristensen,„wenn es durchaus was frin soll, dann dlellclcht einen steifen Grog.' Jensen sagte gar nicht». Der Kapitän ging hinaus. Er blieb lange fort und als er Wiedel herein kam, sah et nicht so froh ans wie vorher. Neben Kapitän Hansen lag auf dein Tisch die Goldbetreßte und hatte ein korrektes und ernstes Aussehen. Kristensen saß und grinste:„Hik, Hik. Hik." —„Huk, Huf, Hui" gluckste Jensen; plötzlich verstummt« allcS ans einem Ruck: herein kam der Stelvard mit dem Grog. Der Stelvard schritt voran wie ein Bischof im Dom, blieb am Tisch stehen und setzte das Tablett ab, daß es mit einen, BmnS auf den Tisch schlug. Kristensen und Jensen sagten beide Guten Abend und er- hoben sich ein wenig von, Stuhle. Aber der Steward sagte gar nichts; er sah von oben herab ans die beiden Prahmschiffer und schritt aus der Tür, wie er gekommen war. Schiffer Kristensen seuszte unwillkürlich tief ans, als die Türsich hinter jenem geschlossen. Kapitän Hansen troiniucltc mit den Fingern aus den Tisch.„Das ist ein mürrischer Gesell, der da," sagte Schiffer Kristensen und zeigte vorsichiig mit dem Daumcn gegen die Tür. Der Kapitän lächelte, aber das Lächeln wollte nicht recht glücken, darum gab er es wieder auf.„Man hat seinen Acrgcr mit solchen Leuten; bitte mischt Euch Euren Grog."„Jawoil," sagte Jensen. Schiffer Kristensen nabin sich Zucker und goß Wasser darauf. DaS Wasser war kanm lauwarm.„Ich hoffe, dag Wasser ist warin genug," sagte der Kapitän,„sonst will ich..."„I Gott bewahre," sagte Schiffer Kristenscn mit gedämpfter Stimme und tat, aiS ob er sich verbrannte.„DaS Wasser ist ja warm, gerade so recht, nicht lvahr, Jensen?"„Jatvoll," sagte Jensen. Die Zigarren wurden in Brand gesetzt und die Schiffer fühlten, daß das Schlimniste überstanden war. DaS Gespräch lani in Gang. „Weißt Du noch damals in Hamburg? und das einmal in Notier- dam?"—„Ja. ja, daS waren lustige Zeiten dainalS. Man ist wohl rechts»nd liiikö angerannt mit dem Bug. aber immer bat man dl« Ohren steif behalten— was?" Mit dem Tabaksranch breitete fich eine gewisse Behaglichkeit über der Kajüte aus. Schiffer Kristensen vergaß Plüsch und Mahagoni und schlug ans den Tisch. Die ersten zweimal nahm er sich rasch wieder zusammen, aber das dritte Mal vergaß er die Wandtäfelung und Goldspicgcl und lleß die Faust ans dem Tisch liegen. Der Kapitän lag in dem Stuhl zurückgelchnt mit geschlossciien Augen und lächelte. Schiffer Jensen saß vorgebeugt und war die ganze Zeit von innerem Lachen erfüllt, das in ihm hochstieg wie Luftblasen im Wasser. Plötzlich vcrstmnmte alles: jemand hatte an die Tür geklopft. „ES klopst," sagte Kapitän Hansen, und richtete sich auf. Schisser Kristensen und Schiffer Jensen sahen sich an n»d sagten nichts. „Herein." sagte der Kapitän, und der Stciicr>nann mit den ztvci Goldtressen trat ein. Er blieb gleich in der Tür stehen, als ob er einen Puff vor die Brust bekommen hätte.»Kommen Sie nur näher", sagte Kapitän Hanse» trocken, mid der Stcuerinann kam näher. Er bat um Eiitschnldlglmg und gab dem Kapitän mit artiger Handbclvegnng ein Kuvert.„Danke," sagte der Kapitän,„es ist gut." Schiffer Kristensen und Schiffer Jensen drehten sich ans ihren Stühlen herum und folgten dem Steucrinaiin mit den Augen, als er ging. Kapitän Hansen erbrach da? Kuvert und las daS Telegramm. Schiffer Knstciiseii beobachtete seine» GesichlsaiiSdruck und sah, das; sein Freund Hansen alt geworden war. Nein, alt war er tvohl cigenilich nickt geworden, aber er hatte Falten auf der Stirn be« konnnen und seine Augen hatten einen unruhigen Ausdruck erhalten; er sah nicht mehr aus wie ein Scemami, aber eS ivar nickt mehr der sichere und gleichgültige AiiSdrnck in seinen» Gesickt, cS lag etwas UnlnbigcS, AngespaiinlcS über ihn,. Schiffer Kristensen Ivar kein Menschenkenner und hatte nicht viel Verstand von, Leben, aber er Ivar iininerhin ein gut Teil herumgekommen. „Das ist von der Reederei," sagte Kapitän Hansen mid faltete daS Telegramm zusammen. „Mil denen ist gewiß nicht gut Kirschen essen," sagie Schiffer Kristensen vorsichtig. Kapitän Hansen trominelte mit den Fingern ans die Tischplatte»nd sah in eine Ecke der Kajüte. Plötzlich hielt er iiine" sah nilsKristcnsen und von Kristensen zn Jensen und wieder zurück.„Nein, wahrhaftig nicht," sagte er. Es folgte eine llcine Pause, dann begann er wieder:„Du kannst mir glauben, Kristensen," sagte er, und jetzt war er iveder der Dampfichiffcr noch der Prahniickiffer,' der sprach,„Du kannst mir glauben, daß ich oft genug a» die Zeit zurückdenke, als ich noch meinen kleinen Zweimaster hatte."„Die bezahle» aber tvohl gut, diese Leute?" sagte Schiffer Kristeiisen. Der Kapitän lächelte, aber sein Lächeln war matl und höhnisch. LSVOO Kronen habe ich hineingesteckt, inn die? Schiff zu führen: das soll nun verzinst werden, je nach dem Ueberschuß, den das Schiff bringt, aber es bringt keinen Ueberschuß und Ivird es nie tun. Ich bekomme 3000 festes Gehalt jährlich. Fünf Prozent von 25 000 macht 1250, ziehen wir die von den 3000 ab, so bleiben 17ö0 übrig. Und jür das Geld muß ich in ich hcr'/inschlogen mit Mallern, Spediteuren, Frachllenten mid Zollbeam.m, und lvie zum Henker man sich auch dabei benimmt, in jedem Fall kann man sicher sei», daß es verkehrt war, wenn man das nächstemal von der Reederei etwas zu hören bekommt." Kapitän Hansen nahm die Goldbetießte vom Tisch und schlenderte sie in das Sofa: sie siel mit den, Deckel»ach oben und zwar so, daß sie ganz»nd gar ihr imponierendes Aussehen verlor.„Das kam, st Du mir glauben, Kristenscn, daß hier nicht eitel Freude und Heirlickleit herrscht." Schisser Kristensen nickte:»Rece, ncee, so ist es wohl nicht." .Damals, als Ich meinen Ileluen Zweimaster noch hatte/ fuhr Kapitän Hansen fort,„da konnte ich in Holzpantinen über die Gasse lausen; das kann ich nun nicht mehr. Jetzt ist man Kapitän und geht mit goldenen Tressen und solchem Drecf.* .Jawoll/ sagte Schiffer Kristensen. „Aber man ist ja gebunden und kann nicht wieder loskommen; «her das kann ich Dir sagen, hätte ich mich nicht erst hiermit eingelassen, so wünschte ich, ich jähe noch auf meinen, Zweimaster.' Kapitän Hansen schwieg, und es verbreitete sich eine tiefe Stille tibcr die Kajüte, und bald danach gingen die beiden Schiffer. „Jetzt wollen wir, hol's der Teufel, einen richtigen Grog von Vknm haben, der nicht halbkalt ist/ sagte Schiffer Kristensen. Er stand unten in der«Marie" und wirtschaftete herum, mit einem Streichholz in der einen Hand und eincin Lampenzylinder in der «nderen.„Jawoll", sagte Schiffer Jensen.«Ich war, iveiff Gott. schon nahe daran, den Hanse» mit einzuladen," sagte Kristensen. „Jawoll." sagte Schiffer Jensen und trat in die Pfütze am Zuh« Kode», daß eS platschte.„Das hat hier ja schön bei Dir herein- geregnet."„Hol'S der Henker," sagte Schiffer Kristensen und wandte sich von der Lampe ab, die nun in Ordnung ivar und mit einer schwachen, schnnitzig gelben Flamme durch das russige GlaS hindurch schien,„meinetwegen soll es zum Teufel mit Bütten ans mich heruntergießen, wenn es Lust hat.... Viel schlimmer ist eS, wenn «8 auf einen nicht herunterregne» kann, weil einem die Kajüte nicht gehört." „Jawoll/ sagte Schiffer Jensen und setzte sich ans die Holz- dank.„So'n Dampfichiffer, der ist doch im Grunde bloß'ne dreeklge LauSI"_ Ms der Geschichte der Museen. Die Museen gelten>i»S heute als Volksbildungsstätten. Sie sind in ihrer vielfachen Gliederung als Kunstmuseen, geschichtliche, naturtvissenschaftliche, technische Museen eines der wichtigsten Fort- dildungsinittel für den, der über die Bildungsstufe der Schule hinaus ivill. Sie als solche Bildungsmittcl noch tauglicher und geeigneter zu mache», ist die Arbeit zahlreicher Männer, unter denen Lichlwarck und Theodor Volbehr, jener»i Hamburg, dieser in Magdeburg wirkend, besonders genannt seien. Selbstverständlich gibt cS auch recht viele Museen, die ihre volkspädagogischc Arbeit und Aufgabe anderen Prinzipien unterordnen, indem sie lediglich an den Fachmann denken, sich nur in den Dienst der Gelehrsainkeit stellen und nur dein zünftige» Historiker oder Naturwissenschaftler etwas bieten. Solche Museen— und leider gehören z» ihnen die meisten Berliner Museen— erfüllen ihre Aufgabe schlecht. Das Museum soll seilt eine öffentliche Sammlung, und das bedeutet nicht nur, daß cS allen Bürgern ohne Entgelt offen steht (was heilte auch nicht einmal mehr unbedingt der Fall ist!), son- der» vor allem auch, daß eS für die Allgemeinheit von Nutzen ist, daß es in ihrem Interesse verwaltet und geleitet wird! Denn lcdig- lich unter dieser Voraussetzung darf der Staat von allen seinen Angehörigen Summen zur Verwaltung und Vergrößerung der Museen einfordern, und sicher nur unter dieser Voraussetzung bewilligen die Volksvertretungen jene Summen. Werden diese dann aber so ver- wendet, daß eigentlich nur der Fachmann einen Nutzen davon hat, Jo muß man von einer verkehrten und tadelnswerten Zerlvendung sprechen. Denn der Fachmann niacht, um welches Gebiet imnier es sich handele, doch nur einen recht geringen, ja verschwindenden Prozentsatz des Volkes a»sl Die Wissenschaft ist etwas sehr verehrungswnrdigeS und wertvolle?, und keineswegs Sud unsere Ausführungen gegen sie gerichtet, aber Wissenschaft ist och nicht das Höchste im Leben der Gesamtheit l Höher als der Vorteil der Wissenschaft steht nnbediitgt der allgemeine Nutzen. Um ein Beispiel zu nennen: es ist nicht richtig, in einem Museum die Sammlitugen so anzuordnen, daß sie zivar dem Gelehrte» die Ucbcrsicht, den Vergleich und die Bearbeitung erleichtern, aber den bildungsuchcndcn Nichlfachmanne nur ermüden, langweilen und vertreiben. Der Fachmann, der ein spezielles Gebiet bearbeiten will, h a t nun einmal Mühsal, sich sein Material zusammen- suchen zu müssen. Das gehört zi> seiner Arbeit. Die Allgemein- heit Ivird ihm dabei keine Steine in den Weg letzen, im Gegenteil, sie Ivird ihn gern unterstützen. Aber das kann nicht so Iveit gehen, nun das ganze vielfältige Leben nach dem Gesichtspunkte einzn- richte»:„wie wäre es für den Gelehrten am übersichtlichsten?" Rehmen wir an, es handele sich um einen Kunsthistoriker. Richtet man ihm alle Gemälde- und Ekulpturensaininlungen nach fach» wissenschaftlichen Gesichtspnnkten ein— d. h. so, daß sie der All- gemeiiiheit wenig bedeuten I—, so Ivird ihm damit gewiß ein Teil seiner Mühen abgenommen oder erleichtert, aber cininal ist dieser Teil der Mühen im Vergleich zu de» sonstigen so nubedeutend, baß ein einsichtiger Kunsthistoriker wohl freitvillig auf ihn Verzicht leisten ivird, zweitens aber würde ein Kunsthistoriker, der die fach- wissenschaftliche Anordnung der Museen, trotz der damit verbun- denen Benachteiligung der Publituiilsinteressen, nach wie vor für sein gutes Recht hielte, schließlich auch noch verlangen können, niaii solle alle Rathäuser, alle Kirchen, alle Burgen Deutschlands, nach Jahrhunderten, nach den Künstlern und nach ihrem Charakter gc- ordnet, neu aufstellen. Das ist faktisch nicht gut möglich, und in- !o f e r n wäre diese Forderung allerdings unsinnig, aber prinzipiell st sie genau so bercchiigt wie die Forderung einer Ordnung der Museen nach sachwisscnschastlichcn Gesichtspunkicn, d. h. beide sind unberechtigt I Es könnte in Erstaunen versetzen, noch heutigen Tages so rück- ständigen Auffassungen von den Aufgaben und Zielen eines Mu- senms zu begegnen, zumal daS Museum doch schon aus eine viele Jahrhunderte lange Eniwickelungsgeschichte zurückblickt, lvenn nicht eine nähere Einsicht in eben diese Eniwickelungsgeschichte lehrte, daß ein Museum ursprünglich etwas durchaus anderes war, als was wir heute darunter verstehen. Wir haben oben ausgeführt» daß das moderne Museum eine Volksbilduugsstätte ist. Nun, in seine» Anfängen war oa? Museum alles andere, nur nicht dieses I Sowohl das Museum, daS Ptolemäus ThiladelphoS, der 284— 2J8 v. Chr. König von Aegypten war, in Alexandria errichtete, wie das Museum des Medizeers Cosimo I., das dieser um die Mitte deS 15. Jahrhunderts in Florenz einrichtete, und das den Grundstock der heutigen hochberühmte» Ufficien-Galerie ausmacht, ivaren Privatsammlungen zur Befriedigung der Luxusbedürsnisse cineS Einzelnen. Eine Angelegenheit des privaten Luxus, das ist das Museum seiner Entstehung nach, und ist cS durch lange Genera- tionen auch geblieben. Fast alle die großen Sammlunge» des Kon- tinentes— es kommen hierfür in erster Linie K n n st sammlungen und Antiquitäten sammlungen in Betracht— gehen in ihrem Ursprung zurück auf die Wunderkammern, ans die Schatzhänser und Kunstkabinette früherer Fürsten. Irgendein Gedanke an öffentliche Kunstpflege war bei ihrer Errichtung nicht wirksam gewesen. Dieser Begriff der öffentlichen Kunst pflege taucht erst sehr spät auf— im Beginne des 19. Jahrhunderts. Die Sammlungen der National Gallery zu London und die Berliner Museen verdanken ihre Entstehung nicht mehr der Prunksucht der Fürsten, sondern sind von vornherein als öffentliche Samm» l n n g e n, als Volksbildungsstätten beabsichtigt. Die Berliner Mu- sec» gehen in das Jahr 1823 zurück, die Londoner National Gallery ist etwas älter. Dagegen sind die in weit frühere Zeiten zurück- gehenden Galerien des Louvre zu Paris, der Pinakothek zu Mün- chen, der Gemäldegalerie zu Dresden, des Prado zu Madrid, deS Pitti und der Ufficien zu Florenz ihrem Ursprünge nach fürstliche Privatsammlungen gewesen. Ihre U m w a n d l u:i g in öffentliche Kunstsammlungen war ebenfalls ein Sieg des Gedankens einer öffentlichen Kunstpflege I Diese Umwandlung erfolgte nun nicht plötzlich, vielmehr waren diese älteren Galerien in beschränktem Maße auch schon früher zugänglich gewesen, und der Uebcrgang von Privatsammlung zum öffentlichen Museum war auch insofern kein plötzlicher, als in Berlin zum Grundstock der Museen ebenfalls älterer Besitz der Hohenzollern genommen werden konnte, wobei freilich leider der wertvollste Teil dieses Besitzes, die Gemälde des Antoine Watteau, die der Stolz Friedrichs II. gewesen waren, im Schlosse zu Berlin verblieb, da der mit der Ausmusterung der Königlichen Schlösser beauftragte Sachverständige den hohen Rang Waiteaus, der damals nicht„modern" war, nicht erkannte. Jedenfalls kann man von den Museen als von VolksbildungS- statten erst seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts sprechen. Gar so lang ist also die Geschichte des modernen Museums noch nicht, und es ist schließlich nicht so erstaunlich, wenn dieses moderne Museum noch nicht den denkbar höchsten Grad seiner Vollkommcnlieit erreicht hat. Freuen darf man sich immerhin über die Ausbreitung und Vertiefung, die der Gedanke einer öffentlichen Kunstpflege ge- funden Hai. Neben den Staat sind die Städte init öffentlichen Museen hervorgetreten: Leipzig, Hamburg, Bremen, Magdeburg, Mannheim, Berlin, Stettin u. a. Einige von ihnen leisten sogar das Beste, was heute auf dem Gebiete der ernst genommenen Knnstpflege geschieht. Ganz besonders verdient der streng durch- dachte und originell aufgebaute Versuch V o l b e h r S in Magde- bürg das stärkste Interesse. Woran liegt es nun, wenn so viele Museen ihrer Aufgabe noch nicht gerecht werden, wenn sie in Verkennung ihrer wirklichen Rolle einseitig die Interessen des Fachmannes vertreten, wie bei- spielsweise die Berliner Sammlungen, die wir doch oben gerade als eines der ersten Museen kennen lernten, denen bei ihrer Grün- dung der Gedanke einer öffentlichen Kunfipflege zugrunde lag? Das hängt zusammen mit der Frage, wer zur Leitung eines Museums am meisten berufen sei. Der erste Museumsdirektor war überall der adlige Hofmauu, der kavaliermäßige Dilcüant, was nach dem oben Gesagten nicht wundernimmt, um so weniger, als ja an den Hoftheatern noch heutigen Tages der Intendant zu- meist ein höfischer Dilettant ist. Ihn löste der Künstler ab. Nach- dem sich aber herausgestellt hatte, daß der Künstler, je mehr er als produktiver Künstler von Rang ist, als verwaltender Galeriedirektor um so weniger brauchbar ist, trat der Kunst h i st o r i k e r, der Kunst- Wissenschaftler an seine Stelle, und so muß zugegeben wer- den, daß der Kunsthistoriker sich um die Durchforschung, die Ver- waltung der Museen recht bedeutende Verdienste erworben hat. ES verdient bcachict zu werden, daß alle die Museumsdirektoren, die heute Wertvolles und Fruchtbares leisten und die es verstanden haben, das Volk für ihre Arbeit zu interessieren, wie Volbehr, Lichtwark, Pauli, von Haus ans Kunsthistoriker sind, und daß auf der anderen Seile kaum ein einziges Museum unter einem Künstler- direktor das allgemeine Publikum zu fesseln vermochie. Rein erfahrungsgemäß hat sich bisher der Kunsthistoriker tat- sächlich als der beste Muscumsdirektor erwiesen; aber beileibe nicht jeder Kunsthistoriker, der ein Museum zu leiten hat. Ja, man muß, wenn man die besten unserer Museumsleitungen betrachtet, •-i.... 4-Ä'-r- vs•■a...g»d.&v a»&&**■ sagen, batz am glücklichsten der Kunsthistoriker zu sein scheint, der nicht nur Kunsthistoriker ist, der vielmehr mich unmittelbar und intensiv Kunst zu erleben weist, wofür man eis Beispiel Hugo v. Tschudi anführen darf. Der prodnttioe Künstler wird im allgemeinen keine Lust zu Berwaltungsdingen haben, der reine Kunsthistoriker wird dewustt oder unbcwustt nur für den Fach. gelehrten arbeiten— am willkommensten ist eine Mischmig beider, zu der als drittes Element eine starke Dosis pädagogiichcr Bc- gabung kommen must. Dr. Adolf Bruno. Kleines§em!ietsn. WcltriUfel dcS Kindes. Der Schweizer Dichter Karl Spitteler gibt seine Kindheitserlebnisse in den Süddeutschen Monatsheften wieder(die solche Selbstbekenntnisse besonders pflegen). Wie er das graste Staunen und Fragen der- Kindes bor neuen Erfahrungen erlebt, ist besonders anschaulich und bildhaft geschildert: In schwarzer Nacht toecktcu mich grausige Töne: ein schauriges Gemisch von Schnaube», Röcheln und Stöhnen, als ob ein llnge- Heuer in der Schlafstube wäre. Auf meincu angstvollen.Klageruf hörte der Greuel plötzlich auf, statt dessen erscholl aus der nämlichen Ziminerecke die gütige Stimme meines VaicrS: ich solle nur ruhig weiter,'chlafen, tröstete er, er werde fortan nicht mehr schnarchen. Also„schnarchen" nennt man scheints diese fürchterlichen Töne, nud Papa war es gewesen, der„schnarchte". Beruhigt wollte ich weiter schlafen, da fing es von neuem an, noch grästlichcr als früher. Und vbschon ich jetzt wußte, das, cS kein Ungeheuer war, mußte ich mich doch wieder fürchten, es klang zu bedrohlich. Wozu„schnarchte" denn eigentlich Papa? Rätsell So ging es die ganze Nacht weiter, abwechselnd zwischen„Schnarchen", Hilferuf und Trost rede. Am Morgen beim Kaffcclrinkcn starrie ich meinem Baicr scheu und mißtrauisch ins Gesicht, besorgend, er werde plötzlich wieder zu„schnarchen anfangen. Doch nein, nicht int mindesten. Freundlich, gütig, lachend wie früher. Da kitzelte die Gescheitheit meine Nase. Er„schnarcht" nicht am Tage. Am Tage ist er sanft, bloß in der Nachi wird er zornig. Aber warum wird er denn in der Nacht zornig? Rätselt Nach beendigtem Frühstück rief mich Agathe ins Schläfst üuchen zurück.„Sich einmal, waZ ich in Deines BaterS Bett gefunden habe." Oh freudige Ueberraschung! Ein großes schwarzes Panzertier mit einem Rüssel und unsinnig langen Beinen.„Ein Käser" erläuterte Agathe. Hierauf vcrjoünschie sie den Käfer, schüttelte ihn ans den Boden und trat ihn tot. Schade um ihn! Und»n- begreiflich von ihr! Kann es den» eitvas willkommeneres geben, als wenn die Tiere, statt daß man sie in den Bilderbüchern oder an Großvaters Hügel suchen must. einem von selber freiwillig ins HanS kommen? Käfer in den Beilen, Schnecken auf dem Sofa, Molche im Waschbecken, wäre das nicht ein Festvergnugen? Aber eine schwierige Frage beschäftigte meine Gedanken: Wieso geschieht e?, dast, weil Papa in der Stacht„geschnarcht" hat, nachher am Morgen ein Käfer in seinem Bett liegt? Rätselt Das nächste Mal, dast Papa wieder„schnarchte", suchte ich am Morgen in freudiger Erwartung nach dem Käser. Aber oh Eni- täuschungl keiner dal Und auch in der Folge nie einer mehr. Warum kam nur das erste Mal ein Käfer? Rätsel! Eines Morgens, als wir aufstanden, war die Straße wie ein See, und alles was in Erostvaters Matte wuchs, lag wie gestampft ans dem Boden! Einzig ein Kornfeld stand aufrecht, aber schief; uno durch das Kornfeld liefen weite Gassen. Meine Eltern standen am Fenster und redeten von Schaden und Verwüstung, von Donner und Blitz. Ach aber merkte, wer das getan hatte: der Kuckuck. Ter war tn der Nacht heimlich ans dem Walde durch die Matte geflogen; man sieht ja noch die Gassen, durch die er gekommen ist. Wie aber brachte es der Kuckuck zustande, mit seinen kleinen Flügeln solch einen elefantcmnästigcn Unfug zu stiften? Rätsel! Altertumskiinde. Der Ursprung de? M i n o t a n r u S. Die Ausgrabuligen in Kreta stellen unter dem Vielen, waZ die Archäologie im letzten Jahrzehnt an? Tageslicht gezogen hat. wohl das erstaunlichste dar. Nicht nur das hohe Alter, sondern auch die künstlerische Entwickelung und Mannigfaltigkeit der kretischen Altertümer haben die Begriffe von der ältesten Geschichte der griechischen Kultur von Grund aus umgestaltet. Der Mann, der zu diesen Errungenschaften ain meisten mitgewirkt hat, ist der englische Altertumsforscher Artnr EvanS, der 1-lsi in einem Vortrag, der alljährlich zum Gedächtnis von Huxlcy in der Universität Birmingham veransialiet wird, Gelegenheit gc- nommcn hat, die gesamte nenerlvorbene Kenntnis über das Zeitalter de? sagenumwobenen Königs MinoS von Kreta zu geben. Während bis dahin die von Schliemann in Mykenä aufgedeckten Reste als die älteste vorgeschichiliche Zivilisation ans griechischem Bo<-en gegolten hatten, wurden sie durch die kretischen Funde als slachtommlinge einer weit älteren Kultur gekennzeichnet, die auf der Mvz Jvsel des Aegiiischen Meeres bereits einen hohen Grad der Reise erlangt hatte. Nach dem Vorschlage von Evans wird diese Stufe o.-Z Minoische Kultur bezeichnet, da der Name des Königs Mino-.' durch die Ucüerliefernng in die Mitte gerückt worden ist, Er war mcht nur der erste Gesetzgeber, ein kretischer Moses. t er die Gesetze auf dem Berge von der Gottheit in «erantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlags Empfang nahm, sondern auch der erste Patron der Künste, der de» berühmten Varnncister und Ingenieur DädaluS de» schästigte; endlich auch ein mächtiger Herrscher, der zum ersten- mal eine einheitliche Seemacht über das umgebende Jiiselnieer einschließlich der benachbarten griechischen Gestade zusammenschtveißte. Nach der Sage stand sein Königspalast in Knoffu-Z und war in seiner iüustleriscben Bauart und in seinent Schmuck ein Zengins der hohen Kultur, die unter diesem Fürsten ihre Blüte erreichte. Das berühmteste Märchen jener Zeit, vom Labyrinth und vom Minolanrus, ist nach der Meinung von EvanS eine boshafte Er- findung der Athener, die damals Ilntertanen von Kreta tvaren, und zivar sicher in iveit buchstäblicherem Sinne, als etwa heute Kreta zum griechischen Staat gerechnet wird. Sonderlich sanft mag Mino» die Zügel seiner Herrschaft nicht geführt haben, vielmehr ist anzunehmen, daß sich unter den Tributeii, die er den Athenern auferlegte, auch recht harte Fordermigeu waren. Sicher haben sich diese auch auf die Llefcrung von Meuschenmatcrial erstreckt, aber doch wohl in anderer Slrt, als es jene Sage darstellt. Die athenischen Jünglinge, die angeblich dem Minolanrus zum Fraß überliefert wurde», dienten vielleicht dazu, eine Ausbildung als Matadore für Stiergescchte zu erhallen, und da mögen Ivohl öfters Unglücksfälle eingetreten fem, deren eigentlicher Ausgang von dem Bericht der Sage nicht allzu iveit verschieden gewesen ist. Was vou den Wnnderbautc» des Labyrinths und des Königs- palasts tatsächlich vorhanden gewesen ist, konnten erst die Aus« zrabungen feststellen, und sie haben alle Erwartungen nicht nur er- füllt, sondern weit iibertrofseii. Der Spaten Hai den KöirigSpalast anszedcckl und bewiesen, daß die Großartigkeit dieses Baues voir der Ueberliefernng keineswegs übertrieben worden ist. DaS Labyrinth freilich hat sich eine arge Wandlung gefallen lassen müssen. AuS dein künstlich ersonnenen Gebäude mit seinem Gewirr von Gemächern, aus denen schließlich erst der Ariadnefaden einen Ausgang wie-?, hat sich ein friedlicher Schlupsivinkel für Priester entpuppt, der in mancher Hinsicht eine modernere Eiiirichtnng besaß, als sie daS spätere Ilasjische Griechenland hervorzubringen verstand. Die Friese, die an den Haupteingängen angebracht waren, haben da? meiste dazu getan, die alte Sage aufzuklären. Besonder« wichtig sind die mächtigen Reliefs, die das nach dem Meer zu ge- lcgcne Tor schmückten. Ans diesen sind Stierkämpfe dargestellt, und zwar werden gefangene Kinder beider Geschlechter herzugelührt, um an diesem gefährlichen Sport teilzunehmen. Die alten Griechen sind also einigermaßen zu entschuldigen, wenn sie ans diesen Schicksalen die Sage vom MinotanruS schufen. Die ganze minoische Kultur zeigt in wundervoller Vollkommenheit den Uebcrgang von der älteren Steinzeit bis zum Beginn der Eisenzeit und umfaßt einen Ab- schnitt von etwa 2200 Jahren, nämlich von etwa Ltvv bis 1200 v. Chr. Kuktnrgefchichtliches. Irrtümer der Wissenschaft. Der berühmte Plinin« gibt in seiner Naturgeschichte eine Anleitung, daß man Trunken- boldc kurieren könne, indem man ihnen drei Tage lang Wein zu trinken gibt, in den man die Eier von Nachtenlen gelegt bat. Kircher, der im 17. Jahrhundert zu den angesehensten Ge- lehrten gehörte, gibt zur Erzeugung von Schlangen folgendes Rezept:„Nimm eine Schlange von irgend einer beliebigen Art, röste sie, schneide sie in kleine Stücke und säe sie in einen fetten Boden. Hierauf besprenge sie von Tag zu Tag leicht mit Wasser au» einem Topfe, wobei darauf zu achten ist, daß das Stück Land der Frühlingssonne ausgesetzt sei. In acht Tagen wird man die Erde mit kleinen Würmern bestreut sehen, tvelche, wenn man sie mit Milch, die mit Wasser verdünnt werden, ernährt, allmählig an Größe zunehmen, bis sie die Gestalt von vollkommenen Schlau- gen erreichen. Eine berühmte, im Jahre 1000 in Paris erschienene Natur- geschichte von Claude Durct berichtet von Bäumen, welche lebende und fliegende Enten als Früchte hervorbrächten. Früher seien diese Bäume aus Schottland gediehen, während sie nach Ansicht Claude Durets später nur noch auf den Orkaden vorkämen. Die Enten, die diese Bäume hervorbrächten, fielen im Zustande de» Sterbens von ihnen ab. Wenn sie auf die Erde fielen, blieben sie tot, im Wasser aber erholten sie sich wieder und flögen davon. Bei Begründung der Berliner Akademie der Wissenschaften durch Friedrich Wilhelm l. im Jahre 1700 wurden in der Bs- stallung der Präsident aufgefordert:„Derselbe solle das Mögliche dazu beitragen, die Wärwölfe. Bcrgmännlein, Drachenlinder, Nix« und Irrwische auszurotten und für jede» Stück, das er In Seen, Pfützen, Morästen, Höhlen oder Gruben anffäiide, sechs Taler erhalten. Auch solle er von jedem verzauberten Schatz, den er hebe, den vierten Teil erhalten". Ein deutscher Gelebrter, namens Behringer, Professor in Würzburg, veröffentlichte 1720 eine„Lithographia Wircebur- gensis" niit Kupferstichen aus seiner Sammlung, unier denen die Abbildungen von„bersteinerien Sonnenstrahlen" und„versteiner- ten Spinnengeweben", die der Gelehrte in der Umgebung von Würzburg zu finden geglaubt hatte, enthalten sind. Von der Universität Segnenza in Spanien aber wurde Im Jahre 17üö die Preisfrage erlassen:„Ist es, um recht gesund zu werden, besser, wenn man beim Beschneiden der Nägel mit der rechten Hand beginnt oder mit der linken? Und soll man mit dem Daumen anfangen oder mit dem kleinen Finger?" Vorwärts Buchdruckern ü.BerlagSanstaltPaul Singer ScCo., Berlin SVl.