Unterhaltungsbtatt öes vorwärts Nr. 9. Mittwoch, den 14. Januar.">4 Das Aktifihlein Matthias. 6] E r z n h l u il g von P n u l I l g. „Ist das der Dank für alles, was ich an Dir aetan habe? Tu willst ihn also won uns wegnehmen nnd lieber wild- fremden Menschen überlassen?" fragte die Angehrin mit ge- brochener Stimme, ganz zerschmettert von dem unerwarteten Schlag. Es hals nichts mehr, als Brigitte gerührt, renmütig zn beschönigen suchte. Wie ein mit Del begossener Holzstos; flammte das gereizte Weib auf. Sie flies; die Schwester roh beiseite, ris; die Tnr ans und schrie wie besessen hinaus: „Komm herein, Konrad,'s gibt Neuigkeiten! Was gilt's, Dn wirst Augen machen!" Ter Mann kam jedoch zu spät, um das Schlimmste zn verhindern. Ehe er die brennende Pfeife versorgen konnte, hatte die Verstörte sich schon ans die Schwester geworfen, an der sie jetzt ihren jahrealten Hast unbarmherzig ausliest. Sie schlug der in Todesblässe Zitternden den schmutzigen Lappen ins Gesicht, bewarf sie mit wüsten Namen und klagte sie an, durch ihr Lasterleben die Mutter ins Grab gebracht zu haben. „Und den Matthias bekommst Tu nicht, sag' ich. Das wollen wir erst noch abwarten. Ich lauf' zum Pfarrer, anfS Vormundschaftsgericht. So einer, die sich selbst nicht in Zucht hat, lästt man kein Kind zum Aufziehen. Das ist Rechtens, und ich setz' es durch!" Es waren Leute drausten, die ungeduldig„Wirtschaft" riefen, auch die Kinder kamen ängstlich unter die Türe ge- sprungen und sahen den Vater wie einen Prellbock Mischen den rasenden Schwestern stehen. Matthias hielt noch einen Pinsel in der Hand: beim Anblick der bedrohten Mutter warf er ihn fort und hing sich ansschreicnd an ihre.Kleider. „Komm Dn, fort aus dieser Mördcrhöhle. Wir packen auf der Stelle Deine Sachen zusammen. Es ist höchste Zeit!" rief Brigitte, seine Hand erfassend, indes die Basgotte seinen linken Arm packte. Eine Weile wurde er gleich einer Stroh- puppe hin und her gerissen, bis es der Angehrin gelang, mit dem Kleinen in die Kammer zu entweichen und sich einzu- fchliesten. So laut er noch konnte vor schluchzendem Weh, rief er um Hilfe:„Ich will mit der Mutter! Tu mir auf, Vettergötti!" Die grimme Kerkermeisterin fast wie gelähmt auf dem Bettrand und liest den Gefangenen unbehindert an der Tür rütteln, soviel er nur mochte. In der Stube war ein viel- stimmiges Geschrei, und der Graste schlug von drausten ans Kammerscnster:„So gib ihn doch heraus, Mutter. Wir wollen ihn nicht inehr. Gib ihn heraus!" Sie tat, als höre und sehe sie nichts mehr. Nachdem auch der Mann eine geschlagene Viertelstunde umsonst mit dem verstockten Weib parlamenticrt hatte, sagte er leise zn seiner Schwägerin:„Geh Du jetzt, es ist besser. Das Bürschlein bring' ich Dir nächstens hinunter oder ich will keine gute Stund' mehr haben. Verlast Dich drauf!" Also miisttc sich die innen und allsten zerzauste Brigitte Böhi, das vielbcgcbrte Musterfräulein, ebenfalls aufmachen, noch tiefer gedemütigt als der Mann, den sie eben noch stolz, mit grostcr Genugtuung heimgeschickt hatte. Sie sagte kein Wort mehr, so sehr ihr ein gerechter Zorn in der Seele brannte, denn sie hörte das Wimmern ihres Kindes und wollte verhüten, das; der Schwester Hast sich ans die arme kleine Un- schuld entlade. „Hilf Gott, das; ich ihn gesund wiedersehe, so will ich ihn nie mehr von mir lassen!" blickte sie flehend znm Himmel auf, als sie die traurige Hütte verliest. 3. I n d e r B l e i ch e. Ain vierten Tag nach seinem Einzug in Trenstadt ent- schlost sich Matthias schweren Herzens, den Beobachtnngsposten am Fenster der mütterlichen Stube, wo ihm die Zeit bitter lang wurde, zn verlassen und sein Glück auf der Strastc, unter anderen Kindern zu suchen. Sein Empfehlungsbrief war ein Säcklein mit bunten Murmeln und Glaskugeln, das ihm die Mutter heimbrachte, dannt er sich nicht als Bettler einzu- schleichen brauche. Lange stemmte er sich mit Händen und Fristen dagegen; die flinken Stadtbuben flvstten ihm schon von weitem Respekt und Misttranen ein. Aber Brigitte Böhi ahnte die wachsende Not seiner Einsamkeit in den Stun- den, die sie im Geschäft verbringen mnstte, und tat deshalb alles, um seine Furcht vor der Gasse, dem Ungeheuer„Stadt", zu bekämpfen. An diesem Morgen, nachdem sie ihn mit Schokolade und Eierwecken tüchtig eingeheizt hatte, nahm sie den zimperlichen Gast fast gcwallfam mit hinaus und hielt dann sorglich Um» schau nach artigen.Knaben, denen sie den teuren Schatz an- vertrauen durfte. Tic Sonne war schon lange ans, als Mutter und Sohn ins Freie kamen: sie hatte auch das rege Gassen- Völklein des Arbeiterviertels wie mit Trommelwirbeln hinansgclockt. Auf Treppenstufen, in Gräben und Pfützen, im Gras, im Strastenstanb trieb es sein zwischen Krieg und Frieden rasch wechselndes Gewerbe. Matthias' Einstand geschah mit Hilfe etlicher„Fünfer", welche die Mutter freigebig verteilte, wobei sie die Buben er- mahnte, doch ja recht säuberlich mit ihrem Söhnchen umzu- gehen. Er trug noch das braune Aelplergewand, nur die neuen Schuhe sowie ein Filzhut mit Pfauenfeder verliehen ihm städtischen Glanz. Doch seine Zaghaftigkeit stimmte damit nicht überein und die erkauften Gespielen waren sich bald einig, den Tolpatsch nach Noten zu schröpfen. Fn weniger als einer Stunde hatte das freche Gesindel ihm mit ungcahn- ten Listen und Fingerfertigkeiten alles abgenommen, was nicht niet- und nagelfest war, und der Verwegenste unter den jungen Banditen rist ihm zuletzt gar das prächtige Pfauen- ange vom Hut, ohne sich um das Geheul des Beraubten zn kümmern. Diesem half es wenig, das; er mit seinem starken Vetter Konrad drohte; den konnte er fernerhin nickst mehr zur Hilfe rufen, wenn er rn Bedrängnis geriet. Schon kam es Matthias ganz eigen vor, wie wenig das Leben da unten den Erwartungen entsprach, die ihn aus dem Berg so hoch und heilig erfüllt hatten. Was sollte er nun beginnen? Am liebsten wäre er wohl zum Hasen hinnntergewandert, wo die Dampfschiffe ankamen. Da gab es in einer Stunde mehr zn sehen als daheim zwischen Morgen und Abend. Allein dazu hätte er die inständige Bitte der Mutter, nicht ohne sie ans Wasser zu gehen, leicht- fertig in den Wind schlagen müssen. So blieben ihm für die langen Zwischenzeiten nur geringe Zerstrauiugen: der Ausblick vom Fenster, einige Bücher, der Maltasten und eine alte, schnupfende Logisfrau, die er verabscheute. Dn das groste MiethauS am Ende der Stadt, zu Füsten des Rostbühls lag, konnte er wenigstens über die Dächer hinwegsehen, sogar die Höhe von Guggisau ausfindig machen. Nur der Gupf blieb seinen Blicken verborgen, worüber er schier traurig war. Halb llilbewustt sehnte er sich nach seinen Quälgeistern zurück. Kou- rad, Marie, Frida gingen jetzt alle Tage in die Erdbeeren, ausgerüstet mit üppigen Schnitten Zimtbutterbrot und einem dickbäuchigen Mostkrng. Das war für die dort oben die schönste Zeit des Jahres. Konrad kannte stundenweit ans und nieder alle ergiebigen Sammelplätze, und selten kamen sie heim, ohne den Achtpfundkorb bis an den Rand gefüllt zn haben. Die Ernte trug der Groste dann in den Gasthof„Zn den sieben Kurfürsten", wo er damit nicht nur hochwillkommen war, sondern auch einen rechtschaffenen Tagelohn erzielte. Da konnte sogar die Basgotte lachen, staunen und Lob ansteilen. Nein, denen fehlte nichts, dort oben ging es jetzt ordentlich hoch her. Immer wieder musttc Matthias daran denken, wie die Basgotte weinte und wetterte, als der Vettergötti mit ihm den Gupf verlies. Auster Konrad, der aus Zorn vorher dein Loch zu lief, hatten beim Abschied alle nasse Backen bekommen. Die kleine Frida fragte unverstellt, weitsichtig:„Gelt, Vater, er muß bald wieder zn uns und die Base Gritte auch!" denn sie bangte, der Matthias könnte cS unten viel zn gut haben und die Sonntagsbeschernng künftig ausbleiben. Dieser vierte Tag seines Stadtbürgertnms brachte jedoch einen bedeutenden Umschwung. Trauer und Einsamkeit schauten ihm zu den Augen heraus, als die Mutter ihn mittags begrüßte. Sie wollte zuerst unbekümmert erscheinen, sich ein- reden, daß des Knaben Gedrücktheit nur eine vorübergehende klimatische Ursache habe. Gleichwohl konnte sie eine anders 1 lautende Frage nicht unterlassen:„Hast Tu schon Heimweh noch bcin(MuH? Möchtest vielleicht lieber wieder bei denen drnben sein?" Tos Unerwartete geschah. Matthias verriet seinen Zu- stand durch einen jähen Schinerzenserguh, woraus Brigitte Böhis falsche Munterkeit schnell einer wahrhastigen Be- stürznng wich. Es wurde ihr slocknbel ums Her�. sie mochte nichts essen und noch weniger daran denken, das Kind wieder allein zn lassen. Ihre mütterliche Ohnmacht verdunkelte alles und brachte sie fast um den Verstand. Ohne Worte schrie es aus der gepreßten Brust:„Gott im Himmel, was soll ich an- sangen?" Hatte sie wirklich schlecht daran getan, der Ver- bannung ihres Kindes ein Ende machen? So teuer war guter Rat selbst damals nicht gewesen, als sie, ein blutjunges Ding, mit der unheimlich wachsenden Bürde unterm Herzen zn ihren Eltern kam und der Vater den Stuhl gegen sie auf- hob, ihr verinatedeiend die Türe wies. Sie hatte sich selbst lauge vor den anderen mit dem Gefühl unauslöschlicher Schande verzweifelt hingeschleppt und in Gedanken manchen kühlen Grund aufgesucht, um dem Elend zu entrinnen. Aber die Mutter trat ihr erbarmend zur Seite, half ihr das Schwere geduldig tragen, und zuleht wuchs das verwünschte Frücht- lein nech zum Trost der beiden?llten heran— besser gehegt, als manches Herrenkind. Heute jedoch stand Brigitte Böhi allein, ohne Helfer in der Not. Sie fühlte nur, das; Matthias jene zärtliche Liebe, die ihm bei den Großeltern zuteil wurde, zu seinem Gedeihen brauchte. Ter Sinn dafür schien ihm tief ins Herz gedrungen, weder mit Gleichmut noch mit Gewalt mehr auszutreiben. Wie der täglichen Nahrung bedurfte er dieser liebenden Sorg- salt, der die Schwester nun einmal nicht sähig war. Darüber hatte Brigitte in diesen Tagen tiefgründig nachgedacht und herausgefunden, daß nur sie allein ihm noch Führerin sein durfte. Mitten aus ihres Lebens Sommer und Eigenheit heraus sprach ein höherer Geist, der ihre Weibsgelüste zurück- warf und die Macht der Mutter verkündete... (Forts, folgt.) Sei Kap Horn. Von Hermann Hör n. Vierzeh» Tage war dieses große eiserne Vollschiff auf Tee. Es war zu tief in den Golf oon Biskaja geraten, und es gab schlechtes Wetter. Als sie die Obermarssegel festgemacht hatten, kam Philipp, ein alter Brummler langsam als Letzter die Wanten herunter, und der zweite Steuermann schrie ihm zu:„Ein bißchen fixer die Beine gebrauchen, Philipp, wir warten hier." Philipp machte einen Buckel, wackelte umher und brummte giftig etwas vor sich hin. Als er ganz heruntcn war, bemerkte der Leichtmatrose Karl, lvic der zweite Steuermann auf ihn losfuhr. „Was ist das" schrie er,„maulen Sie?" Philipp, ein Finne mit einem grauen Schnurrbart und einer roten Nase in bleichem Gesicht, sprang an Deck und meinte in seinem breiigen Deutsch:„Kann»ich schneller»tacken, Diäbele— geil»ich." Er bot kein schönes Bild, mit seinem Buckel und dem vorgebeugten Kopf mit den giftigen Augen. Das mochte auch der Steuermann denken, denn er schlug ihm plötzlich ins Gesicht. Einmal— noch einmal-- „Wat," machte Philipp erschrocken,«bin doch— ich bin doch ganz butten of de Raa Wesen--- de— letzte—" Aber der Zweite überschrie ihn:„Vorwärts— an die Brasse», Jungens, saßt den alten Döskopf!" Er kam auch an dem Leichtmairosen Karl vorbei, den er gut leiden mochte, weil er ein fixer Kerl war und achtbare Embfeh- lungen hatte. Aber der junge Mensch wich seinem Blick scheu aus und tat stumm seine Arbeit. „He," srug er Jan, den Holländer, den einzigen, der die vorige Reise auf dem Schiff gewesen war,„was i® das, schlägt der Steuermann die Leute?" „Ja," sagte der,„das hat er immer die letzte Reise." Als sie dann beim Essen waren, musterte Karl die acht Ma- troscn, die bei ihm auf der Wache waren. Sie aßen, kauten ihre Erbsen, und fchienen den Vorfall schon längst oergesf.'n zu haben. Er musterte sie finster und verächtlich. „Wat iS," machte Axel, ein anderer fchlvedifcher Finne, und der grüßte und stärkste von allen. „Nichts," erwiderte er kurz und abweisend, holte sich seine Pfeife hervor»nd ging an Deck. Er kldterle auf das flache Dach de? MonnschaftSraume?, >»o unter dem Vordermast eine gewaltige Schlepptrosse in großen Buchten lag. Darein verkroch er sich und blickte ans das erregte Meer, das hier auf der Leeseite seine flatternden Wellen oner vom Schiff wegsandte. Vom Wind geborgen, die-Sand über seiue Pfeife gehalten, rauchte er bor sich hin und kam nicht darüber hinweg, daß der Steuermann einen Matrosen, einen Mann und Menschen, i»S Gesicht geschlagen Italic, und die andern sich das hatten gefallen lassen, ohne ein Wort zn sagen. Einer der Jungen, der seine erste Reise machte, kam zu ihm. Das war ein roter, mit einem seinen Gesichtlei»» in dem zwei dunkle, braune Augen lebendig standen. Er hatte es nicht leicht hier an Bord. Der erste Steuermann, ein alter Schiffer, der sein Fahrzeug verloren hatte und hier als Erster fuhr, war sein Feind. Gleich am Anfang halte er ihm einen Besen i» die Hand gegeben, und da er kurz vorher Gyniiiasiast gewesen war, hatte er sich ungeschickt angestellt, wogegen der andere Junge, ein Hannoveraner und dicker Lümmel, die Sache verstand. Von da an behauptete der Erste, der rote Junge sei falsch erzogen und verfolgte ihn ais den Ausdruck einer verkehrten Weltan- schauung mit eifersüchtiger Abneigung. Der rote Junge hatte sein Bestes getan, um den Beifall des Ersten zn bekommen. Als aber nichts fruchten wollte, halte er ei» spöttisches Schuljungengesicht aufgesetzt und ließ sich von nun o» achselzuckend schlagen,»ud bekam ein dickes Fell. Wenn der Erste ihn nicht leiden konnte, so war dagegen nichts zu machen. So saßen die beiden nun zusammen, rauchten ihre Pfeifen und sahen über dir flatternden Wellen. „He," sagte der rote Junge,„der Erste ist besoffen. Er sitzt in seiner Kammer und deklamiert dem Hannoveraner den Trom- steter bon Säkkingen. lind wenn er ihn fragt:„Ist das nicht schön — is das ein Dichter— ," sagt der:„Ja— fein, oh wie sein — fein." „Ist das ein Schiff," sagte Kars,„wo der Steuermann Ma- trosen schlägt, und die Matrosen sich das gefallen lassen?— das hält' ans meinem letzten Schiff passieren sollen!— Die hätten den Zweiten über Bord geworfen!— Man tut seine Schuldigkeit, weil sich das gehört, und man nichts ist, wenn man nichts kann und tut! Aber die andern haben auch ihre Schuldigkeit zn tun, und die Mannschaft wie Menschen zn beHandel». Ich kann den Philipp gewiß nicht leiden, aber ich, wenn ich Matrose wäre, hatbs dem Zweiten anders gesagt, lind ich bin nur zwischen leicht und voll— aber wenn mich einer anrührt, kann er etwas erleben!" „Pah," erwiderte der Junge,„Du bist bald zwanzig und stark. Dir tut keiner was." „Ein Sklavenschiff ist'S," sagte der Leichtmatrose. Dann kletterte er hinab, um die freie Wache zu verschlafen. Zwei Jähre war er an Bord eines kleinen Schiffes gewesen. Da hatte die Mannschaft zu einander gehalten und sich zusammen- gelebt wie eine Familie. Ein Matrose war sein Freund gewesen. Ein Schleswig-Holsteiner mit blauen Augen und einem blonden Schnauzbart. Der hatte ihn sein Handwerk lieben gelernt, worauf man stolz sein mußte und lvas zu verachten war. Es waren einfache und klare Grundsätze, nach denen es sich gut und frei leben ließ, wenn man zugriff und sich in der Gewalt hatte. Sie hatten beide zusammengehalten und sich gegen die andern durch- gesetzt. Er dachte lauge an diesen Freund, bevor er einschlief, und es lvurde ihm grimmig klar, daß er hier niemand hatte, der zu ihm hielt. Der Grimm hatte sich noch tiefer in ihn versenkt, als sie nach zwei Monaten nach Kap Horn kamen. Er hatte Unruhe und Zorn in ihm gezeugt, der sich bald gegen die Steuerleute und den Ka- pitän, bald gegen die Mannschaft richtete. Aber er durfte nicht aus ihm, denn er war nur zwischen„leicht und voll". Das Wetter war seltsam im Anfang. DeS Morgens kam die Sonne aus rostbraunen Wolken über der fahlen See auf, düster und blauschwarz ragten die Falklandinseln aus dem Wasser, die Pinguinen schrien dem Tag entgegen und eine Wolke weißer Albatrosse umschtoärmte das Schiff. Aber Tag und Nacht wiegte sich der Schiffsrumpf trag auf dem Wasser, dir Massen des weißen Segeltuchs rieben sich unfruchtbar an den Wanten, und der Wind schlief so tief, daß das fast stillstehende Schiff bald hier bald dort- hin mit dem Vorderteile trieb. Der Kapitän kümmerte sich nicht darum. Er hatte eine Frau an Bord, bei der steckte er in der Kajüte. Aber der Erste und der Zweite hatte» Angst, der Wind könne plötzlich erwachen, und ließen den ganzen Tag herumbrassen nach einem Wind, den sie annahmen. Der Erste war hier mehr betrunken als sonst. In dieser Gegend sollte er einst sein Schiff verloren haben. Die Kohlen- ladung hatte sich ciitzündet, und sie hatten die Boote bestiegen, als die Lucken aufflogen und die Flammen dahinter her geschossen loare». Das trieb ihn umher. Zum Vergnügen ließ er den roten Jungen zwanzigmal den Mast aus und ab steigen, und dann zur Erholung eine Stunde aus der obersten Raa sitzen. Aus einmal erwachte der Wind und setzte mit einer Hagelbö ein. Das Schiff, das voll Geräusch und Unruhe gewesen war, krachte und zitterte, die schlappen Segeltüchcr füllten sich zu harten Rundungen, dann lag es mänschenstill, alle mastenhallcnden Stahl- — 35— taue wie unzahlige Sehnen gespannt im Kampf mit der Gewalt des Windes, der sein brausendes Lied zu singen begann. Eine Weite regierte er allein, aber dann fing das Meer an sich zn empören. Aufgeregt begann es weithin zn rauschen, sprühte in Weiher wütender Gischt und schlng sinnlos mit dröhnenden Schlägen gegen die widerstrebenden Eisenplatten des Schiffes. Ain nächsten Morgen war weithin das Meer in wilder Erregung. Aber wenn man still dagegen sah, erkannte man die Kraft des WindeS/der das Wasser bor sich her in tiefe und breite Wellen zwang. Sielig in gleicheil Zügen rollten sie dahin, der Gewalt gehorchend, die ans einem zitterigen, slimmcrnden Streifen am Horizont daherraste, und die sich ohne Widerstand in die endlose Weite verlor. Drehle sich der Wind ein wenig einer wilden, ver- borgciien Notwendigkeit gehorchend, kam Perwirrung in die Berg- güge des Wassers und die alte und die neue Ordnung schlugen gegeneinander. Zwei Schisse kamen ihnen entgegen. Sie staken tief in den graugrünen Wellenbergen, ihre obersten Masten starrten kahl mit den segeleutblötzien Nahen in die graue Lust»nd die paar Tegel, die unten beim Wasser standen, waren dunkelgrau vor Nässe. Bisweilen sah man jbas Wasser auf's Verdeck schlagen, einen Augenblick gierte das Schiff auf den Wellen hin»nd her, danil bohrte es sich wieder in's Wasser und sehte seinen Kurs fort. Die Mannschaft wuhtc, was nun vom Wetter zn halten ivar. Sie zogen dicke, wollene Hemden übereinander an, das Oclzeug darüber und banden die Öelhosen mit Bindfaden über die OcU ftiefel. Tag für Tag sUluden sie zusammengedrängt auf dem Achterdeck neben dem Steuerrad und lvandten doli Buckel dein Wind zu, der aus der lallen Wasserwüste des Eismeeres daherkam. Bon Zeit zu Zeit brachte er eine Bö mit Hagel, der prasselnd�gegen ihre Oelröckc und Snd-vester klatschte oder spritzte ihnen Sprüh- wasser in den Hals. Er kam schräg von Süden und drängte die Wellen ein lvenig von vorne und jedermann sah ei», daß nun bald die schweren Manöver begönnen. Sic muhten nach Westen rund um Kap Horn, und derselbe Wind, hatten sie es erst einmal umsegelt, hätte sie rasch in bessere Gegenden gebracht. Aber Wind und Wellen waren zu. schwer und sie muhten bei- drehen. Sie richteten den Schiffsschnabel gegen die Wellen, hingen z!ve> Oclbeutcl rechts und links ans und liehen sich langsam zurück- treiben. Sowie jedoch eine ilenie Möglichkeit erschien, setzten sie Segel und versuchten wieder ihren Kurs zn steuern, lind das ging nun so hin und her. In dieser Woche lagen die Leiilc stundenlang zähneknirschend mit dem Bauch auf den Rahen und suchten die nnförmigen Segclmassen festzumachen, die wie Eisenblech steif- gefroren waren; in der nächsten donnerte schon wieder der Wind in de» Segeltüchern, die sie mit Händen und Fähen von den Rahen hernnterstiehcn. lind toeim das Schiff beidrehte oder an den Wand gebracht wurde, muhten die Leute an den Brassen stehen, in der Tiefe des mittleren Schisses. Drehte sich das Schiff dann und versuchte dabei die Wellenberge zn überschreiten, dann begann der riesige Kasten zu rollen, wie ein schaukelnder Kahn, und plötzlich tauchte neben und über ihren Köpfen eine unheimliche, grüne Wand von Wasser auf und brach über sie herein. Es schloß sich über ihren Köpfen, das; sie einen bangen Augenblick nicht atmen konnten, rieselte am Halsabschluh des Oelrockcs am Ivarmen Körper her- unter und donnerte dann das Deck herüber und hinüber in weißer Gischt, wenn das Schiff sich stöhnend wieder aufrichtete, um nach der andern Seite hinüber zu schaukeln. Dann war zwischen den Verschanzungcu ein Meer jür sich, und wer sich nicht sesthielt, flog von einer Seite zur andern. Dem alten Philipp zerschlug es so das Bein, und der Hannoveranische Junge lag in der Koje und jammerte über seine Schulter. Am Ende zogen sie sich aus, um noch eine Spur von Trockenheit an ihren.Kleidern zu behalten und standen mit nacktem Leib und in leinenen Hosen barfuß bei der schweren Arbeit und liehen das Eiswasser über sich rinnen. Sie hielten sich gut, und Karl war der Besten einer und er- füllte wie ei» Habicht vorschießend unerbitterlich sein Stück Arbeit. So kam und ging der Mond, und das Unwetter lag noch immer schwer auf ihnen und wollte nicht»»eichen. Es zwang ihr Leben zu einem dumpfen, schweren Traum hernieder. VcrzlvciflungSvoll erhoben sie ihre Kräfte zu der schweren, unerträglichen Arbeit und sahen, bevor sie in ihre Kojen krochen, in ihrem nassen Raum. Das Wasser stand auf dem Fuß- boden, schwitzte an den Wänden herunter, feuchtet« ihre Decken und Kopfkissen und alles, was sie au sich hatten. Der Schlaf war spärlich, und wenn sie dampfend aus ihrem Lager hervorkrochen mit vor Erschöpfung stieren Augen und in ihre nassen Kleider und ihre Stiefel fuhren, die aufgeweicht wie nasses Papier waren, hatten sie nur seilen warmes Essen oder es war nur halb gar gekocht. Ein schäumender Brecher halte das Küchenhaus zur Hülste zerstört und der Koch, der ständig sluchte, behauptete, cr könne nicht mehr kochen. Seineitoegcn könnten sie ihn aus- hängen, ihm sei alles eins. Und cr zeigte ihnen seinen Arm, der von den glühenden Kohlen, die es aus dem Ofen geschleudert hatte, gräßlich verbrannt war. ..He." sagie Karl mit glühenden Augen, ob nicht des Kapitän? Stuart kochen könne, und der Koch den Stuart»lachen oder einer von den Jungen? Aber es verstand keiner was cr meinte und er schwieg ver- ächttich.(Schluß soigt.) Katterekoröe. Von Dr. Sigismund v. I c z c>v L k i. In den Tagen, da bei uns der Wnster seine volle Herrschast ausübt, dürfte eist kurzer ll eberblick Interesse bieten, welches die höchsten Kältegrade sind, die der Winter gewissermaßen alS„Rekord- lcistungen" in den verschiedenen Ländern zu bringen vermag und in welchem Maße es andererseits dem Menschen gelungen ist, mit der Natur in Wettbewerb zn treten und in das Reich der künstlichen Kälte einzudringen. Was zunächst die niedrigsten in Deutschland beobachteten Temperaturen betrifft, so betrug in Deutschland die größte Kälte, die dort seit dem Jahre 1848 zur Aufzeichnung gelangte,—LS Grad Eeljius; der Tag, an dem diese eintrat, war der 2-2. Januar 18B0. Die niedrigste Temperatur dagegen, die überhaupt in Berlin deob- achtet morden ist, liegt noch vier Grad tiefer. Der kälteste Tag iiäinlich, den Berlin erlebt hat. seitdem dvrt regelmäßige meteoro- logische Beobachtungen angestellt werden, der 28. Tezeniber 1788, brachte ein Minimum von—29 Grad Celsius. Die größte Kälte, die man jemals in Deutschland verzeichnet hat. wurde zn Bromberg beobachtet. Hier sank in dem kalten Januar des Jahres 18S0 des Thermometer auf 88,6 Grad Celsius unter Null. Im Westen unseres Erdteils dagegen.>vo das Meer seinen erwärmenden Einfluß geltend macht, kommen ähnliche Kältegrade nicht vor. Im Innern von England und Irland sinkt das Thermo- »leier selbst in den strengsten Wintern nicht unter— 11 bis—16 Grad. Ja in Balentia an der Südwestlüste Irlands, einem der weftfichstcn Punkte Europas, betrug das absolute Minimum der Temperatur bisher nur— 4,1 Grad. Auffallend niedrig künnte hiergegen die tiefste in Frankreich beobachtete Temperatur erscheinen, die mit—48 Grad Celsius noch 4 Grad unter dem Gefrierpunkt des Quecksilbers liegt; denn im allgemeinen gilt ja Frankreich als ein Land mit mildem Klima. Die Tatsache wird uns aber sofort berständlich, wenn wir erfahren, daß jene Zahl auf dem Gipfci deS Montblanc abgelesen worden ist. Im Flachlande sind die äußersten Kältegrade weit geringer; in Paris z. B. ist die Temperatur in neuerer Zeit nicht unter— 23,9 Grad gesunken. Wegen ihrer milden Winter rühmt man auch seit jeher die Länder ain Mittelmeer. Daß es aber auch im sonnigen Süden gc- legcnliich recht ungemütlich kalt werden kann, dürfte bieten Italien- reisenden ans eigener Erfahrung bekannt sein. In der Poebcnv treten noch Fröste von— 15 bis—18 Grad auf; selbst in Rom ist das Thermometer schon auf 8 Grad unter Null gefallen. Berüchtigt wegen ihrer Strenge sind dagegen die Winter Skandinaviens und Ruhlands. Im Innern von Schweden und Lapp- land kommen Fröste von— 40 bis— 45 Grad vor; im Nordosten Ruhlands kann das Thernioineter sogar bis zu 50 Grad unter Null sinken. Noch tiefere Temperaturen bringt aber der Winter im Norden Asiens. Tie furchtbare Kälte Sibiriens ist ja sprichwörtlich ge- worden. Schon in den westlichen Teilen dieses Landes hat man Temperaturen bis zu— 60 Grad gemessen. Die größten Kälte- grade aber, die jemals an einem Orte der Erdoberfläche beobachtet wurden, hat man in Ostsibirien angetroffen. Hier ist in dem Städtchen Wcrchojansk ein Minimum von— 69,8 Grad zur Aufzeichnung gelangt. Man hat deshalb die Umgegend dieses Ortes geradezu als den„Kältepol" der Erde bezeichnet. 60 bis 70 Grad unter Nullt Was das bedeutet, können wir, die wir solche Kältegrade nicht erlebt haben, uns nur schwer vor- stellen. Ein anschauliches Bild von der„feierlichen UnHeimlichkeit, welche unter der Herrschaft jener fürchterlichen Kältegrade' im Freien obwaltet," geben uns aber die Schilderungen von Personen, die den sibirischen Winter aus eigener Anschauung kennen gelernt haben. So schreibt der Reisende Middendorf:„Das Queck- silber ist längst zum festen Metall erstarrt und läßt sick zu Kugeln formen und schneiden und hämmern wie Blei, das Eisen wird spröde und Beile springen wie Glas; das Holz wird nach Maßgabe der in ihm enthaltenen Feuchtigkeit härter als Eisen und widersteht der Axt. so daß nur völlig trockncs Holz sich zum Fällen und Spalten hergibt.... Weit vernehmbar knarrt jeder Tritt im spröde ge- wordenen Schnee, hell krachend platzen mit mächtigen Schüssen ringsum die Bäume des Urwaldes, ihnen antwortet gleich dem Kanonendonner ferner Batterien ein dumpf nachiönendes unter- irdisches Knallen, das die Erde erschüttert. Dieses Knallen rührt vom Bersten der Eisdecken sowie vom Bersten des gefrorenen Bodens her. Man möchte nicht glauben, daß Pflanzen und Tiere eine so entsetzliche Wäruiemtziehung ungefährdet zu ertragen ver- mögen." Trotzdem hört man in Sibirien selbst wenig Klagen über die Unannehmlichkeiten dieser hohen Kältegrade. Gute Pelze für den Aufenthalt im Freien und Brennholz in den Wohnungen bieten genügenden Schutz. Auch der klare, fast wolkenlose Himmel und die fast völlige Windstille, die man während des Winters gerade in den kältesten Gebieten trifft, baffen die furchtbare Külte erträglicher tverdcn. So wird es erklärlich, das; nicht nur die Einwohner des Landes mit großer Liebe an ihrer Heimat bangen, sondern da häufig auch Europäer, die längere Zeit in Sibirien gelebt fiaben, eine Sehnsucht nach jenem Lande ergreift und sie zur Nücktehr beivcgt. Hinter den Kältcrekorden Sibiriens bleiben selbst die tiefsten Temperaturen der eigentlichen Polargebiete zurück. So beobachtete, um ein Beispiel anzuführen, Nansen auf der„Fram"-Expcditioa nur ein äußerstes Minimum von— 52,0 Grad Celsius. Auch in den arktischen Negionen Nordamerikas rnid im Norden von Grönland fällt da? Tbermoinetcr nicht unter— GO Grad. Auf seinem Zuge zum Südpol fand R o a l d A m u n d s e n als niedrigste Temperatur Grad Celsius. In den letzten Jahre« hat sich nun aber der Meteorologie ein nencs Forschungsgebiet eröffnet, in dem bereits überraschende Entdeckungen zu verzeichnen waren: das sind die höheren Schichten der Atmosphäre. ES ist geglückt, kleine, niit selbstrcgistrierenden Beobachtungsinstrunientcn ausgerüstete Luftballons bis zu Höhen von fast 40 Kilometer über die Erdoberfläche cmporzuscudcn. Dabei konnte man auch in den oberen Regionen de? Luftniceres außer- ordentlich niedrige Temperaturen feststellen. Vor einigen Jahren ist eS zwei deutschen Meteorologen, Professor B e r s o n und Dr. Elias, sogar gelungen, auf diesem Wege einen neuen„Kälte- rekord" zu schaffen. Bei einem von den beiden Forschern in Schirati am Ostufer deS Vtktoriasecs in Deutsch-Ostafrika ausgeführten Pilotballonaiiffticg verzeichnete das Regiftrierthermometer in einer Höhe von kß&tß Metern ein Minimum von— �4,3 Grad Celsius; die? sind noch 14sh Grad mehr, als die größte Winterkälte Sibiricirs brachte. Und eine Laune des Zufalls hat es gcfiigt, daß man diese tiefste je beobachtete irdische Temperatur in fast un- nlittelbarcr Nähe des AequatorS gefunden hat. Wie auf so vielen anderen Gebieten hat aber der Mensch auch im Reich der Kälte versucht, mit der Natur in Wettstreit zu treten. Sehen wir,»velche Höchstleistungen hier erreicht worden sind! Ein allbekanntes Mittel zur Erzeugung künstlicher Kälte bilden die sogenannten Kältemischungen. So läßt sich durch Vermischen von zwei Teilen Eis mit einem Teil.Kochsalz eine Temperatur von — 20 Grad, durch Zusammenbringen von zwei Teilen Chlorkalzium mit einem Teil Schnee sogar eine Temperatur von— 42 Grad erzielen. Die Kältenüschuugen benutzt man hauptsächlich in den zur Herstellung von Gefrorenem und Eisgetränken dienenden Eis- Maschinen, die»vir in Konditoreien und Gastwirtschaften, aber auch in vielen Haushaltungen antreffen. Wo e? sich aber uin die Erzeugung von noch tieferen Tempera- tnreu handelt, muß man andere Wege einschlagen. Der meist- benutzte besteht darin, daß man flüssige Gase,»vie flüssige Kohlen- säure, flüssige schweflige Säure oder flüssiges Ammoniak, im tust- verdünnten Räume zur Verdampfung bringt, wobei äußerst tiefe Temperaturen auftreten. Den Rekord auf diesem Gebiete hat der holländische Physiker Professor Kamcrlingh-Onnes in Leiden, der auch mit dein Siobel- preise ausgezeichnet wurde, aufgestellt. Ihm gelang es,»nit Hilfe von verflüssigtem Wasserstoff das Helium zu verflüssigen, das in neuerer Zeit so vielgenannte„Edelgas", das man zuerst auf der Sonne, dann aber auch in verschiedenen seltenen Mineralien und schließlich in äußerst geringen Mengen auch in der Luft nach- gewiesen hat. Die Tcmpernwr, bei der dieses GaZ sich zur Flüssigkeit verdichtet, ist— 208,5 Grad Celsius; es ist die tiefste Tempe- ratur, die mau bisher erzielt hat. Damit haben wir aber bereits das fernste Grcnzland im Reiche der Kälte betreten. Auf Grund theoretischer Erwägungen müssen wir nämlich annehmen, daß die niedrigste überhaupt mögliche Temperatur bei— 273 Grad Celsius gelegen ist. Diesem„absoluten Nullpunkt" der Temperatur haben wir uns also bis auf wenige Grade genähert. Kleines ZemÜeton. Die Komödie eines Doppelbettes. In Dänemark»nacht äugen- blicklich eine ulkige Geschichte die Runde, deren Schauplatz' ein Bauernhof ans der Insel Fnnen ist. Es ist iin Dänenlande Brauch, daß die Meiereien von Zeit zu Zeit durch staatliche Kontrollaisisteinen inspiziert»verden, und diese genießen dann in der Regel das Gast« recht auf dem jeweiligen Bauernhofe. Nun geschah es. daß für Fünen ein neuer Kontrollassistent bestellt»vnrde, und dieser begann vor einiger Zeit seine Inspektionsreise. Eines Tages landete er auch in den Abendstunden auf einem Bauernhöfe,»vnrde dort gast- lich»villkomincn geheißen, und als er den Wunsch äußerte, noch am selben Abend einein in der Nähe wohnenden Freunde einen Besuch abzustatten, zeigte man ihn» sein Zimmer, so daß er bei der Heimkunst in der Nacht die Lagerstatt finden könnte. Gewöhnlich dieirte der ihm angewiesene Raum als Mädchenzimmer. Diesmal aber waren die Schönen, die sonst darin in Morpheus Armen zu ruhen pflegte»», in einen anderen Raum ausquartiert, ii» dem ein großes prächtiges Doppelbett zu süßem Schllunmer einlud. Soweit der erste Akt. Abend» zu später Stmide schon kehrte der Assistent von seinem «crantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Besuche beim, tastete sich die Stiege hinauf, um zu feinem Zimmer zu gelangen. Doch— o Scbreck!— er verwechselt die beiden Türen, öffnet die Klause der Mädchen, zieht sich, da ihm die Augen schon vor Müdigkeit zufallen, recht schnell aus imft kriecht glücklich blnein inS riesengroße Doppclbett, und bald schlummert er dort in beschaulicher Ruhe. De»»»» zur Erklärung sei es gesagt: die beiden Schönen hallen ihre Ruhestalt noch nicht aufgesucht. Beide waren am Abend noch zu Flirt' und Tanz fort- geschlüpft.„Die Mitternacht zog näher schon," als die erste Maid beimkehrte. Sacht, um die Freundin iiicht zu wecken, öffnet sie die Tür, zündet auch kein Licht an, sondern entledigt sich flugS der Kleider und— steigt hinein inS Doppelbett, Ivo die„Freundin" nach ihrer Meinung schon iiiiide von deS Tages Last der süßen Rübe pflegt. Auch sie r»l'bt bald in Morpheus Armen. Eine halbe Stunde ist vergangen. Da komnrt auch die Maid Nr. 2, die ciire kurze Frist länger bei den» Brmitigam geiveilt, nach Hanse. Auch sie schleicht sich so leise tvie möglich die Treppe hinauf, öffnet die Tür, tritt mlf Zehenspitzen il»S Zimmer hinein und zieht geschlvind die Kleider ans, im» noch recht viel von der schon längst angebrochenen Nacht schlafen zu können. Und so lagen denn in dem ricscilgroßcu Doppelbett drei Personen ahnungslos in Morpheus Armen. Dritter Akt! Es ist Morgen. Der Besitzer de? Bauernhofes will den Kolitrollassistenten lvcckeu. Er findet ihn nicht ür seinem Zimmer, und ahnungsvoll dämmert eS in ihm auf, daß eine fatale Verivewselung stattgefunden haben könne. Und siehe da! Als er die Tür zur Mädchenkammer öffnet, da erblickt er das friedliche Trio. Erst überfliegt sein Gesicht ein verschmitztes Lächeln. Doch bald aber»veist er den schlimmen Verdacht ivcit von sich und er- iveckt die drei. Da? ist ein Erstaunen, ei» Geschäme und ein Getue! Und schließlich stecken alle drei vor Scham die Köpfe unter die Bett- decke. Doch dainit»var anck» wenig ausgerichtet, und erst als der Bauer mit einer riesengroßen Decke bcrbeieilte und die holden Mägdelein samt ihren sündigen Augen zudeckte, da konnte der Koiilrollassistent anfstehen»md ans dem jungfräulichen Gemach von dannen eilen. Kunstgewerbe. D e l o r a t i o n s in a t e r e i. Im KünstlerhauS(Bcllcvuc- straße 3) bat der Bund deutscher Dekorationsmaler eine kleine Aus- stellung veranstaltet. Die münchnerische Manier herrscht vor; auch die Berliner pflegen jene plaudernde Allegorie, wie»vir sie ein wenig bunt und laut aus den Bwrpalästcir gut kennen. Man sieht heilige Nepoinuke sich mit griechischen Dainen unterhalten; Engel fliegen und Affen schaukeln sich. Tie ganze Angelegenheit scheint ein wenig vcraliel zu sein, und man kann nicht recht glauben, daß diese Art der Wanddckoration noch einmal zu beleben sein»vird. Sie gehört den Jahren der kopierenden Museumsromantik und hat wenig GeistcSvcrivaildtschaft zu der kühlen Sachlichkeit und dem melallischeir RhrithimiS unserer modernen Architcltnr. Eins freilich ist auch au dieser Dekoralionsinalerei alten Stils lebensfähig: die techirische Gründlichkeit. So»vird zu überlegen sein, ob die DekorationSinaler nicht gut daran täten, sich restlos»nit der AuSsiihrung zu begnügen, während den Künstlern der Entwurf überlassen bleibt. Dabei kann eS tcrslens)»oohl vorkommen, daß unter diesen Meistern des Tech- nischen ein Künstler veiborgcn ist; so begann zum Beispiel der geist- reiche Walser als regelrechter Dekorationsmaler. Zweite», s aber »vill beachtet sein, daß ein technisch vollkommener Anstrich, dessen Farbton klug gewählt»vnrde, unendlich höheren Wert hat, als ein aus Vorlagcivcrkcn zufammenbuchstabierter Bilderschlvarnr. rbr. Knltnrbilder. Ein vom M o r a st eingeschlossenes Dorf. Es ist eine bekannte Tatsache, daß in den niederschlagreichcn Kiisteiigcbieteu der Nordivestcckc»mscres Reiches während der Wintermonate nicht selten iveile Landsirecken überflutet»verde«. Die Belvohner jener Niederungen sind seit Jahrbunderlen an diese Erscheinung gclvöhnt und sehen darin nichts Besonderes. Den Verkehr von Dorf zu Dorf halten sie, so gut eS gehen will, mit Kähnen aufrecht und fügen sich im übrigen dem Willen der Natur. Der Fall aber, daß ein Gemeiitioesen durch schier unergründlichen Morast»ach allen Seiten hin völlig vom Verkehr abgeschnitten»vird, dürfte in unsere»!» mit Landstraßen reich gesegneten Zeitalter einzig dastehen, und cS ist verständlich, daß diese Tatsache selbst den ruhigen und zufriedenen Ostfriesen in bedenkliche Aufregung versetzt hat. Es handelt sich um da? unweit des Ortes Filsum gelegene Dorf LammerSfehn, das nun schon seit Wochen sozusagen im Dreck steckt. In, Dorfe selbst wie in seiner Ilingebung befinden sich die Wege in einem unbeschreiblich schlechten Zustande, der jeden Verkehr»nit der Außenwelt fast zur Unmöglichkeit»nacht. Selbst die Versorgung der Gemeinde mit den notwendigsten Lebensmitteln stößt auf Schwierigkeiten. Bäcker und Müller»veigern sich, mit ihren Wagen ins Dorf zu kommen, da ihre Fuhrwerke in den» grund- losen Schlamin der Wege bis über die Räder versinken. Wohl sind bereits seit langem die Mittel zu einer Ehaussee bewilligt»vordeir, aber eS scheint, als hätte man die Ausführung dieser notwendigen Arbeit ganz vergeffcn. Da auch die verschiedenen Beschlverden der Dorsbcwohucr an die Behörden ohne Erfolg blieben, riß ihnen jetzt die Geduld und über alle Instanzen hinweg füllten sie die Ohren des Ministers mit ihrem Notschrei. Sie glauben also noch, daß Wunder ges chehcn._______ VorwärtSBuchdrnckerei u. Verlagsanstalt Paul Siiiaer LcCo..Berlin SW.