Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 30. Donnerstag, den 12. Februar. UU4 Das Menfthlem Matthias. ovl E r z ä h l II n g d o II P a il l I I g. Matthias sah ihm tvehmutig nach. Z» ztvcien wär's ihm heut leichter getvorde». Doch Conrad hatte im Tal bessere Gesellen; er mochte den wehleidigen Spintisierer auch nicht mehr uni sich haben. Von weit unten sandte er diesem zur Anfnnmterung einen Jauchzer zu. den ersten nach all den Jammertagen! Das ungebärdige Leben perlangte seine Rechte. Aber Matthias blieb dem hellen Freiheitsrnf das Echo schuldig. Er lief wie in Ketten. Müder als jetzt konnte er nach vollbrachtem Tagesmarsch auch nicht sein. Kleinmütig betrat er das erste Haus; als war's gestohlenes Gut, bot er seinen Kram an. Er durfte noch von Glück sagen, daß er mitunter auch vor offene Türen kam. Was jener fehlte, die ihn so gefühllos in die Welt Hinanstrieb, bewies ihm dafür manche fremde Frau... trotz seinem Ungeschick. Rur ausfragen durften sie ihn nicht. Wenn eine wissen wollte, wo, wie und was seine Eltern seien, gab er keinen oder unverständlichen Bescheid; machte sie gar seine Waren schlecht, packte er ohne Widerspruch ein, und wo ihn ein Hund beschnüffelte oder an- knurrte, fing er auch schon zu wimmern an. „Aus dem wird ewig kein Rotschild, so früh er anfängt!" mochte manche denken, die den scheuen Stoffel hurtig abziehen sah, kaum daß sie einen Blick in seinen Korb getan hatte. Dieser ragte fast einen Schuh breit über seinen.Kopf hinaus, er deckte den schmächtigen, nach vorn gebeugten Oberkörper völlig zu: hinterher konnte man von dem ganzen Hausierer nur die halbnackten Beine sehen. Und wenngleich die Bergler von Kindesbeinen an Strapazen gewohnt waren, knirschte mancher die Zähne beim Anblick des halbbatzigcn Bürschleins und dessen unmäßiger Bürde. „Sag auch. Dein Alter muß mir einen Schädel haben, daß man Holz drauf spalten könnte!" meinte einer, der den Schweiß von der.Kindesstirn tropfen sah und in seine Men- schcnseele hinein schamrot wurde. Grau, von Efeu und Flechten überwuchert, lag seit un- denkbarer Zeit ein Findling am Haslacher Waldrand. Wessen Auge ihn erblickte, wunderte sich über seine Herkunft, Bc- schaffenheit und Größe. Und fast jeder Wanderer benutzte den moosigen Rücken zu bcsck'aulicher Rast, freute sich der prächtigen Aussicht über den schillernden See, die sonnen- trunkenen Weinberge und versteckte» Taldörfer. Da gab man sich gern erbaulichen Betrachtungen hin. Es mußte schon ein stocktaubes Gemüt sein, das auch an dieser Stelle seinen All- tagsgcdanken erlag, sich nicht eine Weile in feierliche Gefühle einwiegen, den uncrschtvinglich hohen und weiten Himmel an- beten konnte. Dabin schleppte sich gegen Abend auch Matthias Böhi, dem's bitter not tat, wieder einmal abzustellen und Einkehr zu halten. Er wollte gern versuchen, ein wenig über sein Ge- schick nachzudenken und dazu erwägen, tuie es etwa mit der Allmacht Gottes, von der er so große Stücke vernommen hatte, bestellt sein möchte.„Freud und Leid machen"— sagte man hierzulande. Sein Gutes und Böses ehrlich bekennen und dann abwarten, was die innere Stimme ihm offenbare. Wenn der überm blauen Himmelsdach wirtlich alles sehen konnte, was sich auf dieser weiten Erde zutrug, so mußten ihm ja auch Matthias Böhis Schmerzen bekannt fein. Vielleicht konnten sie ihm bald erlassen werden. Oder mußte man sich auch vor ihm mit lauter Stimme wehren, damit einem nicht zu schwer aufgeladen wurde? Eigentlich konnte das Mensch- lein in seines Herzens Mattigkeit aus dem Gedanken eines allwissenden Meisters keinen Trost schöpfen. Blieb doch nach allem Hin und Her immer wieder die Frage, warum gerade er unter tausend Kindern so sehr leiden und entbehren müsse. Seine Zweifel krochen verstohlen, mordlüstern an die gläiibi- gen Gefühle heran. Aber wie um den lieben Gott zu ent- schuldigen für den Fall, daß seinem Auge doch dies und jenes entgehe, machte sich Matthias die ungeheilersten Vorstellungen von der Größe der Welt. „Tu hast nur ein zu verstocktes Herz. Aber gib acht, Not kehrt beten!" hatte ihn der Pfarrer kürzlich verwarnt. Doch auch da war noch ein Haken. In seiner grimmigsten Not mühte der Knabe sich umsonst, ein Gebet um Hilfe hinaus- zuschicken. Hatte er schon zuviel Unrecht erlitten, daß er auch „dem dort oben" das bißchen Ehre nicht antun mochte? Nur schluchzen konnte er noch, und da weit und breit keine Menschenseele zu sehen war, brauchte er sich dessen nicht zu schämen. Den Handel mit Spezereicn mußte er für heute sowieso aufstecken, denn bis zum nächsten Weiler reichten seine Kräfte längst nicht mehr. Sollte er sich alSgemach heimschleichen? Sachte schob er seine Hemdärmel zurück und betrachtete halb schmerzlich und zugleich empört die häßlichen blaugrünen Striemen an beiden Armen. Das war noch ein Andenken ap die letzte Heimkunft. Er rechnete aus, daß schon nach einer Woche kaum ein Flecken mehr zu sehen sein werde, wenn — hier machte er eine notgedrungene Pause— inzwischen keine„neuen" dazukamen. Aber ach. wie bedenklich sah's nach dieser Nichtung ans! Noch einmal überwältigte ihn das endlose Weh. Laut weinend siel er vornüber auf den altersgrauen Findling am Wege— dem harten, kalten Stein mochte er sein Elend vertrauen. Dann glitt die Müdigkeit versöhnlich über seine Sinne, streifte die Lider über die brennenden Augen und streckte die gefolterten Glieder zu einem stärkenden Schlummer ans. Als der pflichtvergessene Handelsmann sich wieder erhob, hätte er vor scheuer Verwunderung schier einen Schrei los- gelassen. Die Farben des Tages hatte die Nacht alle verwischt, so- aar das Abendrot lange ausgelöscht. Mond und alle Sterne zusammengenommen sandten nicht einmal soviel Helle ab, als nötig tvar, den See in der Tiefe zu erkennen. Aber an den Ufern der unzähligen Lichter: das tanzte, flimmerte und blinzelte herauf wie aus tausend feurigen Menschenangen! Ter verdutzte Knabe lauschte, was durch die unheimliche Stille etwa noch zu vernehmen sei. In seinem Hirn gab es einen Ruck, langsam setzte sich das Räderwerk der Not wieder in 33fr- wegnng. Wie lange war's schon Nacht? Die Basgotte wird mich zu Boden schlagen! dachte er. als er zaudernd den Korb hob und die Riemen befestigte. So spät war er noch nie nach Haus gekommen. Tort unten, wo die vielen Lichter lockten und spielten, lag seine Mutter auf Gotterbarmen im Spital... Ob sie wohl wußte, wie's dem lieben Schatz auf dem Berge erging? Er wollte das nicht glauben. Nein, sie mußte gewiß selber große Schmerzen dulden, da sie nicht einmal zu Maries Leiche hinaufgekommen war. Ach, es hatte Wohl noch gute Weile, bis er wieder zu ihr nach Trenstadt durfte! Und dann... ja, wie ein Windstoß überfiel ihn der Gedanke... ein wahrer Mordbrenucreinfall, vor dem alles Leben erstarrte... Wenn die Kranke nun auch sterben mußte und ebenso spurlos vom Erdboden verschwand wie das tote Mariele... auf Nimmerwiedersehen...? Wäre die Erde jetzt unter ihn: geborsten, er hätte nicht tiefer erschrecken können. Dann hatte er niemand mehr, der ihn liebte, beschützte, beschenkte unk wenn auch nur auf Tage— von seiner Sklaverei erlöste. Wer mochte wissen, was die Basgotte noch alles mit ihm anstellie, wenn der Kostbatzen bald für immer ausblieb? Ganz unbewußt war er darüber ins Laufen geraten, immer näher kam er der verhaßten Hütte, wo die Ziegen ihr Futter in Ruhe verzehren durften, während er unter Oualen des Leibes und der Seele hungern mußte...- Nur zu, nur zu. Not lehrt beten. „Lieber Heiland, laß mich zu meiner Mutter kommen!" flehte er kurz und aus Herzensgrund, ohne hierbei der�Bitte um Vergebung der Sünden, noch der Lobpreisung Seiner Kraft und Herrlichkeit zu gedenken. Matthias hatte schon die Tobelbrücke überschritten und sah das weltverlorene Hüttenlicht blinken gleich einem ge- fallenen Stern. Seine Not schwoll riesig an und löschte allen Mut aus. „Matthias!" schrillte eine bedrohliche Stimm? durch die 118— Nacht. Das war der Große, den die Basaotte geschult ßatte, den Säuinigcn hcinczuholen. Eins, Awei... mitten ans dein Wen warf dieser semcii Korb ab, und in der Richtuna. von wo er kam, rannte er davon, als ob ein reißendes Tier hinter ihm her wäre. Nicht eher hielt er an, bis er den ienfeitiaen Wald wieder erreicht hatte. Da oben konnten sie ihn unmöglich suchen. Aber wie bon hundert Nadelstichen schmerzte es ihn am Leibe, die wunden Fußsohlen brannten so sehr, daß er im feuchten Gras gehen mußte. Zuweilen blieb er mit hochklopfcndcr Brust stehen und horchte hinüber. Folgte ihm am Ende doch der flinke Konrad ans den Fersen? Tönte noch dessen Hein,- ruf durch die Nacht? Allein außer dem eigenen Keuchen war nirgends ein deutbarer Laut, nur das raunende, wispernde, schattenhaft lebende Schweigen des Waldes... Und von Schauer zu Schauer bebte die kindliche Seele. Verschwommene Nachtgestalten, drohende Finsternis umgaben ihn nach allen Seiten. Leise, tastend, tat er Schritt für schritt. Leib und Seele waren wie geschieden voneinander, iedes Gefühl halb om Erlöschen. Wenn er jetzt nur hätte umfallen können.... (Forts, folgt.) die Lebensretter. Aon Karl Schön Herr. Sein Weib war ini Brotkampf der Großstadt früh verblüht. Es wurde ihm ans die Dauer zuwider. Weibcrreiz brauchte er wie eine» Bisse» Brat. Und eines Tages war er nicht mehr da; sie mochte wohl nach ihm rufen, und Straß auf und nieder alle Vc- kannten nach ihm fragen— er hatte sich mit einer Jungen, Bollen, Rassigen/die beim Lachen weiße Zähne zeigte, über das große Wasser davongemacht. Dort wellte er ein neues Leben beginnen, nachdem er das alte wie die Raupe den Balg kurzweg abgestoßen hatte. An Geld hatte er ihr zwar keinen roten Heller zurückgelassen, aber wenigstens die beiden Kinder ließ der Gemütsmensch der Mutter; den sechsjährigen Franzel mit den prachtvollen, großen Grauaugen und schwarzen, seidcglänzcnden Wimpern, und daS vierjährige, blcichwangigc Hederl. Tie zwei jungen Geierlciu schrien gierig nach Futter; das leib- und seelenkrauke Weib konnte nicht genug herbeischaffen. Saint- lichc Möbelstücke und Kleiderfetzen, Cßzeug und Kochgeschirr, alles war ans der Elendstube unter dem Dache bereits in das Lcihamt oder zum Trödler gewandert. Die Mutter ließ ihre Augen verzweifelt in alle Winkel der leeren Stube gleiten. Es war nichts mehr da. Nur Tür und Fensterstock standen noch. Aber ob etwas da war oder nicht— die jungen, gierigen Geierlciu schrien immerdar nach Futter; nur um so lauter noch hallte ihr Geschrei in der rattenkahlen Bude. llud da hatte die Mutter, um die jungen Mäulchen und Mägen noch einmal voll zu stopfen, irgendwie und irgendwo zugelängt, wo eben etwas zu erlangen war; stehlen, glaube ich, heißen das die Leute. Ter Polizeiagent steht vor der Wohnuugsiüre und klopft und schellt: „Machen Sic auf, liebe Frau! Geschieht Ihnen nichts! Ich hol Sic nur in den Zlrrest ab!" Die Mutter kauert mit den Kindern im hintersten Winkel der Elendstube auf dein Boden; sie hat Arme und Hände um die ans- gezogenen Knicc geschlungen und starrt in verzweifelter Ruhe vor sich hin. Da hat man den Kindern immer vorgesagt: Ehrlich bleiben, nicht lügen, nicht stehlen... und nun soll man vor den eigenen Kindern als Diebin steh». Nein! Das sollen die Kinder nicht erleben. Mutter will nicht öffnen. Es schellt und tlopft immerzu. Ter Franzel hatte sich fest und steif eingebildet, es sei jemand mit guter Botschaft draußen, der Einlaß vcgchre, und wollte immer zur Türe. Aber die Mutter hielt ihn wortlos fest. Das kleine schmächtige Hederl faß munter und guter Dinge neben der Mutter ans dem Boden, eng an sie geschmiegt. So ost es draußen schellte und pochte, lachte das Kind hell und zerrte im Takt an Mutters Rock. „Gling., gljng.. und.. bum... bum und gling... gling..." Der Agent suchte der Mutier den Mund wässern zu machen: „Frau, machen Sie auf! Die neuen Zellen haben Luftheizung, elektrische Beleuchtung, so schöii haben Sie in Ihrem Leben noch nicht gewohnt; und die Fahrt dahin machen wir im grünen Wagen; auf Ehre, er steht schon vor dem Tore... Also aufgemacht, lassen Sie das Glück herein!" Der Franzel wollte sich nicht mehr halten lassen. „Mutter, Glück bat er gesagt! Jetzt sperr ich aber auf!" Die Mutier starrte geradeaus vor sich hin und sagte nicht ja, noch nein; aber so wie der Franzel zur Tür wollte, um das Glück lscrcinzulnsscn, tappte sie jedesmal nach seinem Arm und zog ihn zurück. Mutters Seele bebte und gitterte. Drinnen flehten und flennten die Kinder nms Aufmachen; draußen pochte der Agent. Da fiel sachte der Tropfe», der Mutters längst schon rand- Pollen Elendbechcr zum Uebcrlanfcn brachte. Sie sprang plötzlich vom Bode» ans. Eine furchtbar, naincn- lose Bangigkeit vor der Welt erfaßte sie. Es war ihr, als labte in der Stube herum eine wilde, reißende Bestie, die mit aufgc- spcrrtem Rachen nach ihr und ihren Kindern schnappen wolle. Mit irren, angstvollen Augen suchte sie nach einem Ausweg für sich und ihre Lieben. Sic riß in ihrer Todesangst den Franzel an sich und hob ihn auf die Brüstung des offenstehend en Lichthosscnstcrs. „Franzel... da komm... im Lichthos unten sind wir sicher..." Sic gab ihm einen Ruck. Der Franzel sauste in die Tiefe. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt einen Schrei auszustoßen; nur angesehen hatte er die Muiter noch mit den entsetzten, großen grauen Augensternen. Tic Mutter umklammerte das blcichwangige, zartknochige Hedcrl und deckte es schützend mit ihrem Leibe, damit cS die anstürmende Bestie nicht erschnappe: „Fortfliegen... Hede... Engelc spiele».. Das Weib flüchtete mit dem Kind im Arm auf das Fenster- brctt, als wäre das zähnefletschende Tier hart hinter ihnen her. Das Kind drückte sein schwindelndes Köpfchen angstvoll au Mutters Brust und rief mit dünnem, hellem Stimmchcn: „Mutter... oh... Hcdi mag nit fliegen... nit Engele spielen..." Aber schon flogen Mutter und Kind aus der Welt fort, in den kleinen Lichthof, dem Franzel nach. Der Polizeiageiit paßte»och immer vor der Türe wie eine Katze vor dem Mauseloch und klopfte und schellte. Bis schrcckcns- bleich der Hausmeister dahcrgestürzt kam: „Blas wollen Sic denn? Die Frau ist schon längst unten!" Das Unglück war kaum geschehen, da kam auch schon der rote Wagen der Rettungsgesellschaft hcrangerast und stellte sich neben dem grünen Schubwagcn auf, der so lange vergebens die Mutter erwartet hatte. Ja, auch aus arme Leute warten dann und wann Equipagen unter dem Haustor. Der Rettungsarzt prüfte und sichtete mit kundigem Blick alles, was er in dem kleinen Lichthofc vorfand. Die Körperchen der beiden Kinder ließ ci in die Totenkammer schaffen; sie waren der zähnefletschenden Bestie Welt glücklich entronnen. Aber mit der Mutter fuhr der Rettungswagen in rasendem Tempo dem Kranken- Hause zu; denn in ihr hatte der Doktor noch Leben entdeckt. Der Professor stellte im Beisein der Acrzte den Grad und die Zahl der Verletzungen fest, welche die Mutter beim Sturze erlitten hatte: Schädelbasisbruch; Lungenimprcsston; Leberverletzung; gc- meine Rippen- und Knochenbrüche, soviel man nur wollte. „Meine Herren! Die Verletzungen sind furchtbar; aber es ist noch Leben in ihr! Also herbei, hcrvci; helfen Sie, laufen Sic, machen Sie sich nützlich!" Hei, wie da die Acrzte flogen und sich hilfreich bemühten: Da wurde desinfiziert und gewaschen; gcsascht und verbunden; verklevt und vernäht; ack>, wie viele Hände regten sich; wie viele schlaflose Nächte wurden der Armen geopfert; welche Summe chirurgischer Gc- schicklichkeit und Tüchtigkeit wurde aufgewendet, um das teure Leben zu erhalten. Der Professor inzidierte injizierte, trepanierte, ligiertc; er dachte kaum au Schlaf und Essen; das schöne Wort: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, war ihm zu Fleisch und Blut geworden. Viele Wochen laug hing das Leven der Kranken an einem Zwirnsfaden. Hundertmal halte der Tod nach der Frau die Hand ausgestreckt; unter dein Bette hervor langte er nach ihr, unter Professors Achsel hindurch und darüber hinweg griff er grinsend nach dem Weibe; aber' der Professor schlug mit seinen Skaipelleu nach dem dürren Bruder und vertrieb ihn mit Asepsis. Es war ein langes Ringen und Kämpfen. Endlich begann der Professor leise, leise zu hoffen. „Wenn diese und jene Komplikation nicht eintreten würde— aber sie tritt wahrscheinlich ein— ich sage nnr, wenn es nicht der Fall wäre... dann bestünde die eventuelle Möglichkeit, sie durchzubringen!" Mit solcher Reserve stellte er die erste Prognose. Aber im Laufe weiterer Wochen ward er immer zuversichtlicher. Mit dieser Frau battc er schon einmal ein rechtes Glück. Keine Komplikation, auch nicht das kleinste unangenehme Zwischensällchen trat ein; alles heilte per primam, alles ging wie am Schnürchen. Da war es wirklich einmal ein Vergnügen, Arzt zu sein. Eines Tages kam der Professor zur Kranken, untersuchte sie nach allen Seiten, nickte im Hie rzu befriedigt und schmunzelte still vergnügt in sich hinein. Dan» setzte er sich vertraulich zu ihr auf den Bettrand, strich ihr milde lächelnd das Haar aus der Stirne und atmete erlöst auf: „Liebe gute Frau Sic haben mir viel Sarge und Kummer bereitet, aber jetzt sind wir durch; Sie gehören wieder dem Leben!" Die Mutter phantasierte im Genes ungSfieber immer von den Kindern. »Laht mich zu den Rindern beim, babt ihr gehört? Wenn mir nuch alle» im Kopf umgeht wie ei» Mihlenrad, aber das tveih ich: Mutter und Kinder gehöre» zueinander; hört, ihr grausamen Leute: laßt mich zu Franzel und Hede heim.. Bis endlich mit der fortschreitenden Genesung auch daS Er- innerungsvermögeu langsam wiederkehrte. Nach und nach erfuhr die Mutter alles. Man hatte ihr das Schicksal der Kinder solange als möglich verheimlichen loolle». Aber es ging wirklich nicht länger; denn der große Krankensaal saßte Raum jür zwanzig Frauen, und sämtliche Betten waren besetzt. Die Mutter sah auf dem Bettrand. Sie war rings umgeben von Blumen, Obstkörbchcn, Backwert und Süßigkeiten. Ter Pro- scssor, die Assistenten, ja ganz fremde Leute, die unter gewöhnlichen Umständen niemals daran gedacht hätten, einer armen Frau solche Präsente zu machen, hatten ihr zum Abschied Gaben gespendet; den» die Mutter sollte heute, nachdem sie viele Monate im Krankenhause zugebracht,„geheilt" entlassen werden. Die Polizei war bereits verständigt. Die Frau aß nicht von den guten Sachen; sie sah nicht die viel- farbigen Blumen und roch»'cht ihren Duft. Tie hielt ihre Blicke immer krampfhaft auf eine Stelle des Fußbodens gerichtet und schlürfte mit den Schuhsohle» darüber hin, als wollte sie Spuren verwischen. Tie sah da immer ztvci Blntflecken, einen größeren dmikclroten und einen kleineren blassen, rosenroten; und die wollten nicht von den Fliesen verschwinden, so eifrig sie auch mit den Füßen darüber fegte. Der Professor kam auf seinem Bisitengang mit den jungen Praktikanten zum Bette der Mutter: „Hier, meine Herren, diese Frau ist gewissermaßen mein Nenommicrfall!" Er streifte mit ein paar flüchtige», beiseite gesprochenen Worten die Krankheitsursache und fuhr dann laut fort: „Patientin wurde in einem jammervollen Zustande auf meine Abicilimg gebracht; die gebrochene» Knochen standen ringsum auf wie Stoppeln auf einem Ackerfeld; na, schauen Sie die Frau jetzt an! Der rechte Arm zum Beispiel war dreimal gebrochen I Und jetzt passen Sie mal auf, meine Herren! Liebe, gute Frau... heben Sie den Arm... ja? Recht so!" Die jungen Mediziner konnte» nicht genug'staunen über die Betvcglichkcit des Armes und die glänzend verheilten Bruchstellen. „Der Unterkiefer war zweimal frakturiert; Splitterbruch, Ivohlgcmerkt," fuhr de». Professor fort:„Und nun passen Sic inal auf, meine Herren! Liebe, gute Frau, öffnen Sie den Mund!— Sol Brav!— Und jetzt beißen«ie die Zähne sest aufeinander. Gut!" So demonstrierte der Professor unter dem riesigen Beifall der Hörer den g.'att verheilten Kieferbrnch und noch einen ganzen Rattenkönig anderer Brüche und Verletzungen, deren Heilung der chirurgischen Wissenschaft alle Ehre macht. Die Frau saß auf dem Bcttrand und gehorchte wie ein Auto- mat. Sie ließ an ihrem kunstvoll zusammengeflickten Körper hcrmlitastcn und hcrumdcmonstrieren. soviel mau wollte. Nur die Stellung ihrer Füße ivollte sie nicht verrücken lassen. Da mochte ihr der Professor noch so lieb und gut zureden— die Füße hielt sie krampfhast aus die Stelle des Fußvodens gepreßt, ino sie immer die beiden Blutflecken sah. Diese Stellen verbarg»nd deckte sie ängstlich mit ihren Sehlen. Ihrer Kinder Blut sollte niemand sehen. Tie konnte es kaum erwarten, bis der Professor mit dem Hörerschwarin weiter ging. Ein junger Mediziner rannte seinem Kollegen ins Ohr: „W-eun ich Professor war, mit der Patientin würde ich reisen!" (Schluß folgt.) Der Wiöerhall üer großen Revolution in Deutßhlanö. Wie der gewaltige Sturm am Ausgang des achtzehnten Jahr- Hunderts, der in Frankreich den Absolutismus samt dem Feudalismus wegfegte, auf die großen Geister Deutschlands, auf einen Goethe, einen Schiller, eine» W i e l a n d gewirkt hat, ist ziemlich all- gemein bekannt, obschon dieser Stoff zusammenfassend noch nirgends behandelt worden ist. Minder unterrichtet sind wir über die Wirkung der großen Revolution auf die Massen des deutschen Volkes, ein Mangel, der sich zum größten Teil daraus erklärt, daß es ein vffeni- licheS Leben in Deutschland damals nicht gab und daß politische Zeitschriften und Zeitungen sast vollständig fehlte!:, aus denen der Eindruck jener Umwälzung auf die deutschen Zeitgenossen lvidergespiegcit werden konnte. So hat denn Dr. Eberhard Sauer sich keiner leichten Aufgabe unterzogen, als er es unter- nahm,„Die französische Revolution von 1780 in zeitgenössischen deutschen F l u g s ch r i s t e n und Dich- tun gen"(Alepaiider Dimcker Verlag. Weimar 1003) festzubalten imd die Sprvdigkcit des Stoffes mag vielfach die Schuld tragen, daß es a u e r eigentlich nur eine Vorarbeit zu seinem Thema geliefert hat, die allerdings des Interessanten genug bietet. Vor dem Ausbruch der Revolution herrichte in Deutschland der vollkommene politische Stumpfsinn und die kälteste politische Gleich- gültigkeit. Es war nicht nur Wellbürgertnin, sondern auch Ekel vor dem sklavischen Zustand ihrer Heimat, das gerade die Besten sich vom Vaterlande abkehren ließ:„Frühe verlor ich mein Vaterland", gestand Schiller,„um es gegen die große Welt zu vertauschen", L e s s i n g tinterstrich:„Ich habe von Vaterlandsliebe keinen Be- griff, und Hölderlin zürnte:„Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir ist, als würd' ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir zu, lvenn einer an das meinige mich mahnt, als schnürte ma>r :nit dc:n Halsband eines Hundes mir die Kehle zu." Wo die politische Misere des Landes edelste Geister derart zur Flucht aus der Politik trieb, verhielt sich auch die Oberschicht der Gebildeten gleichgültig zu öffentlichen Dingen und die Massen, ver- iklavt und verblödet, vegetierten in: Stumpfsinn dahin, ängstlich geduckt unter den Krückstock irgendeines rabiate» Tcrcnisstmns. Wenn denn in den Mnsenalmanachen dieser Zeit Freiheitsgesänge nicht selten autauchten, so handelte es sich meist um akademische Reimereien sehr platoniichc» Charakters. Immerhin war es der Nachhall des amerikanischen ilnabhängigkcitsknegcs, der in den Versen der„Berliner Monalsschrift" von 1783 tönte: Noch immer ichreckt die rasende Despotie, Die Gottes Rechte lügend, mir Großen fröhnt, Den ErdkreiS! Dem alten Erdteil zum Trost klang die Prophezeiung dieser Ode: Doch Du, Europa, hebe da« Haupt emporl Einst kommt auch Dir der Tag. wo die Kette bricht, Du Edle frei lvirst, Deine Fürsten Scheuchst und, ein glücklicher Volksftaat, grünest. Aber nur an die Herzen weniger rührte solche FreihcitSlyrik, und dumpf, verbockt, verdrossen und verständnislos stand dos deutsche Volk im Jahre 1780 dem Ausbruch der französischen Revolution gegenüber. Kein Funke zündete hier, kein Hirn ahnte etwas von der ivcltumivälzeiidendcu Bedeutung des BastillciistnrmS. Erst als die Revolution in den folgenden Jahren in Gestalt der republi- kanischcn Bataillone über den Rhein schritt, zwang die Anwesenheit der Franzosen, in Westdeutschland wenigstens, mit Für und Wider Stellung zu nehnicii. In Mainz, Ivo beim Nahen der Jakobiner schon der vcrianltc Kurstaat kraftlos zusammengesunken war, bildete sich das Klubistenreginient, hier erschien„Der Patriot", hier suchte Georg F o r st e r den Massen die Gedankenwelt der Losung: Freiheil, Gleichheit, Brüderlichkeit I nahezubringen, aber verzagt»nißtc er belciincn:„Es ist nnglaubwllrdig, wie stupid das Volk ist; jetzt kommt seine Leere und Charakterlosigkeit erst recht zum Vorschein. Sie lvissen gar nicht, ivie ihnen geschehen ist, und vermissen ihren gnädigen Herrn." Auch hier waren eS den» nur wenige, die etwa beim fröhlichen Gelage sangen: Seit langen Jahren mußten wir Des besten Tranks entbehren. Ihn soffen Mönch und tranken schier, AIS ob sie Schläuche wären. Er wärmte nur ihr träges Blut Zur Lust mit seilen Dirnen. Uns, Brüder, gibt er Freiheitsmut Trotz unires Bischofs Zürnen. Ein anderes Mainzer RevoinlionSiied frohlockte; Auf, Brüder, auf I die Freiheit lacht, Die Ketten sind cnlzwei; Uns hat sie Custine losgemacht, O Bürger, wir sind frei! Nun drückt uns kein Despote mehr Und raubt uns untre Taschen leer, Der Mainzer ist nun frei! Aber dein„Ausruf zur Freiheit von einem jungen Mainzer Bürger" antwortete flugs aus der klaisischen Pfahlbürgerstadt Frank- ftirt der klassische„Aufruf zur Ruhe": Sehet! Wie bisher in Frieden Frankfurts Untertanen blühten, Ohne einen Freiheitßbaum. Euer schöner FreiheitSgarlen, Eure Fahnen und Kokarden Sind ivahrhaftig nur ein Traum. Auf! laßt uns der Vorsicht danken, Daß der General der Franken Uns bisher noch nicht befreit; Denn ein solcher VoUsbefreicr Ist wahrhaftig viel zu teuer, Den» er bringt uns schlechte Zeit. Ueberhanpt spricht aus den meisten gegenrevolutionären Schriften der Zeit, ob es sich nun um Lieder, Flugblätter, Romane oder Theaterstücke bandelt, die Angst der Geldsäcke vor den Hunger- leider» der RevollitionShecre, die getreu ihrem Wahlspruch: „Friede den Hütten! Kiieg den Palästen!" und ganz dem in Deutsch- lnnd herrschenden Brauch zuivider die Armen ungeschoren ließen und die Neichen brandschatzten.„Ich habe", sagte der Held einer ITöt!»rschiencnen Komödie„Tie Miirtyrcr der Freiheit und Gleich- l>eit".„in meinem Leben noch keinen tüchtige» Weltbürger im Braten- rock gesehen. Allen guckten die bloßen Hacken i�u den Schuhen und die nackten Lenden zu den Hosen heraus", und statt das; die deutschen Spießbürger im Bratenrock von der aufstürmende» Weise des Qa ira »nitgerisscn waren, höhnten sie das Lied mit dem kennzeichnenden »Trommelmarsch der Schweizer": Seira, seira, seirassa! Geld ist besser als Assigne. Assigne ist Lumpengeld. Ddstatriote ziehnd in Feld Ohne Strümps und ohne Schuh, sichre sie wieder dchcime zue. Eine Schilderung der Jakobiner überbot die andere an grauen- haster Verzerrung.„Niunn", hieß es in einem Göltinger Revo- lutionsalmanach.„die 7 Todsünden, lind die g Welrplagen, Pest, Hunger und Krieg, mische alles wohl dmchcmaiidcr, löte cö in Menschenblnt und Tränen ans, koche cS mit Mark und Hirn der größten Döielvichtcr der Vorzeit zu einer dichte» Masse, knete eine Menschengestall daraus, und der Jakobiner ist fertig." WobeSpierres Tod auf der Guillotine wurde in einem Soldatenlied gemütvoll begrüßt: Bluthund, Blulhuud, du mußt sterben, Wie du Tausend umgebracht I Fahr' zum Teufel ins verderbe», Du verdienst die Hölleiuiachl! Auf der audereii Seite brachte eS ein Theaterstück:„Der Einigrant" von Bunsen fertig, das anrüchigste Gesindel, da? je die Weltgeschichte gesehen, zu verherrlichen, nämlich französische Herren von und zn, die nach Dentschlaiid geflüchtet waren, hier die Lustseuche verbreiteten imd Hochverrat gegen ihr Vaterland spannen, und Ludwig ö a p e t s Hiurtchlung wurde in einem Gedicht be- snngen, das wie die köstlichste Parodie anmutet: Falsche Freunde, Heiichler, Toren, Hatte» ihm den Tod geickwoien, Die ihn dann nach Mvrderart Im Gefäilgnis aufbewahit... So starb Ludwig, Frankreichs König, Welcher an dem lchten Tag Seines Leben? zwar sehr locnig, Aber mit Verstand noch sprach. Angesichts dieser zwerchfellerschütternden Komik spricht selbst Sauer, der an sich«ine gewisse Neigung zu reaklionärer Vetrachtung der Dinge nicht verleugnet, von dem„beispiellosen Tiefstand der An- griffsschriflen gegen die Anbänger der fiaiizösiichc» Umwälzung". Geistreicher war die Satirc ans das sterbende rvniische Kaiser- reichstentscher Nation. Da gibt cS das„Testament und Hinscheiden des heiligen römischen Reiches am letzten Dezember im Jahre 1797. Mainz, gedruckt im ll, Jahre der Republik", das verkünde::„Arn dreißigsten Dezember 1797 am Tage des Uebergangs von Mainz, nach- miltagS um 3 Uhr starb zu Regensburg in dem bliihcuden Aller von SöS Jahren 5 Monaten 28 Tagen sanft und selig an einer gänzlichen Enlkräftung und hinzugekommenen Schlagflussc bei völligem Vewnßtsciil und mit ollen heiligen Sakramenten versehen das heilige römische Reick, schiverfälligcn Andenkens," Eine Grab- schrifl war beigefügt: Von der Sense des Todes gemäht, atemlos und bleich, Liegt hier das heilige römische Reich. Wanderer, schleiche Dich leise vorbei, Du möchtest cS crtvcckeii. Ilnd der Erstandene unS dann von neuem mit Konklusen bedecken, Ach! Wären die Franzosen nicht gewesen, Er würde nicht unter diesem Steine verwesen. 11' f Des hier vorausgeahnten Zusammenbruch? de? heiligen römischen Reiche? bedurste es aber samt seinen Folgen, Fremd- Herrschaft mid Freiheitskriegen, um den deutschen Pfahlbürger etwa? wenigstens ans dem heillosen Stumpssinn auszurülteln, von dem die Wirkung der große» Revolution aus zeitgenössische deutsche Literatur beredtes Zeugnis ablegt._____ hw. Kleines Feuilleton. Psychologisches. Ein R e ch enp h ä n o m e n. In öffentlichen Schaustellungen hat man öfters Gelegenheit,„Rechenmeister" zu sehen, die durch ihre Leistungen aus dem Gebiete verblüffen, auf dein die meisten Menschen recht schwach sind. Aber fast immer bleibt es bei solchen Vorträgen hei dem Staunen: eine Erklärung für die Leistungen erhält man nicht. Für eines der lebenden NechengcnieS ist nun der Versuch ge- »nacht worden, hinter das Geheimnis seiner rätselhaften Leistungen zu gelangen. Der Göttinger Psychologe G. E. Müller hat vor mehreren Jahren eine ausführliche wisscuschaftliche Studie über den Rechenkünstler Dr. Rückte veröffentlicht. Jetzt berichtet er über neue Versuche, die er im Sommer 1912 an Dr. Rückle im psychologischen Laboratorium voruahin. Dr. Rückle ist unbestritten ein stauneus- wertes Phänomen. Nach einmaligem Hören vermag er sechzig «cranlw. Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln.— Druck u. Verlag' Ziffern fehlerfrei nach Belieben rückwärts oder vorwärts wiederzugeben. 102 Ziffern lernt er in 4 Minuten auswendig. Eine Grenze für den Umfang seine? Gedächtnisses scheint eS nicht zu geben. Was gewöhnlichen Sterblichen überhaupt nicht gelingt, nämlich sich 204 Ziffern einzuprägen, leistet Dr. Mückle in VL Minuten. 408 Ziffern prägt er sich in 26 Minuten und 48 Sekunden ein. Dr. Rückle, ein Mathematiker von Fach, war zuletzt in: Jahre 1900 .untersucht" worden. Seit 1908 tritt er öffentlich auf. Wie hat sich bis 1912 fein Gedächtnis entwickelt? Zu 204 Ziffern brauchte er im Jahre 1906 noch 19 Minuten, im Jahre 1912 nicht einnial die Hälfte der Zeit i7'/z Minuten). Er hat ein ausgeprägtes Gc- däcklnis für Zahlen. Anderes Lcrnmaterial liegt ihm weniger. Das scheint den alten Satz der TedächtniSlcbre zu widerlegen, daß ltdjungen auf irgend einem Gebiet das Gedächtnis im allgemeinen stärken. Aber dem ist nicht so; vielmehr beweisen die Versuche an Rückte, baß seine Leistungen gar keine reinen Gedächtnisübungen sind. Seine staunenswerte Fähigkeit ist bedingt durch die Anwendung von Hilfsmerkmalen, die R. in den Beziehungen von Iahte» stndet. Merkt er sich die Ziffern 228 619, so Iveiß er sofort, daß 228— 2 X 0 X 19 ist. Kenntnis der Mathematik und gutes Zahlen- gedächtnis ergänzen sich bei ihm. R. arbeitet regelmäßig wissen» ichasllich auf mathematischem Gebiete(bis zu acht Stunden täglich). Insbesondere beschäftigt er sich mit Zablentheorie. Diese Bc- schäftigung ersetzt ihm die gedächtnismäßige Hebung. Professor Müller'fordert daher auch mit vollem Recht, daß sich einmal Mathematiker darauf einlassen sollten, die Wege der prakli» scheu Mathematik, die R. einschlägt, zu studieren. Aufgaben in öffentlichen Vorträgen löst 91. nach eigenen An» gaben leichter als in LaboratorinmSversuchcn. Beim Zurufen von Zahlen entstehen größere Pansen, die er zur innerlichen Wieder- holnng benutzt. Da öfters� die Ausgabe gestellt wird, Zahlenreihen nach längeren Zwischenpausen nochmals wiederzugeben, sind diese Hilfen sehr wertvoll. Einen gewissen Anhaltspunkt bietet auch die Kombination der zugerufenen Zahl mit dem Standort des Rufer?. An sich ist RücklcS Gedächtnis für räumliche Beziehungen freilich recht schlecht, Die versuche an Dr. Riickle führen da? Problem der mathematischen Begabung wenigstens insofcrn Ivciter, als ein bloßcS Zahlengedächtnis nicht dabei enlscheldeiid sein kann, vielmehr ist umgekehrt die gcdächtuiSmäßigc Rechenlcistiing stets abhängig von einem Verständnis, das in höheren seelischen Funktionen(mehr logischer Natur) zu suchen ist. Erziehung und Unterricht. S ch u l l e i st u n g c n und soziale Lage. Daß die Leistungen von Schulkindern häufig mit der wirklichen Begabung nicht im Einklang stehen, ist eine allgemein bekannte Tatsache. Besonders fällt das in den sogen. Hilfsschulen ins Auge, in denen die angeblich Minderbegabten Kinder, die das Pensum der Volks- schulen nicht zu absolvieren vermögen, Unterkunft finden. Tie llntersuchungcn eines Halleschen Stadtschnlarztes f..Mcd. Klinik" 1914, Nr. 6) stellten fest, daß dabei namentlich die häuslichen Ver- hältiiiffc auf das Kind und seine Leistungsfähigkeit in der Schule von großem Einfluß sind. Nicht nur die in dein Kinderreichtum der ärmeren Familien begründete mangelhafte Aufficht und Kon- trolle der Schnlanfgaben, sondern vor allem die im Hause Herr- schende Not und die damit verbundene schlechte Ernährung be- wirken, daß die zur Erzeugung der geistigen Spannkraft not- wendige Energie von den Kindern nicht mehr aufgebracht werden kann. Die llntersnchnng der Körpcrbcschaffcnheit von Kindern der Volks- und Hilfsschulen ergab, daß in den Volksschulen dreimal mehr körperlich gute Schüler als in den Hilfsschulen und in diesen fast viermal mehr Schüler von schlechter Konstitution als i» den Volksschulen vorhanden waren. Krankheiten wie Mittelohr- katarrbe, Schwerhörigkeit, Sprachfehler kommen in den Hilfsschulen doppelt so oft vor wie in den Volksschulen, Ungeziefer gar mehr als dreimal soviel. Eine erhebliche Herabsetzung der Leistungen bei allen Schülern findet sich bei vielen chronischen Leiden, vor- nehmlich Nasen-, Rachenleiden sowie bei Augcnfehlern und Ohren- krankhciten. Tie Blutarmut, die allerdings meist erst in den Pubcrtätsjahren und dann auch bei den gut Lernenden deutlicher hervortritt, ist bei den schlechten Schülern doch in einer größeren Zahl vorhanden. Wenn man bedenkt, daß alle diese Krankheiten um so weniger Beachtung finden lind auch aus petnniären Gründen weniger Aussicht auf sachgemäße Behandlung haben, je dürftiger die Einkommensvcrhältnisse der betreffenden Familien sind, so ergibt sich von neuem die Notwendigkeit, mehr Schulärzic anzu- stellen. Das Kind soll nicht nur für die Zeit seines Schulbesuches, sonder» auch für dnö spätere Leben, in dem körperliche Fehler noch viel schwerer wiegende Schäden für daS Fortkommen anrichten können, durch dauernde fachmännische Beobachtung und Behandlung eine» Fonds von Gesundheit erhalten. Allerdings wird dadurch nicht dw Grundursache der schlechten Leistungen berührt und abge- stellt, Sie zu beseitigen vermag nur eine Umwälzung aus sozialem Gebiete, die auch den unteren Bevölkerungsschichtcn die Möglichkeit gibt, gesund zu wohnen, sich ausreichend und zweckmäßig zn er- nähren und ihren Kindern die Hauptbedingllug für den Erfolg iir der Schule und im Leben zn bieten: einen gesunden, leistungs- fähigen Körper. Vorwärts Bnchdrnckerci u.Verlagsanjtalt Paul Singer LcCo.,Berlin LVV.