UntetfyaHunQsbfatt öes Vorwärts Nr. 28. Dienstag, Ken 3. Februar. 1ÜI4 Das tNensitzlem Matthias. ssz E r z ä h I u n g v o n P a u l I l g. Ganz berauscht vom eigeiieu Elend starrte der Knabe ins Tal, wo es ihm kürzlich so über die Maßen gut erging, daß er alle Dankbarkeit vergaß, bis Vater und Mutter sich wieder kummervoll von ihm abwandten. Es war kann? zu fassen. Dort unten, ir-o die vielen Lichtle'm glommen, hatte er wie ein Herrenkind leben dürfen. Die weite Fabrik lnit dein Obstgarten, der Hasen mit den Schiffen?md dem Boot des Vaters... alles war ihm so gut wie eigen gewesen. Jeden Mittag?md Abend stellte die Mutter, ihn zu gewinnen, gebratenes Fleisch oder einen fettglänzenden Pfannkiichcn auf den Tisch und sagte:„Da, mein lieber Schah, iß, soviel Du inagst!" Ja, aber das Gute war ihm zu Kopf gestiegen! Die Mllttcr hatte oft über ihn weinen müssen und ihn zuletzt gar wieder fortgeschickt. „Nur ein paar kurze Wöchlein... da?>n hol' ich Dich wieder!" sagte sie ztvar beim Abschied, doch er wußte es besser. Es war für iininer. Die dort unten mochten ihn nimmer haben. Vollends der Vater schien keiilen Dcllt i?iehr von ihm wissen zu»vollen. „Alles hast Du verteufelt»nit Deinem du?nmeii Geschrei! Hättest Du den Schicabel gehalten, so könntest Du's besser habeil. Geschieht Dir aber recht lind Deiner Alten, den? hoch- mütigen Pfanenschlvanz!" ergrimmte die Basgotte noch oft, wenn sie ans jenen Festtag zu reden kain. So griiildlich und fleißig Matthias darüber nachdachte, konnte er sein Ver- gehen nicht recht begreifen, dem Unheil nicht auf dcil Sprung kommen. Deimoch drückte ihn ein schiveres Schuldgefühl. Er begriff, daß seine jetzige» Leiden eine»vohlverdiente Strafe vorstelltei?. Dies jedoch mir seiner Mutter tvegen. Sie allein hatte er gekränkt durch Eigensinn und Lieblosigkeit. Das ZerUmrfnis mit dem Dcssinatcur Oberholzer blieb ihm furcht- erregend fremd tvie der geharnischte Mann mit dem Gold- Helm und der finsteren Miene: dieser ragte ja viel zu hoch, um Matthias' Vater zu heißen. Der ferneren Versuchung seines Herzens durch das lln- vergeßliche Bild jenes Ritters setzte sich die frühreife Vernmift entgegen. Wenn nur die liebe Mutter ihn»vicder zu sich nahm... mehr tvollle er nicht erflehen. Auf den, Gupf war's seitdem noch viel trauriger zu leben. Die Basgotte sah ihm nichts mehr nach uild verschtvor sich, ihm alle„Pflänze" von„denen da unten" gründlich aus- zupnllken. Der Große»vollte mich keine Gemeinschaft mehr mit dein verstädtelten Zinlperlich, der die halbe Zeit heulte; selbst die Mädchen leidtverkten ihm, ivo sie nur konnten. Beim Auszug hatten sie ihn heimlich beneidet, jetzt zeigten sie ihm ihre Verachtung,»veil er zu seinem Verdruß znriickgebracht wurde. Als Matthias vor den Laden des Metzgers Girtanncr kanl, überwältigte der Hunger seine Redlichkeit. Sollte er sich nach so großen Strapazen ungegessen hinlegen? Die Basgotte hatte ihm vorgestern nicht limsonst eingeschärft:„Konun ,nic noch einmal so vollgepackt heim, so dresch' ich Dich gleich von» Fleck»veg ins Nest!" Leere Drohungell»varen nicht ihre Sache. Das wußte der Knabe nur zu gut. Aber ebenso- wenig konnte er vom leeren Schlucken satt»verde». Er »vollte essen. Alle Geister, die noch in ihm lebendig»varen, schrien nach Brot. Was verschlug es, tvenn er sich jetzt eine saftige Wurst kanste? Er brachte ja sowieso zu tvcnig Geld heim»lud kam sicher nicht ohne Hiebe davon. Das Böse dieser Handlung trat ihni»venigcr ins Belvußsein als die Stärkung, der er so sehr bedurste. Erst nachdeni die ver- botene Frucht— hastig genug— verschlungen war, fiel ihm das Gebot ein, gegen das er gesündigt hatte. Aber dank st-ilien Peinigern empfand er keine Rene. Der Strafe ge- »värtig, biß er die Zähne zusammen. Seine Knie schlotterten, »vie er auf den Staffellveg kani und die Einkehr zum Gupf erblickte. Ja, der Felskcgel stand noch an? alten Platz! Weder Haß noch Verzwcifllliig konnten ihn von der Stelle rücken. Bedrohlich hing er nach tvie vor über dein alten Dach und morgen oder in tausend Jahren stürzte er, von unsichtbarer Hand betvegt, in die Tiefe, alles mit sich reißend, was da im Wege stand. Frau Angehr saß noch im Freien, einem Gnggisauer Postillion gegenüber, der öfters am späten Abend herunterkam,»veil—„die Wirtin zuin Gupf so süffige» Birnensaft habe." Es mochten indessen»vohl noch andere Anziehungs- kräfte mittvirken, denn nur einen guten Schluck znlieb tr>ar der Weg reichlich weit und llnbeqiicm. Dazu saß der blau- blusige Gast»neist schtverfällig, wortkarg vor seinem GlaS, und die Wirtin milßte ihm die paar Worte über sein Tage- »verk»vie mit dein Schraiibcnziehcr entwinden. Es war ein schlächtiger Bnrsch im Rekrntenalter, groß, blond und blau- äugig, so voll llngelenker Kraft, mit einem Appetit aufs Leben, daß es ihn forttvährend lächerte»vie ein Schulmädchen, dein geschmeichelt»vird. Wenn die Angehrin scineil Kanonen- stiefeltritt hörte, trug sie stets ungefragt de» Mostkrug hinaus, legte einen dürren Landjäger und eine» Laib Brot dazu oder machte schnell cineir breiten Eiertätsch,»vas alles der Gesell ohne viel Federlesens versorgte. Die Kinder sahen ihn wohl meistens kommen, aber selten gehen. Er hatte auch gar keine besondere Freude an ihrer Gegenivart. Wenn ihn? die nasciveise Frida zutraulich eilt- gegensprang, sagte er getvöhnlich:„So, Du Fratz, ins Bett mit Dir,'s ist Zeit!" Am meisten Unbehagen machte ihm der Große in seiner Kurzangebundenheit und unverholenen Feindschaft. Der lungerte und lauerte den ganzen Abend ums Haus herum,»md die Mutter hatte jedesmal ihre liebe Not, bis der Aufsässige in den Federn»var. Heute saß Konrad nach neune noch bastelnd vor der Hans- tür, obwohl er keine Handarbeit mehr sehen koimte. Er »veigerte sich hartnäckig, von der Stelle zu»vcichen und machte böse Augen gegen den Postillion. Die Angehrin knirschte vor Wut, noch mehr aber erschrak sie über den tückischen Widerstand des Zwölfjährigen, der die eigene Mutter arg- wöhnisch bcivachte. Was verstand er von ihrem Umgang mit dein Manne? Es»var ja auch nicht deilkbar, daß der Bub ahnen konnte,»vas dieser mehr als Speis' und Trank von ihr»vollte. Verbarg sich hinter seinem Trotz nur kindliche Eifersucht? Der naheliegende Gedanke beruhigte sie nicht. Es»vurde ihr himmelangst lind siedendheiß bei Konrads lauernden Blicken. „So geh mir jetzt uni tausendgottswillcn dem Kleine»! entgegen. Er»vird»vohl nicht mehr»veitab sein. Am End' hockt er irgend>vo in der Nähe und getraut sich nicht heim, »veil er»vieder der„faule Hund" irmr und nichts ausgerichtet hat!" forderte sie ihn noch einmal in Güte auf, indem sie vor ihn hintrat und ihm sein Werkzeug zu entreißen suchte. Er»vich nur einige Schritte beiseite und knurrte bösartig. „Ihr tätet alllveg besser, einen handlichen Stecken zu nehmen!" höhnte der Roßknccht in seinem Verdruß. Das dauerte ja»vieder eine Eivigkeit. Worauf Konrad sich»vie eine Katze sprungbereit machte und aus Leibeskräften schrie:„Ja... für Euch! Und morgen sag' ich's dein Vater!" Frau Angehr konnte sich nicht rühren. Es schivefelte ihr um die Nase, sie begriff nur, daß es hellauf eingeschlagen hatte und sie selbst die Betroffene sei. Der täppische Lieb- haber»var zivar stierenmäßig ausgefahren. Aber Konrad hatte flinkere Beine. Im Hui verschlvand der freche An- kläger im Tobeldunkel. „Was ist denn das jetzt»vieder? Ja, bin ich noch bei Sinnen?" ertvachte die Mutter, ganz»veiß vor Entsetzen. Sie stieß den Postillion, ivclcher aus der wüsten Szene recht plump eine gute Gelegenheit machen»vollte, erbittert zurück und gebot ihm zornig, nur gleich abzudampfen. Sie habe genug für heute. Danach saß sie ernüchtert, geisterhaft ans der Schwelle des mondbeschienenen Häuschens in einem Grimm, der ohne Gerechtigkeit,»vie ein Diebsfeuer wucherte und dann doch vor Sturz»oellen der Schani erstickt»vurde. Was sollte sie be- ginnen? Wo den festen, geraden Blick hernehmen, den hell- sichtigen Jungen zu strafen, selbst tvenn ihre Kräfte dazu noch ausreichten. Und dann— hatte diesen nicht die Achtung bor dem Vater zum mißtrauischen Hüter der Hausehre ge- macht? Es»var eine vernichtende Niederlage; der ärgste Feind Füiuitc ihr teilte schlimmere toünfchm. Das einsame Weib in feinem wilden Lebenshunger starrte gedankenscheu in die Verschleierte Tiefe, nicht so schlecht, um der Versuchung ihres gültigen, schmachtenden Sonimers nicht zu fluchen und doch zit schwach, ihr mutterstolz zu. widerstehen. WaS tvar denn nun? Aufgescheucht die heimliche Schande... in die Welt gehetzt durch das eigene Kind, vor dem sie kaum mehr den Blick heben durfte... Matthias konnte es mit der Heimkunst nicht schlechter treffen. Er hatte wirklich schon geraume Zeit hinter dem Haus Posten gefaßt, auch den kurzen Streit belauscht, ohne davoil etwas zu begreifen. Da es bald hernach ganz still wurde, schlurfte er behutsam herbei und stellte seinen Korb mit einem verdrückten Abendgruß vor die Vasgottc hin. Sie fuhr herum wie ans einer anderen Welt, da sie den Tunichtgut über den Aufruhrer vergessen hatte, warf rasch einen Blick aus den schlechten Markt sowie in Matthias' schuld- bewußte Miene und konnte nun ihre Wut von der Kette lassen. Der grundaufwühlende Schmerz, den der Große ihr antat, ergoß sich in Tränen vor dem bebenden Schwester- söhnchen.(Zorts. folgt.) hunöe unö Menfihen. Von Martin Andersen Ncxö. I. Man hat unser Jahrhundert das der Kinder genannt, könnte man es aber nicht init ivcit grötzerm Rechte das der Hunde nennen? Geh einmal durch die Stadt, iver versammelt den größeren Auflauf, ein verlvahrlostcs Kind oder ein verwahrloster Hund? Ich habe neulich einen solchen Auslauf aus dem Westcrbro-Marlt in Kopenhagen mit angesehen— ein halbes Hundert Menschen standen geschart um ein Skelett von Köter. Das arme Tier zitterte in der Kälte und schwankte auf den Beinen; Ungeziefer hatte ihm das Fell in großen wunden Flächen abgenagt. „Das arme Wesen", sagten die Leute— mit weicher Stimme— und sahen empört aus. Es regnete Vorschläge von allen Seiten; der eine lief zum Schlächter nach Abfall, ein anderer in die Apotheke nach Karbol. Der Schutzmann hielt da« unglückliche Vieh an einem Stück Strick, das als Halsband diente; er war am eifrigsten von allen.-- Im Zuschanerschwarm sind auch Kinder auS den Höhlen in den Nebenstraßen von Westerbro— der Absalonstraße, Dancbrog- straße und wie sie alle heißen. Sie haben sich in den Kreis gedrängt und tun sich vor allen darin hervor, ihr Mitleid zu zeigen. Sie sehen übrigens nicht danach aus, als wären sie gut gebettet. Es sind die tongrauen Wesen des Hinterhofs; schmächtig, unterernährt und stockfleckig, voller Jnscltenbisse an Hals und Hand- gelenkcn. Ich lüfte die Mütze eines der Kinder; seilt Kopf ist in der gleichen Verfassung wie der deS Balgs des Hundes, das Haar ist in großen Flecken ausgegangen. Die Zunächststehenden rücken mit eincnl Ausdruck des Abfcheus beiseite; man hält sich überhaupt die kleine» räudigen Wesen fern. Ich setze dem Jungen die Mütze wieder auf, ohne daß er etwas merkt. In diesem Augenblick könnte man ihm wohl in die Augen stechen, ohne daß er darauf achtetet, so beschäftigt ist er. Der Mann. der zun, Schlächter gegangen war, ist nämlich wiedergekommen— nicht mit Absall, sondern mit schierem Fleisch. Ein ganzes Pfund ist es wenigstens.„Einmal soll er doch erfahren, was gut leben heißt," sagt er und sieht gerührt z», wie das ausgehungerte Tier drauflos frißt, daß es beinahe erstickt und die Fleischftreifen tvieder aushusten muß. Die Augen deS Knaben stehen auf den Stielen, er hat die Hände auf seine Knie gelegt und beugt sich tief über den Hund, als wollte er ihm Gesellschaft leisten; die Leute lachen über ihn. Dann dreht er den Kopf nach einem Kameraden um. „Du I Der kriegt schieres Fleisch I" sagt er mit seltsam feierlicher Stimme und starrt wieder. „Nee, det is Kabbenade," sagt der andere zurechtweisend. Die Leute lachen über die Interessiertheit der beiden, und das Ganze löst sich auf, als ein beherzter Tierfreund ein Auto opfert und das verwahrloste Tier nach der Landwirtschaftlichen Hochschule fährt. Ein Auto! Die Kleinen blicke» dem Hunde mit neidischen Augen nach. Vernachlässigt genug sind sie. Wären sie bloß auch Hunde! Sieh, wie die Menschen vor sich hinlächeln, wenn sie wieder ihren Geschäften nachgehen— als wären sie in besonderem Grade zusrieden mit dem Verlauf irgendeiner Sache. Der unglückliche Hund hat etwas in ihnen ausgelöst, w, s nicht jeder Tag ihnen zuträgt— HerzeuSgüte. Und wie die ihnen aus den Augen leuchtet! Run sollte man ja glaub»», daß— besonders in einer großen Stadt— das menschliche Mitgefühl reichlich in Anspruch genommen werde. Und so würde es auch Wohl sein, wenn nicht der Teufel die Karten mischte. So wie eS ist, haben alle Menschen einander zu Gegenspielern, und beim Kartenspiel gibt eS bekanntlich keine Freundschaft. 1 Die Menschen beben in immer höher»»(Stabe ton einander— um nicht zu sagen durch einander. DeS einen Brot ist so und s» vieler andcrir Tod. Dein Elend zuleibe gehen, würde sür viele 6e» deuten, die Waffen gegen sich selbst zu erheben. DaS Herz würde eine zu große Gefahr für das Bestehende bergen, und in dieser Erkenntnis hat die Zeit«S abgeschafft, eS wenigstens von seiner wesentlichsten Funktion befreit, dem Verhältnis von Mensch zu Mensch. Natürlich erfordert ein gewisses Maß von Kultur stets einen gewissen— mechanischen— Apparat für Wohltätigkeit, um ruhig schlafen zu können. Aber wirklich lebendiges Mitgefühl würde den Nachtschlaf stören— und noch mehr. Da klopft man sein gutes Herz zur Ruhe— und läßt eS höchstens im Theater funktionieren. Als„Rose Bernd", die Tragödie der armen verführten Dienst- magd, die als KiudeSniörderin ins Gefängnis wandert— im Dagmartheatcr in Kopenhagen gespielt wurde, hörte ich eines abends nach Schluß der Vorstellung zwei Agrarier sich über das Stück unterhalten.„Ich habe so wunderschön geweint," sagte der eine, ein richtiges Rauhbein von Junker, der seine Leute behandelt wie's liebe Vieh. Im Theater weint jeder gute Bürger über den Burschen aus dem Kaschcmenviertcl, der zum Zuchthaus vorausbestimmt ist, oder über das verlassene Weib mit dem Kinde; und alle dürfe» es sehen; im Theater ist eS keine Schande, Mitleid zu haben. Aber Gott helfe den beiden, wenn sie den Weg des Heimkehrenden kreuzen— und um ein Almosen betteln. Dann fährt sofort der steucrzablende Bürger in ihn. Da leistet man seine hohen Abgaben sür Armen- Wesen und Polizei und soll solchen Belästigungen ausgesetzt sein I Der Mann ist kein Büttel, im Gegenteil, er ist, was man einen guten Menschen nent. Aber, wie gesagt, er ist selber in die Sache verwickelt, er hat eine oder zwei kAtien im Elend. Sollte er sich nun daran machen, die Grundlage sür sein und der Familie Wohl- befinden zu analysieren? Die bleigrauen Gesichter sollten es bleiben lassen, von der Finsternis der Gassen Zeugnis abzulegen, sie sollen sich an die Bühne hallen— daraus ist er eingestellt. Sollte ihn etwas Menschliches ankommen, so schlägt er sein Evangelium auf:„Darwin, erläutert und erklärt", und liest darin, daß kein Mensch sich in seinem Verhältnis zu anderen von seinem Mitgefühl leiten lassen darf-t-, das wäre eine Sünde gegen die Entivickelung. Und da trotz allem ein natürlicher Fonds von Mit- gefühl in ihm steckt, so hält er sich einen Hund. Irgendwie muß eS sich ja betätigen. Das Jahrhundert gehört den Hunden. Kleine Knaben schleppen täglich zu Hunderten große Lasten in der Stadt herum, ohne daß irgendein Tierfreund sich darüber aufhält, ober ein Mann mag es versuchen, einen Hund vor seinen Handwagen zu spannen I Jetzt bat irgend jemand herausgefunden, daß es eine Sünde ist, mit Fliegenfängern Fliegen zu fangen— höchstwahrscheinlich ein Mensch, der seinen Garten mit Stacheldraht umgibt, um arme Burschen zu fangen. Wenn Eheleute kinderlos sind, nehmen sie dann ein Kind zu sich? Sie nehmen einen Hund. Und Hundeliebhaber sind in der Regel Kinderhasser. Die schlimmsten Tyrannen, die schonungslos über Untergebene, Frau und Kinder regieren, lassen sich oft von einem Hunde tyrannisieren. Bei uns scheint der Hund iin Begriff zu sein, Gegenstand eine? besonderen Kultus zu werden. ES kann ja genierend sein, als Gast in einem Haufe zu weilen, wo die Kinder in Freiheit erzogen werden; aber Gast in einein Kopenhagener Heim zu sei», wo ein Hund gehalten wird, ist eine reine Tortur. Man muß das Tier bewundern, muß entzückt davon sein, an seinen Flöhen teilzuhaben, muß eS streicheln, wenn es die schmutzigen Pfoten auf unsere Kleider setzt— und soll am liebsten von nichts anderem reden als von ihm. Eine Mutter kann töricht sein in ihrer blinden Bewunderung sür die Unarten ihres Kindes: aber ein Ehepaar, das vor Entzücken über einen mehr oder weniger unappetitlichen Bobby himmelt, ist die reine Idiotie. Kennt jemand einen Unwillen, der lauter zum Himmel schreit als den, womit Herrchen und Frauchen erzählt, sie seien auf der Straße von einer gemeinen Mannsperson angeherrscht worden, bloß weil Ami— aus purem Uebermut, reiner, bloßer Lebensfreude— ein Stück seiner Hose erwischt Habel Die Hunde verleihen unserer Stadt die Physiognomie. Hier, wo eS verboten ist, auf Trottoir zu spucke»«, nimint' jeder Hunde- besitzer mehrinalS täglich sein Vieh und läßt es den Bürgersteig besudeln— vor aller Augen. Wer kennt nicht unsere schlüpfrigen dänischen Fliesen? Sie sind bis weit über die Landesgrenze be- rüchtigt. Gleitet»nan aus und fällt, so sind nicht die Bananenschalen daran schuld; sonst wäre ja die Polizei bald zur Stelle und nähme einen Rapport auf. Die Hunde unserer Stadt sind heilige Tiere, sie feiern ihre Orgien, Ivo sie wollen, und habe» das Recht, alles zu besudeln, das ausgehängte Wildbret des WildbändlerS und die ausgestellten Stoffrollcn des Tuchhändlers. Mit der gleichen Galanterie heben sie das Hinlerbein ain Latcrncnpfahl lvie an der Dame, die träumerisch vor einem Konfektionsschaufenster steht. Sie stecken die Schnauze in jeden Un« rat auf der Straße, vergraben sie i,n nächsten Augenblick in den NahrungSinitteln der Läden oder in den« weichen Gesicht ihrer jungcn Herrin; sie belecken Räude, Geschwüre und Wunden— und BeTfrfert bann haS Aeflcht bt8 KiiideS. Die ifeScit, Ncven, treuen Geschöpfe t Hm und wieder protestiert ja jemand, wenn Hunde mit in Nahrunasnnttelläden genommen werden; aber wo der nötige Nach- druck fehlt, da ist die Schlacht von vornherein verloren. Desto mehr Nachdruck ist vorhanden, wenn der Besitzer des HnndeS um sich beisit; diese Leute gebärden sich immer, als stände» sie dem Herzen des Heben Gottes näher als wir anderen. Ohne Zweifel gewinnen die Hunde an Terrain aus Kosten des Menschlichen. Wie manche Dame, die vor Verlegenheit in die Erde sinken wilrdr, wenn sie einem kleinen Kinde auf der Strohe zurccht- helfen sollte, steht ungeniert still und ividmet Bobbys schwierigem Stuhlgang auf dem Bürgcrstcig ihre ganze Teilnahme. Sie muh noch mehr durchmachen; der Hund ist ein zynischer Gefährte. Auch in unseren Tagen ist es eine Sünde, den Kindern das Brot wegzunehmen und es vor die Hunde zu werken. Und es rächt sich— der Hund demoralisiert. Der Schohhund macht uniarchcr innen und außen— ein jeder kann das leicht beobachten. Und er verwirrt, wie gesagt, Gefühle und Begriffe! In Kopenhagen und auch andcrsivo gibt eS NestaurantS, aus denen man einen Mann in ArbcitStracht hinausweisen würde. Aber die Hunde haben oft eine eigene Rubrik auf der Speisekarte, und unter jedem zweiten Tisch liegt ein stinkender Köter und zermalmt »einen Gang HundesuUer". Der Laubenkolomst. In den Laubenkolonien Wendel man neuerdings dem Obstbau eine erhöhte Aufmerksamkeit zu. Jin verflossenen Herbst bat z. V. der Verband der Laubenkolonisten in Berlin 2000 Stück verschiedenartiger Obstbäume für seine Mitglieder beschafft, die durchweg auf Laubenparzellen zur Anpflanzung gelangten. Viele Kolonisten werden ja leider au» diesen Pflanzungen keinen Vorteil ziehen, weil der Obstbaum einer Reihe ungestörter Pflegejahre bedarf, bis er die ersten Erträge abwirft, die Laubenparzclle aber eine recht im« sichere Pachtung darstellt. Hoch- und Halbstämme sollten über- Haupt von der Anpflanzung auf Laubenparzellen ausgeschlossen bleiben, einmal weil schon der Raum, den eine gut einwickelte Süß- lirsche oder ein Apfelhochstamm beansprucht, weit über die Größe einer Durchichniltsparzelle hinausgeht, dann aber auch, weil mit- sprechende Erträge im günstigsten Falle erst 10—12 Jahre nach der Pflanzung einzutreten beginnen. Halbstämme werden wohl etwas früher tragbar, ihre Kronen erreichen aber den gleichen Umfang Ivie die der Hochstämme und beschatten die Beete der Parzellen noch viel mehr. Eine Folge davon ist ein recht dürftiger Pflanzen- wuchs unter den Baumkrone, der sich schon vier bis fünf Jahre nach der Anpflanzung der Stämme bemerkbar macht und später derart zuninimt, daß überhaupt jede Kultur von Blumen, Gemüsen und Erdbeeren, also Unterkulturen, aber auch Zwischcnkulturen van Becrenobst ausgeschlossen sind. Der entwickelte Hoch- und Halb- stamm beherrscht die Parzelle, wirft seinen Schalten noch schädigend auf die Nackbarparzellcn und dabei ist es fraglich, ob er trägt, und wenn er trägt, ob die Früchte von guter Beschaffenheit sind. Frühe Tragbarkeil und Güte der Früchte hängen ganz wcscntiich von der richtigen Sorlcnwahl ab, mit schlechten und für die örtlichen Verhältnisse unpassenden Sorien wird alle Mühe vergebens sein. Wenn man nach jahrelanger Arbeit den nüt Sorgfalt gepflegten Baum an seinen Früchten als nündcrwertig erkennt, ist man gezwungen, die Krone abzuwerfen, eme gute Sorte aufzupfropfen und dann wieder einige Jahre in Geduld abzuwarten. Will man im engen Raum der Laubcnparzelle durchaus einen Kern- oder Steinobstbaum pflanzen, so wähle man möglichst schwach triebige und frühtragende Sorten, die aber nicht auf Wildlings-, sondern auf Zwergu'nterlage veredelt sein müssen. Trotz Veredelung auf Zwcrguuterlage erreichen z. B. einzelne stark- triebige Apfelsortcn nach v— 8 Jahren einen Kronen-Durchmesser von 6—8 Meter, so Kanadarcinctte, Schöner v. Boskoop, Gelber Belle- flcucr und RibSton-Pcpping, Solche Sorten sind von der An- Pflanzung unter kleinen Verhältnissen ausgeschlossen. Birnen haben durchweg daS Bestreben, mehr hoch als breit zu wachsen; sie nehmen dann nur sehr wenig Raum ein, wenn man sie als sogen. Spindel- Pyramiden zieht. Die besten AP felsorten, die ich für bescheidene Raum- Verhältnisse kenne, sind in erster Linie der Bellini, der früh und so ungeheuer reich trägt, dah er sich erschöpft, wenn man ihm nicht Jahr für Jahr einen Teil dcS FruchtbehangcS nimmt, und die zwar kleine, aber feine AnanaSreinette, die aber schon einen bevorzugten Staudort verlangt. Auch die Wintergoldparmänc kommt noch in Frage, weil sie mehr hoch al§ breit wächst; sie ist im schweren, gehaltreichen Boden weit dankbarer als ini märkischen Sand, in dem man sie nur durch jährliche reiche Düngung zum Tragen bringen kann. Dabei ist sie leider sehr empfänglich für Blutlaus. Unter den Pflaumen ist KirkeS Pflaume meiner An- ficht nach die feinste und empfehlenswerteste. In zweiter Linie empfehle ich die Pflaume Anna Späth, die ihrem Namen alle Ehre n-.acht, da sie wirklich eine späte Pflaume ist, die entweder von Mitte September ob reift. oder in ungünstigen Jahren überhaupt nicht vollrcif wird. Eine wirklich dankbare Pflaume ist auch die kleine, gelbe Metzer Mirabelle; sie Wird weit seltener als blaue Pflaumen und Zwelschen von Maden s befallen. Das verflossene Jahr brachte fast durchweg madenfrei« Pflaumen. Solche Jahre sind leider nicht die Regel sondern die AiiSnahine. Die gewöhnliche Hauszwetsche läßt sich leicht durch WurzelauSläufcr echt vermehren, die im übrigen eine unangenehme Beigabe jeder Pflaiimcnkultur sind. In guten Zwclscheniahren herrscht an Hauszwetschen ein solcher Ucberfluh, daß die Züchter oft froh sind, wenn sie 1—2 M. für den Zentner erhalten. In den Vierlanden bei Hamburg wurden in dem verflossenen guten Pflaumenjahre von den Großhändlern schließlich nur noch£>0 Pf. pro Zentner geboten. Unter den Birne ns orten für kleine Verhältnisse ist die Gute Luise mit herrlich gefärbter, forcllenartig gezeichneter, hoch- ;ei>icr Frucht, die im Oktober reift, sicher die beste für kleine Ver« hältuisse. Feinste Spätbirnen, die noch im märkischen Sand gute Erträge geben, sind DielS Butterbirnen, Joscphine von Mcchcln und ESperance Bergamotlc. Die beiden letztgenannten sind späteste Sorten, die sich bis März halten. Bei kleinen Rauniverhältniffen darf man nur Birnen pflanzen, die nicht auf Wildlinge, sondern aus Quitten veredelt sind, was mähigen Holzwuchs bedingt. Gewöhnlich werden schon beim Pflanzen eines Obstbaumes schwerwiegende Fehler gemacht. Erstens, indem man schlecht ent- wickelte, krankhaste, dafür aber billige Bäume pflanzt, also Bäume, die ein ehrlicher Züchter überhaupt nicht verkaufen sollte. Zweitens, indem man nicht richtig pflanzt, oft zu hoch, meist aber zu tief; drittens, indem man kein richtiges Pflanzloch macht, den Boden auch nicht vorbereitet, und viertens, indem man Wurzel und Krone vor der Pflanzung verstümmelt. Es gibt ja moderne Obstbauapostel, die eine Barberci wie das Verstümmeln der Wurzeln und Krone vor der Pflanzung empfehlen. Die Praxis hat aber gelehrt, dah ein solches Verfahren verwerflich ist. Die Krone muh freilich geschnitten werden, entweder gleich vor der Pflanzung oder, was häusig besser ist, im folgenden Jahr. Aber auch weiterhin ist jährlich oder ein und um das andere Jahr ein Auslichten der Krone und sachgemähcs Zurückschneiden der Lcittricbe erforderlich, mindestens so lange, bis man ein gleichmäßig ausgebildetes, festes Kronengerüst erzielt hat, das sich auch der Last des Fruchtbehanges guter Jahre gewachsen zeigt. In der Königlichen Lehranstalt für Obst- und Gartenbau zu P r o s k a u in Oberschlesien sind Versuche in der beregten Art durch mehrere Jahre durchgeführt worden, deren Ergebnisse die Zweckmäßigkeit des sachgemäßen K r o n e n sch n i t t c s vor Augen führten. Bei nicht geschnittenen Kronen hört schließlich der Holz. trieb fast vollständig auf. der reiche Blülenknofpcuausatz ist bei ihnen ein Zeichen der Schwäche, und bald verkümmern die ungefchnittcnen Bäume. Sachgemäß geschnitten, bleiben die Bäume gesund, lebens» fähig und entwickeln jährlich stattliche Holztriebc, die die Krone verjüngen, und an Länge und Stärke die der nicht geschnittenen Kronen um das Drei- öis Vierfache übertreffen. Auch bezüglich des W u r z e l s ch n i t t e s sind in Proskau umfangreiche Versuche durchgeführt worden. Durch zahlreiche Naturaufnahmen im Jahres. bcricht der Anstalt werden die Wurzeln und Kronen einer Anzahl von Bäumen veranschaulicht, die nach dem amerikanischen, sogen. Stringfcllow-Vcrsahrcn, und einer Anzahl anderer, die mit lang- geschnittenen Wurzeln verpflanzt waren. Bei den mit kurz ge- fchnittcncn Wurzeln gepflanzten Bäumen ist das Wurzelsystem ein kümmerliches geblieben, während es sich nach dem Inngen Schnitt in vorzüglicher Weise entwickelt hat. Ich habe an dieser Stelle schon mehrfach darauf hingewiesen, daß die meisten Laubenkolonisten und Parzellenbesitzer ihre Obst- bäume vollständig verkehrt düngen, nicht nur da mineralische Düngemittel anwenden, wo sie ganz zwecklos sind und nur organische, vorzugsweise Stalldünger am Platze wäre, dann aber auch darauf, daß sie den Dünger da ausbreiten, wo er den Bäumen überhaupt nicht oder nur zum allergeringsten Teil zugute kommen kann, dicht um den Stamm. Ein Ausbreiten von Dünger dicht um den Stamm ist für frisch gcpflanzte, empfindliche Obstbaumarten als Winterschutzdcckc, die das tiefe Eindringen des Frostes erschwert» ganz am Platze. Wenn man aber einen Obstbaum düngen will, muß man den Dünger da ausbreiten und unterbringen, wo er auch den feinen Saugwurzeln, das heißt den äußersten Verzweigungen des Wurzelsystems, zugute kommt; denn diese allein können die im Boden gelösten Nährstoffe aufnehmen und weiter. leiten. Früher nahm man an, daß sich das Wurzclshstcm eines Baumes unterhalb der Krone halte, also die äußersten Wurzeln so weit wie die längsten Kronenäste vom Stamm entfernt seien. Deshalb breitete man den unterzubringenden Dünger unterhalb der gesamten von der Krone überdeckten Bodcnfläche aus. Heute weiß man, daß selbst diese Anschauung eine irrige ist, daß die Wurzeln bedeutend weiter als die Kronenäste streichen. In der Gärtnerlchranstalt zu Geisenheim a. Rhein mutzten eine Anzahl Bäume eines älteren Apfclbuschquartiers beseitigt werden, bei wel- cher Gelegenheit sorgfältige Wurzelausgrabungen vorgenommen wurden. Man stellte dabei fest, daß eine Anzahl Scitenwurzcln eines lOjährigcn Apfclbuschbaumes, der 74 Zentimeter Stammumfang und bkb Meter Kronendurchmcsser hatte, eine Länge von je 3 Meter aufwiesen. Bei 8 Meter war eine Wurzel abgebrochen und zeigte hier noch 10 Millimeter Stärke; ihre Gesamtlänge dürste deshalb sicherlich 10 Meter betrage» haben. � Dieser Befund lehrt aufs neue, wie falsch die Annahme ist, daß die Düngung nur unter der Kroncntraufc zu erfolgen habe, denn die Kroncntraufc war bei diesem Baume 2,80 Meter vom Stamm entfernt, eine einzelne Seitenwurzel aber 10 Meter. Ich habe bei meinen eigenen Pflan» gungcn Von Wrifitngen zetzt in Groß- Verlin in bedenklichem llmfange auftretenden amerikanischen Stachelbeermchltau. Man schneide die vorjährigen Holztricbe der Stachelbeeren auf j-, ihrer Länge zurück, verbrenne die abgeschnittenen mit Pilzsporen behafteten Tricbspitzcn und be- spritze dann die Sträucher und Bäumchen. Im belaubten Zustande stud Stachelbeeren gegen Schwefel in jeder Form außerordentlich cmvfindlich! sie lassen wenige Tage nach der Behandlung die Blätter fallen. Achnlich verhält sich das Steinobst, namentlich Pfirsiche und Pflaumen, während Aepfel und Birnen kurz nach der Blüte und dann noch zweimal i» vierwöchigen Zwischenräumen mit stark ver- dünnter Schwefclkalkbrühe bespritzt werden können.(1 Teil Normal- brühe auf 30— 35 Teile Wasser.) Bei dieser Behandlung bleiben die meisten Sorten absolut schorffrei. Hd. Klemes KmMLtsn. Der Hausleercr. Er ist bekannt, er ist gefürchtet, er ist allüberall, er ist der Schrecken sämtlicher VersauunlniigLbcsucher. Ohne ihn keine Ver- sammlung, keine Versammlung ohne ihn. Ob politisch oder unpoli- tisch, ob öffentlich oder nichtöffentlich er ist in jeder Versammlung zu finden. Es gibt keine Frage zwischen Himmel und Erde, an die er sich nicht heranwagte. Er redet immer»nd hat nie etwas zu sagen. Eine Versammlung, in der er nicht geredet hätte, wäre verfehlt, zweck- los gewesen. Er redet nie unter einer halben Stunde, meist aber viel länger. Wenn er bereits dreimal geredet hat, beklagt er sich, daß nian ihn in perfider Weise nicht zu Worte kommen lasse und bricht eine Lanze für das Recht der freien Meinungsäußerung. Der Leitung wirft er vor, daß sie ihn absichtlich nicht in die Rednerliste eingetragen oder andere Redner ihm vorangesetzt habe. Er ist immer mißtrauisch und immer in der Opposition. Von Zeit zu Zeit meldet er sich zur Geschäftsordnung und nach jeder Debatte zu einer persönlichen Be- mrrwng. Er beginnt jede Rede so:.Ich hätte eigentlich nichts mehr zu sagen oder:„allein Vorredner hat mir schon alles weggenommen, aber—* oder:.Ich werde mich kurz fassen— Schlußrufe irritieren ihn nicht. Auf sonstige Zivischenrufe geht er jedoch mit behaglicher Breite ein. Er schweift immer sehr weit in die Ferne, auch wenn da? Gute so nahe liegt. Wenn eS sich in einer Betriebsversammlung darum handelt, an den Arbeitgeber das Ersuchen zu richten, Hand- tiicher und Spucknäpse anzuschaffen, so kommt er gewiß auf den Balkankricg, auf den Säuglingsschutz und die Jesuitenfrage zu sprechen. Er verwahrt sich stets sehr energisch gegen den Vorwurf, nicht zur Sache gesprochen zu haben. Eine Versammlung, der er bei- Ivohnt, darf vor Mitternacht nicht enden. Wenn er sieht, daß er nicht mehr zu Worte kommt, stellt er einen Schlußantrag. Emen Stoß Anträge und Resoluiioncn bringt er regelmäßig fein säuberlich geschrieben mit. In Mitgliederversammlungen be- schuldigt er jedesmal den Protokollführer, diese oder jene Stelle aus seiner Rede in der vorhergehenden Versammlung böswillig unterdrückt oder entstellt zu haben. Der Zeitimgsberichterstatter ist in seinen Augen die verkörperte Unsähigkeil, da er seine Aus- filhrungen stets direkt auf den Kopf stellt und schandmäßig kurz wiedergibt. Er schickt daher der Zeitung mit tödlicher Sicberheit «crantw. Redakteur: Alfred Wielcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: ' twdj Erscheinen be» ßecfammiiwgSDecidiH eine Richtigstellung, bat er nicht so, sondern so gesagt habe. Niemals berichtigt er, über- Haupt nicht geredet zu haben. Mit dem Besuch der Versturnnlungcn ist er nie zusriedeu und schmerzlich konstatiert er, daß das Interesse für die Bersammlunge« immer geringer werde und der Judiffcrcntismus unter den Mit« gliedern beängstigend zunehme. Er vergißt auch nie. sich als Muster« beiipiel eines gewisienhaftcn BersammIungSbesiichers vorzustellen und erörtert im Anschluß hieran, wie das VersaimnlungSleben reformiert iverdcn müsse und welche Maßnahmen zu treffen seien, um die Interesselosigkeit unier der Masse zu bekämpfen und sie zu regem VersanimlungSbesnch wieder zu erziehen. DaS ist der HauSlecrer._ k. ü. Heilkunde. Das kalte Bad beim Fieber. Wenn ein Kind sehr stark fiebert, so gilt cS als eine cmpiehlcnswcrte und mitunter vielleicht lebenSrettcnde Maßnahme, den erhitzten Körper in ein kaltes Bad zu stecken, und auch für Erwachsene ist bei manchen Erkrankungen derselbe Rat erteilt worden. Er laini nm so eher auf Befolgung reckinen, als nach einer auch im Volke bestehenden Amiahme Fieber- kranke sich nicht erkälten können. Andererseits wird vielleicht eine Befürchtung entstehen, daß durch die plötzliche Ablühlung ein Schlag herbeigeführt werden könnte. Dr. Stewart ist nun im„Journal für experimentelle Medizin" mit neuen Gründen für die Venutziiug kalter Bäder eingetreten. Er geht von der Meinung au?, daß die Erhitzung des Körpers beim Fieber aus einer allgemeinen Zusammeuzichung der Blutgefäß- in der Haut beruhe, loodurch den inneren Organen mehr Blut zugeführt wird. Er vermutet ferner, daß diese Zu« sammenziehung der äußeren Blutgefäße ein auf die Gesundung ab- zielender Lorgang sei. der eher befördert als b-Iämpft werden müsse. Datier sollten zur Herabsetzung der Ficbertcmperatur Mittel gebraucht werden, die der Zusainliienziehmig der Blutgefäße nicht entgegenwirken. Aus diesem Grunde ist das kalte Bad besonders zu bevorzugen, weil c§ die Hitze ableitet, ohne die Hautgefäße zu erweitern. Räch dieser neuen Auffassung wird man die Art der Anwendung in mancher Hinsicht ändern. Früher wurde die Wirkung des kalten Bades hauptsäckilich in einer An- regnng des Nervensystems und einer dadurch bedingten bcstcren Verteilung des Blutes gesehe». Deshalb pflegte man den Kranken noch im Bad selbst und namentlich nach dessen Beciidigimg zu reiben, um die sogenannte Reaktion besonders in den Gliedmaßen hervorzurufen. � Das wäre nun nach der Ansicht von Dr. Stewart falsch, mau müßte den Blutantrag nach innen vielmehr aufrecht er- halten, anstatt ihn durch Reiben der Haut nach außen abzuleiten. DaS kalte Bad muß also seine Wirkung für sich allein ohne weitere Rachbilfe ausüben. Es wird nicht schwer sein, die von Dr. Stewart angestellten und beschriebenen Versuche nachzuprüfen, was nm so wichtiger ist, als es sich hier um ein Mittel handelt, das von jeder- maiiii ohne ärztlichen Beistand angewandt werden kann, und ztoar zutoeilen Ivie namentlich bei Kindern auch im Augenblick ernster Lebensgefahr. Listronomisches. Eine Ruhmestat der Astronomie. Der schönste aller Sterne dcZ Himmels ist der strahlende Sirius. Er ist leicht zu finden, indem mau einfach die dreistennge Linie des Jakobsslabes im Bild de? Orion abwärts zuin Horizont verlängert. Sein- wahre Eiitscrnung beträgt über eine halbe Million Soniienweileii, so daß das Licht, das in der Sekunde 300 000 Kilometer zurücklegt, 8Vä Jahre braucht, che es von ihm die Erde erreicht. Als im Jahre 1840 der KönigSbsrgcr Astronom Besse! seine Stern« ortbcstiiiimungeii mit denen de" Engländers Bradlcy aus dem vorigen Jahrhundert verglich, stimmten alle Stellungen über« ein, nur die beiden Sterne Sirius und Procyon' nicht— Procyon ist ein heller Stern erster Größe in der Nähe des Sirius. — Durch Vergleichungen mit allen früheren Sternkarten bis hinauf zu Hipparch kam, wie wir im„KoSmoShandweiser" lesen, Befiel zu der Vermtitung, daß der Sirius ganz kleine Kreisbewegungen aus- führte, die nur durch einen noch unentdecktcn Trabanten verursacht werden konnten. Er bestimmte den Umlauf dieses Begleiter? auf 50 Jahre. 18 Monate nach Veröffentlichung dieser Arbeit, die nur als eine Vorarbeit gelten sollte, starb Befiel. Sein Nachfolger Peters setzte die Arbeiten BesselS fort, bestimmte die Bahn des uu« sichtbaren Trabanten als eine Ellipse, die er in 50 Jahren durch- lausen sollte, und berechnete sein Gewicht, seine Größe und seine» Abstand. Die Astronomen richteten ihre Tele« skope auf den Sirius und sahen sich die Augen müde.— Aber niemand entdeckte den berechneten Begleiter und fast 20 Jahre vergingen. Als aber am 31. Januar 1802 der berühmte amcrika- nische Lmscngießer Elark sein neuestes Objektiv prüfte und das Fernrohr auf den SiriuS richtete, entdeckte er genau an der Stelle, die Peter? angegeben hatte, ein winziges Sternchen achter Größe in unmittelbarer Nähe des Siriu?. Der SiriuZbegleiter war entdeckt! Bahn, Größe, Entfemung stimmten genau Lberein mit der theoretischen Berechnung.— Wie groß sind doch die Magier der modernen Wissenschaft! Sie prophezeien, daß im Dunkel des Welt« raums Sonnen aufflammen werden, und sie weissagen die Flammeuschrist de« Universums, die sich in Schleifen und Ellipsen erst einem zukünftigen Geschlechte offenbaren wird!_ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LcTo..Berlin SW.