S 5.« V-S�14 1] HMHolm. Eine Landarbeiterseschichte von Johan Skjoldborg. Links— der Giebel einer Gutsscheune mit aroßen, seit- lichen Einfahrtstoren und eiilein alten, vornüberhängenden Fachwerksgiebel, der drohend ruif alle Vorübergehenden her- niÄerschaut und in der Mitte der schwarz angeteerten, drei- eckigen Spihe ein altmodisches Fenster mit einem Wirbel in ■der Mitte hat— ähnlich dem bitterbösen Auge eines Gutsverwalters, das grün ward vor Aerger über all die Leute, die hier im Hofe aus und eingingen. Rechts— ein aus roten Backsteinen aufgeführtes und mit Zement verbundenes, schlankes, regelmäßiges, modernes Gebäude. In der Mitte— ein schmutziger Weg mit tiefen Fuß- und Wagenspuren, die deutlich aus dem lehmigen Brei her- vorragten. In der Oeffnung zwischen den beiden Giebeln taucht ein Reiter auf. Er hat das linke Pferd des Gespannes bestiegen, das rechte folgt von selber nach: denn die beiden Pferde sind zusammengekoppelt mit Sattelzeug aus alten, steifen Leder- rienien und Tauenden samt eisernen Kumten. Das Geschirr, das lose auf den ledigen Tieren hängt, klappert und rasselt, während sie sich langsam vorwärts bewegen mit hängenden Köpfen und habgeschlossenen Augen. Der Reiter ist ein hagerer Mensch mit schiefen Schultern. Er trägt den Kopf stark vornübergebeugt, in einer Haltung, als wolle er es einer mächtigen Hand leichter machen, seinem Nacken noch einen Stoß zu versetzen. Seine etwas blinzeln- den, mutlosen Augen haben einen treuherziggutmütigen Aus- druck, imd sein langnasiger, einem Schafe ähnelnder Kopf scheint recht dazu geeignet zu sein, sich vor allerhand Unwetter zu neigen und zu beugen. Es ist Tammes, der Großknecht. Nun kommen andere. Der nächste, der rote Jens, hat eine etwas strammere Haltung. Er ist schwerer, doch aufgebläht und gedunsen, mit Pausbacken und dicken, sommersprossigen Händen. Seine Nase schimmert blauschwarz, und die Augen sind mit roten Adern durchzogen. Der fettige Schlapphut sitzt schief auf seinem Haare, das feuerrot ist wie sein großer, roter Vollbart. Er gähnt geräuschvoll— ein Schnappen und Bellen wie bei großen Hunden. Das Gespann des roten Jens ist schlechter als das erste, doch besser als das nachfolgende. Dieses, ein schwarzes und ein braunes Pferd, führt Jakobus. Das schwarze hat ein dickes Knie, und das braune schwingt bei jedem Tritte den breiten, haarigen Huf klatschend in den Lehmbrci des Weges hinein. Auf dem Rücken des Braunen sitzt Jakobus in seiner zerlumpten Jacke, mit einem zufriedenen Zuge uni den mit Bartstoppeln übersäten Mund. Der Körper ist steif wie ein krummgewachsener Baum, dock» brüstet er sich und nickt selbst- bewußt mit dem Kopfe. Er ist nicht weit entfernt vom Halbschlummer. Nummer vier, Palle, hat unglaublich große, rote Hände, die weit aus den Aermeln hervorragen, und dazu so umfang- reiche, abstehende Ohrmuscheln, daß man meinen sollte, er könne sie als Fächer benutzen. Seine aufgesprungenen rissi- gen Lippen hat er mit Tabaksblättern beklebt. Er atmet nnt offenem Munde, als könne er durch die Nase nicht Luft genug einziehen. Hinter Palle erscheint Klein-Lasse mit seinen beiden Gäulen. Klein-Lasse ist flachbriistig und hüstelt. Er ist ganz blaß. Nicht einmal an seinen Händen und Lippen spürt man, daß er Blut in den Adern hat, und seine kleinen, kranken Augen verschwinden fast in den tiefen Augenhöhlen. Gleich hinter ihni erscheint Groß-Lasse. Seine stark her- vortretenden Augen sehen aus, als wollten sie aus dem Kopfe hervorquellen, und mit dein steifen unbeweglichen Blicke gleichen sie bläulich-weißen Porzellankugeln. Seine groß?» Gliedmaßen schlenkern beim Reiten hin und her wie die eines Toten. Der jetzt folgt, heißt Per Holt. Er ist ein außerordentlich fest und gedrungen gebauter Junggeselle und sitzt auf feinein Pferderücken, als sei er Dragoner gewesen. Die Mütze sitzt auf einem Ohre und init einer Würde, als trüge er noch jetzt die Sporen, ruht seine linke Hand flott auf der muskelstarken Lende. Er hat schwarzes Haar und zusammengewachsene Augenbrauen. Seines dunklen Auges Glanz zeugt von körper- licher Gesundheit. Ein Schimmer lebhafter Gedankenarbeit taucht in den Augen auf und zu gleicher Zeit ein Ausdruck furchtloser Ruhe. Sein Kinn zeugt von dreister Kraft: er sieht aus, als könne man mit geballter Faust auf ihn ein- schlagen, ohne daß er auch nur blinzeln würde. Einer nach dem anderen tauchen sie in der Oeffnung auf — Krün Sows mit seinem dicken, faltenreichen Gesicht, in dessen Furchen Schmutz und Tabakjauche lagern, der große Paul, Niels Rön—„Margarete", deren straffe Lenden- muskeln noch das eingebrannte Prämienzeichen sehen lassen, „Life", deren lahme Hüfte eine einzige große Wunde bildet ... Mensch und Tier, Mensch und Tier. Vierzehn Reiter und vierzehn Gespanne. Endlich hört es auf: es kommen keine inehr. Sie ziehen den aufgeweichten Feldweg entlang mit platschenden Hufen und schlenkernden Gliedern: im immer gleichen, schleppenden Takt geht es vorwärts, und es sieht aus, als würde es immer so weiter gehen, bis irgend eine Macht von außen mit einem Kommandowort dazwischenfährt. Wie im Schlaf zieht die Schar den vorgeschriebenen Weg weiter, ohne irgendeinen Seitenweg einzuschlagen. Jetzt muß die Chaussee überschritten werden. Doch da komint den ebenen Weg entlang ein elegantes Gefährt, blanke Schimmel, die spielend und tänzelnd im silbernen Gebiß schäumen, ein Wagen, der auf Gummirädern federt, und ein Kutscher in weißen Handschuhen, der einen mit Bärenpelz be- setzten Mantel trägt. Aus einem Pelz schauen die vom Wein geröteten Wangen und der dunkle Schnurrbart des Kammerherrn hervor. Er liegt unbeweglich an den gepolsterten, niederen Rücksitz ge- lehnt und starrt mit seinen großen, gewölbten Rasseaugen dein Kutscher direkt in den Nacken. Als Tammes den Landauer gewahrt, hält er an, und gleich den Eisenbahnwagen, die sich gegenseitig puffen und stoßen, erfolgen kleine Zusammenstöße in der langen Reihe, die ehrerbietig anhält. Als der Kammerherr vorbeifährt, ziehen die vierzehn Reiter ihre Mützen und begrüßen ehrerbietig ihren Gebieter und Brotherrn. Der Kammerherr erwidert ihren Gruß obenhin, aber rück- sichtsvoll. Darauf gleitet das feingebaute Gefährt lveiter die Land- straße entlang, wie eine Spinne am Faden, und der schwere, klobige Arbeiterzug setzt sich von neuem in Bewegung, den ausgedehnten Stoppelfeldern und dem frisch gepflügten Lande zu. Dem Kammerherrn entgegen kommt ein Zug derber, wohlgenährter jütländischer Ochsen vor soliden, selbstgebautei: Wagen. Jedes Fleckchen ist besetzt mit dicht aufeinander ge- packten, sonntäglich gekleideten Leuten. Es hängen gleichsam so viele darauf, wie nur irgend möglich. Bauern sind es, langbärtige und blonde Bauern mit hellen, intelligenten Augen, Grundtvigianer aus Fölling, die zur Herbstversamni- lung fahren nach der Oerumer Hochschule. Die Wagen weichen gerade soviel aus, daß das linke Rad in der Spur� des reckiten fährt, aber mehr auch nicht. Und niemand grüßt den Gutsbesitzer— mit Ausnahme eines ein- zelnen alten Mannes, der hinten im Wagenzug ein wenig den Hut lüftet,— niemand blickt nach der Seite: aller Augen schauen geradeaus und ganz plötzlich, wie hervorgerufen durch den Druck einer heimlichen Feder, nehmen alle Gesichter einen barschen Ausdruck an. Sobald jedoch der Kammerherr vorüber ist. fallen wieder, wie auf Kommando, die steifen Masken. Die bellen Gesichter lächeln und tuschelnd stecken sie die mit Hilten bekleideten Köpfe zusammen. Die grundtvigianischen Falling-Bauern fahren weiter die Pappelallee entlang gen Oernm, und der Gutsbesitzer biegt in — IM— die Allee des Schlosses ein, wie dos Hauptoebändc von Gyld- Holm genannt wird. Indes schreitet der Zug der Arbeiter mit seinen Gäulen und eckigen Gestalten, mit den hängenden Köpfen und ge- beugten Nacken weiter, immer weiter, unter dem Rasseln und Klingeln der Eisenteile und begleitet vom Gutsverwalter, dessen dicht zugeknöpfter Rock so viel als möglich an eine Uni- form erinnern soll. � Er bleibt ein Stück hinter den anderen zurück und sieht mit seinem dicken Stock aus, als triebe er eine Herde vor sich her. Die vierzehn Pflugscharen, die in den furchen der hoch- gelegenen Gyldholmer Felder stehen, kommen langsam in Bc- trieb. Mühsam und mit zäher Ausdauer geht es vorwärts. Der Boden ist fett und feucht: er klebt am Pflug, an den Hufen der Pferde, den Hosen der Männer, und ballt sich zu Klumpen unter ihren Holzschuhen. Wenn sich die schläfrigen Pflüger in Senkungen oder im Schuh überhängender, abschüssiger Stellen, dem scharfen Blick des Aufsehers entzogen zu haben glauben, halten sie inne, als wollten sie völlig einschlafen— mit Ausnahme von Tammes, dem Großknecht, der gleichmäßig vorwärtsschreitet und allen anderen weit voraus ist. Doch die Stimme des Verwalters tveckt sie bald auf. Und seine groben Worte pflanzen sich fort, werden zu Schimpfworten und Flüchen im Munde der Männer und be° wirken straffes Anziehen und Rücken und Zerren der Zügel, daß das Gebiß den keuchenden Tieren das Maul zersägt. Die vierzehn Gespanne und Pflüge bewegen sich gleich erdlcMichenden, zehnbeinigen Wesen, die langsam die schwarzen, hügeAgen Aecker auf und ab kricck>cu, während die fruchtbaren Felder Gyldholms bearbeitet werden. Vom höchsten Punkte aus hat man einen kleinen Rund- blick— nicht wie in Nord- und Westjütland auf weite Flächen und langgestreckte Wiesen, die wie erstarrte, vom weiten Welt- Meer hineingerollte, breite Wogen aussehen, sondern auf eine Landschaft, die kurzen Spihwelleu im Binnenwasser gleicht. Gyldholm selbst liegt tiefer, als hätte der Erdboden sich gesenkt unter der Wucht der schweren Steinmassen der vielen Gebäude. Das Hauptgebäude,„das Schloß", ist ein Stein- Haufen von zwei Stockwerken und drei Flügeln, mit roten Ziegeln und zackigen Giebeln. Bei all seiner Plumpheit hat das Schloß mit seinen breiten, weißgekalkten Mauerflächen, den kleinen Fenstern und festverschlossenen Türen ein gewisses vornehmes, reserviertes Aussehe». Und dann liegt es völlig isoliert, hinten im Walde, inmitten ausgedehnter Garten- anlagen, weit ab vom Lärm der Arbeit und vom simplen Ge- ruch der Scheunen und Ställe. Die Grenzscheide bildet ein weiß angestrichenes Gitter. Und dieses weiß angestrichene Gitter ist eine sehr wichtige Grcnzscheide. Die Wiesen und Felder, die sich wie ein breiter Gürtel um Gyldholm herum erstrecken, bilden ebenfalls eine Scheide- wand. Und hinter dieser liegen die Dörfer— als hätte ein mächtiger Arm sie in respektvolle Ferne gerückt: Darum, Falling und Oerum. Fast kann man von oben in die Schornsteine der der- fallenen Höfe von Darum hineinblicken. Sie sehen aus, als würden sie alle demnächst wie Betrunkene zusammenbrechen und jetzt nur noch aufrechterhalten durch Stützen und Balken und gegenseitiges Anlehnen.(Forts, folgt.) wie haeckel tlaturforjcher wuröe.") Die Meerenge von Messina ist die Perle von Italien. Meinem Geschmack nach steht sie über Neapel. Der ungeheure Feuerberg, das tiefe blaue Wasserband, das gerade in seiner Begrenzung durch die ferne weiße Küste so abgeschlossen groß erscheint wie ein märchen- hafter Riesenstrom,— alles gibt eine Erhabenheit, gegen die der Golf von Neapel mir wie ein Idyll in der Erinnerung ist. Dabei die Farben noch satter, jene Bläue, die man körperlich zu greifen meint, wenn man in die Flut faßt. Uraltes Sergenland ist hier. Im Aetna hämmern die Cyklopen. In der Meerenge lauern Scylla und Charybdis. Einst, in Homers Tagen, als die Sonne der Mensch *) Zu Hacckcls 80. Geburtstage wollen wir an seine ersten cnt- scheidenden naturwissenschaftlichen Studien erinnern, die er im Winter 18ög/60 in Italien begann. Wilhelm Bölschc hat sie meisterlich geschildert in seinem Lebensbilde Ernst Haeckels, der besten Einführung in des Naturforschers Leben und Denken. heitskultur noch auf der Kante Asiens lag, begann hier die schatten- hafte Münchhausen-Welt wie heute im Herzen Afrikas oder Neu» Guineas. Die Zeiten wechseln. Jetzt kamen die Zoologen und durchsiebten die leisen periodischen Strömungen, die vielleicht einst zu der Charybdis-Sage Anlaß gegeben, mit dem Müller-Netz auf durchsichtige kleine Meertiere. Kein Ort ist solcher Suche günstiger als der Hafen von Messina. Nur an einer Stelle, gegen Norden, öffnet sich das Bassin. Machtlos ist vor dieser Lage der Wcstlvind, den die Gebirge über der Stadt hemmen. Auch der böse Südwind, der Scirokko, der die Meerenge weiß aufschäumen läßt, kann hier nicht herein. Nur der Nordwind jagt die Wasser von außen in das Bassin. Mit den Wellen, die er bringt, schwimmen aber zwangs- weise dann Millionen von Seetieren herein. In dem blindsack- artigen Bauche des Hafens stauen sie sich auf. Wehte gar vorher in der Meerenge Scirokko und häufte ohnehin schon aus den siid- lichcii Teilen vor dem Hafenmunde die Tierschwarinc— und setzt dann Nordwind ein und stößt alles in den Hafen felbst,— dann ist es, als„lebe" das ganze Wasser. Wer mit dem Glas hineinschöpft, der erhält nicht Wasser, sondern einen„Tierbrei", i» dem die Tiere ein größeres Volumen einnehmen, als die Flüssigkeit,— ein kristall- sarbig-glnshcllcs Völklein durchweg, kleine Quallen, Salpen, Krebs- lein, Würmer und lvas dergleichen mehr da jagt und treibt. An dieser klassischen Stätte war es, wo Haeckcl seinen Ruf als Zoologe begründen sollte. Durch Beobachtung einer Gruppe winzigster Ge- schöpfchen, die zugleich noch einen andern Sinn berührten: den ästhetischen,— durch die geheimnisvolle Schönheit ihrer Formen. Kein Zweifel, daß eine geheime, vom Glück begünstigte Wahlverwandtschaft hier waltete. Der Aesthetiker in Haeckel schloß an dieser Stelle einen Kompromiß mit dem Zoologen. Jener hatte in Land- schaft, Volk und Stimmung geschwelgt. Jetzt erschien im Müller- Netz und im Mikroskop eine neue Welt tiefverborgener Schönheit, die noch keiner gewürdigt vor ihm. Indem er sich ihr hingab, blieb er mit dem einen Bein in seiner Schönheitssuche. Mit dem andern aber faßte er für immer festen Fuß in der Meisterschaft der strengen Zoologie. Es ist ein zäher Glaube, daß die ästhetische Betrachtung äugen- blicklich aufhöre, sobald das Mikroskop einsetzt. Da liegt die herrliche blaue Meerenge von Messina. Dein Blick, der sie in ihrer Totalität faßt, trinkt in durstigen Zügen ihre Schönheit. Was wird Dein Mikroskop davon geben! Sein Lichtfeld faßt nur ein Tröpflcin Wasser noch. Nicht einmal mehr blau ist es in solcher Atomisierung. Mag die Wissenschaft hier fortschreiten, das Reich der schönen Form ist aus. Jene ganzen Lehren der Histologie sGewebelchre), Embryologie und so weiter, auf das Mikroskop gebaut, gelten als der Gegen- pol alles Aesthetischen. Sie lösen auf,— die schöne weiße Menschen- haut, das duftende Rosenblatt, den bunten Schmetterlingsflügel,— in„Zellen". So auch hier mit dem Wasscrtropfen. Und doch ist es nur die Unwissenheit, die so redet. Die Natur ist keineswegs so dünnschichtig in ihrer Schönheit, daß das Mikroskop die Schicht be- rcits durchschlüge. In unermeßlicher Fülle zeigt sich hier vielmehr ein ganzer neuer Sternenhimmel auch ästhetischer Schönheiten» so- bald nur die rechten Wege des vertieften Sehens eingeschlagen wer- den. Und auf einen solchen Weg geriet jetzt Haeckcl. Gleich bei seinen ersten Zügen im Hafen von Messina— im Oktober 18ög— fallen ihm sonderbare Gallert-Klümpchcn und Streifchcn ins Netz. Ovistoffs. Bloß ein etwas festerer Kern ist darin ünd um ihn verdickt sich die weiche Gallertmasse zu einer Art Kapsel. Aber sonst keine Spur echter Organe. Dieses Schleimklümpchen frißt,.— aber es hat keinen Magen; es frißt mit dem ganzen Leibe, indem seine weiche, gallertartig lose Körpermasse im ganzen die Nahrung umfließt und aussaugt. Es atmet(und zwar nach tierischer Art! — aber es hat keine Lunge oder Kieme, der ganze Leib schluckt Sauerstoff und scheidet Kohlensäure aus. Es bewegt sich, schwimmt, — aber es hat keine Beine oder Flossen fest am Leibe, sondern die breiige Masse dieses Leibes fließt nötigen Falles in einen Strahlen- kränz loser Fortsätze ans, die das Leibchen geschickt in der Balance halten; sind sie nicht mehr nötig, so fließen sie einfach in die Gallert- mnsse restlos zurück. Wir untersuchen den seltsamen Gesellen mit dem schärfsten Mikroskop auf seine„Histologie". Die Gewebe, die Organe der höheren Tiere lösen sich unterm Mikroskop auf in ein unendlich kunstvoll ineinander gewirktes Netz von winzigen lebenden Gallertkörperchcn mit einem Kern in der Mitte: den Zellen. Unser Radiolar besitzt aber, so wenig wie einen Magen oder eine Lunge oder sonst eins dieser Organe, echte Gewebe von Zellen in sich. Nichts anderes ist es, als eine einzige solche Zelle mit Kern und Gallertlcib. Und diese eine Zelle ist doch hier ein„ganzes" Jndi- viduum, ein ganzes Tierchen für sich, das lebt, sich bewegt, frißt, atmet und so fort. Eo viel degrcift sich immerhin: solche? Radiolar ist im Vergleich zu jenen herrlichen Zell-Teppichcn der höheren Tiere ein rechtes armen Flöckchen Leben nur. Tief unten muß es stehen in der Reihenfolge. Welcher Abstand: der Mensch oben, aus Myriaden Zellen gebaut, die zu knnstvollsten Geweben, zu den voll- kommenstcn Pracht-Organcn für jede einzelne Lebensbetätigung zueinander geordnet sind,— und das Radiolar, bei dem eine einzige Zelle alle diese Funktionen auszuüben hat, weil der ganze Körper nur aus einer einzigen Zelle besteht. llnd nun doch das Wunder! Ein solches lebendiges Schleim- tröpfchcn, wie es unscheinbar» wie ein Häuflein Speichel, durch dlc blaue Welle von Messina segelt, besitzt eine ganz besondere Eigen- schnft doch noch. Es weiß sich einen Stoff anzueignen, den der Chemiker Kiesclstoff nennt,— es ist derselbe, der rein chemisch kristallisiert jene herrlichen allbekannten Bergkristallc liefert. Diesen Kiesclstoff lund gelegentlich noch eine ähnliche Substanz) weiß das Radiolar dann— keiner weiß wie— aus seinem weichen Gallertleibc gleichsam wieder heranszuschwitzcn in einer Form, die durchweg so reizend, ästhetisch reizend ist, daß selbst ein Kind, das sie im vergrößernden Mikroskope sieht, in die Hände klatschen muß und rufen:„Wie hübsch!" Sagen wir, das Radiolar bildet sich aus Kieselstoff einen Panzer. Man kann auch sagen: ein Floß. Denn das harte Kieselgebilde dient ihm sicherlich mit zum Balancehaltcn beim Schwimmen, wie wenn ein loser Gallertklumpen sich um eine schwimmende Scheibe Kork klammert. Jedenfalls entstehen da bald runde Gittcrschalen, durch deren Löcher jene Gallcrtfortsätze, die als Ruderchen dienen, beliebig hcrnusgcstreckt werden können, bald allerlei Dinger wie gezackte tlläder, Ordcnssterne, sonnenhafte Strahlenbündcl und so ins Tausendfache. Denn das ist das vollends Wunderbare: es ist, als habe jede Art dieser Strahliuge ihren völli- gen Privatgeschmack und baue überlieferungsgemäß eine andere harte Kieselfigur als die sämtlichen anderen. Und hier jetzt sängt der eigentlich ästhetische Zauber dieser Kleinsten und stliedrigstcn an, der sie mit einem Schlage obenan in die Reihe der von Schön- heit tiefst beseelten Naturobjckte rückt. Was überhaupt möglich ist an Variante» streng mathematischer Ornamentik, inmerhalb der Grenzen bestimmten Zwecks, wird da geleistet. Ins schier Unend- liche getriebene kristallmäßig prachtvolle Variationen über das Thema Gitterkngel, Stern, Strahlenschild, Kreuz, Hellebarde. Man niuh die Ausdrücke gcradeswegs vom menschlichen Kunstgewerbe holen, denn ein anderes Verglcichnngsgebiet besteht in der gesamten Natur nicht. Radiolar ist einfach ein Tier, das, bei größter Einfachheit seines lebenden Leibes, in Gestalt von Kieselgcbilden durch irgend welche Kraft die größte ästhetische Mannigfaltigkeit und Schönheit erzeugt, die unterhalb des kunstübenden Menschen überhaupt in der Natur, lebendiger wie toter, erreicht wird. Auf diese Nadiolaricn führt jetzt sein guter Genius Haeckel. Die Geschichte ihrer Erkenntnis war vor ihm bis zu diesem Winter 1859/69 ein dünnes Kapitclchen. Wenn ein solches Radiolar stirbt, so ist sein weiches Gallertleiblein natürlich im Handumdrehen zerflossen und dahin. Aber das Kunstwerk seines Lebens, der Stern oder Schild ans steinernem Kieselstoff, bleibt bestehen nnd sinkt entweder in den Grund oder treibt ans Ufer, wo ihrer die Masse sich schließlich häufen mag. Kommt von da eine Prise Schlamm oder Sand unter ein Mikroskop, so mögen die köstlichen Kunst-Religuien den Beschauer baß entzücken und fragen lassen, woher dieses Mirakel stamme. Ehrenberg zu Verlin, der alte, ehrwürdige, war der erste, dem es so ging. Er war noch keiner, der selber an die See zog. Er ließ sich Grundproben schicken und entdeckte darin Radiolaricn-Panzer. Ob sie nun klein ivaren an Format, so erschien ihm doch die Kunst darin so gewaltig, daß er hohe und lvcit entwickelte Tiere etwa vom Scestern- und Seeigel- Schlage für die Meister ansprach. Daß eS Konterbande einzelliger Urtiere ohne höhere Organe mit einem bloßen Gallertleibc gebe, bestritt er unter dem Beifall der besten Zeitgenossen ohnehin und allgemein. Als jetzt bei erster Bootsfahrt im tierwimmelnden Hafen von Messina ein zierliches Kränzlein gesellig zusammengehefteter Radiolarie» sich Haeckel zeigt, da erscheint es ihm auf einmal wie ein dankbares Totenopfer für den früh geschiedenen Heros seiner goob-gischen Träume: er wird die Radiolarien weiter erforschen. Als: Ad aber zeigt es sich, daß er den Schatz des Märchens berührt bat. Als die Kampagne im Hafen von Messina April 1869 beendigt ist, da sind nicht weniger als 114 neue Arten hinzu entdeckt,— »nd jede Art ist eine neue Meisterin individueller Ornamental- kunst. Erforscht ist aber zugleich das Wesen dieser Gallertleiblein. Für immer vernichtet ist Ehrenbcrgs Theorie. Setzen sich der Er- kcnntnis, daß es echte einzellige Wesen seien, auch noch gewisse (später beseitigte) Hemmnisse entgegen, so ist doch über die Natur solcher fast organlosen Schlcimwesen überhaupt und den Lebens- schleim selber, der sie baut i�-arkode oder Protoplasma genannt) eine unendliche Fülle des Neuen und Aufklärenden gesammelt. In der Stille dieser Messina-Tage, während der ästhetische Be- schauer still in sich versunken vor der Schönheit dieser Kieselpanzer stand, ist auch in dem Denker vieles gereift. Abgefallen lvie eine leere Puppenhülle ist von ihm der letzte Skrupel über die alte religiöse Tradition von der Schöpfung. Wenn ein nacktes Schleim- klümpcheu lvie solch ein Radiolar das zierlichste Kunstgebilde aus seinem Leibe ausscheidet, tvarum soll nicht auch der Mensch, der im Glanz der italischen Farben aquarelliert, bloß ein einfaches Naturwescn, verwandt und wesensgleich dem Radiolar, sein? Und wenn dieses Radiolar, da? lebte, kristallartig rhythmische GcbildS so formte: tvarum nicht das„tote" Kristall und das„lebende" Radiolar bloß ein Unterschied des Grades, nicht der Art? Der Rann mit öer Puppe. Von Kurz M ü n z e r. Am windigen Abend eines regnerischen Herbsttages war es, als ich in Einsamkeitsgelüsten aus der Stadt hinausfuhr. Ich Ivar in den ersten besten Wagen gestiegen, und als er an der Endstation hielt, fand ich mich im Prater, in der stillen leeren rauschenden Hauptallee. I» Träumen, ich tveih nicht woher, in Wünschen, ich weiß nicht wonach, ging ich achtlos dahin, und wie ich endlich auf« blickte, stand ich in einer Bndengasse des Würstlpraters. Ganz allein auf dem nassen Wege, in dessen Pfützen verlorene Laterncnstrahlen spiegelten. Die Kinos und Ringelspiele, die Zaubertheaier und� Glücks- räder, die Schießstände und Waffelbäckereicn— alles ivar schon ge- schlössen. Verschlissene Vorhänge flatterten, Plakatfetzen zitterten an den Holzwändcn, hier war noch ein Mann am Kafffcctisch nnd zählte laut, und dort, bei der Schaukel, keifte eine Frau, indes das Kind weinte. Eine grenzenlose Traurigkeit strömte ans dieser Brettergasse; furchtbare Verlassenheit schauerte auf allen Schwellen. Die Verzweiflung der Menschheit, die armselige Luft des schusuchts- volleu Volkes, die Bitterkeit verlorener Existenzen, das alles ging hier um. Ich eilte davon, gelaugte auf den Platz, den die großen Buden einrahmen, und wollte gerade jenseits in den Park hinunterlaufen, da sah ich vor mir ein seltsames Bild: vor einer kleine» schmalen Bude, von zwei grünen Laternen beleuchtet, stand ein großer hagerer Mann, der regungslos mit einem langen Weißen Stab auf ein Bild loics, darauf eine Puppe in grellen Farben abgebildet ivar. Er schien in dieser Pose vom Tage her erstarrt. Die flackernden Lichter belebten sein grün beschienenes Gesicht unheimlich. Er trug langes Haar, sein Gesicht ivar glatt, zerfurcht, altcrslos. War er ein Jüngling? ein Greis? In diesem Augenblick schien er mich zu erblicken. Es kam Be- tvcgung in ihn, und er rief mit einer heiseren, widrigen Stimme: „Treten Sie ein, mein Herr, treten Sie ein. Hier ist zu sehen die lebendige Puppe, ein künstliches Wesen, dem ich Leben einflöße. Es ist das letzte Wunder der Welt, die letzte Errungenschaft der Technik, die Erreichung des Unmöglichen. Mein Herrr, treten Sie ein und besichtigen Sie das einzige Phänomen. Es ist die über- Haupt letzte Vorstellung. Zwanzig Heller, mein Herr. Treten Sie ein! Ich ging. Unter welchem Zwange? zu welchem Ende? Ich erlegte das Geld, der Mann, der in der Nähe noch abstoßender und geheimnisvoller aussah, hob einen dunklen Vorhang und ich trat in einen kleinen dämmerigen Raum. Noter Kattun war über die Bretterwände gespannt, ein Dutzend Stühle war anfgercibt, nnd zwei sacht schwankende Petroleumlampen gaben das notdürftige Licht und einen üblen dicken Dunst. Aber in einem Winkel lag ein greller, wenn scbon abgenutzter Teppich, darauf stand ein weißes Stühlchen, und darin saß eine Puppe. Lebensgroß, in einem verschlissenen rosaseidenen Baby- kleidchen, mit weißen Strümpfen und hohen schwarzen Stiefelchen, mit einem rosa Gazehut und einem Gcsichtl!— ein süßes, unschuldiges Kindcrgcsichtl war es mit großen blauen Augen und so sanft gerundeten Wangen, Reinheit in jeder Linie. Nur der Mund hatte etwas Bekümmertes, einen leisen gramvollen Zug. Ja, aber war es eine Puppe? Lebend schien dieses Wesen, aber erstarrt. Kein Atemzug hob die zarte Brust, und doch schien warmes Menschenblut unter der Haut zu fließen. Hinter mir Ivar der Mann cingeirctcn. Er wies mit einer großen Gebärde auf einen Stuhl und sagte:„Also erleben Sie ein Geheimnis des Lebens. Ich ermögliche Ihnen, in die Wirkung verborgener Kräfte zu schauen. Sie haben eine Puppe vor sich, ein Gebilde aus Wachs, Häcksel und Zwerch. Wollen Sie sich überzeugen, mein Herr?" Er trat an die Puppe und hob einen Arm, ein Bein. Die Glieder fielen schlaff oder steif hinab, sobald er sie losließ. Er gab ihr einen Stoß, nnd das ganze Puppenwcsen fiel vom Stuhl, stürzte zu Boden, sank in sich zusammmen. Ohne Zweifel, es Ivar ein ausgestopftes Ding. Ich lächelte und setzte mich, kaum neu« gierig auf das Koinmende. Ein wenig Schlaftrunkenheit hielt mich umfangen. Ich sah die Gegenstände verschwommen und fern. Und was ich nun erlebte, schien ganz ein Traum. Der Mann nämlich r>ß sich zusammen, er sammelte seine Kräfte und zitierte innere Energien. In dicscin Augenblick schien er schön. Ich sah eine Weiße Strähne in seinem Haar, in seinem belebten Gesicht leuchteten blaue Augen ans, er wuchs, und er hatte eine neue, helle, klare Stimme, als er befehlend sprack:„Tyrsa, stcb ans, atme, lebe, wandle." Und nun geschah das Wunder: die Puppe, das häckselgefüllle Ding, richtete sich auf, erhob sich, Knochen schienen sich in dem weichen Leib zu spannen, schon stand sie, die Augen bewegten sich, der Mund ging ein wenig ans und zeigte kleine funkelnde Zähne, zaghaft probierte sie einen Schritt, schon sicherer den zweiten, und dann ging sie langsam aus den Mann zu. Der wandte sich zu mir. „Mein Herr," sagte er,„sie ist mein Werk. Sie ist tot, Puppe, und hat doch alle Fähiakeiten des Menschen. In belebtem Zustand kann sie Nabruna zu sich nehmen—" Er reichte ihr ein Glas Wasser und befahl ihr zu trinken. Sie ergriff eS, führte es zum Munde— alles aber mit automa- tischen, steifen, eckigen Bewegungen— und trank. Ich sah wie ihre Kehle sich schluckend bewegte. Da lachte ich über den plumpen Betrug. Aber der Mann, der mich zu erraten schien, ehe ich noch ein Wort gesagt, rief laut:„Stirb, sei Puppe!"' Und sie ließ im selben Augenblick das Glas fallen, das Gesicht erstarrte, und weich fiel sie in sich zusammen. Der Mann lächelte höhnisch.„Es steht Ihnen frei, mein Herr," sagte er ironisch,„den Balg zu berühren". Aber das ver- mochte ich nicht. Ein Grauen überkam mich vor diesen beiden, dem unheimlichen Zauberer und seiner Puppe. Ich wollte aufstehen, gehen, aber etwas wie ein Bann hielt mich fest. Und schon wieder hatte sich auf Befehl ihres Besitzers die Puppe erhoben und lächelte und ging auf und nieder. „Sie ist, mein Herr," tönte die klare, helle Stimme,„in diesem Zustand auch empfindungsfähig. Bitte, beachten Sie." Er nahm eine lange Nadel und stach sie der Puppe in den Arm. Und die Puppe schrie auf, leise, verhalten, wie ein Stöhnen im Traum war es. Das Gesicht verzog sich für einen Moment schmerz- lich. Ich betrachtete den Arm: es war kein Tröpflein Blut ge- flössen. Aber der Mann bückte sich und sagte lächelnd:„Bitte, da «in loenig Häcksel." Und er ließ ihn aus den Fingern rieseln. Ich glaubte plötzlich! Ich glaubte, ein Wunder zu erleben. Warum hatte mir nur niemand in der Stadt von dieser Zauber» Sude erzählt? Das war ja eine Szene, so grasartig grotesk, so dämonisch unheimlich und geheimnisvoll, daß die ersten Varietes sich darum reißen mußten. Und schon fuhr der Mann wieder fort:„Ja, sogar Gefiihle kann sie produzieren, das heißt: ich ihr injizieren. Turfa, Tyrsa, ich bins, Du liebst mich, hörst Du, Du liebst mich! Komm, küsse, umarme mich, liebe mich, lieb« mich!" Und die Puppe näherte sich ihm, langsam, wie widerstrebend. In ihr lebloses Wachsgesicht trat ein Ausdruck und verlebendigte «S plötzlich. Steif, ungelenk hob sie die Arme, legte sie dem Manne um den Hals, dessen Gesicht plötzlich in Lust aufglänzte oder in einem grausamen Triuniph, dann glitt sie an ihm nieder, um- schlang seine Knie und sprach.... Ja, sie sprach, sie flüsterte, ein Hauch war es, ein lauter Atemzug:„Gib mich frei." Und zugleich sah ich: sie lebte, war ein Mensch, ein Mädchen, von dem rätselhaften Willen eines Verbrechers in einen Bann geschlagen und soeben, durch ein nnerträglickes Gebot aufgerüttelt, für eine Sekunde zum Bewußtsein erwacht. Ich sprang auf.„Schurke." schrie ich,„vergewaltigst Du einen Menschen?" Und ich ergriff das Mädchen mn Arm. um es fortzureißen. Da sagte der Mann— und bei dem ruhigen Klang seiner Stimme kam icki zn mir— er sagte:„Bitte, wollen Sie sie sanfter anfassen! Sie haben ihr fast den Arm abgerissen." Und wirklich, da lag eine Puppe, ein knochenloses Wesen mit Wachsgesicht. Er hob ihren Arm, schlenkerte ihn, drehte ihn um sich und sagte gelassen:„Nun, der Schaden ist nicht so arg. Gute Nacht, mein Herr, Sie haben die Vorstellung mutwillig unter- brochen, nun gehen Sie, bitte. Ihr seid nicht reif, nicht reis. Zu früh, biel zu früh habe ich den künstlichen Menschen erfunden." Er hob die Puppe auf, setzte sie auf ihren Stuhl, lüftete den Vorhang und schob mich sacht hinaus. Da war das Licht der grünen Laternen, war kalter nasser Wind, Laubgeruch. Ich kam zu mir. ich eilte fort, ich sah einen Menschen zehn Schritte vor mir. Es war ein Wachmann. Ich hielt ihn an, erzählte ihm in Eile, was ich erlebt, und verlangte, er solle den Budenbcsitzer nach Papieren fragen und auf Untersuchung der Puppe bestehen. Ich zweifelte nicht mehr: es war ein lebendes Gesclmpf, ein unglückseliges Mädchen, das der Schurke niißbrauchte. Hypnotische Spielereien, hypnotische Verbrechen waren das alles. Der Wachmann sah mich kopfschüttelnd an und fragte nach der Bude.„Dort," rief ich,„da, drei Schritt von hier, mit zwei grünen Laternen." Ich wandte mich um. Die Bude stand nicht mehr.— Ich spürte, wie mein Blut gefror. War ich verhext? Selbst in einem Bann? Da, wo die Bude mit der Puppe gestanden statte, erhob sich dunkel, schmal, geschlossen ein Flohtheater. Keine Spur von zwei grünen Laternen, von dem merkwürdigen Manne und seinem Bretterhans. .„Also gehen s' nach Haus," sagte der Wachmann beschwich- tlgend,„gehen's heim und schlafen's sich halt auS. Nicht wahr, mein Guter." Und er klopfte mir aus die Schulter und ging lachend seine Runde ab.— Aber ich vergaß mein Abenteuer, meinen Traum, mein Gesicht — oder was es gewesen sein mag— nicht. Eilt paar Tag« später las ich, daß in den Praterauen die graglich verstümmelte Leiche eines jungen Mädchens gefunden worden sei; es gab nicht den geringsten Anhalt zu ihrer Rekognoszierung oder zur Feststellung des Mörders. Es wurde «ine Belohnung ausgeschrieben von lausend Kronen zur Eruierung des Verbreckens, und auf roten Anschlagzetteln war diesem Auf- ruf ein Bild der Ermordeten beigegeben. Als ich im Vorübergehen dieses Bildchen streifte, zuckt- mein Herz erschrocken: cS war die Puppe aus meinem seltsamen Erlebnis! Ich betrachiete es genau. iSerantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag:' aber mir blieb kein Zweifel. Der Mord, so furchtbar er war» hatte diese» Puppengesicht auS seiner Starre gelöst. Um deti Mund lag ein Lächeln, rührend glücklich. Schnell entschlossen fuhr ich zu einem Bekannten, der Ver- bindung mit der Polizei hat. Ich sagte ohne weiteres:„Jene Tote heißt Tyrsa, und ich kenne ihren Mörder." Mein Bekannter war borsichtiger als mein Wachniann, denn als ich ihm mein?lbenteuer erzählt hatte, sagt« er nicht:„Du hast einen Rausch, schlaf Dich aus!" Sondern er fuhr mit mir ins Polizeipräsidium und ließ mir das Verbrecher« album vorlegen. Nach einer halben Stunde fand ich da» Bild jenes seltsamen Mannes mit dem langen Haar und dem alters- losen Gesicht. ES war ein etwa fünfzigjähriger Artist, schon einige Male vorbestraft wegen Delikten, die einen gänzlich entsittlichten Menschen verrieten. Drei Tage später fand man ihn in Budapest, wo er Fremden als Führer durch Lasterhöhlen diente. Er gestand zynisch: er war mit dem jungen Mädchen, das er in Wien gefunden und sich hörig gemacht lxitte, auf Jahrmärkten und Messen herumgezogen und hatte sie, die ein vollendetes hypnotisches Medium war, als lebend« Puppe gezeigt. Sie war ihm Untertan, trotzdem sie ihn haßte. Aber, dann, eines Tages, war sie erwacht, hatte sich auf sich selbst besonnen und war nach Wien geflohen. Aber er statte sie ge- fundcn, und als sie seinem Willen nicht mehr erlag, getötet. I» jener selben Nacht und zur selben Stunde, als ich das Gesicht ge- habt hatte. Kleines Kem'lleton. AuS der Geschichte deS Schnurrbartes. Der Korpsbefehl de» kommandierenden Generals des Gardedukorps, der den Soldaten die„moderne Barttracht— Abschneiden des Schnurrbarts bis auf wenige Haare unter der Nase— verbietet, erregt vielfaches Aufsehen. Solche Haar- und Bartfragcn sind ja in unserer Armee nichts Neues. Gerade vor 100 Jahren ist ein heftiger Kampf um Zopf und Schnurrbart ausgefochten worden. Auch in den fcind» licken Begriffen Zopf und Bart haben sich damals Kampf und Sieg der neuen Zeit über die alte auSge- drückt. Das friderizianische Heer stand unter dem Zeichen des ZopseS. Der Kurfürst von Hessen, der ja auch noch nach 1813 als einziger Landesfürst an dem geliebten Zopf festhielt, pflegte fast jede Kritik mit den, Klageruf zu schließen:„Ach, Herr General, es ist grausam schwer, einen guten Zopf zn machen." Die Offiziere trieben in dieser Hinsicht noch einen besonderen Luxus; manche hatten so lange Zöpfe, daß sie dafür 80 Ellen Zopfband brauchten und sie sie auf der Straße in die Rocklaschen stecken mußten. Dabei war das Heer im 18. Jahrhundert die einzige Stätte, Ivo sich noch die Pflege des Schnurrbartes, dieses„Attributes der Männlich« keit" erhalten hatte. Die großen Puderperücken verlangten ja not« wendig ein glattes Gesicht, und so war denn die Bartlosigkeit so all- gemein, daß„Bartmcnschen",>vie der Bildhauer Perinoser oder der Rektor Funk, ivie seltene Wunder betrachtet wurden. In der preußischen Armee war der Schnurrbart einzelnen Truppenteilen, wie den Grenadieren und dem Regiment des alten DessauerS, der sich nie von dieser Lippenzierde getrennt hatte, direkt anbefohlen. Die Husaren trugen ihre herabhängenden Schnauzbarte nach alter Ge- wohnheit', sie mußten selbst falsche anlegen, wenn die natürlichen nicht lang genug wuchsen. Die Soldatenbärte blieben aber stets die Ausnahme, und bis 1800 sah man im preußischen Heer fast nur glatte Gesichter. Die französische Revolution, die den Zopf so gewaltsam— manchmal mit dem Kopf dazu— abgeschnitten hatte, brachte auch den Bart wieder zu Ehren. Die Soldaten der napoleoniichen Heere trugen zumeist Schnurrbarte; die Garde prunkte sogar im Schmuck breiter Backenbärte, und den Sappeuren waren auffallend lange Vollbarte vorbehalten. Erregten diese„zopflosen Sansculotten" zu- nächst nur„Abscheu", wie der französische Gesandte Sieyös, der bei der Huldigungsfeier nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms HI. als einziger mit natürlichem Haar erschien, so verwandelte sich der Stolz auf den friderizianischen Zopf nach dem Zusammenbruch de? alten Heeres im Jahre 1800 geradezu in Haß. In einem Spott- gedichr auf die Offiziere nach der Niederlage bei Jena �.Rückkehr der Helden ohne Zopf" heißi es z. B.:„Heil blieben Haut und Fuß' und Kopf: Denn Hieb und Schuß traf nur den— Zopf". Die Leutnants schämten sich nun, noch die alte Zier zn tragen und machten die Zöpfe immer kleiner. 1807 schnitt sich der König den Zopf ab. Mit dem Verschwinden des Zopfes aber begann der Kampf um den Schnurrbart. Die allgenieine Mode war vorangegangen: sie brachte um 1803 einen stoppeligen Anflug um die Lippen und Kinn, den man den„Puzel- oder Knaster- hart" nannte, weil seine Träger zumeist Tabak rauchten. Dieser „Puzelbart" wird nun seit 1808 auch im Heere gestattet. Den Voll« bart brachten 1813 die Kosaken nach Deutschland und der Enthusiasmus, mit dem sie begrüßt wurden, erstreckte sich auch auf ihre Lippenzier. Von Ernst Moritz Arndt wird nun der Bollbart als männlichster und„teutschcster" Ausdruck kriegerischer Tapferkeit gepriesen: Jahn erscheint mit seinem Patriarchenbart, und nach ihm richten sich die Turner, richten sich die deutschen Patrioten.__ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer ScCo..Berlin S W,