Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Nr. 24. Mittwoch, den 4. Februar. 15)14 Das Menschlein Matthias. 24] Erzählung ti o n Paul I I g. „Ja was? Ist das so gemeint? Herr, du mein Trost! Mitten in der Nacht koninit mir der Lauser heimgeschlichen... Und mit dem vollen Krattcn! Es putzt einen fast! Wohl, Bürschle, Tu kommst mir jetzt grad recht. Tich will ich kuranzen. Wo hast Tus Med?" lamentierte sie jetzt wirk- lich wie von Sinnen, wahrend Matthias in stotternder, wimmernder Hast die Gründe seines Mißerfolges anfzählte. Er sei von Mergentwil nach Briillisau in jedem Haus ge- Wesen, aber die Leute hätten fast überall draußen im Oehmd geschafft, und bei den übrigen müsse ihm ein anderer Hausierer zuvorgekommen sein. Aber die Angehrin ließ ihn nicht aus- reden. „Ein Pfifferling! Dich kenn' ich. Auf der faulen Haut bist Dn wieder gelegen... den ganzen lange» Nachmittag!" strich sie ihm Gehör und Gnade unbarmherzig ans, wobei sie Matthias so kräftig unter dem Arm packte, daß er ihr gleichsam hüpfend in die Stnbe folgen mußte. „Gelt, Dn tust mir uichrS, liebe Basgotte! Ich bin gewiß nicht schuld,'s nächste mal, Basgotte..." flehte er, schon völlig außer Atem, bevor er noch einen Streich er- halten hatte. Es gelang ihm auch, eins ihrer 5liiie zu umfassen.?lber sie schleppte ihn am Boden fort, bis zum Spiegel, dahinter das Pfefferrohr steckte. Es half eben nichts mehr, sie war wieder vom Satan geritten und mußte schlagen... schlagen mit aller Kraft, um nicht aus der Haut zu fahre». Es wurde ein grausiger Tanz in der Mondschein- hellen Stube. Der Geschlagene wehrte sich verztoeifelt, biß die rohe Zuchtnieistcrin in den Arm, ins Bein, klaubte und kratzte sie und vermehrte so ihre Wut. Wilde Schreie zer- rissen die weite nächtliche Stille. Aber sie reichten kaum bis zur nächste» Behausung, und die Wirtin zum Gnpf brauchte iiicht zu bangen, daß ihr ein menschenfreundlicher Nachbar in den Arm fallen werde. Solauge sie selbst es aushielt, ließ sie nicht nach: sie wollte diesmal ganze Arbeit machen, den Trotz des Bürschleins mit allen Wurzeln aus- reuten. Als sein Widerstand gänzlich gebrochen war und er kam» noch japsen konnte, nahm sie ihn wieder beim Wickel und stieß ihn auf einen Kartoffclhaufen in den dumpfen Keller, den kein Schimmer Licht erhellte. Da möge er den Rest der Nacht verplärren und darüber nachdenken, ob er sich endlich bessern wolle. Ihre Befriedigimg währte jedoch nicht lange. In der Kammer droben vernahm sie Maries harten, stickigen Husten, der ihr selber wie mit Messerstichen zusetzte. Das Mädchen, mit dem es langsam zu Ende ging, schien von dem Lärm aus dem ersten Schlaf aufgeschreckt zu sein. Ein Licht in der Hand, stürzte die Angehrin hinauf, dem Anfall zu wehren. Die Kranke hatte auf Geheiß des Arztes ein eigen Lager bekommen, aber ihr schwindendes Leben war nicht mehr zu retten. Beim Eintritt der Mutter saß Marie aufrecht im Bett, mit überhängendem.Kopf, von dem das feuchte Haar wirr, strähnig über Brust und Schulter floß. Eingefallen, fieber- Haft atmend, iii einem gramvollen Zustand der Erschöpfung blickte sie die Kommende von unten herauf böse au. „Immer mußt Tu... Spektakel inachen, wenn andere schlafen möchten!" wehrte sie deren untaugliche Hilfe köpf- schiittelnd ab. Als wüßte sie um ihr nahes Ende, ja, als sei ihre Seele bereits im ewigen Frieden aufgegangen, laar sie empfindlich gegen jedes laute Wort. Am wenigsten konnte sie das Schreien und Toben der Mutter mehr ertragen. „O Herr Jesus, Tu Arincs, Geplagtes!" jammerte diese kleinlaut, geduckt von dem trostlosen Leid.„Was soll ich aber mache", wenn die Lumpenhunde mich bis aufs Blut hetzen?'s wird ja alle Tage ärger, lveun ich ihnen nicht wieder einmal den Meister zeige. Leg Dich nur wieder hin, Du kannst jetzt ruhig schlafen. Ich miiß mich ja selber hassen, weil es manchmal so unsinnig über mich kommt." Darin sagte sie nur die lautere Wahrheit. Sic hätte sich kopfüber die Stiege hinunterstürzen mögen, als sie das sterbensmatte Kind verließ, dessen Augen sie mit einem stillen, schweren Vorwurf verfolgten. Ihre vorige Weisung miß- achtend, schloß sie das Kellerloch wieicr ans und ließ den winselnden Sträfling entwischen. „Marsch ins Ziest! Ich will Dich künftig nicht mehr habe». Deine Alte soll Dir einen anderen Unterstand suchen!" drohte sie in unwahrscheinlicher Selbstverleugnung. Sie wußte jetzt, daß Matthias wieder einmal hauptsächlich für das Vergehen des Großen gebüßt lwtte, nur weil jener ihr im unrechten Augenblick in die Hände lief.— Alles in allem war sie eine Weile bis in die Fingerspitzen zerknirscht, voller Scham über ihre rasende Tierheit. Ja, sie sandte sogar einen flehenden Blick znni Sternenhimmel ans... einen stummen Hilferuf, der ihr Unterstes»ach oben kehrte. Wo litt denn eine mehr am Leben, als sie in ihrer Gier und Ungeniige? Wie konnte sie sich ihrer Natur erwehren? Immer aufs neue wieder rief es ihr zu:„Fort aus diesem Fuchsbau!" Was taugte ihr die herrliche Fernsicht, die er- habcne Einsamkeit? Das vielgestaltige Landschaftsbild konnte ihre darbende Seele nicht mit Leben erfüllen, das eintönige Rauschen im Tobel war nicht die rechte Musik für ihr Ohr, die- jäh abfallenden Matten kein Gelände für ihre Sohlen. Weite, fruchtbare Ebenen, fruchtbare Klee- und Kartoffeläcker, wogende Aehreumeerc hatten ihren Mädchenaugen gefallen, ein starkhiutrottendes Ochsenpaar, eine wühlende Pflugschar, die Kolonnen der Mäher und Drescher ihre Sinne entzückt. Das war ihr verloren. Darum mußte sie verderben. Wie schon oft, wenn der Kummer sie fast erwürgte, sah sie auch jetzt wieder zu dem schreckhaften Felsen auf, in dein traurigen Erwägen:„Ein Riß, ein Sturz in der Nacht..« dann hätten wir Ruh!" In der Kinderkammer wurde indessen ein heimlicher Bund geschlossen. Der Große hatte sich hinter dem Rücken der Mutter hinaufgeschlichen und tat jetzt in seiner knorrigen Art alles, um den gebrochenen Matthias zu beschwichtigen. Begriff er doch recht gut, daß dieser heute für ihn hatte bluten müssen. „Uebermorgen kommst Du einfach mit mir!" meinte er zutunlich, indem er den in die Bettdecke Verkrampften mit dem Ellbogen anstieß.„Wir gehen dann über Mertigen und Haslach, ich auf der einen, D» auf der anderen Seite. Wo Hunde sind, brauchst Du nicht hinein. Ich fürchte sie nicht. Dann mußt Tu's mit den Weibern nur so machen wie ich: weißt, so ei» bißchen lamentieren, es gehe uns heidenmäßig schlecht daheim, sie möchten sich doch erbarmen. � Und nur nicht abzotteln, ob sie keifen oder fausten. Ich sag' dann immer: „He nun, wenn Ihr nichts braucht, so tut's halt um Gottes willen. Wir sind miscr achte, und der Vater kann's allein nimmer machen." Aber natürlich, wenn Dn bloß so ver- tattert dastehst:„Wollt Ihr nichts kramen?" und Dich mit einem Wort abschirren läßt, kommst Du zu nichts. Man muß ihnen gehörig einheizen!" „Er ist drum noch viel zu klein zum Hausieren! Was braucht sie beide zu schicken? Das ist nur der Geiz. Ich sag's dem Vater. Er soll's ihr verbieten!" ereiferte sich die Kranke, der die Lust zum Schlafen vergangen war. Sie gab damit das Zeichen zu einem unerhörten Angriff und Sturmlauf gegen die Mutter. „Bald jeden Abend hockt sie jetzt mit dem Postheiri zu- sammen, küchelt und brätelt ihm, was er nur niag, und alles umsonst! Er gibt ihr keinen roten Batzen dafür. Was geht uns der an? Wir sind ihm nichts schuldig. Der Vater- weiß nichts davon. Aber wart' nur, ich paß ihm auf, der muß noch merken, was eine Schleuder ist!" enthüllte Konrad seinen gefährlichen Haß, knurrend wie ein guter Wachthund. Tann zog er seine Fetzenhosen aus, hielt sie Marie dicht vor die Augen und sagte:„Da schau! So läßt sie mich herum» laufen. Eine Alte hat niich heut angeranzt:„Wenn Ihr noch so arm seid, so kann Dir die Mutter doch's Zcuglein flicken!" 's ist aber auch tvahr. Früher hat sie's doch auch machen können." Noch manchen Unbill brachten die kindlichen Empörer zur Sprache. Tie bösen Launen der Mutter, deren wilde Verdächtigungen des Weltlaufs vergifteten ihr junges Leben, das ewige Brüten und Seufzen erfüllte alle mit Unlust und Mißtrauen. Warum mochte hier keines singen wie in anderen Hütten? Auch am schlechten Essen, der mangelhaften Ordnung spürte man die mütterliche Abkehr. Sie war geiziger als je, fuchste um sedeu Rappen, mochte keinem eine Freude mehr qönnen. „Mau möcht' lieber nicht mehr dabei sein!" seufzte Marie müde, aus Wunder Seele bekümmert, so daß auch der Große eine Weile kein Wort mehr hervorbrachte. Draußen rauschte, zirpte die Sommernacht. Fernes Hundegebell lockte die Gedanken hinaus. Wozu lag mau belfernd in dieser elenden Baracke? Nur die kleine Frida schlief. Sie hätte freilich auch gar nicht mitreden dürfen. Aber die beiden Aeltesten hielten noch lange Rat. Es loar ein blutig-ernstes Femgericht über die abtrünnige Mutter, die für sich leben wollte, den häuslichen Herd erkalten ließ. Konnten sie auch nicht alles recht verstehen, so sielen ihre Ahnungen um so schwerer ins Gewicht. Sie schlugen sich leidenschaftlich aus die Seite des treuen, gerechten Vaters, der ernst, ohne viele Worte seine Pslicht tat. Tie Verklagte hörte nichts von diesen Anschuldigungen. Es wäre ihr gewiß schwer gefallen, sie mit roher Gewalt zu ersticken.(Forts, folgt.) himöe unö Menfihen. Von Martin Andersen N c x ö, II. Zum Schluß eine kleine Geschichte, die allerlei von der Form unserer Zeit für Mitleid erzählt. Sie ist wahr und— was wichtiger 'st typisch. Einer meiner älteren Bekannten war Privatlehrer in Kopen- Hagen. Ilm sein tägliches Brot zu verdienen, mußte er vorn Morgen bis zum Abend in der Stadt herumrennen, zwischen Schulen und Kursen und den Wohnungen der Privatschiiler. Wenn die fest- angestellten Lehrer sich in den Pausen ausruhten oder Mahlzeit hielten, war er immer unterwegs— von dem einen Ort, wo er unterrichtete, zum anderen. Hänsig waren die Entfernungen groß: meistens kam er im letzten Augenblick in die Schule gestürzt, und er lebte in fortwährender Angst, daß irgend etwas ihn aufhalten werde, so daß er nicht von der Stelle kam. Das kam ja hin und wieder vor, und fortgesetzte„Saumseligkeit" bedeutete Abschied und neue Stundenjagd. Schon dies nahm ihn sehr mit; in der Nacht im Schlaf schlug er sich mit Eisenbahnverspätungcn und Straßcnbahnsiocknngen her- um. Dazu kam die eigentliche Arbeit. Er unterrichtete zehn Stunden am Tage. Mit dieser angespannten Nackerei erreichte er es gerade, daß er und seine Frau sich ordentlich sattessen, anständig gekleidet gehen und eine Dreizimmerwohnung in einem billigen Viertel bewohnen konnten. Doch ain Abend fiel er vor Müdigkeit aufs Bett, und am Morgen, wenn er geweckt wurde, verriet sein Gesicht Furcht vor dm neuen Tag. Man redet viel von der Liebe zur Arbeit. Dieser Mann liebte seine Tätigkeit nicht; sie war ihm zur Hölle, die seine seelische Fähigkeit und seine Freude am Dasein rasch verzehrte— und ihm dafür nur den notdürftigen Unterhalt des Leibes sicherte. Er fühlte sich als Sklave, und so sehr er dagegen ankämpfte, mußte fein Ver- hältnis zu den Kindern das Gepräge davon erhalten— er haßte sie schließlich. Und er hatte gerade diese Tätigkeit als Berns erwählt— als schönsten aller Berufe— und lvar seinerzeit mit großen Er- Wartungen hineingegangen. Sie selbst halten keine Kinder. Sie waren wie so viele andere Eheleute in unseren Tagen gestellt: hatten das größte Bedürfnis, sich mit Kindern zu umgeben und mußten es selber als das ärgste Unglück abwehren, das geschehen konnte. Sie hätten sie ja nicht versorgen können. So hielten sie denn zum Ersatz einen kleinen Hund. Eines TageS bekanr der Mann Gehirnbluten und konnte nicht mehr. Der Hund saß an seinem Bett und pfiff, und die Frau weinte und verkaufte Stück für Stück, um ihm die nötige ärztliche Behandlung und Medizin zu verschaffen. Etwas aus„den guten Zeiten", wozu man seine Zuflucht nehmen konnte, war ja nicht vorhanden, und als Privatlehrer hatte er keinen Anspruch aus Pension. Die beiden waren wie gewöhnliche Sterbliche daraus angewiesen, an den Pfoten zu saugen, wenn sie selber nicht mehr konnten. Nach mehrmonatigem Krankenlager starb er, insofern im günstigen Augenblick, tveil nichts Verkäufliches mehr da war. Von einer vollständigen Heilung konnte ja nie die Rede sein, und es war ein rechtes Glück für die Frau, daß der Tod sich seiner erbarmte. Nun hatte sie wenigstens nur für sich selber zu sorgen. Sie war eine tüchtige Frau, die sich nicht davor fürchtete, bei irgend etwas znzugreifc». Und sie konnte alles, was da kam, denn sie lvar hervorgegangen aus dem besten häuslichen Kreise, den es in Dänemark gibt— sie war die Tochter eines Schullchrers vom Lande. Aber Sorgen, Entbehrungen und das viele Wachen hatten sie mitgenommen, und sie war krank. Nicht etlva so, daß sie ins Krankenhaus kommen konnte, aber sie war niedergebrochen und rnt- krästet, so daß sie nichts beginnen konnte.• Man sah es ihr nicht an, daß ichr etwa? Besonderes fehlte! aber das Unglück und der Verlust des Mannes hatten ihre Fähigkeiten gelähmt und Willen und Energie aufgelöst. Eine Zeitlang lebte sie von der eiustweiligeu Barmherzigkeit; und inzwischen begann sie„Eingaben zu machen", um ein wenig festeren Boden unter die Füße zu bekommen. Sie lieh sich ein dickes Buch von mehreren Hundert Seiten, die von lauter Legaten bandelten, und lief von Tür zu Tür, Woche auf Woche. So laufen ja viele herum, mit ivcchseliidein Glück— auch das Eingabemnacken hängt von der Geschicklichkeit mehr als von etwas anderem ab. i c konnte nicht in Betracht kommen, nicht einmal bei einer Stiftung für rechtschaffene Witwen. An Geschicklichkeit gebrach es ihr vollständig, und das Glück halte ihr nicht einmal wohlgestellte Wer- wandle vergönnt, die sie hätten empfehlen können, aus Furcht davor, daß sie ihnen selbst zur Last fallen würde. Der Hund war ihr treuer Begleiter, und wenn die beiden un-- verrichteter Sache vor den Türen der Legatverteilcr standen, so streichelte sie ihn und sagte weinend:„Uns beiden bleibt wohl nichts übrig als zu verhungern." Auf dieser Wanderung kam sie auch zu dem Großkaufmann X., dein Millionär, der sich durch seine mannigfachen— und aparten— philanthropischen Umernchmungen einen Namen gemacht hatte. Das Glück wollle, daß der Menschenfreund an diesem Tage selbst die vielen Bitlstellcr abfertigte, und daß Bobby, der meist draußen bleiben mußte, um keinen Anstoß zu erregen, diesmal die Gelegen- heil wahrnahm und mit hineinschlüpfte. Die Lehrerswitlve wurde schnell abgefertigt, ihr Fall lvar einer von den allergewöhnlichsten, von denen, die jeden Tag dutzendweise vorkamen, und weder Emp- fehlungen noch sonst etwas erschwerten eine abschlägige Antlvort. Man sah sie kaum an. Um so nrehr Aufmerksamkeit widmete man dem Hunde. Zuerst steckten die Kontoristen die Köpfe zusammen und flüsterreu, und dann machle einer von ihnen deir Millionär auf das Tier aufmerksam; Bobby wurde hinter die Schranke gelockt, und der große PhilaiUhrop befühlte ihn eigenhändig imd� schüttelte mehrmals den Kopf. Der Hund war mindestens ebenso schwach und entkräftet wie seine Brot- Herrin. Die Frau stand lvie auf Kohlen und wünschte, daß man Bobby wieder zu ihr ließe, damit sie fortgehen tönnte. Vielleicht machte man sich lustig über ihr liebes Hündchen, vielleicht fand man es un- verschämt von ihr, einen Hund zu halten, ivcnn sie so arin war und selber um Hilfe eiukam. Das meinteil viele; und sie hatte es so oft selbst gedacht und beschlossen, das Tier zu ertränken— sie konnte es bloß nicht übers Herz bringen. Dann endlich ließ man den Hund durch die Schranke, und die Frau näherte sich beschämt der Tür. Aber einer von den Kontoristen hielt sie zurück. „Fehlt dem Hunde ctioas?" fragte er nrit teilnehmender Stimme, die ihr recht wohl tat. „Ich glaube nicht, daß er richtig krank ist! aber ich kann ja nicht für ihn sorgen, wie ich müßte. Ich teile mein Essen mit ihin, ob- wohl ich Gott weiß, recht gut selber des Ganzen bedürste; aber was für einen zu wenig ist, verschlägt ja erst recht nicht für zwei." Sie sagte das als letzten Versuch, Eindruck auf die Leute zu machen, und blickte zögernd auf.„Er muß wohl ertränkt werden?" meinte sie schließlich leise. Der Philanthrop, der hinter der Schranke gestanden und zugehört hatte, kam rasch hervor:„Wo denken Sie hin, Menscheirskiird! Einen armen, kranken Hund ertränken!" „Ich habe kein Geld, ihn chloroformieren zu lassen— sonst wäre das ja das beste für den Hund und»sich selbst," „Sie mit Ihrem—" Der große Wohltäter fing plötzlich in ihrem Gesichtsausdruck etwas auf und hielt inne.„Können Sie denn nicht begreifen, daß das eine weder schlimmer noch besser ist als das andere?" fuhr er ganz freundlich fort.„Hier soll nicht getötet, sondern geholfen werden— eine viel schönere Aufgabe, nicht wahrl Was der Hund braucht, ist bloß liebevolle, gute Pflege. Können Sie wirklich nicht besser für ihn sorgen? Gar nicht?" Die Witwe schüttelte den Kopf— wie konnte man so dumm und so böse fragen. Aber zornig wurde sie nicht; die Zeiten waren längst vorbei, wo sie in der Lage war. sich heftig zu Ivehren. Sie wandte sich nur der Tür zu. um fortzukommen. „Warten Sie einen Augenblick", sagte der Wohltäter und Ivies auf eine Bank. Er konferierte eine Weile mit dem ersten Buchhalter, und dann kam er wieder zu ihr zurück. „Ich glaube, wir haben eine Regelung gesunden, liebe Frau." sagle er warm.„Die Sache ist die, wir tragen un§ mit dem Plane, ein Asyl für verwahrloste Hunde zu errichten. Leider wird ja noch einige Zeit darüber hingehen, bis wir alles so weit fertig haben, die'armen Geschöpfe aufzunehmen; und niemand kann von der Hoff- nung auf bessere Zeiten leben— nicht wahr? Aber vielleicht könnten wir das Kerlchen da in Pflege geben! Glauben Sie, daß Sie ihn recht gut behandeln können. Anständig und sauber sehen Sie ja aus." Die Witwe nickte, obwohl sie die Frage für überflüssig hielt. „Gut, abgemacht! Sie bekommen 20 Krone« im Wouot, die Sie hier jeden Ersten abheben können; aber Sie müssen sich natürlich darin finden, daß wir jederzeit Zutritt zu Ihrer Wohnung haben— zur Beaufsichtigung." Die L-HreeSwitlve(]iiB ihre Adresse an. und damit war die Cache in Ordnung. Sie hatte endlich ein Legat erlangt— dank ihrem Bobbh. Nie vergas; sie, das; er der eigentliche Herr war. und daß sie selbst nur seine Gelder verwaltete. Sehr bald war sie so weit, das; sie etwas durch leichtere Heini- arbeit verdienen konnte, und sie und Bobby ichlugen sich erträglich durch. Das einzige, was ihr Dasein verfinsterte, ivar der Gedanke an den Tag, Ivo das Asyl fertig sein würde und sie sich von dein Hunde trennen inilszte. Dieser Tag kam aber nie, mochte nun der Philanthrop andere Pläne gcsasjt oder die Sache vergessen haben. Bobby behielt seine Unterstützung bis zu seinem Tode. Und auch später litt die Wiiwe keine Not. Mit Legaten geht eS ja ebenso wie mit allein andern hier in der Welt: hat man erst festen Boden gewonnen, so wird man schon fertig. Der Hund half der Frau über den toten Punkt weg.(Dculsch von H. Uiy.) Die Dichter öes Grauens. Bon Peter H a in e ch e r. Wir stehen an der Pforte zrr dein„finstcrn, unbekannten Reich. wo das Grauen wohnt und das Entsetzen". Seltsamen Führern überlassen wir uns, Dichtern und Magiern; dunklen» schwermut- nmwchtcn Gestalten, die, ciüfreindet der lieben, freundlichen Gewohnheit des Lebens und des Lichtes, in jenen nächtigen Bezirken wohne», Ivo die Deisidämonic, die Dämonenangst, ans jedem Strauch blickt. Zitternd, widerstrebend halb, und halb gezogen, wie in einem Bann, mit jenem Merkwürdigen Gefühl des Gruselns, das aus Lust und Unlust seltsam gegensätzlich sich mischt, folgen wir ihnen auf dem Pfad, der zu den unteren Mächten leitet. Wir folgen; denn wie sehr auch das Lebcnvernichtende, das dort unten lauert, mit den Masken des Grauens und des Schreckens uns den Sinn er- schüttern mag: eine heimliche Ahnung flüstert uns zu, das; wir an der Schwelle unerhörter Eröffnungen stehen. Unsere Führer sind die Dichter des Grauens, die kühnen Freier des Uebcrsinnlichcn, die„sehnsuchtsvollen Hungerleider nach dem Unerreichlichen": die Hoffmann, Poe, Billiers de I'Jsle-Adam usw. Es gibt eine Art des Graucns, die das grausige Motiv um seiner selbst willen beschwört und in Wirkung wie Absicht nur auf Nerven- fensation aus ist. Auch in dem Grauen, das jene Dichter auf uns werfen, spricht diese elementare Spannungswirkung ein deutliches Wort. Aber dieses Grauenhafte ist Ausdruck, Sinnbild, voll mcta- physischer Beziehungen. Es ist Zeichen eines Weltgefühls. Schauer aus den Tiefen des Alls hauchen uns an. Der Dichter, echter Roman- tircr, voll der Sehnsucht nach dem Unendlichen, weht mit seinem Schleier, und die dunkle, geheimnisvolle Geisterwelt wird Erschei- nung. Wir sehen die unheimliche Gegenseite, das teuflische Antlitz der Welt, und alle Gelächter der Hölle umgellen uns. Die dunkle Materie faßt uns mit Entsetzen. Der prickelnde Reiz der Sensation, des JrrilationsgefühlS wird zum metaphysischen Grauen. Die Ur- angst befällt uns; der Schauer des Unendlichen, der der Uranfang der Religionen ist. Der erste, der mit voller Entschiedenheit die„schwarze Maske" trug, war E. Th. A. Hoffmann. Schon vorher versenkten sich einige Romantiker in die Nacht- und Rätselgebiete der Natur. Arnim hat mancherlei Spukhaftes in seiner„Jsabella von Aegypten"; auch sein toller„Invalide" ist zu nennen. Auch Chamissos„Peter Schle- mihl" ist ein Werk voll seltsam grauenhafter Fremdheit. Tieck schreibt die feinen Naturmärchen vom„blonden Eckbert", vom „Nunenberg", die den Gegensatz zwischen Mensch und Natur in schneidender Schärfe versinnbildlichen. Genug des Fremden, Dämo- nischen hatte besonders Heinrich V. Kleist in seinem Wesen. Aber erst Hoffmann offenbarte sich das Weltbild in seiner spukhaften Spaltung derart, daß aus ihm ein deutliches Gebilde, eine Dar- stcllung des grauenhaften Dualismus der Prinzipien hervorgehen konnte. In einem fast grotesken Körper steckte bei Hoffmann eine reiche, mit allen Phantasicfarben dcL Ostens geschmückte Träumer- scclc. Und Hoffmann war nicht nur Dichter, sondern auch Musiker und Zeichner von Passion und Fähigkeit. Und nebenher war er Beamter, Kammergerichtsrat in Berlin in den Tagen der Reaktion unter Friedrich Wilhelm III. Das ist ein merkwürdiger Kontrast: aus der einen Seite die Menge ausserordentlicher Fähigkeiten und auf der andern das skurrile Aeussere und der philiströse Beruf. Daraus entwickelt sich eine Diskrepanz des Fühlens, die allerdings durch ausserordentliche Sensibilität und eine merkwürdige schwebende Losgelöstheit ermöglicht und bestärkt wird. Der„feste" Erdboden wird ihm schwankend. Der Alltag wird ihm eine durchsichtige Maske. Er erkennt aus geheimen, unscheinbaren Andeutungen, was unter dem Schleier der Skurrilität verborgen liegt. Ihm kann es nicht verborgen bleiben, dass der Archivar Lindhorst in Wirklichkeit ein Salamanderfürst ist, oder der Dr. Alpanus ein grosser Zauberer. Ueberhaupt liebt er dieses Motiv: die höhere Natur, die sich den Bedrängnissen des gemeinen Lebens unterwerfen muß. Aber er sieht auch durch die hindurch, die nicht aus dem höheren Reich des Geistes kommen; ihm schaudert vor dem„tief gespenstischen Phi- listrismns", der ihn mit der entsetzlichen Leere de? Automaten an- gähnt. Das Automatcnmotiv in seiner Sehrecklichkcit: die Wahn- Mihige, gespenstische Nachäffung des Menschen ist ihm vertraut. („Sandmann",„Antomatc".) Es ist bei Hoffmann wie im Wein« rausch: plötzlich lösen sich alle Beziehungen; die Bewegungen bc- komme» etwas Spukhaftes, Fremdes. Aus diesem inneren Zustand dringt bei Hoffmann das Märchen ins Leben und führt seine grotesken Tänze aus. Eines seiner ersten Stücke und, trotz des Jean Paulschen Nachklanges, der da durchgeht, eines seiner besten, „Der goldene Topf", zeigt seine Art vollkommen. Nichts bleibt hier an seinem Platze. Das heißt: nicht jeder merkt die Dinge. Man muß Poesie im Leibe haben,»m die Wahrheit zu sehen. Die Bürger brauchen Alkohol, damit ihnen die skurrile Ausscusläche durchsichtig werde. Was Hoffmanns Auslösung des Lebens in ihrer Wirkung vielfach etwas mildert, ist das Element des Gro- teskcn. Er liebt die ironische Betrachtung. In den„Elixieren des Teufels" hat er das schauerliche Motiv der Verdoppelung der Per- sönlichkeit grauenhaft genug dargestellt. In der„Prinzessin Bram- Villa" nimmt er den Gegensatz, die Spaltung des Ichs zum Motiv einer leichtfüssigen, arabeskenreichen Groteske. Der Humor Hoff- manns ist köstlich; aber er ist ein gefährlicher Humor, der auf schwankendem Boden tanzt. Es hallen sehr seltsame fremde Ge» lächter aus der Tiefe des Dämonischen hinein. Und wieder zeigt uns Hoffmann, wie fremde dunkle Mächte sichtbarlich ins Leben des Menschen treten. Er erzählt von unheimlichen Beeinflussungen» von Uebertragungen eines geistigen Prinzips auf ein anderes: ein Lieblingsthema, wie ihn überhaupt Willensbeeinflussungcn und magnetische Geschichten sehr anzogen(„Der unheimliche Gast"). Er geht abnormen Seclenzuständen»ach, weil er glaubt,„das; die Natur gerade beim Abnormen Blicke vergönne in ihre schauerliche Tiefe". Verbrechen aus unerklärlichem Zwang(Fräulein v. Scu- dcrhl oder aus bösem Trieb(Sandmann) interessierten ihn. Ent- schlich grauenhafte Angitzuftände schildert er: die Auiomatcnfurcht; wehe Jammer- und Klagelaute in der Natur, vor denen der in den irdischen Organismus eingekerkerte Geist in Schreck und Weh wie vor verwandtem Leiden zusammenbebt. Hoffmann benutzt manchmal noch zu seinen künstlerischen Zwecken Bestandteile des Dämouenglaubens des Mittelalters. Auf derartigen Apparat verzichtet durchaus der andere grosse Dichter des Grauens: Edgar Allan Poe, der Enkel normannischer Ritter, der Sohn Amerikas. Und doch ist Poe bei weitem spukhafter, un- heimlicher, entsetzlicher als Hoffmann. Alles ist bei ihm qualvoller, halluzinativer, fast maniakalisch. Ein seltsam fieberischcs Traumlicht, überirdisch und fremd, fließt um die Welt Poes, die weiter von der Wirklichkeit entfernt scheint als die Hoffinanns, trotzdem er auf de» Spuk der Dämonen verzichtet und mit der Genauigkeit der wissenschaftlichen Methode zu arbeiten vorgibt. Kein Lächeln huscht über dieses kranke, bleiche Gesicht, das, wie im Spiegel, mit unerbittlichem Ernst und einer unglaublich bezwingenden Macht die tiefen Melancholien, die Vernichtungsdelirien, die Angst- und Ficberbilder seines Innern sowie die Imaginationen einer über- irdischen Traumwelt erblicken läßt. Wie tiefe unheilbare Schwer- m»t lastet es hier auf allem. Ficbcrisch glüht der Horizont. Poes Werk ist die Geschichte eines menschlichen Herzens, wie sie nie ge- schriebe» ward. Nicht von seinen Kriminalgeschichten und wissen- schastlichen Grotesken muß man sprechen. Aber man mutz seine romantischen Erzähtungcu betrachten und als Ergänzung seine Licbesgcschichten und Gedichte heranziehen. Tiefere«chauder als diese Darstellungen kann nichts errege». Man nehme„William Wilson", in dem er, allerdings anstatt von der rein psychologischen »och von der moralischen Seite aus, die grundlegende Spaltung des Bcwusstseinskcrns darstellt. Dies ist das Furchtbare in Poe: er schreibt eine Krankheitsgeschichte; eine Geschichte vom Zerfall der inneren Kräfte; die Anarchie dringt in das Innere ein; un- motivierte Verbrechen entstehen aus dieser Herrenlosigkeit; Wahn- sinn und wilde Visionen tauchen auf. Aber der Dichter zeichnet das mit unbcirrter Hand auf; immer ist noch eins in allem Zerfall stärker als alles: der Wille, zu beobachten, zu analysieren; es ist ctloas Zwangsmässiges darin, aber auch etwas Zwingendes. Dabei ist er ein Psychologe, der Dostojctosn nichts nachgibt. Und er ist ein Künstler ohnegleichen, bedeutend stärker als Hoffmann; gleich- viel ob er die wunderbaren Gebilde seiner reinen Imaginationen» die schrecklichen Gemälde des Zerfalls(Untergang des Hauses Usher), den lähmenden Schreck(Der rote Tod) oder das wüste Debäcle einer Seele in Verbrechen und Wahnsinn(Geist des Ver- brechens usw.) darstellt; der Eindruck brennt sich wie eine Vision» in der Entsetzen und Schönheit sich mischen, in uns ein. Poes Seele konnte nicht atmen in der Luft des amerikanischen Utilitaris- mus und Merkantilismus. Sie sucht die Räusche des Alkohols und der Gifte. nUd der wenig widerstandsfähige Körper gab nach und zerbrach bald wie eine schlechte Hülle. Die künstlichen Paradiese des Opiums kannte und liebte auch Charles Baudelaire, der die Franzosen mit Poe und Hoffmann bekannt machte. Auch er ist hier zu nennen. Die schmerzhafte Entartung und Erkrankung der Instinkte in einer ursprünglich schönen, leuchtenden Seele treibt ihn in das leidenschaftlichste ä rebonrs; in die Empörung des katholischen Satanismus. Er singt seine Saianslitanci; träumt von den Räuschen des Negativen und tröstet sein wundes Herz mit wilden Flüchen. Tic französi- schert Dichter des Graucns lieben überhaupt die katholische Form der satanischen Revolte. Huysmans schrieb seinen Satanisten- Roman„Da unten", in dein er auch eine Darstellung des schcntz- lichen Lustmörders Gilles de lltaycs gibt. Barbcy d Aurevilly, Edel- mann und Katholik in der Blütezeit des Demokratismus, erzählt von den„Teuflischen":„wahre Geschichten aus unserer Zeit des giuffdjriflS itnb bcr so söstllchen.erhobenen" Zivilisation, das; eö jedesmal scheint, der Teufel habe sie diktiert". Wenn man diese Geschichten, deren reiner künstlerischer Wirkung nur ein etlvas über- triebener dandyhafter Ton Abbruch tut, liest, möchte man wirklich mit der katholischen Kirche glauben,„das; jede Leidenschaft ihr Dämonium hat", und es ist auch echt katholisch, wie hier das Weib als„divinae legis prima dcoertrix" erscheint. Ritterlich und edel steht neben diesen Viltiers de l'Isle Adam. Er kennt, wie Poe, Träume von überirdischem Glänzen, und kennt, wie Hofmann, das Freinde, das in der menschlichen Hülle steckt. Seine Weltanschauung ist aus katholischen Bestandteilen und aus Hegelscher Philosophie gebildet. Sein ganzer Hah gilt dem Positü vismus, der„schwarzen Wissenschaft", deren„Eigentümlichkeit es ist, die Seele ewig zu hassen". Er hat einen geradezu furchtbaren, in seiner ganzen Anlage verbrecherischen Tnp eines Vertreters des positivistischen Gedankens dargestellt:„Tribulat Bonhommet", den selbstbewußten„innersten Gedanken des modernen Menschen". Seine Auffassung von der menschlichen Natur legt Billicrs in den Satz:„Ter unsichtbare Körper ist so wenig loirklich, dag eö in manchen Fallen gar nicht einmal ein Mensch ist, der in der mensch- lichen Gestalt steckt." Sein Werk ist eine Schöpfung von höchster Geistigkeit. Seine Meisterschöpfung ist seine Dichtung vom tünst- lichen Menschen:„Edisons Weib der Zukunft". Es ist die kühnste Konzeption des an der Wirklichkeit leidenden menschlichen Ver- zweiflungsmutes, tvic hier die Welt des Ilebernatürlichcn, die Welt der Imagination beschworen tvird. Was wir an der Wirklichkeit haben, ist nur Illusion; ist nur Spiegelung unseres Ichs. Weshalb also nicht die Illusion ans erster Hand, weshalb nicht das.Künstliche um jeden Preis? fragt Edison. Ilnd er schafft das Künstliche, das künstliche Weib: Hadaly, das Ideal...So fahre sie denn hin, die vorgebliche Wirklichkeit, diese uralte Betrügerin. Was ich Ihnen biete, ist. das Künstliche zu erproben." Zu nennen wären auch Maupassant, Maeterlinck und der irre Bügcr Strindberg. In den letzten Jähren ist auch bei uns ein neuer Geschmack am Grauen erwacht. Manches, wie„Haschisch" von Oskar A. H. Schmitz, ist artistisch gut, aber nur von der Literatur gezeugt. Tiefer geht Mehrink in„Orchideen" und„Wachsfigurenkabinett". Man fühlt, dag ein Weltgefühl hinter seinen Geschichten sich tveitct; aber man fühlt auch, dag das letzte Wort seiner Weisheit noch nicht gesprochen. Interessant ist auch Hanns Heinz Ewers. Er liebt das Grauen, die starken Nervensensationen, und eine unbezwing- lickc intellektuelle Neugier, eine Lust, einzudringen, lägt ihn seine Motive bis ins letzte durchgründen. Nur fehlt es bei Ewers manch- mal am Artistischen: die Feinheit des Gefühls geht ihm etwas ah. Ganz aus der Tiefe aber kommt der Maler-Dichtcr Alfred Kubin. Wenn EwcrS nichts Halluzinatives hat, so wirkt er ganz seherhaft. In seinem Roman„Tie andre Seite" entwirft er in der schmerzlich quälenden Strichelmanicr seiner Zeichnungen Bilder vom Unter- gang seiner Traumstadt Perle, die wie ein schmutziger Strom von Grauen und Ekel sind. Das Buch sucht an den Grundmhthus der Welt zu greifen.„Ter Temiurg ist ein Zwitter", ist der Schlug. Schaffen und Zerstören sind nur zwei Seiten derselben Macht. Wir sehen Gestalten, sek.tsam trauerumweht, vor uns ins Dunkel hineinschreiten, lvo Grausen und Entsetzen wohnen. Schauer und Angst fühlen wir, die an die Wurzel unseres Wesens fassen. Aber wo jene gingen, wird es hell, und neues Land, Scelenland, liegt vor uns. Sie aber schreiten weiter, mit keinem Blick dem freundlichen Glänzen des Lichtes zugewandt, bis ihr Weg sich im Unendlichen verliert. Kleines Zeuilleton. Erziehung und llnterricht. Die Kinderlesehallenbewegung macht in letzter Zeit weitere Fortschritte. Fast fortgesetzt wird au? den verschiedenen Städten Deutschlands über die Errichtung neuer Kinderlesehallen berichtet. In Berlin, das ja in VolksbllduugSdingen sonst nicht gerade an der Spitze marschiert, bestehen neuerdings neben ver- fchiedenen privaten Kinderlesehallen auch zwei städtische. Fast in allen Städten lverden die Kinderlesehallen von Vereinen unterhalten. Die meist nicht sehr bedeutenden Mittel werden durch private Sammlungen oder Stiftungen aufgebracht. In vielen Städten sind die Lesezimmer nur an zwei oder drei Nachmittagen in der Woche geöffnet und meistens im Sommer ganz geschlossen. Die Bernhard Kahn-Lesehalle in Mannheim verfügt für den Sommer über ein schattiges Plätzchen, an dem die Kleinen dann ihre Bücher lesen können. Der Besuch der Kinderlesehallen ist fast an allen Orten gut; er wird durch das Wetter etwas beeinflugt, da an schönen Tagen die Kinder lieber draugen spielen, auch an Eisbahntagen ist der Besuch weniger stark, da sich die Fugend dann aus dem Eise tummelt. Neuerdings hat eine gewisse Bewegung gegen die Kinderlesehallen eingesetzt, die wohl darauf zurückzuführen ist, das; mau den Wert der Kinder- lesehallen, wie den der Lesezimmer für Ertvachsene, ansang? über- schätzt hat. Einen nachhaltigen Einfluß kann man natürlich so schnell nichts feststellen. Ist es nicht aber schon ein Fortschritt, wenn den Kindern, die oft ei? recht ungemütliches Heim haben, ein Plätzchen und Bücher zum Lesen geboten werden, und sie so das wundersame Rauschen im deutschen Dichterwald zum ersten Male empfinden können! vcrantw. Redakteur: Alfred Wielrpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Meteorologische?. Tägliche Wetterkarten der ganzen nördliche« Halbkugel. Der Beginn deS Jahres 1914 hat der Wetterkunde einen neuen Fortschritt gebracht, der allgemeine Beachtung verdient. Der Bereich der täglichen Wetterkarten war bisher recht beschränkt, denn sie erschienen nur für einzelne kleinere Teile der Erdoberfläche. So selbstverständlich für Europa und für die Vereinigten Staaten, ferner für Ostafien und einen Teil Australiens. Seit wenigen Iahren find die Bestrebimgeii darauf gerichtet gewesen, eine Er- Weiterung insbesondere über Asien herbeizuführen. Das Ideal, täg- lich Wetlerkartcn für die ganze Erde zusammenstellen zu köniicu, liegt freilich noch in iveiter Ferne. Aber es wäre schon eine wichtige Neuerimg. wenn man auf einer Karte die gleichzeitige Wetterlage über dem ganzen Festland von Europa und Asien über- schauen könnte. Das Ziel ist durch eine voni 1. Januar au durch da? Welterbnreau in Washington ersonnene Einrichtung erreicht und ögar übcrtrosfen worden. Diese Anstalt, die sich in den letzten Jahrzehnten in hervor- ragendem Maße entwickelt hat, ist zu dem lühnen Entschluß gc- kommen, täglich eine Wetterkarte von der ganzen uvrdlicheu Halb- kugel herauSzrigcbeu, Sie besitzt ein entsprechend großes Format und wird nach den WeUerbeobachimigm zusainniengestellt, die von den Stationen der Vereinigten Staaten und von 41 ausländischen Wetterwarten eingehen. Auch darin ist eine Neuerung geschehen, daß außer den schwarzen Isobaren(Linien gleichen Luftdrucks) die Temperaturverteilung nicht durch Ziffern bei den einzelnen Sta- tioncn wie ans unseren gewöhnlichen Wetterkarten, sondern gleichfalls durch Linien(Isothermen) in roter Farbe veranschaulicht wird. Das Netz bedeckt nicht nicht nur die Festländer, sondern auch die MeereSflächen, doch sind die Linien nur dort ausgezogen worden. wo eine dichtere Zahl von Stationen für einen genauen Verlauf gewährleistet, während sie in Landgcbicten wie Sibirien oder über dem Meer in gestrichelter Ausführung als weniger sicher gekenn« zeichnet werden. Die Verwirklichung dieser Karten wird einen starken Ansporn für die Erfüllung eine? weiteren Plan? geben, der vor wenigen Iahren zuerst vom Leiter de? staatlichen Wetterdienstes in Rußland, General Nykatfchcff, vorgeschlagen und erörtert worden ist und auf eine Wetterkarte für Eurasien, also Europa und ganz Asien, abzielt, die jeden zweiten Tag erscheinen soll. Die Be- gründnng dieser Karte ist jetzt für das Jahr 1916 in Aussicht ge- nommen worden. Sie wird für dies Gebiet wahrscheinlich noch genauer sein, aber die neue amerikanische.Karte hat den Vorzug der größeren Ausdehnung und deS täglichen Erscheinens. Sie wird auch die Wissenschaft der Wettervoraussage mächtig fördern und sicher dazu beitragen, daß neue Wetterwarten dort angelegt werden, wo sich jetzt noch Lücken am meisten fühlbar machen. Auf der iicucil Karte ist auch bereits die von BjerkneS vorgeschlagene Einheit für den Luftdruck, das Bar, zu Grunde gelegt worden. Physiologische?. Die Dienste der Nase. Die Nase ist entschieden der charaktervollste Teil des menschlichen Gesichts und eS erscheint dem- nach wie ein Widerspruch, daß die Dienstleistungen dieses Organs von verhältnismäßig geringer Bedeutung sein sollten. Geht jemand seiner Nase verlustig oder erleidet er eine dauernde Beschädigung au seinem Gesichtsvorsprung. so wird er den Schaden davon Hauptfach- lich in der Verunstaltung empfinden. Die Tragweite scheint also eine wesentlich andere zu sein als bei dem Verlust eines Auges oder auch nur einer Ohrmuschel. Ebenso wird eine Einbuße des Geruch? niemals in Vergleich gesetzt werden mit Blindheit oder Taubheit, und es gibt namentlich ini Alter unzählige Leute, die sich auf ihren Geruch kaum noch verlassen können, ohne besonders darunter zu leiden. Die Nase hat aber noch andere Aufgaben zu erfüllen, die wahr- scheinlich überhaupt wichtiger sind als ihre ganze Betätigung als Sinnesorgan. Die Fortschritte der Medizin und Gesundheitspflege haben die Notwendigkeit der Nasenatmung immer schärfer erkennen lassen. Dr. Paget hat sich jetzt in einer besonderen Sckrift um den Nachweis bemüht, daß alle anderen Leistungen der Nase schlechthin als nebensächlich betrachtet werden können neben ihrer Aufgabe zur Filtricrimg der eingeatmeten Luft. Auch die Vorwärmimg der Alemluft, che sie in die Lungen gelangt, ist sicher schon eine wertvolle Eigenschaft der Nasenatmung. Mail versuche nur einmal, bei scharfem Frost, wie dieser Winter ihn endlick) wieder einmal gebracht hat, den Unterschied zwischen Mund- und Nasenatmung auSzuproben, und man wird nicht im Zweifel darüber bleiben, daß die Nasenatmung allein gesimdheitSgemäß ist, und vermutlich geben sich auch die Nkenschen, die sonst die Nasenatmung vernachlässigen, im Winter ganz von selbst die größte Mühe, sich ihrer zu bedienen. Dr. Paget geht wohl zu weit mit seiner Behauptung, daß auch fast alle gesunden Leute die volle Fähigkeit der Nasenatmung verloren haben. Er begründet diese Annahme dadurch, daß die Rasenmuskeln durch Mangel an Ge- brauch erschlaffen, so daß die Seitenwände der Nase bei der Ein- atmung zusammenfallen»ud der Luft den Durchweg versperren. Zutreffend ist diese Aussage wahrscheinlich fast immer für eine hastige Atmung, wie sie bei sehr schneller Gaugart oder beim Lauf eintritt. Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LcCo..Berlin L1V.