«log n � S'S' A ö«sgap 2." ä H't�S-« s 2� Z �T' oi S-�'-S..� 0' c;- A o � � Si.-=:i s* ss_. � n.*-•=5 c. o»-X'-Ss« o=1 � o« Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nr. 34. Mttwoch, den 18. Februar. IU14 Lj Hplöholm. Eine Landarbeitergeschichte von I o h a n S k i o l d b o r g> Die Folliiigliöfe dociegen beginnen auszuwandern und den äußersten Felsrand einzunehmen. Zwei davon erheben sich schon auf dein Abhang; sie sind neu. aus roten Steinen erbaut und gleichen einander völlig— dieselbe Bauart, die selben Pappdächer. Und ganz oben steht noch ein im Werden begriffener Hof. dessen Richtkranz im Sparrtverk lustig hin und her pendelt. Die Höfe in Oerum aber haben völlig die alten Plähe verlassen und dehnen sich breit und luftig aus um die als Mittelpunkt dienenden, ansehnlichen Hochschulgebäude herum. Von der höchsten Spitze der Gyldholmer Felder erblickt man auch weiße Kirchtürme; die Spitze des Baronats Löben- borg und das Dach des Klosters in Sörig schimmern in der Ferne; im übrigen ist hier die Aussicht von allen Seiten durch Häuser. Höfe. Pappelalleen, Gärten und lebende Hecken ge- sperrt. Doch— vorbei an den dunklen Gyldholmer Wäldern, durch den Einschnitt zwischen zivei mächtigen Erdhügeln hindurch blickt ein kleines Dreieck des Kattegats mit einent ein- samen Segler. Und dieses Stückchen Wasser wirkt in der eingeschlossenen Landschaft wie eine Fensterscheibe. Die Sonne scheint nicht; es sieht aus, als stecke alles in einem grauwollenen Ueberzug, und alles ist ohne Glanz. Die ranchfarbenen Wolken ziehen über die Gyldholmer Wälder dahin und sammeln sich draußen über dem Meer, dessen Wasser sich dunkler und dunkler färbt. Allmählich schwindet das Tageslicht. Doch die vierzehn pflügenden Gespanne kriechen immer noch in dem klebrigen Lehmboden hin und her gleich riesigen Käfern. Erst als die Dämmerung heringebrochen, machte sich der Verwalter mit seinen Untergebenen auf den Heimlveg, Tammes voran und alle anderen in der gehörigen Reihenfolge hinterdrein. Wie sie aussahen, sowohl Menschen wie Tiere! Als wären sie direkt aus der Erde hcrvorgekrochen und hätten sich noch nicht ganz davon losgelöst,— wie ein Zug Lebender. denen noch der letzte Hauch des Schöpfers fehlt. Da reiten sie zurück: der rote Jens, Iakobus Palle, die beiden Lasse, Per Holt, Krün Sckivs, der große Paul, Niels Nön... die ganze Reihe der für Gyldholm arbeitenden Häusler. Die Nähe und Ferne liegt in graue Dämmerung gehüllt. und undeutlich, verschwommen nur, tauchen die feuchten Aecker längs des aufgetveichten Weges auf, den die Tiere mühsam durchwaten. In einiger Entfernung sieht das Feld aus. als wäre es lebendig, ohne daß man entdecken kann, was hierfür der Grund sein mag. Als aber der Zug nahe genug herange- kommen ist, rauscht es wie von tausend Flügeln, und sausend erhebt sich eine Schar Krähen hoch in die Luft. Und während die Atmosphäre über ihnen erfüllt ist mit lautem, schreiendem Gekrächze, verschwinden die vierzehn Gespanne in der Oeffnung zwischen den beiden Giebeln. II. Der Gyldholmer Pferdestall ist hochgewölbt wie eine Dorf- kirche. Von der Decke herab hängen zwei große Laternen, die in ihren Ketten hin und her pendeln, als seien sie eben erst angesteckt worden, und das schwache Laternenlicht liegt wie Mondschein auf den Holzstangen der langen Reihe der Stände und auf dem breiten gepflasterten Gang. Die Holzschuhe des Stallknechts Anders sind mit schweren Eisenringen beschlagen. Wenn er mit seinen X-Bcinen und seinem hin und her schwingenden Oberkörper auf dem Pflaster vor- und zurückwatschelt, hallt es von den Wände n wider. Regelmäßig, in klingendem Takt, folgt ein Schritt dem ande- ren, gleich dem lauten Ticken einer alten Standuhr in einer leeren Stube. Er läßt vier Pferde zu gleicher Zeit zum Wassertrog gehen. Wenn sie fertig sind, stehen sie einen Augenblick ganz still, während ihnen das Wasser vom Maul tropft, prusten und gehen ruhig wieder zurück, jedes in seinen Stand. Immer vier zu gleicher Zeit— das Ganze geht so regelmäßig wie ein Uhrwerk. Am Wassertrog säubern sich einige Knechte und bespritzen sich mit Wasser unter munterem Gelächter, llud im Schatten der Stalltiir versucht ein junger Bursche den Arm des roten Jens zu biegen. Jens pustet, hält aber unentwegt die geballte Faust straff ausgestreckt und lächelt. „Nein, hier ist, Gott verdamm mich, Mark, mein Junge!" sagt er. Tammes, der Großknecht, und die meisten anderen Häus- ler sind nach Haus gegangen. Palle steht noch da mit halb- offenem Munde, die breiten, schaufelförmigen Hände hängen schlaff herab— es ist, als warte er auf einen Stoß, um in Gang zu kommen. Jakobus nimmt verstohlen einen Zug aus der kleinen Pfeife, bevor er sich in die Nässe hinausbegibt. Klein-Lasse aber stützt den Kopf gegen den Viehstnnd und hustet unaufhörlich. Vom Wassertrog her nähert sich schlürfend Per Holt. Er liebt den Leibriemen etwas in die Höhe und spuckt energisch durch die Zähne hindurch. Im Bewußtsein seiner Stärke wiegt er die kräftigen Schultern, deren Blätter sich unter der Bluse bewegen. Er trocknet seinen derben, nackten, braunen Hals mit dem Rücken seiner Weste und begibt sich hinein in die Knechtekammer. Jakobus blinzelt mit den Augen und meint aus Per Holt deutend:„Ist es wahr, daß— äh!— daß er nun Sophie heiraten wird?" „Ja," antwortet ein blonder Bursche. „Die geht wohl auch jetzt mit dem Zweiten von ihm." „Auf Lövenborg geht meiner Seel' außerdem noch ein Mädchen so!" lacht der Knecht. „Ja, es ist ein verdammter Kerl, dieser Per!" Jakobus lacht vergnügt. „Und dann all die vielen, die er vorher hatte!" fügt der rote Jens hinzu.„Jaha, er ist, hol's der Teufel, ein strammer Bursch, he, he, he!" Jens wirft durch die Türspalte einen be- wundernden Seitenblick auf Per, der, eine Spiegelscherbe in der Hand, seine dicke, schwarze Mähne kämmt und dabei das Lied pfeift:„Wer seinem König dienen kann..." Im Stall herrscht jetzt nach vollbrachtem Tagewerk fried- liche Stille. Die Pferde prusten in den Häcksel hinein. Da ertönen schwere Schritte nnd das Aufschlagen eines eisenbeschlagcnen Stocks, der hart auf die Pflastersteine ge- stoßen ivird. Im selben Moment nehmen die Gesichter einen gespannt horchenden Ausdruck an— auch das Palles, als hätten alle ein nnd denselben Gedanken! Jakobus läßt sofort seine Pfeife in die Tasche gleiten, und selbst Klein-Lasse hustet nicht mehr. Von draußen herein dringt ein lauter Wortschwall, als wenn gescholten würde. Deutlich vernimmt man den letzten Satz:„Hier bin ich meiner Seel' Nummer eins!" „Das ist der Verwalter, der'was auf den Kopf kriegt!" flüstert der junge Blonde. „Ja, wenn der Inspektor davon redet, wer Nummer eins ist, dann weiß man, was die Glocke geschlagen hat," bemerkt Jakobus. Die kräftige, graugekleidete Gestalt des Inspektors er- scheint in der Türöffnung. Alle grüßen ehrerbietig. Er trägt eine Laterne in der Hand, und ein gellier, kriechender Hund folgt ihm auf den Fersen. Sein Bart hängt voller Tropfen und ein feuchter Schimmer liegt auf den rotglühenden Wan- gen. Er bleibt stehen, lind sein alkoholduftender Atem steigt den Leuten direkt in die Nase. Doch spricht er kein Wort, sondern läßt nur die starren, weitoffenen Augen von einem zum anderen wandern. Die Leute werden unruhig. Mit seiner sommersprossigen, brutalen Hand, die vom Laternenschein hell beleuchtet ist, fährt der rote Jens sich an den Bart und meint väterlich fromm mit einem Seufzer:„Na— dann muß man wohl heimgehen zu Weib und Kindern!" „Weib nnb Kinder! In, Du bist meiner Seel' ein nettes Karnickel, das bist Du!" sagt der Inspektor, und geht init der Laterne und seinem Hund, und der Laut des cisenbeschlagencu Stocks verliert sich in der Ferne. Der rote Jens blinzelt und stößt Iakobus mit dem Ell- bogen. Die letzten Häusler verschwinden im Dunkeln— auch Patte. Gleich darauf erscheint der Verwalter. Tie tiefen Stirn- falten des allzeit verschlossenen Mannes mit den barschen Zügen legen noch ein beredtes Zeugnis ab von dem Unwetter, das der Inspektor eben über sein Haupt ausgeschüttet hat. „Höre mal, Tu da," ruft er einem Knecht zu. der eben in die Kammer schleichen will,„Tu hast schon wieder mal die Jnttcrbentel vergessen—• Du— Schafskopf— Du—!"— Er geht hinein in den Stall. Hin und zurück, hin und zurück. Seine aufgeschenchten Blicke fliegen hin und her, in jeden Winkel und über jeden Gegenstand hin. Mehrmals geht er an Anders vorüber. Endlich sagt er: „Willst Du gefälligst dafür sorgen, daß genügend Wasser im Troge istl" Ueber Anders' Nasenrücken und au seinen Schläfen er- scheinen rote. Flecken und Streife», bei ihm ein Zeichen hef- tiaer Gemütsbewegung.„Das werd ich sch— sch— schon besorgen I" Anders stottert. „Was sagst Du?" Anders glüht, seine Augen blicken starr. „Du Esel!" Anders steht und starrt hinter dem Verwalter her und seine Mundwinkel bewegen sich wie von vielen unausgesprochenen Worten.__(Forts, folgt.) Die Lawine. Von Hermann Wagner. Der Tierarzt Jakob Kwindcl a»S Tanchitz an der Sehina kam am Morgen des 17. März etwas verdrossen nach Hause, denn er war nachts in ein benachbartes Dorf zu einer kranken Kuh gerufen worden, und diese Kuh war ihm, all seine» Bemühungen zuin Trotz, sozusagen unter den Händen gestorben. „Den Kaffee!" sagte er daher kurz zu seiner jungen Frau, in einem Tone, der sicher nicht böse gemeint war, der aber doch reich- lich schroff und der jungen Frau auf alle Fälle noch neu und un- gewohnt war. Diese sah ihn darauf mehr erstaunt als erzürnt an und sagte: „Was soll denn das bedeuten— V In diesem Augenblick mußte Jakob Klvindel bedauerlicherweise an die verstorbene Kuh denken. „Nun," äußerte er empört,„bekomme ich den Kaffee oder be- komme ich ihn nicht?" „Nein," sagte darauf die junge Frau mit einer Stimme, die den Verlust von abertausend Illusionen ausdrückte,„wenn Du ihn in diesem Tone verlangst, dann——" Sie konnte nicht ausreden. Jakob Kwindel war aufgesprungen, hatte eine der dünnen Kaffeetassen erfaßt und sie mit so unvorsichtiger Wucht auf den Tisch zu- rückgesetzt, daß sie klirrend zerbrochen lvar. Lediglich die selig verstorbene Kuh trug daran die Schuld, nur sie! Leider wußte dies die junge Frau nicht. Sie sah ihren Mann entsetzt an, hob wie abwehrend beide Arme, schrie gellend aus und floh in das Schlafzimmer, dessen Tür sie krachend hinter sich iiiS Schloß warf. Dort hörte sie bald darauf das ganze Haus krampfhaft schluchzen. Der Mann aber begab sich halb wütend und halb beschämt, aus alle Fälle aber fluchtartig, auf die Straße. » In demselben Hause wohnte der Briefträger Nathanicl Feuer- stein mit seiner Frau Emma und seinen beiden unverheiratet ge- bliebencn Töchtern Marie und Rosa. Nathanicl Feuerstein spitzte, als er den Lärm der zerbrechenden Tasse hörte, neugierig die Ohren, gab seinem Gesicht den Ausdruck hämischer Freude und äußerte: „Hört, hört— nebenan geschieht etwas!" Frau Feuerstein aber Hätschle, als sie den entsetzten Schrei der jungen Frau des Tierarztes vernahm, entzückt in beide Hände, lachte und konstatierte: „Ein Krach!" lind die Töchter schließlich legten die Ohren an die nur angelegte Tür und lauschlen mit Inbrunst dein Schluchzen nebenan. „Er hat sie geschlagen I" jubelte die Rosa. „Huh, jetzt rennt er fort!" feixte die Marie. „Ja, es ist nicht alles Gold, was gHnztl" sagte tiefsinnig der Vater, setzte seine Dienstmütze auf und begab sich eiligen Schrittes aus das Postamt, glücklich darüber, auf seinem Rundgang durch das Städtchen eine brühwarme Neuigkeit verbreite» zu können. „Wissen Sie schon", sagte er geheimnisvoll in jedem Hanse, w« er einen Brief abzuliefern hatte,„iviffen Sie schon das Rcuestr—I4 „Das Neueste „Vom Tierarzt— l" „Von, Tierarzt?" „Ja, daß er feine Frau geschlagen hat— „Geschlagen hat?... Warum?" Aber Nathanicl Feuerstein zuckte nur niit der Achsel. „Er ist frühmorgens heimgekommen. ES hat einen ungeheueren Krach gegeben. Man hat deutlich gehört, wie er sie geschlagen hat..." lind damit grüßte er, lachte vielsagend und verschwand. * Bei Anbruch der Dämmerung hatten sich, wie allabendlich, am Stammtisch im„Gasthos zur Post" der Apotheker Rchse, der Lehrer Will, der Amtsrichter Bimpfl und der Gemeiiidesekrelär Zipphuhn versammelt. Fragen und Antworten schwirrten aufgeregt herüber und hinüber. „Sonderbar, wer hätte daS von ihm gedacht!" sagte der Apotheker Rehse. „Was?" fragte der Amtsrichter Bimpf. „Wie— Sie lvissen noch nicht, daß er seine Iran tätlich miß- handelt hat?" „Tätlich mißhandelt? Wer?" „Welche Frage I Der Tierarzt!" „Man hat die Frau bis Ivcit in die Nachbarschaft schreien ge« hört," konstatierte der Gemeindesekretär Zipphuhn. „Wie?' «Bis auf dem Marktplätze soll man die Hilferufe vernommen haben," erklärte der Lehrer Will.„Erst am frühen Morgen ist er heimgekommen, schwer derauscht!" „Wer hätte das von ihm gedacht!" wiederholte der Apotheker. „Er war immer ein so ruhiger Mensch I" stellte der Amts- richter fest. „Die Ruhigen, das sind oft die Schlimmsten," sagte der Ge- mcindesekretär Zipphuhn.„Ich kannte einen Mann, der——" „Ob er ihr einen Schaden zugefügt hat?" fragte der Lehrer Will. „Man munkelt, daß um die Mittagsstunde der Arzt geholt werden mußte..." „Der Arzt—?" „Der Arzt—?!" „Der Arzt—?!?" „Wer hätte das von ihm gedacht!" wiederholte der Apotheker. „Er war ein so ruhiger Mensch." stellte der Amtsrichter zun» zweiten Male fest. „Die Ruhigen, das sind oft die Schlimmsten," loicderholte der Gcmeindcsekretär Zippbuhn.„Ich kannte einen Mann, der--" Zu gleicher Zeit wogte der Kampf der Meinungen auf das heftigste auch um den Kaffeetisch der verwilivete» Frau Postdireltor Häbig zwischen der Frau Registrator Mcher, der Frau Bäckermeister Puffer, Fräulein Handarbeitslehrerin Siißemilch und Frau StationS- vorstand Simch. „Recht hat sie! Sie ist sofort zu ihren Eltern abgereist! Sie läßt sich scheiden I" „Wie?" „Nein! Erst war sie beim Arzt! Der Arzt hat sie verbunden!" „Ist so etwas möglich!? Dieser Rohling l Er soll total be- trunken gewesen sein!" „Der? Der ist immer betrunken! ES ist bekannt, daß er seit jeher ein wüsteS Leben geführt hat! Ist es nicht ein Wunder, daß sie so lange bei ihm ausgehalten hat?" „Ilnd die Behörde? Schreitet die Behörde nicht ein?" „Gewiß, die Strafanzeige ist schon erstattet. Der Gendarm war am Nachmiltag bei ihm I" „Recht geschieht ihm! Ob man ihn einsperrt?" „Wissen' Sic noch nicht? Er soll ja schon sitzen!" „Wie?" „Wie?!" „Wie?!?" „Man soll es gesehen haben, wie ihn der Gendarm zur Wache gebracht hat! Er soll noch nicht ganz nüchtern gewesen sein!.... Fünf Monate sind ihm sicher!" „Recht geschieht ihm!" „Bravo I" „Vortresslich I" „Ausgezeichnet!" » Als der Tierarzt Jakob Kwindel einen Tag darauf zum Mittag- essen heimkam und von seiner Frau, mit der er sich längst Ivieder versöhnt halte, einen Kuß erhalten hatte, machte er ein nacbdenklicheS Gesicht und sprach: „Was das heute nur zn bedeuten hatte! Denk mal! Als mich ani Morgen der Amtsrichter Häfig auf der Straße traf, kam er auf mich zu, klopfte mir aus die Schulter und sagte mit der Miene eines Leichenbitters zu mir:„Fassen Sie sich junger Freund! Ilnd glauben Sie nicht, daß wir übel von Ihnen denken! Wir wissen ja: die Frauen—!... Wer von uns allen hätte sich da nicht längst auch schon mal hinreißen lassen! Trösten Sie sich! Und warten Sie ruhig einige Zeit ab! Dergleichen vergißt man bei uns sehr schnell I" Die junge Frau errötete, sah zur Seite und erwiderte: „Oh, mir ist etwas ganz Zlehnliches passiert! Die verwitwete trau Postdirektor Häbig war bei mir und erkundigte sich voller eilnahme und Neugier, ob die Scheidung zwischen uns schon ein- geleitet sei!" „Die Schei--?" Die junge Frau nickte. Dann aber schlug sie ein lautes Gelächter an, breitete die Arme aus und fiel ihrem Mann um de» Hals. * In der Wohnung nebenan lag die ganze Familie Feuerstein mit den Ohren an der Türe. „Was war das?" fragte die Mutter erregt. „Ein Kuj;!" schrien die beiden Tochter wie aus einen» Munde. „Ein Skandal!" sagte die Mutter voller Entrüstung. „Was willst Du," schlost resigniert Nathanicl Feuerstein die An- gclcgenheit ab,„Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!" Galileo Galilei. Zun» H30. Geburtstag.(IN. Februar 1564.) Vor Kopcrnikus toar das Weltall eine mc» schlich-irdischc Angelegenheit. Die Sterne am Himmelsraum waren eine gcheimnis- volle, sonderbar bewegliche Runenschrift am Himmel, die von gött- lichcr Hand geformt und gelenkt keinen anderen Zweck hatte, als deutungsschwcr das Schicksalslied der Menschen zu künden, die winzige passive Pilger des irdischen Jammertals waren, elende Geschöpfe, nur ein Spiel der göttliche» Allmacht und doch zugleich sich so wichtig dünkte», daß das Universum nur um sie sich drehte. Die Unendlichkeit der Sterne, die in jede Wiege blickte, trxrr nur eine magisch wissende Illumination für die Geburt jedes Sterb- lichen und zugleich sein vorbcstimmtes Verhängnis. Eine enge Weltverricgelung, in Wahrheit eine kosmische Slirchtnrmspolitik. Die Billionen kreisender Riesenkvrpcr schrumpften zn einer lokalen Sehenswürdigkeit zusammen. Der Mensch erhob sich nicht in der Erhabenheit des Unendlichen, sondern schlang das Unendliche in sich hinein, als wäre es eine bereitstehende, ihm zulouimcndc Nahrung, für die ein Gott freundlich bedacht war. Da kam Kopcrnikus und verwies Erde und Menschen in die Bewegung des Unendlichen. Es war wie eine Botschaft aus den» Grabe. Denn das revolutionäre Werk des.Kopcrnikus, in den» er die Umdrehung der Erde um die Sonne lehrte, erschien zugleich mit der Nachricht seines Todes ltdt. Mai 1543). 36 Jahre hatte er seine Entdeckung verborgen gehalten; erst als Greis, der nichts mehr zn fürchten hatte, weigtc er zu reden.„De rcvolutionibus" über die Umwälzung der Titel seiner Schrift bewährte sich in ihrer Wirkung: die Entdeckung der Umdrehung der Erde wurde eine Uniwälzung der Geister. Niemals hat eine Entdeckung die Menschheit geistig stärker erschüttert. Der Begriff der Unendlichkeit ward das Selbstbewußt- sein des modernen Menschen. Das ganze Mittelalter war von der aristotelischen Naturphilosophie beherrscht; sie war die geistige Grundlage der kirchlichen Weltmacht: die Erde ruht im Mittel- Punkt der Welt, darüber die endliche Himmelskngcl, an deren Oberfläche die Sterne angeheftet sind. Selbst Kopernikus, der die Bewegung der Erde um die Sonne erkannte, schreckte noch vor der Lehre der Unendlichkeit zurück, die doch schon im Altertum Pytha- gorns verkündet hatte. Für Kopernikus war die Welt nur etwas„dein Unendlichen Aehnlichcs". Die kopcrnikanische Umwälzung regte nicht nur die katho- lische Kirche auf. Auch die Reformatoren widersetzten sich ihr um so hartnäckiger, als sie auf die Offenbarung der Bibel schworen. Melanchthoi» erklärte, daß durch die göttliche Offenvarung gegen die Lehre von der Erdbewegung entschieden sei, und Luther selbst sprach nur von dem kopcrnikanischen Narren. Dennoch blieb die neue Lehre siebzig Jahre unbehelligt, aber nur deshalb, weil der Herausgeber des Werkes des Kopernikus es lediglich als eine barm- lose nslronomisckr mathematische Hypothese zur leichteren Erklärung der Hiinmclserscheinungcn hinführte. Aber in dieser stürmischen Gärung der Geister, die in diesem Zeitalter aus tausendjähriger Gebundenheit erwachten, erfaßte Kopernikus in seiner wirklichen Bedeutung die Forscher und Denker. Kepler vollendete die Lehre, Giordano Bruno, der italienische Dominikaner, drang 1584 in seinen korpcrnikanischc» Dialogen kühn bis zur Lehre der Uncnd- lichkeit vor und erlitt 1666 den Feuertod des Ketzers,'einer von Vielen. Den Sieg der neuen Lehre jedoch entschied der Mann, der sie i» aller Form mit heiligem Eide abschwor: Galileo Galilei. Galilei wurde— der Tag steht nicht fest— der Sage nach an» gleichen Tage gebore» als Michelangelo starb: am 18. Februar 1564; zn Pisa, als Solm eines begabten Musiktheorctikcrs, der als Tuchhändler einen nicht sonderlich reichen Erwerb hatte. Während die Familie nach Florenz übersiedelte, studierte der junge Galilei in Pisa und erhielt dort eine Professur für Mathematik. Schon in seinen frühesten Veröffentlichungen zeigt er sich befreit aus dem Band der aristotelisch- klerikalen Weltansicht. Er wird der Urheber grundlegender physikalischer und astronomischer Ent- deckungcn. Bald tritt die kopernikanischc Lehre in seine Gedanken- weit, und er wird ihr Prophet. Mit dem von ihm verbesserten Fernrohr entdeckt er die Jupitermonde, Vre Svnnerrfkeckcn. Jeder Zweifel schwindet. Zu seinem Unheil verläßt er 1666 die schützende Republik Venedig und wird der beneidete Hofmathen»atikus in Florenz» dessen Fürsten jesuitisch beherrscht sind. Der Vorkämpfer für Kopernikus ist trotz seines Rufs einsam und gefährdet. Ilm den eigensinnigen Gegner zn überzeugen, klagt er damals in eine»» Briefe, wäre cS auch dann noch nicht genug, wenn die Sterne zur Erde herabstiegen und von sich selber Zeugnis ablegten. Je lühncrc Folgerungen aus der kopernikanischc» Lehre gezogen wer» den, um so enger umkreist sie die Inquisition. Literarische Fehden mit mächtigen Jesuiten schaffen Galilei erbitterte Feinde. Man denunziert ihn dem päpstlichen Gericht. Das Verfahren der Inquisition wurde gegen ihn eingeleitet. Am 19. Februar 1616 wurden auf Befehl des Papstes der römischen Inquisition folgende zwei Sätze zur Entscheidung unterbreitet: „Die Sonne ist Zentrun» der Welt und infolgedessen mibe» wcglich in örtlicher Bewegung". „Die Erde ist nicht Zentrum der Welt und nicht unbeweglich, sondern bewegt sich in Bezug auf sich selbst als Ganzes auch in täglicher Bewegung". Schon die Form dieser Sätze zeigte, daß die Theologen der Inquisition von der Lehre des Kopernikus keinerlei klare Vor- stcllung hatten. Kein Wunder, daß sie nur fünf Tage brauchte», um mit dieser Lehre fertig zu werden. Am 24. Februar wurde der erste Satz als töricht, absurd und ketzerisch erklärt, ebenso der zweite. Am 26. Februar mußte Galilei im Palast des Kardi- nals Bellarmin erscheinen, wo ihm die Entscheidung mitgeteilt wurde. Galilei erklärte einfach, daß er sich der Weisung unter- werfe. Am 3. März wurde dann das weltgeschichtliche Dekret verkündet, das die Schriften des Kopernikus auf den Index setzte: „Da es zur Kenntnis der heiligen Eongregatu'n gekommen ist, daß jene falsche pyihergorischc und der göttlichen Schrift durch- aus zuwiderlaufende Lehre von der Bewegung der Erde und der Ilnbewegtheit der Sonne, welche Nikolaus Kopernikus und Didaais Astuuica lehren, bereits sich verbreitet Hat und von vielen au- genommen wird..: deshalb, damit einer derartige Meinung nicht der katholischen Wahrheit zum Verderben weiter schleiche, hat die Congregation beschlossen, daß die genannten Bücher... zu suspendieren seien, bis sie verbessert werden... Und alle andern Bücher, die gleichcrinaßn» dasselbe lehren, zu verbiete»», wie sie durch gegenwärtiges Dekret sie insgesamt verbietet und verdammt und suspendiert." Die Ereigniffe dieses ersten Prozesses gegen Galilei sind im Einzelnen nicht völlig aufgeklärt. Jedenfalls verfuhr man persönlich mit Galilei glimpflich, aber ihm war das Rückgrat ge- brachen. Dennoch arbeitete er weiter, und im Jahre 1632 erschien seil» klassischer„Dialog" über die beiden hauptsächlichsten Welt- systeme, das ptolemäische und das kopernikanischc. In Piatons Art unterhalten sich hier Vertreter dreier Richtungen über die großen Fragen des Weltsystems. Das Ganze gibt sich scheinbar als eine Arbeit zur Widerlegung der kopernikanischen Irrlehre, wie denn schon die Vorrede an die Leser mit dem Satz beginnt: In den letzten Jahren erließ man in Rom ei» heilsames Edikt» welches den gefährlichen Aergcrnisscn der Gegenwart begegnen sollte und der pythagoräische» Ansicht, daß die Erde sich bewege. rechtzeitiges Schweigen auferlegte. Aber trotz dieser Maskerade war es kein Zweifel, daß das große Werk einzig und allein zu dem Zwecke geschaffen war, um der Inquisition zum Trotz die Lehre des Kopernikus zu beweisen. In einer der sprechenden Personen, Salvinti, redet unverkennbar Galilei selber. In seinen Aenßc- rungen stürmt die neue Erkenntnis den Himmel. Da finden sich proinetheische Gedanken wie der folgende:„Freilich erkennt der göttliche Geist unendlich viel mehr mathematische Wahrheiten, denn er erkennt sie alle. Die Erkenntnis der wenigen aber, welche der menschliche Geist begriffen, kommt meiner Meinung an objektiver Gewißheit der göttlichen Erkenntnis gleich; denn sie gelangt bis zur Einsicht der Unendlichkeit, und eine höhere Stufe der Gewiß- heit kann es wohl nicht geben." Das Papsttum verstand die revolutionäre Kühnheit dieses Werks trotz aller formellen Unterwürfigkeit. Und jetzt wurde den» Forscher der Prozeß gemacht. Die Anschauungen dieses Buches verstießen offenkundig gegen das Dekret, das die Lehre des Köper- »ikus ächtete. Galilei wurde peinlichen Verhören unterworfen» er scheint sogar, wenn es auch nicht ganz zwingend nachgetvicsen ist, gefoltert worden zu sein. In allen Verhören schwor Galilei. jede kopernikanischc Ansicht ab. Am 22. Juni 1633 wurde das Urteil verkündet, das von ihm den Widerruf der ketzerischen An- sichten verlangte. Und Galiki unterwarf sich. Es»st eine agita- torischc Erfindung aus der Zeit vor der großen französischen Revolution, daß er nach der Abschwörung widerrufen habe mit dem trotzigen Bekenntnis:„Und sie bewegt sich doch." Galilei war zwar ein Greis von siebzig Jahren damals, aber die Kirche hätte ihn nicht geschont, wenn er nicht ganz nnd gar abgeschworen hatte. Der„Dialog" wurde verboten, und erst im Jahre 1822 ivurde das Verbot aufgehoben. Galilei lebte noch bis zum 8. Januar 1642, verdüstert, zuletzt erblindet. Aber in dieser Zeit der Aechtung schuf er»och seine Discorsi, die 1638 in Holland gedruckt wurden, jenes Werk. das die wissenschaftliche Physik begründete. Im Todesjahre Galileis ivurde der Mann geboren, der dem Weltall die Gesetze fand: Newton. 356 mal seit der Gebu»� Valilei» fiftt bie&rbf, der Äirdüe zum Trotz, den Weg um die Eomie vollendet, und mit jeder Umkreisung entserul sich die Menschheit weiter von jener weltlichen Macht, die durch fast zwei Jahrtausende die Erde stillstehen liest. Kleines Feuilleton. Tkurcugcschichtcu. DeS Frühlings erster Herold auS der Vogel- Welt, der Star, ist dieses Jahr viel früher angekommen, als sonst. Bereits sieht man die schwarzen gedrungenen Geselleir in ihren purpurschillernden Hoch.rcitSgewändcrn in den Spitzen der Bäume fitzen, wo sie unter ständigem Wippen mit dem Schwange und Schlagen mit den Flügeln ihr drolliges Geschwätz und Gepfeife ertönen lassen, das zu bescheiden ist, als dost man es mit dem Namen Gesang belegen konnte. Allein die munteren Stare sind dennoch vortreffliche Sänger, wenn sie nur wollen. Die Vogel- kenner zählen den Star zu den Spottvögeln: in der Tat versteht es der Star, nicht nur die Stimmen der meisten Vögel nach- zuahmen, sondern er spricht auch wie ein Mensch und ahmt, mit gleicher Meisterschaft wie der Häher, alle niöglichen Geräusche nach. MasiuS sagt von ihm ganz richtig:„Er spielt seine Schelmenrolle mit nie versagendem Erfolg. Gerade wenn er sich am ernsthaftesten in Position setzt, pflegt er init den drolligsten Possen zu überraschen. Wie der amerikanische Spottvogcl ahmt er die Stimme der Katze, des Huhns, das Kläffen des Hundes, da? Gequak des Frosches, daS Knirschen eines gesperrten Wagenrades in seiner Art nach. Bald ver- sieht er den Dienst einer Windmühle, bald hilft er dem Schreiner feine Säge feilen. Dan» wieder macht er den Zimmermann oder Geometer, und sein übrigens zierlicher, fast vierkantiger Schnabel must ihm dabei sowohl als Zirkel wie als Richlmast und Visicrstab dienen. Mit den erlernten Melodien, Wörtern, Geräuschen schaltet er durchaus selbständig; er mischt mit einer gewissen genialen Zerstreutheit die verschiedensten Weisen untereinander, webt von seinem Eigenen ein und improvisiert so immer neue Eouplcts, die er stets mit einer mimischen Fliigelbewcgung begleitet." Für die Vielseitigkeit des Stars sprechen verschiedene drollige, dabei aber gut verbürgte Geschichten. Fritzsche, der um die Mitte deS 19. Jahrhunderts seine hübschen Naturschilderungen ver- öffentlichte, erzählt z. B.. lvie er sich einmal in der Sommerfrische befand und seine Frau sich darüber beschwerte, dast die Gartentür ihres Wirtes entsetzlich knarrte. Als guter Ehemann ging Fritzsche sofort in den Garten, ölte alle Angeln gründlich und überzeugte sich, dast sie nunmehr vollkommen geräuschlos arbeiteten'. Dann ging er ins Haus zurück, um seiner Gattin den Erfolg zu melden, und im gleichen Augenblick ertönte das eben besiegte Knarren von neuein. Die Tür rückte und rührte sich freilich nicht, und die nähere Untersuchung ergab nach einiger Zeit, dast ein Star der Tür ihre Musik abgelernt hatte und sie so meisterhaft nachahmte, dast er da- durch lästig fiel.— Wie gut Stare sprechen lernen, ist allbekannt. Auch Singen und Pfeifen lernen sie und auf diesem Gebiete leisten sie zuweilen ganz Erstaunliches. So lebte in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Köln ein Domherr, dessen besondere Liebhaberei die Abrichtimg singender und pfeifender Stare war, und aus seine» gefiederten Sängern hatte er eine Hauskapelle von fünf Staren zusammengestellt, die zusammen 19 bekannte Volkslieder zu Pfeifen wustten. Sprachkundlichcs. Ein gemeingefährliches Wort. Niemand tut heut- zutage noch etwas, sondern seitens jemandes wird etloas getan — so will s der Modcstil. Hier ein paar Beispiele ans neuesten Zeitungen:„Der Antrag wurde seitens der Versammlung an- genommen.... Hierin kann nur seitens der Schule dauernde Ab- Hilfe geschaffen werden.... Eintrittskarten gelangen kostenfrei zur Versendung seitens der Geschäftsstelle in der Taubenstraste.... Seitens der Polizei wurden sofort die nötigen Mastnahmen ge- troffen.... Hierauf wird seitens der Verwaltungsstellen wie seitens des Bundesrats hingearbeitet werden" usf. Allgemein erkennt man an, dast der häufige Gebranch der Leideform der Sprache alles Leben, alle Frische und Anschaulichkeit raube. Und in den gegebenen Beispielen ist der Räuber überall nur das böse Wort s e i t e n S. Wie einsach, wie anschaulich und lebendig lauten dieselben Sätze in der Tätigkeitsform:„Die Versammlung nahm den Antrag ein- stimmig an... Nur die Schule kann hierin dauernde Abhilfe schaffen... Eintrittskarten versendet kostenfrei die Geschäftsstelle in der Taubenstraste... Die Polizei traf sofort die nötigen Mast- nahmen... Die Verwaltungsstellen wie der Bundesrat werden hierauf hinarbeiten." Ilebrigens stehen für einzelne nicht hierher- gehörige Falle anderer Art für seitens bekanntlich auch noch die Wortchen von und durch zur Verfügung. Deshalb gelte die ein- fache Regel:„Schreibe niemals„seirenS"—„werft das Scheusal in die Wolfsschlucht I" Und das neuerdings ebenso beliebte greuliche Modewort„zwecks" werft hinterdrein! Als ob es in der deutscben Sprache kein zu. zur und z u m mehr gäbe! Hygienisches. Die Luftverschlechterung in A r b e i t s r ä u m e n. In dem Zeitalter des Tahlorspstems, da die Gier nach gesteigerter Profitrate des Kapitalismus unter dem Schlagwort„wiffenschaftliche Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp. Neukölln.— Druck u. Verlags Organisierung der Arbeit" und unter der Vorspiegelung steigerbarer Löhne zu einer bisher unerhört raffinierten Ausnützung der Arbeits» kraft Stimmung macht, bcrdiencn alle Fortschritte der Wissenschaft besondere Bcachtung, die wirklich zu verbesserten Arbeitsbedingnn- gen führen, ohne dast die Mehrleistung an Arbeit aus einer Steige- rung der seelischen Spannung herausgedrückt wird, wie es das Taylorsystem mit sich bringt. Es ist daher für alle, welche die Lähmung der Arbeitskrast in der mit Menschen überfüllten Werkstatt, im Arbcitssaal oder Bureau Tag für Tag am eigenen Leib zu fühlen bekommen, und das, was ihnen die Unzulänglichkeit ihres Arbeitsraumes an Spannkraft raubt, durch ein Plus an Energie, das sonst ihren freien Stunden zugute kam, ersetzen müssen, von Interesse zu vernehmen, dast nun in dem„Zentralblatt für Biochemie und Biophysik"(1913) Unter- suchungen von E. P. N o r t o n vorliegen, welche„bessere Leistung bei geringerem Kräfteverbrauch"(denn das wäre die ideale Formel einer Arbeitsreform) ermöglichen. Norton untersuchte die Luftverschlechterung in Arbeits- und Wohnräumen durch die ausgeatmete Lust und fand, daß die bis- hcrige weitverbreitete Ansicht, wonach sich die verbrauchte Luft zu Boden senke und das Zimmer langsam von unten aus anfülle, nicht der Wahrheit entspreche. Die Kohlensäure und sonstige mit der ausgeatmeten Luft in die Atmosphäre dringenden schädlichen Substanzen bewegen sich stets nach aufwärts, wenn die Zimmertemperatur unter 39 Grad Zelsius bleibt und die Luft trocken ist. Die mit Wasserdampf ge- sättigte ausgeatmete Luft ist keineswegs dichter als frische Luft. Es wird daher in der Praxis jenes Ventilationssystem am besten bewähren, das an der Zimmerdecke die verbrauchte Luft absaugt. Unten geöffnete Fenster, wie sie Architekten empfehlen, überhaupt jede Lufterneuerung, die nur die unteren Schichten deS Arbeits- odcr Wohnraumes berührt, sind im Lichte dieser neuen Erkenntnis unzulänglich. Welchen Einslust aber reine Luft auf die Spannkraft der Arbeitenden hat, wenn man schon i» Werkstatt und Bureau nicht darauf achtet, wissen am allerbesten die Lehrer aus dem Unterschied ihrer und ihrer Schüler Leistung zu Beginn und am Ende der Unterrichtsstunden. Astronomisches. Die Wanderung der Sterne. Mag das Sonnensystem für den Forscher wie für den Naturfreund mit gutem Grunde eine besondere Anziehungskraft haben, so sind die Wunder des Fixstern- Himmels doch kaum geringer. Man könnte sie sogar als noch größer und unfastlicher bezeichnen als die der Sonne, der Planeten und Monde. Einer der bedeutendsten Astronomen der Gegenwart. Professor Turner, hat in einem Vortrage in London einen trefflichen Einblick in die Fixsternwelt gegeben und dabei insbesondere die Wanderungen dieser Sterne beleuchtet. Es hat his ins 19. Jahrhundert gedauert, che über die Bewegungen der Fixsterne überhaupt etwas Genaues ermittelt werden konnte, obgleich sie sich mit ungeheurer Geschwindigkeit vollziehen. Sie macheu sich so wenig bemerkbar wegen der ansterordentlich großen Entfernung. Braucht doch das Licht, das mit einer Geschwindigkeit von 399 999 Kilometern tu der Sekunde reist, ein bis zloei Jahre, um auch nur den nächsten dieser Weltlörpcr zu erreichen. Einige der hellsten Sterne des Himmels sind aber sogar 199 Lichtjahre von uns entfernt, und die alte Annahme, dast die hellsten Sterne auch die nächsten seien, hat sich als ein Irrtum erwiesen. In der Milch- straste hat die photographische Platte einige dunkle Flecke ermiltelt, die man dadurch erklären könnte, dast dort überhaupt keine Sterne sind. Es läßt sich aber anch denken, dast die dort befindlichen Sterne nur so weit entfernt sind, daß sie mehr als ein Hindernis für die Ausstrahlung von Licht wirken, als solches selbst bis zur Erde gelangen lassen. Die Fixsterne gehören wahrscheinlich auch in Gruppen zu- einander, und diese Gruppen sind sämtlich in einer bestimmten Wanderung begriffen, wie denn die Bezeichnung Fixstern, die sich im Sprachgebrauch bis heute erhalten hat, schon vor 199 Jahren von dem berühmten Astronomen Hallcy widerlegt wurde. Gerade die ältesten Sterne bewegen sich, wie spektroskopische Unter- suchungeu gezeigt haben, an, schnellsten. Professor Turner drückte diese Tatsache durch den Satz aus, die jungen Sterne„watschelten" mit 8—19 Kilometer Geschwindigkeit in der Sekunde dahin, die „Graubärte" dagegen mit 16— 10 Kilometer. Außer den Gruppen- bewegungcn volliiihreii die Doppelsterne noch kreisförmige Bahnen umeinander. Einer der bekanntesten Stemenhanfe» am Himmel ist das Siebengestirn, und die feine Forschung der modernen Astronomen hat gezeigt, dast die zu diesem Sternbild gehörigen Sonnen fast alle dieselbe Bahn verfolgen. Ein anderer Sternenhanfen im Stier scheint in seiner Wanderung nach einen: Punkt gerichlet zu sein; Professor Turner vergleicht ihn mit einem Flug wilder Enten. Die Vögel ziehen im Winter fort und kommen im Sommer wieder, und auch die Sterne kehren wohl auf denselben Punkt zurück, aber vielleicht erst in 39 Millionen Jahren. Auch die Sonne gehört zu einer solchen Gruppe, deren Miigliedern übrigens auch der Sirius und die Sterne des Grosten Bären zuzuzählen sind. Innerhalb dieser Gruppen bestehen Eni- fenmngen von 169 Lichtjahren. Man stelle sie sich vor als eine Flotte, deren Admiral 169 Jahre braucht, um seine Signale auch dem letzten seinem Befehl unterworfenen Scknff nntzuteilen. VorwärisBuchdruckerei u.VerlagSmistaItPaulSinaerSiEo..Berlin8>V.