Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 25. Donnerstag, den 5. Februar. 1914 Das Menfthlein Matthias. ErzähIungvonPaulJlg. Aber mitten in der Nacht— sie hatte keinen Schlaf tie- fimbeti— mußte sie erfahren, wie die Kinder samt nud sonders aegen sie verschworen waren. Vom See rückte ein schweres Gewitter heran, das sich mit heulenden Winden gegen den Berg warf und nicht tveiter konnte. Sonst inar die Wirtin zum Giipf vor Blitz und Donner gerade kein Espen- lanv; mehr aus altgewohnter Vorsicht, denn ans Angst pflegte sie jedesmal aufzustehen, die Kinder zu wecken und„reise- fertig" zu machen. Heute trieb es sie mit Grausen zu diesen hinauf. Statt Gelassenheit zu zeigen, stieß sie die Falltür polternd zurück, stellte ein qualmendes Lämpchen ans den Boden und schrie wie besessen:„Hört Ihr denn nicht, wie's wettert? Hei, zieht Euch zur Not an und kommt so schnell H!hr könnt, herunter!" Nur die aufgeschreckte Frida, die zwischen den Buben lag, regte sich, dein Gebot folgend. Konrad hielt sich gewalttätig zurück. „Vorwärts, Großer, marsch, heraus... alle miteinander. Gott bewahre uns, wie leicht könnt's etwas geben. Es muß in der Nähe schon zweimal eingeschlagen haben. Komm, Mariele. Soll ich Dir helfen?" „Bon mir ans! Ich bleib', wo ich bin!" trotzte Konrad und zog sich die Decke über die Ohren, indes der Hagel die Dachschindeln zersetzte. Marie bewies noch deutlicher, daß sie sich nicht in die Obluit der Mutter begeben mochte. „Laß mich nur liegen!" wehrte sie diese störrisch ab, indem sie sich ans die andere Seite warf.„Wir können nichts dafür, wenn s bei uns einschlägt,'s geht halt gar wüst zu. Ein Wunder lvär's kein's!" „.Herr des Himmels! Was ist denn mit Euch? Ich mein's doch nur gut!" schrie die Angehrin zurückweichend, den Kopf entsetzt in die Hände pressend. War's ihr doch, als sei daS Jüngste Gericht angebrochen, als würde sie von den eigenen Kindern vor des Ewigen Rickterstuhl geschleppt. Hilflos, gebändigt blickte sie von einem zum andern. „Eben nicht. Wir sind Dir ja nur im Weg. Du denkst ja bloß noch an Dich und den großen Lalle!" schluchzte Marie im Fieber der Angst und des Elends innen und außen. DaS war mehr, als selbst die robuste Wirtin zum Gnpf zu ertragen vermochte. ES ivarf sie auf die Knie, von allen Seiten zündeten die Blitze in ihr böses Gewissen, ihre Hände fingen sich unbewußt, die elende Seele rang nach einem lang vergessenen Gebet:„Allmächtiger, erbarme Dich und vergib uns unsere Sünden!" Von Sekunde zu Sekunde, durch Ewig- keiten der Rene und Todesangst erwartete sie den ver- uichtenden Schlag. Das Ende schien gekommen. Wie der Mörder, der das Schafott erblickt, durchdrang sie das Gefühl der Schuld, die nur durch den Tod gesühnt werden konnte. „Kommt zu mir, Ihr Kinder, habt Erbarmen mit Eurer Mutter!" schrie sie, dem Wahnsinn nah und nicht mehr fällig, sich zu erheben. Auch die Kleinen wagten vor Grauen kein Glied mehr zu rühren. 7. Das M u st e r f r ä u l e i n. Vom Fenster des Musterzimmers beobachtete der Amen- kaner mißvergnügt die Ausfahrt des Wagens, dem die Vor- standsdamen des Franenvereins entstiegen. Sie kamen, um einen Rundgang durch die Bleickw zu machen, ein Bild der riesigen Geschäftigkeit zn erlangen, welche von Jahr zu Jahr weitere Kreise zog, die Mädchen des Arbeiterstandes scharen- weise anlockte. Eigentlich hatten die fürsorglichen Volksmütter erwartet, mit ihrem Ansinnen kühl abgewiesen zu werden. Ter alte Hirsch kümmerte sich herzlich wenig um die sozialen Bestrebungen der Treustädter, nachdem ihm diese einmal den Bürgertitel verweigert hatten. Darum waren sie jetzt angenehm überrascht, sich von dem Hausherrn in eigener Person willkommen geheißen zu sehen. Ter Empfang hätte kaum böslicher ausfallen können. Das behende weiß- graue Männchen trat den Damen mit dem Hut in der Hand auf der Schwelle entgegen und enthob sie ihrer Verlegenheit durch die Erklärung, er rechne es sich zur Ehre an, ihnen bei diesem Rundgang als Führer zu dienen. Wenn er, wie be- hanptet wurde, die Einheimischen— und unter diesen be- sonders die Tonangebenden— geringschätzte, so ließ er es jedenfalls ihre Frauen nicht merken. Sein untadeliges Ver- halten bewog die Präsidentin, Frau v. Steiger, ihm durch einen ehrlichen Händedruck für sein Entgegenkommen zu danken und sich stillhin einzugestehen, daß eS offenbar auch „unter diesen Leuten" Männer von guter Lebensart zn geben scheine. Sie errieten sogar etwas von der Genugtuung, die den Alten bei ihrem Empfang beseelte. ES war eben doch eine Art Reverenz vor seinem Fleiß, seinem Geschäftsgeist, der auch ihnen jetzt den Gedanken aufzwang:„Warum war nur von unseren Herren und Meistern keiner berufen, dieses Werk aufzubauen?" Jede von ihnen hatte den kleinen Hirsch oft genug durch die Straßen fahren oder geben sehen und vielleicht bei seinein Anblick nicht bloß Ivegen seiner einsamen Lebensweise Mit- leid empfunden, sondern auch über den Maugel au äußerer Mannhaftigkeit den Kopf schütteln müssen. Heute sahen sie ihn mit anderen Augen an. Sie ließen sich bald überzeugen, daß der zwerghafte Gebieter die den Gliedern abgehende Muskelkraft hinter der Stirn verbarg und da wirklich die Arbeit eines Riesen vollbrachte. Innerhalb einer Stunde hatten sie, dank seiner klaren, beredten Gründlichkeit eine Uebersicht gewonnen, als wären sie selber jahrelang in der Bleiche tätig gewesen. Er kannte jede Art der Fabrikation, setzte sich auch selbst ans den Drehstuhl und handhabte den Storchschnabel, die Uebersetznng, den Bohrapparat trotz einem gewandten Mnstersticker. Niemand empfand mehr, daß der zierliche, feine Manu im grauen Gehrock und Zylinder, mit den weißen Koteletten, dem Zwicker an goldener Kette als Lenker einer mächtigen Maschine fast etwas Komische? hatte. Er wurde zusehends gesprächiger, lvärmer, die dünneu Wangen überflog die Röte froher Erregung, seine bleiernen Pupillen schienen sich desgleichen zu färben, zu weiten, wenn er die heimlichsten Schätze auskramte, bei denen die kenner- haften Blicke der Damen migehencheltes Entzücken verrieten. Das war nicht mehr der„hergelaufene Jude", sondern die alles beherrschende, durchdringende Seele eines boden- ständigen Werkes: nicht ein der Ausbeutung völkischer Kraft verdächtiger Spekulant, dem das Gewerbe nichts, der Gewinn alles gilt, nein, ein weitblickender, schaffensfreudiger Vater, dem das Wohl einer tausendköpfigen Familie stündlich, un- ausgesetzt am Herzen liegt. Da? fühlten auch die vornehmen Besncherinnen. und während sie dem kundigen Fachmann folgten, vergaßen sie seine Abstämmling. Erst sein Neffe erinnerte sie wieder daran. Herzfeld junior war mit der Bereitwilligkeit des Onkels gegenüber den aufgeblasenen Kleinstädterinnen nicht einverstanden und hatte sich vorgenommen, ihnen die Kehrseite: weltmännische Verachtung, zu zeigen. Er, der die Pariser Boulevards kannte. in den elegantesten Klubs von London und New Bork zn Hause war, verspürte nicht die mindeste Lust, seine Höflichkeit an solche kaum der Küche, dem Waschtrog entwachsenen Kaffee- schlvestern, Sittenbewahrerinnen zn verschwenden. Als der Schwärm sich seinem Bezirk näherte, gab er zunächst einmal dem Musterfräulein seine Entrüstung zu erkennen. Er war in Hemdsärmeln und ließ sich die neuen Weißwaren in ganzen Stücken über den schwarzen Tisch ziehen, wobei er die ihm gefallenden Streifen mit einem dicken Blaustift kennzeichnete. Unter der seidenen Weste wölbte sich bereits die. Sorge des Schlemmers, durch den Schlitz des Nosahemdes guckte ein haariger Arm, an den kurzen Fingern der fleischigen Hand blitzten große Brillanten und Rubinen. Fett, mit aufge- giiollenen Wangen, breitem Mund und tiefliegendeil Sperberangen beugte er sich über den Tisch. Seine Haut» das gelichtete Haar rochen nach starken Seiten und Essenzen, die oval geschnittenen Fingernägel, au denen er sich fort- während zn schaffen machte, schimmerten wie Ovale. Brigitte Böhi zitterte jedesmal, wenn sie ihm am schwarzen Tisch gegenüberstand, sein Atem sich mit dem ihrigen mischte und ihre Hand zufällig mit der seiuigeu in Berührung kam. Da er bei der Kontrolle gewöhnlich saß. blickte er sie, die Stehende, manchmal von unten herauf wie geistesab- weseud an oder er lehnte sich mit verschränkten Armen zurück und fragte sie. seine Prinzipalität vergessend, nach artigen Tingen, was ihr immer wieder die Schamröte ins Gesicht fließ. Cr war noch nicht iaunc Leiter der amerikanischen Abteitmw und verbrachte zudem mehrere Monate des Jahres im New Aorker Zweiahaus. In der kurzen Zeit seines Hier- seiiis hatte fi'e vor seiner Hnlh und Ungnade gleichermaßen ans der Hut sein müssen. SeU einigen Wochen sedoch arg- wohnte Brigitte, daß er ihrer müde und daraus ans sei.�sie von ihrem Plah zu verdrängen. Er behandelte sie von Tag zn Tag schlechter, sprach nur noch das Unumgängliche, und dies stets in kalteni Befehlston. Schon mehrmals war sie nah daran gewesen, ihn nach der Ursache seines veränderten Benehmens zu fragen; zuletzt hielt sie indes immer die Furcht vor einer schroffen Abweisung zurück. Um so eifriger tat sie ihre Pflicht. Wenn der launische Herr sie entlassen, durch eine Iiingere, Willfährigere ersetzen wollte, so mußte er. um zu seinem Zwecke zu gelangen, das gute Recht mit Füßen treten. Sie bedachte jedoch nicht, wieviel sie selber von ihrem früheren heiteren Wesen eingebüßt hatte. Scheu und ver- sonnen saß sie setzt meistens bei ihrer Arbeit. Wenn dann unverhofft jemand eintrat, fuhr sie auf wie das böse Gewissen und gab wirre, überstürzte Auskünfte.— Sie lebte im Wahn, alle Welt wisse um die Schmach, die ihr der Zeichner Lberholzer. alias Herzog von Oesterreich, auf offener Straße angetan, und zeigte sich deshalb gegen jedermann verschlossen, in steter Abwehr und Verlegenheit auch vor solchen, die es gut mit ihr meinten. Das Herz blieb ihr stehen, wo sie im Vorbeigehen lachende Gesichter, spöttische Mienen sah.„Treibt es nur so fortl Ihr seid des Herrgotts Kostgänger wie ich, und einmal wird er wohl auch unter euch Musterung halten!" bekannte dann ihr verwundeter Blick. Als die Gäste im großen Saal erschienen, wischte der Amerikaner die ausgebreitete Ware ärgerlich vom Tisch. „Machen Sie wenigstens die Tür zu. Ich Hab' keine Lust, mir den Gänsemarsch anzusehen!" herrschte er das Muster- fräulein an. Dazu ging er erregt hin und her, knirschte mit den Zähnen und stieß verkappte Beleidigungen gegen den Onkel hervor.„Greisenhafte Schwäche und Eitelkeit... weiter nichts. Wir werden bald einmal andere Saiten ausziehen. Wie kommen wir dazu, diesem hochnäsigen Gesindel aufzu- warten?" Er blieb jedoch im Musterzimmer, bis die Damen ein- traten, aber nur, um ihnen sogleich recht unverschämt den Rücken zu kehren.(Forts, folgt.) Naömm unö Raöiumstrahlen. Von Dr. A. L a n i ck. Alle Welt ist voll von den Wundern des Radiums, denn fast täglich hört man von neuen, erstaunlichen und nie geahnten Er- folgen auf diesem oder jenem Gedicle, die nur durch daö Radium möglich geworden sind. Was Wunder, daß sich ein Radiumrausch. eine Hypnose, immer mehr bcmcrlbar macht? Man braucht nur da? Wort Radium nusrusprechcn und schon werden die abenteuer- lichsten Dinge wie feststehende, unerschütterliche Tatsachen hin« genommen. Dem Laien kann man daS nicht vcrdcnlcn, denn er hat kein Urteil. Aber die Fachleute sind zunr Teil schuld an dieser Massenbypnose, die bisher harmlos war. die aber drauf und dran ist, gefährlich zu werden. Bor allem auf dem Gebiet des Hcilweseus wird viel gesündigt. Unzweifclhast sind die Einwirkungen der Radiumstrahlcn auf den Organismus, aber ihre Natur ist noch immer nicht derart geklärt, daß nun schon ein Dogma aus der Radiumbehandlung geschmiedet werden dürfte. DaS siärlste radioaktive Prä« parat, das wir kennen, das Mesothorium, gilt für viele heute schon als„das unfehlbare Mittel" gegen den Krebs. Gewiß, es hat Krebs« geschwüre abgetötet. DaS haben andere Mittel aber auch schon ge- leistet; der springende Punkt ist der. ob die Heilung von Dauer sein wird. Der Krebs besitzt die unheimliche Fähigkeit, nach Jahren wieder zum Durchbruch zu kommen, auch wen» er vorher»ach Meinung der Aerzte vollständig zerstört worden ivar. Die Gefahr deS WiedcrauSbrucheS besteht b Jahre lang. Wenn also das Mesothorium im Jahre 1912 ein KrcbSgeschwür zerstörr hat, dann kann man im Jahre 1913 noch nicht die Behaupiung ausstelle», dieser KrebSfall sei geheilt, denn noch im Jahre 1917 kann die Wucherung wieder hervortvachscn. Von einigen Aerzlen. angesehenen Aerztcn sogar, sind solche Fälle auS dem Jahre 1912 und 1913 trotzdem als„gcheill" be« zeichnet worden, und die Ocffcntlichkeit hat, z. T. auch>nit auf das Ansehen der in Frage kominciidc» Gelehrten hin, diese Nachricht geglaubt»iid mit Jubel begrüßt. Ein wahrer Rausch ist über viele gekommen, eine Art Hypnose, die insofern von großer Bcdcuiimg geworden ist,'als die Stadtparlamcnte einer ganze» Anzahl deutscher Großstädte aus dieser Hypnoscstimnmng heraus große Summen zum Ankauf von Mesothorium gcfoidert und bewilligt haben. Wenn aber die im vergangenen Jahre „geheilten" Fälle in drei oder vier Jahren wieder zuin Ausbruch iomineu, dann find Millionen umsonst geopfert und»och unendlich größerer Schaden wird angerichtet durch die Zerstörung der jetzt künstlich großgezogenen Hoffnungen der gesamten leidenden Menschheit. Ter ganze Vorgang ist menschlich so bcgreislich, daß ein Por« wurf gegen niemand erhoben werden soll, wenngleich bon unseren Gclchrtcu ein elivaS größeres Maß von Iurückhaltmig erwartet werden durste. ES ist aber Pflicht, auf die Gefahr anfmerlsam zu machen und zu warnen, solange cS noch nicht zu spät ist. Durch all diese Vorgänge ist daS Radium wieder i» den Vordergrund des Jntsr« cffeS gerückt, obgleich es schon vor über einem halben Menschenalter (1398) von dem Ehepaar Curie entdeckt worden ist. Die seitdem vergangenen 19 Jahre ununterbrochener rastloser Forschertätigkcit habe» die Rälscl des neuen WunderstosseS zu lösen versucht, und nach und nach sind fast alle Eigenschaften dieses Revolutionärs unter de» Elementen bekannt geivordcu. Heute wollen wir versuchen, das Bild, das die Radiiimforschung im Laufe des vergangeuen halben MenscheualterS entlvorfcn hat, in seinen charalterisiischcn Linien nachzuzeichnen. Einzelheiten und bciondere Feinheiten können natür- sich in einem solchen kurzen Ucbcibsick nicht mit berücksichtigt werden. lim so deutlicher sollen die charalteristischen Züge herausgehoben werden. Zunächst was ist Radium? Ei» Körper, der sich in einer ganzen Anzahl Gesteinen und Mineralien, besonders aber in der Uranpechblende findet. Es tritt freilich überall in so geringen Spuren auf, daß seine Gegenwart noch heute und vielleicht für alle Zeiten der Forschung ciilgangcn wäre, wenn cS sich nicht durch seine Eigenschaften so auffällig bemerkbar machte. Um die Menge deS Radiums zu veranschausichcn, müssen ivir schon zu sonderbaren Maßen greisen. Da rcineö Radium nicht im Gebrauch ist, sondern sein Chlor- oder Bromsalz, so nehmen wir ein Gramm Radium« bromid als Maßstab. Zu_ seiner Gewinnung ist die Aer- arbeitung von 19 Tonnen, also 19 VON Kilogramm Uranpechblende notwendig. Man erkennt schon aus diesen Angaben, Ivie schwierig und kostspielig die Herstellung sein muß, die üngcsähr 319 999 M. für das Gramm Rndiumbromid beträgt. Die winzigste Spur Radium macht sich durch Strahlen be« merkbar, die sie ständig aussendet. Diese Strahlen find ein Ergeb- nis des Atom Zerfalles, und man hat daher geschlossen, daß auch daS Radium selbst erst auf dem Wege des Zerfalles aus dem Uraupecherz entstanden ist. Die ganze Kette dieser Radiumzersall« Produkte sei hier in ihren Hauptgliedern genannt: Uran, Radium» Emanation, Helium. Der Zerfall geht aber noch weiter, und als Endglied der Reihe sieht man das Blei an. Das Radium hat also nur eine beschränkte Lebensdauer. Man kennt sie natürlich»och nickt genau, hat sie ober neuerdings auf ungefähr 3999 Jahre berechnet, so daß also das Radium, das heute feine letzten Strahlen anssciidet, zur Zeit der Er» richtung der letzten Pyramiden oder zu der Zeit, als sich bei uns der Ucbergang von der jüngsten Steinzeit i» die Bronzezeit vorbereitete, entstanden sein würde. Die Strahlen des Radiums sind verschiedener Natur. Man unterscheidet im allgemeine» vier Hauptarlen, die man mit den vier ersten Buchstaben des griechischen Alphabet« als a—(alpha), p— (sieta), f=(gamma), o=(ckelta) Strahle» bezeichnet. Am uninter« cssantesteii sind die««Strahlen, negativ geladene Elektronen, von geringer Geschwindigkeit und kaum merkbarer Wir« kung. Sämtlichen Strahlcnartcn ist die Eigenschaft gemein- !am, daß sie Gase und natürlich auch die Lust ionisieren, d. h. für die Elektrizität leitend mache». Nun zu ihren Unterschieden. Die «-Strahlen sind als positiv geladene Masseteilchcn anzusehen, werden von Widerständen leicht in ihrem Laufe gehemmt, von vor» gehaltenen dünnen Metallschirinen verschluckt und sind durch den Mag« »eten ablenlbar, sreilich nur in geringem Maße. Die �-Strahlen gleichen de» K a t h o d en str a h l e n, d.h. sie sind negativ elektrisch geladen, durch den Magneten leicht abzulenken, aber Hindernissen gegenüber zeigen sie eine größere Durchschlagskraft. Also dünne Metallschirnie, die die«-Strahlen schon vollständig abfangen würden, lassen noch die ß-Strahlcn hindurch. Freilich dickere Mctallplntten halten sie auch vollständig zurück. Die größte DurchschlagS- kraft besitzen die'�-Strahle n. Sie gehen noch durch Hindernisse hindurch, die kein«« oder ß-Strahl mebr zu überwinden vermag, so z. B. durch den ganzen menschlichen Körper und durch Mclallplatten von 29—39 Zentinieler Dicke. Durch den Magneten sind sie nicht im geringsten zu beeinflusse», alles Eigenschaflen, die sie mit den R ö n t g e n st r a h le n gemein haben, denen sie also verwandt sind. Alle Radiumstrahlen sind als abgeschleuderte Teilchen anzusehen, aber von ihrer Kleinheit einen anschaulichen Begriff zu geben, ist nnS schlechterdings nicht möglich. 1 Grainm Radium sendet in jeder Sekunde 13,5X19'»«-Teilchen auS, also 135 Milliarden Teilchen in einer Sekunde. Die ß-»nd-Strahlen sprühen ungefähr in gleichen, wen» nicht gar noch etwa« größeren Moigen, und das 3909 Jahre hindurch ununterbrochen, che das eine Gramm Radium cischöpst ist. Wie llein ist wohl so ein Teilchen? Man kann sie zu Millionen und Milliarden häufen, ohne auch nur die geringste meßbare Spur von ihnen zu erhallen. Nur die Wirkung ihrer Geschwindigkeit köniic» wir wahrnehmen. Solche Wirkungeil sind die Ionisierung der Lust oder die Einwirkung auf die photographische Platte oder das Aufglühen des Fluorcszenz- schirmeS und ferner eine ständige War meent Wickelung. Das Radium hält seine Nachbarschaft immer in einer etwas wärmeren Temperatur, ota hie der lotttercn NiiigeVung ist. E!» Gramni Radium fiittoufelt in der Stunde etwa 118 Grammkalorien(Wärmeeinheiten) und während der Zeit seines ganzen Lebens so viel Wärme, wie die Verbrennung von 10 Zentnern Kohle ergeben würde. Welch ungeheuere Kraft ist hier ans dem kleinsten Räume untergebracht I Die Strahle» des Radiums haben auher den cbengenannten noch die Eigenschaft, das; sie jede lebende Zelle, also auch die Zellen des menschlichen Körpers beeinflussen, und auf dieser Eigenschaft beruht die Verwendung des Radiums in der Heilkunde. Die Wirkung ist je nach Stärke und Dauer der Bestrahlung leicht reizend und anregend, oder auch zerstörend und abtötend. Die Be- Handlung geschieht durch Auflegen des Radiumpräparates auf die Haut oder durch Einführung in das Innere des Körpers. Besonders bei Krebs und Geschwüren wirken die Radiumstrahlen abtötend. Ob freilich eine dauernde Heilung zu erzielen ist, kann heute, wie wir schon zu Anfang unserer Ausführungen betont haben, noch gar nickt gesagt werde», dazu bedarf es noch einer Wartezeit von etwa fünf Jahren, in der sich die heimtückischen Krebsgeschwüre wieder bilden können. Bei rheumatischen und gichtischen Erkrankungen wendet man mit Vorteil die Einatmung der Radiumemanation an, oder Trink- luren radimnhaltigen Wassers; freilich auch hier kann noch nicht von einem stets wirkenden Erfolg gesprochen werden. Neuerdings wird als Ersatz siir das Radium vielfach daS M e f o t h o r i u m gepriesen. Es ist ein Rückstand, der bei der Thorianitverarbeitung erhalten Ivird und in der Zeit seiner höchsten Aktivität mehr als dreimal so wirksam ist als Radium. Freilich daS Mesothorium hat keine lange Lebensdauer. In den ersten drei Jahren nach seiner Herstellung nimmt seine Wirkungskraft zwar zu, bis sie daS l'/z fache der ursprünglichen Kraft erreicht hat. Dann aber erfolgt ein Stillstand und Rückgang, bis nach 10 Jahren der ursprüngliche Stand wieder hergestellt und nach SO Jahren nur noch die halbe Radioaktivität vorhanden ist. Der Billigkeit und grösteren Wirkung steht also die Kürze der LebenS- zeit entgegen, so dag in Wirklichkeit doch das Radium preiswerter ist; wenn von der Wirkung des Mesothoriums längst nichts mehr verspürt wird, hat das Radium immer noch seine alte Kraft, denn es kann so viel leisten, wie ungefähr 150 Mesothoiiumgeschlechter hintereinander. Nicht unerwähnt soll bleiben, das; die Ergebnisse der Radium- forschung, die ja wirklich wunderbar sind und in der Physik und E Henne eine verwirrende Fülle neuer Gesichtspunkte und neuer Tat- fachen zutage gefördert haben, auch ernst zu nehmende Gelehrte leichtsinnig machen und hypnotisieren. Ter Zerfall des Radiums, der llebergang eines Elementes in das andere hat sckon immer die Erinnerung an die Alchimisten und Goldmacher wachgerufen. Jetzt behauptet der bekannte Forscher Soddy, man könne aus Thallium oder auch aus Blei Gold herstellen, man brauche zu diesem Zwecke mir au? dem Thalliumatom ein«-Teilchen zu entfernen, oder aus dem Bleiatom zwei a- und ein ß-Teilchen. Freilich sei dazu eine Spannung von einer Million Volt nötig. Wir können eine so hohe Spannung vorläufig noch nicht erzeugen; es ist also sehr billig, fo kühne Behauptungen aufzustellen. ?n öer wüste. Tschardiui lag schon einige Stunden hinter uns. Die Sonne brannte mit wahrhast höllischer Glut auf unsere gepeinigten Leiber nieder. Nirgends war ein Strauch, ja, viel weniger ein Baum zu sehen, nicht einmal ein Büschel dürren Grases konnte man hier finden. Nur Sand und Staub rings um uns. Abgesehen von einigen kleinen Hügeln aufgewehten Sandes fand das Auge keinen wohltuenden Ruhepunkt in dieser Einöde, dieser Wüste, die ihrem Namen„Kara-kum", d. i...schwarze Wüste" alle Ehre macht, die aber ebensogut im Sommer eine..Hölle aus Erden", wie im Winter eine„Antarktik im Süden" genannt werden könnte. Unsere Wasserschläuchc waren schon halb geleert und wir vcr- mochten der durch die gräßliche Sonnenhitze bewirkten schnellen Verdunstung keinen Einhalt zu tun. Dabei transpirierten unsere Körper, als wären wir im größten Regenwetter im Adamskostüm gewandert. Das Wasser brach in wahren Strömen aus unserem Körper, aus allen Poren. Das Wasser wirkte auch nicht mehr erfrischend, da es schon förmlich heiß war. Nur um unsere ver- trockneten Lippen anzufeuchten, nahmen wir dann und wann einen Schluck, der jedoch unfern Durst nur noch vergrößerte. Und wir hatten noch über sechs Stunden bis zum Brunnen Selim-tokaba zu gehen. Wir kauten jeder an einem Stück Leder unseres Wild- katzcnfclles. Was für ein widerlicher Geschmack! Doch waS half es? Der Speichel im Munde wurde zu einem zähen Schleim, der uns Beschwerden im Halse bereitete. Dazu der feine Staub, den wir bei jedem Schritte in die Lust wirbelten und der uns de» Atem benahm. Wir schleppten uns trotz alledem mit unseren Rucksäcken weiter, die nicht zu leicht waren, da sie unsere ganzen Habseligkeiten, u. a. auch unsere gesammelten Andenken und die kleinen Waffen enthielten. Immer kürzer wurden die Rastpunkte und immer länger dehnte sich die jedesmalige Rast aus. Wir hatten uns eben wieder in den heißen Sand gestreckt, uni ctwaS auszuruhen, da erhob sich einer jener leisen Winde, die gefürchtet sind. Jetzt wehte uns sein Hauch erfrischende Kühle zu, im anderen Augenblick drohte er uns mit glühendheißem Atem zu versengen. Dieser Wind wurde bald heftiger und schien sich zu einem jener Sandstürme auszubilden, die dem Reisenden zwar nicht direkt gefährlich, aber doch durch die festen Sandkörner, die sie mitführen und die dem Reisenden das Q Csicht und den Hais verbrennen, auch die Augen zu blenden imstanoe sind, lästig werden können. Was wir befürchtet hatten, traf wirklich ein. Bald fegte eine gewaltige Sand- und Staubwolke über uns hinweg und es blieb uns nichis anderes übrig, als uns platt auf den Boden zu legen und den Sturm voriiberbrauscn zu lassen. Wir wußten zwar, daß uns ein Sturm in der Kara-kum nicht weiter gefährlich werden könne, doch war es uns immerhin nicht einerlei zumute. Dies dauerte ungefähr fünfzehn Minuten, dann war alles vorbei und nur im Osten sähen wir noch eine große Staubwolke, die sich weiter und weiter entfernte. Iluser Durst war durch den heißen Wind noch größer geworden und wollten wir uns nun durch einen Schluck wieder etwas kräftigen. Wir öffneten daher den ersten schlauch, um denselben etwas zu erleichtern. Aber— wer denkt sich unseren Schreck, als darin auch nicht ein Tröpfchen Wasser mehr war! Wir öffneten den zweiten— leer, den dritten—• dasselbe Resultat. Den vierten und letzten wage ich aus Furcht, daß dieser auch leer sei, gar nicht zu öffnen. Und immer noch diese Hitze,»och mehr Durst und das schlimmste, noch über vier Stunden Weges bis zum Brunnen. Hier konnten wir jedoch nicht bleiben, und so schlichen wir denn weiter, langsam und immer langsamer. So waren wir etwas über zwei Stunden dahingekrochcn und noch immer brannte die Sonne unbarmherzig vom Himmel herab. Unser Durstgefühl war schon ziemlich verschwunden, aber dafür peinigte uns ein fürchterliches Brennen im Leibe und die Beine singen zu zittern an. Wenn wir den Brunnen nicht bald er- reichten, mußten wir hier umkommen, das sahen wir voraus. Da verfärbte sich das Gesicht meines Freundes und im nächsten Augen- blick stürzte er in den heißen Wüstensand mit dem Gesicht nach unten. Ich warf schnell meinen Nucksack ab und suchte durch kräftiges Bewegen seiner Arme ihn wieder zum Bewußtsein zu bringen, was mir nach einer kurzen, bangen Viertelstunde auch gelang. Ich suchte ihn zu bewegen, sich noch einmal aufzurassen, aber alle? vergeblich. Er fiel zurück mit den Worten:„Laß mich liegen, mit mir ist's ans!" Ich überlegte mir nicht lange, sondern sagte mir nur das eine: Tu mußt den Brunnen erreichen, und machte mich dahin auf den Weg. Nach einer Stunde hatte ich unter unsäglicher Muhe und Onal den Saksaulhausen(eine Art Wegweiser aus einem Haufen Holz) erreicht, wobei mir die Hoffnung und die Angst um meinen Freund wahre Riesenkräste verliehen hatten. An diesem Wegweiser muhte ich heran und mich dann scharf rechts oder links wenden. In einer halben Stunde mußte ich dann den Brunnen erreichen. Um mich über die cigeniliche Richtung, die ich nun zu nehmen hatte, zu orientieren, griff ich in die Tasche nach meinem Wegeplan und zog gleich darauf die Hand zurück, aber— leer! Abermals befiel mich ein heftiger Schreck und schon wollte mir der Mut sinken. Ich überlegte mir, daß der Plan ja im Rucksack bei meinem Kollegen geblieben war. Ich wollte nun aufs gcradewohl nach Süden gehen, wenn ich da den erschnien Brunnen nicht fand, mußte er im Norden sein. Zum Glück hatte ich meinen Kompaß bei mir und auch die Uhr. Ich nahm also meinen Weg südlich. Ich ging zwanzig Minuten, fünfundzwanzig Minuten, nichts war zu sehen. Noch fünf Minuten, dann wandte ich mich zurück, nunmehr scharf nach Norden. Meine Beine trugen mich kaum noch. Nein mechanisch bewegte ich mich vorwärts. Endlich war ich wieder an dem Saksaulhaufen. Nun noch eine halbe Stunde. Wenn ich dann den Brunnen nicht sah, wollte ich alleS Suchen aufgeben und zu meinem Freunde zurück- kehren, um gemeinsam mit ihm das Ende zu erwarten. Ich zog also weiter, immer im Schneckentempo. Da— nach funsund- zwanzig Minuten erblickte ich den Türm, der den Brunnen umgab. Ich stolperte nun voll Freude darauf zu und schlürfte gleich daraus in langen Zügen das nicht ganz reine Naß. Aber die Aufregung jetzt und die kolossale Anstrengung zuvor hatten zu sehr auf mich gewirkt. Ich siel in einen festen Schlaf. Wie ich erwachte, mußte ich mich erst besinnen, wo ich war. Dann zuckte wie ein Blitz der Gedanke an meinen armen Freund durch mein Gehirn. Ich füllte schnell die mitgenommenen Schläuche. Es war fünf Uhr und die Hitze schien etwas nachgelassen zu haben. Inzwischen fühlte ich auch meine Kräfte zurückkehren. Ich hatte zirka zwei Stunden geschlafen. Mit frischem Mute und in der Hoffnung, daß es noch nicht zu spät zur Rettung sein wurde, machte ich mich zu meinem Freunde auf den Weg. Nach nicht ganz zwei Stunden halte ich ihn erreicht. Ich rüttelte ihn-- kein Lebenszeichen. Da riß ich sein Hemd auf und horchte auf seinen Herzschlag und, o Freude, es schlug noch, wenn auch kaum vernehmbar. Ich össnete nun einen der gefüllten Schläuche und wusch ihm mit dem kühlen Wasser erst das Gesicht, dann auch die Brust, Hände und Fuße. Hierauf flößte ich ihm von Zeit zu Zeit etwas Wasser ein. Nach kurzer Zeit schlug er auch wirklich die Augen auf: Er war gerettet. Nachdem er sich satt getrunken, legte er sich wieder hin, um zu schlafen. Um neun Uhr machten wir uns dann neu gestärkt auf den Weg nach dem Brunnen, wo wir über Nacht bleiben wollten. Es war eine sternenklare Nacht und kein Laut ließ sich auf der weiten Fläche vernehmen. Wir erreichten endlich den Brunnen, wo wir uns unser Lager giirfdiimncöfjit»nb scüliefen tiff und fest rrtcf) der ausgestandenen Ciwt bis zum Morgen, n>o wir dann unfern Weg frisch gestärkt in der Richtung nach Meriv fortsetzte». R ich- Schatte n. Kleines Zeuilletsn. Vornauic» im revolutioniirc» Frankreich. Vor nicht langein er- regte die Zeitungsnachricht einiges Aussehen, dast ein Standes- beamter einer deutschen Stecht ablehnte, die Tochter eines Partei- genossen anf den Rainen tl'assaN>ne— über den Geschmack einer solchen??amenSwahl läßt sich streiten— in die aintlichen Register einzutragen. An dieses nicht gerade belangreiche BorkonimniS wird man durch einen interessanten Artikel„Die Vornamen deS Jahres II' erinnert, den Edouard Levy in den beiden letzten Hefte» der trcff- lichcn Zeitschrift„La Revolution Fran?aise" veröffentlicht. Das revolutionäre Bürgertum in Frankreich sprang bekanntlich derart radikal mit allen Machthaber« der Vergangenheit um, das; eS nicht nur die Feudalherren aus dem Lande jagte, den.stönig aufs Schafott schickte und den lieben Gott als lästigen Ausländer der Grenzen verwies, sondern auch den Kalender ganz und gar umkrempelte. Die Einteilung in Wochen schivand, die Sonntage fielen, und auch die braven alten Heiligen wurden an? dem Kalender hinanSgekarri anf den Schindanger der Geschichte. Ganz natnrgemäs; gingen, nachdem das Gesetz vom LO. September 1792 die standeSaiuilichcn Funktionen den Geistlichen genommen und den Zivilbeamtcn übertragen hatte, revolutionär gesinnte Väter dazu über, ihre Kinder aus revolutionäre Ramc» i» die Listen einschreiben zu lassen. Der Gebrauch des Begriff? Vornamen(prenom) selbst Ivar ja eine revolutionäre Er- ruugcnschast, da man vordem nur den Taufnamen gekannt hatte. Am nächsten lag e? bei der NamenSwahl. anf berühmte Rainen des Tages oder der Geschichte zurückzugreifen. So erhielten denn nicht wenige der im Fahre 1793 Neugeborenen die Vornamen Marat, RobcSPierre, Sc Pelletier, Franklin und auch Papi», der Er- finder des Papinschen Kochtopfes, muffte herhalten. Maratine War natürlich ein Kind weiblichen Geschlechts, aber lvider Erwarten be» nannte man mit dem Namen deS NcvolutionStanzcS Earmagnole einen Jungen. Nicht selten tauchte Wilhelm Tell alö Vorname auf, seltener schon, wenn inchl ungewöhnlich ivar es, wenn nach der jakobinischen Bergpartei der Vorname La Montagne lautete. Eine nicht minder gute Gesinnung bewies, wer seine Kinder nach den TageS- oder Monats- namen des neuen revolnlionären Kalender? Trimidi, Tridi, Dekadi oder Floräal, Germinal, Ventäse oder Niväse rief. Da die ganze Revolution mit dem klassischen Faltenwurf des republikanischen RömerwmS einherschritt, konnte eS nicht Wunder nehmen, daff die Geschlechter der Scipionen und Gracchen von neuem in zahlreichen Exemplaren aus dem Boden gestampft lvurden; die Augustinus, Brutus, Cato, Pnblicola waren an der Tagesordnung, aber auch Griechen wie Soloir, Lykurg, AristideS und DcmosthcneS oder alt- testamentarische Gestalten wie Mardochai oder Moses kamen zu ihrem Recht. Häufiger gab man den Kindern die Namen revolutionärer oder bürgerlicher Tugenden: die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlich- keil, die Menschheit, die Venmnft, die Tugend dienten in zahllosen Fällen als— wohlgemerlt!— männliche Vornamen. Auch Liebes- sacket fand sich hier und da. Schlimmer war es schon für den Werdegang eine? kleinen Bürgers, namentlich unter spottlristigcn Schulkamcradeir, wenn er Jakob Unteilbar(JaegueS Jndivisible), Joseph Ohnehose oder gar Stephan ohne Hosen(Etienne sanS rulotteS) hieff. Da waren die der Pflanzenwelt entnommenen Samen bei weitem vorzuziehen, Ivemr es auch angenehmer sein mochte, Apfel, Blume, Himbeere, JaSmin, Nelke, Tulpe, Weinstock als gerade Feldrübe Louise zu heiffen. Aber leicht verführt die Fülle eigenartiger Namen, die aus den Archiven deS Jahres 1793 ausgegraben wurden, zu der Vorstellung, neben diesen revolutionären Vornamen seien andere gar nicht gang »nd gäbe gewesen. Das Gegenteil stimmte! Einmal wurden ganze Gegenden von der Sitte der revolutionären Vornamen kaum berührt, zum zweiten kamen sie weit häufiger in den Städten und ihrer Bannmeile, als auf dem flachen Lande vor, und zum dritten erhielten doch in neunzehn von zwanzig Fällen die Kinder die überkommenen Rainen Paul, Louis, Jcanne statt der revolutionären Beneummgeii. Mit der Thermidorrcaktion aber erlosck die Sitte ganz, und in den folgenden Jahrzehnten suchte sich mancher brave Bürger und gute Steuerzahler seines revolutionären Namens wieder zu entledigen, der schlecht zu seiner friedliche!: Gesinnung und Beschästiguiig passen wollte— es war ja auch zu peinlich, unter der Herrschast der weiffen Fahne der Bourboucn etwa Trikolore zu heiffen. Unter der dritten Republik gar Ivar der Brauch voi: 1793 derart au? der Hebung gekommen, daß 1910 einein Pariser Bürger, der selber den Bornamen Florsal trug, die Eintragung seines Kindes auf den Rainen Germinal verweigert lvnrde. Völkerkunde. Rhapsoden in Ehina. Meist hat der Ausländer vom Eharakter des Chinesen eine ganz falsche Ansicht. Man hält ihn für «nen sehr nüchiernen Geschäftsmann, der nur über die Kniffe und Schliche des Verdienens uackisinnt und keine Poesie des Daseins kennt. Ganz anderer Meinung wird man jedoch, wenn man Gelegenheit hat, einen Rhapsoden, d. h. Erzähler zu beobachten. In hockender «crantw. Redakteur: AlsredWielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Stellung gruppieren sich die KuliZ um ihn herum. Ter Ausdruck ihre? Gesicht? wird ei» ganz anderer, sie durchleben da? Gehörte. Dieser Umstand allein beweist schon, wie sehr die Seele dieses Volkes der Poesie sich öffnet. Der chinesische Rhapsode lebt ebenso einfach und anspruchslos wie der chinesische Arbeiter. Eine Handvoll Reis, eine Handvoll Teeblättcr und ein wenig kochendes Wasser geniigen, um seinen: Geist und seiner Phantasie die prächtigsten Bilder zu entlocken. Vornehm lässig sitzt er da. Ab und zu fächelt er sich ein wenig Kühlung zu. dann und wann macht er sich in seinem stets mitgeführten Kännchen einen Teeaufguff. Und nun fängt er an, zu erzählen, und zanbert den: armen Kuli. der sich tagsüber schwer geplagt hat, ein Paradies vor die Seele, dessen Wunder ihn so fesseln, daff er mit Augen und Ohren, den Oberkörper weit vorgebcugl. lauscht.— lauscht dein Wimdersamen, da? seinen entzückten Geist aus den Fesseln des klörpers befreit und ihn hinführt zum ewigen Licht und zur Stätte der seligen Freuden. Hat der Rhapsode seine Erzählung geendet, so kehrt mir allmählich die Seele deS Kulis in die Wirklich- keit zurück. Ein wenig Reis oder ein paar Tcebläiter sind die DankeSopfer. die den: Erzähler dargebracht werden, der dem Knlr die Feierstunde vergoldet. Natnrtvifsenschaftli.kies. Werkzeuge bei Krebsen. Schon zur Zeit des ve« rühmten Euvicr machte man die seltsame Beobachtung, daff gewisse kleine Krcbschen in den westindischen Meeresgewässer» eigenartige Gegenstände zwischen ihren Scheren hielten. In neuerer Zeit bcfafften sich zwei Forscher, Duerden und nach ihm Möbius, näher mit dieier Sache und fände», daff die Krcbsarten dlsli». tessolata und Polydectus cupuliler stets eine Aktinie, eine Seerose, mit ihren Scheren gesafft hiellen; eine Anzahl von Versuchen be- wies, daß die Seerosen, die bekanntlich mit Nesselfäden ausgerüstet sind, zur Verteidigimg und zun: Nahrungsgewerbe des Krebses dienen. Die Krebse scheinen ein deutliches Verständnis dafür zu besitzen, daß eine ganze Seerose besser zu gebrauchen ist als ein Fragment von ihr. Als Möbius einem solchen Krebschen ein Stück« che» Seerose ii: die Schere steckte und da? Tier dam: mit einer ganzen zusammenbrachte, ließ es das Fragment fallen, löste vor- sichtig niit dem ersten Gebfuß die Haftscheibe der Seerose, mit der sie aus ihrer Unterlage festsitzt, ab und ergriff die Aktinie mit seiner feinzahnigen Schere. Die Vorsicht, mit der die Aktinie von ihrer Unterlage losgelöst wird,»n: sie nicht zu verletzen, ist ebenso be- wundernSwert wie die Tatsache, daß alle diese Krebse die Man:« pulation in derselben Weise vornehmen. Ein feiner Instinkt, wenn nicht gar das Resultat bewußter Ueberlegung ist eS, daß die Seerose stet? mit der Nesselfädenscheibe nach oben und etwa? nach außen getragen wird, eine Stellung, in der sie am besten zur Verteidigung verwandt werdet: kann. Die Mellen verlassen sich so auf diele eigenartigen VerteidigungS« Werkzeuge, daff sie den ursprünglichen Gebrauch der Scheren völlig verlernt haben. Reizt man einen Krebs, dem man die Altinien fortgrnoinmcn hat, so versucht er nicht, wie es seine Verwandten unter den Krabbei: zu tun Pflegen, den beweglichen Finger der Schere in Verteidignngsstelluiig zn bringen, sondern bewegt diese bloß hin und her, nl? hätte er eine Aktinie zur Hand. Dem NahrungScrwcrb dient die Aktinie insofern, als der Krebs ihre Nesietsäden an kleine Beutetierchen heranbringt und sie damit be- täubt, so daß sie ihm»ich: mehr entgehen können. Die? ist aus- schließlich der Fall bei den: PolhdekluS, der auf Angriffe überhaupt nicht reagiert, sondern sich ganz auf seinen ihn dicht bedeckenden Wollpelz.' der ihn nntenntlich inacht, verläßt, während die flinkere und lebhaftere MeUa von der Aktinie in der geschilderten Art sowohl als AugrifsZ- wie als Verteidigungswaffe Gebraneh inacht. Erdkunde. Trocknet dieErde au§? Die Frage, ob der Wassergehalt nnscrer Erdkugel sich allmählich aber stetig verringere, wird von einer Reihe von Forschern bejaht; nach ihnen steht uiiser Planet in einem langsam aber nnanfhallsain fortschreitenden AnSlrocknungSprozeß. Dieser Annahme tritt nun der bekannte englische Physiologe Prof. Gregory in einem Berichte entgegen, den er in diesen Tagen er- stattete. Gewiß ist in Teilen von Zentralasien, in Mexiko, Teilen Südamerikas und vor allem in Arabien ein weit fortgeschrittener AustrockmmgSprozeß zu beobachten, aber hier spielen dieLuftströnningen und die Veränderungen des Klimas eine entscheidende Rolle und die Summe der beobachtetenVorgänge rechtfertigt keineswegs die Hypothese einer allgemeinen, die ganze Erdkugel umfassenden Austrocknimg. Eine fortschrertende AnStrocknung müßte nicht nur erhebliche Verändc- rungen in der Gestaltung der Erdteile und der Meere mit sich bringen: sie würde sich bor allem in einer Verringerung der Wasser- dämpfe unserer Atmosphäre spiegeln und damit in einer Veränderung der Intensität der Somienstrahlen. Daß die Verschiebungen der Küsteiigestaltungen von der ersten Zeit, von der wir historische Daten besitzen, bis zur Gegenwart nur gering ist. steht außer Zweifel. Die unveränderte.Konstanz der Sonnenstrahlen zeigt sich aber durch da? Fortleben bestimmter Pflanzenarten in bestimmten Gegenden. Schwankuiigcn der Intensität der Sonnenstrahlen, wie man sie in Algier und Kalifornien beobachtete, erstrecken sich mir anf kurze Zeit- rälime und finden stets wieder eine Siisgleichunn._ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo..Berlin L1V»