Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 13. Dienstag den 20. Januar. 1914 Das Mensihlem Matthias. 231 E r z ä h l u ii g v o n P a u l I I g. „Der liat mit meinein Geschüft nichts zu tun!" fuhr ifun der kleine Gebieter knirschend vor Wut in die Rede.„Wer sich zu beklagen bat, soll in mein Kontor kommen und nicht wie ein Botokude vor den anderen herumtanzen, Verslehen Sie mich?" Doch der andere hatte schon alle Hoffnung verloren. „Nein, Herr Hirsch!" rief er hinter diesem her,„ich vor- siehe Sie nicht. Sic sind doch selber schon oft von diesem tollen Hund gebissen worden. Wie ein Marktweib verhudelt er Ihren Namen stadtaus und ein. Das weih hier jeder Sticker nnd Staber. llnd daß Sie sich ducken, Sie, der reiche Herr Hirsch, vor einem Angestellten, aus Angst, er konnte zur Konkurrenz überlaufen. Da? ist auch eine Selbstübertvindiing, aber ich beneide Sie nicht darum. Herr Hirsch! Ich nicht!" Diese Worte des verzweifelten Mannes fielen nieder wie Kammerschlüge nnd erschütterten alle Herzen. In ihrem Nachklang trat fast in allen Köpfen eine bestechende Eingebung zutage, das Gefühl von der entehrenden Macht des Besitzes und dem erhebenden Stolz des Armen, der lieber Slot leiden als die Achtimg vor sich selbst verlieren will. Eine Weile glich sich der in seiner Sclbstbeherrschnng sonst unübertreffliche Herrscher nicht mehr. Der Ankläger hatte zweifellos feinen wundesten Punkt getroffen. Hirsch senior stampfte den Boden mit seinen schwachen Beincben, er fuchtelte mit den Händen in der Lust herum, sein Gesicht lvar zur Fratze verzerrt, die Stimme überschlug sich, als er seinen Willen kundtun wollte.„Sic sind entlassen. Augenblicklich, hören Sie, an— gen— blicklich verlassen Sie mein Hans. Ist denn niemand da. der mir diesen Menschen aus den Augen schafft?" Die Anffordening war freilich überflüssig. Der Auf- rührer hatte die Saaltür bereits hinter sich zugeworfen. Aber ein Geist des Widerstandes blieb darin zurück und nistete sich ein in mancher Brust. Auch den Strebern und ehrlosen Kriechern, die nirgends fehlen, wo Menschen ums tägliche Brot nebeneinander ringen, auch diesen räudigen Schafen hatte der Blitz gezündet: sie erblickten sich nackt, in ihrer ganzen Häsilichkcit. Da gab es denn schwere Beklemmungen, scheue Blicke und brandrote Wangen. Aerger war aber niemand betroffen als Brigitte Böhi, da? Musterfräulein. Sie horchte noch lange hinaus und konnte kein Glied rühren, als die anderen ihre Arbeit schon wieder mit Gleichmut aufgenommen hatten. Auch Matthias war bei dem Geschrei schwer besorgt vom Stuhl gerutscht. Er blickte jedoch nicht selbständig auf den Kampfplatz, sondern sah zuerst einmal nach, was die Mutter so sehr gefangen nahm. Sie schien nur den einen zu beachten, just den Großen mit der Samtjacke und den gewürfelten Hosen. Als dieser verschwand, wurde ihr Blick ganz starr, ganz nach innen gekehrt.... In die Seele des Knaben aber schlug es wie ein Blitz: Das ist er! Dieser mächtige Bösewicht, der da den armen Graubart davonjagte, war gewiß imstande, auch ihn, den kleinen Matthias, hinauszupfeffern. Nur gut. daß er nun wenigstens wußte, wie der Erzfeind aussah! Dem durfte er beileibe nicht in die Lände laufen. Und die Mutter hatte tausendmal recht, wenn sie den nicht zu seinem Vater machen wollte. Aber das Bild des sonderlichen Mannes war damit un- auslöschlich in das Gehirn des Kindes gegraben. Von Stund an mußte Matthias viel über ihn nachdenken, besonders darüber, daß jener so viel zu befehlen hatte und zugleich so halb und halb— er wußte nicht lote— sein Vater lvar. „Ter schreckliche Mensch... Was der noch alles anstellt!" flüsterte Brigitte unbewußt, ahnungsvoll. Im Nebeuraum, dem Kontor von Herzfeld junior, vernahm sie eine heftige Debatte der beiden Prinzipale. Eo dauerte auch gar nicht lange, bis der Alte wieder zum Vor- schein kam und ihr den Auftrag erteilte:„Sagen Sie dem Dessinateur Oberholzer, daß ich ihn in meinem Kontor er- warte." Einen schlimmeren hätte man ihr kaum geben können. Schon der Zwang, durch die Reihen der Nusrüsterinnen zu gehen, däuchtc sie ein Spießrutenlaufen, denn diese hatten den Knaben im Musterzimmer längst entdeckt und mit bos» haften» Vergnügen festgestellt:„Ter junge Oberholzer ist dal" TeS alten Zeichners tragischer Abgang schien bereits wieder vergessen. Flotsch, der Fergger, setzte die unterbrochene Vespermahlzeit fort und machte dazu hinter Mister Green? Rück allerlei muntere Streiche. Er warf seinem Spießgesellen auf der anderen Seite des Saales, über die Köpfe der Mädchen hinweg. Wursischdbcl>e» zu, die dieser akrobatisch geschickt auf- fing und verschlang. Wenn dann der Abtciluugsches ahnungsvoll sich umblickte, saß Flötschchc» jedesmal mit dem Gleich- miit eines Wiederkäuers da, ohne den geringsten Anhalts- Punkt zu bieten, was die unfreiwilligen Lachausbrüche nur noch verstärkte. Er war Greens bester Freund, jeden Sonimer- samstagabcnd zogen die beiden mit Pickel, Axt und Seit in die Berge, bestanden zusammen die herrlichsten Gefahren, und keiner mochte den anderen auch nur einen Tag missen, aber infolge der Ungleichheit ihrer Stellung kam es im Geschäft zwischen ihnen täglich zu Reibereien, wobei Flotsch stets die gekränkte Unschuld spielte. Er hatte in dieser Hinsicht nicht das geringste Ehrgefühl und machte jeden Packer nnd Staber zu Vertrauten seiner Torheiten. Alle Nasenlang wurde irgendein Anschlag i» Szene gesetzt, um der Würde des Ehess ein Bein zu stellen. Entweder lvar ihm der Puttdeckel zu- genagelt,»vorauf er dann minutenlang kopfschüttelnd, erst be- hntsam, schließlich wie rasend das Schloß hin und her trieb. stemmte und schimpfte, daß den Eingeweihten vor verhaltenem Lachen die Tränen über die Backen rollten, oder er schleppte plötzlich im Gehen den Papierkorb hinter sich her, der mittels Faden und Klammer an seiner Arbeitsjoppe befestigt war. Das Erscheinen des Miisterfräuleins erregte neues Aufsehen. Tie Mädchen stießen sich an, die jungen Herren der Spedition räusperten sieü nnd zwinkerten mit den Äugen. Brigitte bemühte sich.' unbefangen zu erscheinen, sie sprach im Vorbeigehen einige Worte mit Fräulein Labhart, der einzigen Freundin, die sie unter den BleiÄcmädckien hatte, und nahm auch mit erkünsteltem Interesse einige Roben in Augenschein. Von dein schimpflichen Geflüster konnte sie nichts hören, aber sie empfand die frechen Blicke doch wie Nadelstiche. Und dabei lvar ihr zu Mut, wie wenn sie bis an die Knie durch Schmutz und Schlamm waten müßte. Wie kommt's, daß diese Menschen so viel Macht über mich haben? dachte sie im Gehen, tief beschämt von ihrer Zag- baftigkeit. Ich kann mich ja gar nicht mehr natürlich be- wegen. Wenn ich das wäre, wofür die mich halten, ich könnte mich nicht dümmer benehmen! Ucbcr die Niedertracht der anderen wunderte sie sich nicht. �ie hatte ein dunkles Gefühl, daß die in Fabriken zusammen- getriebenen Menschen fast nur durch ein Wunder gut bleiben konnten. Die meisten lvaren verbittert, weil sie sich zurück- gesetzt wähnten: stv haßten sich untereinander nnd lagen be- ständig auf der Lauer, wer ihnen den Rang ablausen könnte. Darum gab es so viel Schmeichler und Heuchler, Streber nnd Angeber. Nur wenige suchten ihre Vorgesetzten durch ehrlichen Fleiß zu überzeugen: so geringe Aussichten schien diese Methode im Kampf ums Dasein zu bieten. Und doch mochten gar manche als treuherzige, rechtschaffene Seelen in dieses Haus gekommen sein und sich lange gesträubt haben, ehe sie der gemeinen Seuche zum Opfer fielen. Sie hatten in der ersten Zeit vielleicht einen wahren Abschen empfunden. wenn sie sahen, wie dieser und jener, der eben noch faul herumlungerte, beim Erscheinen des Prinzipals eine sieber- hafte Tätigkeit herauskehrte und sich gebürdete, als ob ihm die Interessen des Geschäfts wie Rüder im Kopfe surrten. Ach. all dies um ein bißchen Beförderung nnd Gehaltszulage! Mitleiderregcnd lvar indessen das Geschick der meisten Bleiche- mädchen. An der Schwelle des fraulichen Lebens stehend, drängten sie zu Hunderten herbei, um hier eine bescheidene Aussteuer zu erwerben, die bessere Zeit zn erwarten, wo ein erwünschter Freier Ernst machen werde. In der Blütezeit des Hofsens hatte man die Augen wohl gar zu den großen Sternen der Bleiche aufgeschlagen: Prokuristen. Buchhalter, Fergger und Stickermeister mit fürstlichen Gehältern wurden im Geist an den Hochzeitswagen gespannt: man wies sich die besten Plätze in der Sphäre bürgerlicher Wohlhabenheit und teilte Gnaden ans an die in Armut zurückgebliebenen, vom Glück tterocffcncn Frrnndinnen. Das Joucrtc so cTnigc lonoc, bonge Jahr?, während dessen die Ansprüche langsam, aber sicher nachließe», bis zuletzt ein ordentlicher Sticker oder Packer die Hand bot zn einem bescheidenen Winkelgliick im Arbeiterviertel. Denn diese konnten immerhin noch von Glück sagen im Vergleich mit den alleingebliebenen, versauerten alten Jungfer», die sich zuletzt hoffnungslos auf die Arbeit Ivarfe», verzweifelte Rekorde des Fleißes schnfen imd auf diese Weise den Jungen eine schwere Plage wurden. Sie zischten und hechelten, spannen Intrigen, spürten„Fehltritte" auf, die sie nicht schnell genug an die große Glocke hängen konnten, wiewohl sie selber einst ihre Haut recht wohlseil zn Markte trugen und sich bitter härmten, weil keiner darauf bieten mochte. Ja, solche Verwandlungen begaben sich in diesen Räumen. Die Blüten der Hoffnung, die duftigen, vielfarbigen, sielen ab und giftige Früchte wuchsen an ihrer Stelle. Brigitte durfte sich nicht verhehlen, daß sie selber bis heute kein anderes Garn gesponnen hatte. Wie ihre äußere Gefälligkeit die Ursache ihrer bevorzugten Stellung war, weil nun einmal auch die Großen lieber hübsche als häßliche Ge- schöpfe neben sich habe», so sahen die besseren Angestellten in ihr auch heute noch eine Art Freiwild, wozu sie sich eben durch Brigittes früheren„Fehltritt" berechtigt glaubten. Der eine und andere war ihr schon näher gekommen, sie hatten gemein- same Ausflüge gemacht und Gefallen aneinander gefunden. Allein das Musterfrä'ulein ließ es jeden fühlen, daß sie ein gebranntes Kind sei und ihrer keinem über den Weg traue. An ihrer großen Vorsicht und Zurückhaltung scheiterten die guten Bekanntschaften. Von feite» dieser besseren Herren hatte sie noch nie einen ernstgemeinten Heiratsantrag er- halten, denn selbst der Allerverliebteste konnte den Mut nicht finden, die Erbschaft ihres ersten Liebhabers in Ehren an- zutreten. Ohne Spott und mancherlei Verachtung wäre so einer in Treustadt schwerlich durchgekommen. Und darum begegneten sich alle in dem einen, wehmütigen Gefühl:„'s ist doch jammerschade um das appetitliche Weiblein!" (Forts, folgt.) Histmor) öuech Bakterien. Der Scnsationsprozeß, der sich in diesen Tagen bor den Frankfurter Geschworenen absviette, lenkte die Aufmerksam- feit auf eines der gefährlichsten Gebiete des moderne» Verbrechens. Giftmorde an sich sind freilich nichts Neues; man kann sogar sagen, daß diese Untaten in der neueren Zeit im Verhältnis zum Altertum und zum Mittelalter ganz erheblich zurückgegangen sind. Denn heute steht die Justiz der- artigen Verbrechen nicht mehr wie in früheren Zeiten hilflos gegenüber; dank den Fortschritten der Physik, der �Chemie nnd Medizin vermag der Kriminalist den verbrecherischen Schleichwege» der Giftmischer fast ansnahmslos erfolgreich nachzuspüren und ihnen ihre Untaten wissenschaftlich unumstößlich nachzuweisen. Es ist aber eine alte Erfahrung, daß auch das Verbrecher- tum mit den Fortschritten der Wissenschast Schritt zu halten und sich deren Methoden nutzbar zu machen sucht. Kein einigermaßen intelligenter Gifstnördee wird sein Opfer heutzutage noch etwa mit Hilfe von Arsenik um die Ecke zu bringen suchen; denn es ist allgemein bekannt, daß noch nach Monaten die Spuren des Arsens in den Leichenteilen untrüglich nachzuweisen sind. Dieser Umstand ist es eben, der zu einer Verringerung der Giftmorde geführt hat. Der Giftmördcr unserer Tage ivählt andere, geschicktere Methoden. Er kennt die furchtbare Wirkung gewisser Krankheits- stosfe, insbesondere der Erreger von gefährlichen Jnfcktionskrank- Helten, und er arbeitet statt mit anorganischen Giften lieber mit Reintulturcn von Bakterien, Kokken und Spirochaeten. Beachtcns- ivert ist dabei der Umstand, daß die Phantasie der Romanschrift- steiler solche Verbrechen vorausgeahnt hat. bevor diese selbst nach- weislich verübt worden sind. So ist es ivohl noch in Erinnerung, wie nach den mit Hilfe von über die Landstraße gespannten Draht- seilen verübten Anschlägen gegen Automobile ans de» Roman eines unserer modernsten Autoren aufmerksam gemacht wurde, i» dem ein derartiges Verbrechen und sein Verlauf eingehend geschildert ist. Ob jener Roman den Verbrechern den Anreiz zn ihrer Tat gegeben hgt. das erscheint wenig wahrscheinlich Anders liegt lux Fall jedoch bei l'strari'�rn Schild-runZen von Gift- morden durch klankhciterrcgende Barteric». Menschen, wie Hopf, deren Intelligenz und Kenntnisse zu solchen Verbrechen ausreichen, können sehr wohl auch die neueren Erscheinungen der schönen Literatur verfolgen, ui.d es ist recht ivohl dcnkbrr, daß Hopf z. B. den Roman„Madame d'Ora" von Johannes V. Jensen gekannt hat. in dem, ivorauf A. Abels in H. Groß' Archiv hinweist, die absichtliche Uebertragung von Tollwut eine Rolle spielt. Der Doktor Kilkadcly, Spezialist für Hundswut, begeht hier ein Verbrechen, Indem er das Hündchen seines Oheims mit Tollwut infiziert. Die Krankheit kommt zum Ausbruch, der Hund beißt seinen Herrn. Der Doktor erschießt das Tier, der Onkel stirbt und er beerbt ihn. Der untersuchende Detektiv kommt mit allerdings etwas sehr flih» gezeichneter Kombinationsgabe hinter die„tcusliche Untat". Aber er selbst lveiß auch, daß das Gebäude der Anklage, die auf einer Lanzeltenspitze ruht, die bei der Impfung des Hundes ab- brach und im Kadaver gefunden wird, auf schwankender Basis steht, und ist zu einem Konipromiß geneigt. Solche Verbrechen sind übrigens seit civa drei Jahrzehnten in der Literatur sehr häusig geschildert worden. Viel Staub ansgewirMt hat vor verhältnismäßig ganz kurzer Zeit, in den Jahren löll) und 1911, ein solches Verbrechen, das in Petersburg geschehen ist, und das auch dort zur Aburteilung kam. Es ist der Gistmordprozeß Panscheuko- Buturliii. Der Mediziner Dr. Panschcnko wurde beschuldigt, eiucm reichen Erben Präparate beigebracht zu haben, die Buturlins Tod be- wirkt haben sollen. In dem Sinne legte auch Panschcnko ein Geständnis ab; in dein Prozeß konnte aber nicht einwandfrei nach- gewiesen werden, an ivelchem Gift Buturli» gestorben ist. Sorocit mau nach den sich widersprechende» Gutachten der Sachverständigen in dem Prozeß schließen kann, scheint Buturli» an Cholera zu- gründe gegangen zu sein; manche Symptome sprachen jedenfalls dafür. Es konnte freilich nicht mit absoluter Sicherheit nachgewiesen ivcr» den, ob Panschcnko wirklich mit Bakteriengiften operiert hat. Ein ähnlicher Fall wie der jetzt in Frankfurt a. M. zur Aburteilung gelangte, lmt sich vor vier Jahren in den Vereinigten Staaten ereignet. Zn Kansas Eity im Staate Missouri hatte ein Dr. Hyde den Onkel seiner Frau, den Obersten Swope, mit Strl)chnin»er- gisiet, um sich in den Besitz des enormen Vermögens von Swope zn setzen. Hyde hatte geradezu Massenvcrgiftungsversuche angestellt, »in zu seinem Ziele zu gelangen. Er war aus den furchtbaren Gedanken verfallen, das Trinkwasser der Familie mit Typhus- bazillen zu verseuchen. Auf diese Weise sollten außer dem Obersten und dessen Neffen noch iveitere acht Familienmitglieder beseitigt werden. Sdach den Erfahrungen der jüngsten Zeit ist gegenwärtig unter den amerikanischen Mördern der sog.„Kobratod" das beliebteste Mittel, ihre düsteren Pläne auszuführen. Diese Mordmcthode bo- steht darin, dem Opfer durch eine winzige Kratz- oder Stichwunde die kaum die Ha»t ritzt, etivas K-Bragist zuzuführen, worauf binnen wenigen Minuten der Tod eintritt. Tie Aufdeckung solcher Ver- brechen, die niit der raffiniertesten Kenntnis der Gisi« arbeiten, bereitet den Behörden und der Justiz die größten Schwierigkeiten, und man wird sich entsinnen, daß vor kurzem auch ans Paris Meldungen durch die Blätter gingen, nach denen ähnliche Ver- brechen dort anscheinend versucht worden sind. Eine Dame hatte behauptet, im Theater plötzlich einen leichten Stich verspürt zu haben; bald darauf sei ihr fast die Besinnung geschwunden, und erst Kn letzten Moment sei es ihren Bekannten möglich gewesen. sie ans den Händen zweier elegant gekleideter Individuen zu entreißen, die unter dem Vorwande, die Bewußtlose zu stützen, sie augenscheinlich im Automobil hätten entführen wollen. Der Fall ist bisher nicht aufgeklärt, da die beiden Männer plötzlich ver- schwnnden waren. Daß in Amerika derlei Untaten gang nnd gäbe sind, das zeigen die umfassenden Maßregel», die ergriffen iverde», damit die Justiz von den Verbrechern, die mit allen Künsten der modernen Wissenschaft arbeiten, nicht etwa gar überholt wird. So ist im letzten Jahre in Chicago ein Institut gegründet worden, an dem Männer der Wissenschaft die Möglichkeit finden, den Kampf gegen das moderne Verbrechen erfolgreich aufzunehmen. Denn nach der übereinstimmenden Aussage aller Autoritäten der Chicagocr Gerichtsbehörden haben sich die Methoden der Mörder in den letzten Jahren derart verfeinert, kompliziert und vervollkommnet, daß mit dem bisher üblichen System der Totenschan viele Verbrechen sich der Entdeckung und damit der Verfolgung entziehen. Aber auch bei uns hat man die Gefahr, die der Allgemeinheit durch solche Verbrechen droht, ivohl erkannt, und der bekannte Berliner Gerichtsarzt Professor Fr. Straßmann sagt in seinem vor zwei Jahren erschienenen Werke: Medizin und Strafrecht, daß die Batteriengifte deshalb äußerst gefährlich in verbrecherischen Händen seien, weil eö unmöglich ist, sie im Körper sicher nach- zuweisen, und weil sich selbst im Falle des Nachweises unmöglich sagen läßt, ob sie nicht ans natürlichem Wege in den Organismus gelangt sind. Glücklicherweise ist es eben nicht so leicht, sich Bakteriengifte zu verschaffen, nnd gerade der Fall Hopf wird die battcriologischen Institute zweifellos zn ganz besonderer Vor» ficht in dieser Beziehung veranlassen. Der Geiger. Bon Ludwig N a g y. Tic kleine Stube des Geigers lag zn ebener Erde und ihr einziges Fenster schaute aus die Straße. Auf eine enge und lange Straße, deren Zinshäuser von lauter armen Leuten bewohnt Ivaren. Es war ein Soinmerabend. Durch das offene Fenster wehte Hitze dämpfender Wind. Der Geiger saß neben dem Tisch, im 'SuhM, stützte sich auf die Ellenbogen uns ließ eS geschehen, daß der tiihle Wind seine» nackte» mageren Hals umarmte, streichelte. Der Wind toehte anfangs leise, schwoll dann immer kräftiger an und strich schließlich mit Macht über daS Gesimse, die Mauern, den Vorhlmg, die Möbel und begann zu musizieren. Der Wind spielte dem Geiger ein« eintönige, traurige, erregende Musik in die Ohren. Mit geringem Interesse lauschte der Mann den mono- tonen harten Lauten, doch da im riß er einige Stücke aus dem cnd- tosen Sang und begann diese zu formen, zu fchlvermütigen Melo- dien zu färben. Herrliche Lieder, voll Wey, schössen in seiner Phantasie auf und er lachte. Lachte zärtlich mit weinerlichen Lippe». Und dieses Lächeln erstarrte auf seinem Gesicht. Er erhob sich sehr langsam, sehr behutsam, um dieses Lächeln nicht zu verscheuchen, trat zu dem Kasten, öffnete ihn, holte seine ab- genutzte Pioline hervor, nahm den Bogen in die rechte Hmid, preßte das Instrument küssend au die lächelnden Lippen— und begann zu spielen. Der Geiger war kein Meister, er konnte bloß geigen. Er war auch kein wirklich geschulter Biolinspieler und wäre, wenn er die Absicht gehabt hätte, sich öffentlich zu produzieren, als elender Stümper dagestanden. Wenn er aber daheim in seiner bcttlcr- armseligen Stube saß, allein im Halbdunkel und schicksalsschwan- gerer Stille, wenn ihm die Gedanken in der Seele Blitze ent- flammen ließen und diese Blitze die Trümmer und verkohlten Neste seines verflossenen Lebens purpurrot beleuchteten uns ihm seine ganze Zukunft mit Verzkveiselten, abschcucrrcgendcn Schreck- bilderu anstarrte, da wuchs sein Geist, wurde seine Seele rein, umstrahlte Glorienschein seine Stirne. Da wurde er ein Künstler, groß und herrlich, ein mächtigerer Beherrscher des Bogens als jeder andere, denn dann ergoß sich das Schluchzen des Lebens aus seinem Herzen uns ließ die Saite», die kleine Stube, die stummen Möbel, die Luft, die Gasse, den Himmel erbeben. Der Wind legte sich, erstarb. Und die Geige sauste. Der Geiger stand im Halbdunkel, dem offenen Fenster zugelvendct, sein Blick irrte in das Nichts und er spielte— das wollüstig- schmerzliche Lächeln immer auf sen Lippen. Auf der anderen Straßenseite, unweit des klingenden Fensters, stand in einem Tor ein düsterblickender Mann. Ein zermürbter, arnisel'g-zcrsetzt gekleideter, tief gedcmütigter Mann mit einem großen Bart. Er stand im Tor, in seltsam-schwerer Haltung, als sei er eben auf der Straße des Lebens endgültig stecken geblieben uns sinne nunmehr nur noch mit trauriger Neugierde über das Wenige nach, was noch kommen könne. Er stand und lauschte zornerfüllt dem spielenden Wind, der eintönigen, aufreizenden, unverständlichen Musik des Windes, mit der er nichts zu beginnen wußte. Mit unerträglichem Druck legte sich das Gefühl völliger Ohnmacht auf seine Brust. Er stand im Tor, horchte, bewegte sich nicht, biö Sann das Spiel der Geige ertönte. Das Gcigenspiel vcr- setzte den düsterblickeudcn Mann in Unruhe, vorerst begann er auf seinem Platz hin und her zu rücken, dann ging er gequält auf und ab. Ter Wind hatte sich gelegt— vielleicht hörte er ihn bloß nicht, weil das Vibrieren der Violine alle seine Nerven reizte— Krampf durchzuckte seine zu Fäusten geballten Hände uns er preßte die Finger so zusammen, saß ihm die großen Nägel ins Fleisch drangen. Daun schlich er langsam— wie auf der Lauer— mit behutsamen Schritten— immer auf derselben Straßenseite bleibend— dem Fenster gegenüber und starrte, sich aufräkelnd, in die finstere Stube. Er sah bloß das schwarze Viereck des Fensters. Wußte aber mit Haß. saß dort drinnen wieder jener bagere, schmal- gesichtige, gelbzabnige, kahlwerdende Elcnd-Meiisch die Geige spiele. Er spielt— und seine Geige schluchzt und jammert. Er weiß jetzt bloß eines, daß die Geige schluchzt und jammert. Aber es ist sicher, daß jener andere, jener unglückselige Mensch, der die Geige schluchzen läßt, der mit den zuckend ringenden Kräften seiner Seele die Saiten zum Leben erweckt, viel, sehr viel, unendlich viel in die vibrierende Melodie preßt. O dieser Elende! Die finsteren Augen des Mannes blitzen durch das ossene Fenster. Möchtiger schwarzer Haß ioühlt in seiner lumpen- bedeckten Brust, dehnt seine Eingeweide, preßt ihm die Kehle zu- sammcn, daß er fast aufschreit, um jenes entsetzliche, schöne, neidisch gehaßte Geigenspiel verstummen zu lasten. Doch kein Laut dringt aus seiner Kehle. Er huscht geräuschlos über die Straße und nähert sich mit drohender, tiefer, zusammen- geprcßtlippigcr Stummhcit dem Fenster. Wie er daS Fenster er- reicht, blickt er sich um, lauscht eine kurze Weile, als ängstige er sich vor den unbekannten, noch nie gehörten Nuancen der Musik, dann schleudert er die unförmigen, von Arbeit geschwollenen, rauhen Hände vor sich und starrt darauf. Mit starkem und reintönigcm Flehen weint die Ewige, kann aber sein Herz nicht erweichen. Er erfaßt das Fensterbrett, einige träge, aber geräuschlose Schwin- gnngen... er steht in der Stube. Der Geiger spielte und lächelte in der Finsternis. Zitternd nahte sich ihm der düstcrblickende Mann. Der Geiger nahm ihn wahr. Die Melodie stockte, das Herz des Geigers pochte laut auf, das Lächeln mtfloh aufgescheucht von seinen Lippen und er fragte mit zitternden Worten: ..Wer sind Sie? Was wollen Sie?" Auch der düsterblickende Mann zitterte und konnle nicht sprechen, näherte sich aber hartnäckig dem Geiger. Dieser wich inrück, glotzte und stammelte wieder Fragen: Du willst mich doch nicht töten? Willst mich doch nicht er- morden? Lauter arme Leute wohnen in dieser Gasse, doch ich binl der ärmste." „Du lügst." flüsterte der Düstcrblickende.„Ich bin noch ärmer als Du. Ich bin der elendeste Mensch in dieser Gasse. Di» bist reich und reizt unS, reizt uns alle, die wir Dein Spiel hören.'" „Auch Du bist ein elenoer Mensch? Mein Bruder im Elend? Ich habe gar nichts und Du nennst mich reich? Warum quälst Du mich? Warum willst Du mich töten?" „Ich niutz Dsth töten. Ich niuß, denn ich hasse Dich entsetzlich. Umbringen werde ich Dich, venu allabendlich spielst Du mir Deine Musik in die Ohren, daß mich die Feuer des Hasses verzehren!" „Ist es wahr? Warum solltest Du mich hassen, mein Bruder im menschlichen Elend? Tue mir nichts, lasse mich leben!" „Flehe nicht! Du bittest vergeblich! Es gibt kein Erbarmen! Ich töte Dich, sonst tötest Du mich. Ich hasse Dich, denn ich bin schon so elend, Saß ich jeden hasse, der nicht so elend ist wie ich. Ein wiloes Tier ist mein Haß, gereizt von dem feurigen Peitschen des Elends. Und mein wilogewordener Haß muß jemand zer» reißen. Dich wird er zerreißen! Du zerrst allabendlich an meiner Seele. Du bist reich und schleuderst mir tagtäglich, wenn der dunkle Abend kommt, Deinen Reichtum vor Sie Augen. Dich hasse ich, stärker als die Könige des Geldes hasse ich Dich, denn Du bist in meiner Nähe, Du peitschst meine Qualen auf!" Der Geiger stammelte schweißbcdcckt: „Warum? Warum, mein Bruder im Elend? Hörst Du daS Spiel der Violine nicht gerne? Verursacht die Musik Deiner Seele Schmerz?" „Schmerzl... Ach!... Die Töne Deiner Geige schreien mir mein entsetzliches Schicksal in die Ohren. Siehst Du, Du spielst— uns ich bin machtlos. Wie reich bist Du? Jeden Abend schüttest Du Deinen Kummer aus. Mich aber beißt die Erbitteruna wie die Hunde einen zur Erde gestürzten Menschen. Häßlich und bösartig. Draußen auf der Gasse beißen und zerren die Qualen an meinen Eingeweide» und Du weinst Dich hier in Deiner Stube ganz allein durch Deine Geige aus. Und weinst so lange, bis Du, müd uns matt geworden, Dich beruhigst. Doch was soll ich machen? Branntwein trinken? Ich knirsche hinter zusammengepreßten Lippen die Zähne und will die Mauern zertrümmern. Entsetzlich ist meine Ohnmacht! Ich bin ein elender Mensch, versteh mich aus wenig. Bin ein Lasttier, dem alles versagt blieb. Du bist jemand und mich, o verstehe inicht recht, lehrte man nicht geigen!.. Ter düsterblickende Mann betrachtete noch immer haßerfüllt, die Finsternis mit den?lugen durchbohrend, den Geiger, doch seine Blicke>1x1 reu schon matt und müde, und während ihm die Worte im Herzen widerhallten, sank er auf einen Sessel und begann zu schluchzen. Und schluchzend wiederholte er: „Man le— ehrte mich nicht gei— gen..." Der Geiger erschrak, doch dann überkam ihn das Gefühl der Erleichterung. Eine Weile schaute er wortlos auf den Weinenden. Dann lächelte er und legte die Hand voll Zärtlichkeit aus den Kopf des Düsterblickenden. Dessen Schluchzen wurde stiller und er beruhigte sich allmählich. Leise begann ihn der Geiger zu trösten: „Weine nicht... sei still... ich werde setzt spielen..» Achte auf mein Spiel... Von Deinem Leid will ich spielen... Du aber ertrage es stumm und regungslos... die Geige wird statt Deiner weinen.. Er hob die Geige ans Kinn, nahm den Bogen in die rechte Hand und melancholisch klagend, mit rührendem Weinen stieg die Melodie empor. Der düstcrblickende Mann weinte nicht mehr, hob den Kopf und lauschte mit großer Aufmerksamkeit. (Berechtigte Uebersctzung von Stefan I. Klein.) Der Vulkanausbruch von Kagosthima. Die vulkanische Katastrophe, die sich am Südende der japanischen Insel Kiuschiu vollzogen hat, scheint sich an Bedeutung den größten ähnlichen Ereignissen der letzten Jahrzehnte anzuschließen. Es ist jedoch zu berncksichtigen, daß die Größe einer derartigen Katastrophe ein vcrichiedencs Bild darbietet, je nachdem der eigentliche Natur» Vorgang oder seine Folgen in Betracht gezogen werden. Ein vcr- bäliiiiSmäßig kleiner Vulkanausbruch kann eine sehr verhängnisvolle Wirkung ausüben, wenn er gerade in unmittelbarer Nahe einer größeren Stadt oder eines sonst dicht besiedelten Landes erfolgt. Ein anderes Mal bleibt vielleicht cine viel heftigere Eruption fast nnbeachtet, wenn sie in einer menschenleeren Gegend stattfindet. Weitaus das geivatligste vulkanische Ereignis der letzten Lg Jahre war die Explosion der kleinen Insel K r a k a t a n in der Sundaslraße, die von vornherein nach Gebühr eingeschätzt tvurde. aber mit der Zeit auch in ihren natürlichen Folgen eine besondere Auf- merkiamleit erregte. Man kann sogar sagen, daß sie zu einer wissenschaftlichen Scm'ati, n wurde, da damals zuerst der Aufstieg des VnUaustmibes in hohe Schichte» des Luftinceres durch die auffällige Erscheiniing der leuchtenden Rachtwolken nachgewiesen wurde. Im gleichen Maße wissenschaftlich interessant war die Ermuion des Vulkans K a t m a i in Alaska 1012, die der Wissen- schalt Gelegenheit gegeben hat. zu» erstenmal eine Trübung der Sltmoffihäre durch den Vnlkanstaiib und eine dadurch bedingte Ver« »»lnderuiig der zur Trde gekannten Soiineuwärme in einem groben ilinfang nachzilwelsen. Die Eruption deS Moni P c l v von tV02 dngegen, die in der mcnschUcbcn Geschichte vis eine der folgen- schiversten vulkanischen Ereignisse verzeichnet ist, ist vom nalur- »visscnschaftlichcn Standpunkt als eine verhältnismäßig geringfügige Aeuberung vulkanischer Krakt betrachtet worden. Die jüngste japanische Ziatastrophe dürste sich der Art nach von den an anderen japanischen Ausbrüchen gemachten Erfahrungen kaum wesentlich unterschieden haben: andererseits scheint sie das Trauer- spiel von Martinique in der Höhe der Verluste an Menschenleben noch zu übertreffen. Der berühmte deutsche Geograph Ferdinand v. Nichlhofen, der als erster europäischer Naturforscher im Jahre 1871 die Insel Kiuschiu zu Fus; durchzogen hat, nciiut in seinen Tage- büchern 5k a g o s ch i ni a die schönste Stadt von Japan. Die Stadt konnl'e sich damals durch ihre ganze Bauart sowie durch die prächtige Anlage»md peinliche Sauberkeit der mit Bimösteintuff belegten Straßen unter anderen japanischen Städten leicht auszeichnen. Das hohe Lob, das der deutsche Forscher ausspricht, bezieht sich aber vor allem auch auf die Lage an der länglich nach Süden gestreckten Meeresbucht, aus deren Milte die Intel Zragoschima mit ihrem Vulkanberg Sakura, nach dem auch die Insel als Sakuraschima bezeichnet wird, aufragt. Bor der Eruption bildete dieser kleine Inselvulkau, der knapp lOOÖ Meter Höhe bcsiht, von Kagoschima aus aber bei klarcni Weiter den Eindruck einer doppelten Höhe hervorruft, einen von Nordost nach Südwest ver- lausenden Kamm. Am Südostende befand sich ein Krater, ouö dem häufig Dämpfe aufstiegen. Außerdem lvar noch ein kleinerer Krater weiter unterhalb vorhauden, der in seiner vollkommen rundlichen Ausbildung wie ein geologisches Modell wirkte. Diese frühere Ge- stalt des Vulkans wird sich nun wohl völlig verändert haben. Kagofchiina ist jetzt eine Stadt von etwa 80 000 Einwohnern, aber auch die Umgebung ist ziemlich dicht bewohnt. Die Unfrucht- barkeit in den höheren Teilen der Vulkanberge macht es überhaupt zur Notwendigkeit, jedes nutzbare Fleckchen des tieferen Bodens zu besiedeln und zn bearbeiten. Daraus erklärt sich auch die hohe Zahl der von der Eruption und ihren Folgen betroffenen Menschen. Unter diesen Begleiterscheinungen werden die Erdbeben wieder an erster Stelle genannt, sicher zum Aerger der Geologen, die einen Zusammenhang von Erdbeben und VnlkanauSbrüchen grundsätzlich ablehnen. ES ist allerdings selbstverständlich, daß die heftigen Explosionen eincS Vulkans nicht ohne Erschütlernng der Erde erfolgen können, aber sie ist nach den bisherigen Erfahrungen nie besonders stark und vor allem nicht ausgedehnt, sondern von mehr lokaler Natur. Wenn sich der Bericht als wahr cnodien sollte. dasz die mit dieser Eruption verbundene» Erdbeben sich über die ganze Insel Kiuschiu oder gar noch weiter erstreckt haben sollte, so wird die Frage zu beantworten iein, ob sie vielleicht noch eine besondere Entstehung gehabt haben, die den Vulkanansbrnch vielleicht eher verursacht hat, denn als seine Folge zu betrachten ist. Daß durch die Krämpfe deS Jnselvulkans in der engen Meeresbucht Eturzwellen erzeugt worden sind, ist volllommeil begreiflich,»nd es dürste nur der meist steilen Beichasscnheit der Ufer zuzuichreiben sei», das; gerade dieser Nalurkratt nicht noch vielmehr Örtichaflen ilnd Einwohner zun, Opfer gefallen sind. In dieier Hinsicht wird sich am ersten ein Vergleich mit dem Ausbruch jenes anderen Intel- Vulkans, deS Krakatau in der Sundastrasie ziehen lassen. Auch da- mals. 1883, wurde durch die Erschütteruitg der Explosioit. die eine volle Hälfte der Insel in die Luit sprengte, eine Flutwelle erzeugt. Diese aber war so gewaltig, datz sie nicht nur in die über 00 Kilo- meter entfernte Küste von Sumatra und Java eindrang und dort alles bis weit ins Innere verbeerte, sondern ihren Weg um den ganzen Umkreis der Erdkugel nahm. Nach 9 Stunden hatte sie die Breite des Indischen Ozeans durchmessen und brandete an der Osiküste der Intel Madagaskar und sie war nach 17 Stunden an der Südspitze von Südamerika angelangt, wo sie eine noch reckt beben- tendc Hebung deS Meeresspiegels vernriachte. An, besten wird sick die natürliche Bcdelliintg des Ausbruchs von Kagoichima an den weiteren Folgen ermessen lassen, ob es nämlich, ähnlich wie»ach den genannten g rosten Ausbrüchen, zu auffälligen Trübungen der Atmosphäre kommt, die sich zunächst in einer Steigerung der Dämnierungssarbcn beim Ans- und Niedergang der Sonne kenn- zeichnen müßte. Kleines Feuilleton. ««misch. Kaum ein anderes Fremdwort wird so viel falsch ttttgewendek. wie das kleine„komisch". Da fliegt beispielsweise ein Lustschiff in großer Ruhe und Sicherheit über irnS: schon finden das einige Menschen„sehr komisch". Ein ernstes Bild er- regt allseitiges Aufsehen. Es wird über das Für und Wider ge- stritte», und ich börc:„Komisch, dast der Meister das gerade au diese Art dargestellt hat." In beiden Fällen— aus tausend Beispielen sind nur diese zwei hcrausgegrifsen— fragte ich mich:„Wo steckt de»» da das Scherz- und Spasthafte, was ist denn lustig da- bei?" Und dann siel es mir ein, daß das deutsche Volk wieder bei Fremden Anleihen macht, obgleich ihm unsere Sprache treffen- dere Ausdrücke zur Verfügting stellt. Die Menschen lachen über ?HvaS und finden das„komisch", also spasthnft— sie finden aber «tick etlvas merkwürdig und nennen da? wieder„komisch". Ist das Lcrantw. Redakteur: Ätsred Wielevv, Neukölln.— Druck u. Verlag nun nicht komischf Ob man nicht dock allmählich anfangen wird, über den Sinn der Worte iiachzudenken? Physiologisches. Wie man friert. Die Haut wird blaurot, man klappert mit den Zähnen, Arme und Beine zittern, kurz man friert— das sind die äußeren Anzeichen, die der beihciidc Frost auslöst. Allein wie man friert, wie der Körper die Kälte eiiipfindct, ist damit noch nickt erklärt. Unter den verwickelten Gefühlswerkzcugen sind die, die Kälte- und Wärmegefühl vermitteln, mit am wenigsten genau erforscht. Zwar weist man längst, dast einzelne Körperteile gegen .Kälte besonders empfindlich sind, nämlich Brust, Nasenflügel und die Vorderseite der Arme. Die Tatsack>e jedoch, dast es besondere Organe für die Külte- und Wärmoempfindung gibt ist eine Eni- deckuag der jüngeren Vergangenheit. Es ist rund ein Vierteljahr- hundert her, dast der deutsche Gelehrte Goldscheider und der dänische Forscher Magnus Blix gleichzeitig die sogenannten„Kältcpiiirkte" entdeckt haben. Es ist vertKiltniSmästig leicht, ihr Vorhandensein nachzuweisen. Wenn man mit einer ganz feinen, abgekühlten Nadelspitze den Körper abtastet, entdeckt man sie und bekommt auch einen llcberblick über die Art ihrer Verteilung. Tnrchschnitilich kommen(beim Menschen) aus jeden Ouadratzcntimetcr 0 bis 23 Kältepunkte, während die Wärmepunkte viel weniger zahlreich vorhanden sind; deren gibt es nämlich nur 3 im Durchschnitt auf den Qnadratzentimeter. Auf dem ganzen menscklichcn Körper sind schätzungsweise eine Viertelmillion Äältepunkte borhanden, dagegen nur etwa 30 000 Wärmepunkte. Die Kältepnnkte sind es. die dem Hirn und Rückenmark die Nachricht geben, dast der Körper friert und daß der Wärmeaus- tausch zwischen Innen und Austen anders geregelt werden must. Bei sebr heftiger Kälte freilich versagen sie. Unter Umständen lassen sich die Kältcpunktc, deren Eitz man in den sogenannten Mcrkelschcn Körperchen vermutet, auch betrügen, und die Haut friert dann oder hat wenigstens die Empfindung der Kälte, ohne dast diese Kälte objektiv vorhanden ist, ähnlich wie der Kranke im Fieber heftiges Frostgefühl haben kann, während doch seine Tempe- ratur bedeutend höher ist, als sie sein sollte. Es gibt nämlich ge- wiffe Sloffc, die die.Kälte- und ähnlich die Wärmepunkte in ihrer Arbeitsweise beeinflussen. Ein jeder hat wohl schon einmal Pfeffer- minzbonbons oder ähnlich wirkende Stoffe zu sich genommen und danach gemerkt, dast man im Munde und Schlünde das Gefühl der Kälte empfindet, wenn man Luft einsaugt, obwohl die Luft nicht kalt genug ist, um diese Kühlung zu erkläre». Dies beruht ans der Beeinflussung der Kältepunkte, und in gröstercm Maststabe betrügt ein jeder seine.Kältepirnkte, der sich— etwa gegen Kopfschmerzen— mit dem Migränestiste einreibt, dessen wirksamer Bestandteil das Menthol ist. Die Wirkung des Menthols beruht nicht etwa darauf, dast durch Verdunstung Lüälte erzeugt wird, sondern der Stoff hat die Eigenschaft, die 5kältcapparate der Haut so zu verändern, dast sie jede Reizung als Kälte nach innen melden. Wer sich jemals vom Friseur den Kopf mit sogenanntem„Eiswasser", einem Kopf- Wasser, das fein verteiltes Menthol enthält, hat waschen lassen, friert stundenlang nachher am Kopfe, weil Menthol die Kältepunkte in einen trügerischen Rausch versetzt hat. Man frier! dann an der Kopfhaut, einerlei, wie mau sie reizt, ob durch Anblasen oder leichte Berührung Pyyfikalijtyes. Einige Radium Ziffern. Das Radium sende! drei ver» schiedene Strählenartcn ans, deren eine rund 290 000.Kilomeier in der Sekunde zurücklegt. Wegen seiner inneren Energie ist der Stoff stets wärmer als die umgebenden Körper. Trotz der unge- Heuren Geschwindigkeit und Zahl der ausgeschleuderten Teilchen beträgt die Lebensdauer eines Gramms Radium 1730 Jahre. Im Meer sind schätzungsweise 20 000 Tonnen Radium enthalten. Da nun die Energie einer Tonne Radium gleich der von 13 000 Tonnen Kohle zu setzen ist, so würde die im Weltmeer enthaltene Radium- energie einer Äohlenmenge von 300 Millionen Tonnen entsprechen. Ob diese Energie jemals auch zum Betrieb von Schiffen und Kraft- wagen benutzt werden wird, ist vorläufig allerdings noch sehr frag- lich. Wenn das gelänge, so würde das Radium einen dankcns- werten Ersatz für die Kohl? loeni�stens auf einige Jahrhunderte darbieten, was für die Leute, die eine Erschöpfung der Kohle schon in 200 Iahren voraussagen, recht beruhigend sein must. Welche Ausfichten sick ans der Radiumsorschung noch weite: ergeben können, löst! sich noch gar nicht absehen. Ist doch durch sie die Ausfassung von der Materie völlig umgewandelt loorden. Nach der neuen Theorie bestehen Z. B. die Atome des Eisens aus Strömen«lek- irischer Teilchen, die mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit in die Runde fliegen. So könnte man daran denken, dast es einmal möglich sein würde, aus der Energie eines eisernen Schreibzeugs, das man auf dem Schreibtisch stehen hat, ein Schiff über den ganzen Atlantischen Ozean zn treiben. Die Voraussetzung ist nur, dast es dem Menschen gelingt, diese Atomenergie aus dem Eisen herauszubekommen. Das ist eine großartige Zukunftsmusik, die vielleicht manchem betäubend in die Ohren klingt. Die Vertreter der Wissenschaft freilich wissen, was sie von ihren eigenen Theorien zu halten haben, und lassen sich durch solche Perspektiven die Ruhe nicht rauben. Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Sinaer L-Co..Berlin ZW.